Die Hamburger Ausstellung der Walfischjägerei

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Titel: Die Hamburger Ausstellung der Walfischjägerei
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 577–578
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ausstellung dreier Skelette von Walen und anderen mit dem Walfang in Zusammenhang stehenden Objekten
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Die Hamburger Ausstellung der Walfischjägerei.

Mit Illustrationen von Hans Petersen.
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Im Laufe dieses Sommers wurde in Hamburg eine Ausstellung eröffnet, die wohl zu den seltensten gehört, welche jemals auf deutschem Boden veranstaltet wurden. Sie war ausschließlich dem Walfichfange gewidmet. Allerlei Geräthe, welche in den weiten Walgründen der Polarmeere gebraucht werden, ausgestopfte Thiere und Vögel jener Gegenden, seltsam geformte Knochen von Walen aller Art sollten dem Beschauer ein getreues Bild jener oft beschriebenen interessanten Jagd bieten. Vor allem aber fielen in dieser Ausstellung drei Riesengerippe nordischer Wale auf, die selbst in unserer an wissenschaftlichen Sammlungen so reichen Zeit als große Seltenheit bezeichnet werden müssen.

Bei der früheren Art des Walfischfanges war es außerordentlich schwierig, vollständige Skelete dieser größten aller Säugethiere zu erhalten. Der Fang wurde ausschließlich auf hoher See betrieben, die Thiere wurden harpunirt und zu Tode gejagt, um dann ziemlich oberflächlich abgespeckt zu werden. Den mächtigen Cadaver mit den kolossalen Fleischmassen ließ man einfach in den Wellen treiben, Raubfischen und Delphinen zum Fraß. Man schnitt höchstens vom frisch erlegten Thiere etwas von dem tief dunkelrothen Fleische aus, das im Geschmack dem Ochsenfleische nicht unähnlich ist, aber bis zum Skelete drang man mit dem Messer niemals durch.

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Granat-Kanone für den Walfischfang.

Trieb im hohen Norden dann einmal ein todter Fisch an die Küste, den armen Strandbewohnern ein kostbares Geschenk, so wurde derselbe sofort in Stücke zerlegt und der Thran ausgekocht; um die Knochen kümmerte sich Niemand, höchstens nahmen fremde Schiffe einzelne Theile derselben, der Eigenthümlichkeit und ihres Riesenumfangs wegen, mit in ihre Heimath. Zu einem vollen Skelet brachte es kein Museum. – Wie aber die primitiven Werkzeuge und Geräthe, mit denen man vor Zeiten dem Boden die Producte abrang, durch sinnreich erdachte Maschinen und andere Hülfsmittel ersetzt wurden, so ersann man auch neue Fanggeräthe und Apparate für die Ernte im Meere und vervollkommnete die alten, um den Reichthum zu heben, den die See bietet. Diese Fortschritte und Erfindungen der Neuzeit wurden auch bald von dem Walfischjäger verwerthet.

An Stelle der Segelschiffe traten schnelle, eigens für den Walfischfang ausgerüstete Dampfer. Die Wurfharpune wurde durch eine Kanone ersetzt. Von fast fünf Fuß Länge, aber von verhältnißmäßig nur kleinem Caliber, wird dieselbe auf dem vorderen Theil des Schiffes aufgestellt. Ihr Geschoß besteht aus einem eisernen Stiel, der genau in den Kanonenlauf hineinpaßt, und an dessen mit Widerhaken versehenem Vordertheile eine Granate befestigt ist. Auf große Distanz wird natürlich niemals, und überhaupt nur dann geschossen, wenn ein Treffen des Walfisches sicher ist. Die Granate bohrt sich tief in das weiche Fleisch des Thieres ein und tödtet letzteres gewöhnlich sehr schnell; man hat den todten Wal sofort in der Gewalt, da das Geschoß vom Schiffe aus ein starkes Tau hinter sich herzieht und der Stiel vermittelst der mächtigen Widerhaken sich im Thierkörper festsetzt. – Anstatt das Thier, wie früher, auf hoher See abzuspecken, bringt man es jetzt an die Küste, wo Einrichtungen getroffen sind, dasselbe zu zerlegen und abzufleischen, sowie auf rationelle Art den Thran zu gewinnen. Der mächtige Cadaver aber, den man früher auf See unbenutzt treiben ließ, giebt jetzt dadurch, daß man ihn zur Düngerfabrikation verwendet, einen bedeutenden Gewinn. Durch diese Art des Fanges und namentlich dadurch, daß man die mächtigen Fische auf dem Lande zerlegt, ist man erst im Stande, vollständige und gute Skelete dieser Meeresriesen zu erhalten.

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Altes Wirthshausschild aus einem Walfischknochen und ein Narwalschädel.

Dem Naturhistorischen Museum in Hamburg wurden drei solcher Skelete zum Kaufe angeboten, es waren Skelete der nordischen Wale: des Riesenwales, mehr als 75 Fuß lang, dann des Finnfisches, circa 58 Fuß lang, und endlich des Buckelwales, etwa 43 Fuß lang. Durch den eigenthümlichen Umstand aber, daß die reiche Hansastadt bis jetzt keine Räume für ein Museum hat, das auch nur annähernd der Würde der Stadt entspricht, geschweige denn Räume für solche Kolosse, wie es diese Skelete sind, war es dem Museum unmöglich, dieselben zu erwerben. In Anbetracht aber, daß der Bau des neuen, in großartigem Stile projectirten Museums wohl schon im nächsten Frühjahre beginnen wird, entschloß sich die Zoologische Gesellschaft zum Ankaufe dieser werthvollen Stücke und erwarb dieselben für 8000 Mark, um sie später im neuen Museum aufzustellen.

Diese drei Skelete gaben Anlaß zu der gegenwärtigen Ausstellung im zoologischen Garten zu Hamburg. In der schönen Halle des Gartens wurde eine Landschaft im Charakter des gletscherreichen Südgeorgiens bildlich dargestellt und außer den drei Riesengerippen unter Leitung des Directors des Gartens Alles zusammengebracht und aufgestellt, was sich auf den Fang der Wale und Robben bezieht und denselben illustrirt. [578] Die Ausbeute der Polarexpedition, welche im vorigen Jahre von Südgeorgien zurückkehrte, hat dieser Ausstellung noch einen besonderen Reiz verliehen. Von den gewaltigen Dimensionen des größten der Walskelete (siehe die vorstehende Illustration) erhält man erst dann den richtigen Eindruck, wenn man sich in unmittelbarer Nähe vor demselben befindet. Mit schwerem Eisenwerke sind die kolossalen Rippen und Knochenstücke in einander gefügt. Starke Eisenstangen tragen das Gerippe, und zum Aufstellen der mächtigen Kinnknochen bedurfte man schwerer Krähne und Winden. Alle drei Skelete wurden vor der Aufstellung durch schwieriges und umständliches Aussieden vom Thran gereinigt, was in der großen Meyer’schen Thransiederer bei Hamburg geschah, und bei Fachkennern erregt die reine weiße Farbe und die Schönheit der Knochen Aufsehen.

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Das Skelet des Riesenwals im zoologischen Garten zu Hamburg.

Neben diesen Skeleten erweckt das schön erhaltene und gearbeitete Exemplar eines männlichen See-Elephanten das größte Interesse. Ein weit hervorstehender dunkler Rüssel überragt das furchtbare Gebiß. Es soll einen prächtigen Anblick gewähren, wenn in den Polargewässern das mächtige Thier zwischen blinkenden Eisblöcken auf der Jagd nach Fischen mit großer Gewandtheit dahinschwimmt. Welchen unbegreiflichen Reichthum an kleinen Fischen und Thieren niedriger Gattung die nordischen Gewässer besitzen müssen, wird uns beim Anblicke der Thierkolosse, die in demselben Wasser und von jenen leben, klar; vom See-Elephanten beispielsweise, der doch im Vergleiche zu einem großen Wale nur ein kleines Thier ist, wissen wir, daß er täglich etwa 400 Fische zum Lebensunterhalte braucht.

Originell ist ferner ein auf der Ausstellung vorhandenes, sehr altes Wirthshausschild, welches aus einem Walfischschulterblatte besteht (vergl. die umstehende Illustration). Das Wirthshaus, vor welchem dieses Schild einstmals hing, hieß „Zum Schulterblatt“ und mag namentlich von Walfischfängern frequentirt worden sein.

Schließlich müssen wir noch eine ganz besondere Seltenheit, wie sie in der Welt nicht zum zweiten Male existirt, erwähnen, einen Narwalschädel mit zwei gewaltigen, gleich gut ausgebildeten Stoßzähnen von etwa 10 Fuß Länge (siehe S. 577). Bekanntlich unterscheidet sich der Narwal von allen übrigen Walen durch die eigenthümliche Bildung seines Gebisses. Das Männchen besitzt nämlich zwei Stoßzähne, die wagerecht im Oberkiefer stehen, und von denen der rechtsseitige in der Regel nur schwach entwickelt ist, während der linke eine Länge von zwei bis drei Metern erreicht. Beim Weibchen bleiben diese Zähne fast immer sehr schwach entwickelt. Nun ist aber das in Hamburg ausgestellte Exemplar eigenthümlicher Weise der Schädel eines weiblichen Narwals. Derselbe wurde nach sicheren Nachrichten im Jahre 1684 durch Capitain Dietrich Petersen mit dem Schiffe „Goldener Löwe“ nach Hamburg gebracht und wird jetzt, nach verschiedenen Schicksalen, in dem Hamburger Naturhistorischen Museum aufbewahrt.

Vor Zeiten maß man den Narwalzähnen hohe Wunderkraft bei und hielt sie für die Waffe des fabelhaften Wunderthieres, welches Einhorn genannt wurde und schon in der Bibel erwähnt wird. Da diese „Wunderhörner“ nur selten nach Europa gebracht wurden, so war auch ihr Preis ein sehr hoher.

„Kaiser und Könige,“ sagt Fitzinger, „ließen sich oft mit dem zierlichsten Schnitzwerke versehene Stäbe daraus verfertigen, welche ihnen nachgetragen wurden, und die kostbaren Bischofsstäbe waren aus solchen Zähnen gefertigt. Noch im 16. Jahrhunderte bewahrte man im Baireuther Archive auf der Plassenburg vier Narwalzähne als außerordentliche Seltenheit auf. Einen derselben hatten zwei Markgrafen von Baireuth von Kaiser Karl V. für einen großen Schuldposten angenommen, und für den größten wurde von den Venetianern noch im Jahre 1559 die ungeheuere Summe von 30,000 Zechinen angeboten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, in den Besitz desselben zu gelangen. Der dritte wurde als Arzneimittel, jedoch nur für die Angehörigen des Fürstenhauses, verwendet; man hielt ihn für so kostbar, daß immer Abgeordnete beider Fürsten zugegen sein mußten, wenn ein Ring von ihm zum Gebrauche abgeschnitten wurde. Ein Zahn, welcher in der kurfürstlichen Sammlung zu Dresden an einer goldenen Kette hing, wurde auf 100,000 Reichsthaler geschätzt.“

Mit der Ausbreitung der Schifffahrt verloren diese Zähne mehr und mehr im Werthe, und gegenwärtig betrügen, wie Brehm in seinem „Thierleben“ bemerkt, die Holländer blos noch Chinesen und Japanesen mit den früher so gesuchten Hörnern, denn bei uns wird das Stück höchstens mit 20 bis 30 Mark bezahlt.