Die Krankenpflege
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Es erscheint fast gewagt, zu den vielen Büchern,
welche bis jetzt über Schulung von Krankenpflegerinnen
geschrieben worden sind, einen neuen Beitrag
liefern zu wollen, und ich leugne nicht, daß ich
nur mit Zagen an die Lösung meiner Aufgabe hinantrete,
besonders da ich Manches mühsam auf Umwegen
zu erreichen suchen mußte, was, wie ich schon jetzt fühle,
mir nach einigen Jahren ganz leicht erscheinen wird.
Die Verhältnisse haben mir leider enge Schranken gezogen und ich kämpfe heute noch mit Dingen, welche mir bei reicheren Mitteln gar keine Schwierigkeit verursacht haben würden, aber eben, weil ich weiß, daß es vielen Anderen gerade so ergeht, wie mir, will ich versuchen, meine Erfahrungen in theoretischer wie praktischer Beziehung zu Nutz und Frommen dieser Anderen mitzutheilen.
Es ist mir hauptsächlich darum zu thun, die Lücken, welche sich in den bisher erschienenen Lehrbüchern für unsere Zwecke und Ziele fühlbar machen, nach Kräften [VI] auszufüllen, zumal es, meines Erachtens, vor Allem darauf ankommt, den Schülerinnen der Krankenpflege die ersten Anfangsgründe ihres Berufes, das sogenannte A-B-C, klar und faßlich darzustellen und ihnen dadurch eine sichere Grundlage für ihre spätere Ausbildung zu geben.
Sind diese Anfangsgründe nur mechanisch erlernt, nicht mit vollem Verständniß aufgefaßt, so werden die Pflegerinnen immer nur mehr oder weniger Maschinen sein, aber nie ihren hohen und schönen Beruf ganz und voll erfüllen.
Die vorhandenen Lehrbücher setzen meistens zu viele wissenschaftliche Kenntnisse bei den Lernenden voraus, während bis jetzt der größte Theil derer, welche sich außerhalb der geistlichen Genossenschaften dem Berufe der Krankenpflege widmen, kaum die nothdürftigste Schulbildung genossen hat. Aber selbst wenn den Betreffenden eine gute Schulbildung zu Theil geworden, so haben sie doch fast immer andere Unterrichtszweige als die zur Krankenpflege gehörenden cultivirt und müssen deshalb praktisch und theoretisch, von der Pike auf dienend, gründlich geschult werden. Die Verfasser der Lehrbücher für Schülerinnen der Krankenpflege scheinen ferner allgemein anzunehmen, daß die Gesundheitslehre bereits vor ca. sechs Jahren auf den Lehrplänen der meisten Schulen als obligatorischer Unterrichtszweig gestanden habe, denn die sich jetzt meldenden Aspirantinnen haben doch mindestens seit dieser Zeit die Schule verlassen, besitzen aber nur in den seltensten Fällen Begriffe von den einfachsten Gesundheitsregeln, [VII] diesem Hauptprincip, auf dem die Krankenpflege beruht.
Um meine Aeußerung, daß es mir darum zu thun sei, „Lücken auszufüllen“, zu motiviren, sei es mir vergönnt, von meiner eigenen Erfahrung in dieser Beziehung zu sprechen:
Als mir nach Beendigung des Krieges 1866 Ihre Majestät die Königin von Sachsen, die damalige Kronprinzessin, Präsidentin des Albert-Vereines, die Leitung der Krankenpflege in demselben übertrug war es natürlich meine nächste Aufgabe, mich mit Allem vertraut zu machen, was zur Uebernahme eines solchen Amtes nöthig war.
Ich konnte, da meine Anwesenheit an Ort und Stelle erforderlich war, in der ersten Zeit keine Reisen unternehmen, um größere Krankeninstitute zu besuchen und die Einrichtungen derselben kennen zu lernen. So richtete sich denn meine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die vorhandenen theoretischen Lehrmittel und ich begann ein eifriges Studium der Literatur über Krankenpflege. Aber keines der vielen Bücher, welche ich zur Hand nahm, entsprach meinen Zwecken und zwar hauptsächlich deshalb, weil der Inhalt, wegen seiner zu wissenschaftlichen Fassung, mir nicht deutlich und verständlich genug schien: eine Lage, in der sich wohl auch viele Andere befinden mögen, und zwar aus Mangel an den erforderlichen, oft einfachsten Vorkenntnissen.
In praktischer Beziehung waren schon im Kriege 1866 die geistlichen Schwestern – die Ordenskrankenpflege – mein Vorbild. Ich arbeitete damals mit [VIII] Diakonissinnen aus Bethanien in Breslau; mit grauen Schwestern, Elisabethinerinnen aus Neiße; mit Franziskanerinnen vom Rhein, so wie mit Borromäerinnen aus Schlesien, und habe stets voll dankbarer Bewunderung ihre großen Vorzüge anerkannt.
Als es mir dann später möglich war, Einsicht von ihren und anderen vortrefflichen Krankenanstalten zu nehmen, stellte ich vielfach Vergleiche an und legte mir immer und immer wieder die Frage vor, ob und wie es uns wohl möglich wäre, Aehnliches zu erreichen oder mit ihnen Hand in Hand zu arbeiten. Natürlich kam mir auch immer wieder der Gedanke zum Bewußtsein, daß auch bei ihnen einmal ein Anfang gemacht worden sei, und dürfen wir deshalb nicht, selbst nach manchem vergeblichen Versuche, den Muth sinken lassen, sondern müssen uns das Gute, was uns von den Ordensschwestern so reichlich geboten wird, als Vorbild dienen lassen, ernstlich arbeiten und so lehrend und lernend allmählich vorwärts schreiten, um mit Gottes Hülfe endlich zum Ziele zu gelangen.
Als ich mich dann durch ununterbrochenes ernstes Lernen, in theoretischer wie in praktischer Beziehung, meiner Aufgabe mehr und mehr gewachsen fühlte und manche gute Erfahrung gesammelt hatte, wurde es mir immer klarer, wie unabweisbar nothwendig es sei, ein System aufzustellen, nach welchem tüchtige Pflegerinnen geschult werden könnten. Ich habe immer deutlicher einsehen gelernt, daß eine halbgebildete Krankenpflegerin am Krankenbette oft weit gefährlicher als ist, eine ganz unwissende, und als nun auch von anderer Seite immer [IIX] häufiger der Antrag an mich gestellt wurde, ein Handbuch für Schülerinnen der Krankenpflege herauszugeben, so glaubte ich mich dieser ehrenvollen Aufforderung um so weniger entziehen zu dürfen, als mir in meiner Thätigkeit der Umstand immer klarer vor die Seele trat, wie sehr es der Krankenpflege noch immer an einem genügenden Vorbilde fehlt und wie Jeder, der sich dazu berufen fühlt, sein Scherflein beitragen sollte, um den Ausbau des Werkes zu fördern. Aller Anfang ist schwer, das dürfen wir am wenigsten außer Acht lassen; wir dürfen nicht müde werden, endlich wird doch der Erfolg unsere Mühe krönen.
Die Krankenpflege befindet sich bei uns noch im Kindesalter; sie bedarf der stetigen, sorgsamen Entwicklung, muß überall von kundiger Hand vorsichtig geleitet werden, und zwar nicht nur, wie bisher an manchen Orten, durch theoretischen, von Aerzten geleiteten Unterricht, sondern durch praktische Unterweisung der Schülerinnen von sachverständigen Frauen, eine Methode, welche sich bei den geistlichen Genossenschaften in so trefflicher Weise bewährt hat.
Wir dürfen indessen nicht verkennen, daß der weltlichen Krankenpflege eine viel schwerere Aufgabe gestellt ist, da sie nicht, wie die geistlichen Genossenschaften, nur für und in größeren Krankeninstituten ihre Schülerinnen heranbildet; wir haben es vorzugsweise mit der Privatpflege, mit dem großen Publicum zu thun, wo die Pflegerinnen ohne permanente ärztliche Aufsicht arbeiten müssen. Darum ist hier eine weit gründlichere Schulung jeder Einzelnen nöthig.
[IX] So entschloß ich mich denn zur Herausgabe des vorliegenden Buches, welches zunächst den Schülerinnen unseres Albert-Vereines als Leitfaden in die Hand gegeben werden soll, aber auch in weiteren Kreisen Nutzen stiften fann und wird.
Wäre mir auch weiter nichts gelungen, als Anderen die Schwierigkeiten bei Erlernung des Berufes zu erleichtern, indem ich ihnen den Weg zeigte, den ich selbst gegangen bin, so hoffe ich nicht umsonst gearbeitet zu haben. Vielleicht folgen noch Andere, welche sich viel mit Krankenpflege beschäftigt haben, meinem Beispiele, in dem sie auch die ihrerseits gemachten Erfahrungen mittheilen, was natürlich zum allgemeinen Nutzen wünschenswerth wäre; es würde mich aufrichtig freuen, durch mein Vorgehen den Impuls dazu gegeben zu haben.
Bevor ich zu dem eigentlichen Inhalte übergehe, möchte ich aber recht herzlich um freundliche Nachsicht meiner geehrten Leser und Leserinnen bitten. Ich versuchte aus dem, was ich in den verschiedenen Büchern über Krankenpflege für unsere Zwecke Geeignetes fand, eine Zusammenstellung zu machen, und indem ich Erlebtes und Erfahrenes hinzufügte, war ich bestrebt, eine Arbeit zu liefern, welche meine Auffassung von dem hohen und schönen Berufe der Krankenpflege kennzeichnen soll.
Bei einigen medicinischen Kapiteln hatte ich mich der besonderen Unterstützung sachverständiger Aerzte zu erfreuen, denen ich hiermit dafür, daß sie mir die Bearbeitung mir ferner liegender[WS 1] Gebiete erleichterten, Dank sage.
[X]
Dr. Gedicke, „Handbuch der Krankenwartung“, bearbeitet von Dr. Ravoth.
Generalarzt Dr. Grimm, „Leitfaden zum Unterricht der in der Königl. Preuß. Armee auszubildenden Lazarethgehilfen“.
Dr. L. Fürst „Das Kind und seine Pflege im gesunden und kranken Zustande“.
Dr. A. Kleinhans, „Die Haut“.
Dr. Sonderegger, „Vorposten der Gesundheitspflege“.
Dr. R. Hagen, „Anleitung zur klinischen Untersuchung und Diagnose“.
Dr. W. Roth und Dr. W. Lex, „Handbuch der Militärgesundheitspflege“.
Miß Florence S. Lee, „Handbuch für Krankenpflegerinnen“. Deutsch von Dr. Schliep.
Miß Florence Nightingale, „Die Pflege bei Kranken und Gesunden“.
Dr. Chalybäus: Vortrag, gehalten in der Diakonissen-Anstalt zu Dresden.
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| Fig. | 1. | Verbandtasche | 87 |
| Fig. | 2. | Verbandkorb | 91 |
| Fig. | 3. | Esmarch’s Dreizipfliges Tuch | 88–89 |
| Fig. | 4. | Das Skelett als Ganzes | 108 |
| Fig. | 5. | Die einzelnen Theile des Skeletts | 110 |
| Fig. | 6. | Die Organe der Mund- und Rachenhöhle | 113 |
| Fig. | 7. | Die wichtigsten Gelenke | 120 |
| Fig. | 8. | Die Organe der Brust- und Unterleibshöhle | 134 |
| Fig. | 9. | Der Blutkreislauf, schematisch dargestellt | 138 |
| Fig. | 10. | Der Blutkreislauf, anatomisch dargestellt | 142 |
| Fig. | 11. | Die für den Aderlaß wichtigen Blutadern | 144 |
| Fig. | 12. | Die Verdauungsorgane | 148 |
| Fig. | 13. | Das Krankenthermometer | 200 |
| Fig. | 14. | Pulszähler | 205 |
| Fig. | 15. | Die Pravaz’sche Spritze | 248 |
| Fig. | 16. | Die am häufigsten zur Verwendung kommenden chirurgischen Instrumente | 260 |
| Fig. | 17. | Bespülungsapparat (Irrigator) | 261 |
| Fig. | 18. | Zerstäubungsapparat (Pulverisator) | 262 |
| Fig. | 19–21. | Blutstillung durch Compression mit den Fingern | 267 |
| Fig. | 22. | Dampfzerstäubungsapparat nach Leiter | 276 |
| Fig. | 23. | Inductionsapparat | 277 |
| Fig. | 24. | Appparat für constanten Strom | 281 |
| Fig. | 25. | Doppelapparat für Inductions- und constanten Strom | 283 |
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