Die Gartenlaube (1897)/Heft 45

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1897
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[741]

Nr. 45.   1897.
Die Gartenlaube.
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Jahresabonnement: 7 M. Zu beziehen in Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf., auch in 28 Halbheften zu 25 Pf. oder in 14 Heften zu 50 Pf.

Einsam.
Roman von O. Verbeck.

(14. Fortsetzung)

31.

Wo war der Sommer geblieben? Mitte September und schon so viel welkes Laub? Durfte man sich denn etwa in vier Wochen auf Schnee gefaßt machen? Die heutige Temperatur regte wahrhaftig schon mehr zum Marschieren an, als daß sie zum behaglichen Schlendern oder gar zum Ausruhen eingeladen hätte.

Heinrich Günther schob mit der Stiefelspitze eine dünne Schicht gelber zusammengerollter Blätter vor sich her. Hier tiefer drinnen im Tiergarten, auf den stilleren Wegen hatten sie’s nicht so eilig mit dem Fegen. Die einzelnen Spaziergänger, die sich abseits von der eleganten Promenade verloren, machten diese Ansprüche auch nicht. Er, Günther, gewiß nicht. Selten genug vergönnte er sich zumal so einen kleinen gemütlichen Bummel, nur spazierschlenderns halber.

Heute nachmittag aber hatte er einer neuen Schülerin die erste Gesangstunde gegeben; einer aus dem Tiergartenviertel, einer jungen Dame von mäßigem Talent, aber viel Ehrgeiz und noch viel mehr Geld, die famos zahlte und ihn in ihrem Bekanntenkreis „empfehlen“ wollte. Er mußte lachen, wenn er sich die gönnerhaften Gesichter von Mutter und Tochter ins Gedächtnis zurückrief. Als Erfrischung nach dem Aufenthalt in dem parfumdurchdufteten Palästchen hatte er sich eine Stunde Tiergarten verordnet, gedachte auch, sich an dem Vogelgezwitscher von der gelinden Tortur der stets um einen kleinen Viertelton zu tief gestellten flachen Mädchenstimme zu erholen. Aber er hatte die Rechnung ohne die Jahreszeit gemacht. Die gefiederten Herrn Sänger waren still, sogar die Amsel hatte sich bereits längst für ermüdet erklärt, und wohl oder übel mußte er sich mit dem kreuzfidelen aber unmelodischen Spatzengeschrei zufrieden geben, das unerbeten von Busch und Baum herab tönte.

Unversehens war er nach einiger Zeit auf den Seitenwegen wieder in die große, belebte vordere Allee geraten. Elegante Spaziergänger begegneten ihm, holten ihn ein; spielende, von ihren Bonnen ausgeführte Kinder trieben ihr Wesen mit Ball und Reifen. Die Sonne malte helle Streifen und Kringel durch das schon dünner werdende Laub auf den glatten, breiten Weg.

Da stand wenige Schritte von ihm – nein, sie konnte es nicht sein – doch –

„Alle guten Geister!“ sagte er halblaut vor sich hin. „Ist denn so was möglich?“

Hanna sah ihn nicht. Sie stand ganz verloren in den Anblick eines kleinen Kindes, das, kaum über die ersten Tappelschrittchen hinaus, an der Hand seiner Führerin langsam, aber wichtig und eifrig seinem davongelaufenen Ball nachging. Günther konnte die Freundin ungestört betrachten, und sein ehrliches Herz schwoll ihm in der Brust bei dem unerwarteten Anblick. Als ob nicht vier, sondern zehn, fünfzehn Jahre vergangen wären, seit er sie zuletzt gesehen hatte, so verändert sah sie aus. Vor allem

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Allerseelen.
Nach einem Gemälde von Heinr. Lindenau.

[742] das arme Gesicht, das gänzlich farblose, wie schmal war es geworden, gleichsam gestreckter, länger, an den bläulich schimmernden Schläfen eingesunken, um den festgeschlossenen Mund ein fremder Zug. Was war aus dieser zarten, lieblichen Blüte geworden! Ihre Augen konnte er nicht sehen, da sie den Blick zur Seite auf das kleine Kind gerichtet hielt, dessen reizend ungeschickten Bewegungen sie mit einer seltsamen, beinahe finsteren Aufmerksamkeit folgte.

Ich muß sie anreden, dachte Günther, dem wehmütig sorgenvoll zu Sinne war. Er trat langsam auf sie zu, mit dem unklaren Gefühl, vorsichtig sein zu müssen, damit sie nicht erschrecke.

„Hannichen,“ sagte er halblaut, nahe vor ihr stehen bleibend.

Sie fuhr nun wirklich heftig erschrocken zusammen und wandte den Kopf. Jählings schoß helle Glut in ihr bleiches Gesicht und sank langsam wieder hinab.

„Güntherchen“, stammelte sie mit versagender Stimme und streckte ihm die Hand hin. Er nahm sie und drückte sie stark, durch den Handschuh fühlte er, wie kalt sie war.

„Wie geht’s Ihnen?“ fragte er bekümmert, verwirrt.

Sie antwortete nicht gleich. Mit einem Ausdruck scheuer Freude sah sie ihn an.

„Gutes, kleines Güntherchen,“ sagte sie dann leise, es lief dabei ein schwaches Lächeln um ihren Mund. „Sie sehen so aus, als wenn Sie noch ganz der Alte wären.“

„Bin ich auch,“ betonte er stark, er räusperte sich dann, um eine unbequeme Rauheit der Stimme zu verscheuchen „Aber wie es Ihnen geht, hab’ ich Sie gefragt, Hannichen.“

Ueber ihre schönen grauen Augen, in denen eben noch der Abglanz längst vergangener freundlicher Erinnerungen geleuchtet hatte, sank ein Schleier nieder; ihr Gesicht wurde still und kalt.

„Wie es mir geht?“ wiederholte sie gleichgültig. „Gut; wie denn sonst?“

„Na ja, danach sehen Sie mir auch gerade aus. Hannichen, reden Sie keine Sachen! Daß Sie krank sind, das kann Ihnen jeder Mensch auf dreißig Schritte Entfernung ansehen. Also, wo fehlt’s, was ist los?“

„Nichts ist los,“ versicherte sie mit einem nervösen Stirnrunzeln, „gar nichts. Ich war nicht ganz gesund, früher, aber das ist längst überstanden, ich bin jetzt vollkommen erholt.

„Wann sind Sie denn krank gewesen?“

„O – vor langer Zeit. Vor anderthalb Jahren.“

„Und dann sehen Sie heute so aus? Na, erlauben Sie –“

„Bitte,“ unterbrach sie rasch, „geben Sie dies Thema auf, es ist ganz zwecklos, darüber zu reden. Ich bin gesund und damit gut.“

Nach einem raschen Blick in der Richtung, von wo sie gekommen war, und nach einem Zögern, das in einem tiefern Atemzug endete, wies sie mit dem Schirmgriff den Weg hinunter und sagte entschlossen „Begleiten Sie mich noch eine Strecke! Oder haben Sie keine Zeit?“

„Aber selbstverständlich, Hannichen, was denken Sie denn? Wo ich Sie doch so endlos lange nicht gesehen habe! Mir zittert ja das Herz wie verrückt.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie mit sanftem Lächeln. „Sie sind wirklich noch der Alte. Ein anderer würde nicht mehr so freundlich gegen mich sein, nachdem – –“

„Ach, lassen Sie doch das, reden wir nicht davon. An Ihnen, Hannichen, zweifelt ja niemand, der Sie kennt“.

Sie nickte ihm nur schweigend, aber sichtlich dankbar zu.

„Erzählen Sie,“ sagte sie dann rasch, mit unklarer Stimme,. die plötzlich heiser zu werden schien. „Erzählen Sie.“

„Was denn, Hannichen?“

„Von allem, allem, was in dieser langen Zeit – in diesen Jahren – bitte!“

„Mit Vergnügen. Da wäre also – aber wie ist mir denn? So ganz ohne Nachricht können Sie doch nicht sein? Den Pastor sehen Sie doch zuweilen?“

„Selten. Sehr selten. Jetzt schon lange nicht mehr. Ich habe – kein sehr gutes Gewissen ihm gegenüber. Lassen Sie ihn. Ich weiß nichts. Erzählen Sie!“

Günther sah sie betroffen an. Diese rauhe Stimme und dieses blasse Gesicht mit den trockenen, bebenden Lippen, die wie verdurstet aussahen, diese geradeaus in irgend eine Ferne gerichteten, erst noch matten, jetzt wieder fieberisch glühenden Augen! Ach du lieber Gott, dachte er bekümmert.

„Ja, wo fang’ ich an,“ besann er sich laut, „wovon erzähl’ ich zuerst?“

„Der Chor zum Beispiel,“ sagte sie, noch in demselben heiseren, abgerissenen Ton. „Was singen Sie jetzt?“

„O, herrliche Sachen! Die Flügel sind uns in den Jahren gewachsen, sag’ ich Ihnen. Wir haben eigentlich vor nichts mehr Bange. An die schwierigsten Dinge gehen wir heran ohne Herzklopfen – als höchstens vor Freude. Sie hätten die Motette von Bach hören sollen, die wir dieses Frühjahr in unserem Wohlthätigkeitskonzert gesungen haben. Die große, wissen Sie, ‚Jesu, meine Freude.’ Ging famos! Mühe genug hat’s freilich gekostet mit der Einstudierung. Besonders der achte Satz mit dem figurierten Tenor. Sie erinnern sich doch? ‚Gute Nacht, o Wesen‘ –“

„Ob ich mich erinnere!“

„Und dann das ‚Salvum fac regem‘ von Becker.“

„Komponiert er noch so fleißig?“

„Noch? Wissen Sie das nicht? Hören Sie denn nichts?“

„Nein, ich höre nichts und weiß nichts. Erzählen Sie nur!“

Günther schüttelte den Kopf. „Becker,” fuhr er dann fort. „Ob er noch komponiert? Und wie! Das ist ein Kerl! Eine Musikseele von Himmelsgnaden. Den hat der liebe Gott aufs Herz geküßt. Das ‚Salvum‘ ist einfach großartig. Ein Doppelchor. Verlangt eigentlich einen ganzen Haufen Stimmen. Aber uns schreckt nichts mehr, als ob wir mindestens über hundert verfügten. Und sind doch nur unserer vierundfünfzig.“

„Also doch sehr gewachsen.“

„Sehr? In vier Jahren? Na, wissen Sie. Da sehen Sie sich mal andere Chöre an, die ihre Männerstimmen bezahlen können. Mit unsern freiwilligen Mitgliedern fristen wir denn doch nur kümmerlich unser Leben. Vierundfünfzig, na ja, es ist immerhin, gegen den Anfang gehalten, schon ganz nett. Schade nur, daß doch immer auch wieder für neue, die eintreten, gelegentlich alte abgehen. Dadurch wächst man so langsam. Wir wären sonst schon bedeutend mehr. Aber Sie haben recht, gegen die erste Zeit ist es ein hübscher Zuwachs. Gott, Sie haben ja noch geholfen, das Kind aus der Taufe zu heben. Quälen haben wir uns müssen, was? Insofern stehen wir ja jetzt glänzend da. Einen Tenor hab’ ich letzthin dazugekriegt – fein, sag’ ich Ihnen! Den sollten Sie mal in Mendelssohns Psalm hören: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!‘ Der zweite Baß steht jetzt famos. Da sind kürzlich zwei abgrundtiefe Kerle eingetreten, die reinen Orgeln. Den ersten Baß führt nach wie vor der Rettenbacher mit seinem himmlischen Baryton.“

„Ist seine Stimme noch so schön wie früher?“ Hanna sprach es nur mühsam, die Kehle war ihr zugeschnürt. Das erste Mal, daß sie wieder von ihm sprach.

„Noch so schön? Viel schöner! Den hätt’ ich dem Stockhausen als Schüler gegönnt. Das wär’ so ein Material gewesen für seine herrliche Kunst. Ich thu mir auch nicht wenig auf ihn zugute. Und der Pastor, neulich, nach der Kirche, hat er den Rettenbacher umarmt und geküßt.“

„Was hatte er denn gesungen?“

„Den Bach: ‚In deine Hände befehl’ ich meinen Geist‘. Sie sollten hinkommen, Hannichen, und zuhören!“

Hanna antwortete nicht gleich.

„Glauben Sie, ich wäre nicht schon längst gekommen, wenn ich könnte?“ fragte sie dann leise. „Reden Sie davon nicht! Wie steht es mit den Frauenstimmen?“

„Gut. Der Alt ist sogar famos. Der Sopran – na, der hat sich lange Zeit nicht von seinem Verluste erholen können. Gerade, als wenn den andern die Courage ausgegangen wäre. Es war mir doch mächtig hart, Hannichen, Sie hergeben zu müssen.“

„So?“ sagte sie tonlos.

„Ja, mächtig hart, einfach scheußlich hart! Ich habe mich nur niemals zu Ihnen darüber aussprechen können. Was macht denn nun unser liebes Drosselstimmchen?“

„Nichts. Ich singe nicht mehr. Die Stimme ist weg.“

„Nein!“ sagte er erschrocken.

[743] „Weiter erzählen,“ bat sie ängstlich. „Mich nach nichts fragen, ja? Bitte!“

Er seufzte. „Na gut. Der Sopran also. Da drin haben wir seit einiger Zeit – Sie werden staunen – Grete und Meta Rettenbacher. Und auf ihren fragenden, gespannten Blick: „Grete Zöllner wollt’ ich sagen, Rettenbachers Schwester, die älteste nach ihm, wissen Sie. Der ist vor bald zwei Jahren der Mann gestorben, und nun führt sie dem Bruder die Wirtschaft. Den Hans hatte er schon vorher ganz zu sich genommen, den Eltern von der Tasche herunter. Er geht umsonst bei uns in die Schule. Eine Freistelle, verstehen Sie. Die Meta hat Putzmachen und solche Sachen gelernt, wohnt auch bei ihm. Eine ganze Kolonie Rettenbachers.“

„Also hat seine Lage sich jetzt gebessert?“ Hannas Stimme hatte die krankhafte Rauheit verloren, die stärkste Erregung schien überwunden. Sie hatte auch ihr Gesicht wieder in der Gewalt.

„Sehr gebessert,“ bestätigte Günther freudig. „Es geht aufwärts mit ihm. Seit bald drei Jahren Oberlehrer, höheres Gehalt! Dazu die vielen Privatstunden. Das heißt, die wird er sich nach und nach nun doch wohl abwimmeln müssen. Seine schriftstellerische Thätigkeit ist doch wichtiger, bringt auch mehr ein. Von seinem Buch wissen Sie nichts? Müssen Sie lesen! ,Gesundheitspflege in der Schule’. Eine feine Nummer, sag’ ich Ihnen! Hat Aufsehen gemacht, man wird aufmerksam auf ihn. Die Zeitungen strecken schon die Fühlhörner nach ihm aus. Einfach diebisch freu’ ich mich. Der beißt sich durch, sollen Sie mal sehen. In ein paar Jahren ist der ein gemachter Mann. Wer hätte das früher gedacht! Famos, was? Zum Radschlagen.“

„Ja, sagte Hanna weich, „mit einem Schimmer ihres Mädchenlächelns setzte sie hinzu: „Radschlagen thu’ ich nun zwar nicht gerade – aber ich freu’ mich sehr, sehr. Wollen Sie ihm sagen, daß ich mich sehr freue?“

„Will ich, Hannichen. Gerne. Soll er Ihnen sein Buch schicken?“

„Nein,“ wehrte sie ängstlich. „Nicht schicken. Ich kaufe es mir. Da –“ sie zog ein elegantes, kleines Büchelchen hervor – „schreiben Sie mir Titel und Verlag genau hier hinein.“

„Sie wollen nur ein Autogramm von mir haben, wie ich merke,“ sagte Günther lächelnd. „Aufschreiben? bei Ihrem Gedächtnis?“

„Nur zu, schreiben Sie,“ entgegnete Hanna müde, ohne ihn anzusehen. „Es ist mit meinem Gedächtnis nicht so weit her.“

Er that nun, wie ihm anbefohlen war, und gab mit einem erneuten Sorgenblick in ihr armes, verhärmtes Gesicht das Buch zurück. Sie schien seine forschenden Augen unangenehm zu empfinden, denn sie drehte den Kopf zur Seite.

„Sagten Sie nicht,“ begann sie hastig aufs neue zu fragen; „von seinen – von Rettenbachers Geschwistern? Grete. Also Witwe? Hat sie den Mann gern gehabt? Grämt sie sich?“

„Gott – ich glaube, eine Leidenschaft war’s gerade nicht. Er war gut zu ihr, ja. Sie hat ihn ehrlich und ordnungsmäßig ein Jahr lang betrauert und nun – nun, das Leben ist noch lang, sie ist kaum dreißig, vielleicht noch nicht einmal, und sie ist ein frisches, gesundes Weibchen. Würden Sie’s ihr verdenken wenn sie ihrem Jungen gelegentlich einen neuen Vater gäbe?“

„Nein. Gewiß nicht. Warum?“ Hanna sah starr geradeaus. „Das muß jeder mit sich selbst abmachen, das geht niemand etwas an, auch darf niemand darüber urteilen. Der eine kann’s, der andere nicht. Der eine hat noch den Mut, der andere nicht.“

„Na ja. Noch ist es ja auch nicht so weit. Ich meinte nur.“

„Erhält denn nun Rettenbacher sie ganz, die Grete samt ihrem Kind?“

„I wo, das kann er nicht, kein Gedanke. Er hat ja den Hans schon gänzlich übernommen. Nein, sie hat ja doch ihr kleines Erbe aus dem Nachlaß ihres Seligen. Das thäte sie nicht, das wäre auch gar nicht Rettenbacherisch! Sie bezahlt die halbe Miete, und für Bekleidung und dergleichen für sie und das Kind darf er keinen Heller ausgeben. Sie führt ihm den Haushalt sehr sparsam und vernünftig. Es sieht nett bei ihnen aus.“

Hanna setzte zum Sprechen an. „Wo wohnt er?“ wollte sie fragen, aber sie ließ es sein. Lieber gar nicht wissen.

„Er wohnt natürlich nicht mehr in seiner alten Klause“, berichtete Günther von selbst weiter. „Als die Grete kam, zog er nach Friedenau, dort sind die Wohnungen beträchtlich billiger. Ein behagliches Residenzchen haben sie sich gebaut. Klein, aber fein. Zwei Schlafstuben, eine Wohnstube. Das heißt, er – na, seine Bude sollten Sie eigentlich kennen!“

„Hat er noch seine Einrichtung – von damals?“

„Selbstverständlich. Meinte ich eben. Bis auf den Nagel an der Wand. Und in der Wohnstube die Hängelampe über dem Tisch, das wäre auch eine alte Bekannte ich glaube, noch mit dem ersten Cylinder. Sonst ist es Gretens Hausrat.“

„Nun und Meta? Das ist aber doch die dritte?“

„Stimmt. Lieschen hat sich diesen Sommer verlobt. Ich glaube, die war mit ihrem kleinen Pfarrer schon so ein Stücker fünf, sechs Jahre einig. Na, nun sind sie ja soweit. Meta, das ist ein fixes Mädel, trotz ihrer Jugend. Neunzehn, zwanzig, so was. Wird nicht lange dauern, so verdient sie sich ganz alleine ihr Brot. Ihre Prinzipalin vertraut ihr schon ganz verschmitzte Sachen an. Neulich abends kam sie mit so einem netten kleinen Ding mit Hut nach Hause, das sollte sie noch vor dem Schlafengehen fertig machen, weil’s Eile hatte. Ich sage Ihnen, es sah nach was aus. Ich verstehe zwar nichts davon, aber die Grete meinte, es könnte sich entschieden sehen lassen. Das kriegt sie schon extra bezahlt. Den Stolz hätten Sie sehen sollen. Weil sie durchaus darauf besteht, hat ihr der Bruder erlaubt, daß sie ihm die Woche zwei Mark und fünfzig Pfennig Pension zahlt. Mittag ißt sie nämlich in der Stadt. Eine tolle Wirtschaft, sag’ ich Ihnen. Ich könnt’ mich manchmal krank lachen. Wie die Kampfhähne gehen sie zuweilen aufeinander los. Und warum? Bloß weil einer immer noch stolzer ist als der andre und sich ‚nichts schenken lassen will‘. Der Hans phantasiert auch schon herum, er würde den Sextanern Nachhilfestunde geben, wenn er erst in Sekunda wäre, und zählt schon jetzt alles auf, was er sich von seinem ‚Verdienst‘ kaufen kann und wie er den Bruder ‚entlasten‘ will. Aber verstehen Sie wohl – Sie müssen sich das alles nun nicht etwa duckmäuserisch vorstellen und knickerig und ‚ungefreut‘ – so sagt unser neuer Bassist, ein Schweizer –“

„Nein, nein,“ sagte Hanna leise und rasch, „‚ungefreut‘ stell’ ich mir das nicht vor. Vielmehr sehr schön, sehr beglückend. Und wie geht’s den Alten daheim?“

„O, ganz nett. Aus den eigentlichen Sorgen sind sie ja nun raus. Die Schule ist vergrößert worden, also sind auch die Einnahmen gewachsen. So elend zu schuften braucht die arme Frau nicht mehr. Grete, Hans und Liese versorgt, Meta kaum noch zu spüren. Ernst als Forstgehilfe aus dem Haus und von der Tasche herunter. Der Graf läßt ihn lernen und wird ihm auch Empfehlungen geben, wenn er fertig ist. Bleiben also eigentlich nur noch drei. Doch tausendmal besser als in früheren Zeiten, was? Und daß es wieder schlechter werden könnte, brauchen wir nun wohl nicht mehr zu befürchten.“

„Ich bin sehr, sehr froh über das alles,“ sagte Hanna mit einem tiefen Aufatmen. „Ich hatte es mir nicht so vorgestellt. Nun, und Sie, altes Güntherchen? Im Aussehen haben Sie sich gar nicht verändert. Bis auf die paar weißen Haare da im Bart.“

„Hab’ ich schon wieder welche?“ fragte Günther komisch empört. „Erst vor vierzehn Tagen hat mir die Grete zwei ausgezupft. Sie findet, es stört den Gesamteindruck, ich sähe noch nicht danach aus, als ob ich schon weiße Haare kriegen könnte.

„So? Findet die Grete?“ In ihrem weichen, leis schelmischen Lächeln, dem ein Hauch von Wehmut den Glanz wegnahm, war etwas, das ihn ergriff.

„Gutes Hannichen,“ sagte er bittend, „ich hab’ Ihnen nun so ausführlich den ganzen Roman vorgebetet. Sie wissen nun alles. Lassen Sie uns jetzt endlich auch von Ihnen reden. Wie leben Sie?“

„O angenehm, sorgenlos,“ antwortete sie kalt, gleichgültig und schwieg wieder. Aus ihrer Stimme, aus ihrem Gesicht war alle Weichheit weg. Der zarte Farbenschimmer, der während des aufmerksamen Zuhörens allmählich ihre blassen Wangen belebt hatte, erlosch; um ihre Lippen, zog sich wieder der schmerzhaft bittre Zug, der ihm beim erstes Anblick schon so peinlich aufgefallen war.

[744] „Hannichen“, sagte er traurig, „so behandeln Sie einen alten, treuen Freund?“ ‚Angenehm, sorgenlos‘ – das ist alles, was Sie mir zu erzählen haben? Das hätt’ ich nicht von Ihnen gedacht. Womit hab’ ich solche Antwort verdient?“

„Ich versichre Sie, daß es wirklich alles ist, was sich überhaupt von mir erzählen läßt,“ versetzte sie hastig, gequält „Thun Sie mir die Liebe und lassen Sie das Fragen nach mir ganz sein. Ich erlebe wirklich nichts, was des Berichtes wert wäre.“

„Nur eine einzige Frage noch, Hannichen – werden Sie nicht böse – Kinder haben Sie nicht?“

„Nein“, antwortete sie hart. So hart und rauh, daß er erschrak.

„Ich dachte es schon beinahe,“ sagte er schüchtern „Ich habe immer eifrig die Familienanzeigen studiert, aber –“

„Nach mir?“ unterbrach sie in demselben Ton „Das lassen Sie nur sein. Das hat keinen Sinn.“

Ein paar Minuten gingen sie nun schweigend nebeneinander her.

Günther war tief betrübt. Das ist ja ein unglückseliges Geschöpf, dachte er. Und ingrimmig kalt lächelnd sterben sehen könnt’ ich den Kerl! Was hat er aus ihr gemacht, heiliges Donnerwetter!

„Wissen Sie, daß ich etwa ein dutzendmal bei Ihnen war, ohne Sie zu treffen?“ fragte er endlich.

Sie sah ihn traurig an.

„Ich wußte es nicht, aber ich kann’s mir denken,“ erwiderte sie. „Es ist anders gekommen, als ich früher hoffte. Verzeihen Sie mir meine Feigheit, um unserer ehemaligen Freundschaft willen.“

Ehemalige Freundschaft?“ wiederholte er gedehnt „Wie kommen Sie mir vor, Hannichen. Sind Sie des Deubels? – entschuldigen Sie. Ich war Ihr Freund, ich bin Ihr Freund und ich bleibe Ihr Freund, wenn Sie es noch nicht wissen. Abwendig könnte mich von Ihnen nichts auf der Welt machen, merken Sie sich das! Sie haben kein Vertrauen zu mir, das thut mir weh. aber ich kann’s Ihnen nicht abzwingen. Deshalb aber denk’ ich doch nicht um einen Deut unfreundlicher von Ihnen. Was Sie auch thun, ob ich’s verstehe oder nicht, ich denke immer an den Herzeskern tief in Ihnen drinnen, und den – den kenn’ ich doch, der ist von lauterem Gold.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie weich und gab ihm die Hand. Sie waren stehen geblieben. „Das waren gute Worte, wohlthuende Worte, das vergess’ ich Ihnen nicht. Und damit wollen wir scheiden. Ich muß nach Haus, und zwar ziemlich schnell. Ganz ohne es zu merken, bin ich so weit hinunter gegangen.“

„Gutes, liebes Hannichen – er hielt ihre Hand noch fest und streichelte sie zärtlich. „Ich begleite Sie zurück, ja?“

„O nein,“ wehrte sie verlegen. „Das lassen Sie nur. Ich habe Ihre Zeit schon übermäßig ausgenutzt. Trennen wir uns nur hier. Also ich dank’ Ihnen vieltausendmal. Und wenn wir uns auch nicht mehr wiedersehen –“

Günther, der die Allee hinaufgeblickt hatte, ließ plötzlich erschrocken ihre Hand los und trat einen Schritt zurück.

„O verflucht,“ sagte er halblaut.

„Was haben Sie?“

„Da steht Ihr Mann –“


32.

„Welche Ueberraschung,“ sagte Ludwig Thomas, indem er die wenigen Schritte näher trat und mit gemacht steifer Höflichkeit den Hut lüftete. Seine funkelnden Augen gingen unstet zwischen seiner Frau und Günther hin und her.

„Wie blaß du plötzlich geworden bist, mein Kind. Gerade hab’ ich mich so herzlich an deinen rosigen Farben gefreut. Was hat dich denn so erschreckt? Und Sie, Herr – Musikdirektor, scheinen so großartig im Zuge. Schien meiner Frau ja auch mächtig zu gefallen. Fahren Sie doch fort, bitte, ich höre gern zu“.

Der arme Günther war in Sachen der Geistesgegenwart seither nicht rascher geworden auch zerdrückte der stille Ingrimm über Ludwigs „lächelnde Satansmiene“ ihm die Worte im Munde. Er murmelte etwas von „schon verabschiedet“ und „sehr schätzbar,“ und da Hanna, die ganz erstarrt dastand, ihm mit keinem Wort zu Hilfe kam, so machte er eilig seine ungeschickteste Verbeugung, den Schlapphut in der Hand.

„Ach, richten Sie doch eine Empfehlung an Ihren werten Freund Rettenbacher aus“, sagte Thomas, als Günther schon eine Bewegung zum Gehen gemacht hatte. „Und wenn er fragen sollte, wie ich mich befinde, so beruhigen Sie ihn nur, es ginge mir ausgezeichnet, besser als je zuvor. Ich wäre gesund wie ein Fisch im Wasser und gedächte, so ungefähr neunzig Jahre alt zu werden. Das wird ihm Freude machen, denk’ ich, was?“

„Gewiß,“ murmelte Günther unsicher und verwirrt, nach einem Blick in Ludwigs Gesicht schien ihm dann plötzlich erst der eigentliche Sinn dieser unerbetenen Mitteilung aufzugehen. Er wurde flammendrot.

„Ich danke schön,“ sagte er laut und drückte seinen Hut fest auf den Kopf. Er hatte eigentlich ganz etwas andres sagen wollen, aber er merkte es nicht. Mit blitzenden Augen sah er an dem immer noch lächelnden, kraftvoll blühenden großen Mann auf und nieder, von ihm auf die arme Frau, die so schattenhaft daneben stand, als wenn er ihr die Lebenskraft, deren er sich rühmte, ausgesogen hätte, und die mit den angstvollen Blicken zu bitten schien: reize ihn nicht!

„Menschenkenner!“ sagte Günther endlich mit der verächtlichsten Betonung, die ihm zu Gebote stand, drehte sich um und ging schnell seiner Wege.

„Richtig kuriert, beide Beine ab!“ rief Ludwig etwas gedämpft hinter ihm her. Er betrachtete dann vorläufig schweigend seine Frau, die in der nervösen Qual dieser Vorbereitung einer „Scene“ leise zitternd dastand. Immer noch ohne zu sprechen, bot er ihr den Arm, den sie annahm. Zwei, drei Minuten lang gingen sie so nebeneinander her. Die dunkle Seide ihres vornehm schönen Gewandes rauschte sacht, in vielen Pünktchen flimmerten im Sonnenschein die Perlen auf den schwarzen Spitzen ihres Kragens. Für achtlos Vorübergehende an der Seite ihres mit ausgesuchter Eleganz gekleideten Kavaliers trotz ihrer tiefen Blässe eine durchaus harmonische Erscheinung.

„Das war erwischt,“ sagte Thomas endlich kalt, in jenem verhaltenen Ton, den sie als Vorläufer eines der von der Eifersucht diktierten Wutausbrüche nun schon kannte und fürchten gelernt hatte. „Heiliges Kreuzbombenelement, das war erwischt! Du fängst an, unvorsichtig zu werden, mein teures Kind. Auf der belebtesten Promenade an der Tiergartenstraße giebt man sich doch kein Rendezvous.“

„Nein, nicht wahr?“ bemerkte sie ruhig, „das find’ ich auch.“

„Sei gefälligst nicht impertinent,“ schnauzte er sie an. „Schön hab’ ich euch da ertappt. Was sagst du dazu?“

Hanna sagte gar nichts. Mit gerunzelter Stirn und zusammengepreßtem Mund schaute sie starr geradeaus.

Er sah mit einem schrägen Blick auf sie nieder.

„Geruhst du zu hören?“

Sie nickte.

„So geruhe auch, Notiz zu nehmen von dem, was ich sage, ja?“

„Was soll ich erst antworten, Ludwig?“ fragte sie müde. „Es ist ja immer dasselbe.“

„Das stimmt,“ entgegnete er hohnvoll. „Was nämlich deine geehrten Erwiderungen betrifft. Immer dasselbe, das heißt: nie die Wahrheit.“

Ihre Hand zitterte auf seinem Arm, sie machte eine Bewegung, sie ihm zu entziehen, aber mit einem Ruck, der der Wirkung eines Schlages gleichkam, drückte er sie fester heran.

„Untersteh’ dich,“ sagte er heftig und laut, „dich hier auf offener Straße wie eine ungezogene Göre zu betragen.“

„Die Leute werden schon auf unser Gespräch aufmerksam,“ hauchte sie ängstlich, da ein Vorübergehender, der sie überholt hatte, den Kopf nach ihnen wendete.

„So benimm dich anständig. Du allein bist schuld.“ Und nach einer Pause: „Schade, daß ich euch dazwischen kam, was? Hättet ihr mich nur eher bemerkt. Ich ging nämlich schon eine ganze Weile hinter euch her und freute mich höllisch an dem Eifer, mit dem ihr in eure Unterhaltung vertieft wart. So kann ich’s freilich nicht. Für mich hast du bloß deine verdammte Leidensmiene, das Augenstrahlen, das Lächeln wird für die

[745]
Die Gartenlaube (1897) b 745.jpg

Katzenrassen.
Nach einer Originalzeichnung von J. Bungartz.
1. Cyperkatze. 2. Karthäuserkatze. 3. Angorakatze. 4. Khorassankatze. 5. Chinesische Katze. 6. Siamesische Katze.

[746] andern verspart. Ich hätte wohl hören mögen, was der Musikante da an dich hingeredet hat – nur um zu lernen, wie man’s machen muß, um dich so zu sehen.“

Hanna atmete tief auf.

„Ich will dir’s sagen, gieb acht. Er sagte, er bliebe mein Freund, trotz der Feigheit, mit der ich ihn unverdientermaßen habe fallen lassen. Er bliebe mein Freund, auch wenn er nicht verstünde, warum ich es thäte, denn er hätte Vertrauen zu mir. Das, siehst du, hat mich beglückt, das hat mich bewegt. Vertrauen! Ich bin das ja nicht mehr gewöhnt. Er hat Vertrauen zu mir, obwohl er’s nicht brauchte, denn ich habe ihn nicht danach behandelt. Unbedingtes Vertrauen. Du nicht, Du niemals.“

„Ich weiß auch warum.“

„Ludwig!“ rief sie gepeinigt.

„Die Leute werden schon auf unser Gespräch aufmerksam,“ sagte er spöttisch, obwohl in der That niemand in der Nähe war. „Gestatte, daß ich dich citiere. Vorhin war ich dir zu laut. Jetzt schreist du selber wie gestochen.“

„So laß uns schweigen – was ja überhaupt das beste wäre.“

„I, fällt mir ein! Seit wann laß ich mir denn von dir den Mund verbieten. Mäßige dich gefälligst, dann wird sich kein Mensch um uns kümmern. Ich gebe den Leuten niemals Veranlassung, zu glauben, daß wir nicht wie die Turteltauben leben. Um also auf deinen geschmackvollen Ausfall gegen mich zurückzukommen. Vertrauen. Für wie dämlich hältst du mich denn eigentlich, daß du glaubst, ich ließe mir einreden, ihr hättet euch da unversehens getroffen?“

„Ich halte dich nicht für dämlich. Wenn ich die Absicht hätte, dich zu hintergehen, müßte ich es klüger anfangen. Wir sind uns in aller Wirklichkeit zufällig begegnet. Nachdem ich dir das dieses eine Mal versichert habe, werde ich es kein zweites Mal mehr thun. Glaub’ es, ober glaub’ es nicht.“

Sie zitterte am ganzen Leib, aber sie sprach nun vollkommen ruhig, fast kalt. Doch eben diese Ruhe verdroß ihn.

„Nett von dir, daß du mir doch wenigstens die Wahl lässest,“ sagte er beißend. „Also ganz zufällig. Und – wie oft sich dieser Zufall schon wiederholt hat, das wirst du bei deiner rührenden Wahrheitsliebe nicht mehr feststellen können?“

„Doch. Sehr leicht. Wir begegneten uns heute zum ersten mal nach ungefähr vier Jahren.

„Potz Henker! Und du verlangst, daß ich das glaube?“

„Gewiß, verlang’ ich das. Aber vergeblich, wie ich wohl weiß.“

„Gut, daß du dir dessen bewußt bist. Vergiß es nur nicht.“

„Ich vergesse es nicht. Du sorgst schon dafür. Daß ich auch nicht müde werde, mich immer noch zu verteidigen! Eigentlich bin ich es ja auch müde. Gründlich müde.“

Er betrachtete sie mit finsterm Blicke von der Seite, während sie nun wortlos nebeneinander weitergingen. Er schien vergessen zu haben, daß er ihr die letzte Erwiderung überlassen hatte, die sonst durchaus seine Sache war; daß er sie diesmal nicht zum Schweigen gebracht hatte, wie es sich gehörte, sondern selbst verstummt war. Der Ausdruck tiefer peinvoller Erschöpfung in ihrem farblosen Gesicht fiel ihm auf, heute mehr als sonst. Schlecht sah sie aus, miserabel, nicht nur krank, sondern auch gealtert, geradezu verblüht. Diese lange Sommerreise war also wieder für die Katz’ gewesen! Warum er nur immer mit ihr in der Welt herumkutschierte, wenn sie ebenso heimkommen wollte, wie sie gegangen war … weder Schwefel, noch Eisen, weder Sole, noch Seebad wollte helfen. Im Gebirge wie am Meeresstrand dasselbe Gesicht. Unsummen hatte er schon verplempert auf diesen Reisen für nichts und wieder nichts. Nicht, daß ihn das Geld reute. „Gnietschig“ war er nicht. Er hatte noch nie einem verjuxten Thaler nachgejammert. Auch keinem verjuxten Tausender. Aber gehabt haben wollte er etwas von dem Mammon, wenn er ihn los war, gelohnt mußte es sich haben! Na ja, sie hatte eine Menge hübsche Dinge gesehen, hatten sich Sachen geleistet, die sich eben nur die ganz Reichen herausnehmen durften. Aber den eigentlichen Zweck, die Auffrischung, die Verjüngung dieser blassen Person da – der blieb unerfüllt. Andre Frauen kamen doch mit roten Backen heim, die nicht halb so lange unterwegs gewesen waren und sich nichts träumen lassen konnten von Nordlandsfahrten und italienischen Seen und Insel Wight und Sicilien und Kairo. Jede andre Frau wäre überhaupt quietschvergnügt gewesen, einen Kerl wie Ludwig Thomas zum Mann bekommen zu haben! Bloß die werte Seinige, die trug ihre Ehe wie ein Kreuz! Als ob nicht vielmehr er zu bedauern gewesen wäre, sein Herz an diese Schneejungfrau gehängt zu haben, die ihm nun noch obendrein langsam zwischen den Fingern zerrann. Besonders seit anderthalb Jahren, seit der verflixten Geschichte, war sie höllisch zusammengerasselt; hatte sich vielmehr immer noch nicht wieder erholt, war immer noch beinahe dasselbe Gespenst von Jammerhaftigkeit, als das sie von dem Krankenlager damals aufgestanden war.

Ein Elend, mit so einem Waschlappen behaftet zu sein! Ein einziger Ruck, und sie lag da. Gott bewahre, andre Frauen rappelten sich doch nach so einer Sache wieder auf und thaten nicht dergleichen, als wenn es damit nun ein für alle mal aus sein müßte. Eine schöne Zukunft! Das Geschlecht der Thomasse am Aussterben. Stand ja nur noch auf seinen zwei Augen. Was hatte er nun von dieser Ehe, auf die er so wütend versessen gewesen war! Enttäuschungen nach allen Himmelsrichtungen. Anders, anders, anders hatte er sich die Geschichte gedacht! Zwar – in ihrem Betragen hatte sie sich im Laufe der Zeiten im großen und ganzen einigermaßen gebessert. Sein Verdienst! Mühe genug hatte ihn die Erziehung der Frau Eheliebsten gekostet. Das Aufmucken wenigstens hatte er ihr gründlich abgewöhnt. Den Mund zu halten, hatte sie nach und nach gelernt. Höchste Zeit! Bloß so ein Scharmützel, wie eben das letzte, das lieferte sie ihm noch zuweilen. Das Schuldbewußtsein, das andre stumm machte, das schärfte ihr die Zunge. Mochte wohl die Angst sein. Denn wenn er ihr einmal auf die Schliche kommen würde – wehe ihr! Wehe ihnen allen beiden! Verfluchter Kerl, dieser Zwischenträger. Denn das war er, darauf wollte er getrost Gift nehmen. Der Teufel mochte wissen, was sie einander da wieder alles auszurichten hatten. Zufällig! Und zum erstenmal! Vorzüglich! Hätte er sich nur näher heranmachen können um zuzuhören. Aber wartet nur, ihr Kanaillen, euch werd’ ich’s besorgen. Wundern sollt ihr euch noch, daß euch die Augen übergehen!

(Fortsetzung folgt.)


Katzenrassen.
Von J. Bungartz.
(Zu dem Bilde S. 745.)

Uralt ist die Vorliebe der Menschen für die Katzen; bei manchen Völkern erfreuten sich diese Haustiere eines weitgehenden Schutzes und genossen eine geradezu abgöttische Verehrung. Besonders war dies im alten Aegypten der Fall. Die Katzen galten im Pharaonenlande als heilige Tiere; ihre Leichen wurden mumifiert, mit Pomp beerdigt; ihnen zu Ehren errichtete man Tempel und man stiftete Vermächtnisse zu ihrer Unterhaltung. Starb eine Katze eines natürlichen Todes, so legten die Bewohner des Hauses Trauer an, rasierten sich die Augenbrauen, mumifierten die Leiche mit den kostbarsten Spezereien und trugen sie im Trauerzuge zu Grabe. Die Wartung der heiligen Katzen wurde als eine besondere Ehre betrachtet, auch die Achtung vor ihren Wärtern ging so weit, daß die Bürger sich zum Gruße vor ihnen auf die Erde neigten. Alle Handlungen der alten Aegypter wurden durch die Verehrung dieser Tiere beeinflußt. Wer eine Katze tötete, selbst wenn aus Versehen, verfiel unerbittlich dem Tode.

Die Göttin „Pacht“ oder „Baß“ wurde mit einem Katzenkopf dargestellt; ihr war in Bubastis im östlichen Delta ein Heiligtum geweiht und dorthin wurden auch gewöhnlich die [747] Katzenmumien gebracht. Auch in Theben zählte die Katze zu den Tempelgottheiten und die in den Felsen gehauene Artemisgrotte gegenüber Beni-Hassan-el-aamar zeigt ein Bild der „Pacht“ und unzählige Katzengräber, die sich vor dem Heiligtum in einer Reihe hinziehen.

Dann gab es bei dem sogenannten Thor des Nil noch zwei Niederlagen von Katzenmumien, die zwei Fuß hoch mit Sand bedeckt waren, und man hat später so viele derselben gefunden, daß man mit dem Gedanken umging, sie als Dünger zu verwenden.

Kambyses, der gewalthätige und ehrgeizige Herrscher Persiens, benutzte diese Schwäche der Aegypter, um sie bei der Belagerung von Pelusium 525 v. Chr. durch List zu besiegen. Nach mehreren vergeblichen, zurückgeschlagenen Angriffen ließ er bei einem erneuten Sturme Katzen vor dem Heere treiben und seine Soldaten an Stelle des Schildes Katzen tragen; alsbald ergaben sich die Aegypter ohne Gegenwehr und Schwertstreich dem listigen Sieger.

Von den alten Völkerschaften verehrten auch die Inder die weiße Katze; sie galt ihnen als das Symbol des Mondes, der die grauen Mäuse, die Schatten der Nacht, verjagte. Geliebt und verehrt wurde die Katze ferner von den Arabern, und in der Stadt Nabata betete man eine goldene Katze an. Mohammed schnitt sogar den Zipfel seines Mantels, auf dem eine Katze ruhte, ab, um sie nicht zu stören, als er sich erhob.

Den Griechen und Römern scheint die Katze als Haustier erst später bekannt geworden zu sein, da ihre erste Erwähnung im 4. Jahrhundert v. Chr. geschieht. Bei den Römern stand Todesstrafe auf das Töten der Katzen. Die Vandalen befestigten an den Fahnen, bei ihren Kriegs- und Raubzügen, die Köpfe von Katzen. In der Mythe der alten Germanen war sie das Lieblingstier der Göttin „Freya“, deren Wagen von Wildkatzen gezogen wird.

Tief sank das Ansehen der Katze infolge religiösen Wahns im Mittelalter, wo sie in den traurigen Hexenprozessen auf den Scheiterhaufen mit verbrannt wurde. Im Gegensatz zu diesen Verirrungen gab es allerdings auch Länder, wie z. B. die Grafschaft Wales, wo die Katze sich besonderen Schutzes erfreute. Wer eine Katze tötete, mußte so viel Getreide entrichten, daß die am Schwanze aufgehängte und mit der Schnauze den Boden berührende Katze von diesem vollständig bedeckt ward. Eine ähnliche Bestimmung bestand in den sächsischen Bauernweistümern. Die Hauskatze war ja damals ein in Mitteleuropa noch seltenes Tier, das zur Vertilgung der Mäuse eingeführt worden war. Sie stammt nämlich keineswegs von der Wildkatze ab, wie dies früher irrtümlich angenommen wurde; ihre Stammmutter ist vielmehr, wie dies Rüppel nachwies, die in Nubien heimische „Falbkatze“ (Felis maniculata); dieselbe zeigt auch in der That mit den in ägyptischen Gräbern aufgefundenen Katzenmumien sowie den Katzendarstellungen auf alten Denkmälern in Theben vollständige Uebereinstimmung. Von Aegypten aus gelangte die Hauskatze zu den Nachbarvölkern und breitete sich über alle Länder aus.

In Europa wurde sie erst während der Kreuzzüge allgemein bekannt. Wie alle anderen Haustiere neigt die Katze zur Ausbildung verschiedenster Spielarten, deren Entstehung größtenteils auf klimatische Verhältnisse und die Anpassung an die Umgebung der verschiedenen Völker zurückzuführen ist. Zur Heranziehung von bestimmten Rassen im modernen züchterischen Sinne ist unsere Katze schlecht geeignet, da ihr Hang zur Freiheit, ihr ungebundenes Temperament und unberechenbarer Charakter sich schwer dem notwendigen Zwange einer Zucht unterwerfen. Trotzdem wird in manchen Gegenden der Fellgewinnung halber eine regelrechte, wenn auch wilde Zucht betrieben. Die Felle, die zu Pelzwerk Verwendung finden, erzielen je nach Farbe und Qualität einen Preis von 1 bis 7 Mark.

Außer der gewöhnlichen Hauskatze, die in verschiedenen Farben vorkommt, giebt es noch mehrere Varietäten, die sich durch reiche Behaarung und etwas abweichende Körperform von der gewöhnlichen Hauskatze unterscheiden, daher für den Liebhaber von besonderem Werte sind. Unsere Abbildung S. 745 veranschaulicht die wichtigsten Spielarten. Zunächst ist die Cyperkatzezu erwähnen. Ihre Färbung ist hellgrau mit schwarzen Querstreifen. Sie stammt von der Insel Cypern und soll dort einen wirksamen Krieg gegen die massenhaft vorkommenden Schlangen führen. Auf dem Cap della Gatta (Katzenkap) steht ein Kloster, in welchem diese Katze seit langen Zeiten gehalten wird. Sie jagt dort frei und eilt mittags auf ein mit der Klosterglocke gegebenes Zeichen herbei, um Futter aufzunehmen, und geht dann wieder an die Verfolgung des Feindes. Die Karthäuserkatze ist einfarbig blau mit langem feinen Haar, schwarzen Lippen und Fußsohlen; sie hat einen phlegmatischen Charakter.

Die Perle der Katzen und wohl auch die kostbarste ist indes die Angorakatze, aus Hochasien stammend, die in blauer oder grauer Farbe auch Chanchillakatze genannt wird. Langes, seidenweiches Haar bildet an Hals und Brust eine löwenähnliche Mähne, vom Rücken aus scheitelt sich dasselbe lang herabhängend nach beiden Seiten, die Rute ist buschig und nur Gesicht und Pfoten sind kürzer behaart. Die reinweißen oder silbergrauen Angora sind die wertvollsten; man rühmt den Angorakatzen ganz besondere Klugheit nach, doch eignen sie sich wegen ihres ruhigen phlegmatischen Temperaments nicht zu Mäusefängern und gelten daher mehr als Salonkatzen. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit, erfordern aber eine sehr aufmerksame Pflege, namentlich in Bezug auf ihren Haarreichtum, welcher bei der geringsten Vernachlässigung eine Verfilzung verursacht und dann die Schönheit des Tieres wesentlich beeinträchtigt.

Die Khorassan- oder persische Katze ist eine Abart der Angorakatze und dieser ziemlich gleich. Das Haar erscheint etwas wolliger, erreicht aber dennoch eine beträchtliche Länge. Die Farbe ist dunkel-blaugrau.

Die merkwürdigste Vertreterin der Katzenfamilie ist die chinesische oder hängeohrige Katze, die selbst von Laien nicht zu verkennen ist. Sie zeichnet sich durch vollständig hängende und verhältnismäßig große Ohren vor ihren übrigen Verwandten aus. Die eigentümliche Haltung der Ohren giebt der chinesischen Katze ein sonderbares Aussehen, und allgemein ist die Ansicht vertreten, daß sie infolge dieser widersinnigen Ohrenstellung schlecht von Gehör ist. In Bezug auf Körperbau und Behaarung zeigt sie mit der Angorakatze ziemliche Uebereinstimmung, ist aber etwas größer und schwerer. Es mag hier noch erwähnt werden, daß die Chinesen die Katzen als besondere Leckerbissen betrachten, sie in Bambuskäfigen an Kettchen legen, mit Reis füttern und mit den gemästeten einen schwunghaften Handel betreiben.

Eine ebenso seltene wie schöne Katze ist die siamesische, aus Siam stammende, mit kurzem, glattanliegendem Haar und von hellgelbweißlicher (isabell) Farbe. Nur Gesicht, Ohren, Beine und Schwanzende sind schwarzbraun. Diese Katzen sollen besonders flinke Tiere sein, die von den asiatischen Großen in ihren Palästen gehalten und mit Fischen gefüttert werden.

Auf der Insel Man an der Nordwestküste von England giebt es eine Stummelschwanzkatze; die von Cochinchina soll nur einen kurzen kolbigen und die madagassische einen gedrehten, knotigen Schwanz haben. Die Katze von Island ist schön blaugrau, die Tobolsker oder sibirische Katze rot oder fuchsfarbig und die vom Kap der guten Hoffnung blau oder rot. Diese letztgenannten Spielarten dürften aber mit der gewöhnlichen Hauskatze ubereinstimmen und sich nur durch die feste Farbe in der Vererbung von dieser unterscheiden.

Ausführliche Mitteilungen über die Katzenrassen sowie über die Zucht und Pflege dieser Haustiere findet der Leser in meinem „Illustrierten Katzenbuch“ (P. Parey, Berlin). Leider liegt in der Gegenwart die Pflege der Katzen danieder. Um eine Wandlung zum Besseren herbeizuführen, beabsichtigt man, in Deutschland einen Verein zum Schutze und zur Zucht der Katzen zu gründen, der namentlich der Verwilderung der Katzen entgegenwirken soll.

Neuerdings wurde bei uns auch eine Katzenausstellung veranstaltet. Sie fand in den ersten Tagen des Monats Oktober in München statt; sie wies nur 77 Nummern auf, brachte, aber einige prächtige Tiere im Werte von 300 bis 1000 Mark zur Schau.

[748]
Ein guter Tropfen.
(Zu dem nebenstehenden Bilde)

Wohl manch Examen schafft uns Pein,
Doch weiß ich eins zu loben.
Wenn echte Zecher echten Wein
Im kühlen Keller proben;
Wenn’s aus dem Heber goldig rinnt
Und froh die Pulse klopfen:
Das ist er, der den Preis gewinnt,
Das ist ein guter Tropfen!

Zur Prüfung fand ich heut’ vorm Faß
versammelt sieben Männer;
Ein dicker in der Mitte saß
Der Weiseste der Kenner;
Der drückt’ die Augen ein und wollt’
Die Ohren schier verstopfen
Daß Zung’ und Nase prüfen sollt’
In Ruh den guten Tropfen.

Just von der Reise kam heran
Mit Hut und Stock der eine;
Der prüft’ und hob den Becher dann:
Gottlob, ich bin am Rheine!
Das Volk war treu, die Lande schön
Man pries’ mir Malz und Hopfen;
Uns aber wächst an Felsenhöh’n
Des Rheingaus guter Tropfen!

Den Küfer sah ich unterweil
Am Fasse schweigsam lehnen;
Er sagt nichts, doch er denkt sein Teil:
Gelt, der stillt euer Sehnen!
Und solltet ihr am frohen Tag
Ein wenig euch bezopfen:
Das Räuschlein schafft euch keine Plag’,
Das kommt – vom guten Tropfen!

Ernst Muellenbach.



Marthas Briefe an Maria.
Ein Beitrag zur Frauenfrage, mitgeteilt von Paul Heyse.[1]

Die nachfolgenden Briefe wurden mir vor einiger Zeit aus England zugeschickt, mit der Anfrage der Dame, an die sie gerichtet waren, ob ich nicht auch der Meinung wäre, durch ihre Veröffentlichung möchte denen, die in Wort und Schrift für die Berechtigung des Frauenstudiums eintreten, ein Dienst geleistet werden. Sollte ich diese Ansicht teilen, so sei sie zu der Erklärung ermächtigt, daß auch die Frau, die diese Briefe geschrieben, nichts dagegen hätte, sie gedruckt zu sehen, wenn sie auch bei ihren Mitteilungen an die Jugendfreundin nicht von fern an etwas anderes gedacht habe, als sich das Herz zu erleichtern. Sie müsse es daher zur Bedingung machen, daß der Herausgeber ihren Stil sorgfältig von allen Unklarheiten und Flüchtigkeitsfehlern reinige, und zweitens, daß Name und Wohnort der Schreiberin nicht kenntlich gemacht würden.

Daß sie – die Empfängerin – mit diesem Anliegen sich an mich wende, hätte ich dem lebhaften Interesse für diese brennende Frage zu verdanken, das ich schon zu einer Zeit, da nur erst schüchterne Funken des heutigen Brandes herumschwärmten, durch meine „Fastenpredigt“ über Frauenemancipation an den Tag gelegt hätte. Sie hoffe, dies Interesse sei inzwischen nicht erkaltet und ich würde gern das Meinige dazu beitragen, ihren Wunsch zu erfüllen.

In dieser Hoffnung soll die werte Frau sich nicht betrogen haben. Zwar ist die Frage, die das Thema dieser Briefe bildet, in einer schier unübersehbaren Litteratur verhandelt worden, eine Aufzählung der wichtigsten Bücher, Broschüren, Zeitschriften und Aufsätze, die sich mit ihr beschäftigen, findet man in dem ausgezeichneten Buche des Göttinger Professors Dr. Gustav Cohn „Die deutsche Frauenbewegung“ (Berlin, 1896). Immerhin ist für solche, die durch das Für und Wider einer theoretischen Debatte leicht ermüdet werden, die Betrachtung eines Lebensbildes von überzeugenderer Kraft, wie denn jeder Prediger weiß, daß er seiner Gemeinde durch Beispiele tiefer ans Herz greift als durch die bloße Lehre. So habe ich es mir zur Ehre gerechnet, die Herausgabe dieser Briefe – an deren klarem und die Person und die äußeren Verhältnisse der Schreiberin ihrem Wunsche gemäß einen Schleier gebreitet, dessen sie, wie ich meine, trotz ihrer Bescheidenheit wohl hätte entraten können.

Martha an Maria.
Erster Brief.
W.... 15. September 189 .     

Ist es denn wahr? Geschehen wirklich noch Wunder am Ende dieses ungläubigen neunzehnten Jahrhunderts? Wunder, die sich mit Händen greifen und ans Herz drücken lassen, wie eine vor acht Jahren begrabene und jetzt von den Toten wieder auferstandene Jugendfreundschaft?

Aber nein, meine liebste, einzigste Mary, sie war ja gar nicht richtig gestorben, diese unsre alte junge Liebe! Sie war uns nur abhanden gekommen, aber nicht abherzen (kann man das sagen?[2]), hatte Verstecken mit uns gespielt und sich so gut versteckt, daß sie sich am Ende selbst nicht mehr zu uns zurückfand.

Gewiß, mein alter Schatz, es war keine Herzenshärtigkeit Deiner Martha, daß sie selbst die große Neuigkeit ihrer Verheiratung Dir verschwieg. Wußte ich denn, wie ich Dir das fröhliche Blatt mit den kurzen und guten acht Worten:

Dr. Hellmuth Born
Martha Born, geb. Körting
Vermählte

zukommen lassen sollte, da ich Deine Spur so gänzlich verloren hatte. Erst, wenn ich mein Ziel erreicht habe, lass’ ich von mir hören! hattest Du gesagt, als wir uns am Bahnhof zum letzten mal umarmten, to sever for years,[3] und ich wenigstens half broken–hearted[4], denn ich verlor ja mit Dir mein halbes Herz, und die Hälfte, die zurückblieb, lag schwer wie Blei in meiner achtzehnjährigen Brust. Du gingst einer Zukunft voll Müh’ und Arbeit entgegen, einem harten aber erfrischenden Kampf mit dem Leben, der alle Deine Kräfte beflügelte, und ich blieb in einem bequemen müßigen Scheinleben zurück, ohne andere Pflichten, als die einer guten Tochter gegen liebe Eltern, die aber von dem, was ihr Kind bedurfte und ersehnte, keine Vorstellung hatten.

Wie oft habe ich dann an meine Herzensfreundin gedacht, von ihr geträumt, sie gescholten, daß sie ihr Wort so streng und stolz halten und mich nach einem Lebenszeichen verschmachten lassen konnte. Sie muß doch längst „ihr Ziel erreicht“ haben, sagte ich mir. Aber freilich, sie hat nun Wichtigeres zu thun,

[749]
500px

Photographie im Verlag von G. Heuer & Kirmse in Berlin.
Ein guter Tropfen.
Nach einem Gemälde von Hans Lassen.

[750] als sich an eine unbedeutende Schulfreundin zu erinnern; wer weiß, sie ist vielleicht noch weiter von mir verschlagen, bis über das große Wasser und eines Tages bringt die deutsche Zeitung in New York Bild und Biographie einer berühmten deutschen Aerztin, die wissenschaftliche Abhandlungen schreibt und in ihren Sprechstunden täglich von hundert Hilfe suchenden Frauen und Kindern überlaufen wird. Konnte ich denn denken, daß ein Brief verloren gegangen war, jener Brief, in dem Du mir, wie Du sagst, die Geschichte Deiner Studienjahre in der Glasgower School of Medicine for Women erzählt und Deine Promovierung zur Doktorin verkündet hattest? Und wie nun gestern der eingeschriebene Brief aus Glasgow kam, die Adresse in einer mir fremden echt englischen Handschrift, und ich, während ich den Empfang bestätigte, mir den Kopf zerbrach, wer mir aus Glasgow schreiben könnte – zu meiner Schande gesteh’ ich’s, nicht von fern kam mir die Vermutung, er könne von meiner alten Mary sein, von ihr, an die zu denken ich nie aufgehört hatte, deren Photographie über meinem Schreibtisch, auch wenn ich hätte untreu werden wollen, mich vor dieser Todsünde bewahrt haben würde.

Aber wie ich nun das Couvert aufgriffen hatte und unter den acht engen Seiten den geliebten Namen las und in dem photographischen Kärtchen das liebe alte Gesicht wiederfand, jetzt freilich noch etwas ernster und „sibyllinischer“ – Du entsinnst Dich wohl unserer alten Neckerei – aber immer noch meine Mary und jedes ihrer Worte so schwesterlich vertraut, – o meine alte Unvergeßliche, es überströmte mich eine so heiße Freudenflut, daß sie im Herzen nicht Raum fand und aus den Augen wieder herausstürzen mußte! Du weißt, ich habe Lori Schumacher nicht ausstehen können. Ich verachtete sie, daß sie in der Litteraturstunde, wenn wir die „Jungfrau von Orleans“ lasen, unterm Tisch ein Buch von Paul de Kock verschlingen und dazu Pralinés naschen konnte. Aber nun will ich ihr alles abbitten, weil sie es war, durch die Du mündliche Nachrichten über mich erhieltst und erfuhrst, daß ich weder untreu, weder tot sei, sondern acht lange Jahre nicht ein Wort von Dir erfahren hatte.

Die Freude hat mich so taumelig gemacht, Du kannst heute keinen vernünftigen Brief von mir erwarten, keinen, der, wie der Deine, Dir ein Bild meines Lebens gäbe. Auch wenn ich dazu imstande wäre, wär’s immerhin kein so erfreuliches, wie mich’s aus Deinem Brief anblickt. O Mary, ich habe so eins vor Dir voraus: den Besitz eines geliebten Mannes, den ich täglich mehr achten und verehren lerne, während Du, Aermste, den Deinen nach so kurzem Glück hast hingeben müssen. Aber Dir sind ja Deine Kinder geblieben, drei so liebe Bübchen – Du mußt mir ihre Bilder schicken, hörst Du? – und Dein Beruf, der Dich mit so reiner Genugthuung erfüllt und Dir die Gewißheit giebt, nicht nur der Menschheit, insbesondere ihrem weiblichen Teil, eine Helferin und Wohlthäterin zu sein, sondern auch Deine Knaben frei von drückenden Sorgen anziehen zu können, umgeben von der Achtung aller, die Dich kennen für Dein rechtschaffenes Tagewerk, belohnt durch die Dankbarkeit derer, denen Du in leiblichen Nöten Hilfe gebracht hast, während ich – – –

Aber nein, dieser erste Brief soll keinen bitteren Ausklang haben. Wir sind wieder beisammen und können uns nie mehr verlieren. Da wirst Du es freilich ertragen müssen, daß ich wie in unsrer jungen Zeit Dir nur allzu schrankenlos mein Herz ausschütte, als Dein altes, trostbedürftiges „Beichtkind“, wie Du mich damals nanntest. Nur fürchte nicht daß ich den Trost, den Du mir gewährst, nach der Länge Deiner Briefe messen werde. Ich werde nie vergessen, daß Du eine Sprechstunde hast und ich nur – Plauderstunden, so viel ich haben will. Nur von Zeit zu Zeit einen Gruß von Dir zu erhalten, ein liebevolles Wort, das mir sagt, ich falle Dir nicht lästig mit meinen Herzensergießungen – zumal ich keinen Rat und keine Hilfe von Dir erwarte – das wird mir sein, wie wenn Du neben mir säßest und mir wie auf der Bank im Schulhof, wenn ich Dir mein Leid geklagt hatte, mit der warmen Hand übers Haar strichest und mit Deiner klaren, ruhigen Stimme zurauntest: Kopf oben, kleine Dulderin! Wir suchen uns unser Leben nicht aus, aber we must try to make the best of it[5].

Du warst schon damals die Erste im Englischen, auch in englischem self-government. Ich bewunderte Dich auch weniger um Deine anderen Gaben als um Deine Tapferkeit. Freilich, auch der Tapferste macht nur ein Loch in seinen eigenen Kopf, wenn er damit durch die Wand rennen will.

Es ist zu dumm, ich komme doch wieder in den elegischen Ton! Also nichts mehr für heute als nur einen Jubelruf und Herzensdank für das beseligende „Wunder“, und jetzt in alle Ewigkeit Dein treues Beichtkind

Martha.     


Zweiter Brief.
W. ..... 25. September.     

Das hätt’ ich denken können, liebste Mary, vielmehr, ich hab’ es gedacht, gleich nachdem mein Brief fort war, daß Du wegen der Stoßseufzer, die ich törichterweise nicht unterdrückte, als ich mein Leben mit dem Deinen verglich, Dir allerlei Sorgen machen, vor allem den Verdacht schöpfen würdest, ich sei nicht so glücklich in meiner Ehe, wie ich nach dem Zeugnis, das ich meinem Manne ausgestellt, von Gottes und Rechts wegen sein müßte. Ich war drauf und dran, dem Brief gleich am andern Tage ein langes Postscript nachzuschicken, mit einer ausführlichen Liebeserklärung für meinen Hellmuth, dessen Bild ich beilegen wollte. Dann unterließ ich es, denn ich sagte mir: wenn ich sie gleich zu Anfang unseres Wiederhabens dermaßen mit Briefen bestürme, wird sie erschrecken und am Ende wünschen, die auferstandene Jugendfreundschaft, die sich so geschwätzig gebärdet, legte sich wieder – wenn auch nicht ins Grab, doch zu einem friedlichen Schlummer hin, statt ihr ihre kostbare Zeit zu stehlen.

Nun aber fragst Du mich geradezu, was ich denn hätte, das mich in der glücklichsten Ehe nicht zur Ruhe kommen lasse. Da muß ich wohl antworten. Und wenn ich ein wenig weit aushole, ist’s nicht meine Schuld, sondern die der acht Jahre unserer Trennung, deren Geschichte nicht merkwürdiger ist als der Lebenslauf von Tausenden unseres Geschlechts in dieser entscheidenden Periode der reifen Mädchenjahre, deren Erfahrungen Dir aber gottlob fern geblieben, da Du zu den Ausnahmsnaturen gehörst und früh in ein Land geflüchtet bist, wo freiere und gesündere Lüfte wehen.

Du hast meine guten Eltern gekannt, soviel man Menschen kennen lernt, deren gastliches Haus man zuweilen besucht und die einem ein freundliches Gesicht machen, weil man mit ihrer Tochter innige Freundschaft hält. Daß ihnen diese Freundschaft zuweilen Sorge machte, hast Du wohl nie gemerkt, und ich hütete mich wohl, Dir’s zu verraten. Sie hielten Dich für ein gefährliches Wesen, weil Du immer, mit aller Bescheidenheit, offen heraussagtest wie Du fühltest und dachtest, selbst wenn es gegen die hergebrachten Anschauungen und Vorurteile der guten alten Zeit verstieß. Sie fürchteten, Du möchtest auf ihr Kind einen unheilvollen Einfluß ausüben, mich zu ähnlichen „extravaganten“ Grundsätzen verführen, die ihnen ein Greuel waren. Aber sie liebten mich zu sehr, um mir den Umgang mit Dir zu untersagen, und atmeten nun auf, als Du, bald nachdem wir die höhere Töchterschule verlassen hatten, Deinen alten Vorsatz, in England Medizin zu studieren, ausführtest und mit der kleinen Erbschaft von der guten alten Tante Bettine auf und davon gingst.

Auch waren sie liebevoll genug, meine Trauer um Dich zu schonen und Dich mir nicht als warnendes Exempel vorzuhalten, wohin die „Emancipationssucht“ der modernen Jugend führe. Bleibe im Lande und verheirate Dich redlich! Zumal wenn Du durch ein kleines Heiratsgut gegründete Aussicht dazu hast. Daß der Mensch, auch der weibliche, nicht vom Brot allein lebt, und wäre es selbst, wie man’s früher gewohnt war, im eigenen Ofen gebacken kam diesen lieben trefflichen Seelen nie zum Bewußtsein.

Die Tochter gehört ins Haus ihrer Eltern, bis sie in das ihres Mannes eintritt! war die oft ausgesprochen felsenfeste Ueberzeugung meines lieben Papas. Er war ein ausgezeichneter Jurist, aber von der alten Schule, die sich um die seit hundert Jahren so vielfach veränderten Lebensverhältnisse und die neuen Rechtsfragen, die sich daraus ergaben, nicht ernstlich bekümmerte. Auch war er durch sein Amt zu sehr in Anspruch genommen, um sich mit Problemen dieser einzulassen, die ein umfassendes Studium erforderten.

Wie vielen hochgebildeten Männern bin ich seitdem begegnet, die über brennende Lebensfragen unserer heutigen Gesellschaft mit der oberflächlichen Kühnheit absprechen, ohne sich je die Mühe zu geben, ihnen ein ernsteres Nachdenken zu widmen! Die Rechtschaffensten darunter sind diejenigen, die ein so gehäuftes Maß täglicher Arbeit zu bewältigen haben, daß sie an das, was [751] darüber hinausgeht, nicht rühren mögen, es also vorziehen, sich an die Erbweisheit ihrer Väter und Großväter zu halten, durch die wir’s ja so herrlich weit gebracht haben. Aus reiner Gewissenhaftigkeit, weil sie ihren Fürwitz von dem lassen wollen, was ihres Amts nicht ist, gehen sie über die schwersten Aufgaben der Zeit leichten Herzens zur Tagesordnung über.

Bei meinem lieben Vater kam noch eins hinzu, ihn in der leidenschaftlichen Abneigung gegen alles, was zur „Frauenbewegung“ gehört, zu bestärken: die unbedingte Verehrung, ja Vergötterung seiner eigenen Frau. Wie liebenswürdig meine Mutter war, wird Dir selbst noch in lebhafter Erinnerung sein. Das wärmste, gütigste Herz, allerlei kleine Talente, vor allem das, es jedem wohlzumachen, der in ihre Nähe kam, das anmutige, bis in die späteren Jahre jugendlich frische Gesicht, und doch keine Spur von Gefallsucht, gern auf alle gesellschaftlichen Erfolge verzichtend, da die Verhältnisse eines unvermöglichen preußischen Regierungsrates nicht erlaubten, ein glänzendes Haus zu machen; ihrem Manne die aufopfernde Gefährtin, ihren zwei Kindern die sorgsamste Mutter – kein Wunder, daß mein guter Vater in ihr das Musterbild aller weiblichen Tugenden sah, das Weib, wie es sein soll, der Maßstab, an dem er alle anderen Exemplare unseres Geschlechts zu messen gewohnt war.

Auch ich hing an ihr mit größter Zärtlichkeit. Aber da unsere Naturen grundverschieden waren und ich schon als ganz junges Ding mir Rechenschaft über alles gab, was ich um mich her und in mir selbst wahrnahm, konnte ich mir nicht lange verhehlen, daß es dieser trefflichen Frau an etwas fehlte, was im menschlichen Dasein doch auch sein Recht behaupten muß. an zusammenhängender Klarheit des Denkens. Sie war und blieb ihr Leben lang das reine Geschöpf ihrer Instinkte, ohne jemals über die Berechtigung derselben sich den geringsten Skrupel zu machen. Und weil sie eine so gute und reine Natur war, konnte sie auch des regelnden und stützenden Verstandes mehr als tausend andere entbehren und besinnungslos ihrem Herzen und Temperamente folgen.

Nur das war schlimm, daß sie in Ermangelung eigener Gedanken sich hartnäckig auf einen kleinen Vorrat überlieferter sogenannter Grundsätze verließ, deren Bewahrung ihr als eine Art religiöser Pflicht erschien. Daß sie ganz in ihrem Haushalt und der Sorge für Mann und Kinder aufging, – wer hätte ihr das zum Vorwurf machen können! Wenn nach Goethes Wort der Mann „die Welt in seinen Freunden sehen“ soll, wie viel berechtigter ist die Frau, ihre Welt in ihrer Familie zu sehen, wenn es ihr so gut geworden ist, eine eigene Familie zu besitzen, die ihre ganze Liebeskraft in Anspruch nimmt. Aber so edel und beglückend das Ziel sein mag, so verkehrt sind doch oft die Wege, die zur Erreichung desselben eingeschlagen werden.

Meine Mutter war von der ihren an eine längst veraltete pedantische Führung des Haushalts gewöhnt worden, die selbst ihrem Manne manchmal zu weit ging. Erst die Leinenschränke, dann Mann und Kinder! neckte er sie wohl einmal. Und wie litt er unter ihrem Fanatismus im „Stöbern,“ wie man hier in Bayern das Zurückführen des Hausstandes in ein entsetzliches Chaos nennt, aus welchem hernach die alte Ordnung nur in etwas staubfreierem Zustande hervorgeht! Sie wäre für ihren Mann unbedingt durch Wasser und Feuer gegangen. Aber von den zwei alljährlichen großen Scheuer- und Ausleerfesten, die jedesmal volle vierzehn Tage dauerten, ihm auch nur eines zu schenken, hätte sie als eine empörende Zumutung angesehen, der die gehorsamste Ehefrau einen unerbittlichen Widerstand entgegenzusetzen verpflichtet sei.

Mein armer Papa ergab sich seufzend darein, zweimal im Jahre im eigenen Hause alle Klopfgeister der Hölle toben zu hören. Er sah das als den einzigen Schatten bei dem sonst so strahlenden fleckenlosen Licht dieser Krone des Geschlechtes an. Und da dies die einzige Eitelkeit war, auf der er die geliebte Frau betraf, gewöhnte er sich daran, auch diese Schwäche als eine Tugend zu verehren.

Und so war er auch fest überzeugt, für seine Tochter könne es kein größeres Glück geben, als unter den Augen einer solchen vollkommenen Hausfrau, nachdem sie die Schule absolviert, in die Hochschule des weiblichen Berufs aufgenommen zu werden.

Wir waren ja nun beide endlich „mit dem Zeugnis der Reife“ für Bälle und Gesellschaften von unseren bisherigen Lehrern und Lehrerinnen entlassen worden. So sehr ich Dich darum beneidete, daß Du nun weiter studieren, ja das richtige Lernen jetzt erst beginnen solltest, so war ich doch eine zu gute Tochter, um mich dagegen zu sträuben, bei meiner lieben Mama in die Lehre zu gehen, da ich bisher mich um nichts im Hause bekümmert hatte und der Meinung war, es handle sich auch in der Hauswirtschaft um ganz interessante Probleme.

Wie bald erkannte ich, daß es auf eine praktische Thätigkeit hinauslief, die in einem einfachen bürgerlichen Hause mit etwas gutem Willen und klarer Einsicht auch ohne Urmütterweisheit bald zu bewältigen ist. Mein Papa, der übrigens Goethes Werke in seinem „Giftschrank“ verschlossen hielt, auch nachdem ich schon über das Konfirmandenalter längst hinaus war, citierte mit Vorliebe jene bekannte „Epistel“, in der der alte Herr über Mädchenerziehung Maximen zum besten giebt, die – wie ich unehrerbietig genug bin, zu glauben – schon vor hundert Jahren nur auf das engste philiströseste Familienleben passen konnte. Aber selbst wenn er damit die goldenste Weisheit gepredigt hätte, daß den Mädchen im Hause die Lust zum Lesen – und Denken – ausgetrieben werden sollte, damit „der kuppelnde Dichter“ sie nicht mit allem Bösen bekannt macht – indem einer jeden ein eigenes Departement des Hausregiments zuerteilt wurde – in unserem Hause hielt Mama die Zügel der Herrschaft so eifersüchtig fest, daß ich weder in Keller und Küche noch – wenn wir einen gehabt hätten – im Garten das Geringste zu thun gehabt hätte.

Alles blieb bei einigen theoretischen Unterweisungen die sehr leicht zu kapieren waren und, wie doch eine gute Erziehung soll, für Geist und Herz nicht die geringste Nahrung boten. Und das Wort des Dichters:

„Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich ein Kochbuch“, traf auch bei mir nicht ein. Selbst Brillat-Savarin reizte mich nicht zu wissenschaftlichem Eindringen in ein Gebiet, das vor allem das Bewahren angeborener künstlerischer Talente verlangt, wenn eine höhere Strafe als die der bescheidenen Hausmannskost erreicht werden soll. – Und wir gaben ja keine Diners.

Hier aber muß ich für diesmal abbrechen. Sehr zur rechten Zeit, ehe dieser Brief sich zu einem doppelten auswächst, ruft mich meine Köchin vom Schreibtisch weg, da ich meinem lieben bayrischen Gatten – er ist in Ansbach geboren – ein norddeutsches Gericht versprochen habe, was unsere Kathi ohne meine Hilfe nicht zustande bringt. Du siehst, Liebste, ein mütterlicher Tropfen fließt trotz alledem auch in meinem Blut. Und da ich morgen Wäsche habe – shocking, nicht wahr? – werde ich erst in nächster Woche den abgerissenen Faden weiterspinnen.

Tausend, tausend Grüße und Küsse Deiner alten

Martha.     

(Fortsetzung folgt.)


Das Kind.
Roman von Adolf Wilbrandt.

(5. Fortsetzung.)

14.

„Schilcher!“ hörte der Appellationsrat jetzt hinter sich, während sein Auge noch an der Thür haftete, hinter der Gertrud verschwunden war. Rutenberg war von der Südterrasse her eingetreten, ohne daß der Versonnene es gehört hatte. Rutenbergs Stimme war beinahe heiser, erst nach und nach kam sie wieder zu sich. „Schilcher! Hast du das Kind gesehen?“

„Jawohl,“ antwortete Schilcher; seine blaßgrauen Augen gingen wieder nach Gertruds Thür.

„Wo? War sie hier?“

„Zu dienen. Jetzt in ihrem Zimmer.“

„Wie war sie, Schilcher?“

„Nu,“ sagte der Oberappellationsrat, die Achseln zuckend. „Ziemlich toll, wie mir schien.“

„Daran bin ich schuld! Es ging mit mir durch! – Hab’ mich übereilt. Hab’ ihr gesagt, daß sie mißraten ist, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß ich mit ihr abreise. Hab’ ihr alles gesagt –“

„Natürlich!“ setzte Schilcher hinzu und hob die Augen [752] tragikomisch gen Himmel. „Jetzt versteh’ ich die Sache, jetzt ist alles klar: Fräulein Gertrud will fort! Der Adonis hat ihr vorgeschlagen, ihrem Tyrannen zu entfliehn, und als ihres Vaters Tochter hat sie eingewilligt!“

„Entfliehn!“ rief Rutenberg fast zu laut. „Eingewilligt!“

„Nicht wieder durchgehen, Alter,“ flüsterte Schilcher. „Ruhig. Leise, sotto voce. Ja, mit dem Heißgeliebten fort; offenbar. Scheint mir jetzt unzweifelhaft! Sie ihm nach, wenn’s still ist, und ans Meer hinunter –“

„Ans Meer hinunter!“

„Und von da nach Vico. Das Durchgehn hat sie ja von dir –“

„Meine Gertrud! Mein Kind! Rutenberg hob die Arme, schien wieder fortstürzen zu wollen, gegen Gertruds Thür. Schilcher hielt ihn fest. „Na, na!“ raunte er nur. „Kaltes Blut!“

„Hast recht“, flüsterte Rutenberg. „Eine zweite Uebereilung – Gott bewahre, Schilcher. Ich bin ruhig, Schilcher. – Einsperren? Gewalt? Nichts da. Das Kind ist nicht bei sich, ist in einer kritischen Ueberreizung, der man Zeit lassen muß. Weckt man ihre Leidenschaft, so ist sie zu allem fähig –“

„Als Wilhelm Rutenbergs Kind!“

„Ja, ja … Also was thun? – Ruhig Blut behalten – und sie nicht fortlassen. Still sein, aber wachen –“

„Schildwache stehn,“ ergänzte Schilcher.

„Ja, ja! Schildwache stehn. Bis zum Morgen, wenn’s sein muß! – Sie hat noch eine Thür nach der Südterrasse; die verschließ’ ich, Schilcher, leise, ohne daß sie’s merkt. Dann kann sie nur noch durch diesen Salon hinaus, und da wachen wir – du und ich!“

„Ich mit dir, versteht sich. Statt der Whistpartie haben wir eine andre Unterhaltung –“

„Ich verschließ’ die Thür!“

Hurtig, aber auf leisen Füßen schlich Rutenberg auf den Südbalkon hinaus, in die jetzt dunklere Nacht. Er war eben draußen, als von der andern Seite, wie vom Ufer oder vom Meer herauf, ein gedämpfter Gesang sich vernehmen ließ. Sollte das schon ein Zeichen sein? dachte Schilcher, der über diese Katastrophe des Hauses Rutenberg nun doch auch den Kopf zu schütteln anfing. Sachte, nicht wie ein Oberappellationsrat, sondern wie ein Verbrecher, bewegte er sich bis an die Glasthür, die nach Norden sah, und öffnete sie. Nein. Er konnte nun deutlich hören, es war ein italienisches Lied, echt italienisch gesungen, er erkannte auch Pasquales Stimme, der offenbar auf der zum Meer hinunterführenden Felsentreppe sang. Also jedenfalls waren Pasquale und Wyttenbach noch nicht fort! – Eine Weile horchte er halbverloren hin. Auf einmal durchfuhr ihn ein Gedanke, daß es ihn ein wenig schüttelte und er leise lachen mußte. Mit Pasquale reden und ihm –! Er schloß die Balkonthür, er knöpfte seinen Rock wieder zu, unternehmungslustig. Als Schildwache auf dem Posten mußte er hier noch warten bis Ablösung kam. – Rutenberg kam zurück. „Du, ich hab’ noch einen Gang,“ flüsterte er jetzt. „Wach’ so lang’ allein. Ich bin gleich wieder da!“ Er ging auf den Korridor hinaus, sich ein Liedchen pfeifend.

Rutenberg setzte sich auf einen Stuhl an dem runden Tisch, mit den Augen auf Gertruds Thür, rieb sich die Kniee mit den Händen und wiegte sich vor und zurück. So, dachte er, meine tollgewordene Trudel hab’ ich eingeschlossen. Leise wie ein alter Dieb. Das wird jetzt eine lustige Nacht! – Wenn dann der Mond noch kommt, können wir hier schwärmen … Ist man selber nicht mehr jung, so verschaffen einem die Jungen solche italienischen Nächte, und die glücklichen Väter segnen sie dafür und bedanken sich! Er verlor aber den Humor doch nicht, das thaten er und seine Landsleute nicht. Eine Nachtcigarre begann ihm jetzt vorzuschweben, in den Salon kamen nun keine Gäste mehr, die gingen alle zu Bett, rauchen war gestattet. Er zündete sich eine seiner guten, milden Cigarren an; auch ein Trost, ein Glück! dachte er, ich danke! – Wenn ich nun das Schachspiel hole, sind wir ganz geborgen und wenn ich uns aus demselben „Fumoir“ die halbe Flasche Wein hole, die wir da vorhin stehen ließen –

Er stand wieder auf, schlenderte gemütlich ins Rauchzimmer und nahm das Schachbrett, auf dem die Figuren noch herumlagen, von dem kleinen Tisch. Auf dem größeren stand die Flasche mit den beiden Gläsern, halb? Er hatte sich geirrt, sie war noch beinahe voll. Ein unerwarteter Segen. So viel Glück konnte er ja gar nicht verlangen, er blickte wieder gen Himmel: ich danke! Diese Schätze im Arm, kam er in den Salon zurück. Er stellte sie auf den runden Tisch, langsam, um die Zeit zu füllen, ließ er die durcheinandergeworfenen Schachfiguren wieder aufmarschieren. Als er damit fertig war, belohnte er sich durch einen guten Schluck, den er sich aus der Flasche einschenkte. Das macht noch nicht müde, murmelte er. Schildwachen muß man bei guter Laune erhalten … „Ach!“ entfuhr ihm plötzlich, da er die Augen wieder auf Gertruds Thür hatte, er seufzte.

Es dauerte noch eine gute Weile, wie ihm deuchte, bis die Korridorthür wieder ging. Schilcher trat geräuschlos ein. „Das wär’ abgemacht!“ sagte er leise, mit einem kaum erkennbaren Lächeln im stillen Gesicht, und setzte sich neben die andre Schildwache auf den nächsten Stuhl.

„Was?“ fragte Rutenberg.

„Ich hab’ ihn noch erwischt, den Pasquale mein’ ich. Für italienisches Papiergeld ist der gute Kerl wunderbar empfänglich, thut dafür auch alles, der Spitzbube. Er und sein Compagno sollen, wenn unser Seefahrer eingestiegen ist und sie mit ihm an den Felsen hinfahren –“ Schilcher hielt inne und schmunzelte in seinem stillen Vergnügen vor sich hin.

„Na, was sollen sie?“

„In der Dunkelheit etwas Brandung machen das heißt, hin und her schaukeln, ohne daß der kühne Seefahrer es merkt. Das wird ihm vielleicht nicht gefallen, kann vielleicht nützlich sein!“

Rutenberg lächelte: „Du wirst ja auch ein Spitzbube unter diesen Welschen! – Das kann uns nützen, meinst du?“

„Vielleicht! Chi lo sa! Man muß nichts versäumen. Wir sind jetzt auf Kriegslisten angewiesen, Vater Rutenberg. Wenn sich das bewährt, daß der junge Held und Entführer keine Wellen vertragen kann …“ Er rieb sich noch einmal vergnügt die Hände, dann nahm er einen weißen und einen schwarzen Bauer vom Schachbrett, um mit dem andern zu losen, wer den ersten Zug hätte.

„Wie spät ist es denn?“ seufzte Rutenberg.

„Zehn Stunden vor Sonnenaufgang,“ antwortete Schilcher nach einem Blick auf die Uhr.

„Also noch hübsch viel Zeit! – – Nicht wahr, du alter Romantiker, so ’ne Nacht gefällt dir.“

„Zu Hause spielen sie Whist! – – Schildwach’ sitzen ist ja aber auch eine hübsche Sache, für uns alte Kerle. – Ich dank’ dir, schenk’ mir nicht ein; trinken mag ich nicht. Rauchen mag ich auch nicht – Das Merkwürdigste ist, daß ich gerade heute abend plötzlich müde werde …“

Er riß die Augen auf und schüttelte unwillig den Kopf.

„Armer Schilcher!“ summte Rutenberg, und seufzte dann wieder. „Ich bin nur zu wach! Ich hab’ hier ein niederträchtiges Gefühl – er wies auf sein Herz – „hier in dieser Gegend. Vater sein! Ja, ja! All das Thun und Sorgen, Schaffen und Hoffen, siebzehn Jahre lang – damit man dann so wie eine Feldwacht da sitzt und horcht in der toten Nacht …“ Er stand plötzlich auf. „Rührte sich was?“

Schilcher horchte. – „Nein. Die Flurlampe wird gelöscht.– Ich hatte mal einen Hund, der immer fortlaufen wollte …“

„Schilcher!“ sagte Rutenberg, nachdem er sich wieder gesetzt hatte.

„Was?“

„Ich verzage, Schilcher.“

„Das geht dir zuweilen so.“

„Wir sitzen hier … Wir sind wieder am Anfang, Schilcher! Wie auf diesen labyrinthischen Wegen hier zu Lande –“

„Ja, über die schimpfst du gern –“

„Wo man zwischen den hohen Gartenmauern fortgeht, ohne zu sehn, wohin, und der Weg windet sich und windet sich – und endlich kommt man ungefähr da wieder heraus, wo man angefangen hat. – Wie soll’s denn enden, Schilcher? Morgen ist’s ebenso. Das Kind ist von Sinnen; das Kind giebt nicht nach. An dieses ‚Ideal‘ hat es sein Herz, seinen Kopf, seine Vernunft verloren, ja, ja, seine Vernunft!“

Schilcher stellte die beiden Bauern wieder auf den Tisch; als er den zweiten, den weißen hinstellte, deutete er mit dem Finger auf den.

„Was meinst du? – Was willst du damit sagen?“

„Ja, ja,“ brummte Schilcher, „so geht’s nicht. – Er deutete nochmals auf den zweiten Bauer. – „Uns fehlt der andre, Rutenberg.“

[753] „Was heißt das?“

„Na, der andre. Der Ablenker!“

Rutenberg sah eine Weile nachdenkend in das bewegungslose kluge Gesicht. Er stand dann auf, ging durchs Zimmer; that noch ein paar Züge aus seiner Cigarre, warf sie über den großen Balkon hinaus und kam zurück. „Mensch, du hast ja recht!“ sagte er. „‚Der andre!‘ Da liegt’s. Das ist es. Sagt man so einem Kind nur immer: ‚den nicht!‘ das ist in den Wind gesprochen. Von dem läßt sie nicht; von dem einen nicht – so lang’ nicht ein andrer kommt! der den einen verdunkelt, ihm über den Kopf wächst, dem Kind ins Herz wächst!“

„Nu ja,“ murmelte Schilcher. „Das ist’s.“

Rutenberg schenkte sich wieder ein, trank ein wenig mit einem Seufzer stellte er darauf das Glas auf den Tisch zurück. „Na ja, und wenn es das ist – hast du diesen andern? Einen Arthur für uns? Einen Jüngling, der uns beglückt – und der sie beglückt? der ihr die Augen aufmacht? der uns so gefällt, daß wir alle vier Hände über ihnen ausstrecken und sie segnen: ‚Kinder, Kinder, liebt euch?‘ – Hast du den?“

„Nein. Wenn ich ihn hätte, würd’ ich es ja sagen.“

„Hm! –“ Rutenberg sah den Alten wieder mitleidig, mit zunehmender Rührung an. „Und statt dessen wachst du hier. Märtyrer. – Wie spät ist es denn?“

Schilcher schaute auf seine Uhr: „Zehn Stunden vor Sonnenaufgang, weniger fünf Minuten.“

„Schilcher, es ist hart!“ – Rutenberg warf sich auf seinen Stuhl.

Eine Glocke ward angeschlagen er fuhr wieder in die Höhe. „Was ist das?“ fragte er. „Ein Zeichen für das Kind?“

Schilcher schüttelte den Kopf. „Die Hotelglocke wird geläutet.“

„Ja, ja. Hast recht –“

„Es kommen wohl noch Fremde.“

„So spät? – Das kleine Hotel ist ja ganz besetzt.“

Schilcher schüttelte wieder den Kopf: „Ein Zimmer ist noch frei. Mit zwei Betten. Hat mir der Facchino gesagt.

„Man steigt die Treppe herauf!“

„Zwei Stimmen.“

„Der Kellner – und der Fremde.“

„Also ist nur einer gekommen.“

„Wahrscheinlich. – Das Ganze ist eine angenehme Unterbrechung, Schilcher!“

Der Oberappellationsrat nickte ernsthaft; beide horchten wieder.– „Sie gehn richtig in das einzige Zimmer, das noch frei war, am Korridor!“ bemerkte Schilcher.

„Ja, was sollten sie sonst auch thun?“

„Jetzt ist alles still.

„Dieselbe Beobachtung,“ entgegnete Rutenberg, „hab’ ich auch gemacht.“

„Der Kellner geht wieder fort.“

„Wie scharfsinnig du das alles in dich aufnimmst, Schilcher. Ich wollt’, es kämen im Lauf der Nacht noch ein Dutzend Fremde, damit dein Geist immer Arbeit hätte!“

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Herbst.
Nach einem Gemälde von A. Charnay.

[754] „Bitte, still,“ raunte Schilcher jetzt.

„Was giebt’s?“

„Der Fremde kommt ja hierher.“

„Zu uns?“

„Offenbar. Da geht er.“

„Wahrhaftig! – Na, er darf ja auch. Es ist der Salon!“


15.

Die Thür zum Korridor ging auf; Rutenberg öffnete aber die Lippen vor Ueberraschung, als er den eintretenden Fremden erblickte. Es war Waldeck Sohn, derselbe Fritz Waldeck, von dem er sich vor bald vier Wochen, zu Hause so ungut getrennt hatte. Der junge Mann kam hastig herein, erhitzt und doch bleich, wie von innerer Unruhe; sein ernstes Gesicht ward einen Augenblick hell, als er die beiden Männer sah. Er war ohne Hut, ohne Handschuhe; das schlichte, dunkelblonde Haar hing ihm etwas vernachlässigt in die breite Stirn. Man konnte ihn atmen hören. Er machte einige unklare Bewegungen, ohne noch zu sprechen.

Rutenberg nahm zuerst das Wort, da der Jüngling schwieg. „Das ist ja –!“ Nach diesen drei Silben hielt er schon inne: ihm fiel nun erst ein, mit was für harten Worten er ihn damals entlassen hatte.

„Guten Abend, meine Herren,“ begann der schlichte, angenehme Baß des jungen Mannes, heute fast noch dunkler gefärbt als an jenem Abend. „Ich hoffte kaum … Ja, eigentlich hofft’ ich doch – Entschuldigen Sie, wenn ich zu so später Stunde –“

„Sie sind hier ja im gemeinsamen Salon,“ unterbrach ihn Schilcher, der sich sonst nicht rührte. „Guten Abend, Herr Waldeck“.

Fritz Waldeck verneigte sich gegen ihn, dann trat er aber auf Rutenberg zu. Nachdem er die breite Brust wieder mit Luft gefüllt hatte, sagte er mit leise erzitternder Stimme: „Herr Rutenberg, Sie haben meinen Vater – damals, vor drei, vier Wochen – Sie haben ihn einen Verbrecher, einen Betrüger, einen Schurken genannt. Sie haben mir dann gesagt, als ich Ihnen widersprach, Sie können weder Ihren Vater, noch Ihre Mutter aus dem Grabe rufen schaffen Sie Beweise!“ – Er legte eine Hand auf seine Brusttasche: „Das ist jetzt geschehn. Ich wiederhole Ihnen jetzt, was ich damals sagte: Sie haben nicht das Recht, ihn so zu nennen es ist nicht die Wahrheit!“

Erstaunt, wie selten in seinem Leben, sah Rutenberg den Jüngling an. Da stand dieser lange Mensch auf einmal in Sorrent, um ihm das zu sagen … In dem bleichen jungen Gesicht war eine Mischung von bescheidener Schlichtheit und von Löwenkühnheit, die ihm wunderbar auf die Seele ging. Es kam ihm noch Schillerscher vor als damals. Dazu diese dunkle ergreifende, nur ein wenig heisere Stimme. Ehe er etwas zu erwidern vermochte, sah er Schilcher an, der nickte nun wie wenn er damit ausdrücken wollte: „hab’ ich dir das nicht gesagt?“

„Sie sehen mich ganz – ganz erstaunt, Herr Waldeck,“ kam dann etwas unsicher aus ihm heraus. „Sie kommen aus dem Norden hierher … Und Sie sagen: ‚Beweise‘ –“

„Ja,“ fiel ihm Fritz Waldeck ins Wort „Ich hab’ gesucht; Tag und Nacht, in jedem offenen und verborgenen Fach, in alten Kisten und Koffern … Denn da ich meinen Vater nicht aus dem Grabe rufen konnte – und mir seine Ehre doch heilig war; natürlich – so hab’ ich jedes Blatt Papier – –“ Er zog mit zuerst ungeschickten, zitternden Fingern einige zusammengefaltete Briefe aus der Brusttasche. „Ich sagte Ihnen damal:s er war kein Betrüger, er war betrogen wie Sie. Hier sind die Beweise, Herr Rutenberg. Hier sind die Beweise!“

„Aber was sind Sie für ein Mensch,“ erwiderte Rutenberg. „Um mir das zu sagen, machen Sie diese weite Reise –“

Fritz Waldeck hatte eine ablehnende Bewegung: „Es – es machte sich so. Es ließ sich machen … Ich will Ihnen natürlich nicht vorwerfen, daß Sie schlecht von meinem Vater dachten, der Schein war gegen ihn, das weiß ich ja. Mein unglücklicher Vater – – die Papiere, die ihn rechtfertigen konnten, hatte er verloren: er verzagte, er verzweifelte, wie er die allgemeine Verdammung, – die lärmende, tobende, wütende Verdammung widerlegen sollte. In dieser Seelenangst verlor er den Kopf; sein Verstand fing schon damals an, sich zu verwirren; sehn Sie, das zeigt dieser Brief!“ – Er zog einen Brief aus den andern, die um ihn herumlagen heraus, pochte mit dem Zeigefinger darauf und schüttelte ihn. „Den schrieb er an meine Mutter, nach seiner Flucht, aus Amerika schrieb er darin alles das, was ich eben sagte. Den hilflosen Jammer um den verlorenen guten Namen – seine Ohnmacht – seine Anklagen gegen sich selbst, daß er so vertrauensvoll und so blind gewesen – und dann auf einmal diese sinnlosen ganz verwirrten Worte … Bitte, lesen Sie!“

„Ja, ja,“ sagte Rutenberg, in dem sich noch der Widerspruch, die alte Ueberzeugung wehrten; er nahm den Brief, schaute aber noch nicht hinein. „Das schrieb er an Ihre Mutter …“

„Ich hab’ hier noch mehr Beweise, Herr Rutenberg!“ rief der junge Mann mit plötzlich hoch hinaufgehender Stimme aus. „Dieser zweite Brief. Sehn Sie. Den sein Arzt an meine Mutter schrieb. Sehn Sie ihn nur an!“ Er hielt ihn hin, drückte ihn in Rutenbergs Hand. Dann hob er die Papiere in die Höhe, die er nun noch hatte; seine aufflammenden Augen sagten: ich hab’ hier noch mehr! ich hab’ genug!

Schilcher brummte leise. Plötzlich ging ihm ein angenehmer Ruck durch den Leib; Trudel! dachte er. Den muß unsre Trudel sehn! Den muß sie hören jetzt! jetzt! so lang’ er noch für seinen Vater spricht! – Die hatte ja immer Sinn für was Großes, die Dirn’. Der würd’ ihr gefallen … Wie sagte sie doch damals, an ihrem Geburtstag vor zwei Jahren war’s, als fünfzehnjähriger Backfisch: „wenn einmal einer so recht was Edles und Schönes gethan hätt’, Onkel Schilcher, den möcht’ ich dann heiraten!“ – Ich lachte das stolze Ding noch aus „Trudel, der nimmt dich nicht!“ … Er sah, daß Rutenberg sich in den ersten Brief vertiefte; so geräuschlos wie möglich, und als ginge ihn die ganze Sache nichts an, schob er sich zur Thür hinaus. Er kam in Gertruds Zimmer; dort brannte eine Kerze auf dem Tisch, das Mädchen saß in der entferntesten Ecke, auf einem niedrigen kleinen Stuhl. Sie hatte einen Ellbogen aufgestützt, den Kopf in der Hand. Was für ein Gesicht sie machte, konnte er nicht sehn. „Trudel!“ rief er sie leise an und trat vor sie hin.

„Was ist?“ fragte sie, aus tiefer Versonnenheit auffahrend.

Er wägte seine Worte. „Solltest geschwind zu deinem Vater kommen,“ sagte er mit Doppelsinn, um nicht zu lügen.

„Zu Vater?“ – Sie schüttelte heftig den Kopf, dann den ganzen Leib. „Ich will nicht zu Vater. ,Nie nie, nie!’ hat er mir gesagt. Dinge hat er mir gesagt … Geh’ nur wieder hin, Onkel Schilcher. Ich komm’ nicht!“

„Das ist alles ganz schön, Trudel, bist aber doch immer noch gewissermaßen sein Kind. Und wenn deinem Vater etwas zugestoßen ist …“

„Ist ihm denn was zugestoßen?“ fragte sie nach einem trotzigen Zögern, da er nicht weitersprach.

„Na, du hörst ja!“ murmelte Schilcher. „Darum komm’ ich ja. Und wenn man seinen Vater noch ein bißchen lieb hat –“.

„Was ist ihm denn zugestoßen?“

„Ich muß wieder hin!“ gab er nur zur Antwort; seine kurzen Beine traten bereits ihren Rückzug an. „Allein werd’ ich ihn doch nicht lassen,“ sprach er im Gehen zurück. „Gertrud Rutenberg, komm!“

Was ihm zugestoßen ist? dachte Schilcher, der zuweilen, wenn’s not that, doch auch ein wenig Jesuit war – dieser Fritz Waldeck ist ihm zugestoßen! – Er lächelte in sich hinein, während er zurückging; er hörte, Trudel kam ihm nach. Geschwind war er wieder im Salon, hier blieb er, aber nicht: dem Mädel ins Gesicht zu sehn, verging ihm der Mut. Er that, als suchte er etwas, ohne Rutenberg und Fritz Waldeck anzuschauen und schlüpfte in den „Käfig“, in das Rauchzimmerchen hinein.

Gertrud trat in die offen gelassene Thür, ihr schlug nun doch das Tochterherz; sie wollte auf den Vater zu; – verwundert, verwirrt blieb sie stehn. Der Vater ganz aufrecht, las in einem Brief, mit furchtbar ernstem, weichem Gesicht vor ihm stand dieser junge Landsmann, den sie damals aus Versehen. „Herr von Hiller“ genannt hatte. Von einem Unglück, das dem Vater zugestoßen, sah sie weiter nichts …

„Hm! Hm!“ murmelte Rutenberg bewegt, er war zu Ende mit dem ersten Brief. „Na ja! Armer Mann! – Und was steht denn in dem zweiten Brief? Vom Arzt, sagten Sie –“

„Ja; allerdings,“ stammelte Waldeck, jetzt befangen, verwirrt, da er das junge Mädchen sah, das ihn so fassungslos anstaunte.

[755] Rutenberg blickte auf; nun bemerkte auch er das Kind. Er schaute in die großen Augen die ernsten, in dem guten Gesicht. Wo kam das Kind auf einmal her? – Schon gut, soll nur hierbleiben! fuhr ihm durch den Kopf. „Sprechen Sie nur ruhig weiter, lieber Herr,“ sagte er zu Waldeck. „meine Tochter, da sie schon einmal da ist, ist hier nicht zu viel. Ganz im Gegenteil! Die hat mich nur zu oft von Ihrem unglücklichen Vater – Schlechtes reden hören, die soll mit dabei sein, wenn Sie mich belehren, beschämen. Denn ich seh’s ja Ihren Augen an: ich bin im Unrecht. Also der Arzt. Heraus damit!“

Waldeck zögerte, noch sehr verwirrt. „Vor Ihrer Tochter –“

„Ja, ja! Schonen Sie mich nicht! Verklagen Sie mich so hart wie Sie wollen – wenn ich es verdiene. Ich will doch vor meinem Kind nicht besser scheinen, als ich bin. Also was schreibt der? der Arzt?“

Der Jüngling nahm sich zusammen. Nach meines Vaters Tod – da drüben – in Amerika – schrieb sein Arzt ihn an meine Mutter. Sie haben übrigens den Brief schon in Ihrer Hand. Er berichtet darin über seinen Tod und daß er irrsinnig war, daß er sich im Irrsinn das Leben nahm. Und daß seine Geistesverwirrung sich offenbar lange vorbereitet – schon vor seiner Ankunft in Amerika sich entwickelt hatte … Aber bitte, lesen Sie selbst!“

Rutenberg lächelte, mehr und mehr gerührt. „Ich wollt’ es ja von Ihnen hören. Dann ist’s ja auch so gut wie gelesen … Aber wie Sie wollen!“ – Er sah in den Brief hinein: er durchflog ihn. „Irrsinnig – schon vorher! Mein Gott!“

„Aber das bewiese noch nichts“ – Fritz Waldeck entfaltete die letzten Papiere und hielt sie hin – „wenn ich das nicht hätte: die verlorenen Briefe, die Briefe jenes Schurken, des Direktors der Bank – die er vor dem Zusammensturz an meinen Vater schrieb. Worin er ihm beteuerte, beschwor, immer wieder und wieder – alles stehe gut. Wer daran zweifle, dem könne die heiligste Versicherung gegeben werden, daß ihm alles, alles – Lesen Sie; bitte. Diese Briefe täuschten meinen Vater! Als er sie später suchte, waren sie verloren; unter Papieren meiner armen, ahnungslosen Mutter vergraben – nur zu gut verwahrt. Nach unendlichem Suchen und Stöbern hab’ ich sie gefunden; ach, um viele Jahre zu spät. Aber doch gefunden!“

Rutenberg las, anfangs langsamer, dann flogen seine Augen nur. Endlich ließ er die Briefe auf den Tisch fallen, neben dem er stand. Es kam ihm ein Schluchzen, gegen das er kämpfte. „Und ich,“ brachte er mühsam heraus, „ich hab’ Ihren Vater, meinen Freund, verleumdet. Bis ins Grab –“

„O mein Herr –!“ sagte der Jüngling rasch, mit einer weichmütig abwehrenden Gebärde.

„Hab’ ich ihn denn nicht verleumdet? Stehn Sie denn nicht wie eine lebendige Anklage vor mir da – Sie, sein einziger Sohn? – Mann, und mit diesen Briefen reisen Sie Hunderte von Meilen hierher –“

„Es machte sich so,“ wiederholte Fritz Waldeck, „es fand sich eine gute Gelegenheit dazu. Eine Gesellschaft von jungen Archäologen, die nach Neapel und Rom reiste, mit einem Berliner Professor, unter dem hab’ ich studiert und er hat mich – rührend gern. Der schrieb mir denn auch: kommen Sie mit! Und ich – ich schlief nicht mehr, es ließ mir keine Ruhe, mein Vater stand so oft neben mir am Bett … Sie hatten ihn einen Verbrecher, einen Schurken genannt – Da hört’ ich vom Doktor Wild, wo Sie wohnen, und ich dachte: nimm’s an! So ’ne wissenschaftliche Reise – das ist ja an sich „studiert“. Und für deinen Vater, der – –“

Gertruds blasse Augen ruhten so fest, so weich auf ihm, daß sie ihn verwirrten. Er brach wieder ab. Nur eine unklare Gebärde mit dem Arm sprach noch etwas weiter.

„Ja freilich!“ murmelte Rutenberg. „Und von Neapel sind Sie –“

„Von Pompeji,“ fiel Waldeck ihm ins Wort. „Da wir gestern nach Pompeji kamen – so hielt ich’s nicht mehr aus. Bin heut nachmittag über Castellamare hergewandert –“

„Zu Fuß? Diesen ganzen Weg zu Fuß?“

Waldeck lächelte. „Um zu sparen. Ein so schöner Weg!“

Hinter ihm kam jetzt etwas geschritten, es war der kleine Schilcher, der die Thür zum Rauchzimmer längst behutsam geöffnet und jede Silbe gehört hatte. Er ging um Fritz Waldeck herum und sah ihm ins Gesicht. Er schien auch etwas sagen zu wollen, dann faßte er ihn aber nur stumm am Arm, glitt an dem herunter und drückte ihm die Hand.

In diesem Augenblick füllten sich Fritz Waldecks Augen mit Thränen; er suchte geschwind wieder zu lächeln, weil er sich wohl der Thränen schämte. „Herr! Herr!“ rief Rutenberg aus, der sich an den Tisch lehnte. „Geben Sie mir auch die Hand? – Oder hassen Sie mich? auch bis in den Tod?“

„Wie können Sie denken,“ stammelte der Jüngling, der nun fast nicht mehr reden konnte. „Wenn Sie mich so ansehn –“

„Fritz Waldeck! Ferdinand Waldecks Sohn!“

Rutenberg trat auf ihn zu und schüttelte seine ausgestreckte Hand. Er schluchzte nun doch einen Augenblick. – „Wie soll ich das gut machen, Mensch, was soll ich thun?“

Auf einmal umfaßte er ihn und drückte ihn an seine Brust.

„O mein Herr –!“

Rutenberg ließ ihn wieder los. „Hab’ ich mich übereilt? Durft’ ich das nicht?“

„O, Sie mißverstehn mich. Nein, nein. Ihr Edelmut – Ihre Güte …“ Fritz Waldeck legte sich die Hand auf’s Herz: „Alles, was sich hier angesammelt hatte, ist auf einmal fort. Und alles, alles ist gut!“

Schilcher blickte heimlich auf Gertrud, heimlich nickte er; das Mädel hatte auch eine tüchtige Menge Rührung im Gesicht, wenn er nicht sehr irrte. Richtig, nun geriet sie auch in Bewegung, trat vor den jungen Menschen hin. „Herr – Waldeck!“ sagte sie mit sehr wenig Stimme, aber großen Augen. „Verzeihn Sie mir auch?“

„Ihnen?“ fragte Fritz Waldeck erstaunt, überrascht. „Was hätt’ ich Ihnen –“

„Ich hab’ auch oft nicht gut von Ihrem Vater gesprochen. Nicht wahr, Sie verzeihn mir das; ich hab’s nicht besser gewußt. Und – und ich hab’ Sie verkannt;“ sie gab sich Mühe, zu lächeln; „hab’ Sie sogar verwechselt …“

Nun erheiterte sich sein Gesicht, es verlor das Schillersche. „Selbst das,“ sagte er, den leisen Druck ihrer Hand erwidernd, „kann ich jetzt vergessen!“

Wie hübsch der Junge lächeln kann, dachte Schilcher. Im nächsten Augenblick wandte er den Kopf und horchte zur Glasthür hin; ihm war, als hörte er da draußen rufen, und zwar eine bekannte Stimme. Es klang beinahe wie Hilferufe. Auch die andern horchten. Schilcher, in dem eine vergnügte Ahnung aufstieg, ging zur Glasthür und öffnete sie. Vom Meer herauf kam’s nun deutlicher, so daß man die Worte unterscheiden konnte, ein etwas entstellter, verwilderter Baryton rief: „Ans Land! Ich will ans Land!“

Gertrud fuhr zusammen. Sie schien die Stimme zu erkennen. Schilcher lächelte in sich hinein, ihm ward wohl zu Mut.

„Wenn ich mich nicht täusche,“ sagte er sehr ernsthaft zu den Männern zurück, „so war das Herr van Wyttenbach. Der war also noch nicht fort?“

„Herr van Wyttenbach?“ fragte Fritz Waldeck verwundert, betroffen. Gertrud wandte sich ab, als sähe sie da rechts etwas.

Die Rufe von unten her hörten auf; Schilcher trat auf den langen Balkon und schaute über das Geländer in die Nacht hinunter. „Ich hör’ da auf den Steinen Schritte,“ sprach er nach einer Weile in den Salon zurück. „Es war offenbar eine Barke. Sie sind gelandet, sind ausgestiegen. – Herr van Wyttenbach!“ rief er dann mit seinem holzharten Baß in die Tiefe, über das Geländer vorgebeugt. „Was ist Ihnen denn geschehn? – Wir sind noch hier! Kommen Sie herauf!“

Rutenberg lauschte, verstohlen lächelnd, er hatte seine Augen auf Gertrud, die noch immer die Wand anblickte. „Kommt er?“ fragte er nach einer tiefen Stille.

„Zu Befehl,“ rief Schilcher hinein. „Ich hör’ sie auf der Felsentreppe. Herrn van Wyttenbach und unsern Pasquale hör’ ich. Sie steigen herauf. Es scheint, das unruhige Wasser hat ihn eingeschüchtert.“

Fritz Waldeck trat in die Balkonthür, er verstand das alles nicht. „Wie meinen Sie das?“ fragte er. „Das Meer ist ja ruhig.“

„Dann war es vielleicht eine andre Sache,“ antwortete Schilcher in tiefem Ernst. „Jedenfalls kommt er herauf!“

(Fortsetzung folgt.)
[756]
Blätter und Blüten.

Nicolas Charrington, der „heilige Bierbrauer“. Nicolas Charringtons Vater war einer der reichsten Brauer im Londoner Ostend, dessen Plakate eins der beliebtesten Biere Englands in allen Wirtshäusern verkündeten und noch verkünden, und in dessen Taschen von den 1300 Millionen Mark, welche die englische Arbeiterwelt jahraus jahrein im Alkohol anlegen soll, ein anständiger Prozentsatz geflossen ist. Nicolas wuchs auf, studierte und trat ins Geschäft wie andere reiche junge Herren, bis ihm mit 20 Jahren die Predigten des Dissidentenpfarrers Lord Radstock und alsdann das Studium der Evangelien derart aufrüttelten, daß sein Geist eine ganz neue Richtung empfing. Mit aller Energie warf er sich alsbald auf die Aufgabe, ein „Seelenretter“ zu werden. Voll glühenden Eifers widmete er sich besonders den Armen des Ostends, und während er am Tage in seines Vaters Geschäft arbeitete, lehrte er abends und nachts die verwahrloste Jugend lesen in den so genannten Nachtschulen, die er mit gleichgesinnten Freunden gründete. Bald trat er auch in größeren Versammlungen auf und sein Kampf galt nun besonders dem Teufel des Alkohols. Der Gegensatz zwischen seinen Gesinnungen und dem Geschäft, in dem ihn der Wille seiner Familie festhielt, blieb ihm natürlich ebensowenig verborgen wie denen, die er zu „belehren“ unternahm, und die grellen Bierplakate mit seinem eigenen Namen, die er in allen Hotels, Theatern und Schenken sehen mußte, bereiteten ihm viel Schmerz und Beschämung. Ja, er erlebte es, daß ihm halbwüchsige Burschen abends vor den Lokalen, in denen er sprach, auflauerten, um dem heiligen Brauer die Lust am Belehren zu versalzen. Sein offener Mut, seine herzliche Freundlichkeit ließen ihn zwar selbst bei solchen Gelegenheiten mehr Triumphe als Beschämung erleben, aber der Vorwurf, ein Brauer zu sein, ließ ihm doch keine Ruhe, bis er mit 23 Jahren dem Geschäft und Vermögen seiner Familie den Rücken gewandt hatte, um ganz seinem neuen Berufe zu leben. Sein Kreuzzug gegen die Trunksucht wurde nun ebenso leidenschaftlich wie erfolgreich, obwohl es die Wirte nicht an Versuchen fehlen ließen, ihn in seinem Streben zu hindern. Alkohol und Sinnlosigkeit waren die Feinde, die Charrington besonders verfolgte, aber auch im allgemeinen ist er einer der größten Wohlthäter der Armen und Elenden Londons geworden. Die „Assembly Hall“, der örtliche Mittelpunkt der inneren Mission im Osten der Stadt, mit ihren Sälen, ihren Lese-, Speise- und Erholungsräumen für Arme, die „Children Hall“ für verwahrloste Kinder sind das Werk Charringtons. Das Liebesmahl, das am 9. November jedes Jahres vom Lord Mayor den Frierenden und Hungernden des Ostends gespendet wird, ist von ihm gestiftet, die Kolonisation der Armen, d. h. ihre kostenlose Beförderung nach Canada, wo vielen, die in London zu Grunde gegangen, eine zweite Existenz blüht, hat in ihm eine ihrer größten Stützen, und der Name des heiligen Brauers, einst ein Spottwort, ist heute bekannt und geliebt bei allen Armen der Sechsmillionenstadt.

Bw.


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Der Hecht in Heilbronn.
Nach einer Aufnahme von Hofphotograph H. Schuler in Heilbronn.

Der Hecht in Heilbronn. (mit Abbildung.) Dem Besucher des in mancher Hinsicht interessanten Rathauses in Heilbronn fällt bei Besichtigung des ersten Stockes mit seinem altertümlichen Gebälk über dem Eingang zum Rathaussaal ein Bild auf, das, auf einer mächtigen Holztafel gemalt, einen gewaltigen Hecht im Seewasser darstellt. Derselbe trägt um seinen Hals einen mit allerlei Zeichen versehenen Ring, und die auf der Tafel gleichfalls angebrachte Schrift lautet: „Ich bin der Fisch, Welcher in disen seh ist gethon worden von Friderico dem andern diß namens Regenten der Weldt im Jahr 1230 den 5ten Octob. Darunter stehen mit der Angabe: Renovirt 1812, folgende kunstlose Verse:

Schau bey Heilbronn mich recht versteh
Im Weiher genannt Böckinger See
Der in sich hat am Wasser zwar.
Sechs Morgen doch ohn all gfahr

5
Welcher obn abzulassen ist

Was sich zu tragen hat zur Frist
Als man Tausend vier hundert Jahr
Und neunzig sieben gezehlet wahr

Nach Christi unsers Heylands geburth

10
Ein solcher Hecht drin gfangen wurdt

Der gestalt hier abgemahlet steht
In dieser größ ein Ring umb hett

Von Mös am Hals gewachsen ein
Starck unter den Floß Federn sein

15
Mit griegischer Schrift so mann alda

Gegraben ein lautet also:

Ich bin der Fisch, welchen Kaiser Friedrich der andere mit seiner eigenen Hand in diesen See gesetzt den 5. Octobris im 1230. Jahre nach Geburt Christi.

Nun ist es merkwürdig, daß die erhaltenen Nachrichten über diesen Hecht, dessen Bildnis erst unter der hölzernen Brücke Heilbronns angebracht war, gänzlich Verschiedenes melden. Eine alte Heilbronner Chronik meldet: „Diesem Kaiser Friedrich (nämlich Friedrich II.) hat der Rat zu Heilbronn außer andern Verehrungen einen Hecht verehrt, welchen der Kaiser selbst seiner Größe und Schöne halber zu einem sonderlichen Gedächtnis in den Böckinger See gesetzt, und diesem Hecht zuvor ein messingner kupferner Ring an die Ohren oder Glüsen machen lassen, daran mit griechischen Buchstaben geschrieben gewesen: ‚Ich bin der Fisch etc.‘ Dieser Hecht ist anno 1497 wiederum gefangen und Kaiser Maximilian I. verehret worden, da er 267 Jahr im See geschwommen, und stehet eben dieser Hecht allhie zu Heilbronn unter dem Brückenthor abgemalt.“

Das liest sich so nun freilich ganz interessant, aber einmal war um die auf der Inschrift angegebene Zeit Friedrich II. gar nicht in Heilbronn sondern in Italien, und auch Kaiser Maximilian war nicht im Jahre 1497, sondern zwei Jahre früher, 1495 in Heilbronn. Und dann, in diesen 267 Jahren hat besagter Hecht doch auch noch an Umfang zugenommen, und da sollte ihm sein Halsband nicht zu eng geworden sein? Eine andere Erzählung berichtet, allerdings mit denselben Jahreszahlen, daß der Fisch in einem See bei Königslutter (im Braunschweigischen) gefangen und nach Heidelberg gebracht worden sei, wo der Ring in der kurfürstlichen Kunstkammer samt einer Tafel mit dem Fische aufbewahrt werde.

Wie nun diese Hechtsage entstanden, und welcher historische Kern in ihr liegt, das konnte bisher nicht festgestellt werden. Daß Hechte eine außerordentlich lange Lebensdauer besitzen, ist eine Thatsache ob gerade der Heilbronner Hecht, dessen Bild übrigens heute noch merkwürdig frische Farben zeigt, über eine solche verfügte, weiß man nicht; als eine ehrwürdige Reliquie aus einer Zeitperiode, wo das ganze Wissen über Entwicklung und Leben der Tiere noch ein seltsames Gemengsel von Sage und Thatsache war, darf er jedenfalls beachtet werden.

Th. E.


Die Internationale Schlafwagengesellschaft. Was der vor kurzem verstorbene Pullman in Nordamerika für den Eisenbahnverkehr geschaffen hat, das leistet auf dem europäischen Kontinent die internationale Schlafwagengesellschaft. Im Jahre 1877 gegründet mit einer Betriebsthätigkeit von 9697 km, hat sie es bis Ende 1896 auf 88 407 km gebracht; ihre Wagen, jetzt 580 an der Zahl, sind auf fast allen wichtigeren Linien des Erdteils zu finden, und sie bieten dem Reisenden, der große Strecken hintereinander zurücklegen will, den denkbar größten Komfort. Nach amerikanischem Vorbild bezeichnet die Gesellschaft ihre Luxuszüge mit „Expreß“. Da ist ein Orientexpreß (Paris–Konstanza), ein Ostende–Wien-Expreß mit Anschluß nach Triest, ein Wien–Nizza-Expreß, dreimal wöchentlich im Winter verkehrend, ein Calais–Engadin–Interlaken-Expreß (nur im Sommer), ein Mittelmeerexpreß, von Calais aus abgelassen, ein Südexpreß zwischen Madrid, Sevilla und Gibraltar, ein Nordexpreß zwischen Ostende, Paris und Berlin und Petersburg, ein Peninsularsexpreß zwischen Calais und Brindisi, der wöchentlich einmal geht und ein Nord–Süd-Expreß zwischen Berlin und Verona, der ursprünglich bis Rom und Neapel geführt werden sollte, wird am 15. November d. J. mit täglichem Verkehr eingerichtet. Außer diesen Zügen bewirtschaftet die Gesellschaft auch Speisewagen auf verschiedenen Linien. – Trotzdem die Schlafwagengesellschaft überall auf fremden Linien fährt, hat sie doch im letzten Jahre einen Betriebsüberschuß von 4 316 855 Franken erzielt. In Preußen ist sie übrigens fast verdrängt, da der preußische Staat 22 Schlafwagenlinien, davon 14 ab Berlin, selbst betreibt. Auch die Österreichische Staatsbahn hat 5 Linien in eigene Verwaltung genommen.


Immortella. (Zu unserer Kunstbeilage.) Den symbolischen Blumenbildern Belladonna und Sonnenblume von Gabriel Max gesellt sich hier ein neues, voll zarter Lieblichkeit. Ist es wohl ein abgeschiedenes Seelchen, das der weinenden Mutter erscheint, bittend, sie möge seinen Grabesfrieden nicht durch ihren trostlosen Kummer stören? Der Künstler hat schon mehreren solchen Mahnungen aus dem Jenseits Gestalt verliehen, und so gehört „Immortella“ auch wohl in das Zwischenreich, das seine künstlerische Phantasie so lebhaft anzieht.



Kleiner Briefkasten.
(Anfragen ohne vollständige Angabe von Namen und Wohnung werden nicht berücksichtigt.)


Ehemaliger 28er Brigadier in Iserlohn. Sie befinden sich im Irrtum; Oberst von Cranach hat thatsächlich bei Vionville-Mars-la-Tour die Trümmer der 38. Brigade (Wedell) aus dem Feuer geführt. Nach dem Generalstabswerk, I. Band, Seite 604, bestand die 38. Brigade (Wedell) aus den Regimentern 57 und 16. Erst später kam das Regiment 57 in den Verband der 28. Brigade, der es noch heute angehört.


Hierzu Kunstbeilage XXIV: „Immortella.“ Von Gabriel Mar.

Inhalt: Einsam. Roman von O. Verbeck 14. Fortsetzung). S. 741. – Allerseelen. Bild. S. 741. – Katzenrassen. Von J. Bungartz. S. 746. Mit Abbildungen S. 745. – Ein guter Tropfen. Gedicht von Ernst Muellenbach. S. 748. Mit Bild S. 749. – Marthas Briefe an Maria. Ein Beitrag zur Frauenfrage. mitgeteilt von Paul Heyse. S. 748. – Das Kind. Roman von Adolf Wilbrandt (5. Fortsetzung). S. 751. – Herbst. Bild. S. 753. – Blätter und Blüten: Nicolas Charrington, der „heilige Bierbrauer“. S. 756. – Der Hecht in Heilbronn. Mit Abbildung. S. 756. – Die Internationale Schlafwagengesellschaft. S. 756. – Immortella. S. 756. (Zu unserer Kunstbeilage.) – Kleiner Briefkasten. S. 756.


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner in Stuttgart. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.
Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.

  1. Vor 31 Jahren ist Paul Heyse mit der viel besprochenen Dichtung „Frauenemancipation. Eine Fastenpredigt“ (vgl. Jahrg. 1866, S. 720) in die Reihe der Mitarbeiter der „Gartenlaube“ getreten. Heute, da die Frauenbewegung bereits so große Fortschritte gemacht hat, ergreift der berühmte Dichter gern die Gelegenheit, die sich ihm in der Veröffentlichung dieser Briefe bietet, auf seine vor 31 Jahren nur angedeuteten Ansichten über die Notwendigkeit einer gründlicheren und höheren Ausbildung des weiblichen Geschlechts jetzt ausführlicher zurückzukommen. Dieselben werden durch das Lebensbild, das sich in diesen Briefen darstellt, nach seiner Ansicht durchaus bestätigt. Wir können zwar nicht in allen Punkten den Ausführungen der Schreiberin unbedingt beipflichten, finden aber in den Briefen Marthas an Maria eine solche Fülle wichtiger Anregungen, daß wir unseren Lesern und Leserinnen diesen eigenartigen „Beitrag zur Frauenfrage“ nicht vorenthalten möchten.
    D. Red.
  2. Warum nicht? Anm. d. Herausgebers.
  3. um uns für Jahre zu trennen. D. Red.
  4. halb gebrochenen Herzens. D. Red.
  5. wir müssen versuchen, von ihm den bestmöglichen Gebrauch zu machen. D. Red.