Die Glasperlen-Industrie Venedigs

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Autor: Theodor Heinrich Gampe
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Titel: Die Glasperlen-Industrie Venedigs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 854–855
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Glasperlen-Industrie Venedigs.


Man sollte es nicht glauben! Die Lasten, die sich das schöne Geschlecht aller fünf Welttheile im Jahresdurchschnitt an Glasperlen aufbürdet, würden zu ihrer Fortbewegung circa zwölf Locomotiven erfordern; in runden Zahlen sind es 60,000 Centner. Die geschätztesten Kundinnen sind die Frauen der romanischen Völker mit Ausnahme der Italienerinnen, welche eine merkwürdige Abweichung von dem Geschmack ihrer Stammesschwestern an den Tag legen. Obenan steht natürlich die elegante Französin, die der Mode alles Thun und Lassen decretirt; dann folgt Alt- und Neuspanien.

Nicht viel, aber doch etwas kühler stellen sich die Frauen der germanischen Rassen zu dem glänzenden Schmucke, und zwar fällt die größere Abneigung mit der größeren Reinheit der Rasse zusammen. Die Yankeefrauen kommen gleich hinter den romanischen; sodann folgt die Engländerin; die Deutsche nimmt die dritte Reihe ein, die schlechteste Kundin aber ist die Skandinavierin; ihrer tiefen, ernsten, sinnigen Natur mag der flimmernde Prunk als Plunder erscheinen. Unter den sarmatischen Frauen, unter den Türkinnen und Ungarinnen tragen nur die besser Situirten den Schmuck; in das Volk dringt er hier nicht ein, was sich zumeist durch die Nationaltrachten erklärt, mit denen er sich nicht vereinigen läßt.

Alle diese Frauen, die ja sämmtlich den Culturnationen angehören, begehren nur die billigsten Sorten der Glasperlen. Die besten und theuersten, die sogenannten Lichtperlen, gehen nach Indien und Afrika zu den Halb- und Ganzwilden. Freilich brauchen sich hier die bunten, glänzenden Perlenschnüre nicht mit dem bescheidenen Platze auf dem Oberkleid zu begnügen; sie schmücken Hals und Brust, das Haar und die Arme und wohl auch die zierlichen Fußgelenke der Hindumädchen und Malaysinnen, und bei den jungen Aethiopinnen müssen sie ja oft genug für die völlig mangelnde Toilette einspringen. Hier werden die Glasperlen zu wirklichen Kostbarkeiten, und die blinkenden Schnüre, die wir uns für wenige Groschen beschaffen können, mögen dort ebenso gut die Gegenstände heißer Sehnsucht und unerfüllter Jugendträume bilden, wie bei uns die Diamantencolliers. Unter den mongolischen Ländern ist nur Japan ein Absatzgebiet, und zwar ein ziemlich dankbares; China dagegen wendet den Venetianern nichts zu – die Venetianer nämlich sind es, welche den Perlenbedarf der ganzen civilisirten, halb- und gar nicht civilisirten schönen Welt liefern; Venedig ist noch immer die Stadt der Kunstgewerbe. Die rührige böhmische Glasindustrie hat erst begonnen, sich dieses Artikels zu bemächtigen, und einige kleinere Fabriken in der Levante kommen kaum in Frage.

Die größte unter den sieben großen Glasperlenfabriken zu Venedig und der nahen Insel Murano gehört einem Deutschen Namens Weberbeck; er beschäftigt allein 500 Arbeiter und Arbeiterinnen. Im Ganzen finden etwa 6000 Menschen durch diese Industrie ihr Brod – leider ist es ein sehr kärgliches, wie wir weiter unten sehen werden. Der Ausfuhrwerth erreicht gegenwärtig im Jahre die Summe von 6,000,000 Mark.

Die Fabrikationsweise überrascht vielfach durch ihre Einfachheit, ihre Grundbedingung ist eine große Zähigkeit und Bildsamkeit der zur Verwendung kommenden Glasmasse in feuerflüssigem Zustande; sie muß sich ziehen lassen wie Harz oder Siegellack, nur in viel ausgedehnterer Weise. Die Färbung dieser Masse geschieht im Glasofen durch Zusatz von allerhand Chemikalien, wobei die Hauptaction Arsen, Salpeter, Antimon und Blei übernehmen.

Zunächst werden Glasröhren ausgezogen, und das ist eine höchst fesselnde Arbeit. Ein Glasbläser entnimmt dem Ofen vermittelst eines Eisenstabes einen Ballen Glasmasse von der Größe einer kleinen Melone und drückt mit einem einfachen Werkzeuge eine Höhlung in die äußere Rundung, etwa so groß, wie der Hohlraum unter dem Fuß einer Weinflasche. Ein College hat inzwischen mit einem zweiten Glasballen genau dasselbe Experiment gemacht, und Beide drücken nun ihre Glasballen an einander, sodaß sich die Ränder verschmelzen und die Luft in dem nunmehr verdoppelten Hohlraum völlig abgeschlossen ist. Jetzt ziehen die Arbeiter ihre Eisenstangen wieder an sich; jeder hat sein ursprüngliches Theil daran hängen, nur hat sich zwischen beiden Glasballen ein Glasfaden gebildet. Jetzt gilt es zu laufen. Im straffsten Militärschritt gehen die Arbeiter nach entgegengesetzter Richtung bis zu hundert Meter Entfernung. Dabei spinnt sich der glühende Glasfaden von beiden Ballen ab, so lange eben der Vorrath reicht oder nicht erkaltet.

Die eingeschlossene Luft hat sich ebenfalls mit ausgesponnen; sie hat verhindert, daß sich ein compacter Stab statt einer Röhre abspann; sie hat der zukünftigen Perle das Loch gegeben, ohne welche diese ja gar nicht als solche bestehen könnte. Diese Glasfäden wechseln ihre Stärke, je nachdem die Perlen groß oder klein werden sollen; sie schwanken zwischen der Dicke eines Bleistiftes und einer dünnen Stricknadel.

Die Glasfäden zu den Perlen, die aus mehrfarbigen Glasschichten bestehen, werden auf ganz gleiche Art ausgezogen, nur daß man hier den zuerst entnommenen Glasballen in anders gefärbte Glasmassen taucht, sodaß diese wie Zwiebelschalen über einander liegen. Das Abspinnen der verschiedenen Schichten geht auch in diesem Fall ohne weiteres Zuthun der Menschenhand mit einer ganz erstaunlichen Gleichmäßigkeit vor sich. Oft setzt man außen an den Glasballen auch nur kleine buntfarbige Glasklümpchen an, welche dann als feine Streifen den Glasfaden schmücken. Das Sortiren dieser Glasfäden, die man zunächst in etwa drei Fuß lange Stücke zerbricht, ist eine weitverbreitete Hausindustrie in Venedig. Wer je einmal in die Volksquartiere der Lagunenstadt gedrungen, dem werden die Frauen und Mädchen aufgefallen sein, die hier vor großen Körben sitzen, aus denen die Glasröhren herauslugen, wie Stacheln eines Igels.

Mit ausgespreizten Fingern, immer fühlend und abwiegend, durchwühlen sie den Inhalt des Korbes, bis sämmtliche Röhren genau nach ihrer Stärke geordnet sind. Die Röhrenbündel wandern nun wieder zurück in die Fabriken; man legt sie in Maschinen ein, die den bäuerlichen Häckselbänken auf ein Haar gleichen. Wie das Stroh dort, so werden hier die Glasröhren zu Häcksel zerhackt – ein amüsantes Schauspiel. Mit Vergnügen hält man die Hand in den bunten Sprühregen hinein, um sie im Augenblick darauf belastet zurückzuziehen, als hätte man Schloßen darin aufgefangen.

Hierauf werden die splitterigen Schnittflächen abgerundet. Man vermischt die Perlen mit feinen Sandmassen, welche in die Löcher eindringen; sodann erhitzt man sie in Thongefäßen mit äußerster Vorsicht bis auf einen Grad, der eben genügt, die Glasmasse so weit zu erweichen, daß sich die rauhen Bruchflächen bei geringer Reibung in glatte verwandeln. Der Sand verhindert bei diesem Proceß das Zuschmelzen der Löcher. Die Perle ist nun der Form nach fertig. Das weitere Sortiren nach der Größe geschieht einfach durch Schütteln über Siebgeflechten, und Perlen, die eine besonders feine Politur erhalten sollen, steckt man in Kleiensäcke und beutelt sie hin und her.

Das Aufreihen zu Perlsträhnen, die in den Handel kommen, ist wieder Hausindustrie. Die schönen Venetianerinnen, die sich damit beschäftigen, führen in beiden Händen zwischen den Fingern bis ein Dutzend fußlange Stahlnadeln, die oft so dünn wie Seidendraht sind. Damit fahren sie auf's Gerathewohl in die Perlmassen hinein und gabeln auf, was die Nadeln zufällig eben erfaßt haben. Nach meiner Berechnung können ein Paar geschickte Frauenhänden auf diese Weise täglich bis drei Millionen Perlen auf Fäden aufreihen.

Viel verwickelter ist die Herstellung jener Lichtperlen, an denen sich die Naturkinder Indiens und Afrikas so sehr ergötzen. Der Name rührt von der Fabrikationsart her; man fertigt sie einzeln am Lichte, an einer Stichflamme; sie erfordern sehr geschickte Arbeiter und ihre seltsamen Schnörkel und Arabesken zeugen von guter Phantasie der Fabrikanten. Die Licht- und Farbeneffecte sind oft von überraschender Pracht und stimmen ganz zu der prunkvollen Märchenstimmung, die sich über jene Länder gelagert hat, für die sie in der Hauptsache bestimmt sind. Die Arbeit läßt sich ebenso wenig beschreiben, wie etwa das Modelliren und Ciseliren; sie läuft auf eine große Kunstfertigkeit der Finger hinaus.

Im Innern Afrikas dienen diese Lichtperlen häufig als Zahlungsmittel, und der schlaue Araber, der den Handelsverkehr dort fast ausschließlich vermittelt, nutzt die Freude der naiven Negerinnen an den bunten Dingerchen aus. Eine Schnur davon macht ja auch einen ganz anderen Effect, als ein weißgrauer Maria-Theresia-Thaler. [855] Gegen alles Erwarten zeigen jene schwarzen, krauswolligen Naturkinder eine räthselhafte Abneigung gegen glänzende Perlen. Ja, man sieht sich in Venedig gezwungen, für Afrika den natürlichen Glanz, den alles Glas nach dem Erkalten zeigt, durch Mattschliff zu entfernen. Das ist zweifellos ein vornehmer Zug in ihrem Geschmack. Das Glänzende hat stets etwas Grelles; es gefällt wohl, aber es wirkt auf die Dauer nie behaglich.

Wie schon angedeutet, ist der Lohn dieser Perlenarbeiter und Arbeiterinnen ein kärglicher; nur die geschicktesten erfreuen sich auskömmlichen Verdienstes. Die meisten Frauen bringen es für den Tag kaum auf einen halben Papierfranken, und die kirchlichen Fastengesetze sind ihnen gegenüber leider völlig überflüssig; sie fasten eben vom Aschermittwoch ab bis wieder zum Aschermittwoch. Selbst die Polenta, jenes frugale italienische Nationalgericht, ist für sie nur ein Sonntagsmahl; in der Woche hat ihnen der Himmel den Tisch nur mit Feldrüben gedeckt, wie man sie in den Gassen Venedigs auf offenem Herd zu ganzen Bergen kochen und an Ort und Stelle verzehren sieht.

Und doch bereiten diese Leutchen der Welt so vieles Vergnügen! – Aber ein altdeutsches Volkswort sagt schon:

„Dem Einen die Mühe,
Dem Andern die Brühe!“

Th. Gampe.