Die Gartenlaube (1897)/Heft 11

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1897
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[165]

Nr. 11.   1897.
Die Gartenlaube.
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Jahresabonnement: 7 M. Zu beziehen in Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf., auch in 28 Halbheften zu 25 Pf. oder in 14 Heften zu 50 Pf.


Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Zum 22. März.


Vor hundert Jahren lag ein Fürstensohn,
Aus edlem Stamm entsprossen, in der Wiege,
Als Knabe sah er thränenreiche Kriege,
Der Mutter Schmerz, den schwer bedrängten Thron.
Es sah der Greis ein neues Reich erstanden,
Das er mit seinen Paladinen schuf:
Ein Kaiser über allen Deutschen Landen
Und Millionen folgten seinem Ruf.

Ihn hielt kein Herrscherwahn in seinem Bann,
Der prahlerische Purpur lockt’ ihn nimmer!
Er schlief in seinem schmucklos schlichten Zimmer
Auf einem Feldbett wie ein Kriegesmann.
Stets heilig war die Pflicht dem Fürstensohne,
Und ihr gehorcht’ er, jedem Bürger gleich –
Wenn er sich selbst aufs Haupt gesetzt die Krone,
Er krönte nur das neue Deutsche Reich!

Es war sein Sinn von echter Heldenart,
Nicht in der Scheide rostete sein Degen,
Im Schlachtgetümmel und im Kugelregen
Sah man des greisen Herrschers Silberbart,
Er war die Leuchte seinem Volk im Kriege.
Es blitzte hell sein Schwert im Wetterschein.
Und in das gold’ne Buch der großen Siege
Schrieb die Geschichte seinen Namen ein.

Doch ob des Krieges Lorbeer ihn geziert,
Cyanen schmückten ihn an Friedenstagen,
Er hat den Kaisermantel umgeschlagen
Um all das Elend, welches darbt und friert.
Und ob ihm hundert Monumente ragen,
Ob sich sein Ruhm in Erz und Stein erhebt –
Das können sie der Nachwelt nimmer sagen
Wie er im Herzen seines Volks gelebt!

Rudolf von Gottschall.
[166]
Trotzige Herzen.
Roman von W. Heimburg.

 (10. Fortsetzung.)

In dem Salon der Frau von Gruber gab es nach Beendigung der Hochzeitsfeier eine Scene. Die alte Dame war von Hedwigs Eröffnung, bei dem Oberförster da drunten, unter ihren, der Frau von Gruber, Augen und in allernächster Nähe des Bruders, als Hausfräulein einzutreten, aufs höchste erbittert.

„Auf keinen Fall gebe ich das zu,“ sagte sie, nachdem sie einige sanfte, ihrer Würde entsprechende Vorstellungen gemacht hatte, und trat mit dem Fuße auf, da sie wohl einsah, daß sie mit Güte nicht durchdrang.

„Aber, Tante, ich bin doch mein eigner Herr,“ antwortete Hedwig von Kerkow, nunmehr auch erbittert.

„Spiele du diesen eignen Herrn, wo du willst, hier aber nicht, ich verbitte es mir!“ rief die alte Dame, von ihrem Sessel aufspringend und mit ihrer moiré-antique-Schleppe durch das Zimmer rauschend – sie war noch in festlicher Toilette. „Hörst du, ich verbiete es dir!“

„Tante,“ war die bestimmte Antwort, „wenn Heinz damit einverstanden ist, so kannst du doch wahrhaftig – –“

„Heinz kann nicht Ja dazu gesagt haben, das glaube ich dir nicht!“

„Liebe Tante, dazu kann ich dich nicht zwingen – jedenfalls ist es so, ich lüge nie.“

„Was soll Ihre Durchlaucht denken, wenn sie erfährt, daß die Schwester höchstihres Hofmarschalls – Wirtschafterin bei dem Oberförster Günther geworden ist?“

„Ich halte Durchlaucht für eine sehr vorurteilsfreie Dame.“

„Für eine Frau mit enormem Feingefühl, wäre richtiger.“

„Aber, was geht sie denn meine Existenz an? Barmherzigkeit!“ rief das Mädchen verzweifelt.

„Du hättest bleiben sollen, wo du warst, bei deiner Porzellanmalerei.

„Aber ich fühle, daß das unmöglich ist – sie hätte mich tot gemacht, diese liebeleere, trostlose Einsamkeit und ich weiß, für Heinz ist es eine große Beruhigung, mich in der Nähe zu wissen.“

„Heinz ist ein – – –“ Frau von Gruber verschluckte das Wort – „wenn er so naiv ist, das in Ordnung zu finden! Und was wird Toni dazu sagen?“

„Was geht mich Toni an?“ rief Hedwig. „Ich will nichts von ihr und sie nichts von mir! Ich werde weder dir noch ihr jemals mit meiner Gegenwart lästig fallen, und wenn ich Heinz einmal sehen will, so hat er ja sein eignes Zimmer. Und wenn ich ihn auch wochenlang nicht sehen kann, ich habe doch wenigstens das Bewußtsein: einer, der dir nahe steht, weilt in deiner Nähe, und wenn du ’mal ganz verzweifelt bist, dann hat er doch vielleicht ein paar freundliche Worte für dich übrig – ich meine, das kann mir doch wahrhaftig nicht verargt werden!“

„Von Stolz und Standesbewußtsein besitzest du keine Spur!“ rief Frau von Gruber, sie unterbrechend.

„Ach Gott, in meiner Lage – das verlernt man, kam es leise von Hedwigs Lippen, und sie lachte kurz auf, während sich ihre Augen mit Thränen füllten.

„Das ist sehr schlimm! In allen Lagen soll man sich seiner Abkunft bewußt bleiben.“

„Das gedenke ich zu thun, Tante. Uebrigens, Ottilie war ja auch in einer Stellung wie die, die ich bei Günther inne haben werde.“

„Da war eine Frau im Hause!“

„Ach so!“ Hedwig lächelte wieder, es war ein trübes Lächeln, und sie warf einen Blick zu dem Spiegel hinüber auf ihr bleiches, verweintes Gesicht, ihre überschlanke Gestalt. „Darf ich morgen früh dir noch Adieu sagen, Tante?“ fragte sie dann, als ob es nicht der Mühe wert sei, auf den Einwurf zu antworten:

„Wenn du darauf bestehst, diesen Plan auszuführen – lieber nicht,“ lautete die kurze Erwiderung.

Hede Kerkow war noch in dem einfachen weißen Kaschmirkleide, das sie zu der Festlichkeit getragen, die ihr zur Pein geworden war durch ihre Länge und die höfische Etikette. Sie kannte niemand und niemand hatte von ihr Notiz genommen außer den zwei Tischherren, dem Superintendenten und einem alten Onkel Ribbeneck. Letzterer war völlig taub, und der Superintendent unterhielt sich fast nur mit der Dame zu seiner Rechten. Als Heinz sich mit seiner jungen Frau zurückgezogen hatte, war es ihr gewesen, als sei die Sonne untergegangen. Dann hatte sie gehofft, noch ein trauliches Plauderstündchen bei Tante Gruber zu verleben, mit der sie über ihre Zukunft ausführlich sprechen wollte – da kam der Sturm, die völlige Ungnade.

„Wenn du so heulst, Tante, dann kann ich ja heute abend noch-“ – fügte sie hinzu.

„Genier’ dich nicht!“ klang es aus der Kaminecke, hart, verletzend.

Hede Kerkow drehte sich auf den Hacken um. „Adieu, Tante!“

Sie erhielt keine Antwort. In ihrem Zimmer warf sie voller Hast eine Menge Sachen durcheinander in den Reisekorb und verschloß ihn, dann lief sie durch den Schnee nach der Oberförsterei.

Günther war nicht daheim, er ahnte nichts von dem Ereignis, das sich während seiner Abwesenheit in seinem Hause vollzog. Er war in der Dämmerung mit Sr. Hoheit nach Harterode hinaufgefahren. Der Herzog wollte die schneehelle Mondnacht auf dem Anstand verbringen, um einen Fuchs zu schießen, ein Vergnügen, das er sich jedes Jahr einmal zu leisten pflegte, aber bevor noch der Mond kam, waren wieder dichte Schneewolken emporgezogen und hatten, dem Barometer zum Trotz, unseres Herrgotts Nachtlampe umschleiert. So hatte er den Plan aufgeben müssen und sehr schlecht gelaunt die Rückfahrt befohlen

Im Schlosse angelangt, trat der Adjutant seinem Herrn mit einer leise gesprochenen Meldung entgegen. Günther stand, seiner Entlassung gewärtig, etwas zur Seite, der Herzog verabschiedete ihn kurz und begab sich eilig, begleitet von dem Adjutanten, quer über den Schloßhof nach dem von der alten Herzogin bewohnten Flügel. Günther hörte noch, wie er fragte. „Ist May bei ihr? Am Ausgange des Schlosses begegnete er dem Rentmeister, der aus seiner Dienstwohnung neben der Oberförsterei herausgehastet war.

„Wissen Sie, wie es steht, Herr Oberförster?“ fragte der Mann ängstlich.

„Ich komme eben von Harterode zurück, weiß gar nichts – ist etwas passiert?“

„Die Herzogin soll der Schlag gerührt haben.“

„Ich weiß, wie gesagt, nichts – hoffentlich bewahrheitet sich die traurige Kunde nicht,“ sagte Günther und dann trennten sie sich mit einem Gruß. „Lieber Gott“ sprach er vor sich hin, „bei ihrem Alter – wär’s ein Wunder?“ Und er stieg langsam hinab zu seinem Heim.

Auf dem Schloßplatz lag frischer köstlicher Schnee wie eine eben erst gebreitete Decke, nur eine einzige Spur lief quer darüber, die Füße hatten den Pfad verschmäht, der an den Seiten mit Hilfe des Schneepflugs hergerichtet war – mitten durch den tiefen Schnee war man gelaufen, direkt zur Oberförsterei. Fast gedankenlos blieb er stehen vor der Treppe, die zu seiner Hausthür emporführte, und starrte die schmalen, zierlichen Stapfen eines Frauenfußes an, als betrachtete er droben im Walde die Spuren des Wildes in einer Neue. Sehr klein mußten sie sein, diese Füßchen zierlich gestellt, kaum aufgesetzt, so flüchtig und leicht – und diese Spuren führten in sein Haus?

Allein – was ging ihn das an? Wer da gegangen, ihm hatte der Besuch gewiß nicht gegolten! Er fühlte sich müde und einsam, er fror am Herzen und er fürchtete sich vor dem öden Heim, vor dem Lärm der tobenden, schlecht beaufsichtigten Kinder, die, seit Fräulein Stübken sein Haus verlassen hatte, wie die wilde Jagd dort hausten. Das alte, sonst so brave Mädchen verstand nicht, mit ihnen fertig zu werden, und er sollte strafen, beschwichtigen! Und der Tisch war so liederlich hergerichtet, die Speisen schlecht bereitet – er konnte so nicht essen, er flüchtete sich verzweifelnd in sein Zimmer und nahm die Arbeit vor, seine Berichte und Rechnungen – um zu vergessen! Aber das Kältegefühl und die Einsamkeit waren meist stärker als die Lust zur Arbeit. Er stand während dieser trüben Gedanken noch immer da, [167] auf die Fußspuren starrend, endlich schritt er die Stufen hinan, dabei unwillkürlich die kleinen Stapfen schonend. Wie immer ging er, nachdem er Büchse und Jagdtasche abgelegt, nach der Kinderstube. Unwillkürlich sah er, bevor er öffnete, nach der Uhr – es war Neun vorüber. Sollten die Kinder schon schlafen? Es war so merkwürdig still dort innen. Er öffnete und trat ein. – Auf dem Tische unter der alten Hängelampe mit der zersprungenen Glocke die geleerten Suppenteller der Kleinen, ein großes Brot, ein Restchen Butter. Alles still! Er wollte sich zurückziehen, da scholl ein Kinderlachen aus der halbgeöffneten Schlafstube, so ein recht jauchzendes, übermütiges Kichern, wie Finkenschlag im Frühlingswalde. Und gleich darauf vernahm er eine unendlich milde Frauenstimme.

„Bösewicht du, wirst du wohl still sein? Ich gehe gleich wieder fort, wenn du nicht artig bist!“

„Nein! Nein! Nein!“ riefen drei kleine Stimmen im Chor. „Sei still, Mariechen, sonst verhau’ ich dich!“ fügte die Aelteste hinzu. „Nun faltet die Hände und betet,“ ermahnte die Frauenstimme, und sie sprach das alte Kinderverschen.

„Müde bin ich, geh’ zur Ruh’ –.“

Er war leise eingetreten, wie gewaltsam hingezogen. Da, im schwachen Schein des Nachtlichtes, kniete am Gitterbette der Jüngsten eine weiße Gestalt, sie sah nicht den Späher, sie hatte die Hände über dem Bettchen verschlungen und den dunklen Kopf zu dem Kinde gesenkt.

Dem Manne an der Thür ward wunderlich zu Mute, er begriff noch nicht recht – die kleinen Fußstapfen draußen, das Mädchen im weißen Gewand, als ob der Weihnachtsengel eingetreten sei? Nur die Flügel fehlten, und die grobe blaue Schürze über dem lichte Kleid zeigte, daß sie nicht aus den engelhaften Sphäre stammte.

„Amen!“ sagte sie jetzt laut, „nun schlaft brav, morgen lernen und spielen wir miteinander, gelt, das wird schön?“

Er trat jetzt mit ein paar Schritten näher, sie wandte sich und sah ihn an. „Fräulein von Kerkow?“ fragte er lächelnd.

„Verzeihen Sie, Herr Oberförster, daß ich schon heute gekommen bin, es – es ging nicht anders.“ Sie wurde erst jetzt verlegen unter den fragenden Blicken. „Ich bin so fortgeeilt, wie ich stand und ging,“ stotterte sie, an ihrem Kleide niederblickend.

„Seien Sie herzlich willkommen, Fräulein von Kerkow, ich fürchte nur, Ihr Zimmer wird noch nicht ganz in Ordnung sein.“

„Sorgen Sie darum nicht, ich sprach schon mit dem Mädchen.“

Er trat jetzt an die Bettchen der Kinder. „Gute Nacht“, sagte er und gab dem Bube einen Kuß, „ich hoffe, ihr seid immer brav und folgsam bei der neuen Tante.“

Ein einstimmiges „Ja, Papa!“ scholl ihm entgegen, und die Aelteste sagte altklug. „Fräulein, nun mußt du mit Papa essen gehen, er ist immer sehr hungrig, wenn er von der Jagd kommt – gelt, Papa?“

Er nickte lächelnd. „Das wollen wir der Tante heute noch nicht zumuten – Sie werden abgespannt sein von dem Festtrubel und dem Schrecken zuletzt?“

Hedwig Kerkow sah ihn erstaunt an, sie standen jetzt draußen in der Wohnstube.

„Wann geschah denn das Unglück?“ fragte er. „War denn Ihre Durchlaucht noch bei der Tafel zugegen?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Oberförster,“ antwortete sie gepreßt.

„Ach, und ich glaubte – aber das konnte ja auch gar nicht mit Ihrem Früherkommen zusammenhängen – ja wissen Sie denn nicht, daß die Frau Herzogin einen Schlaganfall hatte?“

„Nein!“ sagte sie erschreckt. „Wann? Ich bin seit einer Stunde vielleicht hier –“

„Vor kurzem wohl – das Nähere weiß ich nicht. Es wurde Seiner Hoheit gemeldet, als wir vom Anstand zurückkamen.“

Das Dienstmädchen erschien jetzt mit einer Schüssel kalten Fleisches und Bratkartoffeln. Es zog ein verächtliches Gesicht, als sie die Dame im Gesellschaftskleid dastehen sah, mit der blauen Schürze darüber, die von ihr ausgeborgt war. Man mußte sie dort droben wohl Knall und Fall an die Luft gesetzt habe, anders die Sache sich zu erklären war Karoline nicht im stande. Dem Herrn schien die Geschichte auch nicht geheuer, das sah man ja an seinem Gesicht; sie hatte wahrscheinlich ein paar Redensarten zu hören bekommen, denn sie sah mit gar so verängstigten Augen zu ihr herüber.

„Wollen Sie mir Gesellschaft leisten, Fräulein von Kerkow?“ fragte er und wies auf den Stuhl neben sich. „Karoline, eine frische Serviette!“

Hedwig Kerkow setzte sich.

„Hier ist das Brotmesser,“ sagte Karoline, „das vorige Fräulein hat immer das Brot geschnitten.“

Das Fräulein griff mit zitternder Hand nach dem Brote, sie wußte kaum, was sie that. Die Herzogin einen Schlaganfall! Weiter konnte sie nicht denken.

„Wenn man das hohe Alter erwägt,“ sprach der Oberförster, nachdem er ihr angeboten, und begann zu essen mit einer Gründlichkeit und Behaglichkeit wie seit langer Zeit nicht, „dann ist’s ja leider nichts Unerwartetes –“

Das Mädchen hatte das Zimmer verlassen, Hede Kerkow saß und starrte auf ihren leeren Teller, es war ihr unmöglich, etwas zu genießen. Ja, was sollte dann werden, wenn die Herzogin starb? Die Existenz ihres Bruders, ihrer Schwägerin, Tante – alles stand auf diesen zwei alten Augen.

Draußen tönte die Schelle, hastige Männertritte kamen über den Flur, ein lautes Pochen und der Rentmeister trat ein. „Steht schlecht droben, Günther,“ sagte er, nach einer ungeschickten Verbeugung, „May giebt keine Hoffnung, der Anfall hat sich wiederholt. Der Herzog telegraphiert eben nach Nizza an seine Gemahlin und den Erbprinzen, die Herrschaften sollen sofort abreisen. Den Hofmarschall haben sie auch schon wieder am Schlafittchen,“ fuhr er lächelnd fort. „Wenn er in Berlin eintrifft, liegt die Depesche schon im Hotel. ‚Sofort zurück!’ lautet sie.“

„Es würde für den schlimmsten Fall seine Anwesenheit sehr nötig sein,“ meinte der Oberförster.

„Ihre Durchlaucht ist heute mittag noch ganz wohl gewesen,“ fuhr der Rentmeister fort. „Als das Brautpaar aus der Kirche kam, ist es in dem Roten Zimmer von Ihrer Durchlaucht empfangen worden, sie hat gesagt, es thue ihr leid, daß sie bei der Trauung nicht habe zugegen sein können, fühle sich jedoch nicht ganz frisch. Um sechs Uhr hat sie von ihrer Kammerfrau Thee verlangt, gegen ihre Gewohnheit, hat über Frost geklagt, um Sieben hat sie nach dem Herzog gefragt, auch gegen ihre Gewohnheit, und um halb acht Uhr ist sie bewußtlos zusammengebrochen. Sie ist rechtsseitig getroffen, hat die Sprache verloren – ja, ja, Günther, da können wir wohl bestimmt für schwarzen Flor sorgen –“

Hedwig stand auf. „Herr Oberförster, ich – ich möchte wohl – nein,“ unterbrach sie sich, „es wäre unnütz.“

„Wenn Sie glauben Ihrer Frau Tante nützen zu können, ist es doch selbstverständlich, daß Sie hinaufgehen ins Schloß.“

Sie schüttelte den Kopf, gewaltsam zwang sie ihre Erregung nieder. „Ich danke, Herr Oberförster!“

„Fräulein!“ rief Karoline herein. „Ihr Reisekorb ist da!“

„Bitte, Fräulein von Kerkow, gehen Sie ruhig in Ihr Zimmer, Sie werden Ihre Sachen zu ordnen haben – auf morgen früh denn,“ redete der Oberförster ihr zu, der ihr verstörtes Wesen wohl bemerkte.

Sie grüßte stumm und verschwand. Der Rentmeister sah der Hinausschreitenden nach. „Das ist ja wohl dem Kerkow seine Schwester?“ fragte er, ein spöttisches Zucken um die Mundwinkel. „Die Herrlichkeit hätte denn auch bald ein Ende gehabt, ein Hofmarschall ist nächstens überflüssig hier, wenn er die Beisetzung angeordnet hat, kann er gehen.“

„Es ist hart für ihn; pensionsberechtigt wird er nicht sein?“

„Gott bewahre! Hat ja kaum die Nase hineingesteckt.“

„Aber er hat seine Carriere drangegeben,“ bemerkte der Oberförster.

„Weshalb hat er das gethan! Das Risiko mußte er auf sich nehmen. – Da wird’s hier übriges recht ruhig werden in Breitenfels,“ fuhr er fort, ein Glas Bier leerend, das ihm der Oberförster eingegossen hatte. „Das Nest wird einschlafen und wir mit! Ja, ja, einmal kommt das Ende!“ Mit diesem Gemeinplatz erhob er sich, schüttelte dem Oberförster die Hand und ging, um droben nachzuschauen. Olbers, der Kammerlakai, würde genau wissen, wie es stand.

– – – – – – – – – – – – – – –

[168]
Die Gartenlaube (1897) b 168.jpg

An der Gruft des Kriegsherrn.
Nach einer Originalzeichnung F. Lindner.

[169] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [170] Hedwig saß in ihrer ungeheizten Stube, die neben dem Schlafzimmer der Kinder lag, sie war nicht viel besser als ein Dienerzimmer, mit den schadhaften, billigen Tapeten, in Blau und Grau gemustert, dem winzigen Kleiderschrank, der wurmstichigen Kommode und der eisernen Bettstelle, in der rot und weiß bezogene Kissen sich breiteten. Sie sah das alles nicht, sie dachte nur daran, daß der Mensch, den sie allein liebte auf der Welt, ihr Bruder, aus sicherem Hafen wieder hinaustreiben sollte auf das Meer des Lebens, existenzlos und unfrei. Ja, wenn er als ungebundener junger Mann wieder hinaustriebe, dann wäre ihr nicht bange, aber der Ballast der mittellosen, verwöhnten Frau, mußte der die Fahrt nicht hemmen?

Sie begann ganz mechanisch ihre Sachen auszupacken, dann zögerte sie – wenn nun Heinz nicht hier bleibt in Breitenfels? Doch gleich darauf hob sie mit einer entschiedenen Bewegung den Kopf in den Nacken und errötete, sie dachte an die mutterlosen Kinder daneben, an den Mann mit den müden, bekümmerten Augen, dem sie sich freiwillig als Stütze angeboten, und hastig hing sie die Kleider in den Schrank, legte die Wäsche in die Kommode, stellte die Photographien der Mutter und Schwester darauf und kleidete sich um. Eben war sie im Begriff, das Fenster zu öffnen, damit die reine herbe Luft in den dunstigen Raum dringe, da klang ihr aus dem kalten Hauch, der hereinwehte, ein tiefer, feierlicher Ton entgegen, dem ein zweiter, noch tieferer folgte – die Glocke der Schloßkirche begann zu läuten und verkündete der Stadt und dem Lande, daß die alte Herzogin eingeschlafen sei, um nie wieder zu erwachen.

Das blasse Mädchen lehnte den Kopf an das Fensterkreuz und faltete die Hände, und unter den tiefen feierlichen Klängen ward es still in ihrem Herzen, als seien diese Töne ein Wiegenlied. So müde und abgehetzt vom Leben war sie, daß ihr dies Totengeläute zum Trost wurde. – „Einmal kommt Ruhe, einmal schläft man!“ sagte sie halblaut. Schlafen dünkte sie das Wünschenswerteste nach dem grauen sonnenlosen Tag, der das Leben für sie gewesen. An ein Weiterleben mochte sie nicht mehr glauben sie, die doch sonst so religiös war, so innig beten konnte, hatte jetzt doch nur den einen Wunsch: lasse mich einschlafen, um nie wieder zu erwachen, auch droben nicht! Meine Seele kann sich doch nicht freuen sie hat’s nie gelernt hier unten.

„Schlafen!“ sagte sie noch einmal.

Eine ganze Stunde lang läuteten die Glocken, und unter ihren Klängen suchte sie ihr Lager auf und schlief ein.


Sechs Tage später saß Hedwig Kerkow in der Wohnstube der Oberförsterei, das kleinste Mädchen neben sich auf der Fensterbank, wo es mit seinem Püppchen beschäftigt war, dem es ein schwarzes Läppchen umwickelte, denn es sollte nachher Begräbnis gespielt werden.

Hedwig war nicht viel zur Ruhe gekommen, sie hatte sich mit aller Kraft an die übernommene Aufgabe gemacht, und da gab es viel zu schaffen. An Karoline vollzog sie ihre erste Wunderkur. Aus dem Mädchen, das unter Fräulein Stübkens Leitung respektlos und eingebildet geworden, entwickelte sich im Handumdrehen eine bescheidene, folgsame Person. Das ganze Haus war einer gründlichen Reinigung unterworfen worden, vor allen Fenstern hingen neue Gardinen, die der Oberförster gern bewilligt hatte, als Hedwig ihn aufmerksam auf die nicht mehr zu verbergenden Schäden der alten machte. Hedwig hatte selbst die Auswahl treffen dürfen, und anstatt der bläulich-weißen, steifgestärkten Dinger hingen jetzt zwar billige, aber doch neue, gelblich getönte Spitzenvorhänge an den Fenstern und gaben den Zimmern ein bedeutend besseres Aussehen. Der Tisch war mittags gefällig gedeckt, sämtliches angebrochenes Service hatte Hedwig erbarmungslos kassiert, Servietten waren vollzählig vorhanden – Fräulein Stübken hatte es damit nicht so genau genommen – und Karoline trug mit weißer sauberer Schürze und gesittetem Benehmen die Suppe auf.

Die Kinder prangten in hellen Schürzen, keine Thür wurde mehr knallend zugeworfen, selbst die Herren Hunde betrugen sich besser und nahmen ihr Fressen in einem Winkel des Flurs mit demselben Appetit ein wie früher in der Wohnstube, wo es nach ihrem Diner keineswegs sehr anmutig zu riechen pflegte.

Das feine Wesen der neuen Hausdame schuf wie von selbst eine Atmosphäre von Traulichkeit.

Nur des Oberförsters Zimmer blieb unberührt. Der eimsame Mann saß da drüben nach wie vor mit seinem gekränkten Herzen, seiner Bitterkeit, in blaue Tabakswolken gehüllt und kam, wie er gesagt hatte, nur zu den Mahlzeiten herüber, und auch das bis jetzt selten genug, denn mehreremal hatte er in irgend einem Försterhause auf seinen Berufswegen gespeist und kehrte erst heim, wenn der Abend graute.

Hedwig bekümmerte sich darum nicht, bemerkte es nicht einmal. Die wenige Zeit, die ihr blieb, sich mit ihren eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen, gehörte dem Bruder. Gesehen hatte sie ihn noch nicht, sie wußte nur aus ein paar flüchtigen Zeilen, die er ihr sandte, daß er mit seiner Frau sofort zurückgekehrt sei und jetzt überviel zu thun habe, um die Beisetzungsfeierlichkeiten zu ordnen. Eine Unmasse fremder Gäste werde erwartet, die halbe Residenz nehme teil.

Heute nun, um zwei Uhr, sollte die Ueberführung der Leiche in die Gruft zu Holmsrode, einer alten Breitenfels’schen Besitzung, stattfinden. – Der Gemahl der verstorbenen Herzogin ruhte dort, es war der Lieblingsplatz desselben im Leben gewesen, und die Gattin sollte seiner Bestimmung gemäß neben ihm schlafen dereinst. Der Weg nach Holmsrode war mit ein paar raschen Pferden in einer Stunde zu machen; im Schritt mit dem Leichenkondukt aber brauchte man drei Stunden, und dazu ein Januartag im funkelnden Schneegewand bei zwölf Grad Kälte!

Der ganze Platz stand voller Menschen, der Weg vom Schloß herab über denselben hinweg, der Totenweg, war mit Fahnenmasten, die man in Krepp gehüllt hatte, und von denen halbmast schwarze Wimpel wehten, eingefaßt, und auf dem festgestampften Schnee lagen Tannenzweige wie ein dichter, grüner Teppich. Zu beiden Seiten des Trauerweges hatten Soldaten Spalier gebildet, hinter ihnen schob und drängte sich die Menge.

Mitten durch dieses Gewirr wand sich ein Schlitten, zwei verschleierte und vermummte Damen saßen darin. Ein paar große Reisekörbe waren hinten auf den Kufen befestigt. Das junge Mädchen, dessen ovales feines Gesicht nur ein dünner Schleier schützte, sah weder rechts noch links, mit gesenktem Kopf fuhr sie durch die Menge.

„Das ist Fräulein May, die reist heut’ nach Dresden, will Sängerin werden,“ bemerkte Karoline wichtig, die am andern Fenster mit den beiden ältesten Kindern stand.

Hedwig sah dem Mädchen nach, bis der Schlitten um die Ecke bog. Also das war sie, die es verschmäht hatte, in diesem Hause Herrin zu sein, in welches als Dienerin einzutreten ihr als Glück erschien. Ach, das junge Geschöpf wußte wohl nicht, was es gethan! Es sollte nur erst versuchen was es heißt, als Frau sich durch die Welt zu schlagen. Eines Tags würde sie bereuen, bitter bereuen, oder aber sie war ein vollwertiges Talent, vielleicht zur wirklichen Künstlerin berufen – dann – ja dann –

In die Massen draußen kam plötzlich Bewegung. Die Glocken begannen zu läuten, im Schloßthor trat die Wache unters Gewehr. Eine Abteilung des in der Residenz garnisonierenden Jägerbataillons schritt voran, dann folgten die herzoglichen Forstbeamten , dahinter der von acht Pferden gezogene Leichenwagen, dessen schwarze, mit silbernen Fürstenkronen verzierte Sammetdecke von acht herzoglichen Förstern getragen wurde. Hinter diesem schritt der Herzog neben seinem Sohne, dem sechzehnjährigen Thronfolger, in langer Reihe folgte das vornehme Trauergeleit. Am Fuße des steilen Schloßberges stockte der Zug, der Herzog und die Herren vom Hofe sowie die Herzogin und ihre Damen bestiegen die bereitstehenden Wagen, die sich dem Zuge anschlossen.

Hedwig Kerkow glaubte, in einer der vorderen Eguipagen ihre Schwägerin, in einer andern ihren Bruder erkannt zu haben.

„Jesus, meine Zuversicht,“ spielte die Musik; der Kondukt setzte sich in Bewegung, in der Richtung nach dem Gebirge, dessen Wälder das stille Schloß bargen, in dessen Begräbnisstätte die Tote ruhen sollte.

Breitenfels war aus der Reihe der bewohnten Schlösser gestrichen, es begann seinen Schlaf, wie so viele herrliche Burgen aus alter Zeit. In kurzer Frist würden in den Gemächern der [171] Herzogin die Vorhänge vor den Fenstern heruntergelassen sein und ein paar Diener sowie der alte Kastellan da droben gleich Gespenstern umherschleichen, höchstens im Herbst, zur Jagdzeit, würden auf ein paar Wochen wieder helle Fenster in die Dunkelheit hinausgrüßen.

Hedwig seufzte tief, als der letzte Wagen ihren Augen entschwand; wenn sie doch erst wüßte, was nun aus Heinz wird! –

Es war am Abend, sie saß allein in der Wohnstube, die Kinder schliefen bereits, der Hausherr befand sich in seinem Zimmer, da klingelte es draußen und gleich darauf kam Karoline und brachte ihr ein Briefchen – von Heinz. „Wenn es Dir möglich ist, komme auf eine halbe Stunde zu mir. Der Diener wartet, er kann Dich gleich heraufbegleiten.“

Sie holte den Mantel, band einen Spitzenshawl um den Kopf, trug Karoline auf, falls der Herr Oberförster nach ihr fragen sollte, zu sagen, sie sei zu ihrem Bruder gegangen, und schritt, begleitet von dem Diener, aus dem Hause.

„Der Herr Hofmarschall wohnt noch in seinen alten Zimmern,“ sagte der Mann. Im Schlosse angelangt, dankte ihm Hedwig und stieg die Treppe empor in das erste Stockwerk, dort blieb sie stehen und sah sich unwillkürlich um. Der breite Gang, der zu den Gemächern der Verstorbenen führte, war nur durch eine einzige Lampe erleuchtet. Cypressenzweige und weiße Blüten lagen auf dem schwarzen Teppich und die Tuberosen dufteten fast betäubend. Unheimlich still war es. Die Dienerschaft mochte in ihren Speiseräumen sitzen oder daheim sein, sofern sie nicht im Schlosse wohnte, sie war ja außer Thätigkeit. Die auswärtigen Fürstlichkeiten und sonstigen hohen Gäste sowie die herzögliche Familie hatten sich in dem von dem regierenden Herzog bewohnten Teil des Schlosses versammelt – hier herrschte Schweigen und Verlassenheit.

Hedwig Kerkow stieg weiter empor. Im zweiten Stock begegnete ihr die Jungfer der Frau von Gruber, sie trug ein Theeservice in das von der alten Hofdame bewohnte Zimmer. Tante wird angegriffen sein und nimmt den Thee im Bette, dachte Hede. Im dritten Stock angelangt, fand sie ohne weiteres die bekannte Thür und klopfte an; eine Frauenstimme rief: „Herein!“

Mit enttäuschter Miene trat Hedwig ein, sie hatte gehofft, den Bruder allein zu finden. Die Lampe auf dem großen Schreibtisch brannte zwar, aber sie genügte doch nicht, das große Zimmer völlig zu erhellen. Heinz schritt der Schwester entgegen. „Guten Tag, Hede, es ist lieb, daß du kommst,“ sagte er. „Toni, hier ist Hedwig.“

Aus einem der riesigen Fauteuils kam ein Laut, der wohl soviel wie „Guten Tag!“ bedeuten sollte, und das Gesicht der jungen Frau, doppelt blaß unter der schneppigen Krepphaube über dem tiefschwarzen Kleide, wandte sich ihr zu.

Hedwig ging zu ihr hinüber. „Es thut mir leid, Toni, daß eure schöne Reise so traurig unterbrochen wurde.“

Toni zuckte unmerklich die Schultern, senkte den Kopf und schwieg. „Ich bin schrecklich abgespannt,“ klagte sie nach einem Weilchen.

„Das ist doch kein Wunder, diese ewig lange Fahrt heute, dort das Stehen in der kalten Kapelle, die Rückfahrt – du solltest dich ruhig in deinem Zimmer auf die Chaiselongue legen, Toni,“ sagte er freundlich.

Sie erhob sich. „Ich störe euch wohl?“ fragte sie statt der Antwort. Ihr Gesicht war noch um eine Schattierung bleicher.

„Durchaus nicht,“ antwortete er ruhig und ohne auf die Unart einzugehen. „Ich meinte es einfach gut mit dir. Was ich mit Hede zu sprechen habe, kannst du wahrhaftig hören. Also“ , begann er, nachdem Hedwig sich gesetzt und er eine Cigarre angebrannt hatte, deren Rauch er, gegen seinen Schreibtisch gelehnt, mit absichtlich zur Schau getragener Gemütsruhe vor sich hinblies, daß die Schwester, der sein Wesen so genau vertraut war, schon daraus seine große innere Erregung erkannte; „also, Hede, wie geht’s dir denn nun dort unten?“

„Gut!“ antwortete sie, „ich habe viel zu thun, und ich bin so glücklich, wenn ich zum Schloß hinauf sehe und denke, da oben ist Heinz. Wenn ich mit einem Tuche winke, würdest du es sehen können?“ „Wie rührend!“ sagte Toni spöttisch.

„Na, Hede, ich will dir ganz offen bekennen,“ sprach er weiter, „ich würde ganz froh sein, wenn ich dieses Winken nicht sehen könnte, falls du ’mal in einer romantischen Stimmung ein Tüchlein zu schwenken beliebtest, aber es wird wohl so kommen, wir bleiben Nachbarn. Ich wollte nämlich lebensgern wieder den bunten Rock anziehen – – begreifst du, Kind?“

„Vollkommen, Heinz! Ich habe sogar bestimmt geglaubt, daß du das thun wirst, und habe mich mit dem Gedanken vertraut gemacht, hier allein zu bleiben, ich kann doch nicht so mir nichts dir nichts meine Verpflichtung lösen.

„Natürlich nicht“, schaltete Toni ein, „ich denke mir, du rechnest auf ein recht dauerndes Engagement.“

Hedwig sah befremdet zu der Schwägerin hinüber; das hatte so wunderbar geklungen, aber sie verstand nicht, was jene meinte.

„Toni ist manchmal prophetisch angeregt,“ scherzte er, „hoffen wir, daß sie recht behält, Kind, denn, siehst du, auch wir werden recht lange hier bleiben, vermutlich bis an unser Ende, das bei meinem Leben in dieser herrlichen Luft und dem bescheidentlichen gegen alle Aufregungen gefeiten Dasein erst in nebelgrauen Zeiten eintreten dürfte. Wie du mich hier siehst, bin ich der herzogliche Schloßhauptmann, und die dort die Frau Schloßhauptmann von Breitenfels, mit freier Wohnung und einem Gehalt, das uns vor allem Uebermut und Luxus trefflich schützt, und einer Pension, mit Hilfe deren meine Frau standesgemäße Toilette tragen wird. Was sagst du nun, Hede?“

Das Mädchen starrte den Redenden entsetzt an. „Heinz, das kannst du nicht! Das darfst du nicht!“ stieß sie hervor. „Werde doch wieder Soldat, du darfst dich hier nicht lebendig begraben lassen!“

„Ich verbitte mir, daß du Heinz so aufhetzt“, rief jetzt Toni, „ich begreife nicht, was du willst! Wir haben nette Wohnung, haben den alten angenehmen Verkehr und stehen hier immer an der Spitze. Das Verzweifeltthun von Heinz finde ich einfach unpassend.

„Ich bin ja kreuzfidel,“ lachte er, „finde es ja wundervoll! Ich denke, bei mir bildet sich in dieser Stille, in diesem absoluten Nichtsthun noch ein ’Talent’ aus – zum Naturforscher oder zum Nimrod oder Maler, oder aber ich erfinde einen neuen Liqueur, werde weltberühmt wie Gilka und nebenbei ein eifriger Liebhaber dieses Erzeugnisses. Ach Gott, ich sage euch, wer weiß, wie weit ich’s noch ’mal bringe! Uebrigens ist’s doch nett, daß ich den Titel Schloßhauptmann bekam, von Rechts wegen müßte ich doch Oberkastellan heißen – was?“

Er warf mit einer heftigen Bewegung die halb ausgerauchte Cigarre in den Kamin und suchte nach einer andern im Etui.

„Warum kannst du nicht wieder eintreten, Heinz?“ brachte Hedwig mit zitternden Lippen hervor.

„Na, Schatz, du hast doch gewiß ’mal was gehört vom ‚Kommißvermögen‘, nicht wahr? Siehst du, das fehlt uns eben. Ein paar Tage lang schwebten wir sozusagen in der Luft, es war ungemütlich – Toni, was? Ich sage dir, Kind, ich bin umhergelaufen wie ein Löwe im Käfig – was nun werden? Nichts haben, nichts sein! Und dann so eine arme, kleine Frau dazu, deren Vorhandensein unsereinem das Experimentieren verbietet, so etwa nach Transvaal zu gehen, nach Indien oder Melbourne, um Diamanten, Goldklumpen und Gott weiß was zu finden! Gelt, Toni, es fing schlecht an mit uns?“

Er war vor ihr stehen geblieben und sah wirklich mitleidig auf das kleine, blasse Geschöpf herab, das mit verdrießlichem Gesichtsausdruck den Kopf zur Seite wandte.

„Und der Herzog? Um Gottes willen, Heinz, bitte doch den Herzog!“ flehte Hedwig.

„Der Herzog hat mir ja die Stellung hier geschaffen, Kind, extra für mich geschaffen, denn bis dato gab’s noch keinen Schloßhauptmann von Breitenfels in der Weltgeschichte!“

„Aber du gehst hier ja zu Grunde,“ jammerte die Schwester, „es ist ja ein Posten für einen Invaliden, aber nicht für dich – für dich!“

Toni erhob sich. „Es wird am besten sein, daß ich gehe,“ sagte sie, „denn schön ist’s nicht, mit anhören zu müssen, daß du zu Grunde gehen wirst, weil – na ja, weil du mich geheiratet hast, denn sonst – sag’s doch ehrlich – sonst wandertet ihr beide aus, um das Glück zu suchen, um unerhörte Thaten zu vollbringen! Vorläufig bin ich nun aber leider noch auf der Welt – Das [172] weitere erstickte in Weinen, sie hatte das Tuch gegen das Gesicht gepreßt und stürzte hinaus, krachend fiel die Thür hinter ihr zu.

„Entschuldige einen Augenblick,“ bat er mit völlig verändertem Gesichtsausdruck „Ich bin gleich wieder bei dir, und folgte seiner Frau mit raschen Schritten. Nach einer Viertelstunde kam er zurück und setzte sich schweigend Hedwig gegenüber. Er sah hochrot und ärgerlich aus. „Na,“ sagte er endlich, „über Ansichten ist nicht zu streiten; die beiden Damen preisen uns glücklich, finden meine Stellung ideal, und Tante Gruber sagt, sie halte es mit dem Sprichwort: ‚Lieber auf einem Dorfe der erste, als in Rom der zweite‘. – Also, Hede, spielen wir Schloßhauptmann! Uebrigens ist’s schon spät, Kind, komm, ich werde dich hinunterbringen.“

Sie erhob sich stumm, und stumm schritten sie draußen nebeneinander hin, die Geschwister. Kein Mensch begegnete ihnen, Totenstille ringsum, und über dem Schloß stand jetzt der Vollmond und umspann es mit fahlem, bläulichem Licht. Wie ein Stück Vergangenheit lag es da, so schattenhaft, so dem Leben entrückt, und die Trauerfahne flatterte drüber wie ein düsteres Wahrzeichen. – – Und dort sollte er leben, der junge Mann mit seinem begeisterten Herzen für alles, was groß, schön, gewaltig ist in der Welt, der nützen will, streben will, etwas vollbracht haben will am Schluß seines Lebens, und der verdammt ist, all diese köstliche Jugend in einem thatenlosen greisenhaften Dasein ersticken zu müssen!

„Weinst du?“ fragte er plötzlich und legte den Arm um ihre Schulter – „weine doch nicht, Hede!“

Aber da hielt sie sich nicht länger, die Thränen drängten sich gewaltsam aus den Augen. „Ach, Heinz,“ schluchzte sie, „warum mußt du denn so unglücklich sein! Wenn wir nicht gewesen wären, wir armen, unseligen Mädchen – warum giebt Gott es nur zu, daß arme Mädchen geboren werden, warum schlägt man sie nicht gleich tot, da sie doch nur leben, um sich und andere unglücklich zu machen!“

„Na, sei so gut,“ sagte er, mühsam scherzend, „das wäre eine neue Beleuchtung der Frauenfrage. Reden wir von was anderem; nur das eine noch, du närrisches Mädel, du hast mich doch lieb – wie?“

„Ach Heinz! Heinz, du bist ja der Einzige auf der Welt –“

„Na, siehst du? Und ebenso lieb hab’ ich dich! Und nun wollen wir zusammenhalten, alte Hede – den Kopf hoch, trotz alledem und immer!“ Er schüttelte ihr die Hand, als sie vor der Hausthür angekommen waren, lange und herzlich, seine Augen schimmerten feucht. „Na, und über das Winken reden wir noch,“ sprach er weiter. „Tante Christiane wird sich wohl, wenn die Langeweile sie mürbe gemacht hat, auch noch mit deiner Stellung aussöhnen. Gute Nacht, Kind!“

Er drehte sich rasch um und schritt zurück. „Wie elastisch er den steilen Berg hinaufgeht,“ dachte sie und wischte die Thränen aus den Augen, „und der soll nun immer hier sein, bis er ein müder, verbitterter Mensch geworden!“ Und im herben Schmerz preßte sie die Handflächen gegeneinander, und so lange sie den liebsten Menschen, den Sie auf der Welt hatte, noch sehen konnte, blieb sie da stehen in der kalten Winternacht. – –

Wie seit Jahren lag sie auch an diesem Abend noch bis tief in die Nacht hinein wach und grübelte, aber das Schicksal des Bruders ließ sich nicht wenden, überall wo sie einen Ausweg wähnte, fand sie die festgefügten, starren Mauern seiner traurigen Verhältnisse.

Es weinten noch mehr Leute in dieser Nacht: in Breitenfels, die Armen, die in der Herzogin ihre Wohlthäterin verloren hatten, die regierende Herzogin, die in der verblichenen Stiefmutter ihres Gemahls eine Vertraute verlor, welche unermüdlich den lebenslustigen Sohn auf die Wege der Treue gewiesen, von denen er so gern einmal abschwenkte, die alten treuen Diener und Dienerinnen der Verblichenen, die, auf knappe Pension gesetzt, im Alter das Einschränken lernen mußten, die Beamten, die stellenlos geworden. Frau Medizinalrat May saß auf ihrem Lager und wand die Hände ineinander, es war ja gar zu hart über ihr Haus gekommen! Die Hälfte Gehalt fortan, und die Forderungen der Herren Söhne größer denn je, ihres Hauses Sonnenschein, die Aenne, in der Fremde! Anstatt des Hochzeitsfestes, des traulichen Verkehrs mit einer glücklich verheirateten jungen Tochter – spärliche Briefe, immerwährende verzehrende Angst und Sehnsucht!

Sie sah ihren Mann an, der neben ihr schlummerte. Er schien ihr sehr gealtert seit den letzten Wochen und trotzdem hieß es für ihn: doppelt arbeiten, die Praxis ausdehnen in Wind und Wetter über Land fahren, die Nächte von dem warmen Bette aus direkt in eisige Kälte und Sturm hinaus, seine Gesundheit preisgebend. Wo war denn plötzlich all jene sonnige Behaglichkeit geblieben, die ihr bescheidenes Heim so schön gemacht hatte? – Fortgezogen mit der Aenne, in das unbekannte weite Leben, das Frau Rat nur vom Hörensagen kannte, das sie grausen machte, wenn auch nur die Hälfte wahr von dem war, was man ihr davon erzählt hatte.

In ihrem Herzeleid drückte sie das thränennasse Gesicht in die Kissen und erstickte ein Schluchzen, damit ihr Mann nicht erwache, und ein heißes stummes Gebet stieg empor für ihre süße, trotzige, ach, so ferne Aenne.

(Fortsetzung folgt.)




Vor hundert Jahren.
Von Paul Lindenberg. Mit Illustrationen von Adolf Hering.

Ein prächtiger kleiner Prinz, so hatte am 22. März 1797 die Oberhofmeisterin der Kronprinzessin Luise, die brave Gräfin Voß, in ihr Tagebuch eingeschrieben und hinzugefügt. „Ueberall war große, große Freude. Gerade jenes neue Jahr hatte dem preußischen Königshofe sonst viel Trauer und Ungemach gebracht. Kurz vordem war der Bruder des Kronprinzen, der mit einer Schwester der Kronprinzessin Luise verheiratet war, gestorben, der Kronprinz selbst war ernstlich krank gewesen, so daß alle um ihn in großer Besorgnis schwebten, und mit der Gesundheit des Königs ging es immer schlechter, man konnte fast täglich auf einen Thronwechsel gefaßt sein. Aber auch politisch sah es trübe genug aus; der Staat des großen Friedrich war vielfach zerrüttet und zersetzt, die öffentlichen Kassen waren teilweise leer, die Günstlingswirtschaft in der nächsten Umgebung des Königs hatte schlimme Früchte gezeitigt, und von Westen her leuchtete gefahrdrohend das neue Meteor herüber – unaufhaltsam war Napoleon aus seiner Siegeslaufbahn vorgedrungen und hatte vor kurzem, geschickt und erfolgreich, seinen kühnen Vorstoß gegen Oesterreich unternommen.

Je drohender allerhand Wolken heraufzogen, desto hoffnungsvoller und zuversichtlicher blickte man auf die kronprinzliche Familie, die in ihrem ganzem Wesen und Auftreten der Wahl ihres Umgangs und der Einfachheit ihrer Lebensführung einen starken Gegensatz zu dem lockeren höfischen Getriebe bildete und die sich der tiefsten Sympathien aller besseren Kreise der Bevölkerung erfreute. So weckten denn auch die zweiundsiebzig Kanonenschüsse, welche vom Lustgarten her am 22. März die Geburt des zweiten Sohnes des kronprinzlichen Paares der Einwohnerschaft Berlins verkündeten, ein frohes Echo in den Herzen der Berliner und Berlinerinnen. Zwölf Tage später, am 3. April, fand in dem kronprinzlichen Palais „unter den Linden“ die Taufhandlung statt, da sammelte sich alt und jung in hellen Scharen vor dem schlichten Gebäude und brach in jubelnde Hochrufe aus, als sich der glückstrahlende Vater wiederholt an dem Fenster des im ersten Stockwerke gelegenen Audienzsaales zeigte. In letzterem hatte man unter dem Thronhimmel den Taufaltar errichtet, Hofprediger Sack, der schon den Vater des Täuflings konfirmiert, vollzog die Taufe, in welcher der kleine Prinz die Namen Friedrich Wilhelm Ludwig, mit dem Rufnamen Wilhelm, erhielt und bei welchem als Paten neben dem Königspaare die beiden greisen Brüder Friedrichs des Großen, die Prinzen Heinrich und Ferdinand, zugegen waren. Der König und die übrigen vornehmen Gäste verließen gleich nach der Feierlichkeit das Palais, der Kronprinz begab sich zu seiner Gemahlin und verbrachte den Abend bei ihr.

In ihrer Nähe war ihm ja am wohlsten, er redete sie zum Entsetzen der schon erwähnten Oberhofmeisterin mit dem traulichen

[173]
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Kaiser Wilhelm I. vor seiner Wiege im Hohenzollern-Museum.
Nach einer Originalzeichnung von Adolf Hering.

[174] „Du“ an und suchte sie fast täglich durch kleine Gaben der Liebe und Verehrung zu erfreuen; seine Pflichten als Thronfolger führten ihn oft nach Potsdam, wo der König residierte, und mit stets erneuter Sehnsucht kehrte er nach Berlin zurück, sein höchstes Glück bei seiner Gemahlin und seinen Kindern findend. Unvermutet betrat er oft das Zimmer der Kronprinzessin, die mit zarten Weisen den jüngstgeborenen Prinzen in den Schlaf sang, der lag in einer schlichten, von grünem Seidenstoff überzogenen Wiege aus Mahagoniholz, über welche sich dann der Vater voll tiefer Bewegung beugte, um die junge Menschenknospe zärtlich zu betrachten. Ungern nur verließ das kronprinzliche Paar sein einfaches Heim und froh war es, wenn es dasselbe nach größeren Festlichkeiten wieder betreten konnte. „Gott sei Dank, daß du nun wieder meine Frau bist,“ sagte nach der Rückkehr von einem Balle einst zärtlich der Kronprinz zu seiner schönen jungen Gemahlin. „Wie,“ frug jene lächelnd, „bin ich denn das nicht immer?“ „Ach, nein, Liebste, lautete in scherzhaft kläglichem Tone die Antwort, „du mußt ja zu oft Kronprinzeß sein!“

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Friedrich Wilhelm III. an der Wiege des Prinzen Wilhelm.

Aus der Kronprinzeß wurde aber noch im selben Jahre, in welchem Prinz Wilhelm geboren ward, eine Königin. Am 16. November war im Marmorpalais bei Potsdam Friedrich Wilhelm II. verschieden, und neue und ernste Pflichten traten an das junge Paar heran, auf das voll Vertrauen ein ganzes Volk sah. Ihre Schlichtheit aber behielten der König und die Königin bei, in ihrem Palais zu Berlin wurde nichts geändert, und als ein Diener vor dem König beide Flügelthüren aufriß, während er vordem nur eine derselben geöffnet, fragte der König verwundert. „Bin ich denn plötzlich um soviel stärker geworden?“

Groß war die Schuldenlast, die der Herrscher vorgefunden, und alle Ausgaben schränkte er aufs möglichste ein, aber trotzdem legte er seiner Gemahlin monatlich tausend Thaler in die Privatschatulle, hierdurch ihr die größte Freude, Wohlthaten zu üben, gewährend. „Ich bin Königin, und was mich am meisten freut, ist die Hoffnung, daß ich nun meine Wohlthaten nicht mehr werde so ängstlich zu zählen brauchen, hatte die Königin nach dem Huldigungsfeste an ihre Großmutter geschrieben. Auch die Etikette durfte nicht die Schwelle der Privatzimmer des Königspaares überschreiten; häufig kann der König von seinem Arbeitsgemach zu den Familienräumen herüber, um mit der Gattin zu plaudern und mit den Kindern zu scherzen, und kein Abend verging, an welchem nicht die Eltern behutsam das Schlafgemach der Kleinen betraten und den blondgelockten Lieblingen den Gutenachtkuß auf die weißen Stirnen drückten.

Sonnig und heiter, von zärtlicher Elternliebe bewacht, verliefen die Kinderjahre der beiden ältesten Prinzen, die mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts in dem einunddreißigjährigen Rektor der Klosterschule in Magdeburg, Friedrich Delbrück, einen Lehrer erhielten, der sich mit liebevollster Hingebung und Sorgfalt seiner verantwortlichen Aufgabe widmete und schnell das Zutrauen seiner jungen Zöglinge gewann. „Königskinder sollen wenigstens nicht schlechter erzogen werden, als es mit Bürgerskindern geschieht“, so hatte der treffliche Pädagoge Niemeyer, Direktor der Franckeschen Anstalten in Halle, auf die Anfrage der Königin nach der geeignetsten Erziehung ihrer Söhne geantwortet, und der königlichen Mutter eifrigstes Bemühen war es, ihre Kinder zu edlen und wohlwollenden Menschen zu erziehen; schon früh nahm sie ihre ältesten Söhne mit in die Wohnungen der Armen und Bedrängten, und am Weihnachtsabend des Jahres 1800 besuchte sie mit ihnen das Friedrichs-Waisenhaus in Berlin und ließ sie die Gaben an die verwaisten Kinder verteilen. Nach der Rückkehr in das Palais fand dann erst die eigene Bescherung statt, und wie groß war der Jubel, als die kleinen Prinzen unter den Gaben auch die ersten Säbel, zierlichen Musketen und Helme erblickten. Drei Jahre später folgten zum Weihnachtsfeste die ersten Uniformen, der Kronprinz erhielt diejenige eines Garde du Corps, Prinz Wilhelm jene eines Husaren vom früher Zietenschen Husarenregiment, und als jüngste Rekruten seiner Armee stellte der König sie seiner Gattin vor; wie stramm stand der kleine Husar da, seine Meldung abstattend, und wie hochfliegende kindliche Pläne von Soldatenruhm und Kriegserfolgen mochten sich mit dieser bunten militärische Tracht verknüpfen! Aber es blieb nicht bei der Soldatenspielerei; im Laufe des Jahres wählte der König zwei Unteroffiziere von der Garde als Exerziermeister seiner Söhne aus und überzeugte sich gelegentlich selbst, ob die Uebungen mit der nötigen „Strammheit“ ausgeführt würde, in Paretz leitete er den Unterricht auch persönlich.

O, die schönen, frohsinnigen Tage auf dem Paretzer Herrensitze, zwei Stunden von Potsdam gelegen! Hier in der tiefen ländlichen Einsamkeit weilte die königliche Familie doch am liebsten, hierher drang nichts von Unfrieden und Haß, Unruhe und Lärm, hier konnten sich Eltern und Kinder ganz angehören, in den kleinen anheimelnden Räumen des einstöckigen, weißgetünchte Wohngebäudes und in dem lauschigen Teile des schönen Parkes, der sich dicht hinter dem Hause erstreckte. „Ich bin glücklich als gnädige Frau von Paretz, so hatte Königin Luise einer fremden Fürstin geantwortet, die verwundert gefragt, wie die Herrscherin sich in dieser bäuerlich einfachen Umgebung wohl fühlen könnte. Selbst der etwas zurückhaltende König betrachtete sich gern als „Dorfschulze von Paretz, und wenn Erntefest war, dann kamen die Schnitter und Schnitterinnen mit Musik und Gesang vor das Herrenhaus gezogen, die Großmagd hielt eine Ansprache und der Großknecht lud die gekrönten Gutsbesitzer zur Teilnahme am Tanze ein, der unter freiem Himmel stattfand, der König und die Königin beteiligten sich daran, auch wohl auf deren schalkhaftes Ersuchen; der bejahrte General von Köckeritz und die noch bejahrtere Gräfin Voß. Die königlichen Kinder tollte indessen mit der Dorfjugend umher, welche sie mit Hilfe ihrer kleinen Ersparnisse mit Zuckerzeug und Spielsachen beschenkt hatten, die in den neben dem Tanzplatze aufgeschlagenen Buden zu kaufen waren. Diese Dorfjugend stellte sich auch ungezwungen nach der Mittagstafel ein und erhielt dann vom Königspaare Obst und Kuchen; abends unternahm der König gern am Arm seiner Gemahlin in Begleitung der Kinder einen Spaziergang durch das Dorf, er in der schlichten blauen Interimsuniform, die Königin im leichten Musselingewande, einen einfachen Strohhut auf dem blondgelockten Haupte, die blauen Augen schimmernd von dem Wiederschein reinsten Glückes.

Aber bald sollte es mit diesem ungetrübten Glück für immer vorüber sein! Bis tief in den Herbst des Jahres 1805 verweilte die königliche Familie in Paretz, denn immer wieder wußte durch ihre Bitten die Königin den König zu bewegen, die Abreise nach Berlin aufzuschieben, als ahnte sie, daß sie den ländlichen Frieden nie mehr so rein genießen würde. Aber nun mußte die Uebersiedlung [175] nach Berlin erfolgen. Drohender war ja in letzter Zeit die Kriegsgefahr an des Vaterlands Grenzen herangerückt, eine starke Kriegspartei drängte zur Entscheidung, Preußens Ehre und Selbständigkeit standen auf dem Spiel, selbst die friedliebende Königin hatte sich allmählich davon überzeugt, daß nur der Waffen Gewalt die Entscheidung bringen könnte. In Zagen und Zweifeln verging der Winter, in unentschlossenem Harren der Frühling und in bald freudiger, bald banger Erregung der Sommer des Jahres 1806. Für die jungen Prinzen war es eine interessante, buntbelebte Zeit, es gab viel zu hören und zu schauen, in Berlin herrschte ein reges, militärisches Leben, vermehrt durch die durchziehenden Regimenter, die sich an die Grenzen begaben. In freudig begeisterter Wallung befand sich die Bevölkerung der Hauptstadt und brachte dem Königspaare stürmische Huldigungen dar, so anläßlich seines im Verein mit den Kindern unternommenen Besuches des Stralauer Fischzuges, bei welcher Gelegenheit der König froh erstaunt über die Begeisterung der Menge zu seiner Gemahlin äußerte. „Es scheint ja so, als ob sie dich heute zum erstenmal sähen!“

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Friedrich Wilhelm III. stellt der Königin Luise den Kronprinzen und den Prinzen Wilhelm in ihren ersten Uniformen vor.

Dann kamen im folgenden Monat die bitteren Stunden des Abschieds. Der König reiste ins Feld, die Königin begleitete ihn, ehe die Feindseligkeiten wirklich begannen, bis Thüringen, während die Kinder in Berlin blieben, aber schneller als man es je vermutet, entluden sich die schweren Gewitterschläge. Das preußische Heer wurde bei Jena und Auerstädt geschlagen und die königliche Familie sah sich genötigt, nach dem Osten zu fliehen. Im Schlosse zu Schwedt, wohin man aus jäher Furcht vor den Franzosen die königlichen Kinder gebracht, kannte die Königin erschüttert ihre Lieblinge in die Arme schließen. „Ach, meine Söhne,“ rief sie weinend aus, „ihr seid in dem Alter, wo euer Verstand die großen Ereignisse, welche uns jetzt heimsuchen fassen und fühlen kann. Ruft künftig, wenn eure Mutter nicht mehr lebt, diese unglückliche Stunde in euer Gedächtnis zurück, weinet meinem Andenken Thränen, wie ich sie jetzt in diesem schrecklichen Augenblicke dem Umsturze des Vaterlandes weine. Aber begnügt euch nicht mit den Thränen; handelt, entwickelt eure Kräfte, vielleicht läßt Preußens Schutzgeist sich auf euch nieder – befreit dann euer Volk von der Schande, dem Vorwurfe und der Erniedrigung, worin es schmachtet, suchet den verdunkelten Ruhm eurer Vorfahren von Frankreich zurückzuerobern, wie euer Urgroßvater, der Große Kurfürst, einst bei Fehrbellin die Niederlage und Schmach an den Schweden rächte!“ …

Er dachte gewiß der flammenden und malmenden mütterlichen Worte, der greise kaiserliche Held, als er an einem Sommertage das Jahres 1878 die Räume des in kurzem zu eröffnenden Hohenzollernmuseums im erinnerungsreichen Schlosse Monbijou zu Berlin durchschritt und in tiefen Gedanken im Luisengemache vor der kleinen Wiege stehen blieb, in welcher er einst geruht, von der Sorge der zärtlichsten Mutter bewacht. Und der schweren, dem Wiedertreffen in Schwedt folgenden Zeit mochte er gedenken, der Flucht nach Königsberg und Memel in schneidender Winterkälte, die teure Mutter krank, all ihrer Hoffnungen auf eine nahe bessere Zukunft Preußens beraubt und doch mit freudiger Zuversicht darauf bauend, daß ihre Söhne einst den Staat Friedrichs des Zweiten zu neuer Blüte, neuem Ruhme führen würden!

Ueberreich ist ihre Erwartung in Erfüllung gegangen. Ihrem zweiten Sohne war es vorbehalten das große, so lange zersplittert gewesene deutsche Vaterland zu einen und immerwährenden Ruhm an die Fahnen seiner siegreichen Heere zu knüpfen, um dann nach blutigem Kampfe in langem ersprießlichen Frieden den stolzen Bau noch fester zu fügen, damit er selbst den schwersten Stürmen zu trotzen und sie zu überdauern vermöge! Und so lange es besteht, dieses deutsche Kaiserreich – seines Wiedererweckers und Begründers wird man mit steter heißer Liebe und Verehrung gedenken und ihm aus deutschen Herzens tiefstem Borne immerdar die freudigste Dankbarkeit zollen, ihm, dem ersten Kaiser des neugeeinten Deutschen Reiches, ihm, dem unvergeßlichen Kriegs- und Friedenshelden!


Ein wichtiger Fortschritt im Seidenbau.
Von Dr. Udo Dammer.

Es ist bekannt, daß Friedrich der Große den sehnlichen Wunsch hatte, den Seidenbau in seinem Lande einzubürgern. Noch jetzt sind in Sanssouci große Maulbeerbäume die lebenden Zeugen des eifrigen Bestrebens jenes Fürsten, Ueber ein Jahrhundert ist seit seinem Tode vergangen, und nun endlich scheint nicht nur, sondern ist thatsächlich der Weg gefunden, auf welchem der Wunsch des ökonomischen Herrschers in Erfüllung gehen kann.

Der Gründe, welche bisher einer allgemeinen Einführung des Seidenbaues bei uns im Wege standen, giebt es verschiedene. Nicht der geringste war es, daß die Futterpflanze, der Maulbeerbaum, ein längere Zeit totliegendes Anlagekapital erfordert und außerdem in unserem Klima nicht ganz winterhart ist. Dazu kommt, daß dieser Baum erst spät austreibt. In den rauheren Gegenden Deutschlands kann er überhaupt nicht angebaut werden. Aus diesen Gründen hat man schon seit langer Zeit danach getrachtet, eine Ersatzfutterpflanze zu finden. Schon vor etwas über 70 Jahren war dies auch geglückt, aber merkwürdigerweise hatte man die Sache nicht weiter verfolgt. Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrzehnts nahm Professor Harz in München diese Versuche wieder auf. Er wollte eine Rasse des Seidenspinners züchten, welche die Blätter der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica) – dies war die damals gefundene Ersatzfutterpflanze – ebenso willig frißt wie die Stammform diejenigen des Maulbeerbaumes. Die ersten Versuche waren wenig versprechend, denn nur 1,1% der Raupen gelangte bis zur Verpuppung, und zwar erst 54 bis 62 Tage nach dem Ausschlüpfen während die Raupen sich sonst nach 29 bis 33 Tagen verpuppen. Im nächsten Jahre kamen 7,5% Raupen welche der vorjährigen Zucht entstammtem in 44 bis 54 Tagen zur Verpuppung, im dritten Jahre 29,6% in 42 bis 56 Tagen und im vierten Jahre 34,38% in 38 bis 64 Tagen. Dann brach Harz seine Versuche ab. Dieselben ließen deutlich erkennen, daß die Wahrscheinlichkeit, auf diesem Wege zu einem Ziele zu gelangen recht bedeutend war.

Wenn man die Harz’sche Arbeit genau studiert, fällt es auf, daß dieser Forscher die Raupen bei einer verhältnismäßig sehr niedrigen Temperatur, nämlich bei nur 15° C = 12° R., gezüchtet hat. Nun weiß jeder Züchter der Seidenraupe, daß sie gegen niedrige Temperaturen, namentlich in den ersten Stadien ihrer Entwicklung, sehr empfindlich ist, die Freßlust verliert, leicht krank wird und sich viel langsamer entwickelt. In der That war Harz, ohne es selbst zu wissen, auf dem besten Wege, durch Zuchtwahl nicht eine Schwarzwurzelblätter fressende Rasse, sondern eine gegen niedere Temperaturen weniger empfindliche Rasse der Seidenraupe zu züchten. Deshalb ist es doppelt bedauernswert, daß er seine Zuchtversuche vorzeitig abgebrochen hat. Es wäre sehr wünschenswert, [176] daß dieselben, wie er selbst auch vorschlägt, von einer staatlichen Anstalt wieder aufgenommen würden. Eine gegen niedere Temperaturen unempfindliche Rasse dürfte wahrscheinlich auch gegen Krankheiten viel weniger empfindlich sein als die jetzigen Rassen. Als Ausgangspunkt für derartige Versuche würde sich die japanische Rasse des Maulbeerspinners, welche schon etwas widerstandsfähiger ist als die chinesische, empfehlen.

Daß thatsächlich die Vernachlässigung der Temperatur und nicht das neue Futter die Harz’schen Versuche so sehr beeinflußte, beweist nun der Umstand, daß zuerst in Moskau von Frau Professor Tichomirowa, dann in St. Petersburg von Herrn Werderewski die Aufzucht der Raupe des Maulbeerspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel mit vollem Erfolge und in der normalen Zeit ausgeführt worden ist. Diese beiden haben die Zuchtmethode jetzt soweit ausgebildet, daß die russische Regierung die Dorfschullehrer nach Moskau und St. Petersburg schickt, damit sie daselbst die Zuchtmethode praktisch erlernen und in ihren Dörfern als Hausindustrie einführen. Was aber im Gouvernement St. Petersburg unter dem 60.° nördl. Br. möglich ist, das läßt sich bei uns in Deutschland überall ausführen. In St. Petersburg ist die Schwarzwurzel nicht mehr winterhart. Sie muß alljährlich aus dem Boden genommen und im Frühjahre wieder ausgepflanzt werden, und trotzdem ist die Seidenzucht dort noch lohnend. Bei uns hält die Pflanze auch in den rauhesten Gebirgsgegenden aus. Klimatische Verhältnisse stehen bei uns nirgend im Wege. Von fast noch größerer Bedeutung ist es aber, daß Frau Professor Tichomirowa und Herr Werderewski übereinstimmend gefunden haben, daß die Blätter solcher Pflanzen welche auf magerem Boden gewachsen sind, ein besseres Futter geben als die Blätter von Pflanzen die auf gutem nahrhaften Gartenboden gewachsen sind. So sind auch die im ersten Jahre gebildeten Blätter ihrer Weichheit und Saftigkeit wegen nicht zum Verfüttern geeignet. Es genügt also ein sonst nicht verwendbares Stückchen Land zur Anzucht der Pflanzen. Da die Wurzeln, welche ein sehr wohlschmeckendes Gemüse bilden, in großen Massen herangezogen werden, kann man zu einem Versuche sofort mit dem Anbaue beginnen. Durch Aussaat, welche am besten sogleich nach der Reife der Samen oder mindestens so frühzeitig wie möglich im Jahre vorgenommen wird, kann man sich für die Folge leicht die nötige Menge Pflanzen heranziehen, welche, nachdem sie ein Jahr alt geworden sind, taugliche Blätter liefern. Das für die Bepflanzung eines Ar (100 qm) nötige Saatquantum beträgt etwa 50 g und kostet im Kleinhandel 50 Pfennig. Ein Ar, mit Scorzonera hispanica bepflanzt, liefert für 40000 Raupen das nötige Futter, welche mindestens 32.5 kg frische Cocons liefern.

Zur Aufzucht dieser 40 000 Raupen sind etwa 38,5 qm Stellagen in einem geschlossenen heizbaren Raume nötig. Diese Stellagen werden aus Latten zusammengeschlagen und mit Bindfaden überspannt, auf welche Packpapier gelegt wird, welches den Raupen als Futterplatz dient. Vier solcher Hürden, 60 cm übereinander, auf 10 qm Grundfläche reichen also zur Aufzucht obiger 40 000 Raupen. Nun beginnt aber die Schwarzwurzel sehr frühzeitig zu treiben und liefert, auch wenn sie beständig unter Schnitt gehalten wird, während des ganzen Sommers die nötige Futtermenge, so daß im Laufe eines Sommers mit Leichtigkeit drei bis fünf Zuchten großgezogen werden können. Der Ertrag eines Ar Landes läßt sich also auf 97,5 bis 162,5 kg frischer Cocons steigern. Für das Gelingen der Zucht ist nun, wie schon oben bemerkt wurde, die Temperatur des Zuchtraumes sowie ferner diejenige des Futters von Bedeutung. Das Futter muß die Temperatur des Zuchtraumes haben. Es wird also am Abend vorher geschnitten, mit einem trockenen Lappen Blatt für Blatt von Staub und Erde befreit und dann, in ein leinenes Tuch eingeschlagen über Nacht im Zuchtraume aufbewahrt. Die Temperatur beträgt vom 1. bis 5. Tage 20° R, vom 6. bis 9. Tage 19° R, vom 10. bis 30. Tage 18° R, am 31. und 32. Tage 20° R. Je gleichmäßiger die Temperatur ist, desto gleichmäßiger entwickeln sich die Raupen und desto gesünder bleiben sie. Das Schneiden des Futters, das Säubern desselben und das Füttern selbst sind so leichte Arbeiten, daß sie von Frauen und Kindern ausgeführt werden können. So ist die Seidenraupenzucht für die Hausindustrie wie geschaffen. Der einzige Mangel, der ihr jetzt noch anhaftet, ist die Heizung des Zuchtraumes. Im Sommer kommt dieselbe nicht sehr in Betracht, dagegen können kalte Tage im Frühjahr und Spätsommer die Betriebskosten wesentlich beeinflussen Um so wünschenswerter erscheint es, daß der von Professor Harz angedeutete Weg begangen wird. Dann dürfte auch die Zeit nicht mehr fern sein, in der die Seidenzucht als Hausindustrie bei uns in größtem Maßstabe betrieben werden kann. Aber schon jetzt ist sie jedenfalls viel lohnender als gar manche und dazu noch ungesunde andere Hausindustrie, so daß vom rein menschlichen Standpunkte aus zu wünschen wäre, daß sie bei uns die weiteste Verbreitung fände. Die Anlagekosten sind so gering, daß sie kaum nennenswert sind. Durch gemeinnützige Vereine könnte mit geringen Mitteln in gar manchem Dorfe durch Abgabe bakterienfreier Eier viel Gutes geschaffen werden. Mochten diese Zeilen dazu beitragen, daß der Seidenbau bei uns in Deutschland endlich festen Fuß faßt. Viele Millionen Mark, welche jetzt ins Ausland wandern, würden dem Vaterlande erhalten bleiben und gerade solchen zu gute kommen, die es ganz besonders nötig brauchen. Das ist eine Kulturarbeit, welche wohl des Schweißes der Besten wert ist!


Caligula und Tito.
Novelle von H. Rosenthal-Bonin.

Nach einer Woche dämmerig trüben milden Winterwetters war jetzt die Sonne wieder durch das Gewölk gebrochen und schien lieblich und warm auf die steil emporsteigenden Citronen- und Orangengärten, übergoß mit hellstem Gold die von Olivenbäumen umgebenen Landhäuser der Berge, die schwärzlichgrauen Felsen und das blaue Meer der Küste von Nervi, der bekannten herrlichen südlich von Genua gelegenen Winterstation. Die Rosen entfalteten wieder ihre üppigen Kelche und dufteten um die Wette mit den Veilchen; der Strand belebte sich mit Fremden und Einheimischen und die Kinder spielten wieder schreiend auf der Straße.

Am Strande fehlte jedoch eine dort bekannte Figur, nämlich der stets sauber und kokett gekleidete Maultiertreiber Oreste Lavigni, der hier immer bei schönem Wetter zu finden war und den Fremden seine Dienste anbot.

Oreste saß heute vor seinem sehr baufälligen Mauleselstalle im Dorfe Bogliasco, einer Häusergruppe hinter Nervi, und putzte seinen Somaro, seinen Maulesel.

Der Stall war dicht am Strande gelegen und bot eine prächtige freie Aussicht aus das Meer. Jedoch Oreste war heute so eifrig bei der Arbeit, sein Tier sauber zu machen – er benutzte diesmal hierzu sogar Schwamm und Bürste – daß er unter dieser Beschäftigung keinen Blick auf das Meer warf. Es schien ihm ganz gleichgültig zu sein, was für Dampfer in der Ferne zogen und welche Fischer draußen auf der blitzenden Flut an der Arbeit waren. Das hatte etwas zu bedeuten, es mußte ein wichtiges Ereignis bevorstehen, bei welchem sein Maulesel eine Rolle spielte. Und in der That verhielt es sich auch so – der folgende Tag war der siebzehnte Januar, das Fest des Heiligen Antonius, und an diesem Tage wurden die Tiere geweiht, das heißt, sie empfingen von der Kirche den Segen, auf daß sie für die Dauer des nächsten Jahres gesund blieben und der von ihnen gewünschte und erhoffte Nutzen durch keinen bösen Zwischenfall beeinträchtigt würde. Das war für Oreste auch eine höchst notwendige Sache, denn der Maulesel war sein einziger Besitz, sein Geschäft, sein Gewerbe, ja, das Tier war sein Ernährer. Zwar hatte der junge Mann die Schreinerei erlernt, er übte jedoch diesen Beruf schon lange nicht mehr aus. Erst war es ihm angenehmer erschienen, seinem Vater, der Gartenarbeit in den Villen Nervis besorgte, zu helfen, als Hobel und Säge zu führen. Dann starb der Vater plötzlich und hinterließ seinem Sohne nichts als das Maultier. Der junge Mann besann sich nicht lange. Die Gartenarbeit war ihm immer etwas langweilig gewesen, auch war er zu bequem, sein eigentliches Gewerbe, die Schreinerei, wieder aufzunehmen; so klopfte er denn seinen Maulesel liebevoll auf den Hals und ließ ihn Citronen und Orangen, Gemüse und Mehl nach Genua tragen, von wo er Holzkohlen und andere Waren zurückbrachte. Sein Hauptgeschäft jedoch, das erträglichste nämlich, war, die Fremden auf seinem Maultier in die Berge zu führen, und da sein Somaro gut genährt und gut erzogen war und Oreste sich einer bestechend hübschen Erscheinung erfreute, die er durch allerhand nationalen Schmuck noch besonders wirkungsvoll hervorzukehren verstand, so hatten er und sein Maulesel stets genug zu thun, und Oreste verdiente manche Lira mehr als alle seine Kollegen.

Morgen war nun Antoniustag; in dem Festzuge, den man für diesmal geplant, sollte sein Maulesel mitgehen, und es schien Oreste aus mancherlei Gründen wichtig, seinen Somaro zu putzen und zu schmücken; erstens, weil die Tiere zu der Segnung überhaupt reinlich erscheinen mußten, zweitens, weil die Tierbesitzer untereinander wetteiferten, die schönsten Tiere zu haben, und drittens wollte Oreste der Fremden wegen mit seinem Somaro Staat machen und diesen als den schönsten und prächtigsten zeigen! Daher dieser große Eifer heute, der ungewöhnliche Ernst und die Vertiefung, mit welcher der junge Mann die Toilette Caligulas – so hieß der Maulesel, wurde aber in der Abkürzung „Gula“ genannt – besorgte. In ganz Nervi war gleichfalls große Tierwäsche, in den Bauerngehöften auf den Bergen, wie in den Ställen

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Die Gartenlaube (1897) b 177.jpg

Landungsplatz in Skutari.
Nach dem Gemälde von J. Brest.

[178] unten in der Stadt wurden Ziegen, Kühe, Pferde abgeschwemmt, gestriegelt und sogar gekämmt, Kränze geflochten, Wollschnüre gedreht und Reit- und Fahrgeschirre mit Kreide und Oel schön gemacht.

Unter den Eifrigen in Nervi legte bei diesem Geschäft besondere Sorgfalt an den Tag Signora Beatrice Foscetta. Beatrice wohnte in dem steil aufzeigenden Thal oberhalb des schönen Rathauses, sie besaß dort ein kleines rosa und hellblau angestrichenes Steinhaus, hinter welchem eine Terrasse mit etlichen fünfzig alten Citronenbäumen emporstieg, und höher in den Bergen ein Stückchen Grasland. Der Stall an dem Hause beherbergte zwei schöne Kühe und einen stattlichen Maulesel. Das war Beatricens Besitztum außer fünftausend Lire Kapital, die für sie auf der Bank in Genua lagen. Ihr Gütchen bewirtschaftete Beatrice ganz allein, und zwar mit solchem Erfolg, daß sie die Zinsen ihres Kapitals nicht anzugreifen brauchte. Als vor zwei Jahren ihr Vater, der Lokführer in Genua war, im Meer ertrank und die Mutter bald darauf an der Cholera starb, übernahm das zwanzigjährige Mädchen entschlossen und mutig ihr Erbe und brachte es durch Fleiß und Klugheit dahin, daß sie von dem Ertrag ihres Besitztums in dem engen steilen Thale ganz gut ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Sie war ein großgewachsenes, rotwangiges, starkes Mädchen, dem tüchtige emsige Arbeit eine Lust und Freude dünkte. Da Beatrice außerdem noch ein schönes fröhliches Gesicht hatte mit rotem Munde und leuchtenden dunklen Augen, so stellte sich damals ein halbes Hundert Freier bei ihr ein – aus Nervi und Umgegend, die ganze Küste entlang von Genua bis nach S. Margherita – welche der begüterten Vereinsamten eine Stütze sein und ihr Vater und Mutter ersetzen wollten. Beatrice jedoch schlug alle Anerbieten aus. Sie wollte allein bleiben, erklärte sie, sie sei noch jung und möchte versuchen, wie weit sie ohne die gütige Hilfe der jungen Leute aus der Nachbarschaft käme. Alles glaubte damals, ihre abweisende Selbständigkeit stammte daher, daß sie auf Oreste Lavigni wartete, für den sie schon immer eine entschiedene Neigung gezeigt hatte, die der junge Mann mit Eifer erwiderte. Seltsamerweise jedoch herrschte von diesem Zeitpunkt an eine Art Feindschaft zwischen den beiden jungen Leuten. Oreste ward melancholisch und verdrossen und zeigte sich zornig gegen die Jugendfreundin und Erbin, und Beatrice trug Verachtung gegen Oreste Lavigni zur Schau.

Das war so gekommen:

Die Leute hatten ganz recht, welche annahmen, daß der hübsche Oreste Absichten auf die begüterte, schöne Beatrice hatte. Oreste stellte sich auch als Freier bei der Jugendgespielin ein. Sein Vater war fast zu gleicher Zeit wie der Beatricens gestorben und der junge Mann sagte zu dem Mädchen „Wir sind jetzt beide Waisen und stehen allein in der Welt; du, du weißt, daß ich dich gern habe, und du hast mir gezeigt, daß ich dir nicht gleichgültig bin, also laß uns unser Heil zusammen versuchen.

Beatrice hatte darauf ihre sehr starken hochgewölbten dunklen Augenbrauen zusammengezogen und dem Freier geantwortet. „Was bist du, Oreste, und was hast du? Du hast schreinern gelernt und arbeitest nicht, du besitzest einen Somaro und läßt dich von diesem ernähren. Ist das eine Art für einen jungen, gesunden Menschen? Du bist faul, Oreste, und eitel, ein Geck – du putzest dich heraus für die Engländerinnen und machst ihnen freundliche Gesichter und läßt dir von den blonden Katzen Geld schenken. Es ist wahr, ich liebe dich – aber einen solchen Mann mag ich nicht! Nimm deine Schreinerei wieder auf, und wenn du darin dich tüchtig gezeigt hast, dann komme wieder!

Oreste hat darauf zornig auf den Boden gestampft und ist bleich vor Wut davongelaufen – er ist aber nicht Schreiner geworden, sondern hat sich noch mehr herausgeputzt und den fremden Damen, die er auf seinem Maultier in die Berge führte, noch liebenswürdigere Gesichter gemacht, im übrigen jedoch so träge wie bisher weitergelebt. Das war jetzt zwei Jahre her und in dieser Zeit haben die beiden stets von einander weggesehen, wenn sie sich begegneten. Heute saß also Beatrice wie Oreste vor dem Stalle und wusch ihre Kühe und putzte ihren Maulesel Dito zu dem morgen bevorstehenden Feste der Weihe.

Der Ort der Tiersegnung war die Kirche Sant Ilario, hoch über Nervi auf einer Stufe des gewaltigen Monte Giugo gelegen. Aus dem verschleierten Graugrün der Oliven und dem tiefen Schwarzgrün der Cypressen schauten schon von fern die weißen Mauern und der Glockenturm der Kirche, die auch ein sehr besuchter Ausflugspunkt der Fremden war, hernieder auf eine Unzahl von Villen und Bauernhäusern welche inmitten der üppigsten Citronen- und Orangengärten gelegen waren, meist überragt von hochaufstrebenden bräunlich-grünen Dattelpalmen. Zwischen den Gärten führte die breite Landstraße hinauf zur Kirche. Diesen Weg mußte auch der Zug der Tiere nehmen.

Der siebzehnte Januar brach an – kein Wintertag wie im deutschen Norden, nein, einer jener Tage, wie sie in dieser Jahreszeit nur die Riviera kennt, ein sonnenheller Tag, an dem „ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht.“ Still lag auch das blaue Meer in schimmerndem Glanz und all die vielen Buchten und Felsenvorsprünge der Küste waren, so weit das Auge reichte, in zart violetten Duft getaucht. Die Gärten aber spendeten berauschende Wohlgerüche, da die Orangenbäume neben der reifenden Frucht schneeweiße Blüten trugen. Es schien, als ob dieser herrliche Fleck Erde zu der Feier auch ein Festtagsantlitz zeigen wollte.

In Nervi, in Bogliasco, in Quinto war es sehr lebhaft. Die Fremden mit ihren Sonnenschirmen wanderten den Weg zur Kirche hinauf und die Landleute in Feiertagskleidern tummelten sich auf den Straßen und führten ihre geschmückten Tiere.

Nicht jedes Jahr waren die Teilnehmer an dem Feste der Weihe gleich zahlreich. Diesmal hatte eine außergewöhnlich große Zahl von Tierbesitzern mit ihren Tieren sich eingestellt, es war ein kirchliches Jubiläumsfest, die Ceremonie versprach besonders glänzend zu werden. Die Schafe hatten rote und blaue Bänder um den Hals, an denen Glöckchen klingelten, die Ziegen und Kühe trugen Blumenkränze um die Hörner. Die Pferde, deren Geschirre ebenfalls mit Blumen besteckt waren, hatte man überdies mit bunten Decken verziert, und vor allem machten die Maulesel, die beliebtesten Zug-, Reit- und Lasttiere Italiens, Staat. Neben Rosen-, Lilien- und Veilchensträußen, die an ihnen angebracht waren, wo es nur irgend ging, trugen die Köpfe dieser Langohren rote weitmaschige Wollnetze, aus denen oberhalb der Stirn seltsame Messingstäbe ragten, die sich kelchartig öffneten und von einer buntfarbigen Wolltroddel gekrönt wurden. Auf der Stirn selbst war ein Palmbüschel befestigt und auf diesem hing, neben dem Messingbildchen des Heiligen Antonius, ein Spiegelchen. Dieser Spiegel mußte etwas zu bedeuten haben, denn man sah keinen Maulesel ohne dieses glänzende Schmuckstück zwischen den Augen, ja die Bauern und Treiber gaben sichtlich auf das Spiegelchen besonders acht und sorgten eifrig dafür, daß es immer hübsch in der Mitte hing.

Es knüpft sich an diesen Schmuck der Aberglaube, daß, wenn der segnende Priester und die Kirche in dem Glase sich spiegeln, die Weihe doppelt kräftig wirke. Die Italiener aller Klassen sind abergläubisch, besonders die Landleute, und es dürfte keinen Bauern, Kutscher, Eseltreiber jenseit der Alpen geben, der nicht felsenfest an diese Eigenschaft des Spiegelchens bei der Segnung glaubte.

Vor Nervi sammelte sich der Zug. Es waren wohl mehr als hundert Kühe, Ziegen und Schafe und gut hundert ’Maulesel’, Eselchen und Pferde, alle mit Geschmack und so buntfarbig wie möglich verziert. Unter allen aber zeigte sich der Caligula Oreste’s wirklich als der prächtigste. Trug er doch sogar zwei Spiegelchen an der Stirn, einen kleinen runden Taschenspiegel und einen etwas größeren altertümlichen der ein schönes, ciseliertes Messingrähmchen hatte.

Die meisten Landleute und Kutscher saßen auf ihrem Pferde oder Esel und ebenso Oreste, der eine braune Sammetjacke anhatte und um den Leib einen seidenen roten Shawl trug. Sein spitzer grüner Hut war mit silbernen Knöpfen geschmückt, er hatte den kleinen schwarzen Schnurrbart herausfordernd aufgedreht, sein lockiges Haar quoll unter dem Hut hervor, keine Frage – der junge Mann sah wirklich bildhübsch ans.

Einige Schritte hinter ihm – es waren nur drei Paar Pferde dazwischen – ritt auf ihrem „Tito“ Beatrice in blauem ’Seidenmieder’ und schneeweißen Hemdärmeln. Sie sah stolz aus und blickte beharrlich vor sich nieder. Der Zug war begleitet von der gesamten Gassenjugend der Gegend einige Stunden im Umkreis und einer großen Zahl von Schaulustigen, wie solche nur südlichen Lande in solcher Menge aufzuweisen pflegen.

Als die Straße zur Kirche steiler wurde, stiegen einzelne Reiter ab, unter diesen auch Beatrice, die nun neben ihrem Maulthier einherging. Man mochte wohl drei Viertel des Weges zurückgelegt haben, schon breitete sich vor den Dahinziehenden die [179] unendliche Fernsicht über das schimmernde Meer aus und oben ganz nahe winkte die Kirche, von welcher in hellem Klang die Glocken tönten. In wenigen Minuten war das Ziel erreicht, da gewahrte Beatrice zu ihrem Schrecken, daß ihr Dito sein Spiegelchen nicht mehr hatte! Sie schaute den Weg zurück – so weit sie konnte – vergeblich! Es war nichts zu sehen! Wie sollte dies auch möglich sein, mußte die Erschrockene nach einigem Besinnen sich sagen, hinter ihr folgte ja ein großer Teil des Zuges und der kleine Spiegel war, selbst wenn er erst wenige Augenblicke zuvor zur Erde gefallen war, sicherlich längst zertreten und in den Boden gestampft. Bei genauerer Betrachtung der Schnur, an welcher der Spiegel gehangen, bemerkte Beatrice auch, daß sie kürzer war und Schnittspuren aufwies, das Spiegelchen war ihr demnach wohl von einem der nichtsnutzigen Gassenbuben gestohlen worden. Dieser Verlust verursachte dem Mädchen einen heftigen Kummer und Aerger. Eine Weihe ihres Dito ohne Spiegel schien ihr so gut wie gar keine! Sie überlegte, ob sie nicht lieber umkehren und ihren Esel gar nicht weihen lassen sollte – aber das hätte Aufsehen unter ihren Neidern erregt, deren sie, wie sie das wohl wußte, viele hatte, und namentlich den abgewiesenen Freiern eine rechte Schadenfreude bereitet. Diesen Triumph wollte sie ihnen nicht gönnen; sie blieb also im Zuge und schaute zornig und verdrossen zur Erde. Da, was war das? – Geschah da ein Wunder –? Vor ihr lag plötzlich ein Spiegel, ein schöner Spiegel im Messingrahmen – den hatte wohl der Himmel ihr gesendet, der Heilige Antonius für sie auf den Weg gelegt! Beatrice bückte sich schnell, hob den Spiegel auf und befestigte ihn im Laufen gut und fest an dem Schnurstück, das leer zwischen den Ohren ihres Dito herunterhing. Es hatte wohl niemand diesen Vorgang gemerkt, denn jeder hatte genug mit seinen Tieren zu thun.

Jetzt war man oben aus dem freien Platz vor der Kirche – der Zug stand, man wartete aus den Schluß der Messe, nach welcher die Weihe stattfand. Oreste sprang von seinem Maultier, ging einige Schritte zur Seite und plauderte mit einem Bekannten. Dann kehrte er – da das Glöcklein der beendigten Messe ertönte, zu seinem Esel zurück und schaute diesen noch einmal prüfend an. Sah er wirklich recht oder trogen ihn seine Augen? – Sein Somaro hatte den schönen Messingspiegel nicht mehr vor der Stirn. Oreste blickte zu Boden blickte zurück – da blitzte etwas stark in der Sonne und zu seinem maßlosen Erstaunen entdeckte er, daß Beatricens Maulesel seinen Spiegel und sonst keinen andern vor dem Kopf hatte! Das versetzte Oreste, der ja seit langem sich in gereizter Stimmung gegen Beatrice befand und heute schon einige Gläser Wein getrunken hatte, in eine namenlose Wut. „Sie hat ihren Spiegel vergessen und, während ich da sprach, ohne weiteres den meinen genommen!“ zischte er, sprang auf Beatrice zu und schrie. „Nicht einmal fragen thust du mich, das bin ich dir nicht wert! Du nimmst mir einfach den Spiegel? Du stiehlst ihn mir! – Gieb mir sofort meinen Spiegel wieder!“ Da das Mädchen ihn nicht sogleich verstand, so antwortete sie nicht, sondern schaute den furchtbar Aufgeregten, der kirschrot im Gesicht aussah und welchen sie für betrunken hielt, mit verächtlichem Ausdruck groß an. Das brachte Oreste noch mehr auf. Er riß Beatricens Esel den Spiegel von der Stirn und begann, auf das arme Tier unbarmherzig mit dem Stiel seiner Peitsche loszuschlagen – dabei tobte er wie ein Unsinniger. Es entstand ein Auflauf – die Umstehenden schrieen und lärmten auch, und zwei fremde Zuschauer, welche die Mißhandlung des unschuldigen Tieres nicht mehr mit ansehen konnten, rissen den Wütenden von ihm fort und entwanden ihm die Peitsche. Oreste schien hierdurch den letzten Rest seiner Ueberlegung und Vernunft zu verlieren – er zog sein Messer und drang auf die Fremden ein. Nun stürzten sich die Umstehenden auf den Rasenden, entwaffneten ihn und hielten ihn fest. Währenddessen war der Priester mit den beiden Chorknaben auf die Stufe vor der Kirche getreten und hatte, die Gebetformel sprechend und den Weihwedel gegen die vorüberziehenden Tiere schwingend, die Segnung begonnen. Der Lärm unterbrach die heilige Handlung – der Geistliche schaute scharf hin und nahm den sich abspielenden Vorgang wahr.

So schnell Oreste in Wut geraten so schnell war er, unterstützt durch die derbe Püffe, welche er von den Umstehenden erhalten, wieder zu sich gekommen, schnaufend und höchst niedergeschlagen schlich er jetzt neben seinem Gula einher zur Kirchenpforte. Dort winkte ihm jedoch der Priester mit der Hand ab, trat einen Schritt zurück und ließ den Weihwedel sinken – er zeigte dadurch an, daß er dem Lärmmacher, der die heilige Handlung durch sein schmähliches Betragen gestört hatte, den Segen für sein Tier verweigerte.

Dagegen gab es keinen Widerspruch, der Priester war nicht umzustimmen, etwa nachträglich noch die Weihe zu erteilen. Oreste hatte dieses Jahr durch seinen unbändigen Jähzorn und seine Dummheit, wie er sich selbst sagte, die Segnung verscherzt! Sein Gula war schutzlos allen Fährlichkeiten ausgesetzt – das war schlimm, sehr schlimm, aber zu machen war dagegen nichts! Oreste kamen die Thränen in die Augen, ganz niedergeschmettert zog er seinen Maulesel an der Kirche vorbei und ritt nach Nervi hinunter. Unterwegs bemächtigte sich seiner wieder der Zorn gegen die Anstifterin dieses Unheils, gegen Beatrice. „Sie hat schuld daran, nur sie allein – während ich schwatzte, hat sie mir meinen Spiegel genommen, weil zwei an meinem Somaro waren. Segen für ihren Dito und ich nicht!“ Oreste wurde abwechselnd bleich und rot und biß die Zähne zusammen. Er ballte die Fäuste, rollte die Augen und ritt im Galopp nach Bogliasco zurück. Dort angekommen, siegte wieder der Schmerz und die Angst wegen der nicht erhaltenen Weihe über seinen Zorn, er sprang vom Esel und umschlang den Hals des Tieres mit den Arme. „Bleib gesund, Gula,“ flüsterte er „bleib heil und gesund, mein Tierchen!“ Und er küßte den Maulesel auf die geschmückte Stirn.

In sehr übler Laune war auch Beatrice mit ihrem Tiere in ihre Behausung zurückgekehrt. Sie hatte jetzt begriffen, warum Oreste in solch einen Zorn geraten war, und es war ihr im höchsten Grade peinlich, daß es gerade Orestes Spiegel gewesen, den sie gefunden gern hätte sie hundert Lire gegeben, wenn sie die Sache damit hätte rückgängig machen können! Erst dachte sie, sich bei Oreste zu entschuldigen und ihm zu erklären, wie sie zu denn Spiegel gekommen wäre – dann aber siegte der Stolz über diese Regung. So hätte er sich nicht zu benehmen brauchen, so wie ein Wahnsinniger – das war zu arg! Vor allen Leuten brauchte er sie nicht zu schimpfen – er verlor eben immer gleich den Kopf. Wenn sie ihn heiratete, bekäme sie bei dem geringsten Anlaß Prügel, da war es doch wahrlich ein Glück, daß sie ihn abgewiesen hatte! Mit solchen Gedanken suchte sich Beatrice zu beruhige. Der Vorfall war ihr jedoch sehr ärgerlich, sie empfand Kummer darüber, daß dem einstigen Spielkameraden dies geschehen, durch sie geschehen war – dieses Gefühl ließ sich nicht verscheuchen, und bedrückt und verdrossen verrichtete das Mädchen von da ab seine Arbeit.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüten.

An der Gruft des Kriegsherrn. (Zu dem Bilde S. 168 und 169.) Der 22. März vereint das ganze deutsche Volk zu einer würdigen und erhebenden Feier. Allenthalben wird man die Stätten bekränzen, an welchen die dankbare Liebe des Volkes dem ersten Kaiser des geeinten Deutschen Reiches Denkmäler errichtet hat, und mit blühenden Zeichen der Liebe aus nah’ und fern wird man auch die fürstliche Gruft Kaiser Wilhelms I. im Mausoleum zu Charlottenburg schmücken Unter den Spendern werden die alten Veteranen aus den ruhmreichen Kriegen für Deutschlands Einheit nicht fehlen und die Gruft des siegreichen Kriegsherrn bekränzen, der die deutschen Heere von Sieg zu Siege geführt hat. Zu der geheiligten Stätte mögen die alten Soldaten auch ihre Enkel geleiten, um an ihr die Flamme der Begeisterung und Vaterlandsliebe, die in ihrer Brust in heißen Schlachten gelodert hat, auch in den Herzen der Jugend zu entfachen, auf daß sie sich würdig ihrer Vorfahren erweise und allezeit opferbereit eintrete für Kaiser und Reich! Der deutschen Jugend sei unser Bild gewidmet! Möge sie beim Anblick desselben im Geiste an der weihevollen Handlung teilnehmen!

Landungsplatz in Skutari. (Zu dem Bilde S. 177) Unseren Bildern aus Konstantinopel, welche im Jahrgang 1895 den Aufsatz „Abseits vom Wege“ von Bernh. Schulze-Smidt begleiteten, lassen wir heute eine Ansicht folgen, welche uns an das asiatische Stambul gegenüber gelegene Ufer des Bosporus versetzt, nach Skutari. Es ist ein gar idyllisches Bild trotz des regen Lebens, das in den Booten und am Ufer herrscht, am Ufer desselben Bosporus, in dessen europäischen [180] Gewässern es zur Stunde von kriegerischen Vorbereitungen so lebhaft wiederholt. Aber dieser friedlich idyllische und zugleich doch belebte Charakter entspricht dem ganzen Wesen von Skutari: es ist zwar der Stapelplatz der auf dem Landweg mit den asiatischen Karawanen anlangenden, für Konstantinopel bestimmten Waren, aber gleichzeitig eine Zufluchtsstätte alttürkischen islamitischen Lebens. Der Handelsverkehr, der hier herrscht, liegt fernab dem geräuschvollen sich drängenden Schiffsverkehr im „Goldnen Horn“, wo die türkischen Kriegsschiffe ankern; das politische und militärische Leben schlägt hier keine Wogen. Aber um so reiner ist sein Charakter als orientalisches, von europäischem Einfluß wenig berührtes Kulturbild. Hoch über die Stadt, die sich hellschimmernd am blauen Wasser des Bosporus hügelan ausbreitet, ragen die uralten dunklen Cypressen des Riesenkirchhofs Busuk-Mesaristan, empor, hier lassen sich seit alter Zeit besonders fromme Konstantinopeler Türken bestatten, weil sie in asiatischem Boden, in ihrer eigentlichen Heimat, ruhen wollen.

Auch die schöne Moschee gleich am Landungsplatze der Boote wird von den Gläubigen in Stambul gern besucht. Und die scheuen Beterinnen, die sich, um ihre Andacht hier zu verrichten, im stillen Kait über die blaue Flut herüberfahren lassen, ganz in Schleier gehüllt, versäumen dann selten, den nahen Bazar zu besuchen wo sie allerhand reizende Waren aus Persien und Indien angehäuft finden, die gar lockend zum Einkauf laden.

Auch uns trägt die schmale Barke hinüber. Der bräunliche Führer des Kait in der zersetzten Pluderhose und dem durchschimmernden Musselinhemd singt dazu seine sonderbaren Triller, in melancholisch klingenden halben Tönen jäh aufsteigend und fallend. Die Luft ist verschleiert, die Hitze zittert in ihr, nur drei Punkte läßt das grelle Sonnenlicht deutlich erkennen: den Leanderturm da drüben auf dem Inselchen, die Spitze des schönen Berges Tzamlidza hinter dem weitgedehnten Skutari und dessen großer weißschimmernder Moschee. Darüber grüßen die Cypressen-Wipfel des berühmten Friedhofs. Bei unsrer Ankunft ertönt gerade das Geheul der Rusai-Derwische, die von ihrem Kloster, dem „Teké“, herab zur Andacht rufen. Auch unser Bootsmann folgt der strengen Mahnung in dem grüngemalten teppichgeschmückten Betraum und er wird die Schauer der Andacht mitempfunden wenn Ben-Daud, der riesige Neger, an ihn herantritt, um ihn zur Teilnahme an der Gebetsübung einzuladen. Wir aber folgen den anmutigen Frauengestalten, die gleichzeitig mit uns landeten. In ihren hellseidenen Gewändern sind sie uns vorausgeeilt zum Bazar. Und nun sind sie auch bereits wieder verschwunden in der ersten Bude, dort jenseits der Moschee unter den Platanen, wo der Pantoffelmacher, den „Babuschi“, feilhält, der so reizend für die Füße und Füßchen der Schönen sorgt mit rotem und gelbem Saffian, Goldfaden und Flitter.

Bei dieser wichtigen Beschäftigung sie zu stören, wäre nicht rätlich, und so setzen wir unsern Weg fort durch die mit allerhand grellbuntem Kram gefüllten Buden zu beiden Seiten, bis wir, des verwirrenden Treibens müde, wieder unsere Barke aufsuchen. Vom Strahlenschimmer einer mondbeglänzten Zaubernacht übergossen, liegt, während wir uns zurückrudern lassen, wie eine Märchenstadt vor uns das alte Stambul, das heute wieder – wie schon so oft im Lauf der Jahrhunderte – eine Quelle der Beunruhigung und des Streits für ganz Europa geworden ist.

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Das Dante Denkmal in Trient.
Nach einer Photographie von G. B. Unterweger in Trient.

Das Dante-Denkmal in Trient. (Mit obenstehender Abbildung.) In Trient, der ältesten Stadt von Südtirol, wurde jüngst ein Dante-Denkmal enthüllt. Der Reisende, der dem Süden zustrebt und auch die berühmte Bischofsstadt berührt, erblickt es schon vom Fenster des Eisenbahnwagens aus und wird sofort durch diese neue Zierde der Stadt in überraschender Weise gefesselt. Unter den vielen Denkmälern, durch welche das Andenken des großen italienischen Dichters verherrlicht wurde, ist dieses neueste sicher das schönste und wirkt dabei machtvoll durch seine Größe, denn es erreicht die stattliche Höhe von nahezu 18 m.

Ein engerer Landsmann Dantes, der 1851 zu Florenz geborene Bildhauer Cäsar Zocchi, ist der Schöpfer des herrlichen Werkes, dessen Bronzebestandteile in Rom gegossen wurden, während die Stufen und der Sockel aus Rosengranit bestehen. „Dante, dem Vater, des Trentinum unter dem Beifall und der Mithilfe der Nation“ – lautet die Inschrift auf der Basis des Denkmals, deren Rückseite auch das bronzene, lorbeerumkränzte Wappen von Trient trägt. Zum Ausschmücken des Piedestals hat der Künstler Motive aus Dantes „Göttlicher Komödie“ verwertet. Stockwerkartig übereinander sind Darstellungen aus der „Hölle“, dem „Fegefeuer“ und dem „Paradies“ angebracht. Erstere ist durch einen trefflichen Gedanken Zocchis veranschaulicht worden. Auf der obersten der Stufen sitzt in ernstem Sinnen der Totenrichter mit seinem Drachen.

„Graus sitzt dort Minos, fletscht die Zähn’ und bringt die Schuld ans Licht …“ wie es im fünften Gesang der „Hölle“ lautet.

Lebensvolle, den Sockel umringende Erzgestalten stellen darüber das Fegefeuer dar. Den Mittelpunkt derselben bildet Zusammentreffen Vergils mit dem Dichter Sordello, links davon sind drei der „Neidigen“ der Schilderung des dreizehnten Gesanges abgebildet, eine weitere Gruppe, rechts von der ersten, zeigt die „Hochmütigen“ und die „Trägen“, während die Gruppen der Rückseite den „Geiz“ und die „Verschwendung“ vergegenwärtigen. Damit der versöhnende Abschluß nicht fehle, schwebt aus der Mitte dieser Unglücklichen eine weibliche Idealfigur als gereinigte Seele zum Himmel empor.

Ueber diesem Rundbilde finden wir in geläuterter Einfachheit das Paradies als einen mystischen Kreis reizender Engel, unter ihnen schwebt auch Dantes Geliebte Beatrice. Die Spitze des Denkmals krönt die 7 m hohe Figur Dantes, die Rechte emporgehoben, sein Hauptwerk in der Linken.

Nebenbei sei noch bemerkt, daß der Bildhauer Zocchi seine eigenen Züge auf dem Denkmal angebracht hat. Der Totenrichter Minos ist sein Porträt. Außerdem hat er seine Gattin als Modell für Beatrice verwendet und in zwei anderen Figuren seine jugendlichen Töchter dargestellt.
*

Liebeserwachen. (Zu unserer Kunstbeilage.) Als leichtbeschwingten kecken Götterknaben hat sich die Phantasie der Griechen den Gott der Liebe vorgestellt. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet, schwebt Amor auf goldnen Flügeln durch die Welt, an wem er seine Macht erweisen will, den trifft sein Pfeil, und wen sein Pfeil getroffen hat, der ist unrettbar seiner Macht verfallen. Aber für das holde Wunder des ersten Liebeserwachens genügte dem heiteren Griechensinn dies Gleichnis nicht, neben Amor erschuf er ein fröhliches Heer ihm gleichartiger junger Liebesgötter, von Amoren und Amoretten, und bevölkerte damit die Welt zwischen Himmel und Erde. Sie gingen der Menschheit mit gutem Beispiel voran: nicht scharfes Gewaffen, ihr Kuß weckte in dem Erwählten die Liebe, und in Gruppenbildern solch seliger Götterkinder, die zum ersten Kuß sich einander zuneigen, haben Poesie und Kunst alter und neuer Zeit am anmutigsten und lieblichsten den keuschen Zauber dargestellt, der dem ersten Erwachen reiner Herzensliebe heiligende Weihe giebt. Unser Bild hat das schöne Motiv in eigenartiger reizvoller Weise neugestaltet. Die jungen Genien befinden sich inmitten der blühenden Natur. Das zurückgeneigte Lockenhaupt der Amorette ist mit Rosen geschmückt und Rosen bedecken den blühenden Wiesengrund. So ist die zärtliche Gruppe zugleich eine Allegorie des Lenzeserwachens im Süden. Läßt doch der Kuß der Frühlingssonne dort neben Veilchen gleich auch die Rosen erblühen!