Die Lesung derer Romans, als ein sehr bedenkliches Mittel seine Schreibart zu verbessern

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Autor: Johann Theophilus Walz
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Titel: Die Lesung derer Romans, als ein sehr bedenkliches Mittel seine Schreibart zu verbessern, […]
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Erscheinungsdatum: 1759
Verlag: Breitkopf
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]
Die Lesung derer Romans,
als ein sehr bedenkliches Mittel seine Schreibart zu verbesser[n,]
wurde an dem
Namenstage,
den 25 May 1759.
Des Hochedelgebohrnen, Hochachtbaren,
und Hochgelahrten Herrn,
HERRN
Christian Gottlob
Kändlers,
A. M.
Der Stadtschule in Sangerhausen hochverdienten Rectors, auch der
Churfürstl. Mäynzischen Akademie derer Wissenschaften, und der lateinischen
Gesellschaft in Jena hochansehnlichen Mitgliedes,
betrachtet
von denen sämmtlichen Mitgliedern der unter seiner Aufsicht
Sonnabends sich übenden Rednergesellschaft.
Joh. Friedrich Kübitz, von Hohlstedt.
Joh. Joachim Heyroth, von Bennungen.
Wilh. Ferdinand Müller, von Uftrungen.
Jeremias Christian Rolle, von Gehoven.
Carl Christoph Friedrich Knoblauch, von Wickeroda.
Christian Friedrich Kerst, von Werningshausen.
Friedr. Wilh. Demelius, von Sangerhausen.
Johann Theophilus Walz, von Dreßden, der Verfasser.
Johann Friedrich Christian Ferber, von Gonna.
Joh. Gottfried Meyer, von Sangerhausen.
Ludwig Dorguth, von Seeburg.
Heinrich Carl Gottlieb Walz, von Dreßden.
Christian Gottfried Fritsche, von Lüdersdorf.

Leipzig, gedruckt bey Johann Gottlob Immanuel Breitkopf.



[3]
Hochedelgebohrner, Hochachtbarer, Hochgelahrter Herr,
Insonders Hochzuehrender Herr Rector, Hochgeschätzter Lehrer und Patron!


Unter diejenigen Bücher, deren Nutzen noch sehr zweydeutig ist, gehören ohne Zweifel die Romanen, die in so großer Menge vorhanden sind, daß ihre Verehrer ganze Büchersäle damit erfüllen könnten, obgleich dieselben gemeiniglich einem kläglichen Schicksale unterworfen sind, indem sie meistentheils entweder auf dem Trödel um ein geringes Geld verkauft werden, oder denen Krämern ihre Waaren einzuwickeln dienen müssen, nachdem sie durch den vielen Gebrauch unscheinbar worden.

Ihren Namen haben sie daher, weil in denen ersten Romanen mehrentheils die Begebenheiten und Liebesgeschichte römischer Helden und Heldinnen vorgestellet wurden. Dem [4] grauen Alterthume sind sie schon bekannt gewesen, und ihren Ursprung muß man in Asien suchen, wie denn die Morgenländer sehr geneigt sind, solche Erdichtungen zu machen. Einige aber leiten so gar ihren Ursprung aus der Bibel, und wollen das Buch Tobia und Judith zu Romanen machen, woraus man lernen sollte, wie das Gute belohnt, und das Böse bestraft würde. Ja es giebt solche unverschämte Bösewichter, welche auch die Canonischen Bücher antasten, und das Hohelied Salomonis, wie auch das Buch Hiob zu den Romanen zählen. Doch was für eine Verwegenheit! was für eine Gotteslästerung! welch eine Bosheit ist es nicht, zu glauben, und dieses nicht allein, ja so gar zu behaupten, daß man in die heilige Schrift, in welcher alle Lehren und Gründe unsrer Religion, ja auch unsre zeitliche und ewige Glückseligkeit enthalten ist, sollte erdichtete Schriften oder vielmehr Romanen einverleibet haben, geschweige denn, da alle beyde Bücher nicht die geringste Aehnlichkeit eines Romans in sich fassen. Jedoch Homerus beyde Werke sind hieher zu rechnen: denn seine Helden, Achilles und Ulysses, sind zwar in der Welt gewesen, und sie haben auch einiges, was in diesen Büchern enthalten, in die Erfüllung gebracht; doch, um seiner Dichtkunst ein prächtiges Ansehn zu geben, so machte er, wie Maro bey seinem Aeneas, viele Zusätze. Es sind auch noch viele Erzählungen vorhanden, die von dem Moder der Zeit noch aufbehalten worden; z. E. die, von welcher ein ansehnlicher Ritter-Orden zu Wien seinen Namen führet.

[5] Die Teutschen ließen sich im Anfange mit Uebersetzungen begnügen; nachdem sie aber angefangen, andern Völkern in allen Künsten und Wissenschaften nachzuahmen, so haben sie auch, wie die Spanier, Franzosen und Italiener, ihre eigene Schriftsteller. Menantes und Talander sind sattsame Zeugen. Viele Verfasser haben ihre Namen verschwiegen, oder sich, (wie diese) falsche beygeleget.

Es ist zu beklagen, daß die Erfinder vieler Dinge nicht können ergründet werden; so geht es auch mit den Romanen. Diese Unwissenheit rühret daher, weil alle Sachen einen geringen Anfang haben, da denn die Geschichtschreiber den Zeitpunct zu bemerken vergessen; doch soll Heliodorus, der die Würde eines Bischoffs in Tricka, in Thessalien, bekleidete, der eigentliche Erfinder dieser Bücher gewesen seyn, an den Hieronymus Briefe geschrieben, und dessen der berühmte Vossius Lib. III. p. 290. gedenket. Sein Roman heißt Aethiopica, die Hauptpersonen in diesem Werke sind Theagenes und Chariclea. Allein wie wurde ihm diese große Mühe belohnet? sehr schlecht. Zu seinem größten Schaden und Unglück hatte er dieses Buch verfertiget, denn er wurde von der noch damals sehr eifrigen christlichen Kirche deswegen seines Amtes und Würde beraubet. Nicephorus ist hiervon L. XII. c. 32. ein gültiger Zeuge. Ihm ahmte ein Erzbischoff in Rheims, mit Namen Turpin, nach, der die Geschichte Carls des Großen, und Rolands, romanenmäßig beschrieben hat.

[6] Müßiggang und Begierde, sich auch in seinem Zimmer bey Ermangelung der Gesellschaft, oder wenn man deren überdrüßig ist, zu belustigen, sind sattsame Gründe, diesen Büchern unzählige Liebhaber zu wege zu bringen. Die Sittenlehrer in und außer denen Gott geheiligten Rednerstühlen, eifern heftig darwider. Aeltern und Lehrer bemühen sich unaufhörlich, ja sie wachen Tag und Nacht, ihren Kindern die Lesung dieser Romanen zu verwehren; es ist sogar in gewissen Schulen eine große Strafe darauf gesetzt, wenn ein Untergebener ein solches Buch bey sich antreffen läßt: aber nitimur in vetitum, verbothne Sachen vermehren die Begierde.

Wir wissen und erfahren, daß sich die Sterblichen jederzeit befleißigen, ihre Thaten, sie mögen nun böse oder gut seyn, mit dem Mantel der Tugend zu umhüllen, und eben so geht es mit den Liebhabern der Romanen; denn diese haben drey Feigenblätter, nämlich, Gott hätte zwar gesagt: Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brodt essen; doch wenn der Mensch des Tages Last und Hitze getragen, so sey es ihm auch erlaubt, sich zu vergnügen, und darzu wäre ja nichts anständigers, als ein angenehmes Buch; überdieses wären in denen Romanen die bündigsten Grundsätze der Moral enthalten, und endlich wären sie ein ausnehmendes Mittel, seine Schreib- und Mund-Art zu verbessern. Also sind doch zum wenigsten die abscheulichen Romanen nicht hieher zu rechnen, die bloß in der Absicht geschrieben sind, um die fleischlichen Lüste und Begierden zu erwecken, [7] die sich doch ohnedem öfters genung bey denen Menschen einfinden, und diese durch Beyspiele anzufeuern. Wir läugnen aber, daß sie von Leuten zum Zeitvertreibe gelesen werden. Denn betrachte man nur einige Liebhaber dieser Bücher, machen sie nicht ein rechtes Geschäffte daraus, bringen sie nicht ganze Werkeltage und ganze Nächte, ja wohl gar die, zu was anders bestimmten, Tage des Herrn damit zu? Sind sie nicht in großen Nöthen, wenn ein Werk vollendet ist, wo sie wieder ein anders bekommen, gleichen sie nicht hierinne den guten Schenkwirthen, die immer Bier bey Biere haben, und es gar nicht alle werden lassen? derowegen werden nicht nur Nebenstunden darzu angewandt. Was aber die Sittenlehre anbetrifft, so haben sie ja Mosen und die Propheten, laß sie dieselben lesen und hören, und so viel tausend geistliche und weltliche Schriftsteller, welche die Sätze der Moral auf die schönste und richtigste Art darlegen. Allein wir haben uns vorgesetzt, den dritten Satz zu widerlegen, da sie uns überreden wollten: sie läsen solche Schriften nur der guten Schreibart wegen.

Wir würden uns sehr vergehen, wenn wir uns als allgemeine strenge Sittenlehrer bezeigen wollten, und es würde wenig Beyfall finden; deswegen werden wir nur bey unserm Stande bleiben, und in die Studierstuben der jungen Musensöhne sehen. Besuchte man so einen jungen Menschen, was sah man in seinem Museo? nichts als lateinische und griechische Redner, Dichter, Weltweise, und Anfangsgründe der Wissenschaften, sie stunden aber nicht nur da, um die [8] Bibliothek zu zieren, keinesweges, er bemühte sich dieselben gründlich zu verstehen, und daraus eine vollständige und gründliche Erkenntnis zu erhalten. Aber, was erblicken wir jetzt in seinem Bücherbehältnisse? O! wie hat sich mit der Zeit auch die Neigung geändert; da sieht man nun vor den Demosthenes, Homerus, Tacitus, Cicero, Plinius und dergleichen, Journale, erdichtete Reisebeschreibungen, Schauspiele, und zwar von der schlechtesten Art, eben solche Fabeln, und andere zum Romanen gehörige Bücher. Doch damit sind die Lehrer der Jugend nicht zufrieden, sie beklagen sich aufs heftigste, sie bitten, sie vermahnen, solche Misbräuche abzuschaffen, aber vergebens.

Die Leser der Romans bekümmern sich im geringsten nicht um die ausgesuchten Redensarten, Figuren, Gleichnisse, Rechtschreibungen und Perioden, aus welchen Dingen sie doch noch einigen Nutzen schöpfen könnten. O nein! ihre Gedanken, Aufmerksamkeit und Absicht ist nur bloß auf die artige Geschichte gerichtet; haben sie nun eine angefangen, so lassen sie ihre nöthigsten Verrichtungen stehen, und ihre Seele brennet vor Begierde, nur den Ausgang zu wissen, da denn vorhero wohl bisweilen sind Thränen vergossen worden, wenn es denen Helden oder Heldinnen sehr unglücklich gegangen ist. Denn die Herren Verfasser derer Romanen, lassen ihre ganze Sorge dahin gehen, um beständig in ihre Erzählung Verwirrungen anzubringen, damit man desto mehr Aufmerksamkeit bekomme, und das Buch nicht so leicht weglegen könne, weil man sonst die Folge vergessen würde.

[9] Hat man nun endlich mit Mühe die vielen Bände geendigt, so ist dieses der größte Nutzen, den man daraus geschöpft hat, daß ich z. E. aus acht Theilen weiß, daß eine Clarissa, weil sie sich mit einem Menschen schlimmer Art, wider ihrer Aeltern Willen, in allzugroße Vertraulichkeit eingelassen, ein unglücklich Ende nimmt. Ist dieses nicht eine Wahrheit, die eine jede Bauersfrau alle Tage und Stunden ihrer Phyllis vorträgt? Die Mund- und Schreibart aber, hat sich bey denen Lesern und Leserinnen im geringsten nicht geändert, und der wahre Vortheil hat darinne bestanden, daß sie die edle und unersetzliche Zeit ohne Nutzen verschwendet haben. Wer die Ehre hat, mit Romanen-Lesern in Gesellschaft zu seyn, (die man eben nicht mit Diogenis Laterne suchen darf,) der gebe doch Achtung, ob sie nunmehro mit mehrerm Feuer und Geiste, als vorhero, ihre Gedanken zu erkennen geben. Wir sind überzeugt, daß er nichts antreffen wird. Wenn auch gleich einige kleine Geister sich eine hochtrabende, schwülstige, der Banise ähnliche Mundart angewöhnet haben, so wird ihnen dieselbe wenig helfen: denn, kommen sie in öffentliche Versammlungen, sollen sie Proben ihrer Beredtsamkeit ablegen, oder etwas vor, oder an den Obern verfertigen, und wollen aus solchen Büchern genommene Redensarten brauchen, so werden sie sich dem spöttischen Urtheile derer Zuhörer aussetzen. Gleiches Schicksal würden diejenigen haben, welche die Muster eines Briefes aus der Pamela oder Clarissa nehmen wollten. O was für ein gefährliches Mittel zur Beredtsamkeit ist dieses! ist denn keine Salbe in [10] Gilead, eine gründliche, ungezwungene, angenehme und den Leser reizende Beredtsamkeit zu erlangen? Wir sagen: ja. Wollen wir Anleitungen und Muster zu dieser edeln Wissenschaft haben, so sind Mittel genug vorhanden. Unsre jetzigen Geistlichen arbeiten meistentheils ihre heiligen Reden mit dem größten Fleiß aus, sie geben sich alle Mühe, sie nach den Grundsätzen der Sprachlehre und Redekunst einzurichten, ihre gedruckten Kanzelreden haben die so genannten Postillen gänzlich unsichtbar gemacht. Die Rechtsgelehrten selbst, befleißigen sich, ihren Sätzen eine Zierde zu geben, und wer sich nur ein wenig von dem Pöbel entfernen will, befleißiget sich auch in den kleinsten Handbriefgen und täglichen Unterredungen sich deutlich, ordentlich, und ungezwungen auszudrücken.

Hieraus sieht man nun deutlich, daß Quellen im Ueberflusse vorhanden sind, auf eine unschuldige Art erhaben, prächtig, und doch ungezwungen reden, denken und schreiben zu lernen, und zwar aus Schriften, in welchen nicht nur die Worte, sondern auch die Sachen nützlich seyn, auch sonsten nichts bedenkliches enthalten ist.

Ihr, Hochzuehrender Herr Magister, gar nicht zur Strenge, sondern vielmehr zur Güte und Leutseligkeit geneigtes Gemüthe verbietet uns gar nicht die Lesung derer Romans: denn verbotene Bäume machen eine lüsterne Eva nur noch begieriger, ja Sie lesen selbst, in einigen außerordentlichen Stunden, einen mit uns, den die geschickte Feder des Herrn von Fenelon vollkommen gut ausgearbeitet hat, [11] jedoch nur in der Absicht, uns die Sprache, Geschichte, Alterthümer und Fabellehre daraus beyzubringen; da es uns denn scheint, als wenn wir des Homerus Odyssea, und des geschickten Virgilius Bücher der Aeneidos anträfen.

Wie glücklich sind wir also nicht, uns unter Ihrer treuen Aufsicht zu befinden: denn Sie führen uns nicht nur die richtigsten Wege zu der nützlichen Redekunst, sondern Sie theilen uns auch die besten Anfangsgründe mit, Sie legen uns selber die auserlesensten teutschen, lateinischen, französischen und griechischen Muster vor. Sie verlangen, daß wir uns in der Redekunst üben sollen, ja Sie lassen uns selbst gewisse Sätze ausarbeiten, die hernach öffentlich gehalten und beurtheilet werden.

Was Plinius von seinem Freunde Virginius Rufus schreibt: Exhibuit affectum parentis, trifft bey Ihnen, Hochedelgebohrner Herr, vollkommen ein. Die Moral und die gesunde Vernunft verbindet uns also, daß wir Ihnen vor solche väterliche Wohlthaten auf solche Art, wie Frankreich gegen des Herrn von Fenelon, und neulich gegen des Herrn Rollin Verdienste, dankbar wären; aber wir sind zu schwach, Sie nach Würden zu belohnen, denn uns mangeln schon die Kräfte nur eins, nämlich den unsäglichen Fleiß, den Sie in Erlernung der Redekunst gegen uns bezeugen, sattsam zu vergelten. Allein wir sind überzeugt, daß Sie unsre aufrichtigen und unverfälschten Wünsche, die wir nach Zions Höhen steigen lassen, vor die angenehmste und wichtigste Belohnung annehmen werden.

[12] Wir bitten also den Schöpfer, der es denen guten Hirten in Ewigkeit wird wohl gehen lassen, daß er Ihnen alles, was im irdischen Weltgebäude die Arbeit derer Menschen versüßen kann, angedeyen lassen wolle, und Ihre Jahre mehre, damit Sie von uns allen die Früchte Ihrer gesegneten Arbeit sehen können. Wir reden aus der Fülle des Herzens, und mit Ueberzeugung, nicht aber, wie die Liebhaber in denen Romanen, deren prächtigen und schmeichelhaften Worten oft die Aufrichtigkeit fehlet, und können also auf die Erfüllung unsrer Wünsche uns desto gewissere Rechnung machen.