Die Offenbarung Johannis/Fortsetzung der wissenschaftlichen Auslegung der Apk namentlich bei den protestantischen Gelehrten

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14. Fortsetzung der wissenschaftlichen Auslegung der Apk namentlich bei den protestantischen Gelehrten.

Ich stelle Zunächst eine Reihe von Kommentaren rein philologischen Charakters zusammen:Camerarius, notationes figurarum sermonis in scriptis apostolicis, in libro praxeon et apocalypseos Lips. 1556; Theod. Beza, adnotationes majores in NT. Genev. 1556 (separatim² 1614); Sebastian Castellio, Anmerkungen zum NT. in den Bibelausgaben Venet. 1583, Antw. 1584, Lips. 1611; Ludovicus de Dieu, apocalypsis Joannis ... cum animadversionibus Lugd. Bat. 1627, animadversiones in epistolas Pauli canonicas atque apocalypsin 1646; Joannes Drusius, adnotationes in totum J. Chr. testamentum. Franecker 1612;[98] Jo. Pricaeus, commentarius in varios NT. libros Londini 1660; Jacobus Capellus, observationes in NT. Amsterdam 1667.

Der Lauf der exegetischen Wissenschaft war ein merkwürdiger. Von den Jesuiten geht dieselbe hinüber zu der freier gerichteten protestantischen Theologie des 17. Jahrh. Diese übernimmt die Geistesarbeit jener und führt sie weiter fort. So wenigstens verhält sich die Sachlage in der Geschichte der Auslegung der Apk.

Hugo Grotius[1] verdankt ungefähr alles, was er in seiner Auslegung der Apk vorträgt, abgesehen von einzelnen sprachlichen und grammatischen Bemerkungen, dem Alcasar. Ihm entlehnt er den Hauptgedanken, daß es sich Apk 1-11 um das Gericht über das Judentum, 12-19 um dasjenige über das Heidentum handle, und Kap. 20 der Zustand der Kirche seit Constantin beschrieben werde. Die klare Auslegung des Alcasar hat er durch hinzugefügte Einzelausdeutungen sogar wieder verschlechtert. Er bezieht Kap. 11 auf die Barkochba-Zeit und deutet von Kap. 14 an wie Alcasar im alten weltgeschichtlichen Stil, nur daß Alcasars Deutung im ganzen auf einen engeren Raum beschränkt bleibt. G. versucht sich bereits in einer Reihe zeitgeschichtlicher Deutungen. Kap. 12A findet er Simon Magus, 12B die neronische Verfolgung; die sieben Häupter sind die römischen Kaiser von Claudius an, die Heilung der Todeswunde bedeutet die Herstellung des Reiches durch Vespasian. In 13B findet er Magier geweissagt, besonders den Apollonius von Tyana (666 = Οὔλπιος). Dann geht die zeitgeschichtliche Ausdeutung allmählich in die weltgeschichtliche über. In den Schalen findet Grotius die einzelnen Kämpfe zwischen Constantin und seinen Gegnern geweissagt, Apk 19,11ff. sogar den Sieg der Perser über Julian. Da es ihm unwahrscheinlich erschien, daß in der Apk Vergangenes prophezeit sei, so begann er zuerst die Literarkritik an der Apk. Er nahm an, daß Johannes eine Reihe einzelner Offenbarungen zu verschiedenen Zeiten empfangen habe. Die frühesten Weissagungen setzt er unter Claudius an, indem er der Notiz des Epiphanius über das Patmosexil des Apostels folgte. Dahin gehören alle Weissagungen über Jerusalem. Die späteren Weissagungen aber schrieb er unter Vespasian nach Apk 17,10[2]. Wenn daher Dorotheus die Apk auf Patmos, Eusebius dieselbe in Ephesus geschrieben sein lassen, so hätten beide Recht. Ein entschiedenes Verdienst hat sich endlich Grotius dadurch erworben, daß er mit der allmählich zum Unfug ausartenden antipapistischen Ausdeutung der Apk energisch ins Gericht ging.

Dem Grotius folgte auf Schritt und Tritt der Engländer Hammond[3]. In seiner Einleitung polemisiert dieser ausführlich gegen Brightmann. Auch er erklärt sich für die kritischen Aufstellungen des Grotius und stellte sie in der Einleitung zusammenhängend dar. Danach sind Kap. 1-11 auf Patmos [99] geschrieben, alles übrige unter Vespasian, als dieser in Judäa war[4]. Auch im einzelnen weicht Hammond nur selten von Grotius ab. So verzichtet er auf die Deutung der Zahl 666 und meint, daß man sie nach dem hebräischen Alphabet deuten müsse. Die Vögel, die Apk 19,11ff. zur Mahlzeit gerufen werden, sind nach H. sogar die Goten und Vandalen.

Einen hervorragenden Charakter zeigen die kurzen Anmerkungen, die Clericus dem Werk des Hammond in seiner lateinischen Übersetzung[5] zugesetzt hat. Sie sind in ihrer abwägenden, vorsichtigen und vornehmen Art geradezu klassisch. Man lese z. B. folgende Sätze: Noster quidem conjectarum conjecturis superstruit nec veretur, ne aedificium tam infirmo tibicine corruat. at cauti est interpretatoris, quam parcissimum esse in conjecturis et in re dubia abstinere a consectariis; nam quo plura incerta in uno colliguntur, eo majorem habet falsitatis speciem, quod dicitur, aut certe in majore errandi periculo versantur, sed ... profiteor me non intelligere haec vaticinia.

Den Alcasar und Grotius folgte Bossuet[6]. Er setzte sich in der Einleitung mit der nach ihm von Augustin (= Ticonius) stammenden spiritualisierenden Deutung, der kirchengeschichtlichen eines Lyra, der endgeschichtlichen eines Ribeira, Viegas auseinander. — Seine eigne Deutung verläßt freilich doch wieder an entscheidenden Punkten die Bahn Alcasars und Grotius’. Die Apk wird bei ihm zu einer fortlaufenden Darstellung der Geschichte des römischen Reiches von Trajan bis zur Zerstörung Roms durch Attila. Im sechsten Siegel findet er bereits die Zerstörung Jerusalems, in den vier Posaunen den Barkochba-Aufstand. Von da an deutet er alles auf die folgende Geschichte der Christenheit im römischen Reich.

Denselben Schritt von Alcasar und Grotius wieder hinüber zur weltgeschichtlichen Deutung tat Dan. Herväus[7], der die Apk auf die Geschichte des römischen Reiches bis Theodosius deutet. Mit den Engländern (s. o.) findet er in Kap. 12 bereits die Geburt Constantins und dessen Sieg. Dann tritt mit Kap. 13 eine Rekapitulation ein. Die sieben Kaiser zählt er von Galba bis Domitian (s. o. die Auslegung Victorins), und hier tritt zum ersten Mal der Gedanke auf, daß Domitian der nero redivivus sei.


  1. Erste Ausgabe der adnotationes ad NT. Paris 1644.
  2. Vgl. G.s Bemerkungen zu 1,9; 4,1; 11,19; 14,1; 17,10.
  3. Henrici Hammondi parapharase a. annotation upon all the books of the N. Test. 1653.
  4. Die Notiz des Irenäus ἐπὶ τῷ τέλει τῆς Δομετιανοῦ ἀρχῆς bezieht er auf die stellvertretende Regierung des Domitian für seinen Vater während des jüdischen Krieges.
  5. Nov. Test. domini nostri J. Chr. ... cum paraphrasi et annotat. H. Hammondi ex anglica lingua in latinam transtulit suisque animadversionibus illustravit. Amstelod. 1698.
  6. L’apocalypse avec une explication par J. B. Bossuet 1688.
  7. Apocalypsis Jo. ap. explanatio historica. Lugduni 1684.
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