Die Gelehrten des Kladderadatsch

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Titel: Die Gelehrten des Kladderadatsch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 495–496
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[495] Die Gelehrten des Kladderadatsch. Unter den Berliner Schriftstellern nehmen die „Gelehrten des Kladderadatsch“ eine eigenthümlich eximirte Stellung ein. Sie bilden eine besondere Trias, zu der noch der geistvolle Maler Scholz und der Besitzer des eben so einträglichen als allgemein verbreiteten Witzblattes, der Verlagsbuchhändler Herr Hofmann, treten. Der Ursprung des Kladderadatsch verliert sich in nebelgraue, mythische, vormärzliche Zeiten. Damals bestand in Berlin eine zwanglose Gesellschaft von Künstlern, Schriftstellern und Privatleuten, welche sich wöchentlich versammelten, eine geschriebene Zeitung voll Witz und Geist herausgaben und den damals noch nicht gekannten „höheren Blödsinn“ mit besonderer Liebe pflegten. Mitglieder dieser Gesellschaft, welche „das Rütli“ hieß, waren unter Andern der bekannte Feuilletonist Kossak, der Musikdirector Truhn, einer der geistvollsten Gesellschafter, Gottschall, Titus Ullrich, Ernst Dohm, Rudolph Löwenstein etc. Es wurde gescherzt, gelacht, die Thorheiten der Gesellschaft und des Tages verspottet und von Scholz, dem lustigen Carricaturenzeichner, illustrirt. Im Jahre 1848, wo die gewonnene Preßfreiheit auch den Witz entfesselte, entstand in diesem Kreise die nahe liegende Idee, ein humoristisches Blatt öffentlich herauszugeben. Bald wurde auch der geeignete Verleger gefunden, und eines Tages erschien der Kladderadatsch, der seinen drastischen Namen dem witzigen Possendichter D. Kalisch verdankte, welcher als der eigentliche Begründer des genannten Blattes angesehen werden kann. Der lustige, übermüthige, aber stets den Nagel auf den Kopf treffende Geselle fand in Berlin die freundlichste Aufnahme, sein Ruf verbreitete sich mit jedem Tage, und mit ihm wuchs die Zahl der Abonnenten, wenn auch damals noch in bescheidenem Maße. Die kühne Sprache, der schneidende Witz und die Bekämpfung der nur zu allgemein verbreiteten Phrasen erregten ein ungewöhnliches Aufsehen und verschafften dem Blatte zahllose Leser und Freunde.

Die der Bewegung aus dem Fuß folgende Reaction bedrohte jedoch das junge Leben des allzukecken Burschen; der über Berlin verhängte Belagerungszustand zwang ihn auszuwandern und zunächst nach dem nahen Freienwalde, später nach Leipzig zu flüchten, von wo er im Verlage von Ernst Keil nach wie vor seine spitzen Pfeile auf die herrschende Reaction abschoß, indem er trotz der traurigen Zeiten weder seinen Humor, noch seinen Muth verlor. Nach dieser überstandenen Krisis kehrte er lächelnd, im Kampf mit der Gewalt erstarkt und gereift, nach Berlin zurück, wo er seitdem einen glänzenden Aufschwung nahm und nach und nach eine europäische Berühmtheit erlangte. An seine Spitze trat jetzt als Redacteur der geistvolle Ernst Dohm, welcher mit seltenem Takt seitdem das Witzblatt leitete und ihm seinen Charakter und feste Haltung gab. Dohm selbst war ursprünglich zum Theologen bestimmt und studirte in Halle; verließ jedoch die kirchliche Laufbahn und arbeitete längere Zeit an dem von Professor Gubitz herausgegebenen „Gesellschafter“ und anderen Zeitschriften, für die er Feuilletonartikel und Theaterkritiken schrieb. Er besitzt eine classische Bildung, gediegene Kenntnisse, besonders der neueren Sprachen, vor Allem aber jenen schon gerühmten Takt und eine bewunderungswürdige Feinheit des Urtheils. Diesen Eigenschaften verdankt der Kladderadatsch seine geistige Ueberlegenheit, indem der einsichtsvolle Redacteur dafür Sorge trägt, daß die aufgenommenen Artikel nie trivial werden und selbst den Geschmack des Gebildeten befriedigen. Sein großes Wissen und seine Belesenheit bekundet er in der Anwendung von jenen Citaten aus bekannten Schriftstellern, welche meist in wunderbarer Weise das Schwarze treffen; seine eigentliche Domaine ist nicht der sogenannte höhere Blödsinn, sondern der feinere Witz, den er auch in der Form auf das Sauberste und Schärfste zuzuschleifen versteht. Im gewöhnlichen Leben und im Umgange erscheint der gefürchtete Redacteur des Kladderadatsch als ein liebenswürdiger, harmloser, geistvoller Gesellschafter von einer Gutmüthigkeit und Sorglosigkeit, welche ihm schon manche große Verlegenheit bereitet hat. Hülfreich für Alle, für Freunde, Bekannte und selbst Fremde, denkt er nicht an sich und seine eigenen Verhältnisse.

Wie Dohm den Geist und den Takt, so vertritt Rudolph Löwenstein das Gemüth, die eigentliche Poesie des Kladderadatsch. Auch er studirte ursprünglich in Breslau Philologie und war zum Pädagogen bestimmt. Frühzeitig entwickelte er sein poetisches Talent und schon auf der Universität machte er sich als junger, begabter Lyriker bekannt. Später veröffentlichte er jene reizenden „Kinderlieder“, die sowohl durch ihren eigenen Zauber wie durch die köstlichen Compositionen des Musikdirectors Taubert sich einer großen Beliebtheit erfreuen. Die Ereignisse des Jahres 1848 verwandelten den sanften Lyriker in einen energischen Politiker; statt naiver Kinderlieder schrieb jetzt Löwenstein geharnischte Leitartikel für ein von ihm redigirtes Volksblatt. Nebenbei betheiligte er sich an dem damals emportauchenden Kladderadatsch, dessen Redaction er in den schwierigsten Zeiten nicht ohne persönliche Gefahr während des Exils in Freienwalde und Leipzig leitete. Hauptsächlich ist ihm der poetische Theil zugefallen, jene sinnigen oder schalkhaften Gedichte, die besonders den Frauen gefallen und sich durch ihre meisterhafte Formvollendung und dichterische Empfindung auszeichnen, obgleich ihm auch der scharfe Witz nicht fehlt. Auch Löwenstein besitzt ein seltenes gesellschaftliches Talent; er ist ein Meister im Improvisiren von geistreichen Trinksprüchen und Toasten, ein allezeit fertiger Gelegenheitsdichter im Goethe’schen Sinne und in dieser Beziehung [496] ein echter Sohn seiner schlesischen Heimath, welche bekanntlich die vorzüglichsten Gelegenheitsdichter, Männer wie Schall, Geisheim etc. hervorgebracht hat. Eine Zeit lang durfte Löwenstein in Berlin bei keiner öffentlichen Gelegenheit, bei keinem Feste, selbst bei keiner größeren Privatgesellschaft fehlen, die er durch seinen liebenswürdigen Humor und seine heitere Laune zu beleben wußte. In letzter Zeit hat er sich jedoch zurückgezogen, um mehr sich selbst und seiner heranwachsenden Familie zu leben. Er ist ein ausgezeichneter Familienvater geworden und durch die Bande der Familie mit dem Besitzer des Kladderadatsch nur noch enger verbunden, da er dessen Schwägerin geheirathet hat.

Eigenthümlich ist die schriftstellerische Laufbahn des originellen Kalisch, welcher als der eigentliche Repräsentant des höheren Blödsinns betrachtet werden darf. Als angehender Tertianer verließ er das Gymnasium, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen. Mehrere Jahre war er Commis in verschiedenen Geschäften und selbst Disponent in einer ansehnlichen Möbelhandlung. Der Drang nach Bildung und das ihm angeborene Talent ließen ihn seine einträgliche Stellung und sichere Laufbahn aufgeben, um sie mit der unsicheren eines deutschen Schriftstellers zu vertauschen. In dieser lernte er hinlänglich die Noth des Lebens kennen; in Paris, wohin er sich begeben hatte, mußte er eines Tages sein letztes Schnupftuch auf dem Boulevard verkaufen, um seinen Hunger zu stillen. Nach Berlin zurückgekehrt, fristete er nothdürftig sein Leben durch Bearbeitung von französischen Theaterstücken und kleinen Vaudevilles, die auf dem Sommertheater in Steglitz zur Aufführung gelangten und ihm ein Honorar von wenigen Thalern einbrachten. Durch seine, ebenfalls dem Französischen entlehnte Posse „Einmalhunderttausend Thaler“, die auf dem alten Königsstädtischen Theater gegeben wurde, gelang es Kalisch die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der ihm eigene schlagende Witz, die geistreichen Couplets, die glücklichen Localfarben und vor Allen die zündenden politischen Anspielungen wurden von dem Berliner Publicum mit Jubel aufgenommen und selbst von den höher Gebildeten als Anfang einer neuen zeitgemäßen Possen-Aera begrüßt. Der arme, unbekannte Handlungsdiener wurde mit einem Schlage ein beliebter und gesuchter Theaterdichter und humoristischer Schriftsteller. Als solcher betheiligte er sich bei der Begründung und Herausgabe des Kladderadatsch, der im ersten Jahre zum großen Theil von ihm geschrieben wurde. Kalisch besitzt jenen eigenthümlich populären Witz, jene hinreißende Komik, jene überraschenden und drolligen Einfälle, welche als sogenannter höherer Blödsinn oft eine unwiderstehliche Wirkung ausüben. Was ihm an eigenthümlicher Bildung abgeht, ersetzt er durch Ursprünglichkeit und Originalität, obgleich er redlich bemüht war und noch ist, die Lücken seines Wissens durch nachträgliches Studium auszufüllen, wobei er von seinem scharfen Verstande und schneller Auffassungsgabe wesentlich unterstützt wird.

Als glücklicher Possendichter hat Kalisch in kurzer Zeit ein ansehnliches Vermögen erworben, indem er in manchem Jahre gegen 8000 Thaler Tantièmen bezieht, wozu noch sein sehr bedeutendes Honorar als Hauptmitarbeiter des Kladderadatsch kommt. Trotz dieser glücklichen Umwandlung seiner äußeren Verhältnisse und der ihm zu Theil gewordenen Anerkennung leidet Kalisch, wie die meisten wahren Humoristen und echten Komiker, an einer unerklärlichen – Hypochondrie. Der Vater so manches lustigen Scherzes, manches zwerchfellerschütternden und die Welt zum Lachen bringenden Einfalls erscheint in größerer Gesellschaft nur ungern und, wenn er dazu gezwungen wird, gedrückt und schüchtern, obgleich es ihm weder an Geist, noch gesellschaftlicher Bildung mangelt. Um so überraschender ist seine wirklich hinreißende Fröhlichkeit und übermüthige Komik, wenn er sich zu guter Stunde in vertrautem Freundeskreise befindet. Dann umschweben ihn die Geister des Witzes, der Laune, eine unwiderstehliche Heiterkeit und Liebenswürdigkeit; die finsteren Augen leuchten hell auf; die ernsten Züge verwandeln sich in ein unbeschreiblich komisches Gesicht, um die gebogene Nase und den feinen Mund zucken und spielen die ausgelassenen Genien der Freude und des Scherzes, des gutmüthigen Spottes und des satirischen Humors um so toller, kecker und übermüthiger, je seltener dies geschieht und je ernster im gewöhnlichen Leben Kalisch ist.

So ergänzen sich durch ihre verschiedenen Talente und Gaben die Gelehrten des Kladderadatsch, welche durch ein sonderbares Spiel des Zufalls alle Drei geborene Schlesier, außerdem nahe Anverwandte sind und sich ohne alle Verabredung erst nach jahrelanger Trennung in Berlin zusammengefunden haben, der ehemalige Theologe, Philologe und Handlungsdiener, um dies in seiner Art einzige Witzblatt zu gründen.

Ein Hauptreiz des Kladderadatsch besteht aber in seinen witzigen Illustrationen und geistreichen Carricaturen, welche von dem Maler Scholz herrühren. Derselbe ist ein geborener Berliner, der Sohn eines tüchtigen Beamten und von seinem Vater für dieselbe Laufbahn bestimmt. Erst nach langen Kämpfen gestattete ihm dieser, seiner Neigung zu folgen und Maler zu werden. Er war Schüler eines wegen seiner frommen Richtung bekannten Meisters, unter dessen Leitung Scholz mit Heiligenbildern debutirte. Bald aber wandte sich sein Pinsel minder frommen Stoffen zu, indem er der ihm angeborenen Neigung für die komischen Seiten des menschlichen Lebens folgte. Schon als Mitglied des „Rütli“ überraschte Scholz durch seine humoristischen Zeichnungen und seine unwiderstehliche Laune. Er ist in der That ein geborener Humorist, und schon die bloße Erscheinung des langen, stets heiteren Scholz genügt, um die fröhlichste Stimmung zu erwecken. Unerschöpflich in lustigen Einfällen und überraschenden Wendungen besitzt er einen trockenen Humor, ein komisches Darstellungstalent, wie es nur wenig Schauspieler aufweisen können. Man muß Scholz bei dem Berliner Künstlerfest seine eigenen Carricaturen erklären hören, oder ihn in den ausgelassenen Festspielen und Partien bald als Tyrann, bald als schmachtende Dame sehen, wo sich der finsterste Hypochondrist des Lachens nicht erwehren kann. Der lange Scholz als Vater und der kleine Kalisch als sein Kind bilden zusammen eine komische Gruppe, die jedem Zuschauer unvergeßlich bleiben wird. – Mit ihm wetteifert noch Hofmann, der glückliche Besitzer des Kladderadatsch, der ebenfalls ein seltenes komisches Darstellungstalent entwickelt und im Vortrage kleiner witziger Begebenheiten seines Gleichen sucht. Unter andern Verhältnissen wäre er vielleicht ein ausgezeichneter Komiker, ein bedeutender Schauspieler geworden. Jedenfalls zieht er es jedoch vor, Eigenthümer des Kladderadatsch zu sein, der ihm ein fürstliches Einkommen sichert. Er kann nicht nur lachen, sondern er versteht auch die Kunst, Andere zum Lachen zu bringen und sich und die Welt zu amüsiren.