Die Herrenhüte

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Die Herrenhüte
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aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 78–84
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1889
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[78]
DIE HERRENHÜTE
(24. juli 1898)


Wie wird die mode gemacht? Wer macht die mode? Das sind gewiß sehr schwierige probleme.

Dem wiener hutmodeverein war es vorbehalten, diese fragen, wenigstens auf dem gebiete der kopfbedeckungen, spielend zu lösen. Er setzt sich nämlich zweimal des jahres um den grünen tisch und diktiert nun dem ganzen erdball jene hutform, die in der folgenden saison getragen werden soll. Dem ganzen erdball, das muß festgehalten werden. Es soll ja keine wiener nationaltracht geschaffen werden, keine, deren sich unsere wasserer, fiaker, strizzis, gigerln und anderen wiener lokaltypen bedienen. O nein, für die strengen sich die mitglieder des hutmodevereines nicht die köpfe an. Die hutmode wird allein für den gentleman bestimmt, und da die kleidung eines solchen mit den verschiedenen volkstrachten, außer bei der ausübung eines sportes, der an die scholle gebunden ist, bekanntlich nichts gemein hat, da sich der gentleman auf der ganzen welt gleich kleidet, gibt also wohl der wiener hutmodenverein den ton für alle kopfbedeckungen abendländischer kultur an.

Wer hätte sich die lösung dieser frage so einfach gedacht! Mit ehrfurcht betrachtet man nun den ehrsamen hutmachermeister, der sich mit seiner stimme für die nochmalige erhöhung des seidenhutes eingesetzt und sie auf diese weise mit der majorität einer stimme erreicht hat. Er allein also hat alle pflastertreter von Paris bis Yokohama gezwungen, sich nächstes jahr einen noch höheren seidenhut aufzusetzen, wenn sie zur guten gesellschaft gerechnet werden wollen. Aber was wissen die [79] pflastertreter von Paris bis Yokohama, was ahnen die von dem braven meister im XI. bezirk! Die faseln vielleicht von der tyrannei der mode, im günstigen falle von der launischen göttin mode! Wenn die ahnen würden, daß der brave meister im XI. bezirk der tyrann ist, der gott!

Nicht auszudenken wären die folgen, wenn dieser mann bei der hutmodewahl am erscheinen verhindert worden wäre: sei es durch einen schnupfen, sei es, weil die gestrenge ehehälfte ihm den abend nicht freigegeben, sei es, daß er ganz vergessen hätte. Dann müßte die welt einen niedrigeren zylinder tragen. Man muß also hoffen, daß die mitglieder des hutmodevereines angesichts ihrer kolossalen verantwortung der welt gegenüber sich durch nichts abhalten lassen werden, ihr votum zweimal des jahres abzugeben.

Ich glaube, von meinen lesern die frage zu vernehmen: Ja, lassen sich denn die pariser, londoner, newyorker und bombayer hutmacher die hutmode von den wiener meistern vorschreiben? Kleinlaut muß ich antworten: leider nicht. Diese schlechten menschen, das perfide Albion natürlich an der spitze, kümmern sich nicht einmal um deren wahlergebnisse. Ja, dann sind eigentlich diese wahlen vollständig zwecklos? Eigentlich – ja. Diese wahlen sind eine harmlose spielerei, genau so harmlos, als wenn die bukarester oder chicagoer hutmacher wählen würden. Die hutform des vornehmen mannes, der mit seinem hute überall, auf der ganzen welt, für vornehm gehalten werden will, wird dadurch nicht tangiert.

Doch halt, gar so harmlos ist diese spielerei doch nicht. Es gibt nämlich mehr vornehme leute, als unsere hutmacher gemeiniglich annehmen. Und da diese keine [80] hüte tragen wollen, deren vornehmheit mit dem aufhören der schwarz-gelben grenzpfähle zu ende ist, unsere hutmacher aber auf beschluß des hutmachervereines nur solche erzeugen, so sind sie gezwungen, sich englische hüte anzuschaffen. Und wir sehen, wie der verbrauch der englischen hüte in Österreich, obgleich sie bei gleicher qualität um hundert perzent teurer sind, in demselben maße von jahr zu jahr zunimmt, als sich die type des hutmodevereines von der in der guten gesellschaft herrschenden entfernt. Das stimmt um so trauriger, wenn man bedenkt, daß wir dank unserem ausgezeichneten filz und den niederen preisen die konkurrenz mit der ganzen welt aufnehmen könnten. Die einführung des wiener hutes im auslande scheitert stets an seiner unkorrekten form und ausführung.

Unsere ersten firmen haben bei ihrer kundschaft, also in den vornehmen kreisen, mit den typen des hutmodevereines die schlechtesten erfahrungen gemacht und haben diesem verein die gefolgschaft bald aufgesagt. Bei Pleß oder Habig wird man dessen formen auch vergeblich suchen. Im export machte sich die emanzipation bald bemerkbar. Habighüte trifft man nun auf dem ganzen erdball, in New York sowohl wie in Rio de Janeiro. Ich sehe aber nicht ein, warum der hofhutmacher, der dank seinen ausländischen verbindungen und dank seinem vornehmen kundenkreis sich die korrekte type verschaffen kann, andere hüte führen soll, als der meister in der provinz.

Der hutmodeverein brauchte nur, statt einen hut als modern auszugeben, welcher der phantasie eines seiner mitglieder entsprungen ist, jene form zu publizieren, die in der ganzen welt, und zwar in den vornehmsten kreisen [81] als modern gilt. Das hätte zur folge, daß der export sich heben und der import zurückgehen würde. Schließlich wäre es auch kein unglück, wenn jedermann, bis in die kleinste provinzstadt, einen eben so vornehmen hut trüge wie der wiener aristokrat. Die zeit der kleiderordnungen ist ja vorüber. So aber bedeuten manche beschlüsse dieses vereines eine direkte schädigung unserer hutindustrie. Der zylinder wird gegenwärtig etwas niedriger als in der letzten saison getragen. Der verein aber beschloß für den zylinder des kommenden winters eine abermalige erhöhung. Und die folge davon? Die englischen hutmacher bereiten sich schon jetzt auf einen außergewöhnlichen massenexport von seidenhüten für den österreichischen markt vor, da der moderne zylinder im nächsten winter nicht bei den wiener hutmachern zu haben sein wird.

Auch nach anderer richtung könnte sich die tätigkeit des vereines segensreich gestalten. Unser österreichischer nationalhut, der lodenhut, beginnt die reise um den erdkreis anzutreten. In England ist er schon. Der prinz von Wales hat ihn bei seinen jagdausflügen in Österreich kennen und schätzen gelernt und in seine heimat mitgenommen. Hier hat der lodenhut sich nun die englische gesellschaft, herren sowohl wie damen, erobert. Fürwahr ein heikler zeitpunkt, zumal für die lodenhutindustrie. Es fragt sich nämlich, wer der englischen gesellschaft die lodenhüte machen soll. Gewiß die österreicher, und zwar so lange, als die österreicher jene formen erzeugen, welche die englische gesellschaft will. Dazu gehört aber eine unendliche feinfühligkeit, eine genaue kenntnis der gesellschaft, empfindung für vornehmheit und eine feine witterung für das kommende. Durch den brutalen majoritätsbeschluß [82] am grünen tische kann man diesen kreisen keine formen aufoktroyieren. Das weiß wohl der große fabrikant, ich glaube aber, daß auch der kleine meister an der günstigen konjunktur, die für sein erzeugnis eingetreten ist, partizipieren soll. Für ihn sollte daher der hutmodeverein, wenn er sich dieser schwierigen frage gewachsen fühlt, die sache in die hand nehmen. Vielleicht versagt aber sogar der große fabrikant. Dann werden die engländer die lachenden erben sein, denen der große schatz zufallen wird, den der kleine hutmacher im alpenland durch ein jahrtausend sorgfältig gehütet hat.

Die engländer sind nämlich ganz andere geschäftsleute als die österreicher. Für jeden markt arbeiten sie andere hüte. Wir dürfen uns keiner täuschung hingehen; auch der englische hut, den wir auf dem wiener platz erhalten, ist ein kompromiß zwischen dem modernen hut und dem hut des hutmodevereines. Für die wilden völker werden jene gegenstände erzeugt, die eben bei ihnen den meisten anklang finden. Die engländer behandeln uns wie die wilden. Und sie tun recht daran. Auf diese weise verkaufen sie sehr viele hüte an uns, während sie mit dem hut, der in der besten gesellschaft getragen wird, also mit dem modernen hut, recht schlechte geschäfte machen würden. Sie verkaufen dem wiener nicht den hut, der modern ist, sondern den, der dem wiener als modern gilt. Und das ist wohl ein großer unterschied.

Den korrekten verkaufen sie nur in London. Als meine londoner hüte zu ende gingen, ging ich hier auf die suche nach dem correct shape. Da fand ich denn, daß die hier verkauften englischen hüte mit denen in London nicht übereinstimmen. Ich gab einem hutmacher den auftrag, mir aus England den hut zu verschaffen, dessen fasson [83] auch von den mitgliedern der königlichen familie getragen werde. Die garantie des londoner hauses machte ich zur bedingung. Kosten nebensache. Da kam ich aber schön an. Nach monatelangen ausflüchten, nachdem schon eine erkleckliche summe vertelegrafiert worden war, brach die englische firma die unterhandlungen für immer ab. Dem hutmodeverein aber wäre es ein leichtes, sich diese formen zu verschaffen. Auf schnelligkeit käme es da gar nicht an. Wir könnten sehr zufrieden sein, heute jenen hut zu bekommen, den die englische gesellschaft vor drei jahren getragen hat. Das wäre für uns noch ein so hypermoderner hut, daß er in Wien niemandem auffallen würde. Und das muß man von einem modernen hut verlangen. Die mode schreitet langsam, langsamer als man gewöhnlich annimmt. Gegenstände, die wirklich modern sind, bleiben es auch lange. Hört man aber von einem kleidungsstück, daß es schon in der nächsten saison unmodern wurde, das heißt mit anderen worten unangenehm auffiel, dann kann man behaupten, daß es nie modern war, sondern sich fälschlich als modern ausgab.

Betrachtet man die ausstellung unserer hutmacher in der Rotunde, so tut einem das herz weh, wenn man bedenkt, daß eine so tüchtige industrie nicht stärker am export beteiligt ist. Geschmacklosigkeiten trifft man gar nicht – das bildnis des kaisers im hutfutter ausgenommen –, und selbst die kleinsten meister sind imstande, hüte von so vorzüglicher qualität herzustellen wie die ersten häuser. Wie hoch muß diese industrie stehen; von keiner anderen bekleidungsbranche kann man das leider sagen. Ein jeder hutmacher wollte nur durch seine innere tüchtigkeit wirken, und jeder verschmähte die bekannten [84] ausstellungsmätzchen, durch abenteuerliche formen die aufmerksamkeit der beschauer auf sich zu lenken. Dadurch ist dieser ganze teil der ausstellung auf einen feinen, vornehmen ton gestimmt. Die hutmachergenossenschaft vereinigt in einer vitrine zwölf aussteller – große und kleine meister, alle der qualität nach vorzüglich. Unsere firmen – Habig, Berger, Ita und Skrivan – zeichnen sich durch die reichhaltigkeit des von ihnen ausgestellten aus. Über die korrektheit der form ein urteil abzugeben, kann ich mir leider nicht mehr erlauben – ich bin schon seit zwei jahren in Wien. Was aber die elegante ausstattung anbelangt, möchte ich den hüten von Ita den preis zuerteilen.

Unserem hutmodeverein aber wäre zu wünschen, daß er den anschluß an die übrigen kulturvölker suchte und fände. Die schaffung einer österreichischen nationalmode ist ein phantom und aus dem starren festhalten daran würde unserer industrie unberechenbarer schaden erwachsen. China beginnt seine mauer niederzureißen, und es tut gut daran. Dulden wir nicht, daß leute aus falschem lokalpatriotismus um uns eine chinesische mauer errichten!