Die Neun Berge bei Rambin

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Autor: Ernst Moritz Arndt
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Titel: Die Neun Berge bei Rambin
Untertitel:
aus: Mährchen und Jugenderinnerungen. Erster Theil. S. 155–311
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Realschulbuchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[155]

7.
Die Neun Berge bei Rambin.

In der westlichen Spitze der Insel Rügen in der Ostsee an der Feldscheide der Dörfer Rodenkirchen und Götemitz, etwa eine Viertelmeile von dem Kirchdorfe Rambin, liegen auf flachem Felde neun kleine Hügel oder Hünengräber, welche gewöhnlich die Neun Berge oder die Neun Berge bei Rambin genannt werden und von welchen das Volk allerlei Mährchen erzählt. Diese entstanden weiland durch die Kühnheit eines Riesen, und seitdem die Riesen todt sind, treiben die Zwerge darin ihr Wesen.

Vor langer Zeit lebte auf Rügen ein gewaltiger Riese – ich glaube, er hieß Balderich – [156] den verdroß es, daß das Land eine Insel war und daß er immer durch das Meer waten mußte, wenn er nach Pommern auf das feste Land wollte. Er ließ sich also eine ungeheure Schürze machen, band sie um seine Hüften und füllte sie mit Erde; denn er wollte sich einen Erddamm aufführen von der Insel bis zur Feste. Als er mit seiner Tracht bis über Rodenkirchen gekommen war, riß ein Loch in die Schürze, und aus der Erde, die herausfiel, wurden die Neun Berge. Er stopfte das Loch zu und ging weiter; aber als er bis Gustow gekommen war, riß wieder ein Loch in die Schürze, und es fielen dreizehn kleine Berge heraus. Mit der noch übrigen Erde ging er ans Meer und goß sie hinein. Da ward der Prosnitzer Haken und die niedliche Halbinsel Drigge. Aber es blieb noch ein schmaler Zwischenraum zwischen Rügen und Pommern, und der Riese ärgerte sich darüber so sehr, daß er plötzlich von einem Schlagfluß hinstürzte und starb. Und so ist denn sein Damm leider nie fertig geworden. Von demselben Riesen Balderich erzählt man ein Kraftstück, das er bei Putbus bewiesen hat. Er hatte schon mehrmals mit Aerger gesehen, daß dem Christengotte zu Vilmnitz, eine halbe Meile von Putbus, eine Kirche erbaut ward, und da hatte er bei sich gesprochen: laß die Würmer [157] ihren Ameisenhaufen nur aufbauen; den werfe ich nieder, wann er fertig ist. Als nun die Kirche fertig und der Thurm aufgeführt war, nahm der Riese einen gewaltigen Stein, stellte sich auf dem Putbusser Tannenberge hin, und schleuderte ihn mit so ungeheurer Gewalt, daß der Stein wohl eine Viertelmeile über die Kirche weg flog und bei Nadelitz niederfiel, wo er noch diesen Tag liegt am Wege, wo man nach Posewald fährt, und der Riesenstein genannt wird.

In den Neun Bergen bei Rambin wohnen nun die Zwerge und die kleinen Unterirdischen und tanzen des Nachts in den Büschen und Feldern herum und führen ihre Reigen und ihre Musiken auf im mitternächtlichen Mondschein, besonders in der schönen und lustigen Sommerzeit und im Lenze, wo alles in Blüthe steht; denn nichts lieben die kleinen Menschen mehr, als die Blumen und die Blumenzeit. Sie haben auch viele schöne Knaben und Mädchen bei sich, diese aber lassen sie nicht heraus sondern behalten sie unter der Erde in den Bergen; denn sie haben die meisten gestohlen oder durch einen glücklichen Zufall erwischt, und fürchten, daß sie ihnen wieder weglaufen mögten. Denn vormals haben sich viele Kinder des Abends und Morgens locken lassen von der süßen Musik und dem Gesange, der durch die Büsche klingt, und [158] sind hingelaufen und haben zugehorcht; denn sie meinten, es seyen kleine singende Waldvögelein, die mit solcher Lustigkeit musicirten und Gott lobeten – und dabei sind sie gefangen worden von den Zwergen, die sie mit in den Berg hinab genommen, daß sie ihnen dort als Diener und Dienerinnen aufwarteten. Seitdem die Menschen nun wissen, daß es da so her geht und nicht recht geheuer ist, hüten sie sich mehr und geht keiner dahin. Doch verschwindet von Zeit zu Zeit noch manches unschuldige Kind und die Leute sagen dann wohl, es hab’s einer der Zwerge mitgenommen; und oft ist es auch wohl durch die Künste der kleinen braunen Männer eingefangen und muß da unten sitzen und dienen und kann nicht wieder kommen. Das ist aber ein uraltes Gesetz, das bei den Unterirdischen gilt, daß sie je alle fünfzig Jahre wieder an das Licht lassen müssen, was sie eingefangen haben. Und das ist gut für die, welche so gefangen sitzen und da unten den kleinen Leuten dienen müssen, daß ihnen diese Jahre nicht gerechnet werden und daß keiner da älter werden kann als zwanzig Jahre, und wenn er volle fünfzig Jahre in den Bergen gesessen hätte. Und es kommen auf die Weise alle, die wieder herauskommen, jung und schön heraus. Auch haben die meisten Menschen, die [159] bei ihnen gewesen sind, nachher auf der Erde viel Glück gehabt: entweder daß sie da unten so klug und witzig und anschlägisch werden, oder daß die kleinen Leute, wie einige erzählen, ihnen unsichtbar bei der Arbeit helfen und Gold und Silber zutragen.

Die Unterirdischen, welche in den Neun Bergen wohnen, gehören zu den braunen, und die sind nicht schlimm; aber in zwei Bergen wohnen von den weissen, und das sind die freundlichsten und schönsten von den kleinen Leuten, die nichts Arges im Herzen haben sondern den Menschen alles Gute gönnen und thun. Es giebt aber auch schwarze, das sind Tausendkünstler und Kunstschmiede, geschickt und fertig in allerlei Werk, aber auch arge Zauberer und Hexenmeister, voll Schalkheit und Trug, und ist ihnen nicht zu trauen. Solche wohnen hier aber gar nicht.

Nun will ich ein paar Geschichten erzählen von diesen Neun Bergen, die sich vor Alters begeben haben, und die unser alter Statthalter zu Grabitz Hinrich Vierk mir in meinen Knabenjahren oft erzählt hat und die ich von vielen andern seiner Geschichten noch behalten habe. Hinrich Vierk war eines Bauers Sohn aus Giesendorf und wußte sehr viele Mährchen und Gespenstergeschichten von den Unterirdischen und [160] von goldenen Bechern und silbernen Schalen und gläsernen Schuhen, die durch sie auf die Welt gekommen seyen, und von schwarzen und braunen Mützen, die sie verloren hätten und womit die Menschen das Glück herbeizaubern könnten. Was ich also nun erzähle, das erzählt eigentlich Hinrich Vierk.

In Rambin lebte einst ein Arbeitsmann, der hieß Jakob Dietrich, ein Mann schlecht und recht und gottesfürchtig und der auch eine gute und gottesfürchtige Frau hatte. Die beiden Eheleute besaßen dort ein Häuschen und ein Gärtchen und nährten sich redlich von der Arbeit ihrer Hände; denn andere Künste kannten sie nicht. Sie hatten viele liebe Kinder, von welchen das jüngste, Johann Dietrich genannt, ihnen fast das liebste war. Denn es war ein schöner und munterer Junge, aufgeweckt und quick, fleißig in der Schule und gehorsam zu Hause, und behielt alle Lehren und Geschichten sehr gut, welche die Aeltern ihm vorsagten. Auch von vielen andern Leuten lernte er und hielt jeden fest, der Geschichten wußte, und ließ ihn nicht eher los, als bis er sie erzählt hatte.

Johann war acht Jahre alt geworden und lebte den Sommer bei seines Vaters Bruder, der Bauer in Rodenkirchen war, und mußte [161] nebst andern Knaben Kühe hüten, die sie ins Feld gegen die Neun Berge hinaustrieben, wo damals noch viel mehr Wald war als jetzt. Da war ein alter Kuhhirt aus Rodenkirchen Klas Starkwolt genannt, der gesellte sich oft zu den Knaben, und sie trieben die Heerden zusammen und setzten sich hin und erzählten Geschichten. Der alte Klas wußte viele und erzählte sie sehr lebendig; er war bald Johann Dietrichs liebster Freund. Besonders aber wußte er viele Mährchen von den Neun Bergen und von den Unterirdischen aus der allerfrühesten Zeit, als die Riesen im Lande untergegangen und die Kleinen in die Berge gekommen waren; und Johann hörte sie immer mit dem innigsten Wohlgefallen, und plagte den alten Mann jeden Tag um neue Geschichten, obgleich ihm dieser das Herz zuweilen so in Flammen setzte, daß er des Abends spät und des Morgens früh, wenn er hier zuweilen heraus mußte, mit sausendem Haar über das Feld hinstrich, als hätte er alle Unterirdischen als Jäger hinter sich gehabt, die ihn fangen wollten. Der kleine Johann Dietrich hatte sich so vertieft und verliebt in diese Mährchen von den Unterirdischen, daß er nichts anders sah und hörte von nichts anderm sprach und fabelte als von goldenen Bechern und Kronen gläsernen Schuhen Taschen voll Dukaten [162] goldenen Ringen diamantenen Kränzen schneeweissen Bräuten und klingenden Hochzeiten. Wenn er nun so ganz darin war und in kindischer Freude aufjauchzete und umhersprang, dann pflegte der alte Starkwolt wohl den Kopf zu schütteln und ihm zuzurufen: Johann! Johann! wo willst du hin? Spaten und Sense das sind dein Scepter und deine Krone und deine Braut wird ein Kränzel von Rosmarin und einen bunten Rock von Drell tragen. Johann ließ sich das aber nicht anfechten und träumte immer lustig fort. Und obwohl er herzlich graulich war und in der Dunkelheit um alles in der Welt nicht über den Kirchhof gegangen wäre, hatte er sich das Leben da in dem Berge und die Schätze und Herrlichkeiten darin doch so ausgemahlt, daß ihn fast gelüstete einmal hinabzusteigen; denn der alte Klas hatte gesagt, wie man es anfangen müsse, damit man da unten Herr werde und nicht Diener und damit sie einen nicht fünfzig Jahre festhalten und die Becher spülen und das Estrich kehren lassen könnten. Wer nemlich so klug oder so glücklich sey die Mütze eines Unterirdischen zu finden oder zu erhaschen, der könne sicher hinabsteigen, dem dürfen sie nichts thun noch befehlen sondern müssen ihm dienen, wie er wolle, und derjenige Unterirdische, dem die Mütze gehöre, müsse sein [163] Diener seyn und ihm schaffen, was er wolle. Das hatte Johann sich hinters Ohr geschrieben und seinen Theil dabei gedacht, ja er hatte wohl hinzugesetzt, so etwas unterstehe er sich auch wohl zu wagen. Die Leute glaubten ihm das aber nicht sondern lachten ihn aus; und doch hat er es gethan, und sie haben genug geweint, als er nicht wieder gekommen ist.

Es war nun die Zeit des Johannisfestes, wo die Tage am längsten sind und die Nächte am kürzesten und wo die Jahreszeit am schönsten ist. Die Alten und die Kinder hatten die Festtage fröhlich gelebt und gespielt und allerlei Geschichten erzählt; da konnte Johann sich nicht länger halten, sondern den Tag nach Johannis schlich er sich heimlich weg und als es dunkel ward, legte er sich auf dem Gipfel des höchsten der Neun Berge hin, wo die Unterirdischen, wie Klas ihm erzählt, ihren vornehmsten Tanzplatz hatten. Und wahrlich er legte sich nicht ohne Angst hin, und hätte er nicht einmal da gelegen, vielleicht wäre nimmer was daraus geworden; denn sein Herz schlug ihm wie ein Hammer und sein Athem ging wie ein frischer Wind. So lauschte er in Furcht und Hoffnung von zehn Uhr Abends bis zwölf Uhr Mitternacht. Und als es zwölf schlug, siehe da fing es an zu klingen und zu singen in den Bergen [164] und bald wispelte und lispelte und pfif und säuselte es um ihn her; denn die kleinen Leute dreheten sich jetzt in Tänzen rund und andere spielten und tummelten sich im Mondschein und machten tausend lustige Schwänke und Possen. Ihn überlief bei diesem Gewispel und Gesäusel ein geheimer Schauder – denn sehen konnte er nichts von ihnen, da ihre Mützchen, die sie tragen, sie unsichtbar machen – er aber lag ganz still, das Gesicht ins Gras gedrückt und die Augen fest zugeschlossen und leise schnarchend, als schliefe er. Doch konnte er es nicht lassen, zuweilen ein wenig umherzublinzeln, damit er etwa seinen Vortheil ersähe einen der kleinen Leute finge und ein Herr würde, denn dazu hatte er gar große Lust; aber wie heller Mondschein es auch war, er konnte auch nicht das Geringste von ihnen erblicken.

Und siehe es währte nicht lange, so kamen drei der Unterirdischen dahergesprungen, wo er lag, gaben aber nicht Acht auf ihn, warfen ihre braunen Mützchen in die Luft und fingen sie einander ab. Da riß der eine dem andern in Schalkheit die Mütze aus der Hand und warf sie weg. Und die Mütze flog dem Johann grade auf den Kopf, und er fühlte sie, griff zu, und richtete sich sogleich auf, und ließ Schlaf Schlaf seyn. Er schwang mit Freuden seine Mütze, [165] daß das silberne Glöcklein daran klingelte, und setzte sie sich dann auf den Kopf, und – o Wunder! – in demselben Augenblicke sahe er das zahllose und lustige Gewimmel der kleinen Leute und sie waren ihm nicht mehr unsichtbar. Die drei kleinen Männer kamen listig herbei und wollten mit Behendigkeit die Mütze wieder gewinnen, er aber hielt seine Beute fest und sie sahen wohl, daß sie auf diese Weise nichts von ihm gewinnen würden; denn Johann war ein Riese gegen sie an Größe und Stärke und sie reichten ihm kaum bis ans Knie. Da kam derjenige, dem die Mütze gehörte, und trat ganz demüthig vor den Finder hin und bat flehentlich, als hange sein Leben dran, ihm die Mütze wiederzugeben. Johann aber antwortete ihm: Nein, du kleiner schlauer Schelm, die Mütze bekommst du nicht wieder, das ist nichts, was man für ein Butterbrod weggiebt; ich wäre schlimm daran mit euch, wenn ich nichts von euch hätte, jetzt aber habt ihr kein Recht an mir sondern müßt mir, was ich nur will, zu Gefallen thun. Und ich will mit euch hinabfahren und sehen, wie ihr es da unten treibt, du aber sollst mein Diener seyn, denn du mußt wohl. Das weiß ich so gut als ihr, daß es nicht anders seyn kann, denn Klas Starkwolt hat mir es alles erzählt. Der kleine Mensch [166] aber gebehrdete sich, als ob er dies alles nicht gehört noch verstanden hätte; er fing seine Quälerei und Winselei und Plinselei wieder von vorn an, klagte und jammerte und heulte erbärmlich um sein verlornes Mützchen; aber als Johann ihm kurzweg sagte: Es bleibt dabei, du bist der Diener und ich will eine Fahrt mit euch machen, da fand er sich endlich drein, zumal da auch die andern ihm zuredeten, daß es so seyn müsse. Johann aber warf seinen schlechten Hut nun weg und setzte sich die Mütze an seiner Stelle auf und befestigte sie wohl auf seinem Kopfe, damit sie ihm nicht abgleiten oder abfliegen könnte; denn in ihr trug er die Herrschaft.

Und er versuchte es sogleich und befahl seinem neuen Diener, ihm Speise und Trank zu bringen, denn ihn hungerte. Und der Diener lief wie der Wind davon und in einem Hui war er wieder da und trug Wein in Flaschen herbei und Brod und köstliche Früchte. Und Johann aß und trank und sah dem Spiele und den Tänzen der Kleinen zu, und es gefiel ihm sehr wohl. Und er führte sich in allen Dingen mit ihnen beherzt und klug auf, als wäre er ein gebohrner Herr gewesen.

Und als der Hahn seinen dritten Krei gethan hatte und die kleinen Lerchen in der Luft die ersten Wirbel anschlugen und das junge Licht [167] in einzelnen weissen Streifen im Osten aufdämmerte, da ging es husch husch husch durch die Büsche und Blumen und Halme fort, und die Berge klangen wieder und thaten sich auf und die kleinen Menschen fuhren hinab; und Johann gab wohl Acht auf alles und fand es wirklich so, wie sie ihm erzählt hatten. Siehe auf dem Wipfel der Berge, wo sie eben noch getanzt hatten und wo alles eben voll Gras und Blumen stand, wie die Menschen es bei Tage sehen, hob sich, als es zum Abzuge blies, plötzlich eine glänzende gläserne Spitze hervor; auf diese trat, wer hinein wollte, sie öffnete sich und er glitt sanft hinab, und sie that sich wieder hinter ihm zu; als sie aber alle hinein waren, verschwand sie und war auch keine Spur mehr von ihr zu sehen. Die aber durch die gläserne Spitze fielen, sanken gar sanfte in eine weite silberne Tonne, die sie alle aufnahm und wohl tausend solcher Leutlein beherbergen konnte. In eine solche fiel auch Johann mit seinem Diener und mit mehreren hinab, und sie alle schrieen und baten ihn, daß er sie nicht treten möge, denn sie wären des Todes gewesen von seiner Last. Er aber hütete sich und war sehr freundlich gegen sie. Es gingen aber mehrere solcher Tonnen neben einander hin immer hinauf und hinab, bis alle hinunter waren. [168] Sie hingen an langen silbernen Ketten, die unten gezogen und gehalten wurden.

Johann erstaunte bei’m Hinabfahren über den wunderbaren Glanz der Wände, zwischen welchen das Tönnchen fortglitt. Es war alles wie mit Perlen und Diamanten besetzt: so blitzte und funkelte es; unter sich aber hörte er die lieblichste Musik aus der Ferne klingen. So ward er auf das anmuthigste hinabgewiegt, daß er nicht wußte, wie ihm geschah, und vor lauter Lust in einen tiefen Schlaf fiel.

Er mogte wohl lange geschlafen haben. Als er erwachte; fand er sich in dem allerweichsten und allernettesten Bette, wie er es in seines Vaters Hause nimmer gesehen hatte, und dieses Bett stand in dem allerniedlichsten Zimmer; vor ihm aber stand ein kleiner Brauner mit dem Fliegenwedel in der Hand, womit er Mücken und Fliegen abwehrte, daß sie seines Herrn Schlummer nicht stören konnten. Johann that kaum die Augen auf, so brachte der kleine Diener ihm schon das Handtuch und das Waschwasser und hielt ihm zugleich die nettesten neuen Kleider zum Anziehen hin, aus brauner Seide sehr niedlich gemacht, und ein paar neue schwarze Schuh mit rothen Bandschleifchen, wie Johann sie in Rambin und Rodenkirchen nie gesehen hatte; auch standen dort einige Paare der niedlichsten [169] und glänzendsten gläsernen Schuhe, die nur bei großen Festlichkeiten gebraucht zu werden pflegen. Es gefiel dem kleinen Knaben sehr, daß er so leichte und saubere Kleider tragen sollte, und er ließ sie sich gern anziehen. Und als Johann angekleidet war, flugs flog der Diener fort und war geschwind wie der Blitz wieder da. Er trug aber auf einer goldenen Schüssel eine Flasche süßen Wein und ein Töpfchen Milch und schönes Weißbrod und Früchte und andere köstliche Speisen, wie kleine Knaben sie gern essen. Und Johann sah immer mehr, daß Klas Starkwolt der alte Kuhhirt es wohl gewußt habe, denn so herrlich und prächtig, als er hier alles fand, hatte er es sich doch nicht geträumt. Auch war sein Diener der allergehorsamste und that alles von selbst, was er ihm nur an den Augen absehen konnte. Der Worte bedurfte es nie sondern nur leichter Blicke und Winke; denn er war klug wie ein Bienchen, wie alle diese kleinen Leute von Natur sind.

Und nun muß ich Johanns Zimmer beschreiben. Sein Bettchen war schneeweiß mit den weichsten Polstern und mit den weissesten Laken überzogen, mit Kissen aus Atlas und einer solchen gesteppten Decke. Ein Königssohn hätte darin schlafen können. Neben und vor [170] diesem Bette standen die niedlichsten Stühle, auf das netteste gearbeitet und mit allerlei bunten Vögeln und Thieren verziert, welche kunstreiche Hände eingeschnitten hatten; einige waren auch von edlen Steinen bunt eingelegt. An den Wänden standen weisse Marmortische und ein paar kleinere aus grünen Smaragden und zwei blanke Spiegel glänzten an den beiden Enden des Zimmers, deren Rahmen mit blitzenden Edelgesteinen eingefaßt waren. Die Wände des Zimmers waren mit grünen Smaragden getäfelt, und hatte einen solchen Glanz nie ein Mensch auf Erden gesehen und wird ihn auch keiner dort sehen, auch nicht in des größten Kaisers Hause. Und in solchem Zimmer wohnte nun der kleine Johann Dietrich, eines Tagelöhners aus Rambin Sohn. Daß man wohl sagen mag: das Glück fängt, wem es von Gott beschert ist. Hier unter der Erde sah man nun freilich nie Sonne Mond und Sterne leuchten, und das schien allerdings ein großer Fehler zu seyn. Aber sie brauchten hier solche Lichter nicht, auch bedurften sie weder der Wachslichter noch der Talglichter noch der Kerzen und Oellampen und Laternen; sie hatten andern Lichtes genug. Denn die Unterirdischen wohnen recht eigentlich mitten unter den Edelgesteinen und sind die Meister des reinsten [171] Silbers und Goldes, das in der Erde wächst, und sie haben die Kunst wohl gelernt, wie sie es hell bei sich haben können bei Tage und bei Nacht. Eigentlich muß man hier von Tag und Nacht nicht reden, denn die unterscheiden sie hier unten nicht, weil keine Sonne hier auf und unter geht, welche die Scheidung macht, sondern sie rechnen hier nur nach Wochen. Sie setzen aber ihre Wohnungen und die Wege und Gänge, welche sie unter der Erde durchwandeln, und die Orte, wo sie ihre großen Säle haben und ihre Reigen und Feste halten, mit den allerkostbarsten Edelgesteinen aus, daß es funkelt, als wäre es der ewige Tag. Einen solchen Stein hatte der kleine Johann auch in seinem Zimmer. Das war ein auserlesener Diamant, ganz rund und wohl so groß als eine Kugel, womit man Kegel zu werfen pflegt. Dieser war oben in der Decke des Zimmers befestigt und leuchtete so hell, daß er keiner andern Lampen und Lichter bedurfte.

Als Johann Frühstück gegessen hatte, öffnete der Diener ein Thürchen in der Wand, und Johanns Augen fielen hinein und er sah die zierlichsten goldenen und silbernen Becher und Schalen und Gefäße und viele Körbchen voll Dukaten und Kästchen voll Kleinodien und kostbarer Steine. Auch waren da viele liebliche Bilder und die allersaubersten [172] Mährchenbücher mit Bildern, die er in seinem Leben gesehen hatte. Und er wollte diesen Vormittag gar nicht ausgehen sondern betastete und besah sich alles und blätterte und las in den schönen Bilderbüchern und Mährchenbüchern.

Und als es Mittag geworden, da klang eine helle Glocke, und der Diener rief: Herr, willst du allein essen oder in der großen Gesellschaft? und Johann antwortete: in der großen Gesellschaft. Und der Diener führte ihn hinaus. Johann sah aber nichts als einzelne von Edelsteinen erleuchtete Hallen und einzelne kleine Männer und Frauen, die ihm aus Felsritzen und Steinklüften herauszuschlüpfen schienen, und er verwunderte sich, woher die Glocke klänge, und sprach zu dem Diener: aber wo ist denn die Gesellschaft? Und als er noch fragte, so öffnete sich die Halle, worin sie gingen, zu einer großen Weite und ward ein unendlicher Saal, über welchen eine weite gewölbte und mit Edelsteinen und Diamanten geschmückte Decke gezogen war. Und in demselben Augenblick sah er auch ein unendliches Gewimmel von zierlich gekleideten kleinen Männern und Frauen durch viele geöffnete Thüren hineinströmen, und that sich der Boden an vielen Stellen auf und die niedlichsten mit den köstlichsten Gefäßen und schmackhaftesten Speisen und Früchten und Weinen besetzten Tische stellten sich an aneinander hin, und [173] die Stühle und Polster reiheten sich von selbst um die Tische, und die Männer und Frauen nahmen Platz. Und die Vornehmsten des kleinen Völkchens kamen und verneigten sich vor Johann und führten ihn mit sich an ihren Tisch und setzten ihn zwischen ihre schönsten Jungfrauen, daß er seine Lust hatte mit den lieblichen Kindern zu seyn und es ihm da über die Maaßen wohl gefiel. Es war auch eine sehr fröhliche Tafel, denn die Unterirdischen sind ein sehr lebendiges und lustiges Völkchen und können nicht lange still seyn. Dazu klang die allerlieblichste Musik aus den Lüften und die buntesten Vögel flogen umher und sangen in gar anmuthigen Tönen, die einem die Seele aus der Brust holen konnten. Es waren aber keine lebendige Vögel, die da sangen, sondern künstliche Vögel und künstliche Töne und von den kleinen Männern so sinnreich gemacht, daß sie fliegen und singen konnten. Und Johann erstaunte und entsetzte sich sehr über alle die Wunder, die er sah, und freuete sich gewaltig. Die Diener und Dienerinnen aber, welche bei Tische aufwarteten und Blumen streueten und die Flur mit Rosenöl und andern Düften besprengten und die goldenen Schalen und Becher herumtrugen und die silbernen und krystallenen Körbe mit Früchten, waren Kinder der Menschen da droben, welche aus Neugier oder von Ungefähr unter die Kleinen gerathen [174] und hier hinabgestiegen waren, ohne sich vorher eines Pfandes zu bemeistern, und die also in die Gewalt der Kleinen gekommen waren, oder die sich nächtlich und mitternächtlich unter ihre Sternenspiele auf dem gläsernen Berge verirrt hatten. Diese waren anders gekleidet als sie. Die Knaben und die Mädchen waren in schneeweisse Röckchen und Jäckchen gekleidet und trugen feine gläserne Schuh, daß man ihren Tritt immer hören konnte, und blaue Mützchen auf dem Kopfe; ihre Leibchen aber hatten sie mit silbernen Gürteln umgürtet. Das war die Tracht der Diener und Dienerinnen. Den kleinen Johann jammerten sie anfangs wohl, als er sie sah, wie sie springen und den Unterirdischen aufwarten mußten; aber weil sie munter aussahen und fein gekleidet waren und rosenrothe Wangen hatten, so dachte er: Nun es geht ihnen doch so schlimm nicht, und ich habe es noch lange so gut nicht gehabt, als ich hinter den Kühen und Ochsen laufen mußte. Ich bin nun freilich ein Herr hier, und sie müssen als Diener laufen. Das kann aber nicht anders seyn: warum haben sie sich auch so dumm fangen lassen und sich vorher kein Zeichen genommen? Es muß doch die Zeit kommen, wo sie einmal erlöst werden, und länger als fünfzig Jahre werden sie hier gewiß nicht bleiben. Damit tröstete er sich und spielte und scherzte mit seinen kleinen [175] Gesellinnen und aß und trank in Freuden und ließ sich von seinem Diener und von den andern allerlei unterirdische Geschichten erzählen; denn er wollte alles genau wissen.

So saßen sie ungefär zwei Stunden lustig beisammen und aßen und tranken und horchten auf die liebliche Musik, die aus den Lüften erklang. Da klingelte der Vornehmste mit einem Glöckchen und in einem Hui versanken die Tische und die Stühle wieder und alle Männer und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen standen da wieder auf den Füßen. Und wieder ein zweiter Klang mit einem zweiten Glöckchen, und wo eben die Tafeln gestanden erhoben sich grüne Orangen- und Palmen- und Lorbeerbäume mit Blüthen und Früchten und andere lustigere und klangreichere Vögel, als die vorher durch die Luft geflattert hatten, saßen in ihren Zweigen und sangen. Und sie sangen alle wie in Einer Weise und in Einem Maaße, und Johann sah bald, woher dies kam; denn am Ende des Saales hoch oben an der Decke saß in einer hohlen Wand ein eisgrauer Greis und gab den Ton an, nach welchem sie singen mußten. Sie nannten ihn ihren großen Ballmeister. Er war aber so ernst, als er weise war, und verschwiegen wie die graue Zeit und sprach nie ein Sterbenswort, da die andern alle wohl oft zu viel plapperten und schwätzelten.

[176] Der alte Eisgraue droben strich nun die Geige zum Tanze und alle die bunten Vögel klangen den Strich nach. Es war aber ein recht fliegender Strich, denn ihr Tanz geht immer äusserst geschwind und lebendig. Als nun der Reigen angeklungen war, siehe da bewegten sich die leichten und fröhlichen Schaaren und sprangen und hüpften und drehten sich, als wenn die Welt im Wirbel aus einander fliegen sollte. Und die kleinen hübschen und feinen unterirdischen Dirnen, die sie neben Johann gesetzt hatten, faßten ihn auch und drehten ihn mit rund. Und er ließ es gern geschehen und tanzte mit ihnen rund wohl zwei Stunden lang. Und diesen lustigen Tanz hat er jeden Nachmittag mitgehalten, solange er da unten geblieben ist, und in seinem spätesten Alter noch immer mit vielem Vergnügen davon erzählt. Er pflegte dann zu sagen: die himmlische Freude und der Gesang und das Saitenspiel der Engel, welche die Seligen im Himmel einst zu hoffen hätten, mögen wohl überschwänglich schön seyn, er aber könne sich nichts Schöneres und Lieblicheres denken, als die Musik dieses unterirdischen Reigens: die schönen und beseelten kleinen Menschen, die wunderbaren Vögel in den Zweigen mit den allerzauberischesten Tönen und die klingenden Silberglöckchen an den Mützen. Ein Mensch, der das nicht gesehen [177] und gehört, könne sich gar keine Vorstellung davon machen.

Als die Musik schwieg und der Tanz geendigt war – das mogte wohl die Zeit seyn, die wir vier Uhr Nachmittag nennen – verschwand das kleine lustige Völkchen, die einen hiehin die andern dahin, und jeder ging wieder an sein Werk und seine Lust. Des Abends ward nach dem Essen gewöhnlich eben so gejubelt und getanzt. Des Nachts aber schlüpften alle heraus aus den Bergen, besonders in schönen sternhellen Nächten und wenn sie auf Erden etwas Besonderes zu thun hatten. Da ging aber der kleine Johann immer ruhig schlafen, und hielt, wie es einem frommen christlichen Knaben geziemte, andächtig sein Abendgebet; und auch des Morgens vergaß er nie zu beten.

Doch nun muß ich noch mehr erzählen von den Unterirdischen, ehe ich weiter melde, wie es unserm kleinen Johann Dietrich da unten die folgenden Wochen und Jahre ergangen ist.

Daß solche kleine Unterirdische, die man mit vielen Namen auch wohl Braunchen Weißchen Elfen Weißelfen Schwarzelfen Kobolde Puke Heinzlein Trolle nennt, seit uralten Zeiten unter den Bergen und Hügeln wohnen und ihre wunderbaren krystallenen und gläsernen Häuser haben, ist gewiß. Aber wie sie dahin gekommen sind und [178] was es denn eigentlich für Geister sind und wozu der liebe Gott sie eigentlich geschaffen hat, das hat uns bisher noch keiner sagen können. Sie sind wohl gleich den Seelen und Herzen der Menschen von sehr verschiedener Art, einige bös andere gut, einige freundlich andere neckisch, das wird aber von allen ohne Unterschied gesagt, daß sie sehr sinnreich und geschickt sind und die künstlichsten Werke und Geschmeide machen können, die ihnen kein Mensch nachmachen kann und die von den Menschen deswegen oft für Zauberwerk und Hexenwerk gehalten werden. Alles, was ich hier erzähle, hat Johann Dietrich mitgebracht und es seinen Freunden erzählt und seinen Kindern so hinterlassen. Von diesen haben es wieder andere gehört, und so hat sichs weiter erzählt bis diesen Tag.

Die Unterirdischen, zu welchen Johann hinabgestiegen war, gehörten zu den Braunen. Sie hatten auch kleine Schelmstreiche im Herzen, waren aber im Ganzen doch gutmüthiger und fröhlicher Art. Die Braunen hiessen sie, weil sie braune Jäckchen und Röckchen trugen und braune Mützen auf dem Kopf mit silbernen Glöckchen; einige trugen schwarze Schuh mit rothen Bändern, die meisten aber feine glaserne: und beim Tanze trugen sie alle keine anderen. Sie hatten ihre Häuschen in den Bergen, aber damit waren [179] sie sehr geheim und Johann Dietrich, solange er bei ihnen gewesen, hat keine einzige ihrer Kammern gesehen. Er und der Diener hatten ihre Kammer hart bei der Stelle, wo der herrliche Speise- und Tanzsaal immer kam und verschwand; er hat auch an vielen andern Stellen schöne Hallen und offene Plätze und liebliche Anger und Auen gesehen, aber nirgends Wohnungen; sondern die Kleinen waren immer nur einzeln oder schaarweise da, entweder daß sie tanzten lustwandelten oder auch geschwind vorübergingen. Und wie sie aus den Steinen, worin sie wohnen, herauskamen und wieder hinschwanden, das hat er mit seinen Augen nie sehen können, wie sehr er auch oft darauf gelauscht hat; sondern sie kamen vor seinen Augen und verschwanden wie Blitze und Scheine. Einige kleine Dirnen aber, die ihn lieb hatten, haben ihm zugeflüstert: jeder habe sein eignes Häuschen tief im Gestein, ein liebliches helles gläsernes Häuschen; auch sey der ganze Berg durchsichtig von Anfang bis zu Ende und eigentlich rings mit Glas umwachsen, das sey aber seinen Augen zu sehen nicht möglich.

Von diesen kleinen Unterirdischen waren die größten kaum einer Elle lang und die Knaben und Mädchen also gar klein, aber sie waren von Gestalt und Gebehrde freundlich und schön, mit hellen lichten Augen und mit gar feinen und anmuthigen [180] Händchen und Füßchen. Und eben durch diese Lieblichkeit und Freundlichkeit haben sie manches Menschenkind verführt, daß es zu ihnen heruntergekommen ist ohne irgend ein Pfand und Zeichen und lange Jahre da hat bleiben und dienen müssen. Denn wenn man ein Pfand von ihnen hat, schadet es nichts, daß man mit in dem silbernen Tönnchen hinabsteigt, und sie müssen einen immer wieder herauslassen. Sie geben aber nicht gern ein Pfand. Das Klügste und Richtigste ist, daß man mit Listen ein Pfand von ihnen nimmt; denn dann müssen sie einem dienen, da sie sonst gern herrschen wollen. Denn sie sind sehr herrschsüchtig, und das ist eigentlich ihr Hauptfehler; vorzüglich herrschen sie gern über die Menschen, und bilden sich etwas darauf ein, weil die so viel stärker und größer sind, daß sie sie mit Listen zu ihren Dienern und Knechten machen. Das beste Pfand, das man von ihnen gewinnen kann und wodurch man am meisten Macht über sie bekömmt, ist eine braune Mütze mit dem Glöckchen; sehr gut ist auch ein gläserner Schuh oder eine silberne Spange, womit sie ihren Leibgürtel zu schliessen pflegen. Wer die hat, der hat aller Freuden Fülle bei ihnen und ist ein großer Gebieter.

Ob sie auch sterben, das weiß man nicht, oder ob sie, wie einige erzählen, wann sie alt [181] werden wollen, sich in Steine und Bäume verkriechen und so sich verwachsen und zu wundersamen Klängen Aechzern und Seufzern werden, die sich zuweilen hören lassen, ohne daß man weiß, woher sie kommen, oder zu abentheuerlichen Knorren und verflochtenen Schlingen, wodurch die Hexen schlüpfen sollen, wann sie von dem wilden Jäger gejagt werden. Eine Leiche von ihnen hat keiner gesehen, und wenn man sie darnach gefragt hat, haben sie immer so geantwortet, als verständen sie das Wort gar nicht. Das ist gewiß, daß manche von ihnen über zweitausend Jahre alt sind. Da ist es denn kein Wunder, daß man so weise Leute unter ihnen findet.

Sie haben einen großen Vortheil voraus vor uns Menschenkindern, daß sie nicht nöthig haben für das tägliche Brod zu sorgen und zu arbeiten; denn Speise und Trank kommt ihnen von selber oder Gott weiß durch welche wundersame Kunst, und es fehlt nie Brod und Wein und Braten auf ihrem Tische. Auch sieht man dort unten, wo sie wohnen und wo hin und wieder auch weite Fluren und Felder sind, nirgends Korn wachsen oder Vieh weiden oder Wild laufen, sondern bloß das Allerlustigste ist zum Genuß da, nemlich die schönsten Bäume und Reben, die mit den auserlesensten Früchten und Trauben prangen; auch die lieblichsten Blumen in Menge, [182] worauf so bunte Schmetterlinge flattern, als man in dem Lande der Sonne und des Mondes nimmer sieht; und die allerschönsten und schimmerndsten Vögel, die alle wie Paradiesvögel und wie der Vogel Phönix aussehen, wiegen sich in den Zweigen und singen süße Lieder. Anderes Lebendiges sieht man dort nicht, wenn man das nicht etwas Lebendiges nennen will, daß hie und da aus den Krystallwänden Quellen von Wein und Milch sich ergiessen.

So scheint dies Völkchen denn sehr glücklich zu seyn und bloß für die Freude und Lust gebohren, und sie verstehen sich sehr wohl auf die Kunst, vergnügt zu seyn und ihr Leben lustig zu gebrauchen. Doch muß man nicht glauben, daß sie nichts weiter thun als Tafel Spiel und Tanz halten, dann in ihre Kammern schlüpfen und schlafen und etwa die Mitternächte über der Erde verspielen – nein sie sind wohl die allerregsamsten und allerfleißigsten Wesen, die man je gesehen hat. Niemand versteht so gut als sie das Innere der Erde und die geheimen Kräfte der Natur und was in Bergen und Steinen und Metallen wächst und was in den Farben der Blumen und den Wurzeln der Bäume für Triebe lauschen. Denn ihre Sinne sind die allerklarsten und die allerfeinsten, viel feiner als des heitersten und hellesten Kindes, von Menschen gebohren; denn auch unsere kleinen Kindlein [183] haben wohl recht feine Sinne und Gedanken, welche die Erwachsenen nur nicht immer verstehen, weil diese meistens schon wieder durch Stein und Erde verhärtet und vergröbert sind. Die Unterirdischen haben viel Freude an Silber und Gold und edlen Steinen und machen die allerkünstlichsten Arbeiten daraus; so daß die besten Meister hier oben erstaunen, wenn ein solches unterirdisches Werk hier mal gesehen wird. Deswegen nennen viele sie auch wohl Hüter des Goldes und des Silbers und meinen, daß sie von schlimmer Gier besessen und böse metallische Geister sind. Die meisten, die das sagen, thun ihnen aber Unrecht, denn die weissen und braunen Unterirdischen sind wohl nicht so gierig. Sie verschenken ja soviel Schönes an die Menschenkinder; das würden sie aber nicht thun, wenn sie das Gold und die Edelsteine zu lieb hätten. Sie haben es nur lieb wegen des Glanzes, denn Glanz und Licht lieben sie über alles in der Welt. Die mit den schwarzen Jacken und Mützen sind aber wohl geitzig und überhaupt von schlimmerer Natur als diese.

Wie die Unterirdischen des Nachts aus ihren gläsernen Bergen schlüpfen und im Mondschein und Sternenschein tanzen und sich erlustigen, habe ich schon erzählt. Sie können sich aber auch unsichtbar in die Häuser der Menschen schleichen; denn wenn sie ihre Mützen aufhaben, kann [184] sie kein Mensch sehen, er habe denn selbst eine solche Mütze. Da sagen die Leute denn, daß sie allerlei Schalkereien treiben, die Kinder in den Wiegen vertauschen, ja gar wegstehlen und mitnehmen. Das ist aber gewiß nicht wahr von den Weissen und Braunen. Sie kommen wohl in die Häuser der Menschen, sie können sich auch verwandeln, so daß kein Schlüsselloch so klein ist, da sie nicht hindurchschlüpfen, aber sie thun den Menschen nichts Böses sondern wollen nur zuweilen sehen, was sie machen. Meistens bringen sie ihnen was Schönes mit, besonders den Kindern, die sie sehr lieb haben. Und wann die Kinder bei’m Spielen Dukaten oder goldene Ringe gefunden haben, wie das wohl zuweilen geschieht, und mit zu Hause bringen, oder wenn kleine zierliche Schuhe oder ein neues Kleidchen oder grüne Kränzlein, wann sie erwachen, auf ihren Wiegen und Bettchen hangen, so haben das wohl nicht immer die himmlischen Englein gethan sondern oft auch die kleinen Unterirdischen. Das sagen aber viele Leute, die es wissen, daß sie oft unsichtbar um die Kinder sind und sie behüten, besonders damit sie nicht im Feuer und Wasser umkommen. Wenn sie ja jemand necken und schrecken, so sind es faule Knechte und schmutzige Mägde, die sie mit bösen Träumen ängstigen als Alp drücken als Flöhe stechen als [185] Hunde und Katzen ungesehen beissen und kratzen, oder es sind Diebe und Buhler, welchen sie, wenn sie des Nachts auf verbotenen Wegen schleichen, als Eulen in den Nacken stoßen oder die sie als Irrlichter in Sümpfe und Moräste locken oder gar ihren Verfolgern entgegen bringen. Aber das, denke ich, ist keine Sünde. Die Schwarzjacken aber sind bösartig und üben gern arge Tücken. Die dürfen aber den Häusern der Menschen nicht nahe kommen, auch überhaupt wenig auf der Erde seyn, es sey denn in Wüsten und Einöden, wohin selten Menschen kommen. Sie kommen auch nicht zu den Menschen, ausser wenn diese ihnen selbst die Gewalt über sich gegeben oder sich ihnen verpfändet und verschrieben haben. Denn darauf sinnen diese schwermüthigen und grüblerischen Geister Tag und Nacht, wie sie arme Narren und listige Schelme verstricken und sich endlich an ihrer Noth ergötzen mögen. Und diese Schwarzen sind auch nicht schön wie die andern Unterirdischen sondern grundhäßlich, haben trübe und triefende Augen wie die Köhler und Grobschmiede, sind stumm und heimlich bei ihrer Arbeit, leben einsam und höchstens zu Zweien und Dreien und kennen keinen Tanz und Musik sondern nur Geheul und Gewimmer. Und wenn es in Wäldern und Sümpfen schreit wie eine Menge schreiender [186] Kinder oder wie ein Haufe Katzen miauen und eine Schar Eulen kreischen und wehklagen würde – das sind ihre nächtlichen Versammlungen, das ist ihre Musik, das sind sie.

Doch haben die Menschen vor allen Unterirdischen ein Grauen, und das ist wohl natürlich. Denn dem Menschen ist das Licht angebohren und die Liebe zu allem Lichten und Hellen, und es schaudert ihm vor dem Dunklen und Verborgenen und vor allen geheimen Kraften, die unsichtbar umherschleichen und walten. Auch wissen sie ja, daß die Unterirdischen allenthalben seyn und sich verwandeln und zaubern können. Freilich erzählt man viel mehr von ihren Zaubereien, als wahr ist; das meiste machen sie durch ihre Unsichtbarkeit und Künstlichkeit, wodurch sie so feine Arbeit als Spinnen und Wespen weben und wirken und den Menschen allerlei Gaukelei und Einbildung vormachen können. Und wenn sie ja viel zaubern, thun sie es mehr zur Freude und zum Spiel, als zum Bösen. Die Schwarzen aber können auch hexen und sind schlimme Hexenmeister, und wenn die sich verwandeln, sind sie die scheußlichsten Thiere und Gewürme Bären Wölfe Hyänen Tiger Katzen Schlangen Kröten Skorpionen Krähen und Eulen; und wehe den armen Menschen, die sich mit ihnen eingelassen haben! [187] Denn von ihnen muß man dreifache Pfänder nehmen und auch der Klügste wird von ihnen betrogen, wenn er nicht kurzen Kauf mit ihnen hält. Daß diese Hexenkappen und Nebelkappen weben, womit man sich unsichtbar machen und in einem Hui über Land und Meer fahren kann, das ist wahr. Dem Doktor Faust haben sie seinen Mantel gemacht, womit er in einer Sekunde von Straßburg nach Rom und von Mainz nach Paris gefahren ist. Aber wie ist es diesem armen Doktor Faust auch ergangen! er ist mit diesen schwarzen Künstlern, weil er zu weise werden wollte, ein Schwarzkünstler geworden und endlich zu dem Allerschwärzesten gefahren. Die Schwarzen machen auch Zauberwaffen, Harnische, die gegen Stahl und Hieb fest sind, Degen, die nie Scharten bekommen und vor welchen kein Helm und Panzer aushält, dünne Kettenhemde leicht wie Spinnweben, wodurch keine Kugel dringt. Der Gebrauch derselben ist aber sehr abgekommen, seit die meisten Menschen Christen sind, und war mehr in der heidnischen Zeit. Das ist einmal wahr, künstliche Schmiede und Waffenschmiede sind sie und wissen eine Härtung und zugleich eine Schmeidigung des Stahls, die ihnen kein irdischer Schmied nachmachen kann; denn ihre Klingen sind zugleich biegsam wie Rohrhalme [188] und scharf wie Diamanten. Auch wirken sie noch viel anderes Zaubergeschmeide aus Stahl und Eisen, das zu mancherlei verborgenen Künsten gebraucht wird und zum Theil die seltsamsten und unbegreiflichsten Eigenschaften hat. Die Braunen sind aber die Juweliere der Berge, die mehr in Gold und Silber und Edelsteinen arbeiten. Die feinsten und künstlichsten aller Unterirdischen sind die Weissen; die wirken ihre Arbeit so fein und dünn wie die zartesten Blumen aus, so fein und zart, daß viele Augen sie gar nicht sehen können; und sie können aus Silber und Gold Röckchen weben, von denen man schwören sollte, sie seyen aus Sonnenstrahlen oder Mondschein gewebt: denn sie sind leichter als die leichtesten Spinnweben.

Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem gläsernen Berge verlebte, nicht weiter als in sein Kämmerchen und von dem Kämmerchen in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurück. Er konnte gar kein Ende finden, die schönen und köstlichen Sachen zu betrachten und zu loben, die in seinem Zimmer und in dem Schränkchen aufgestellt waren. Am meisten aber ergötzte er sich an den schönen Bildern und an seinem Bücherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen Bücher mit goldenem Schnitte neben einander standen und in [189] welchen er die allerfeinsten und lustigsten Mährchen fand, an welchen er sich nicht satt lesen konnte. Als aber die ersten Wochen vergangen waren, da spazierte er oft aus und ließ sich von seinem Diener alles zeigen und erzählen. Es gab da unten aber die allerlieblichsten Spaziergänge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie unendlich groß der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Hügel, worauf einige Bäume und Sträuche stehen. Und daraus kann man auch wissen, wie viele Meilen seine Tiefe nach unten hinab gehen mußte. Das war aber das Besondere, daß zwischen jeder Au und jedem Anger, die man hier mit Hügeln und Bäumen und Blumen und Inseln und Seen durchsäet in der größten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse war, durch welche man wie durch eine krystallene Felsenmauer gehen mußte, bis man zu etwas Neuem gelangte. Die einzelnen Anger und Auen waren aber wohl oft eine Meile lang. Von den Bäumen habe ich schon erzählt, wie sie voll köstlicher Früchte hingen, und von den Quellen, in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte. Da konnten die Wanderer sich nie so weit vergehen, [190] sie fanden immer, womit sie sich erquicken konnten. Aber das Allerlustigste waren die bunten Vögel, die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische Nachtigallen sangen, und die Blumen so wunderschön von Farben und Düften, daß Johann ihres Gleichen nimmer auf Erden gesehen hatte. Kurz es war hier alles zauberisch lustig und anmuthig und bei aller der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben. Es wehete, und man fühlte keinen Wind; es schien hell, und man fühlte keine Hitze; die Wellen brauseten und man fand keine Gefahr sondern die niedlichsten Nachen und Gondeln, als schneeweisse Schwäne gestaltet, kamen, wann man über einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und führten an das jenseitige Ufer, und eben so führten sie über die Seen zu den Inseln. Woher das alles kam, wußte niemand und der Diener durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit Händen greifen, daß die großen Karfunkel und Diamanten, womit die hohe Decke statt des Himmels gewölbt war und womit alle Wände des Berges geschmückt standen, für Sonne Mond und Sterne leuchteten. Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam. Man sah wenige Unterirdische auf ihnen und die man sah schienen [191] immer nur so vorüberzuschlüpfen, als hätten sie die größte Eile davon zu kommen. Selten geschah es, daß einige hier im Freien einmal einen Reigen aufführten, etwa zu Dreien, höchstens zu einem halben Dutzend: mehr hat Johann hier nie beisammen gesehen. Nur dann ging es lustig her, wenn die Schaar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert seyn mogten, ausgelassen und spazieren geführt wurden. Das geschah aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem großen Saale oder in den anstoßenden Zimmern beschäftigt oder mußten auch in der Schule sitzen.

Das war hier auch noch besonders, daß, wie die Diamanten und Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen mußten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft war immer gleich, d. h. es war Jahraus Jahrein eine milde linde Frühlingsluft, von Blüthenathem durchwehet und von Vogelgesang durchklungen. Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese theilten sich wieder in vier Theile, in Morgen Mittag Abend und Nacht; doch war der Mittag nicht wärmer als die anderen Tageszeiten. Das aber hatte es hier besonders, daß die Nacht nie so dunkel und der Tag nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind. [192] Johann hatte viele Monate hier verlebt – ich glaube, es waren zehen – und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag. Da begegnete ihm etwas, das ihn in die Schule brachte. Ich will erzählen, wie das zuging. Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum. Da sah er in der Abenddämmerung etwas Schneeweisses in eine krystallene Felswand hineinschlüpfen und dann plötzlich verschwinden. Und es hatte ihm gedäucht, daß es von den kleinen Leuten war und daß ihm auch schneeweisse Locken von den Schultern herabhingen. Er fragte denn seinen Begleiter: was war das? giebt es auch unter euch, die in weissen Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns abgefangen habt? Der Diener antwortete: Ja, es giebt deren, aber wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den großen Tafeln, ausser einmal im Jahre, wann des großen Bergkönigs, der viel tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist. Darum hast du sie noch nie gesehen. Das sind die ältesten Männer unter uns und einige von ihnen wohl manches Jahrtausend alt und wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzählen und werden die Weisen genannt. Sie leben sehr einsam für sich und kommen nur aus ihren [193] Kammern, daß sie unsere Kinder und die Diener und Dienerinnen unterweisen, für welche hier auch eine große Schule ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchimie beschäftigt. Was? giebt es hier auch Schulen? rief Johann, das ist nicht recht, Diener, daß du mir das verschwiegen hast; ich habe immer große Lust gehabt in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen. Das kannst du haben, wie du willst, antwortete der Diener; du bist hier der Herr, und was du haben willst, müssen wir dir schon zu Gefallen thun. Du kannst dir einen der schneeweissen Weisen in die Kammer kommen lassen, wenn dir das gefällt, oder kannst auch in eine der Schulen gehen. Das will ich gleich morgenden Tages thun, sprach Johann, und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener und Dienerinnen unterwiesen werden. Denn ich will mit denen lernen, die auf der Erde gebohren sind; ihr mögtet mir zu fein seyn, und ich käme nicht mit, und der hinterste zu seyn wäre unlustig.

Und gleich den andern Morgen ließ Johann sich von dem Diener in die Schule führen, und es gefiel ihm da so gut, daß er nachher nie einen Tag versäumt hat. Das ist nemlich sehr löblich von den Unterirdischen, daß die Kinder, [194] welche zu ihnen herabkommen, immer sehr gut unterwiesen werden, so daß sehr kluge und geschickte Leute aus den Bergen gekommen sind, Männer und Frauen, die ihre Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben. Hier waren Meister in allerlei Künsten. Die Kinder lernten schreiben lesen rechnen zeichnen mahlen Geschichten und Mährchen aufschreiben und erzählen und wurden zugleich in mancherlei feiner und künstlicher Arbeit unterwiesen. Die Größeren und Fähigeren erhielten auch Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der Dichtkunst und Räthselkunst geübt, welche beiden Künste die Unterirdischen über alles lieben und womit sie sich bei der Tafel und bei Festen unter einander viel reitzen und ergötzen. Der kleine Johann war sehr fleißig und ward bald einer der geschicktesten Zeichner und Mahler, auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Früchte und Blumen wirken, daß man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf das schönste und künstlichste geschaffen hat, könne es kaum besser machen; er machte auch hübsche Reimlein und im Räthselkampf war er so gewandt, daß er fast allen antworten konnte und ihm mancher die Antwort schuldig blieb. [195] Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne daß er an seine schöne Erde gedacht hätte und an diejenigen, welche er dort oben zurückgelassen hatte: so angenehm verfloß ihm die Zeit, und es währte nicht lange, daß er die Schule viel lieber hatte, als den Tanzsaal und alle seine anderen Freuden. Auch hatte er hier unter den Kindern manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden. Nur war das betrübt, daß diese gewisse Stunden immer dienen mußten und dann nicht mit ihm seyn durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst hatten, denn schwere und schmutzige und mühevolle Arbeit gab es hier unten gar nicht.

Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand lieber als ein kleines blondes Mädchen, welches Lisbeth Krabbin hieß. Diese war mit ihm aus demselben Dorfe, es war die Tochter des Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin. Sie war als ein vierjähriges Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr erzählt hatten. Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen. Sie waren zu den Neun Bergen gegangen, da war die kleine Lisbeth [196] eingeschlafen und von den andern vergessen, und des Nachts, als sie erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde gekommen. Johann aber hatte sie nicht bloß deswegen so lieb, weil sie mit ihm aus Einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen Aeuglein und blonden Löckchen und dem allerenglischesten Lächeln, und als sie groß ward, war sie ausbündig schön.

Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, daß da oben über den Bergen auch noch Leute wohnten. So war er achtzehen Jahre alt geworden und Lisbeth sechzehn. Und was bis jetzt ein unschuldiges Kinderspiel gewesen war, ward nun eine süße Liebe. Sie konnten nicht mehr von einander lassen und nannten sich Braut und Bräutigam und waren lieber allein, als unter den andern Gespielen. Die Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn sie hatten den Johann alle sehr lieb und hätten ihn gern auch als ihren Diener gehabt – denn Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden. Und sie dachten: durch diese hübsche Dienerin werden wir ihn fangen und er wird sich um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen bei Tische aufzuwarten und [197] Aepfel und Trauben von den Bäumen zu lesen und Blumen zu streuen und das Estrich zu kehren. Sie irrten sich aber sehr. Der kleine Diener, dem er die Mütze genommen und den die Langeweile oft bei ihm geplagt, hatte ihm zu viel erzählt: daß er hier nur das Befehlen habe und daß sie alles thun müßten, was er wolle; denn wer Meister von Einem Unterirdischen geworden, sey dadurch auch so weit Meister aller übrigen, daß sie ihm alles zu Gefallen thun müssen, was in ihrer Macht stehe.

Johann ging nun viel spazieren mit seiner süßen kleinen Braut und ließ den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und Stege mehr, die er nicht kannte. Und sie spazierten viel in der Dämmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne daß sie es merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin, die ihres gleichen nicht hat. Der Johann war bei diesen Spaziergängen immer fröhlich und munter, aber die Lisbeth war oft stumm und traurig und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen und Sonne Mond und Sterne scheinen. Weil er das aber immer wegschob durch andere Gespräche, so verstummte sie wieder und seufzete still in sich, vergaß es endlich auch wohl wieder durch das Glück, daß sie an seinen [198] Armen wandeln durfte. Nun begab es sich einmal, daß sie bei einem Spaziergange über ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und Geflüster derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott weiß wie weit geschlendert waren. Es war schon nach Mitternacht und sie waren zufällig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des gläsernen Berges sich aufzuthun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu schlüpfen pflegten. Als sie nun da wandelten, hörten sie mit Einem Male mehrere irdische Hähne laut krähen. Bei diesem süßen Klange, den sie nun in zwölf Jahren nicht gehört hatte, ward der kleinen Lisbeth gar wundersam um das Herz, sie konnte sich nicht länger halten, sie umfaßte ihren Johann, als wollte sie ihn todtdrücken, und netzte ihm mit heissen Thränen die Wangen. So hing sie lange sprachlos an seiner Brust, dann küßte sie ihn wieder und bat ihn, daß er ihnen den unterirdischen Kerker doch aufschliessen sollte. Sie sprach ungefär also zu ihm:

Lieber Johann, es ist hier unten wohl schön und die kleinen Leute sind auch freundlich und thun einem nichts zu Leide, aber geheimelt hat es mir hier nie sondern ist doch immer schauerlich zu Muthe gewesen, und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb habe, und doch [199] nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes Leben, wie es für Menschen seyn soll. Ich habe hier doch keine Ruhe Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer verschwiegen habe: alle Nacht träumt mir von meinem lieben Vater und von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andächtig an den Kirchthüren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es dann so sehnsüchtig im Herzen, daß ich Blut weinen mögte, weil ich nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und preisen kann, wie Menschen sollen. Denn ein christliches Leben ist hier unten einmal nicht sondern nur so ein buntes künstliches in der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb heidnisch ist. Und, lieber Johann, auch das mußt du bedenken, wir können hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein Priester, der uns vertrauen kann; und so müssen wir immerfort Brautleute bleiben und können alt und grau darüber werden. Darum denke darüber und mache Anstalt, daß wir von hier kommen; mich verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen Christen zu seyn.

Auch für Johann hatten die Hähne ganz wunderbar gekrähet und er empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, nemlich [200] eine tiefe Sehnsucht nach dem schönen Sonnenlande, und er antwortete seiner Braut:

Liebe süße Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht. Ich empfinde nun auch, daß es Sünde ist für Christen, hier zu bleiben, und mir ist im Herzen fast, als hätte der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder, aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung! kommt herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts. Ja, Lisbeth, mir ist zum ersten Mal recht weh um das Herz geworden und ich sehe wohl, daß es ein großer Fürwitz und eine schreckliche Sünde war, daß ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin. Das mag Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht wußte, was ich that. Und nun will ich auch keinen Tag länger warten, sondern geschwinde Anstalt machen, daß ich fortkomme. Mich dürfen sie hier nicht halten.

Und er war sehr bewegt in seiner Seele und führte sein liebes Kind eilends von dannen. So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm lebendig war. Er hatte aber nicht bemerkt, daß Lisbeth bei seinen letzten Worten todtenblaß geworden war und wie schwer sie ihr aufs Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, [201] daß sie Dienerin war und ihre fünfzig Jahre aushalten mußte und daß sie mit ihm nicht fort konnte. Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, daß sie endlich laut weinen und schluchzen mußte, und er sie nun fragte, was ihr sey, er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze Welt mit ihr, wohin sie wolle. Da antwortete sie ihm: Ach! du bist hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und muß nach dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fünfzig Jahre um sind. Und was soll ich dann auf der Erde thun, wann Vater und Mutter lange todt und die Gespielen alt und grau sind? und du bist dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, daß ich hier jung bleibe und nicht älter werden kann als zwanzig Jahre? Ach! ich arme Lisbeth!

Sie sprach diese Worte so kläglich aus, daß sie einen Stein hätte rühren können. Und in Johanns Ohren tönten sie wie Donnerschläge, und er ward auch sehr traurig. Denn das fühlte er wohl, ohne sie konnte er von hier nicht gehen – und er konnte doch in seiner Seele nirgends einen Ausweg finden. Sie schieden also, als sie heimgekommen waren, sehr traurig voneinander. Johann aber drückte Lisbeths Hand an sein Herz und küßte sie viel tausendmal und sagte ihr: Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, [202] das glaube mir. Und Lisbeth ward sehr getröstet durch diese Worte.

Johann wälzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und konnte kein Auge zuthun, denn die Gedanken liessen ihm keine Ruhe, sondern flogen wie aufgescheuchte Vögel, hinter welchen der Falke ist, immer rundum in seiner Seele. Endlich, als der Morgen schon grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie überlaut: Nun hab’ ich’s! nun hab’ ich’s! Diener! Diener! du hast mir zu viel erzählt. Und er klingelte, und der Diener kam und er befahl: Diener, geschwind! geschwind! bringe mir Lisbeth! und in einigen Augenblicken war der Diener da und führte die schöne Lisbeth an der Hand. Und er hieß den Diener hinausgehen und küßte seine Lisbeth und sprach zu ihr: Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir. Ich hab es gefunden ich hab es gefunden! wir werden nun beide bald wieder zu Christen kommen, und sie können uns hier nicht festhalten. Verlaß dich nur drauf, ich kann es machen. Und nun gehe, mein Herzchen, und sey froh. Und er küßte sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und hieß ihn die Lisbeth wieder heimführen und auf dem Rückwege die sechs Vornehmsten zu ihm rufen. Der Diener aber verwunderte sich über diese [203] Sendung, und die Sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen die Muthung Johanns brachte, und munkelten und flüsterten unter einander, gingen aber mit ihm.

Und als die Sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische zu sitzen pflegte: und sprach also zu ihnen:

Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewußt, auf welche Weise ich hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und Ueberlisteter oder Diener, sondern als ein Herr und Meister über Einen von euch und dadurch über alle; nur daß dieser Eine immer mein leiblicher und stündlicher ja sekundlicher Diener seyn muß. Ihr habt mich die zehen Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und gehalten, und dafür bin ich euch Dank schuldig. Ihr seyd mir aber noch größern Dank schuldig, denn ich hätte euch mit allerlei Befehlen und Einfällen manche Mühe und Arbeit Neckerei und Plage anthun, ja ich hätte ein recht tückischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch seyn können, und ihr hättet es alles in Gehorsam leiden und thun müssen und nicht mucksen dürfen. Ich habe das aber nicht gethan sondern mich wie eures Gleichen aufgeführt und mehr mit euch gejubelt und gespielt, als daß ich unter euch geherrscht hätte. Nun bitte [204] ich euch, seyd wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen bin, und gewähret mir eine Bitte. Es ist hier unter den Dienerinnen eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo auch ich gebohren bin. Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen. Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug ins Feld geht. Weiter begehre ich nichts als dieses schöne Kind und den Geschmuck und das Gerath meines Zimmers mitzunehmen.

So sprach er mit sehr lebendigem und kräftigem Ton, daß sie den Ernst wohl fühlten. Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der älteste unter ihnen das leise Wort und lispelte: Herr, du begehrst, was wir nicht geben können; es tut uns leid, daß du Unmögliches verlangest. Es ist ein unverbrüchliches Gesetz, daß nie ein Diener oder eine Dienerin entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit. Brächen wir das Gesetz, so würde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall thun. Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwerth; aber die Lisbeth können wir dir nicht herausgeben.

Ihr könnt die Lisbeth herausgeben und ihr sollt sie herausgeben, rief Johann im Zorn. Nun geht und bedenkt euch bis morgen. Ihr wißt [205] meinen Befehl, es ist keine Bitte mehr. Morgen kommt zu dieser Stunde wieder. Ich will euch zeigen, ob ich über eure schmeichlischen und füchsischen Listen herrschen kann.

Die sechs verneigten sich und gingen, den begleitenden Diener aber schalten sie, daß er zu viel erzählt habe. Er aber entschuldigte sich und verneinte es und sagte: Ich wisst ja, wie klug er mich überlistet hat mit der Mütze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft alles gewußt hat durch den alten Kuhhirten aus Rodenkirchen; er hat ihm dies auch erzählt. – Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht mehr.

Als die Sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen, empfing Johann sie doch freundlich und sprach: Ich habe euch gestern hart angeredet, aber ich habe es so schlimm nicht gemeint, als ich ausgesehen habe. Aber die Lisbeth will und muß ich haben: dabei bleibt es! Und ich weiß wohl, daß ihr auch mich nicht gern misset, weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich und lustig sind, wie ich bin. Aber ich kann’s nun einmal nicht helfen, ich muß wieder zu Christen und wie ein Christ leben und sterben, und ist eine große Sünde, wenn ich hier länger säume. Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Haß. Und meine liebe Lisbeth [206] will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es! Und nun gebehrdet euch nicht länger widerwärtig und widerspänstig, und thut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Noth thun müsset, und gebet mir die schöne Dirne heraus, und lasset uns freundlich von einander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in den Herzen bewahren.

Und die Sechs thaten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem andern und machten sehr schöne Wendungen und Schlingungen der Worte, womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr geschickt. Auch hatten sie sich heute vorbereitet, daß sie wußten, was sie sprechen wollten. Aber es half ihnen nichts und ihre Worte verflogen sich in den Winden und berührten Johann nicht stärker, als hätten sie Spreu aus dem Munde geblasen. Und das Ende vom Liede war wieder, nachdem er alle die schönen und künstlichen Worte angehört hatte: Gebt die Lisbeth heraus! ich gehe nicht ohne die Lisbeth. Denn Johann war zu sterblich verliebt, als daß er die schöne Dirne hier gelassen hätte. Die sechs aber verweigerten es standhaft und gebehrdeten sich, als hätten sie Recht und würden es nimmer thun. Johann aber sagte ihnen lächelnd: Geht nun! Fahr wohl bis morgen! Morgen seyd ihr wieder zu dieser Stunde hier. Ich gebe euch nun das dritte und letzte Mal. [207] Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Güte erfüllen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe Herr zu seyn. – Er hatte aber, da er sie so hartnäckig sah, in sich beschlossen, sie durch Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf bessere Gedanken kämen.

Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern fragte kurz: Ja oder Nein? Und sie antworteten einstimmig Nein. Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vier und vierzig der Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Töchter mitkommen heissen und auch die Frauen und Töchter von diesen Sechsen, die vor ihm standen. Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen Minuten standen die vier und vierzig da mit ihren Frauen und Töchtern und auch die Frauen und Töchter der Sechse, und waren in allem wohl fünfhundert Männer Frauen und Kinder da. Und Johann hieß sie hingehen und Hauen Karsten und Stangen holen und dann flugs wiederkommen. Und sie thaten, wie er befohlen hatte, und waren bald wieder da. Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Noth thäten, was sie aus Liebe nicht thun wollten. [208] Er führte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag. Da mußten diese feinen und zarten Wesen, die für schwere Arbeit nicht geschaffen waren, Steine hauen sprengen und schleppen. Sie thaten das ganz geduldig und liessen sich nichts merken sondern gebehrdeten sich, als sey es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel. Er aber ließ sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie mußten schwitzen und arbeiten, daß ihnen der Athem fast ausging; denn er stand immer dabei und trieb sie an. Sie aber hofften, er werde die Geduld verlieren und der Jammer werde ihn überwinden, daß er sie und ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so schön und lustig waren. Und wirklich war Johann zu keinem König Pharao und Nebukadnezar gebohren, denn, nachdem er es einige Wochen so getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, daß er die schönen kleinen Menschen so mishandeln mußte, that auch sein Theil dazu. Sie aber wurden nicht mürb, denn es ist ein gar eigensinniges Völkchen. Sie brauchten aber immer die List, daß die schönsten unter ihnen immer zunächst bei Johann arbeiten mußten, besonders stellten sie die niedlichen kleinen Dirnen da hin, die sonst seine Tischgesellinnen waren, und die mußten [209] auf seine Mienen und Gebehrden Acht geben, und hatten bald bemerkt, daß er sich oft verstohlen wegwendete und eine Thräne aus den Augen wischte. Johann dachte nun darauf, wie er eine Plage erfände, die ihn geschwinder zum Ziele führte.

Und er machte sich hart und gebehrdete sich noch viel härter und rief sie einen Abend zusammen und sprach: Ich sehe, ihr seyd ein hartnäckiges Geschlecht; so will ich denn viel hartnäckiger seyn, denn ihr seyd. Morgen, wann ihr zur Arbeit kommt, bringe sich jeder eine neue Geissel mit. Und sie gehorchten ihm und brachten die Geisseln mit. Und er hieß sie sich alle entkleiden und einander mit den Geisseln zerhauen, bis das Blut darnach floß; und er sah grimmig und grausam dabei aus, als hätte ihn eine Tigerin gesäugt oder ein schwarzer Galgenvogel das Futter zugetragen. Aber die kleinen Leute zerhieben sich und bluteten und hohnlachten dabei, und thaten ihm doch nicht den Willen. So thaten sie drei vier Tage.

Da konnte er es nicht länger aushalten, es jammerte und ekelte ihn und er hieß sie ablassen und schickte sie zu Hause. Und er dachte auf viele andere Plagen und Martern, die er ihnen anthun könnte. Da er aber von Natur weich und mitleidig war und diese Wochen [210] wirklich mehr ausgestanden hatte, daß er sie plagen mußte, als sie, die geplagt wurden, so gab er den Gedanken daran ganz auf, für sich und für seine Lisbeth wußte er aber auch gar keinen Rath und ward so traurig, daß sie ihn oft trösten und aufrichten mußte, der sonst immer so fröhlich und beherzt war. So lieb er die kleinen Leute sonst gehabt hatte, so unlieb wurden sie ihm jetzt. Er schied sich ganz aus ihrer Gesellschaft und von ihren Festen und Tänzen und lebte einsam mit seiner Dirne und aß und trank einsam in seinem Zimmer; so daß er fast ein Einsiedler ward und ganz in Trübsinn und Schwermuth versank.

Als er einmal in dieser Stimmung in der Dämmerung spazierte, warf er im Unmuth, wie man zu thun pflegt, kleine Steine, die ihm vor den Füßen lagen, gegen einander, daß sie zersprängen. Vielleicht erquickte es seinen schweren Muth auch, daß er die Steine sich so aneinander zerschlagen sah, denn wenn ein Mensch in sich uneins und zerrissen ist, mögte er im Unmuth oft die ganze Welt zerschlagen. Genug Johann, der nichts Besseres thun mogte, zerwarf die armen Steine, und da geschah es, daß aus einem ziemlich großen Stein, der aus einander sprang, ein Vogel schlüpfte, der ihn erlösen sollte. Es war dies [211] eine Kröte, deren Haus in dem Stein mit ihr gewachsen war und die vielleicht seit der Schöpfung der Welt darin gesessen hatte. Kaum sah Johann die Kröte springen, so ward er ganz freudenfroh und sprang hinter sie drein und haschte sie und rief einmal über das andere: Nun hab’ ich sie! nun hab’ ich meine Lisbeth! nun will ich euch schon kirr machen, nun sollt ihr’s kriegen, ihr tückischen kleinen Gesellen! Habt ihr euch mit Ruthen nicht wollen zum Gehorsam geisseln lassen, so will ich euch mit Kröten und Skorpionen geisseln. Und er barg die Kröte wie einen kostbaren Schatz in seiner Tasche und lief eilends zu Hause und nahm ein festes silbernes Gefäß und setzte sie darein, damit sie ihm nicht entrinnen könnte. Und in seiner Freude sprach er überlaut für sich viele Worte und gebehrdete sich so wunderlich, als sey er närrisch geworden, und sprang dann ins Freie hinaus. Komm mit, mein Vögelein, rief er, nun will ich dich versuchen, ob du acht bist. Und er nahm das Gefäß mit der Kröte unter den Arm und lief hin, wo ein paar Unterirdische in der Einsamkeit des Weges gingen. Und als er ihnen näher kam, stürzten sie wie todt auf den Boden hin und winselten und heulten jämmerlich. Er aber ließ flugs ab von ihnen und rief: Lisbeth, Lisbeth, nun hab’ [212] ich dich! nun bist du mein! und so stürmte er zu Hause, schellte den Diener herein und hieß ihn Lisbeth holen.

Und als Lisbeth kam, war sie ganz erstaunt, daß sie ihn so munter fand, denn seit einem halben Jahre hatte sie ihn nicht mehr froh gesehen. Und er lief auf sie zu und umhalsete sie und sprach: Lisbeth! süße Lisbeth! nun bist du mein, nun nehme ich dich mit; übermorgen soll der Auszug seyn, und Juchhe! wie bald die lustige Hochzeit! Sie aber erstaunte noch mehr und sagte: Lieber Johann, du bist geck geworden? wie sollte das möglich seyn? Er aber lächelte und sprach: Ich bin nicht geck geworden, aber die kleinen Schlingel will ich geck machen, wenn sie sich nicht zum Ziele legen wollen. Sieh hier! hier ist dein und mein Erlöser. Und er nahm das silberne Geschirr und öffnete es und zeigte ihr die Kröte, vor deren Garstigkeit es ihr fast geschwunden hätte. Nun erzählte er ihr, wie er zu dem seltenen Vogel gekommen war und wie herrlich ihm die Probe geglückt war, die er mit ihm an den Unterirdischen angestellt hatte, und wohlgefällig rief er noch einmal: Sei froh, meine liebe Lisbeth! du sollst es sehen, wie ich sie mit dieser zu Paaren treiben will. [213] Nun muß ich auch das Geheimniß erzählen, das in der Kröte steckte. Klas Starkwolt hatte dem kleinen Johann oft erzählt, daß die Unterirdischen keinen Gestank vertragen könnten und daß sie bei dem Anblick ja bei dem Geruch von Kröten sogleich in Ohnmacht fielen und die entsetzlichsten Schmerzen litten; mit Gestank und mit diesen garstigen und scheußlichen Thieren könne man sie zu allem zwingen. Daher findet man auch nie etwas Stinkendes in dem ganzen gläsernen Reiche und die Kröten sind dort etwas Unerhörtes, und man muß daher diese Kröte, die so wunderbar in einem Stein eingehäust und fast eben so wunderbar aus diesem ihrem steinernen Hause herausgekommen war, fast ansehen als von Gott von Ewigkeit her zu solcher geheimen Wohnung verdammt, damit Johann und Lisbeth zusammen aus dem Berge kommen und Mann und Frau werden könnten.

Johann und Lisbeth glaubten auch gern an ein solches Wunder, besonders Lisbeth, die Gottes liebes frommes Kind war. Und als Johann ihr alles erzählt und erklärt hatte, was er ferner thun und wie er die Kleinen endlich zu seinem Willen zwingen wollte, da fiel sie ganz entzückt und gerührt auf ihr Gesichtchen zur Erde und betete und dankete Gott, daß er sie endlich von den kleinen Heiden erlösen und wieder [214] zu Christenmenschen bringen wolle. Und sie ging ganz fröhlich heim und faltete ihre Händchen im Bette noch viel zum Gebete und hatte die Nacht die allersüßesten Träume. Johann legte sich auch nicht traurig nieder und er überdachte und überlegte sich alles, wie er die Kleinen erschrecken und endlich mit seiner geliebten Braut aus dem Berge ziehen wollte.

Und den folgenden Morgen, als es getagt hatte, rief er seinen Diener und hieß ihn die fünfzig Vornehmsten holen mit ihren Frauen und Töchtern. Und sie erschienen alsbald vor Johann, und er sprach zu ihnen:

Ihr wisset alle und ist euch nicht verborgen, wie ich hierher gekommen bin und wie ich diese manchen Jahre mit euch gelebt habe, nicht als ein Herr und Gebieter sondern als ein Freund und Genosse. Und ich habe es wohl gewußt, wie ich hätte Herr seyn und meiner Herrschaft gegen euch gebrauchen können; und das habe ich nicht gethan sondern nur einen einzigen von euch hab’ ich als Diener gebraucht, und auch nicht als Diener sondern mehr als Freund. Und ihr schienet mit mir zufrieden zu seyn und mich lieb zu haben; als es aber dahin gekommen ist, daß ich endlich eine einzige kleine Freundlichkeit von euch begehren mußte, habt ihr euch gebehrdet, als forderte ich Leben [215] und Reich von euch, und mir sie trotzig abgeschlagen. Ihr wisset auch, was ich da ergriffen habe, und wie ich angefangen habe euch mit Arbeit und Streichen zu plagen, damit ihr einsähet, daß ihr Unrecht hättet, und mir die Liebe thätet. Aber ihr seyd trotziger und hartnäckiger gewesen, als ich strenge, und aus Barmherzigkeit habe ich ablassen müssen von der Strafe. Ihr habt das aber nicht erkannt sondern habt mich ausgelacht als einen Dummen, der keinen Rath wisse euch zum Gehorsam zu zwingen. Ich aber weiß wohl Rath, und will es euch bald zeigen, wenn ihr in eurer Verstocktheit bleibet und mir die Lisbeth nicht losgeben wollt. Darum zum letzten Male, besinnet euch noch eine Minute, und sagt ihr dann Nein, so sollt ihr die Pein fühlen, die euch und euren Kindern von allen Peinen die fürchterlichste ist.

Und sie säumten nicht lange und sagten mit Einer Stimme Nein und dachten bei sich: Welche neue List hat der Jüngling erdacht, womit er so weise Männer einzuschrecken meint? Und sie lächelten, als sie Nein sagten. Dies Lächeln ärgerte Johann mehr als alles andere und voll Zorns rief er: Nun denn! da ihr nicht hören wollt, sollt ihr fühlen, und lief geschwind wie ein Blitz einige hundert Schritt [216] weg, wo er das Gefäß mit der Kröte unter einem Strauch versteckt hatte.

Und er kam zurück, und als er sich ihnen auf hundert Schritt genahet hatte, stürzten sie alle hin, als wären sie mit Einem Schlage zugleich vom Donner gerührt, und begannen zu heulen und zu winseln und sich zu krümmen, als ob sie von den entsetzlichsten Schmerzen gefoltert würden. Und sie streckten die Hände aus und schrieen einer um den andern: Laß ab, Herr! laß ab und sey barmherzig! wir fühlen, daß du eine Kröte hast und daß kein Entrinnen ist. Nimm die gräulichen Plagen weg, wir wollen ja alles thun, was du befiehlst. – Und er ließ sie noch einige Sekunden zappeln, dann entfernte er das Gefäß mit der Kröte, und sie richteten sich wieder auf und ihre Züge erheiterten sich wieder, denn die Pein war weg, wie das Thier weggenommen war.

Johann behielt nur die sechs Vornehmsten bei sich und ließ die Weiber und Kinder und die übrigen Männer alle gehen, wohin jeder wollte. Zu den Sechsen aber sprach er seinen Willen also aus:

Diese Nacht zwischen zwölf und Ein Uhr ziehe ich mit der Lisbeth von[1] dannen, und ihr beladet mir drei Wagen mit Silber und Gold und edlen Steinen. Wiewohl ich alles nehmen [217] könnte, was ihr in dem Berge habt, da ihr so widerspänstig und ungehorsam gegen mich gewesen seyd, will ich euch doch so hart nicht strafen, sondern barmherziger gegen euch seyn, als ihr gegen mich und die Lisbeth gewesen seyd. Auch alle meine Herrlichkeiten und Kostbarkeiten und Bilder und Bücher und Geräthe, die in meinem Zimmer sind, werden auf zwei Wagen geladen: also daß in allem fünf Frachtwagen bereit gemacht werden. Mir selbst aber rüstet ihr den schönsten Reisewagen, den ihr in euren Bergen habt, mit sechs schwarzen Rappen, worauf ich und meine Braut sitzen und zu den Unsrigen einfahren wollen. Zugleich befehle ich euch, daß von den Dienern und Dienerinnen alle diejenigen frei gelassen werden, welche solange hier gewesen sind, daß sie droben zwanzig Jahre und drüber alt seyn würden; und ihr sollt ihnen soviel Silber und Gold mitgeben, daß sie auf der Erde reiche Leute heissen können. Und das soll künftig ein ewiges Gesetz seyn und ihr sollt mir es hier diesen Augenblick beschwören, daß nimmer ein Menschenkind hier länger festgehalten werden soll als bis zu seinem zwanzigsten Jahre.

Und die Sechse leisteten ihm den Schwur und gingen dann traurig weg; er aber nahm jetzt die Kröte und vergrub sie tief in die Erde. Und sie [218] und die übrigen Unterirdischen rüsteten alles zu und auch Johann und Lisbeth bereiteten sich zur Reise und schmückten sich festlich gegen die Nacht, damit sie als Braut und Bräutigam erscheinen könnten. Es war aber jetzt beinahe dieselbe Zeit, in welcher er einst in den Berg hinabgestiegen war, die Zeit der längsten Tage, also Mittsommerszeit, die sie die Sonnengicht nennen. Und er war etwas über zwölf Jahre in dem Berge gewesen und Lisbeth etwas über dreizehn und er ging in sein ein und zwanzigstes Jahr und Lisbeth in ihr achtzehntes. Die kleinen Leute thaten mit großem Gehorsam aber sehr still alles, wie er ihnen befohlen hatte; desto lauter aber war die Schaar der Diener und Dienerinnen, welche sein neues Gesetz über das zwanzigste Jahr mit erlöset hatte. Diese jubelten um ihn und um seine Lisbeth her und freueten sich sehr, daß sie mit ihnen auf die Oberwelt ziehen durften.

Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erlöseten Diener und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzte Johann und seine Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und liessen sich hinaufziehen. Es mogte wohl eine Stunde nach Mitternacht seyn. Und es däuchte ihnen eben so, wie sie hinabgefahren waren. Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtönt und endlich klang es über ihren Köpfen und sie sahen den [219] gläsernen Berg sich öffnen und die ersten Himmelstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so manchen Jahren, und bald waren sie draussen und sahen das Morgenroth schon im Osten dämmern. Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um ihn und Lisbeth und die Wagen geschäftig waren, dort hin und her wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl, dann nahm er seine braune Mütze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter sie. Und in demselben Augenblicke sah er nichts mehr von ihnen sondern erblickte nun nichts weiter als einen grünen Hügel und bekannte Büsche und Felder, und hörte die Glocke vom Rambiner Kirchthurme eben zwei schlagen. Und als es still geworden war und er von dem unterirdischen und überirdischen Getümmel nichts weiter hörte als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Kniee, und sie beteten beide recht andächtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte. Und alle Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterlöset waren, thaten desgleichen.

Darauf erhuben sie sich alle und die Sonne ging eben auf und Johann ordnete nun den Zug seiner Wagen. Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit vier Rothfüchsen bespannt, die waren mit [220] eitel Gold und Dukaten beladen, so schwer, daß die Pferde von der Last stöneten; diesen folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweissen Pferden, welche alles Silber und Krystall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen, jeder mit vier Grauschimmeln bespannt und diese waren mit den herrlichsten Geräthen und Gefäßen und Edelgesteinen und mit der Bibliothek Johanns beladen. Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in einem offenen Wagen aus lauter grünem Smaragd, dessen Decke und Vorderseite mit vielen großen Diamanten besetzt waren, und sechs muthige wiehernde Rappen zogen ihn. Er war aber nebst seiner Braut auf das kostbarste geschmückt, damit sie den Ihrigen auch durch den Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kämen. Denn beide waren von ihnen lange als todt betrauert, und wer hätte wohl gedacht, daß sie jemals wiederkommen würden? Die erlösten Diener und Dienerinnen in gläsernen Schuhen und weissen Kleidern und Jäckchen mit silbernen Gürteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und geleiteten sie; einige führten auch die Pferde. Denn sie wollten sie alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen. Es waren ihrer in allem zwischen fünfzig und sechzig. Und sie jauchzeten vor Freuden und einige, welche Geigen und Pfeifen und [221] Trompeten mit hatten, spielten lustig auf. So zogen sie mit Jauchzen und Klingen die Hügel hinab auf die Straße, welche von Rambin nach Gartz führt. Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam zu Muthe, als sie den Thurm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder so viel gespielt hatten. Als sie vor Rodenkirchen hingingen, kam eben die Kuhheerde über den Weg und Klas Starkwolt mit seinem treuen Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach. Johann sah ihn und erkannte ihn strax und dachte bei sich: den treuen Alten wirst du nicht vergessen. Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle Leute, die auf der Straße waren, hielten oder standen still und viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in Rambin, welche blanke und prächtige Wagen dort auf der Landstraße führen, und brachten das ganze Dorf auf die Beine. Der Zug ging aber sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen.

So zogen sie etwa um vier Uhr Morgens in Rambin ein und hielten still mitten im Dorfe, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann gebohren war. Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Häusern gegangen, damit sie die glänzende Herrlichkeit mit eigenen Augen [222] sähen. Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und erkannte unter den Vielen auch seinen Bruder Andres und seine Schwester Trine. Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen Pantoffeln und einer weissen Schlafmütze, wie er eben aus dem Bette gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannte ihn nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg entführt worden. So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich etwas merken zu lassen. Und man kann wohl sagen, daß in dem Dorfe Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht erscheinen wird bis an der Welt Ende. Johann und seine Braut funkelten von Diamanten und edlen Steinen, die Wagen die Pferde die Geschirre waren auf das prächtigste geziert, die Begleiter und Begleiterinnen alle in der Blüthe der Jahre, mit den schönen weissen Kleidern angethan und den sonderbaren Mützen und gläsernen Schuhen. Alles war wie aus einer andern Welt; so daß der Küster, seines Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: Sind es keine tatarische und persische und asiatische Prinzen, so müssen sie vom Mond heruntergekommen seyn, denn in dem Lande Europa habe ich dergleichen nie gesehen [223] und bin doch auch in vielen Städten gewesen, wo Kaiser und Könige wohnen. Der gute Küster irrte sich aber, sie kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der Nähe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt.

Als Johann nun glaubte, es sey genug und sie hätten ihre Augen bis zur Sättigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein schönes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm ehrerbietig Platz machte. Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er zu dem niedrigen strohenen Häuschen, wo Jakob Dietrich mit seiner Frau stand und umhalsete sie beide und küssete sie, die sich vor ihm zur Erde werfen und seine Kniee küssen wollten. Er aber wehrte ihnen und sprach: Mit nichten! das darf nicht seyn. Kennt ihr mich denn nicht? Ich bin euer verlorner Sohn Johann Dietrich und diese hier ist meine Braut. Und die beiden Alten erstaunten und wußten nicht, ob sie wachten oder träumten; alles Volk aber, das dies sah und hörte, verwunderte sich und rief: Johann Dietrich, der verlorne Johann Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen und seht, was er mitgebracht hat!

Johann Dietrich aber stand dort nicht lange müssig bei seinen Aeltern sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weissen Schlafmütze [224] erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei; denn der alte Mann wußte nicht, was der ungestüme Jüngling im Sinn hatte. Und er führte den alten ehrwürdigen Herrn zu Lisbeth und fragte ihn: kennst du diese? Ehe er aber noch antworten konnte, zog er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: dies ist deine verlorne Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder. Und nun sollst du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind. Und der alte Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und weinte vor Freuden; denn sie war sein einziges Kind und er hatte sie lange als eine Todte beweint. Und als er sich besonnen hatte von dem ersten Erstaunen, nahm er die Hände seines Kindes und legte sie in die Hände Johanns und hieß Jakob Dietrich und seine Frau auch hinzutreten und sprach: So segne euch denn der Gott des Friedens und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat, und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht wandeln bis ans Ende eures Lebens. Siehe ich preise ihn, daß er mir diesen Tag hat sehen lassen.

Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzählt war und als die Nachbarn und die Gespielen [225] und Gespielinnen sich den Johann und die Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen wieder erkannt hatten, da gingen die beide zu den Aeltern in die Häuser. Johann aber säumte nicht mit der Hauptlust mit der Hochzeit, die binnen acht Tagen seyn sollte. Und er schickte viele hundert Wagen aus in den Wald, welche Bäume und Zweige in unendlicher Menge herbeifuhren. Und er ließ viele Zimmerleute und Schreiner und Tapezierer kommen. Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert Schritt vor dem Dorfe, da ließ er einen hohen und weiten Laubsaal bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine Tanzbühne, und der Saal war so groß, daß er wohl fünftausend Menschen fassen konnte. Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und Greifswald und ließ ganze Böte voll Wein Zucker und Kaffee laden; auch wurden ganze Heerden Ochsen Schweine und Schaafe zur Hochzeit herbeigetrieben, und wie viele Hirsche Rehe und Haasen dazu geschossen sind, das ist nicht zu sagen, so wenig als die Fische zu zählen sind, die dazu bestellt wurden. In ganz Rügen und Pommern ist auch kein einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde. Denn Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen. Auch hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch [226] alle die schönen weissen Jünglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erlöst hatte und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten.

Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war, gingen alle Gäste in die Kirche und der alte Krabbe dankete Gott und erzählte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen. Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den großen Laubsaal, so daß Jakob Dietrich und seine Frau die Lisbeth zwischen sich führten Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt ging. Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich beschenkt, so daß er für seine übrigen Lebenstage geborgen war; auch hatte er ihm die schönsten Hochzeitskleider anmessen lassen. Und Klas hatte ihm versprechen müssen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu leben, so oft und viel er wolle; und das hat er redlich gehalten. Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weissen aus dem Berge Paar um Paar, und darauf die ganze übrige Freundschaft Nachbarschaft und Kirchspielschaft, nach Stand und Würden und Alter, wie es sich gebührte. Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzählen wissen. Vierzehn ausgeschlagene [227] Tage und Nächte ist geschmaust und getanzt worden, und da hat man über vierzig Paare auf gläsernen Schuhen tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhörtes gewesen. Und die Leute haben sich über die Tänzerinnen gewundert, so anmuthigen Tanz haben sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in der Welt und da hatten sie ja tanzen gelernt.

Und als die Hochzeit vorbei war, da ist Johann herumgereist im Lande mit seiner schönen Lisbeth und sie haben sich viele Städte und Dörfer und Güter gekauft und er ist Herr von beinahe ganz Rügen geworden und ein sehr vornehmer Graf im Lande. Und auch der alte Jakob sein Vater ist ein Edelmann geworden und Johanns Brüder und Schwestern haben Junker und Fräulein geheissen. Denn was kann man sich nicht alles für Silber und Gold schaffen? Schier alles, nur nicht die Seligkeit; sonst hätte der arme Mensch auf Erden auch gar keinen Trost. Johann aber hat in all seinem Reichthum nie vergessen, auf welche wunderbare Weise Gott seine Jugend geführt hat, und ist ein sehr frommer christlicher Mann gewesen. Und seine Frau Lisbeth ist noch fast frommer gewesen als er. Und beide haben Kirchen und Armen viel Gutes gethan, auch selbst viele Kirchen gebauet, und sind endlich, von allen, die sie kannten, gesegnet, [228] seliglich im Herrn verschieden. Und diese Kirche, die jetzt in Rambin steht, hat der Graf Johann Dietrich auch bauen lassen und hat sie sehr reich beschenkt von seinem vielen Gelde. Und sie ist zum ewigen Andenken an seine Geburt da gebaut, wo Jakob Dietrichs Häuschen gestanden hat. Und er hat viele kostbare Geräthe dahin geschenkt, goldene Becher und silberne Schalen von der allerkünstlichsten Arbeit, wie die Unterirdischen sie in ihren Bergen machen, nebst seinen und der Lisbeth gläsernen Schuhen, zum ewigen Andenken, was ihnen in der Jugend geschehen war. Diese sind aber weggekommen unter dem großen König Karolus dem Zwölften von Schweden, als die Russen hier auf die Insel kamen und schlimm hauseten. Da haben die Kosacken auch die Kirche geplündert und das alles mitgenommen.

So war der kleine Johann Dietrich aus einem armen Hirtenknaben ein reicher und vornehmer Herr geworden, weil er das Herz gehabt hatte hinabzusteigen und sich die Schätze zu holen. Aber viele sind schon dadurch reich geworden, daß sie nur irgend ein Pfand von den Unterirdischen gewonnen haben. Dadurch haben sie sie soweit in ihre Macht bekommen, daß sie ihnen etwas haben schenken oder zu Liebe thun müssen. Manchen schenken sie auch freiwillig etwas und lehren ihnen schöne Künste und allerlei Geheimnisse; [229] aber diesen, die ein Pfand oder etwas Verlornes von ihnen haben, müssen sie aus Noth dienstbar und gefällig werden. Davon will ich nun noch einige Geschichten erzählen.

Ein Schäferjunge zu Patzig eine halbe Meile von Bergen, wo es in den Hügeln auch viele Unterirdische hat, fand eines Morgens ein silbernes Glöckchen auf der grünen Heide zwischen den Hünengräbern und steckte es zu sich. Es war aber das Glöckchen von der Mütze eines kleinen Braunen, der es da im Tanze verloren und nicht sogleich bemerkt hatte, daß es an dem Mützchen nicht mehr klingelte. Er war nun ohne das Glöckchen heruntergekommen und war sehr traurig über diesen Verlust. Denn das Schlimmste, was den Unterirdischen begegnen kann, ist, wenn sie die Mütze verlieren, dann die Schuhe. Aber auch das Glöckchen an der Mütze und das Spänglein am Gürtel ist nichts Geringes. Wer das Glöckchen verloren hat, der kann nicht schlafen, bis er es wiedergewinnt, und das ist doch etwas recht Betrübtes. Der kleine Unterirdische in dieser großen Noth spähete und spürte umher; aber wie sollte er erfahren, wer das Glöcklein hatte? Denn nur wenige Tage im Jahr durften sie an das Tageslicht hinaus, und dann durften sie auch nicht in ihrer wahren Gestalt erscheinen. Er hatte sich schon oft verwandelt in allerlei Gestalten, [230] in Vögel und Thiere auch in Menschen, und hatte von seinem Glöckchen gesungen und geklungen und gestönt und gebrüllt und geklagt und gesprochen, aber keine kleinste Kunde oder nur Spur von einer Kunde war ihm bis jetzt zugekommen. Denn das war das Schlimmste, daß der Schäferjunge grade den Tag, nachdem er das Glöckchen gefunden, von Patzig weggezogen war und jetzt zu Unruh bei Gingst die Schaafe hütete. Da begab es sich erst nach manchem Tag durch ein Ungefär, daß der arme kleine Unterirdische wieder zu seinem Glöckchen und zu seiner Ruhe kommen sollte.

Er war nemlich auf den Einfall gekommen, ob auch ein Rabe oder Dohle oder Krähe oder Aglaster das Glöckchen gefunden und etwa bei seiner diebischen Natur, die sich in das Blanke vergafft, in sein Nest getragen habe. Und er hatte sich in einen angenehmen kleinen bunten Vogel verwandelt und alle Nester auf der ganzen Insel durchflogen und den Vögeln allerlei vorgesungen, ob sie ihm verrathen mögten, daß sie den Fund gethan hätten, und er so wieder zu seinem Schlafe käme. Aber die Vögel hatten sich nichts merken lassen. Als er nun des Abends flog über das Wasser von Ralow her über das Unruher Feld hin, weidete der Schäferjunge, welcher Johann Schlagenteufel hieß, dort eben [231] seine Schaafe. Mehrere der Schaafe trugen Glocken um den Hals und klingelten, wenn der Junge sie durch seinen Hund in den Trab brachte. Das Vögelein, das über sie hinflog, dachte an sein Glöcklein und sang in seinem traurigen Muth:

Glöckelein, Glöckelein,
Böckelein, Böckelein,
Schäflein auch du,
Trägst du mein Klingeli,
Bist du das reichste Vieh,
Trägst meine Ruh.

Der Junge horchte nach oben auf diesen seltsamen Gesang, der aus den Lüften klang, und sah den bunten Vogel, der ihm noch viel seltsamer vorkam. Er sprach bei sich: Potz tausend, wer den Vogel hätte! der singt ja, wie unser einer kaum sprechen kann. Was mag er mit dem wunderlichen Gesange meinen? am Ende ist es ein bunter Hexenmeister. Meine Böcke haben nur tombackene Glocken, und er nennt sie reiches Vieh, aber ich habe ein silbernes Glöckchen, und von mir singt er nichts. Und mit den Worten fing er an in der Tasche zu fummeln, holte sein Glöckchen heraus und ließ es klingen. Der Vogel in der Luft sah sogleich, was es war, und freute sich über die Maaßen; er verschwand aber in der Sekunde, flog hinter [232] den nächsten Busch, setze sich, zog sein buntes Federkleid aus, und verwandelte sich in ein altes Weib, das mit kümmerlichen Kleidern angethan war. Die alte Frau, mit einem ganzen Sack voll Seufzer und Aechzer versehen, stümperte sich queer über das Feld zu dem Schäferbuben hin, der noch mit seinem Glöcklein klingelte und sich wunderte, wo der schöne Vogel geblieben war, räusperte sich und that einige Huster aus hohler Brust, und bot ihm dann einen freundlichen guten Abend und fragte nach der Straße zu der Stadt Bergen. Dann that sie, als ob sie das Glöcklein jetzt erst erblickte, und rief: Herre Je! welch ein niedliches kleines Glöckchen! hab’ ich doch in meinem Leben nichts Feineres gesehen! höre, mein Söhnchen willst du die Glocke verkaufen? und was soll sie kosten? Ich habe ein kleines Enkelchen, für den wäre sie mir eben ein bequemes Spielgeräth. Nein die Glocke wird nicht verkauft! antwortete der Schäferknabe kurz abgebissen; das ist eine Glocke, so eine Glocke giebt’s in der Welt nicht mehr: wenn ich nur damit anklingele, so laufen meine Schaafe von selbst hin, wohin ich sie haben will; und welchen lieblichen Ton hat sie! hört mal, Mutter! (und er klingelte) ist eine Langeweile in der Welt, die vor dieser Glocke aushalten kann? damit kann ich mir die längste [233] Zeit wegklingeln, daß sie in einem Hui fort ist. Das alte Weib dachte: wollen sehen, ob er Blankes aushalten kann? und hielt ihm Silber hin, wohl drei Thaler; er sprach: ich verkaufe aber die Glocke nicht. Sie hielt ihm fünf Dukaten hin, er sprach: das Glöckchen bleibt mein. Sie hielt ihm die Hand voll Dukaten hin, er sprach zum dritten Mal: Gold ist Quark und giebt keinen Klang. Da wandte die Alte sich und lenkte das Gespräch anderswohin und lockte ihn mit geheimen Künsten und Seegensprechungen, wodurch sein Vieh Gedeihen bekommen könne, und erzählte ihm allerlei Wunder davon. Da ward er lüstern und horchte auf. Das Ende vom Liede war, daß sie ihm sagte: Höre, mein Kind, gieb mir die Glocke, siehe hier ist ein weisser Stock; (und sie holte ein weisses Stäbchen hervor, worauf Adam und Eva sehr künstlich geschnitten waren, wie sie die paradiesischen Heerden weideten und wie die feistesten Böcke und Lämmer vor ihnen hintanzten; auch der Schäferknabe David, wie er ausholt mit der Schleuder gegen den Riesen Goliath) diesen Stock will ich dir geben für das Glöckchen, und so lange du das Vieh mit diesem Stäbchen treibst, wird es Gedeihen haben und du wirst ein reicher Schäfer werden, deine Hämmel werden immer vier Wochen früher fett werden, als [234] die Hämmel aller andern Schäfer, und jedes deiner Schaafe wird zwei Pfund Wolle mehr tragen, ohne daß man ihnen den Segen ansehen kann. Die alte Frau reichte ihm den Stock mit einer so geheimnißvollen Gebehrde und lächelte so leidig und zauberisch dazu, daß der Junge gleich in ihrer Gewalt war. Er griff gierig nach dem Stock und gab ihr die Hand und sagte: Topp! schlag’ ein! die Glocke ist dein für den Stock. Und sie schlug ein und nahm die Glocke und fuhr wie ein leichter Wind über das Feld und die Haide hin. Und er sah sie verschwinden und sie däuchte ihm wie ein Nebel hinzufliessen und sanft fortzusausen, und alle seine Haare richteten sich zu Berge.

Der Unterirdische, der ihm die Glocke in der Verkleidung einer alten Frau abgeschwatzt, hatte ihn nicht betrogen. Denn die Unterirdischen dürfen nicht lügen sondern das Wort, das sie von sich geben oder geloben, müssen sie halten; denn wenn sie lügen, werden sie strax in die garstigsten Thiere verwandelt, in Kröten Schlangen Mistkäfer Wölfe und Lüchse und Affen, und müssen wohl Jahrtausende in Abscheu und Schmach herumkriechen und herumstreichen, ehe sie erlöst werden. Darum haben sie ein Grauen davor. Fritz Schlagenteufel gab genau Acht und versuchte seinen neuen Schäferstab, [235] und er fand bald, daß das alte Weib ihm die Wahrheit gesagt hatte, denn seine Heerde und all sein Werk und seiner Hände Arbeit gerieth ihm wohl und hatte ein wunderbares Glück, so daß alle Schaafherren und Oberschäfermeister diesen Jungen begehrten. Er blieb aber nicht lange Junge sondern schaffte sich, ehe er noch achtzehn Jahre alt war, seine eigene Schäferei, und ward in wenigen Jahren der reichste Schäfer auf ganz Rügen, so daß er sich endlich ein Rittergut hat kaufen können: und das ist Grabitz gewesen hier bei Rambin, was jetzt den Herren vom Sunde gehört. Da hat mein Vater ihn noch gekannt, wie aus dem Schäferjungen ein Edelmann geworden war, und hat er sich auch da als ein rechter kluger und frommer Mann aufgeführt, der bei allen Leuten ein gutes Lob hatte; und der hat seine Söhne wie Junker erziehen lassen und seine Töchter wie Fräulein, und es leben noch davon, und dünken sich jetzt vornehme Leute. Und wenn man solche Geschichten hört, mögte man wünschen, daß man auch mal so etwas erlebte und ein silbernes Glöcklein fände, das die Unterirdischen verloren haben.

Ein Bauer aus Rodenkirchen, Johann Wilde genannt, fand einmal einen gläsernen Schuh auf einem der Berge, wo die kleinen [236] Leute zu tanzen pflegen. Er steckte ihn flugs ein und lief weg damit und hielt die Hand fest auf der Tasche, als habe er eine Taube darin. Denn er wußte, daß er einen Schatz gefunden hatte, den die Unterirdischen theuer wiederkaufen müßten. Andere sagen, Johann Wilde habe die Unterirdischen mitternächtlich belauert und einem von ihnen den Schuh ausgezogen, indem er sich mit einer Brantweinflasche dort hingestreckt und gleich einem Besoffenen gebehrdet habe. Denn er war ein sehr listiger und schlimmer Mensch und hatte durch seine Verschlagenheit manchen betrogen und war deswegen bei seinen Nachbarn gar nicht gut angeschrieben und keiner hatte gern mit ihm zu thun. Viele sagen auch, er habe verbotene Künste gekonnt und mit den Unholden und alten Wettermacherinnen geheimen Umgang gepflogen. Als er den Schuh nun hatte, that er es denen, die unter der Erde wohnen, gleich zu wissen, indem er um die Mitternacht zu den Neun Bergen ging und lauten Halses schrie: Johann Wilde in Rodenkirchen hat einen schönen gläsernen Schuh, wer kauft ihn? wer kauft ihn? Denn er wußte, daß der Kleine, der einen Schuh verliert, den Fuß solange bloß tragen muß, bis er in wiederbekommt. Und das ist keine Kleinigkeit, da die [237] kleinen Leute meist auf harten und steinigten Boden treten müssen. Der Kleine säumte auch nicht ihn wieder einzulösen. Denn sobald er einen freien Tag hatte, wo er an das Tageslicht hinaus durfte, klopfte er als ein zierlicher Kaufmann an Johann Wildens Thüre und fragte, ob er nicht gläserne Schuh zu verkaufen habe? denn die seyen jetzt eine angreifische Waare und werden auf allen Märkten gesucht. Der Bauer antwortete, er habe einen sehr kleinen kleinen netten gläsernen Schuh, so daß auch eines Zwerges Fuß davon geklemmt werden müsse und daß Gott erst eigene Leute dazu schaffen müsse; aber das sey ein seltener Schuh und ein kostbarer Schuh und ein theurer Schuh, und nicht jeder Kaufmann könne ihn bezahlen. Der Kaufmann ließ ihn sich zeigen und sprach: Es ist eben nichts so Seltenes mit den gläsernen Schuhen, lieber Freund, als ihr hier in Rodenkirchen glaubt, weil ihr nicht in die Welt hinauskommet; dann sagte er nach einigen Hms! aber ich will ihn doch gut bezahlen, weil ich grade einen Gespan dazu habe. Und er bot dem Bauer tausend Thaler. Tausend Thaler ist Geld pflegte mein Vater zu sagen, wenn er fette Ochsen zu Markt trieb, sprach der Bauer spöttisch; aber für den lumpigen Preis kommt er nicht aus meiner Hand und mag er [238] meinethalben auf dem Fuße von der Docke meiner Tochter prangen. Hör er, Freund, ich habe von dem gläsernen Schuh so ein Liedchen singen hören, und um einen Quark kommt er nicht aus meiner Hand. Kann er nicht die Kunst, mein lieber Mann, daß ich in jeder Furche, die ich auspflüge, einen Dukaten finde, so bleibt der Schuh mein und er fragt auf anderen Märkten nach gläsernen Schuhen. Der Kaufmann machte noch viele Versuche und Wendungen hin und her, da er aber sah, daß der Bauer nicht nachließ, that er ihm den Willen und schwur’s ihm zu. Der Bauer glaubte ihm’s und gab ihm den gläsernen Schuh; denn er wußte, mit wem er’s zu thun hatte. Und der Kaufmann ging mit seinem Schuh weg.

Und nun hat der Bauer sich flugs in seinen Stall gemacht und Pferde und Pflug bereitet und ist ins Feld gezogen und hat sich ein Stück mit der allerkürzesten Wendung ausgesucht, und wie der Pflug die erste Scholle gebrochen, ist der Dukaten aus der Erde gesprungen, und so hat er’s bei jeder neuen Furche wieder gemacht. Da ist des Pflügens denn kein Ende gewesen, und der Bauer hat sich bald noch acht neue Pferde gekauft und auf den Stall gestellt zu den achten, die er schon hatte, und ihre Krippen sind nie leer geworden [239] von Haber, damit er je alle zwei Stunden zwei frische Pferde anschirren und desto rascher treiben könnte. Und der Bauer ist unersättlich gewesen im Pflügen und ist immer vor Sonnenaufgang ausgezogen und hat oft noch nach der Mitternacht gepflügt, und immerfort immerfort, solange die Erde nicht zu Stein gefroren war, Sommer und Winter. Er hat aber immer allein gepflügt und nicht gelitten, daß jemand mit ihm gegangen oder zu ihm gekommen ist; denn er wollte nicht sehen lassen, warum er so pflügte. Und er ist weit geplagter gewesen, als seine Pferde, welche den schönen Hafer fraßen und ordentlich Schicht und Wechsel hielten; und er ist bleich und mager geworden von dem vielen Wachen und Arbeiten. Seine Frau und Kinder haben keine Freude mehr an ihm gehabt, auf die Schenken und Gelage ist er nicht mehr gegangen, und hat sich allen Leuten entzogen und kaum ein Wort mehr gesprochen sondern ist stumm und in sich gekehrt so für sich hingegangen, und hat des Tages auf seine Dukaten gearbeitet, und des Nachts hat er sie zählen und darauf grübeln müssen, wie er noch einen geschwindern Pflug erfände. Und seine Frau und die Nachbarn haben ihn bejammert wegen seines wunderlichen Thuns und wegen seiner Stummheit und Schwermuth, und haben [240] geglaubt, er sey närrisch geworden; auch haben alle Leute seine Frau und Kinder bedauert, denn sie meinten, durch die vielen Pferde, die er auf dem Stalle hielt, und durch die verkehrte Ackerwirthschaft mit dem überflüssigen Pflügen müsse er sich um Haus und Hof bringen. So ist es aber nicht ausgefallen. Aber das ist wahr, der arme Bauer hat keine vergnügte Stunde mehr gehabt, seit er so die Dukaten aus der Erde pflügte, und es hat wohl mit Recht von ihm geheissen: Wer sich dem Golde ergiebt, ist schon halb in des Bösen Klauen. Auch hat er es nicht lange ausgehalten mit diesem Laufen in den Furchen bei Tage und Nacht. Denn als der zweite Frühling kam, ist er eines Tages hinter’m Pfluge hingefallen wie eine matte Novemberfliege und vor lauter Golddurst vertrocknet und verwelkt, da er doch ein sehr starker und lustiger Mensch war, ehe er den unterirdischen Schuh in seine Gewalt bekam. Seine Frau aber fand nach ihm einen Schatz, zwei große vernagelte Kisten voll heller blanker Dukaten. Und seine Söhne haben sich große Güter gekauft und sind Herren und Edelleute geworden. So macht der Teufel zuweilen auch große Herren. Aber was hat das dem armen Johann Wilde gefrommt? [241] Ein anderer Bauer hat es klüger gemacht als dieser. Der ward einmal Herr eines der kleinen Schwarzen, welche die Grobschmiede und Waffenschmiede sind. Es hatte sich dies auf eine sehr sonderbare Weise begeben. Vor dem Felde des Bauers stand am Wege ein steinernes Kreuz. Vor diesem Kreuze pflegte er, wenn er des Morgens an seine Arbeit ging, immer niederzuknieen und einige Minuten zu beten. Einmal sah er auf dem Kreuze einen schönen blanken Wurm von solchem Glanze, als er sich nicht entsann je einen Wurm gesehen zu haben. Er wunderte sich darüber, doch ließ er ihn ruhig sitzen; aber der Wurm blieb nicht lange still, sondern lief immer hin und her auf dem Kreuze, als ob er fort wolle und Angst habe. Der Bauer sah denselben Wurm auch den folgenden Morgen und wieder in derselben Unruhe hin und her laufend, und es fing an ihm dabei unheimlich zu werden, und er dachte bei sich: sollte dies auch einer von den kleinen Hexenmeistern seyn? richtig ist es nun einmal nicht mit dem Wurm; er läuft, wie einer, der ein böses Gewissen hat, wie einer, der weg will, und nicht weg kann. Und er kam auf allerlei Gedanken, denn er hatte oft von seinem Vater gehört und von andern Leuten, daß, wenn die Unterirdischen zufällig an etwas Geweihtes gerathen, sie festgehalten werden und [242] nicht von der Stelle können, und daß sie sich deswegen sehr davor in Acht nehmen. Er dachte aber auch, es mag wohl auch was Anderes seyn und du thust vielleicht Sünde, wenn du das Würmchen störst oder wegnimmst. So ließ er es denn sitzen. Als er es aber noch zwei Mal eben so wieder gefunden hatte und in derselben Angst herumlaufend, sprach er: Nein es ist nicht richtig; und nun darauf in Gottes Namen! Und er griff nach dem Wurm, der sich wehrte und festklebte. Er aber hielt ihn sicher und riß ihn mit Gewalt los, und hatte mit Einem Male einen kleinen häßlichen schwarzen Kerl sechs Daumen hoch bei’m Schopfe, der erbärmlich schrie und zappelte. Dem Bauer schauderte ob der plötzlichen Verwandlung, doch hielt er seine Beute fest und rief ihm zu, indem er ihm einige Klapse vor den Hintern gab: Geduld, Geduld, mein Bürschchen! wäre es mit dem Schreien gethan, so müßte man die Helden in der Wiege suchen. Wir wollen dich einstweilen ein wenig mitnehmen und sehen, wozu du gut bist. Der kleine Kerl zitterte und bebte an allen Gliedern und fing dann an erbärmlich zu wimmern und dem Bauren zu flehen, daß er ihn losliesse. Der Bauer sagte aber: Nein, Gesell, ich lasse dich nicht los, bis du mir sagst, wer du bist und wie du hieher gekommen und was du für Künste kannst, womit du in der [243] Welt dein Brod verdienst. Da grinsete und kopfschüttelte das Männchen und sagte kein Wort, er bat und flehete auch nicht mehr, und der Bauer mußte nun anfangen zu bitten, wenn er etwas aus ihm herauslocken wollte. Aber das half ihm nichts. Da ergriff er das Andere und prügelte und geisselte ihn, bis das Blut darnach floß; aber das half auch nicht, der kleine Schwarze blieb stumm wie das Grab, denn diese Art ist die allertückischeste und allereigensinnigste von den Unterirdischen. Da ergrimmte der Bauer und sprach: Nur Geduld, mein Kind! ich wäre ein Thor, wenn ich mich an einem solchen Knirps ärgern wollte; du sollst mir schon kirr werden. Und der Bauer lief flux mit ihm zu Hause und steckte ihn in einen schwarzen und russigen Eisengrapen und stieß den eisernen Deckel drauf und legte auf den Deckel einen großen schweren Stein und setzte ihn in eine dunkle kalte Kammer und sprach: Steh hier und friere, bis du schwarz wirst! du sollst mir zuletzt schon gute Worte geben. Und der Bauer ging jede Woche zweimal in die Kammer und fragte seinen schwarzen Gefangenen, ob er nun Ton geben wolle; der Kleine aber war und blieb stumm. Das hatte der Bauer wohl sechs Wochen vergeblich gethan, da kroch sein Gefangener endlich zu Kreuz. Er rief, als der Bauer die Kammerthüre öffnete, ihn nun von selbst an, [244] er möge kommen, und ihn aus seinem garstigen und stinkenden Kerker nehmen, er wolle nun gerne alles thun, was er von ihm haben wolle.

Der Bauer gebot ihm zuerst, ihm die Geschichte zu erzählen. Der Schwarze antwortete: Lieber, die weißt du so gut als ich; sonst hättest du mich hier nicht. Siehe ich bin dem Kreuze von ungefär zu nahe gekommen, und das dürfen wir kleinen Leute nicht, und da bin ich fest geworden, und mußte dem Leibe nach sogleich sichtbar werden; da habe ich mich, damit sie mich nicht erkenneten, in einen Wurm verwandelt. Du aber hast es errathen. Denn wenn wir an heiligen und geweiheten Dingen fest werden, kommen wir nimmer dannen, es nehme uns denn ein Mensch weg. Das geht aber nie ohne Plage und Noth ab, doch auch das Festsitzen ist nicht lustig. Und so habe ich mich denn auch gegen dich gewehrt, denn wir haben ein natürliches Grauen, uns von Menschenhänden fassen zu lassen. Ei! Ei! klingst du mir da hinaus? rief der Bauer, also ein natürliches Grauen? o glaube mir, ich hab’ es vor dir auch, mein schwarzer Freund. Und deswegen sollst du geschwind weg und wir wollen unsern Handel mit einander kurz abmachen; aber erst mußt du mir was schenken. Was du willst, begehre nur, sprach der Kleine, Silber und Gold [245] und Edelsteine und kostbares Geräth – alles soll im Augenblick dein seyn. – Silber und Gold und Edelsteine und andere solche blanke Herrlichkeiten will ich nicht, sprach der Bauer; die haben schon manchem das Herz verschoben und den Hals gebrochen, und wenige werden darüber des Lebens froh. Ich weiß, ihr seyd künstliche Schmiede und habt so manches Besondere für euch, was andere Schmiede nicht wissen. So schwöre mir denn, du willst mir einen eisernen Pflug schmieden, den das kleinste Füllen ziehen kann, ohne müde zu werden – und dann laufe, so weit deine Beine dich tragen! Und der Schwarze schwur und der Bauer rief: Nun mit Gott! bist du frei, und der Kleine verschwand in einem Hui.

Und den andern Morgen, ehe noch die Sonne aufging, stand ein neuer eiserner Pflug auf dem Hofe des Bauers, und er spannte seinen Hund Wasser davor, und der Hund zog den Pflug, der wie ein gewöhnlicher Pflug von Größe war, durch das schwerste Klailand, und der Pflug riß mächtige Furchen. Diesen Pflug hat der Bauer viele Jahre gebraucht und das kleinste Füllen und magerste Pferdchen konnte ihn zur Verwunderung aller Leute durch den Acker ziehen und legte kein Haar dabei. Und der Pflug hat den Bauer zu einem wohlhabenden Mann gemacht, denn er kostete [246] kein Pferdefleisch; und der Bauer hat ein lustiges und vergnügtes Leben dabei geführt. Hieraus sieht man, daß mäßig am längsten aushält und daß es nicht gut ist zu viel zu begehren.

Diese schwarzen Unterirdischen sind meistens an ihre Berge gebunden, viel mehr als die Braunen und Weissen, und dürfen die Tage selten aus ihren Behausungen heraus, und nicht weit weg davon. Das sagt man von ihnen, daß sie des Sommers viel unter Hollunderbäumen sitzen, deren Duft sie sehr lieben, und daß, wer etwas von ihnen will, sie da suchen und anrufen muß. Das thun aber wenige Menschen; man giebt sich nicht gern mit ihnen ab, weil sie hinterlistig und von Natur mehr böse als gut sind. In Rügen, sagt man, wohnen sie meist in den Uferbergen, die zwischen der Ahlbeck und Mönchgut sich am Strande hinziehen, und halten da ihre Versammlungen und nächtlichen Spiele.

Nicht weit von der Ahlbeck liegt ein kleiner Hof namens Granitz unter der großen waldigen Uferforst, welche auch die Granitz genannt wird. Auf diesem Höfchen lebte vor nicht langen Jahren ein Herr von Scheele. Dieser war in seinen späteren Tagen in Trübsinn versunken, und sah fast keinen Menschen mehr, da er früher ein sehr munterer und geselliger Mann und ein gewaltiger Jäger gewesen war. Diese Einsamkeit des alten [247] Mannes, sagen die Leute, kam daher, daß ihm drei schöne Töchter, die man die drei schönen Blonden hieß und die hier in des Waldes Einsamkeit unter Heerden und Vögeln aufgewachsen waren, mit Einem Male alle drei in Einer Nacht davon gegangen waren und nie wieder gekommen sind. Das hatte der alte Mann sich zu Gemüth gezogen und sich von der Welt und ihren lustigen Freuden abgewendet. Er hatte vielen Umgang mit den kleinen Schwarzen und war auch manche Nacht ausser dem Hause, und kein Mensch wußte, wo er gewesen war; wenn er aber um die Morgendämmerung heimkam, flüsterte er seiner Haushälterin zu: Pst! Pst! ich habe heint an hoher Tafel geschmaust. Dieser alte Herr von Scheele pflegte seinen Freunden zu erzählen und bekräftigte es wohl mit einem tüchtigen husarischen und weidmannischen Fluche, in den Granitzer Tannen um die Ahlbeck und an dem ganzen Ufer wimmle es von Unterirdischen. Auch hat er Leuten, die er dort herum spazieren führte, oft eine Menge kleiner Spuren gezeigt, wie von den allerkleinsten Kindern, die da im Sande von ihren Füßchen einen Abdruck hinterlassen hätten, und ihnen plötzlich zugerufen: horch! wie es da wieder wispert und flüstert! Ein ander Mal, als er mit guten Freunden längs dem Meeresstrand gegangen, ist er wie in Vewunderung [248] plötzlich still gestanden, hat auf das Meer gezeigt und gerufen: Da sind sie meiner Seele wieder in voller Arbeit und viele Tausende sind um ein paar versunkene Stückfässer Wein beschäftigt, die sie ans Ufer wälzen. Was wird das die Nacht ein lustiges Gelag werden! Dann hat er ihnen erzählt, er könne sie sehen bei Tage und bei Nacht, und ihm thun sie nichts, ja sie seyen seine besonderen Freunde, und einer habe sein Haus einmal von Feuersgefahr errettet, da er ihn nach Mitternacht aus tiefem Schlafe aufweckte und ihm einen Feuerbrand zeigte, der vom Herde gefallen und schon anderes Holz und Stroh, das auf der Flur lag, anzünden wollte. Man sehe beinahe alle Tage einige von ihnen am Ufer, bei hohen Stürmen aber, wo das Meer sehr tobe, seyen sie fast alle da und lauren auf Bernstein und Schiffbrüche, und gewiß vergehe kein Schiff, von welchem sie nicht den besten Theil der Ladung bergen und unter der Erde in Sicherheit bringen. Und wie herrlich da unter den Sandbergen bei ihnen zu wohnen sey und welche krystallene Paläste sie haben, davon habe auch kein Mensch eine Vorstellung, der nicht da gewesen sey.

Dieser alte Mann galt sonst für einen guten und freundlichen Mann und kein Mensch hat ihm nachgesagt, daß er etwas thue, was einen Bund [249] mit bösen Geistern verrathe. Aber der Umgang mit den kleinen Schwarzen ist nicht immer so unschuldig. Davon giebt es auch eine Geschichte.

Bei dem Kirchdorfe Lanken unweit der Granitz wohnte ein Bauer namens Matthes Pagels, ein sinniger fleißiger Mann, der sehr einsam und still lebte und den die Leute für sehr reich hielten. Einige munkelten auch, er sey ein Hexenmeister. Aber mancher wird für einen Hexenmeister gehalten, der sein Geld durch die natürlichste Hexerei erwirbt, daß er fleißig ist und gut aufpaßt. Dieser Pagels war aber kein guter Mensch. Er bekam Streit mit einem seiner Nachbarn, weil dieser ihn beschuldigte, er pflüge ihm an einer Seite den Acker ab. Und der Bauer Pagels that das wirklich, er fluchte und schwur aber, das ganze Ackerstück gehöre ihm in seiner ganzen Breite, so weit er gepflügt hatte, und noch zehen Schritt weiter bis zu der hohen Buche, die oben an dem Rain stand; und das wolle er durch Eid und Schriften beweisen. Und er hat es bewiesen durch Eid und Urkunden und ein Papier vorgebracht, wodurch der Acker sein geworden ist. Die Leute sagen aber, zwei von den kleinen Schwarzen, die ihm auch das Geld in das Haus getragen, haben das falsche Papier geschmiedet und in der [250] großen höllischen Staatskanzlei des Teufels geschrieben und besiegelt. Matthes Pagels aber hat schon bei seinem Leben die Strafe dafür gehabt, daß er weder Rast noch Ruhe hatte vor seinen kleinen Geistern: jede Nacht um zwölf Uhr mußte er mit aller Gewalt aus dem Bette und auf dem Ackerstücke rundwandeln und auf die hohe Buche klettern und dort zwei volle Glockenstunden aushalten und frieren. Noch sieht man ihn zuweilen da als einen kleinen Mann im grauen Rocke mit einer weissen Schlafmütze auf dem Kopfe; gewöhnlich sitzt er aber wie eine schneeweisse Eule auf dem Baume, sobald die Mitternacht vorbei ist, und schreit ganz jämmerlich. Und kein Mensch kommt dem Baume gern zu nah und kein Pferd ist da auf dem Wege vorbeizubringen, sondern sie schnauben und blasen und bäumen sich und gehen auch mit dem besten Reiter durch und queerfeldein. Als meine selige Mutter, die in Lanken gebohren war, noch ein Kind war, sangen die Leute noch vom Matthes Pagels und seiner Buche:

     Pagels mit de witte Mütz,
Wo koold un hoch is din Sitz!
Up de hoge Bök
Un up de kruse Eek
Un achter’m hollen Tuun!
Worüm kannst du nich ruhn?

[251]

     Darüm kann ick nich rasten,
Dat Papier liggt im Kasten
Un mine arme Seel
Brennt in de lichte Höll.


     Die kleinen Schwarzen sind auch Wilddiebe, denn sie essen gern Braten. Sie dürfen aber das Wild mit keinem Gewehr fällen, sondern sie stricken eigene Netze, die kein Mensch sehen kann; darin fangen sie es. Darum sind sie auch Feinde der Jäger und haben schon manchem Jäger sein Gewehr behext, daß er nichts treffen kann. So war es auch einem Jäger gegangen namens Jochen Schulz, der zuletzt als Kirchenvogt in der Stadt Barth gestorben ist. Dieser war bisher ein sehr glücklicher Weidmann gewesen, fand sich aber mit Einem Male wie behext, so daß er nichts treffen konnte und alle seine guten Dienste verlor, die er als Jäger gehabt hatte. In dieser Noth hatte er viele Leute um Rath gefragt, sie hatten ihm auch genug Rath gegeben – denn den geben alle Menschen gern umsonst und ungebeten – aber es hatte alles nichts geholfen, sondern die Behexung blieb nach wie vor. Da sagte ihm einmal eine alte Bettelfrau, die er im Walde traf, sie wisse gewiß, es sey ein Schwarzer, der ihm den Schuß besprochen habe, und es könne ihm kein Rath und kein Mittel in der [252] ganzen Welt helfen, als daß er etwas von ihnen in seine Gewalt bekomme. Sie hatte ihm zugleich einen Platz gezeigt, einen kleinen Hügel im Walde, wo sie des Nachts immer herauskamen aus den Bergen und ihre Tänze hielten. Da solle er sich nur hinschleichen, seinen Hagelbeutel nehmen und ein christliches Gebet darüber halten, dann die Hand voll Hagel nehmen und ihn geschwind ausstreuen, wie man Erbsen zu säen pflegt, und dazu rufen: In Gottes Namen! Satan weiche von mir! Falle dann nur Ein Körnlein auf etwas, das einem der Unterirdischen gehöre, so müssen sie es da lassen. Er solle nur den Morgen abwarten, bis die Sonne aufgegangen. Dann seyen sie alle fort und das Getroffene müsse dann auch sichtbar werden. Er solle es auflesen und mitnehmen. Der Eigner werde dann in der Herzensangst schon kommen und sich mit ihm abfinden müssen. Der Schulz hat es ganz so gemacht, wie die alte Bettlerin ihm gesagt hatte, und nach Mitternacht einen tüchtigen Hagelwurf gewagt; und siehe den andern Morgen hat er auf dem Hügel einen schönen silbernen Gürtel mit einem silbernen Spänglein gefunden, und an dem Silber noch die zwei Beulen gesehen, die seine Schrotkörner geschlagen. Auch ist bald ein kleiner Schwarzer da gewesen und hat wegen seines [253] Gürtels Unterhandlungen angeknüpft, und der listige Jäger hat sich von ihm einen Freischuß ausbedungen, daß zu gewissen Zeiten, wohin er nur schiesse, Wild fallen müsse, welcherlei er haben wolle, auch wenn nichts da sey. Dieser Schulz ist darauf der erste aller Jäger geworden und ein so glücklicher Schütze gewesen, daß viele ihn für einen Hexenmeister gehalten haben. – Das glauben aber bis diesen Tag viele Leute, daß nichts eine größere Gewalt über diese Schwarzen hat als Eisen, worüber gebetet worden oder was in Christenhänden gewesen ist. Darum gilt in Schweden noch sehr der Gebrauch, daß sie den kleinen Kindern in der Wiege, ehe sie getauft sind, eine Scheere oder ein Messerchen auf die Brust legen, damit die kleinen und großen Unholden ihnen nichts anthun noch sie vertauschen und Wechselbälge an ihrer Stelle legen können. Auch gehen viele dort nicht in tiefen Wassern baden, ehe sie etwas Metall vorn am Ufer ins Wasser gelegt; dann dürfen die Nixen und der Seegott Neck sie nicht holen und in die Tiefe hinabziehen. Die Jäger haben dort auch häufig die Weise, wenn sie ungewöhnlich und unbegreiflich oft gepudelt haben, daß sie etwa ein Feuerstahl oder Messer durch die Luft werfen. Denn wäre der behexende Kobolt oder die schöne zaubernde Waldjungfrau [254] etwa da und es gelänge ihnen, solches Metall ihnen über den Kopf zu werfen, so wäre auch der Zauber sogleich gehoben, und diesen Jägern dürften sie künftig nie wieder etwas anthun.

Die zartesten und schönsten aller Unterirdischen sind die Weissen, fein und anmuthig von Gliedern und Gebehrden und eben so fein und liebenswürdig drinnen im Gemüthe. Diese Weissen sind ganz unschuldig und rein und necken niemand, auch nicht einmal im Scherze, sondern ihr Leben ist licht und zart, wie das Leben der Blumen und Sterne, mit welchen sie auch am meisten Umgang halten. Diese niedlichen Kleinen sitzen den Winter, wann es auf der Erde rauh und wüst und kalt ist, ganz still in ihren Bergen und thun da nichts Anders als daß sie die feinste Arbeit wirken aus Silber und Gold, daß die Augen der meisten Sterblichen zu grob sind, sie zu sehen; die sie aber sehen können, sind besonders feine und zarte Geister. So leben sie den trüben Winter durch, wann es da draussen unhold ist, in ihren verborgenen Klausen. Sobald es aber Frühling geworden und den ganzen Sommer hindurch leben sie hier oben im Sonnenschein und Sternenschein sehr fröhlich und thun dann nichts als sich freuen und andern Freude machen. Sobald es auch im ersten Lenze zu sprossen und [255] zu keimen beginnt an Bäumen und Blumen, sind sie husch aus ihren Bergen heraus und schlüpfen in die Reisser und Stengel und von diesen in die Blüthen und Blumenknospen, worin sie gar anmuthig sitzen und lauschen. Des Nachts aber, wann die Menschen schlafen, spazieren sie heraus und schlingen ihre fröhlichen Reihentänze im Grünen um Hügel und Bäche und Quellen und machen die allerlieblichste und zarteste Musik, welche reisende Leute so oft hören und sich verwundern, weil sie die Spieler nicht sehen können. Diese kleinen Weissen dürfen auch bei Tage immer heraus, wann sie wollen, aber nicht in Gesellschaft sondern einzeln, und sie müssen sich dann verwandeln. So fliegen viele von ihnen umher als bunte Vögelein oder Schmetterlinge oder als schneeweisse Täubchen und bringen den kleinen Kindern oft Schönes und den Erwachsenen zarte Gedanken und himmlische Träume, von welchen sie nicht wissen, wie sie ihnen kommen. Das ist bekannt, daß sie sich häufig in Träume verwandeln, wenn sie in geheimer Botschaft reisen. So haben sie manchen Betrübten getröstet und manchen Treuliebenden erquickt. Wer ihre Liebe gewonnen hat, der ist im Leben besonders glücklich, und wenn sie nicht so reich machen an Schätzen und Gütern als die andern Unterirdischen, [256] so machen sie reich an Liedern und Träumen und fröhlichen Gesichten und Fantasien. Und das sind wohl die besten Schätze, die ein Mensch gewinnen kann. Das kann man für gewiß sagen, daß, wer unter ihrem Schutze steht, vor vielem Leide geborgen ist. Ich will davon eine kleine Geschichte erzählen, sie heißt die Geschichte von dem Lilienmädchen.

Mitten zwischen hohen Alpen, auf welchen das Eis und der Schnee nie ganz geschmolzen wären, wenn die Sonne um Johannis, wo die Tage am längsten sind, auch die vollen vier und zwanzig Stunden am Himmel stände, lag unten in tiefer Verborgenheit ein grünes Thal, wo es nie schneiete noch fror und wo gleichsam ein ewiger Lenz war und die Nachtigallen nie aufhörten von Liebe zu singen und zu klagen. In diesem Thale war ein wunderschöner Garten mit einem hellen krystallenen Schlosse und mit so schönen Blumen, als man sie nirgends auf Erden gesehen hat. Die Rosenbüsche standen hier so hoch und wölbig als die Eichen und die Lilien als die höchsten Tannen, und es war alles über die Maaßen fein und wunderbar. Das wunderbarste in dem wundersamen Garten war aber ein wunderschönes Mägdlein, welches das Lilienmädchen hieß, weil es am meisten unter den Lilien spazieren ging, und weil es ein Liedchen viel [257] zu singen pflegte von den schneeweissen Lilien und von den schneeweissen Engelein. Das Liedchen war dem Kindlein von seiner Mutter schon in der Wiege oft vorgesungen und es war das Einzige, was es aus seiner Kindheit behalten hatte. Das Kind war hier aber nicht gebohren sondern auf eine seltsame Weise in den Garten gekommen. Das Liedlein lautete also, und sie sang es immer mit trauriger Stimme:


     Schlafe, Kindlein hold und weiß,
Das noch nichts von Sorgen weiß;
Schlaf’ in stiller süßer Ruh,
Thu’ die kleinen Aeuglein zu.

     Draussen stehn die Lilien weiß,
Haben allerschönsten Preis,
Droben in der lichten Höh
Stehn die Englein weiß wie Schnee.

     Kommt ihr Englein weiß und fein,
Wiegt mir schön mein Kindelein,
Wiegt sein Herzchen fromm und gut,
Wie der Wind der Lilie thut.

     Schlafe, Kindlein, schlafe nun!
Sollst in Gottes Frieden ruhn;
Denn die frommen Engelein
Wollen deine Wächter seyn.


Mit dem kleinen Lilienmädchen verhielt es sich folgendergestalt: Sie war die Tochter eines [258] sehr reichen Königs und einer sehr schönen Königin. Nun war da eine Hexe, die wußte vorher, daß die Königin kein anderes Kind mehr gebähren würde und daß diese junge Prinzessin einmal das Reich erben und Königin darin seyn würde. Diese alte Hexe hatte einen einzigen Sohn, der war lahm und sehr häßlich. Ihr kam er aber sehr schön vor, weil er ihr Sohn war, und sie dachte, daß es doch was Feines sey, wenn sie ihm einmal die schöne Prinzessin zur Frau verschaffen könnte und das Königreich obenein als Mitgift. Darauf hatte sie oft viel hin und her gesonnen und endlich ihren ganzen Anschlag fertig gemacht. Eines Tages, als der König und die Königin mit der kleinen dreijährigen Prinzessin im Rosengarten spazieren gingen, siehe da hatte die alte Hexe sich in eine Wölfin verwandelt, sprang in den Rosengarten hinein, nahm die kleine Prinzessin in den Rachen und lief mit ihr davon. Der König und die Königin schrieen Hülfe! Hülfe! und liefen nach; aber die Wölfin war mit dem Kinde über alle Berge und kein Mensch konnte sie einholen und ihr das Kind wieder abjagen. Alle Menschen glaubten, es sey von ihr aufgefressn, und der König und die Königin betrauerten es wie ein todtes. Es lebte aber gottlob noch und es lebte auf die allerlustigste Weise. Die alte Hexe hatte in einem wilden Thale, das [259] wohl zweihundert Meilen von der Stadt lag, wo der König und die Königin, des Kindes Aeltern, wohnten, einen paradiesischen Garten hingezaubert, wozu kein Weg und Steg führte und wohin man nur durch die Luft auf dem Rücken des Adlers oder als ein Vögelein Briefe tragen konnte. Sie selbst hatte sich in einen Vogelgreif verwandelt, als sie das Kind über die hohen verschneieten Alpen dahin trug. Der Garten hatte nicht allein die schönsten Blumen und Rosen und Lilien, wovon ich eben erzählt habe, sondern es standen auch die herrlichsten Bäume darin, woran die lieblichsten Früchte im Ueberfluß hingen, und Reben und Sträuche voll Trauben und mancherlei süßer Beeren, und Bäche voll Milch und Honig rieselten und Quellen sprudelten den köstlichen Wein in die Höhe. Von allem diesem konnte das Kind immer essen und trinken, wann und wieviel es wollte. Und die lustigsten Vögel saßen in allen Zweigen und machten Musik zu der Herrlichkeit. Es stand auch in dem krystallenen Häuschen ein sehr niedliches Bettchen in einem stillen kühlen Kämmerlein, wo das Kind sich schlafen legte, wann es Abend ward, und in einem kleinen Nebengemache setzten unsichtbare Diener und Dienerinnen die niedlichsten Speisen und Getränke auf den Tisch und nahmen sie zu ihrer Zeit wieder weg. Kurz es [260] fehlte dem Kinde an gar nichts, nur Menschen waren nicht da, und es mußte mit seinen Blumen und Vögeln sprechen, was es denn auch genug that; so daß es den kleinen Blümchen zuweilen Geschichten erzählte und ins Ohr säuselte und mit den Vögelchen, die sich ganz zahm ihm auf Schultern und Händchen setzten, manche liebe Stunde verzwitscherte und verschwätzelte, auch wohl zuweilen versang: denn das Lilienmädchen konnte bald alle Vogelstimmen nachzwitschern und nachsingen. Die alte Hexe aber hatte das Kind darum hieher in den Garten gesetzt, weil sie glaubte, hier sey es ihr sicher und hieher werde keiner kommen und es ihr wieder stehlen und entführen können; denn wer wollte hieher kommen? Sie dachte, es hier groß werden zu lassen, und freute sich jedesmal, wann sie in den Garten kam und das Kind größer und schöner werden sah. Denn wollte sie, wann die Prinzessin erwachsen war, ihren Sohn hieher bringen und ihr beilegen, daß sie Söhne und Töchter mit einander zeugeten. Denn, sprach sie bei sich, haben sie nur erst Kinder mit einander, so kann ich sie beide dann mit den Kindern zu dem Könige und der Königin bringen und sagen: Sehet, dies ist eure schöne Tochter, welche die Wölfin entführte und welche Gott auf eine wunderbare Weise erhalten hat; und das ist euer schöner und [261] würdiger Eidam, und das sind eure niedlichen kleinen Enkelein; und sie werden sich schon darin finden müssen und ich werde eine Großmutter von Königen und von Königinnen werden. Juchhe! – So hat die alte Hexe gehofft, doch ist es ihr nicht alles nach Wunsch gerathen.

Die kleine Prinzessin hieß Gunhilde und war des Königs von Schweden Töchterlein. Sie spielte, da sie ihre Aeltern und die dunkeln Erinnerungen ihrer Kindheit bald vergaß, recht fröhlich unter den Blumen und Bäumen herum und wußte in dem ewigen Frühlinge, worin sie sich erging, nicht von den Plagen und Bosheiten dieser argen Welt. Nur wenn sie das kleine Wiegenlied sang von Lilien und den Englein, ward sie wohl auf einen Augenblick traurig; aber dieser Eindruck verwehte so leicht, als Tropfen, die im Sommer auf Blumen fallen, von dem Sonnenwinde weggeblasen werden. So vergingen ihr in eitel Freuden und in den lustigsten Kinderspielen unter Blumen und Vögeln Monate wie Sekunden und Jahre wie Minuten. Und sie war zwölf Jahre alt geworden, und war eine rechte Blume der Schönheit, schlank wie eine Lilie und frisch wie eine Rose. Und sie wäre in all ihrer Unschuld wohl die Frau des lahmen und garstigen Hexenunholds geworden, wenn Gott es nicht anders gewendet hätte. Dieser [262] ließ nemlich ein buntes Vögelein in diesen Garten hinunterwehen, und das bunte Vögelein kehrte das, was das bitterste Leid hätte werden können, zur süßesten Freude. Ich muß nun erzählen, wie es sich mit dem Vögelein begeben hat und was mehr daraus geworden ist.

Jenseits jener hohen beschneiten Alpen, welche das tiefe Thal umringten, worin Gunhildens Garten blühete, wohnte ein Köhlerpaar, fromme und einfältige Leute, welche Gott lieb waren. Diese hatten auch gar liebe und fromme Kinder. Das hatten die kleinen Weissen gemerkt und kamen in mancherlei Gestalt und Verkleidung oben in das Köhlerhaus und brachten Segen hinein. Auch den Kindern brachten sie zuweilen Geschenke, von welchen die Aeltern nicht begreifen konnten, wie sie dazu gekommen seyen. Die Kinder sagten aber immer, sie hätten sie gefunden, und sie hatten sie auch fast immer gefunden. Nun kam einmal einer der Weissen als ein Schneevögelchen geflogen und wollte zur Köhlerhütte. Weil es nemlich da oben gewöhnlich sehr kalt war, so nahmen sie, wenn sie dahin wollten, meistens die Gestalt solcher Thiere an, welche die Kälte ertragen können. Als nun das Schneevögelchen auf seiner Alpenreise im besten Fluge war, entstand plötzlich ein gräulicher Sturm mit Wirbeln und Schneegestöber, und es [263] ward in der Dunkelheit mit fortgewehet, es wußte nicht wohin, bis es sich endlich zwischen den Alpen in der hellesten und heitersten Luft wiegte und tief unten im Thale einen wunderschönen Garten liegen sah. Da flog es hinab und wollte sehen, was der Garten bedeute hier mitten in der Einöde. Schneevöglein ließ sich darum unter den andern Vögeln nieder und zwitscherte und sang mit ihnen aus seinen besten Künsten, sah das krystallene Haus, sah das hübsche und weisse Lilienmädchen in seinem reitzenden Liliengange wandeln, wo die Lilien so hoch standen, als anderswo die Linden und Birken stehen, und begriff auf der Stelle, daß hier etwas von Zauberei walten müsse. Zufällig war auch die alte Hexe eben da, welche einmal nachgesehen und sich gefreut hatte, daß Gunhilde so geschwinde wuchs. Sie kroch aber als eine garstige Kröte in einem Winkel des Gartens. Das bunte Vögelchen wußte noch nicht recht, wohin die Zauberei wolle; als es aber die Kröte mit dem wunderlich lauschenden Kopfe und den hellen listigen Augen gesehen hatte, deutete es sich alles. Die Hexe merkte von dem Vögelchen auch nicht das Allergeringste, denn wenn die Hexen alles wüßten, würde nie eine Seele erlöst, die ihre Künste verstrickt haben. [264] Als das Schneevögelein sich alles besehen erlauscht und erkundet hatte, schwang es sich auf seinen leichten Schwingen wieder hoch über die Alpen hinaus, flog über das wohlbekannte Köhlerhäuschen hin und war bald weit davon unten auf einer blühenden Wiese, wo es seine Gesellen fand. Diese tanzten schon den fröhlichen Sternenreigen um die Quelle, denn es war Abend geworden und der Mond aufgegangen. Und der kleine Weisse zog sein Vogelkleidchen aus und erzählte seinen Gespielen sein Abentheuer und die Ursache seines langen Ausbleibens. Und sie ratschlagten sogleich, was zu thun sey, und daß es eine Sünde sey, wenn das schöne Kind, das gewiß vornehmen Aeltern gestohlen worden, so der schnöde Raub einer listigen Hexe werde. Und sie späheten und forschten die nächsten Tage umher und sandten auf Windesfittigen und auf Vogelflügeln manche geschwinde Boten aus, und hatten es bald heraus, das Lilienmädchen sey gewiß die kleine Gunhilde des Königs von Schweden Töchterlein, womit eine grimmige Wölfin einst in den Wald gelaufen. Und in wenigen Tagen waren sie auch hinter dem ganzen Anschlage der alten Hexe und daß sie nichts Geringeres meine, als daß ihr garstiger Sohn solle der Gemal der Prinzessin und gar einmal Prinz und König werden. Und sie beschlossen einmüthig, [265] das solle nimmer geschehen, und hielten von diesem Tage an redlich Wache bei der Prinzessin, so daß immer einer den andern ablösete; und das machten sie auf folgende Weise:

Immer waren zwei von ihnen in dem Zaubergarten des kleinen Lilienmädchens. Sie flogen als Schneevögel oder als Raben Krähen Adler und andere Vögel, welche die Kälte ertragen können, über die Alpen, senkten sich dann ins Thal hinab, und, wie sie die niedere und mildere Luft berührten, wurden sie bunte Vögel und Schmetterlinge, und mischten sich unter die andern Vögel und Schmetterlinge, welche im Garten sangen und herumflogen und welche die alte Hexe in so zahlloser Menge und in solcher wunderlichen und seltsamen Mannigfaltigkeit der Farben erschaffen hatte, daß sie unmöglich merken konnte, ob einige mehr oder weniger da waren. Auf diese Weise waren Tag und Nacht immer einige Weisse um Gunhilden und liessen sie nicht aus den Augen, damit ihr kein Leid widerfahren könne.

Zuerst jammerte das Kind sie, daß es so dumm aufwachsen sollte in aller seiner Unschuld und Schönheit, und sie fingen an ihm viele feine Gedanken in das Herz zu geben und ihm allerlei Kunst und Wissenschaft einzuflößen, ohne daß Gunhilde es merken könne. Denn es geschah [266] meistens im Schlafe, so daß das Kind meinte, was es gelernt hatte, sey ein Traum; denn sichtbar wurden sie der Prinzessin nie, durften es auch nicht werden. Wenn sie aber als Vögelein und Schmetterlinge zu ihr flogen und ihr allerlei vorzwitscherten unterschied sie sie nicht von den andern bunten Vögeln und Schmetterlingen, wenn sie ihr gleich ganz andre Sachen vorklangen und zuflüsterten, als jene konnten. Das ist gewißlich wahr, daß die Prinzessin, seitdem die Weissen da waren, viel geistreicher und sinnvoller geworden war; so daß selbst die alte Hexe, wann sie in den Garten hinabkam, zuweilen erstaunt vor ihr stillstand und sich darüber verwunderte, welch ein seltsames Kind das sey, das ohne alle Unterweisung so klug werde. Sie hatte da einmal das Wort fliegen lassen: Ich muß ihr meinen Hahn bald bringen, ehe mir dies Hühnlein zu klug wird und ihm wegfliegt. Die Vöglein, welche als Sendeboten der Weissen da waren, hatten sich das gemerkt und flugs war einer derselben zu den Ihrigen geflogen und hatte es berichtet. Und die waren erschrocken zu Rath gegangen und hatten gegen den verruchten Anschlag, den die Hexe mit ihrem Lahmen hatte, eine sonderliche List erfunden.

Sie schmiedeten aus ihrer klügsten Kunst und mit unverdrossenstem Fleiße Tag und Nacht [267] an einem Goldringelein. Und als das Ringelein fertig war, flugs war einer eine Krähe, nahm es in den Schnabel, und flog damit über die Schneeberge und in den Garten hinein. Und als es Nacht geworden war und die süße Prinzessin Gunhilde im Bette lag und schlief, flatterte das Vögelein auf das Bett und belehrte das Kind in der Gestalt eines Traumes über sein Schicksal, indem es ihr im Traum in seiner wahren Gestalt erschien als ein feiner Unterirdischer im schneeweissen Gewande und mit dem weissen Mützchen mit der silbernen Glocke auf dem Kopfe. Es flüsterte ihr aber folgendes vor:

Liebes freundliches Lilienkind, ich bin einer der weissen Unterirdischen, von welchen du nichts weißt, die aber sehr deine Freunde sind, und ich komme dich über dein Schicksal zu belehren und dich vor den bösen Tücken und Künsten einer alten Hexe zu warnen, die dich auf eine uns unbegreifliche Weise in ihre Gewalt bekommen hat. Dein Vater ist ein großer König, der im fernen Norden herrscht, und deine Mutter ist eine Königin. Von diesen hat sie dich weggestohlen und entführt und dich in diesen Garten und in dieses krystallene Haus gesetzt. Sie ist ein sehr häßliches altes Weib, mager und runzelicht und triefäugig und hat einen häßlichen lahmen Sohn; mit dem und mit dir hat [268] sie einen Anschlag. Sie will ihn nämlich mit dir vermälen, d. h. er wird kommen, als wenn er mit dir spielen und dir die Zeit vertreiben wollte; und er wird sehr freundlich mit dir thun, so freundlich, als ein solcher Mensch seyn kann. Aber der Bube hat den Schelm im Nacken, wie seine Mutter, er will dich nur berücken, daß du ihn als deinen Herzliebsten annehmen sollst und Hochzeit mit ihm machen. Hat er das vollbracht, dann, meinen sie, haben sie dich ganz in ihrer Macht, daß sie mit dir thun können, was ihnen nur gefällt. Und die Alte hofft nichts Geringeres, als daß dein Vater und deine Mutter ihr hinkendes Söhnlein als Eidam annehmen sollen, damit er nach ihrem Tode als König das Reich beherrsche. Das wäre aber ewig schade um deine Schönheit und Jugend, wenn sie einem solchen Ungeheuer von Häßlichkeit und Bosheit zu Theil werden sollte. Darum haben wir dich warnen wollen, damit du dich hütest vor ihren schmeichlischen und bübischen Listen. Denn du bist eine erwachsene Jungfrau und füllest bald dein dreizehntes Jahr, und die Alte wird nun bald kommen mit ihrem Sohn. Nimm dich nun in Acht vor ihnen, so gut du kannst. Eines aber sollst du wissen. Hier hast du ein Goldringelein, was ich dir an den Finger stecke. Das verwahre wohl und birg es als [269] dein köstliches Kleinod. Und wann du in der größten Noth bist und nicht mehr weißt, wo aus noch ein, dann nimm das Ringelein vom Finger und reibe dir die Stirn damit, so wirst du plötzlich in zwei Wesen verwandelt werden, in ein Sandkorn und in ein Spinnweb, und sie werden dir nichts zu Leide thun können. Denn vor einem Sandkörnchen, das dieser Ring berührt hat, haben alle Hexen und Hexenmeister einen Schauder und Spinnweben dürfen sie nicht anrühren, oder sie kriegen den Schlag. Die zweierlei Verwandlungen haben wir aber angestellt, damit, wenn dem Sandkörnchen etwas zu Leide geschähe, das Spinnwebchen noch da sey, oder wenn dem Spinnweb was widerführe, das Sandkörnchen wieder Gunhilde werden könne. Du brauchst aber nie länger Sandkörnchen oder Spinnweb zu bleiben als einmal vierundzwanzig Stunden, denn vierundzwanzig Stunden ist die längste Zeit, welche die Alte in dem Garten bleiben darf; dann muß sie fort und kommt in zehen Tagen nicht wieder; denn je alle zehen Tage darf sie nur hinkommen. Die Hexen haben auch ihre strengen Gesetze, unter welchen sie stehen; und wäre das nicht, wer wollte mit ihnen auskommen? Und nun sey muthig! und behalte diese Worte wohl! Wir werden immer da seyn und dir beistehen. [270] Dieser Traum ward dem Lilienmädchen mehrmals erzählt, so daß dem Kinde alles klar ward und es alles fast eben so gut verstand, als hätte es auf der Welt immer unter Menschen gelebt, wo Gutes und Böses immer unter einander im Schwange geht. Auch wurden ihm viele Gestalten, die es nachher wirklich sehen sollte, in ihrer ganzen vollen Natürlichkeit gezeigt. Und als das Lilienmädchen erwachte, fand es sein Goldringelein am Finger und beschauete es mit Wohlgefallen und sang das Verslein dazu, das ihm auch im Traume zugeflüstert war und das also klang:


     Goldringelein! Goldringelein!
Mach mich klein, mach mich fein!
Sandkorn ist das Kleinste,
Spinnweb ist das Feinste.

     Huhu! welch ein Wicht!
Körnlein verwehe nicht!
Spinnweb zerreisse nicht!
Huhu! Huhu!
Mein Glück wie dünn bist du!


Die kleinen Weissen hatten alles richtig vorher gewußt oder geahndet. Es vergingen nicht vierzehn Tage, so begab sich’s, wie sie dem Lilienmädchen im Traum gesagt hatten. Die alte Hexe war bisher noch nie in menschlicher [271] Gestalt erschienen sondern war als Maus in den Garten oder in das Haus gekrochen oder auch als Kröte und Eidechse hineingeschlüpft oder als Mistkäfer über die Mauer geflogen. Unter diesen Verkappungen hatte sie die Prinzessin immer belauscht und sich ihr nie in ihrer wahren Gestalt gezeigt. Sie hatte aber ihre tückische Absicht dabei gehabt, denn sie hoffte sie mit ihrem Sohne desto besser überraschen zu können, wenn sie vorher nie ein menschliches Bild gesehen hätte. Dafür aber hatten die kleinen Weissen schon gesorgt, denn sie hatten ihr den schönsten Prinzen und Ritter im Traume gezeigt, so daß sie unter ihren Blumen schon seit mehreren Wochen in träumender Sehnsucht ging. Dies alles hatten sie so vorbereitet, damit die Häßlichkeit der Alten und ihres lahmen Krüppels dem Lilienmädchen desto scheußlicher erschiene. Die Alte hatte nun beschlossen ihre Geschichte zu vollenden und kam deswegen zum ersten mal in ihrer wahren Gestalt, wie sie lebte und lebte.

Die Prinzessin Gunhilde hatte eben ihren dreizehnten Geburtstag angetreten, und es schien, als wolle der Himmel ihn mitfeiern, so lieblich und anmuthig war der Morgen aufgegangen. Das Kind hatte einen wunderlieblichen Traum gehabt und von einem schönen blonden [272] Jüngling geträumt, der vor ihr Bett getreten, sich demüthig und freundlich vor ihr verneigt und sie mit einem großen grünen Kranze ganz zugedeckt hatte. Durch diese süße Erscheinung war sie aufgeweckt und hatte den blonden Kranzträger vergebens in dem Zimmer und in dem Hause und Garten gesucht; denn ihr däuchte, er sey leibhaftig da gewesen. Jetzt ging sie voll der süßen und wehmüthigen Gefühle, welche das holde Bild in ihrem Busen erregt hatte, in ihrem Liliengange auf und ab und hörte die Nachtigallen schlagen und den Morgen begrüßen. Besonders ergötzte sie sich an einer Nachtigall, die sie, in der Luft hin und her fliegend, immer begleitete und fast, wie die Lerchen und Graßmücken thun, um Fluge sang. Das war aber keine von den Nachtigallen der alten Hexe, die zum Garten gehörten, sondern es war einer der kleinen Weissen, unter den Vögeln versteckt. Als sie nun so unschuldig und in süßer träumender Sehnsucht und Wehmuth versunken unter ihren Blumen spazieren ging, da kam mit Einem Male von dem andern Ende des Gartens eine alte Frau daher in einem braunen Rocke und mit schneeweissem Kopfe, den eine schwarze Mutze bedeckte und der bis zur Erde niederhing; sie kroch aber mehr, als sie ging, und hustete bei jedem Schritt, den sie that. Als sie nun [273] näher herbeikam, da sah Gunhilde, wie scheußlich sie war. Ihre Stirn und ihre Wangen waren zusammengerunzelt, wie Handschuhe, die naß geworden und auf dem Ofen getrocknet sind; ihre schielenden Augen glühten wie feurige Kohlen und leckten Tropfen, wie der Schornstein leckt, wann regnigtes Wetter ist; in ihrem häßlichen Munde war auch kein Zahn mehr; und wo weiland ein rundes Kinn gewesen, war jetzt ein spitzer magerer Knochen mit einigen langen weissen Barthaaren besäet, die wie einzelne Stoppeln standen gleich dem Barte, womit die Katzen geziert sind. Die schöne Gunhilde schauderte freilich zusammen bei dem ersten Anblick, aber doch war ihr das alte Weib anziehend. Denn das haben fast alle Hexen so an sich, daß auch die sie verabscheuen nicht leicht von ihnen kommen können. Die Alte grüßte das schöne Kind und bot ihm einen schönen guten Morgen, lächelte dazu gar leidig und gebehrdete sich freundlich und that so süß wie ein Thimiansbeutelchen; dann begann sie nach manchen Räusperungen und Flüsterungen also:

Ich sehe es dir an, liebes Kind, daß du dich nicht wenig wunderst über diese Erscheinung, die jetzt vor dir steht. Ich aber verwundere mich nicht über deine Verwunderung; denn was ist natürlicher, da du nie einen Menschen gesehen [274] hast, als dich selbst? Aber fürchte dich nicht vor mir. Ich liebe dich mehr als mein Leben und ich bin allein gekommen dich glücklich zu machen. Du weißt das Wunder nicht und darfst es noch nicht wissen, wodurch du in diesen Garten gekommen bist und hier zehen einsame Jahre unter Bäumen und Blumen verlebt hast; das aber sollst du wissen, daß ich es bin, die dich hieher gebracht hat, damit du vor vielem Unglück und vor Verführung, wovon es in der bösen Welt wimmelt, frei wärest. Ich bin deine Erretterin und Pflegerin und Helferin gewesen bis diesen Tag, und daß du so fröhlich und schön bist, ist das Werk meiner Fürsorge. Aber ich bedenke, daß es nicht gut ist, daß du hier länger so in der Einsamkeit bleibst, und morgen sollst du einen Gespielen erhalten, den liebenswürdigsten und anmuthigsten Jüngling, den je die Sonne beschienen hat, und der soll bei dir seyn Tag und Nacht und dir die Tage und Nächte versüßen und verspielen helfen; und er soll dir der Liebste seyn, was die andern Menschen einen Bräutigam nennen, und du sollst seine Braut seyn. Aber du verstehst das noch nicht, du wirst es aber wohl lernen, wie süß und freundlich der holde Knabe ist.

Dies und viele solche Sachen plapperte die leidige und redselige Alte der Prinzessin den [275] ganzen Tag vor und sagte sie mit den allerschmeichlichsten und süßlichsten Tönen und Gebehrden, worin nur Hexen sprechen und sich gebehrden können, und meinte, sie habe sie ganz gefangen und werde das junge unerfahrene Vögelein leicht in die Schlinge gehen, ja es sitze schon halb darin. Denn Gunhilde, die merkte, wie leidig und listig die Alte war, brauchte auch List, und stellte sich, als freue sie sich über die Maaßen über die Ankunft des Gespielen, den sie ihr zubringen wolle, und that überhaupt so kindisch und sorglos und dumm, daß die Alte ganz entzückt war.

Und als der andere Morgen gekommen war und Gunhilde aus ihrem Kämmerchen in den Garten hinaustrat, über welchem eben die Sonne aufging, da war die Alte wieder da und sagte: Fahrwol mit dir, feines Kindchen! in ein paar Minuten ist dein Bräutigam da. Nun spielt nur schön, bis ich wiederkomme, und laßt euch die Zeit nicht lang werden. Um zehen Tage bin ich wieder bei euch. Sie dachte aber bei sich: Es wird ein feines Spiel werden, daß dem alten Könige in Mitternacht einmal die Augen davon übergehen werden, wann er meinen Sohn Eidam grüßen muß. Indessen er ist mein Sohn, und aus jedem Tropfen Adamsblut kann bei Gelegenheit ein Kaiser und [276] König werden. Und ist er nicht ein feiner Junge? Pah! ich meine, er braucht vor Königsblut nicht umzukehren. – Mit diesem fröhlichen Selbstgespräch schied sie aus dem Garten und verschwand durch die Pforte; und nach einigen Augenblicken trat statt ihrer ihr Söhnlein daher, oder vielmehr es humpelte – und wie sah es aus?

Es war ein Jüngling von neunzehn Jahren, nicht viel über drei Fuß hoch und fast eben so breit und dick, als er lang war. Er zeigte vorn – denn der Kopf ging dem Leibe eine halbe Elle voran – einen breiten Kopf, der sich nach oben gradauf wie ein Zuckerhut zuspitzte, mit einem platten Gesicht, eingedrückter Schnauze und kleinen blinzelnden grauen Augen, und was noch glatt hätte seyn können von Blatternarben jämmerlich zerissen. Seine Scheitel bedeckten dünne weisse Haare und wo der Männerbart stehen sollte, standen hie und da einzelne Struppen wie Diesteln auf einem unfruchtbaren Sandfelde. Diese saubere Gestalt war auf das allerabentheuerlichste und lächerlichste verziert, etwa wie vor hundert Jahren die Edelknaben an den Fürstenhöfen gekleidet gingen. Er trug einen rothen Scharlachrock mit Gold besetzt, eine seidene golddurchstickte Weste und weisse atlassene Beinkleider und weisse seidene [277] Strümpfe bei schwarzen Schuhen mit rothen Bandschleifen von der Größe einer rothflammenden Bauerrose, die vornehm Päonie genannt wird. Den Hut trug er unter dem Arm, ein spanisches Rohr mit einem goldenen Knopf glänzte in seiner Rechten, und ein breiter Haarbeutel, aus welchem der Puder bei jeder Bewegung in weissen Strömen wehete, wackelte auf einem spitzen Hügel hin und her, der aus seinem Rücken gewachsen war und den man allenfalls als Nagel hätte brauchen können, Hüte Mäntel und dergleichen daran zu hängen. Dieser anmuthige und anmuthig verzierte Gesell hinkte denn langsam und von Liebesseufzern und Luftschnappern ächzend den Liliengang hinauf, in dessen Mitte die Prinzessin stand; und sie ließ das neue Abentheuer auf sich zukommen, ohne sonderlich zu erschrecken, denn in seiner Kleinheit kam er ihr mehr lächerlich als gefährlich vor.

Und er trat vor das Lilienmädchen hin und verneigte sich dreimal sehr tief, und seine Blicke fielen bald auf sie, bald auf sich selbst zurück, und er betrachtete sich dann mit innigem Wohlgefallen vom Kopf bis zu den Füßen, besonders seine breiten Waden in den glänzenden seidenen Strümpfen, seine Bräutigamsschuhe mit den rothen Bändern von der Farbe, die [278] man Liebesflammen nennt, und seinen Scharlakenrock von Golde strotzend – und selbstbehaglich lächelte er aus sich heraus, als wollte er sagen: Schöne Prinzessin, komm! hier hast du den anmuthigsten aller Prinzen; mache ihn zu deinem Liebsten und Bräutigam. Das sagte er aber nicht, sondern, nachdem er einige Minuten Athem geschöpft hatte – denn der Kasten, den er auf dem Rücken trug, drückte verzweifelt schwer auf seine Brust, besonders wenn er nach seiner Weise geschwinde gegangen war – sprach er etwa solche Worte:

Vielgeliebte Prinzessin oder schneeweisses Lilienmädchen oder Prinzessin Tulipan Schneeblümchen und Schneeflöckchen, und welche Namen dir sonst lieb sind – ich komme durch ein wundersames Schicksal weither über Alpen und durch hohe Lüfte und auf einem befiederten Fuhrwerk, dir meine Schönheit und Jugend zu weihen. Denn meine Frau Mutter, deren Weisheit schon an meiner Wiege aus den Sternen gelesen hatte, daß wir von Ewigkeit her für einander bestimmt waren und daß große Kaiser und Könige aus uns entspringen sollten, hat mich eben so in der Einsamkeit erzogen als dich, damit nicht andere Jungfrauen, durch meine Reitze gelockt, mich verführten und damit ich in der vollen Unschuld und Liebenswürdigkeit [279] meines Herzens dein Bräutigam würde. Und nun komm, mein schneeweisses Blümchen, komm meine Lilie, meine Narcisse, meine Konvalle, mein Schneeflöckchen, mein zartes Federchen aus dem Krönchen des Paradiesvogels und dem Schwänzchen des Vogels Venus, der sich jedes Jahrtausend aus seiner eigenen Asche verjüngt, komm und streichle mich und herze mich und küsse mich und spiele mit mir und sey meine süße Braut, und ich will dein süßester Bräutigam seyn.

Und er machte sich vorwärts und streckte seine Arme aus, als wollte er sie umfangen; sie aber schauderte zusammen und wich drei Schritt zurück. Der arme Prinz aber kam aus dem Gleichgewichte mit seinem einzigen breiten Stämmer, worauf er sich nur verlassen konnte – denn der lahme schleppte nur so nach – und fiel auf seine Nase, daß sie blutete. Sie aber lachte lauten Halses bei dem Anblicke des kleinen Purzels, wie er sich in seiner Breite im Sande hingelegt hatte; doch jammerte er sie und sie gab ihm die Hand und half ihm sich aufzurichten, und als er wieder stand, zog sie sanft die Hand zurück und sagte ihm: Lieber Prinz Taliquo oder Qualiquo oder Quiprequo (denn mir hat einmal von einem Prinzen geträumt, der aussah wie du und mit einem solchen [280] Namen ungefär gerufen ward) aus deiner Bräutigamsschaft, wenn die in einem Streicheln und Herzen und Küssen bestehen soll, wird nun und nimmer nichts; der muß ein bischen anders aussehen, der mich umhalsen soll. Ich bitte dich also, bleib mir mit deinen Küssen zehen Schritt vom Leibe und bilde dir nicht ein, daß ich je deine Braut werden könne; denn lieber will ich Schlangen und Kröten küssen, als deine Ungestalt. Siehe es ist Platz genug in dem schönen Garten, da können wir immer neben einander her spazieren und ich will dir gern alles Schöne gönnen, was er hat, aber vergönne mir, daß ich lieber mit meinen Lilien und Nachtigallen spreche und spiele als mit dir.

Prinz Qualiquo – so können wir ihn mit der Prinzessin nennen – ward gar nicht bestürzt durch diese Worte, er lächelte und sprach bei sich selbst: Hahaha! ist es nicht grade, wie mir’s die Mutter gesagt hat, ehe sie mich zu ihr in den Garten ließ. Sagte sie nicht: Sie wird thun wie alle Jungfrauen thun, wenn man ihnen von Küssen und von Hochzeitbetten spricht, sie wird sich gebehrden, als sey dabei eine fürchterliche Gefahr, sie wird thun, als wenn du häßlich wärest, sie wird vor dir fliehen, sie wird sprechen, du könnest nie ihr Bräutigam [281] werden, und sie wolle eher den Tod umhalsen als dich. Laß dich das alles nicht anfechten, das ist so die blöde oder gezierte Jungfrauenart; sey muthig! sey muthig, Sohn! schreite stolz einher, als trügest du eine Kaiserkrone! lächle, wie ein gnädiger Gott von seinem Throne lächelt! gebehrde dich groß und majestätisch! und die Majestät muß sich dir zu Füßen legen. Durch Muth und Stolz werden Felsen durchbohrt und Löwen und Tiger gebändigt; wie viel mehr das Herz einer zarten Jungfrau. Alle Jungfrauen machen es im Anfange so, sie fliehen vor dem, was sie am liebsten haben, sie scheinen zu verabscheuen, was sie wünschen. Halte du nur an, halte du nur fest und laß sie nicht los, bis sie dein Weib wird! Es müßte wunderseltsam zugehen, wenn sie, die in so lauterer Einfalt gelebt hat, nicht fände, daß ein Gespiele ein köstliches Ding ist, und noch dazu ein Bräutigam, und welch ein Bräutigam!

So tröstete sich Prinz Qualiquo, und kam immer wieder, wenn die Prinzessin ihm auch mal entlief. Das ist aber wahr, sie ergötzte sich herzlich an seinen wunderlichen Gebehrden und Männchen und an den seltsamen Reden, die er ihr von Zeit zu Zeit hielt. Dann war es ihr Scherz, daß sie ihm auf das geschwindeste entlief bis zur entgegengesetzten Seite des Gartens, [282] wo er wenigstens eine halbe Stunde brauchte, bis er wieder zu ihr hin hinkte. Dies trieb sie solange, bis er schachmatt war und auf das jämmerlichste ächzete und hinfiel und endlich einschlief. Als er nun so elendiglich da lag und von der heissen Mittagssonne gebrannt wurde, da jammerte er sie und sie kitzelte ihn mit einem Lilienstängel solange unter Kinn und Nase, bis er wach ward, hieß ihn darauf aufstehen und führte ihn an einen süßen Weinquell, damit er sich erquickte. Dies that er denn auch in solchem Ueberfluß, daß er an dem Quell liegen blieb und zum zweiten Male einschlief, und so fest, daß sie den ganzen Nachmittag und Abend Ruhe vor ihm hatte, bis die Nacht kam und sie sich in ihrer Kammer verschloß und zu Bett ging.

Auf die Weise wie die ersten Tage ging es die folgenden auch, und schon fing der Prinz Qualiquo an dem Lilienmädchen herzlich langweilig zu werden. Denn wenn sie ihm auch leicht entrinnen konnte, sie sah ihn doch immer wieder heranhumpeln, und das ewige Geschwätz und Gewinsel von Liebe ward ihr zuletzt ganz unerträglich. Und das um so mehr, weil es ihr vorkam, als sey dieser pucklichte Prinz mit seiner quäckigen und quäligen Stimme nicht allein ein Prinessinnenscheuch sondern auch ein [283] Vogelscheuch; denn die Vögel, die sonst immer so lustig aus allen Zweigen sangen, schwiegen jetzt, sobald er da war. Es war also zuletzt ihr einziger Trost, daß er gegen den Nachmittag immer so weit war, daß er Sonne und Mond nicht mehr unterscheiden konnte. Sie gebrauchte da auch eine unschuldige List; denn wenn er sie mit seinem Nachhinken zu sehr ängstigte, blieb sie etwa an einer neuen Weinquelle stehen, die er noch nicht versucht hatte, und zeigte sie ihm; und gewöhnlich ward seine Lüsternheit dabei fest.

Das ward ihr aber sehr unangenehm, daß er endlich die Stelle ausgespürt hatte, wo sie schlief. Da kam er, wann die Nachtkälte und der Morgenwind ihn von seinem Rauschlager aufstörten, gewöhnlich in die Laube, die in ihr Schlafzimmer führte, klopfte an ihre Thüre, wispelte und lispelte, ächzete und seufzete, girrte und schwirrte, hielt feurige Reden und sang noch feurigere Lieder, bis er auch da meistens wieder einschlief und oft schnarchte, bis die Sonne schon hoch am Himmel stand. Dies Letzte war ihr das Unleidlichste, denn ihr Liebstes war, in der Frühe unter ihren Lilien zu wandeln und die Sonne über die Alpen aufsteigen zu sehen. Nun mußte sie aber drinnen warten, bis es ihm beliebte aufzustehen. [284] Da jammerte der arme Qualiquo sie, denn er kam ihr eben so dumm vor, als er garstig war. Und wirklich der arme Schelm war sehr dumm, und was er von zierlichen Redensarten und Ausrufen und in Worte gefaßten Seufzern so anbrachte, hatte seine Mutter die alte Hexe ihm auswendig gelehrt. Doch kam es dahin, daß das Lilienmädchen ihm im vollen Ernste böse ward und ihn endlich wie einen Missethäter in Ketten und Bande legte. Und das ging so zu:

Sie fand ihn eines Tages sehr jämmerlich liegen. Er war in einem bachischen Wirbelwinde, der in seinem bezechten Gehirne gar lustige Wellen schlug, an einem Bache so unglücklich ausgeglitscht, daß sein lahmer Fuß im Wasser hing. In dieser Stellung war er sanft eingeschlafen und lag allerdings so, daß eine einzige falsche Wendung, wozu ihn allenfalls ein Mückenstich bringen konnte, ihn in den Bach rollen und bei seinem Zustande in den ewigen Wasserschlaf versenken konnte. Gunhilde ging also hin und zog in sanft vom Ufer weg wieder ganz auf das Trockene. Bei dieser weichen Berührung, die ihm vielleicht wie ein holder Traum kam, ward er wach, faßte eine ihrer Hände und zog sie so plötzlich auf sich herab, daß sein häßlicher Mund ihre schönen Wangen mit einem Kusse berühren konnte. Das Kind schrie auf, als wär’ es von [285] einer Natter gestochen, und stieß ihn zornig von sich und machte seine Hand wieder frei. Er ward auch sogleich wieder von seinem alten Rausch gefaßt und schnarchte mit offenem Munde. Sie aber rief im Zorn: Warte, mein Prinzchen! und lief geschwind und löste die Bande, welche einige junge Bäume an ihren Pfählen festhielten, schlug ihm diese um die Hände und band ihn an dem Baum fest, an welchem er hingesunken war. So ließ sie ihn liegen und sprach: Ade, mein süßer Bräutigam! hier magst du gebunden liegen bis auf den jüngsten Tag, meine Hände lösen dich nicht.

Der Prinz hatte die Nacht glücklich durchschlafen und göttliche Träume gehabt. Die Arme der Prinzessin, die ihn von dem Bache weggezogen, der Kuß auf ihre Wangen, die nachherige Wälzung, die sie mit ihm vorgenommen, als sie ihn an den Baum band – alles das hatte sich in seiner von dem Traubensafte durchglüheten und ergeisterten Fantasie zu einem bunten Traum zusammengeflochten, in welchem die Prinzessin immer mitten drinn war. Kurz er wachte in den süßesten Gedanken auf und seine Arme tasteten noch vor Entzücken um sich, als ob sie etwas haschen wollten; aber o weh! der Arme lag da auf der kalten Erde und war festgebunden und fror, und endlich ächzete und winselte er. Denn es kam keine [286] barmherzige Hand, die ihn lösete, und die Sonne brannte ihn und ihn hungerte und durstete sehr. Die Prinzessin hörte er am andern Ende des Gartens mit den kleinen Vögeln ein Morgenlied singen, seine kleine Stimme aber konnte bis zu ihr nicht dringen.

Es war Mittag gewesen und die Sonne wandelte schon wieder von ihrer hohen Bahn herab, da kam die Prinzessin um zu sehen, was ihr Gefangener mache. Er aber ward lustig in seinem Herzen, denn er dachte, sie käme ihn zu lösen. Aber sie hielt ihm alles vor von gestern, wovon er nichts wußte, und sagte: Ich habe gesprochen: hier magst du gebunden liegen bis an den jüngsten Tag, meine Hände lösen dich nicht, und ich will mein Wort halten. Er hoffte, sein Flehen werde ihr das Herz brechen, und er bat flehete ächzete seufzete stönte weinte heulte und brüllte so, daß einem Steine sein steinernes Herz hätte springen mögen – sie blieb ungerührt und hüpfte weg mit einem Trallalara und rief: verbrenne verdurste verhungere, garstiges Ungeheuer, das mich zu lieben wagt! Das hast du mit Einem frechen Kuß verdient. – Doch erbarmte sie sich so weit über ihn, daß sie ihm einzelne abgefallene Aepfel und Birnen zuwarf oder hintrug und einen hölzernen Trinknapf aus dem Bache füllte und ihm hinhielt. Sie pries sich aber glückselig, daß sie ihn fest hatte. [287] Drei Tage hatte er so gefesselt gelegen, da war der zehnte Tag da, und die alte Hexe erschien und sah ganz erstaunt aus, da sie Gunhilden allein fand, und fragte nach dem Prinzen. O der ist wohl aufgehoben, rief das Kind, komm! komm! ich will ihn dir zeigen. Und sie nahm die alte Frau unter den Arm und führte sie zu dem Gefesselten und sprach: Siehe dieser Prinz Taliquo oder Qualiquo hat sich unterstanden mich lieb zu haben und mich seine Braut zu nennen, ja seine Frechheit ist so weit gegangen, daß er mich hat küssen wollen. Darum ist ihm dies widerfahren. Und nun sage, Mütterchen, liegt er nicht gar niedlich da? nimmt er sich nicht allerliebst aus? Prr! Hündchen! beissest du auch? – Und sie neckte ihn mit einem Blumenstängel, womit sie ihm unter die Nase fuhr, und lachte dabei vor Freuden so hellkehlig, als hätten tausend lustige Vögel ein Feldgeschrei angestimmt.

Die Alte aber verdunkelte ihre Runzeln und stieß den Prinzen Qualiquo mit ihrem Stocke und schlug derb auf ihn los, und sprach: du Tölpel du Pinsel du Holzkopf du Dickkopf du Ausbund von Dummkopf! so lässest du dich binden und liegst hier wie ein armer Sünder auf der Erde und krümmst dich wie ein Wurm im Staube? Und ich dachte dich als einen fröhlichen [288] Bräutigam zu begrüßen. Nein an dir sind alle meine Künste verloren.

Darauf wandte sie sich zu dem Lilienmädchen und ihre Blicke wurden so fürchterlich, als seyen tausend Kröten zugleich aus ihren glühenden Augen gesprungen und als zischten wer weiß wie viele Schlangen aus ihrem garstigen Munde. Das Kind erschrack bei diesem scheußlichen Anblick so sehr, daß ihre ganze süße kleine Seele in ihr bis in das Innerste erbebte, und sie hatte grade noch Zeit, ehe ihr das Aergste widerfuhr, sich mit dem Ringelein die Stirn zu reiben und das Reimlein herzusagen:


     Goldringelein! Goldringelein!
Mach mich klein, mach mich fein!
Sandkorn ist das Kleinste,
Spinnweb ist das Feinste.


Und als sie diese Worte leise gemurmelt hatte, fiel sie flugs als ein Sandkörnchen und Spinnwebchen auf die Erde, und die Hexe fuhr vor Schauder wohl drei Schritt vor ihr zurück. Und als sie sich so klein geworden sah, flüsterte sie leise die Worte darüber:


     Huhu! welch ein Wicht!
Körnlein verwehe nicht!
Spinnweb zerreisse nicht!
Huhu! Huhu!
Mein Glück wie dünn bist du!

[289] Das war aber das Besonderste bei dieser Verwandelung, daß Sandkörnlein und Spinnwebchen das Goldringelein unter sich in die Erde scharrten und sich darauf legten.

Die alte Hexe war eine zu gute Künstlerin, als daß sie nicht sogleich gewußt hätte, was es war, und daß eine andere Kunst gegen sie im Spiele sey. Sie band ihren Dummkopf los und begann dann zu suchen. Sie flog als Vogel sie kroch als Kröte, sie lauschte als Katze, sie guckte als Eule, sie schlich als Schlange, sie schlüpfte als Maus und Wiesel in jedem Winkel herum, sie ließ kein kleinstes Gräschen und Kräutchen unberührt, ob sie ihm nicht etwas abfühlen könnte, sie durchsuchte jedes Löchlein und jede Ritze – und fand nichts. Denn das steckte in ihrem Hexenblute, hätte sie das Verwandelte berührt, sie hätte es strax merken müssen. Sie konnte es aber nicht berühren; denn vor dem Sandkörnlein und Spinnweb fühlte sie einen innerlichen Schauder und durfte ihnen nicht nahe kommen. Und sie hatte so den Tag gesucht und die ganze ausgeschlagene Nacht, und nichts gefunden. Und das Morgenroth dammerte in Osten, und sie mußte fort; und sie rief, als sie die Gartenpforte zumachte: Nur Geduld, mein sauberes Kräutchen! du sollst mir nicht entrinnen; was ich heute nicht geschafft, schaff’ ich ein anderes Mal. [290] Und Sankörnchen und Spinnwebchen hatten gehorcht, und als sie die Gartenthür klingeln hörten, richteten sie sich auf und guckten mit ihren Aeuglein umher und sahen, daß die alte Hexe nicht mehr da war. Und flugs gruben sie Goldringelein aus der Erde und rieben sich damit, und siehe! sie beide vergingen in demselben Augenblick und wurden nicht mehr gesehen, und die schöne Gunhilde stand wieder da in ihrer ganzen lieblichen Leibhaftigkeit, und Goldringelein war nicht faul, hüpfte zu ihr hinauf in Freuden, und steckte sich von selbst wieder an seinen Finger.

Und Gunhilde spielte wie vorher unter ihren Vögeln und Blumen und ward durch süße Träume von den Unterirdischen erquickt, und Prinz Qualiquo quälte sie nicht mehr sondern wich ihr immer aus und schien Angst vor ihr zu haben. Er hielt sich in einer Ecke des Gartens auf, die er nicht verließ sondern wo er immer von einer Weinquelle zur andern spazierte. Die meiste Zeit aber verschlief er im Rausche und schien Krone und Königsthron und Braut und Hochzeit die königlichen Enkel und Urenkel gar vergessen zu haben. Die kleinen Weissen aber waren um ihr liebes Lilienmädchen voll Sorgen und Trauren, denn sie fürchteten, wenn die alte Hexe zum zweiten Male käme, würde sie das arme Kind mit Künsten und Listen angreifen; und wie leicht [291] könnte es da vergessen, sein Goldringelein zu rechter Zeit zu gebrauchen, und von der alten Bosheit in irgend ein scheußliches Thier verwandelt oder in irgend eine scheußliche Ungestalt verschaffen werden! Sie hatten also einen neuen Rath beschlossen, und schickten ihr deswegen in der nächsten Nacht einen schrecklichen Traum zu, von welchem sie einige Stunden geängstigt ward.

Die arme Gunhilde sah sich nemlich eines Morgens unter ihren Blumen wandelnd voll junger Morgenfreude über den Sonnenschein und alle die Frühlingsschönheit. Siehe da däuchte ihr, wie ihre Blumen sich plötzlich verwandelten und traurige Dornen und Disteln wurden, und alle blühenden Bäume und Fruchtbäume wurden kahles Gestrüpp, und alle Gräser und Kräuter verwelkten, und für die niedlichen bunten Singvögelein saßen Eulen und Krähen auf den kahlen Aesten und krächzten und wimmerten; und Tiger und Löwen brüllten und Schlangen und Drachen zischten durch die Büsche. Und das arme Kind lief und suchte die Pforte, denn sie wollte in der Angst entfliehen. Aber sie konnte nicht heraus; denn die Gartenmauer ward rings zu einer hohen Feuerflamme, die ihr den Ausgang wehrte und deren Gluth so gewaltig war, daß sie zurücklaufen mußte, damit sie nicht versengt und verbrannt würde. Als sie nun im besten [292] Laufen war und in der Angst nicht wußte, wohin, da traf sie, wo sonst ihr Liliengang gewesen und wo jetzt kahle Disteln standen, auf die alte Hexe, welche hustend und hinkend auf sie zukam und mit jedem Augenblick an Größe und Scheußlichkeit wuchs bis zu der Länge einer Riesin, bis sie sich, als sie dicht vor ihr stand, plötzlich in eine ungeheure Kröte verwandelte, die mit offenem Rachen nach ihr schnappte, daß sie sie verschlänge. Darüber wachte die Prinzessin auf, und war blaß wie der Tod und ganz verstört, als sie aufstand.

Sie ging in ihren Garten hinaus und fand ihn noch unverwandelt und eben so schön, als sonst; sie sah da auch nichts Ungeheures, als den Prinzen Qualiquo, der schon wieder an einer Weinquelle lag und schlürfte. Aber sie hatte doch keine Ruhe und ward von schweren Gedanken geplagt; und es war ihr, als können die Lilien in jedem Augenblick Disteln und die Orangenbäume Dornsträuche werden und als können alle ihre lieblichen Nachtigallen bald als Krähen und Raben Unglück von den Zweigen herabkrähen, und sie ging deswegen in unbeschreiblicher Angst umher. Und es trieb sie mit Gewalt, daß sie nicht anders konnte, sie mußte sich wirklich die Stirn mit dem Goldringelein reiben und das Verslein dazu hersagen und wieder [293] als Sandkörnlein und Spinnweb zu Boden fallen.

Das hatten die kleinen Weissen, ihre Freunde, eben gewollt mit dem Traum und mit ihrer Angst. Sogleich flogen drei weisse Tauben herbei: die erste verschluckte das Sandkörnlein, die zweite nahm das Spinnweb unter den Flügel, und die dritte hing sich das Goldringelein um den Hals. Und die drei flogen geschwinde davon und sangen in den Lüften im Dreiklange:


     Wir tragen das Kleinste,
Wir tragen das Feinste,
Wir tragen das Reinste
In Liebe davon.
Geschwinde! geschwinde!
O helft uns, ihr Winde!
O weht uns geschwinde
Davon! davon!


Und die Winde spielten auf und schlugen ihre geschwindesten und sausendsten Flügel zusammen und trugen die drei weissen Tauben im schnellesten Fluge davon. Aber die alte Hexe, die oben in den beschneieten Alpen lauerte, hatte etwas gemerkt und hatte sich ihren scharzen Federrock angezogen, und schoß mit klingenden Flügeln als ein schwarzer Rabe hinter den weissen Tauben her. Diese hatten eben die Spitzen der Alpen erreicht, als sie dicht hinter ihnen war. Noch [294] Eine Minute, und die weissen Tauben wären verloren gewesen nebst dem kostbaren Schatze, den sie trugen. Aber hier war ihr Gebiet zu Ende, weiter als diese Alpenspitzen durfte sie nicht verfolgen und nachjagen. Sie flog nun ergrimmt zurück, und fuhr bald in den schönen Garten hinab und verwandelte ihn wieder in eine Einöde, was er gewesen war; ihren Sohn aber verwandelte sie in eine Krähe. Und so flogen beide davon, daß sie anderswo neue Schalkstreiche übten, denn hier waren sie zu Ende.

Und die Tauben flogen Tag und Nacht wohl hundert Meilen, bis sie endlich über einen großen Wiese schwebten, wo die Ihrigen versammelt waren. Es war aber auf Erden die schöne Frühlingszeit, wo alles in Freuden lebet und schwebet. Hier senkten sie sich sanft hinab, und sangen wieder:


     Wir tragen, wir tragen,
Wir drüfen’s nicht sagen,
Ihr dürft es nicht fragen,
Ein liebliches Kind.

     Goldringelein klinge!
Sandkörnlein und springe!
Und Spinnweb dich schwinge!
Nun schafft euch geschwind!


Und die drei weissen Tauben setzten sich zusammen auf die grüne Erde, und die erste spie das Sandkörnlein [295] aus, und die zweite holte das Spinnweb unter dem Flügel hervor, und die dritte streifte sich das Goldringelein vom Halse, und sie schütteten alle drei auf einander. Und die drei waren nicht faul und schufen sich unter einander zurecht, wie es seyn mußte – und in Einem Augenblick stand das schöne Lilienmädchen da auf der grünen Wiese, die drei Tauben waren aber weg. Aber sie waren mit dem ganzen weissen Völkchen unsichtbar um das Kind herum und flogen als Schmetterlinge und Gottspferdchen auf den Gräsern und Blumen um sie, damit sie sie recht beschaueten und sich an ihrer Schönheit ergötzten, oder sie sangen auch als bunte Vögel in den Zweigen, und sangen das süße Kind bald in einen sanften Schlaf, und tanzten dann ihren lustigen Sternenreigen um sie die ganze Nacht und machten die allerlieblichste Musik um sie.

Und Gunhilde lebte hier noch anmuthiger, als sie in dem Zaubergarten gelebt hatte. Die grüne Wiese lag in Mitten eines lustigen Haines an einem großen See. Es war da eine unendliche Mannigfaltigkeit von Bäumen und Blumen und eine liebliche Abwechselung von Bergen Hügeln und Thälern, die das Kind durchwandeln durfte. Nachtigallen Amseln Lerchen und andere kleine Singvögelein hatte es da in zahlloser Menge, und im See schlüpften silberne und goldene Fischchen [296] umher und Schwäne schwammen majestätisch auf seinem Spiegel. An seinem Ufer hielt immer ein Nachen bereit, der das Kind, wann es wollte, aufnahm und über den See mit ihm hinschwamm, und es dann wieder ans Land trug, wann es ihm gefiel. Dies verkürzte ihr die Zeit auf das angenehmste, und in ihren leeren Stunden vertrieb sie sich die Weile mit allerlei künstlicher Nadelarbeit, worin sie bald eine Meisterin ward und welche sie schon in jenem Garten unter den Alpen geübt hatte. Die kleinen Weissen gaben ihr dies alles nebst manchen andern fröhlichen Gedanken und Erfindungen immer noch im Traume ein, so daß sie eine der klügsten und kunstreichsten Prinzessinnen geworden ist, die je auf der Welt gelebt haben. Diese Weise, die Träume so als Lehrmeister und Unterweiser zu gebrauchen, war eben so fein als unschuldig, und dadurch wurden die Nächte des Lilienmädchens jetzt der schönste Theil ihres Lebens. Denn da trugen und flüsterten die Kleinen ihr alles zu und spiegelten ihr das Menschenleben mit seinen bunten Erscheinungen und seinen mannigfaltigen Wechseln und verworrenen Verhältnissen auf das deutlichste vor; so daß sie es alles verstand und sich leicht darin bewegte, als sie wirklich in die Menschenwelt eintrat aus der Zauberwelt und Wunderwelt, worin ihre Kindheit und Jugend [297] gehalten und erzogen war. Auch eine goldene Laute hatten die Kleinen ihr gemacht, und sie schlug sie wunderschön und sang mit sehr lieblicher Stimme dazu. Denn daß sie die Liebe des Saitenspiels und des Gesanges bekommen hatte, war wohl das natürlichste, da die wundervollsten Vögel immer um sie sangen und da die zarte und fast überirdische Nachtmusik der kleinen Weissen sie immer umtönte. Diese sorgten auch, daß ihr hier in ihrer grünen Einsamkeit Speise und Trank nie fehlten. Wann sie hungrig und durstig war, stand immer gleich ein gedecktes Tischchen vor ihr. Sie aß und trank aber äusserst wenig, und immer von dem Zartesten: ein paar Tröpflein Milch und süßen Wein, ein Stückchen Weißbrod, Honig, Früchte und dergleichen; daß man von ihr fast sagen konnte: sie hatte eine lichte und leichte Blumen- und Vogelseele und berührte, wie Blumen und Vögel thun, auch nur die zarteste und leichteste Nahrung der Erde.

Gunhilde hatte auf dieser grünen Wiese und in dem Hain und auf dem See, die sie umgränzten, wieder vier fröhliche Monate verlebt und war sehr fleißig gewesen und hatte viel Schönes gelernt. Ihr waren die vier Monate nicht länger geworden, als andern vier Minuten. Aber die kleinen Weissen sorgten für sie und sagten: Es ist unrecht, daß wir das liebe [298] Kind länger bei uns behalten, sie muß zu ihrem Vater und Mutter gebracht werden, denn der Sommer wird bald zu Ende gehen und wir müssen dann in unsere Berge; und wo soll sie dann bleiben? Und sie machten wieder durch Träume, was sie haben wollten, und zeigten ihr die Stadt Stockholm in Schweden, wo ihre Aeltern wohnten, und die Schlösser und die Gärten, wie sie leibhaftig waren, und den See Mälare mit seinem brausenden Strom, woran die schöne Stadt gebaut ist, und machten ihr nach allen den Dingen und nach andern schönen Sachen, die sie ihr auch nicht umsonst zeigten und vorspielten, eine gewaltige Sehnsucht im Herzen; so daß sie seit einigen Tagen nichts anders dachte, als wie sie doch einmal aus diesem Hain heraus und zu Menschen käme und wie sie nach dem schönen Stockholm gelangte, und daß sie die Nächte immer wieder dasselbe träumen mußte. Als sie sie so vorbereitet hatten, zeigten sie ihr drei Nächte hinter einander ein buntes Vögelchen, welches sehr hübsch ist und Stieglitz oder Distelfink heißt, und bei Tage liessen sie dasselbe Vögelein immer vor ihr herflattern, damit sie sich daran gewöhnte. Und es geschah, was jene wünschten: sie gewann das Vögelchen sehr lieb und jagte sich manchen Tag mit ihm auf der grünen Wiese herum und [299] dichtete ein Liedchen auf das Vögelein und sang es zu ihrer Laute. Und als sie beide so vertraut mit einander geworden waren, da schickten sie dem Kinde wieder einen Traum, worin es ihr däuchte, daß der kleine Stieglitz vor ihr herflog und mit lauter Stimme einmal über das andere rief: Gunhilde! Gunhilde! nach Stockholm! nach Stockholm mit mir! Ich bin der Wegweiser! ich bin der Wegweiser! Und sie zog im Traume mit ihm und kam glücklich nach Stockholm und sah Vater und Mutter wieder und freute sich so sehr, daß sie sich vor Freude gar nicht lassen konnte, und darüber erwachte.

Und als sie des Morgens herauskam auf die grüne Wiese aus der niedlichen Muschelgrotte am See, wo die Kleinen ihr ein Schlafkämmerlein bereitet hatten, flog der Stieglitz vor ihr her. Und sie gedachte nun des Traumes und des Rufes des Vögelchens, und lief eilig in ihr Kämmerlein zurück, nahm von ihren Sachen, was sie am liebsten hatte, und machte sich ein Bündelchen daraus, und hing ihre goldene Laute über die Schultern, und so begann sie zu wandern und wollte das Vögelein versuchen und ob der Traum ihr vielleicht nur eine leere Gaukelei vorgemacht hätte. Und als die kleinen Weissen merkten, daß sie im Zuge war, wie sie es wollten, steckte sich flugs einer in das [300] Vögelein, und das Vögelein flog von Zweig zu Zweig immer lustig weiter und rief nach Stockholm! nach Stockholm! und das Lilienmädchen wandelte ihm mit leichtem Tritte nach. Es waren ausser dem Vögelein Stieglitz auch noch andere Unterirdische dabei, die sie geleiteten; denn nie hatten sie ein irdisches Kind so lieb gehabt als dieses englische Blumenmädchen. Und so flog das Vögelein und das Mägdlein ging vom Morgen bis zum Abend, und wann es hungrig ward, fand es Speise, und wann es durstig ward, fand es Trank, und wann es müd ward, fand es ein Bettchen. Des Abends machten die Kleinen ihm unter dichten Bäumen aus Gras und Blumen immer gar säuberlich ein Lager und saßen um das Bettchen her und flüsterten und spielten süße Träume oder tanzten und sangen ihre liebliche Nachtmusik. Und diese ganze Reise ging selbst wie ein zauberischer Traum, und sie war auch wunderbar genug, und war wohl nie erhört worden, solange Menschen gelebt haben, und wird wohl nie erhört werden, solange Menschen leben, daß ein kleiner Vogel Wegweiser gewesen ist und nach Stockholm! nach Stockholm! gerufen hat, und daß eine zarte Jungfrau das Herz gehabt hat, einem solchen kleinen Vogel, der doch jeden Augenblick wegfliegen und [301] sie zum Besten haben und im Walde und in der Wildniß stecken lassen konnte, zu glauben und mit ihm über Berg und Thal und Feld und Haide zu wandern einen so weiten Weg. Sie hatten aber bis nach Stockholm wohl eine Reise von sechshundert Stunden und gingen immer von Mittag gegen Mitternacht; denn der König von Schweden ist ein Herr, der gegen Mitternacht herrscht. Und so ging Gunhilde täglich wohl zehen bis zwölf Stunden Weges, und ward nicht müde. Denn das Vögelchen führte sie meistens lauter anmuthige Fußpfade und Richtsteige durch lustige Wälder und über grüne Wiesen hin. Wann sie sich aber ausruhete, so nahm sie ihre Laute von der Schulter und sang ein fröhliches Lied, aber zuweilen auch ein Lied der unbekannten Sehnsucht und Liebe, welche die Träume in ihrem Busen aufgeweckt hatten. Das Vögelchen saß dann auf der Laute und horchte zu und regte in Freuden seine bunten Flügel über der Wölbung, zuweilen zwitscherte es auch sein Liedchen mit drein; wann die Jungfrau aber eingeschlafen war, was auch wohl geschah, dann weckte das Vöglein sie mit seinem Flügelschlage auf, wann die Zeit der Ruhe vorbei war und sie die Reise fortsetzen mußte. Sie sang ihrem kleinen Vogel auch fast alle Tage das Liedchen [302] vor, das sie auf ihn gedichtet hatte, und es däuchte ihr, als neigte er sein Köpfchen dann traulicher als sonst ihren Tönen und als verstände er den Inhalt der Worte. Das Liedchen aber klang lieblich und fein aus ihrem Munde. Und wann sie so gesungen hatte in Wehmuth und Sehnsucht um etwas und nach etwas, das sie nicht wußte, dann schwirrte das Vöglein auf und klatschte mit seinen Flügeln und klang nach Stockholm! nach Stockholm! und sie hängte ihre Laute wieder auf die Schulter und nahm ihr Bündelchen unter den Arm und schlenderte ihm mit ihren feinen Füßchen getrost nach.

So waren sie beinahe zwei Monate gewandert da kamen sie in den Wald, der nicht weit von dem Schlosse des schwedischen Königs lag, und bald waren sie in dem Garten, wo der König und die Königin vormals so oft mit ihrer kleinen Tochter spaziert waren. Es war ein schöner Oktobermittag, hell und licht, wie sie in Schweden zu seyn pflegen, und nicht kalt. Und als Gunhilde in den Garten trat, war es ihr ganz wundersam um das Herz und kam ihr alles zugleich bekannt und doch unbekannt vor. Es war aber keine Erinnerung aus ihrer Kindheit – die war noch zu zart gewesen, als die Wölfin sie von dort entführt hatte – sondern [303] es waren Bilder aus den Träumen, in welchen die kleinen Weissen ihr das Schloß und den Garten nebst vielem anderm oft vorgespiegelt hatten. Das schwebte dunkel vor ihr und sie meinte wirklich, sie habe diese Orte schon einmal gesehen. Sie war müde von der Wanderung, setzte sich auf eine Bank, die unter einer hohen Eiche stand, nahm ihre Laute und sang; und das Vöglein flatterte auf ihre Hand und bewegte die Flügel, wie sie die Finger auf die Saiten legte. Sie sang aber ihr ältestes Lied von den Lilien, ihren Wiegengesang, das Einzige, was sie aus ihrer frühesten Kindheit behalten hatte. Als sie nun mit heller Stimme den Vers sang:


Schlafe, Kindlein, schlafe nun,
Sollst in Gottes Frieden ruhn,
Denn die lieben Engelein
Wollen deine Wächter seyn.


da wollte es Gott, daß der König und die Königin eben aus einem Seitengange an der Bank, wo das Lilienmädchen saß, hervorgehen sollten. Und die Königin war ganz erstaunt und die hellen Thränen liefen ihr über die Wangen, und sie sprach zu ihrem Gemal: Theurer Herr, was ist das für ein Lied, das hier klingt? das Wiegenlied meiner kleinen Gunhilde [304] Ach! mein einziges süßes Töchterlein! hier war die Stelle, wo die Wölfin sie nahm. So sprach die arme Königin und ward blaß wie ein Schneefeld und schwere und trübe Gedanken beklemmten ihr das Herz so, daß der König sie halten mußte, damit sie nicht in Abkraft hinfiele. Und sie rief in tiefsten Schmerzen einmal über das andere: Meine Tochter! meine Gunhilde! meine einzige Tochter! du kommst nimmer, nimmer wieder!

Gunhilde, die in Gedanken gesessen und ihr Liedchen wehmüthig vor sich hin gesungen hatte, schauete nun auf und erstaunte, als sie den König und die Königin sah: dieselben Gestalten, dieselben Kleider, dieselbe Stelle mit der Eiche und der Bank, die ihr der Traum so oft gezeigt hatte. Und nun war ihr alles klar, und sie sprang auf und lief auf den König und die Königin zu und rief überlaut: Ich bin eure Tochter! nehmt eure einzige Tochter wieder. Ich bin verzaubert gewesen, habe in einem wunderbaren Zaubergarten manches liebe Jahr gesessen und gespielt, und nun weiß ich kaum, wie ich hieher gekommen bin nach Stockholm, ich bin seltsamlich genug von einem kleinen bunten Vogel hieher geführt. Und der König und die Königin sahen sie mit Erstaunen an ob ihrer Jugend und Schönheit, und es [305] fiel der Königin sogleich ein Traum ein, den die kleinen Weissen ihr wohl zugeschickt hatten, worin sie ihre Tochter wiedergefunden hatte ganz in derselben Gestalt. Sie hatte das aber für eine Gaukelei der Nacht gehalten, wie so viele Träume auch nichts anderes sind. Nun aber glaubte sie und umhalsete das süße Kind und drückte es entzückt an ihr Herz und rief: Ja du bist meine Tochter! Und sie riß dem Lilienmädchen das Busentuch auf und beschaute es unter der linken Brustwarze, wo ein röthliches Maal war gleich einem aufgebrochenen Röslein, das es mit zur Welt gebracht hatte. Und sie zeigte das Röslein dem Könige und sprach voll Freude: Sieh hier deine Roshilde! denn du wolltest sie Roshilde taufen lassen wegen des kleinen rothen Röseleins, ich aber Gunhilde, und ich habe es ersiegt. Und der König nahm das schöne Kind nun auch an sein Herz unter tausend heissen Küssen, und sie führten es darauf in ihr königliches Schloß und brachten sie in die Zimmer, in welchen sie als Kind gespielt hatte. Sie wußte aber nichts mehr davon sondern hatte nur ein Bild davon aus ihren Träumen.

Und das Kind mußte nun erzählen, und als die Aeltern sich satt gehört und gefreut hatten, da liessen sie die Botschaft erschallen, die [306] Prinzessin Gunhilde sey wiedergekommen und sey schön und lieblich wie der Tag. Und in der ganzen Stadt ward große Freude und bald auch im ganzen Lande; denn sie hatten sehr getrauert um des Königs Kinderlosigkeit und um den Jammer und die Kriege, die es nach seinem Tode geben konnte wegen der Nachfolge. Es kamen nun auch alle herbei, die zum Hofe gehörten und Gunhilden in ihrer Kindheit gesehen oder gewartet und gepflegt hatten, und auch ihre Amme kam und die Kammerfrauen kamen, und erkannten sie alle wieder. Sie tasteten aber alle nach dem Röselein, die Amme aber meinte, sie hätte sie auch wohl ohne dies Zeichen erkannt: denn so, habe sie gedacht, müsse sie grade aussehen, so schlank so weiß so hell, als sie jetzt vor ihr stehe, eine Braut für den mächtigsten Kaiser der Erde. Und die Amme weinte vor Freuden und Gunhilde weinte auch, daß sie von allen so lieb gehabt ward. Und noch denselben Abend, ehe sie von einander schieden und ein jeder in sein eigenes Kämmerlein ging, nahmen der König und die Königin sie allein, und der König sprach zu ihr:

Theure Prinzessin Gunhilde und mein einziges geliebtes Kind. Gott hat größere Gnade und Barmherzigkeit an mir gethan, als meine Sünden verdienen, und lässet noch einen schönen [307] hellen Stern der Freude aufgehen über meine späteren Jahre, deren Abend sehr dunkel geworden war im Grame über meine Kinderlosigkeit und über deinen Tod. Du lebst, und kommst wieder als eine Blume der Schönheit, und diese Blume wird über dieses Schloß und diese Stadt und über das ganze Land der Gothen und Schweden Glanz und Ruhm verbreiten. Siehe, mein geliebtes Kind, das Volk hat mich fast wie einen dürren Ast angesehen und als den letzten meines Geschlechts fast verachtet; nun habe ich dich, und der Stamm, der dürr schien, wird wieder Keime und Sprossen treiben und ich und deine Mutter werden durch dich mit Freude und Ehre gekrönt werden. Du bist nun bald vierzehen Jahre alt und wir sehnen uns beide nach Enkeln. Ich habe einen herrlichen und würdigen Bräutigam für dich, einen Mann edlen Blutes und unvergleichlichen Ruhmes, die Ehre meines Heers und die Stütze meines Throns. Diesem will ich dich morgen als Gemal zuführen und er soll mein Eidam seyn.

Die Prinzessin verneigte sich bei diesen Worten erröthete und sprach: Mein König und mein Herr. Dein Wille ist auch der meinige, und Gott wende es dir und mir alles zur Freude, wie er das Andere gewendet hat! Dies antwortete [308] sie, und ging dann in ihr Kämmerlein, und als sie von den Kammerfrauen entkleidet und allein war, warf sie sich vor ihrem Bette auf die Kniee, faltete ihre schneeweissen Hände und weinte und betete mit vielen tausend Seufzern. Die Seufzer aber gingen zugleich zu dem lieben Gott und zu einem schönen blonden Jüngling, den sie die letzten beiden Jahre oft im Traum gesehen hatte, und sie sprach leise bei sich: Ach! mein süßer blonder Jüngling! sähe er doch wie mein Blonder aus!

Den andern Tag, als der Morgen angebrochen war, sandte der König seine Oberhofmeisterin zu Gunhilden und ließ ihr ansagen, sie solle ihren schönsten Schmuck und ihr prächtigstes Geschmeide anthun und gegen den Mittag vor ihm in seinem Gemache erscheinen. Und als es gegen den Mittag ging, da kam die Königin selbst mit allen ersten Damen des Hofes und holten die Prinzessin ab und führten sie in des Königs Gemach, wo der König auf seinem Throne saß und alle die Ersten und Vornehmsten um ihn her standen. Er erhob sich aber von seinem hohen Sitze und führte seine Tochter die Stufen hinauf und setzte sie neben sich und sprach: Dies ist die Erbin unsers Throns, dies ist unsre einzige Tochter, welche Gott auf eine wunderbare Weise erhalten [309] und uns wiedergegeben hat. Und nun traten alle Männer und Frauen herzu, einer nach dem andern, so wie sie an Geburt und Ordnung die vornehmsten waren, und sie verneigten sich dreimal an den Stufen des Thrones und huldeten der Prinzessin. Und als dies geschehen war, da winkte der König einem Ehrenhold, und dieser öffnete eine Seitenthüre, und in glänzender Waffenrüstung trat ein stattlicher Mann herein von hohem Wuchs und edler Gestalt, welchem die blonden Locken über dem Waffenrocke die Schultern herabfielen. Und der König winkte ihm, daß er käme an die Stufen des Throns. Und er trat heran und verneigte sich ehrerbietig. Da sprach der König zur Prinzessin: Dieser soll dein Gemal seyn und mein Eidam! und zu den Edlen und Großen des Reichs: Dieser soll euer König und Herr seyn nach mir! Und die Prinzessin konnte sich nicht länger halten und rief überlaut: Er ist es! er ist es! Sie meinte aber den schönen blonden Jüngling, den sie so oft im Traume gesehen hatte, denn er war es wirklich. Der König und die Königin und alle Umstehenden verwunderten sich dieser Worte, doch fragte keiner die Prinzessin, was sie bedeuteten.

So ist denn Freude gewesen in dem Schlosse und in der Hauptstadt und in dem ganzen Königreiche, [310] und bald ist eine herrliche und glänzende Hochzeit geworden, wo sich das Wunder begeben hat, daß der Bräutigam und die Braut in gläsernen Schuhen getanzt haben, welche sie den Morgen des Hochzeittages vor ihrem Bette fanden; auch sind unter den Tänzern und Tänzerinnen viel niedliche weisse Masken mit gläsernen Schuhen gesehen worden. Das haben viele gedeutet auf die kleinen Weissen, die Schutzgeisterchen Gunhildens. Als die Prinzessin nun nach dem Tanze in ihre Brautkammer gekommen ist, da hat sie viele kostbare Kleinodien und Geschmuck und Geräth gefunden und Arbeiten der allerfeinsten und allerniedlichsten Art, daß kein Mensch gewußt hat, wer sie dahin gebracht hatte. Und sie haben gerathen der eine auf diesen der andere auf jenen, der ihr die herrlichen Geschenke gebracht oder geschickt hätte; Gunhilde allein hat es wohl gewußt, hat sich aber nichts merken lassen.

Und Gunhilde hat mit ihrem blonden Prinzen ein sehr fröhliches Leben geführt und ist in lauter Freuden sehr alt geworden und hat Enkel und Urenkel gesehen. Glück hat sie gehabt in allen Dingen und Kunst und Weisheit vor allen Frauen. Das war die Gabe der Unterirdischen, welche sie unterwiesen hatten und welche auch immer um sie und um ihre Kinder waren, so [311] daß es ein glückhaftes und sieghaftes Geschlecht geworden ist. Die alte Hexe hat auch über sie und über ihr Haus nimmer wieder Gewalt gewinnen können, und Glück ist bei diesem Geschlechte geblieben viele lange Jahrhunderte, solange das Goldringelein bewahrt worden ist.



  1. WS: von ergänzt