Die Inseln Sylt, Amrum und die Halligen

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Titel: Die Inseln Sylt, Amrum und die Halligen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 180–184
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 4
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Land und Leute.
Nr. 4. Die Inseln Sylt, Amrum und die Halligen.

Die Inseln der Nordsee, Föhr, Sylt, Amrum u. s. w., welche, wie alte Ueberlieferungen und Sagen berichten, früher zusammenhingen, und gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts durch heftige Stürme auseinander gerissen wurden, werden dennoch zuweilen sowohl untereinander, wie mit dem festen Lande wieder vereinigt, und zwar wenn in strengen Wintern das Eis seine krystallenen Brücken schlägt. So sind unter Anderm in diesem Jahre Fußgänger von der Insel Pellworm, und Schlitten und Wagen von der Insel

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Die Gartenlaube (1856) b 181.jpg

Halliger. Sylterin.   Föhringerin.  Halligbewohnerin.

Nordstrand nach Husum gekommen, und die Bewohner Sylts besuchten zu Fuß und zu Wagen den nächstgelegenen Ort der Festlandes, nämlich Hoyer.

Springfluthen und Stürme haben von jeher die Westküste Schleswigs zerrissen und zerklüftet, blühende Städte und reizende Dörfer wurden vernichtet, das empörte, orkangepeitschte Meer riß Alles in seinen bodenlosen Abgrund hinunter, und wo sich früher Saatfelder und üppige Wiesen ausdehnten, wo Kirchen sich erhoben, und wo die Wohnungen der Marschbauern standen, da rollt jetzt die See in lang gedehnten Schlägen ihre nimmer rastenden Wogen über die versunkenen Trümmer hin. Heine berichtet in seinen Liedern aus der Nordsee, in dem Gedichte „Seegespenst,“ wie er am Rande des Schiffes liegend, in das spiegelklare Wasser hinabschaute, und drunten Kirchenkuppel und Thürme, so wie eine ganze Stadt, alterthümlich niederländisch und menschenbelebt erblickte. Der Vision des Dichters liegt Geschichtliches zu Grunde, unterm Meeresspiegel stehen noch die Trümmer untergegangener Städte, so wie Herculanum und Pompeji unter der erstarrten Asche des Vesuvs.

In den Jahren 1612–18 litt die Insel Nordstrand durch Ueberschwemmungen entsetzlich, die Gewalt der Wogen spottete der Dämme und Deiche; Kirchen und Mühlen wurden niedergerissen, die Kirchhöfe aufgewühlt, die Gräber geöffnet, und die theils halb, theils ganz verwesten Leichname wurden in ihren Särgen an höher gelegene Orte getrieben. Im Jahre 1634 ereignete sich die schrecklichste aller Fluthen, die von 8000 Menschen, welche auf Nordstrand [182] lebten, kaum 1500 übrig ließ. Auch noch in neuerer Zeit haben rasende Stürme an dem Vernichtungskampf gegen die Friesen Theil genommen; wollten wir jedoch all’ dieser traurigen Katastrophen gedenken, so würden wir den Raum dieser Zeitschrift theils zu sehr in Anspruch nehmen, theils würden wir dem freundlichen Leser nur herzzerreißende Schilderungen bieten können. Ehe wir jedoch Abschied nehmen, wollen wir schließlich noch der Inseln Sylt, Amrum und der Halligen gedenken.

Die Ebbe war bereits eingetreten, als wir uns der Insel Sylt näherten, und da das Fahrzeug nicht hart am Ufer anlegen konnte, so nahm der Fährmann uns auf seinen starken Rücken, und trug uns an’s Ufer.

Die Kliffe und Dünen Sylts und Amrums gewähren bei klarem, schönem Wetter einen imposanten, großartigen Anblick; sie bilden einen Damm gegen das majestätisch einherrollende Meer, das diese von der Natur gebildeten, riesigen Dämme nicht zu durchbrechen vermochte, und hängt von ihrer Existenz wesentlich die Erhaltung der Inseln und der hinter ihnen am Festlande liegenden Marschen ab. An den Dünen wird die Gewalt der Wogen und des Sturmes gebrochen, und letzterer wirbelt und peitscht mit seinen Eisenhänden den Sand oft so mächtig, daß man sich eher in die Sahara, vom Tod verbreitenden Samum überfallen, als nach einer Insel der Nordsee versetzt wähnen könnte. Man nimmt an, daß die Dünen dort entstanden, wo das Meer sandigen Boden und Sandbänke genug hat, und wo diese dann, eine Ufergränze bildend, durch den Sand, welchen die Fluth heranwälzte, vergrößert wurden. Auf der, über das Meer emporragenden Fläche schlugen alsdann Gräser ihre Wurzeln und befestigten dadurch den lockern Boden; Wirbelwinde häuften den Sand immer mehr an, welcher durch die allmälig fortschreitende Vegetation fester gebunden, endlich als Düne dem dahinter liegenden Lande Schutz gewährte. Andre behaupten, daß diese Dünen, welche ihre Stirn gegen Westen wenden und dem Gischt und den Stürmen Trotz bieten, einst die äußerste Grenze des festen Landes bildeten. Dies hier näher zu entwickeln, würde uns zu weit führen. Der schwächere Theil der sylter Dünen befindet sich in der Mitte, aber die Bewohner haben bereits eine solche Fertigkeit in dem Anbau des Halms, des Sandroggens und Sandhafers erlangt, daß sie dadurch die Insel gegen die heftigsten Angriffe der Stürme zu schützen vermögen. So hängt denn gleichsam von kleinen und winzigen Pflanzen, welche den Boden befestigen und den Flugsand auffangen, die Existenz der Insulaner ab.

Der Charakter der Sylter ist ehrenhaft und höchst schätzenswerth, sie sind vortreffliche Seefahrer, wie alle Friesen mehr oder weniger. So wie auf Föhr besorgen die Frauen die Feldarbeit; die ältern Männer, welche nicht mehr zur See fahren, liegen dem Fischfang ob, und verfertigen aus dem Halm der Dünen Seile, welche zum Dachdecken benutzt werden, so wie Besen; auch als Viehfutter und Brennmaterial bedienen sie sich des Halms. Ferner vertritt getrockneter Dünger, sowie eine eigne Erdart, der Salztorf, welcher gegraben wird, die Stelle der Feuerung. Der Baumwuchs gedeiht aus Sylt nur kläglich, und die rauhen Winde der Nordsee lassen keine hochstämmigen Bäume aufkommen, und dennoch müssen einst Wälder die Insel geschmückt haben, da man noch jetzt beim Graben Baumwurzeln und Baumstämme findet. Die Häuser der Dörfer sind gleichförmig gebaut und massiv, die Gärten werden von hohen, schrägen Steinwällen umringt, vielleicht um die Sträucher, Stauden und Küchengewächse gegen die rauhen Winde zu schützen. Der Sylter ist Seemann in seinem ganzen Wesen, die Sylterin ist von junonischem Wuchs, fleißig und im höchsten Grade ordnungsliebend, thatkräftig und freundlich, und scheinen bei ihr alle guten Eigenschaften des Frauenzimmers vertreten zu sein; ihre Keuschheit ist sprichwörtlich geworden, und scheint sie darin mit den Kliffen ihrer Insel, welche allen Angriffen der Stürme und des Meeres Trotz boten, zu wetteifern. Ihre Vergnügungen bestehen in Ballspiel und Tanz, und wenn die Tanzenden vom Promeniren zum Walzen übergehen, so wird dies durch einen Kuß angedeutet, eine Sitte, deren Nachahmung gewiß viele Herren auf dem Festlande wünschten. Welcher Leser, dem es bestimmt sein sollte, einst Schiffbruch zu leiden, würde nicht wünschen, nach dieser Insel verschlagen zu werden! Von der Treue und Anhänglichkeit des Weibes auf Sylt mag uns eine alte Sage berichten.

Ein Landwirth gab, nachdem er sein Heu glücklich eingebracht, den Nachbarn, welche ihm geholfen, einen Ernteschmaus. Während

des Festes entstand unter den Gästen ein Streit, und der Wirth, welcher sich hineinmischte, schlug im Zorne einen der Streitenden todt. Entsetzt über seine That entfloh er, da er jedoch nach einigen Tagen nicht wieder zum Vorschein kam, so glaubte man, daß er nach dem Festlande entkommen sei, und die Frau mußte nun für ihn die Mannbuße bezahlen, und zu diesem Zwecke einen Theil ihres Landes verkaufen. Durch die Arbeit ihrer Hände versorgte sie nun sich und ihre Kinder, bis auf einmal das Gerücht entstand, die fromme, brave, tugendhafte Ose, so hieß die Gemahlin des Todtschlägers, sei schwanger. Man wollte nun wissen, wer ihr Liebhaber sei und achtete auf alle ihre Schritte, und so entdeckte man bald, daß ihr Mann noch lebe, der sich während mehrerer Jahre in den Dünen versteckt hatte, wo er von seiner Gattin mit Speise und Trank versehen worden war. Das Ungewöhnliche seiner Erhaltung, so wie die Treue seiner Frau rührte die Herzen der Insulaner, welche den Wiederaufgefundenen in ihre Mitte aufnahmen. Aber zum Angedenken an die hochherzige That des edlen Weibes, welches nicht allein sich und ihre Kinder, sondern auch den Gatten durch die Arbeit ihrer Hände ernährte, nannten sie die Dünenschlucht, in welcher sich der Flüchtling so lange verborgen gehalten halte, das Osethal, welchen Namen es noch heutigen Tages führt.

Viele Dörfer, die früher auf Sylt standen, sind theils vom Meere vernichtet, theils vom Flugsand verschüttet worden, und mußten die Bewohner derselben sich immer weiter vor ihren unermüdlichen Feinden zurückziehen. Noch jetzt kommen dann und wann Trümmer von Häusern, Kirchen und Kirchhöfen zum Vorschein, welche an die untergegangenen Ortschaften erinnern. Die Dörfer Rantum und Nieblum haben mehrere Male dem herandringenden Flugsande, der die Felder verwüstete, weichen müssen.

In dem nördlichen Theil der Insel findet man auf der Heide noch viele Hünengräber oder Riesenbetten, welche aus der heidnischen Zeit herstammen; einige enthalten Grabkammern, und findet man in denselben Menschenknochen und steinerne Waffen. Diese Gräber lassen sich auf das sogenannte Steinalter und in die graue Vorzeit zurückführen, als die Bewohner die Metalle noch nicht zu bearbeiten verstanden. Dieser Hügel sind jedoch nur wenige vorhanden, in größerer Menge dagegen sind die runden Grabhügel vertreten, in denen man Urnen, welche Asche enthalten, so wie küpferne und bronzene Waffen findet. Diese Grabhügel stammen aus einer spätern Zeit, dem sogenannten Bronzealter, als man die Verstorbenen verbrannte und über ihrer Asche und ihrer Grabkammer die Hügel zum Andenken an die Entschlafenen errichtete.

Wir aber wollen uns nicht in die Vorzeit versenken, sondern uns mit den Friesen der Gegenwart beschäftigen, und so mag es denn auch nicht unerwähnt bleiben, daß sie es sind, welche uns in Menge die wahre Perlenmuschel der Nordsee, die Auster, fischen. Die Austern bedeckcn ganze Strecken des Meeresgrundes, und werden diese Lagen „Austernbänke“ genannt. Man findet sie zwischen den größern Inseln und den Halligen und dem Festlande, sie liegen in verschiedener Tiefe, einige 20 Faden tief, andere dagegen sind bereits bei der Ebbe, wenn das Wasser sich zurückzieht, dem Auge sichtbar. Zum Fang der Auster bedient man sich des Austernstreichers; es ist dies ein eiserner Rahmen, der circa zwei Fuß breit und ein Fuß hoch ist; die untere Stange desselben geht nach vorn messerähnlich zu, und hinten ist ein viereckiges, unten aus dickem Eisendraht, an den Seiten jedoch und oben ein aus Garn verfertigtes Netz, befestigt. Dies Instrument wird mit einem langen Tau verbunden, und läßt der Fischer dasselbe, wenn er sich über der Bank befindet, in’s Wasser hinunter; er fischt nun während des Segelns, indem der Streicher die Austern vom Boden löst, welche alsdann in das Netz fallen.

Auf Sylt findet man eine Entenkoje, welche mit ihrem Teich und den Bäumen, welche sie umringen, in der baumlosen Umgegend einen höchst freundlichen, wohlthuenden Anblick gewährt. Auf den Dünen trifft man in großer Menge Möven, Strandläufer, Kibitze, Seeschwalben und andere Seevögel an, welche der Landschaft ein eigenes Gepräge verleihen.

Umgehen von einer so großartigen Natur, wie wir sie zu beschreiben uns bestrebten, erblickte der hochherzige Patriot, Jans Uwe Lornsen, der, ein ächter Ritter, die Herzogthümer aufrüttelte und sie auf den Weg des Fortschritts führte, das Licht der Welt. Aber wie so viele Männer, welche für das Recht in die Schranken traten, wurde auch sein hochherziges Streben mit Verbannung [183] bestraft, und wie Ulrich v. Hutten am Zürchersee, hauchte fern der geliebten Heimathinsel der Brave im Jahre 1838 am Genfersee seine edle Seele aus.

Der Leser, welcher bis hierher unsern Schilderungen folgte, möge jetzt noch einen Abstecher nach Amrum machen, das früher nur durch eine schmale Rinne von Sylt geschieden war. Von der Südwestspitze Föhrs ist die Insel durch einen 1/2 Meile breiten Sund getrennt, und kann man während der Ebbe von Amrum nach Föhr gehen. Wie wir sahen, sind die Sylter größtentheils Seefahrer, die Bewohner Amrums dagegen, deren eigentliches Element gewiß ebenfalls einst der endlose Ocean war, haben sich mehr dem beschaulichen Leben hingegeben. Die gefährlichen Sandbänke Amrums führen den Untergang so manchen stolzen Schiffes herbei, dessen Ladung die Wogen dann an’s Ufer wälzen, und dies hat die Bewohner verleitet, dem trügerischen Elemente die Sorge ihres Unterhaltes anzuvertrauen, und sind sie deshalb weniger Seefahrer- als vielmehr Beeger, welchen von dem Strandgute nach alten Gesetzen ein bestimmter Antheil zukommt. Clement, der die Lebens- und Leidensgeschichte der Friesen geschrieben, sagt: „Das Strandgut bringt weder Wohlstand noch Segen, sondern Fluch. Kein Strandungsunfall ist ohne Lärm u. s. w.“ Ja, der Strand hat die Bewohner nicht gesegnet, welche früher beteten, daß, wenn ein Schiffbruch sich ereignen sollte, der liebe Gott denselben doch an ihrer Küste möge eintreten lassen. Das Beegen des Strandguts, welches zuweilen einträglich, hat die Bewohner Amrums abgehalten, sich der Schifffahrt mehr zuzuwenden. Da der Strand nun aber nicht immer ergiebig, so hat der Reichthum der Insulaner ebenfalls Schiffbruch gelitten und ist bedeutend gesunken. Die Bewohner nähren sich hauptsächlich vom Austerfischen, vom Fischfang, vom Verkauf der Seehundsfelle und dem Flechten des Halms, welcher auf den Dünen wuchert. Ackerland trifft man auf der Insel wenig an, dagegen mehr Wiesen und öde Heide. Die Häuser sind im Vergleich mit denen auf Sylt ärmlich und gewähren keinen erfreulichen Anblick. Die Bewohnerinnen der Insel kleiden sich wie die Föhringerinnen. Die Dünen auf Amrum gleichen den Dünen Sylts, und beinahe 2/3 der ganzen Insel besteht aus Sand, mit dem die heftigen Winde ihr neckisches Spiel treiben; sie arbeiten rastlos an den Dünen, welche sich bald kegelförmig erheben, bald gleichsam Pfeiler zu bilden scheinen, und die eine Höhe von 80–120 Fuß erreichen. Die Dünen sind melancholisch und still, wie überhaupt die ganze Insel in tiefe Stille versenkt zu sein scheint, die auf den Besucher einen eigenthümlich feierlichen Eindruck hervorbringt. Möven erblickt das Auge in Unzahl, sie sind wie der Storch und die Schwalbe poetische Vögel, und Verkünder nahenden Sturms; die großen nisten auf den hohen Dünen, die kleinen auf niedrigen hart am Strande, und das Suchen der Eier dieser sowie anderer Seevögel gewährt den Bewohnern einen kleinen Verdienst.

Wilde Kaninchen waren früher in Unzahl vorhanden, sollen jedoch in der letzten Zeit abgenommen haben, und ist man ein guter Schütz, so wird man auch jetzt nicht leer ausgehen, sondern von seinem Besuche nach den Dünen eine reiche Beute heimbringen. Die Seehunde werden auch geschossen. Man sieht sie oft aus den Fluthen emportauchen und mit großen klugen Augen sich umschauen. Der Jäger zieht dann seine Pelzmütze über die Ohren, streckt sich am Ufer im Sande nieder und sucht die Bewegungen des Thieres nachzuahmen. Dieses, welches einen Kameraden oder eine Gefährtin zu erblicken glaubt, nähert sich, und wird auf diese Weise oft das Opfer treuer Liebe.

Als vortreffliche Lootsen haben die Insulaner ihren alten Ruf behauptet, und der Schiffer, welcher sich ihnen in der Noth anvertraut, möchte fast immer als gerettet anzusehen sein. –„Schlickläufer“ nennt man auf den Inseln Diejenigen, welche bei der Ebbe, wenn das Meer sich zurückgezogen, von der einen zur andern gehen. Die genaueste Kenntniß des Meeresgrnndes ist ersorderlich um sicher das Ziel zu erreichen; eine kurze Abweichung vom rechten Pfade kann den Schlickläufer dem Tode in die Arme führen; denn so wie die Fluth eintritt, braust sie ihm mächtig entgegen und nimmt den Boden wieder in Besitz, von dem sie sich auf kurze Zeit zurückgezogen; sie umspült seinen Fuß und höher und höher steigend, zieht sie ihn in ihren kühlen Schooß hinunter.

Ist man ein Freund von Naturseltenheiten, so sammele man am Strande Conchylien und Gestein; man findet es in allen Formen, und von der Gewalt der Wellen zierlich abgeschliffen. Auch der Botaniker wird nicht leer ausgehen, sondern sich an Algen und Tangarten erfreuen; letzterer, hauptsächlich der Blasentang (fucus vesiculosus wird auf Föhr benutzt, um die Steine der Deiche hinein zu legen, welche mit ihm vereinigt, die gehörige Stärke und Festigkeit erlangen.

Ich stieg, nachdem ich mich lange am Strande an den verschiedenen Gebilden des Gesteins und der Versteinerungen erbaut, langsam die Dünen hinauf, in deren losen Sand ich oft tief versank und mich mühsam emporarbeiten mußte. Oben angekommen, legte ich mich nieder und ließ den Blick schweifen über das endlose, majestätische Meer.


Die Inseln, welche wir bis jetzt besuchten, werden durch Dünen, so wie durch künstliche Deiche und Dämme gegen die Wuth der Wellen und Stürme mehr oder weniger geschützt, aber zu den Inseln Nordstrand und Pellworm gehören noch einige kleine, weder durch Dünen noch durch Deiche beschützte, wie Langenes, Abeland u. a., die sogenannten Halligen; sie liegen östlich von Amrum und südöstlich von Föhr. Halligen nennt man im weitern Sinne alles an der See liegende, uneingedeichte Land, welches bei der Fluth mehr oder weniger überschwemmt wird, im engern dagegen die bereits erwähnten Inseln. Sie liegen in offener See, und nur bei der Ebbe scheinen sie bis auf einige Wasserrinnen festes Land zu bilden. So wie aber die Fluth eintritt, werden sogar die einzelnen Wohnungen von einander getrennt, welche alsdann auf dem Wasser zu schwimmen scheinen. Der Boden der Halligen besteht aus Moorgrund, den die Fluth lockert, die darauf eintretende Ebbe mit sich fortführt und ihn an den Deichen des Festlandes als Schlick wieder ansetzt, so daß man mit Recht behaupten kann, die Halligbewohner können das ihnen entrissene Land an den Küsten des Herzogthums Schleswig wieder finden.

Auf den Halligen gedeiht kein Baum, dessen Grün das Auge erfreuen könnte, kein Busch, keine Staude rauscht im Winde, nur ein feines, kurzes Gras bedeckt den Boden, das den Schafen als Futter dient, und zur Heugewinnung gemäht wird. Nicht selten führt die Fluth den kärglichen Ertrag des Bodens mit sich fort und beraubt den Halligbewohner der spärlichen Ernte.

Die Häuser sind auf Hügeln, auf sogenannten Werften erbaut, um bei Sturmwinden gegen den Schwall der Wogen geschützt zu sein; aber oft steigt die Fluth höher und höher, wälzt sich brausend über die Werfte hin; pocht gegen Fenster und Thüren und treibt die Bewohner bis unter’s Dach. Die Häuser sind so gebaut, daß, wenn auch die Mauern derselben niedergerissen werden, das Dach dennoch auf den Pfeilern und Ständern stehen bleibt, welche der vorsichtige Erbauer bis auf den Grund der Werfte hineingetrieben hat. Nimmt aber die Wuth des Orkans nicht zur rechten Zeit ab, so wird auch die Werfte vernichtet, die Pfeiler, welche das Dach stützen, schwanken und erbeben in ihren Grundfestem und nur einer mächtigen Woge bedarf es dann, um Alles zu zertrümmern, und den schwanken Bau mit seinen Bewohnern in die endlose Tiefe hinabzuziehen.

So traurig ist die Lage der Insulaner, und dennoch lieben sie den paradiesischsten Ort der Erde nicht so wie ihre Heimath, die nur Noth und Schrecken zu bieten scheint. Daß der Schweizer in fremden Ländern seiner stolzen Alpen und grünenden Thäler in süßer Freude und tiefer Wehmuth gedenkt, ist leicht erklärlich, daß aber der Halligbewohner, der als Seefahrer die Wogen durchschneidet, mit noch größerer Anhänglichkeit seine nackte Insel liebt, wo er sich einst niederzulassen und sein Auge zu schließen hofft, das ist rührend und herzerschütternd, und läßt uns ahnen, welchen Zauber die Heimath auf jedes unverdorbene Gemüth ausüben muß.

Eine vielfach poetisch bearbeitete Sage berichtet, daß eine Friesin, die von ihrem Geliebten Abschied nahm, ihm versprach, immer eine Lampe an ihrem Fenster brennen zu lassen, bis er in ihre Arme zurückgekehrt sei. Der Seemann fand jedoch seinen Tod in den Wellen, aber das Mädchen versorgte unermüdlich die Lampe und blickte sehnsuchtsvoll auf’s Meer, den Geliebten erwartend. Ihre Wangen erblaßten, ihr Haar erbleichte; Jahr aus Jahr ein brannte die Lampe, im nächtlichen Dunkel ihren freundlichen Schimmer auf die Wogen werfend, bis die Liebende endlich die müden Augen schloß, und von ihrer Hand nicht mehr versorgt, auch der Schimmer der Lampe erlosch.

[184] Es soll vorgekommen sein, daß bei hoher Fluth und während der Nachtzeit große Schiffe dicht bei den Werften der Halligbewohner vorbeifuhren, und die Seefahrer es dann nicht zu deuten wußten, wenn sie plötzlich neben sich in ein traulich erhelltes Zimmer, das von Wellen umgeben war, hineinschauten

Brunnen sind auf den Inseln nicht vorhanden, sondern die Bewohner haben auf ihren Werften eine Art Cisterne gegraben, die sie mit Grassoden aussetzen, und in welcher sie Regenwasser auffangen, das ihren Schafen zum Saufen und ihnen zur Bereitung des Thees dient, und müssen sie bei anhaltender Dürre das Trinkwasser vom festen Lande holen. Während der großen Fluthen, in der ersten Hälfte des 17 . Jahrhunderts (1634) zogen viele Friesen von den Halligen nach Föhr, und ließen sich in Wyk und dem Dorfe Rieblum nieder, wo sich auch bis jetzt die ursprüngliche Tracht der Frauen erhalten hat.

Die Bewohner der Halligen sind kühn und unerschrocken, zurückhaltend und schweigsam; einsam leben sie auf ihrer Werfte, sich um die Außenwelt wenig kümmernd , nur bei einer Hochzeitfeier, die jedoch der wenigen Bewohner wegen selten vorkommt, geben sie sich der Freude des Tanzes hin. Die Frauen kleiden sich in enge Futterhemden von wollenem oder seidenem Damast; die langen Aermel, welche nach vorn weit offen stehen, sind an den Seiten mit silbernen Knöpfen besetzt; das Leibchen, welches sie unter dem Futterhemde tragen, steht ebenfalls weit offen, und schließt nur unten; an jeder Seite sitzt eine Reihe von achtzehn massiven silbernen Haken, an welchen eine Kette, ebenfalls von Silber, hin und hergewunden wird, an dem obersten Ende derselben tragen sie auf der Brust eine goldene oder- silberne Schaumünze. Das ist noch eine alte Nationaltracht, welche die nüchterne und unschöne der Frauen des Festlandes beschämt.