Die Pariser Marionettentheater

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Titel: Die Pariser Marionettentheater
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 64
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[63] Die Pariser Marionettentheater. Die Elysäischen Felder, welche für die Ergötzlichkeit des Pariser Publicums nach so mancher Richtung hin sorgen, sind auch die Schaustätten der Marionettentheater, und zwar giebt es dieser sieben. Jeder Besitzer eines solchen hat der Stadt für den Raum, welchen seine Bude einnimmt, jährlich zweihundert Franken in vierteljährigen Raten, und immer ein Quartal voraus, zu entrichten.

Der Beginn der Vorstellungen wird natürlich von der Jahreszeit, von der Witterung und ganz besonders von der Zahl der Zuschauer bedingt; sie fangen indessen so früh wie möglich an und hören so spät wie möglich auf. Die Dauer jeder Vorstellung hängt ebenfalls von der Menge der Zuschauer ab. Sind diese zahlreich, so ist die Vorstellung vollkommen und währt etwa zwanzig Minuten; sind aber die Sitze nur spärlich besetzt, so wird mancher Witz, manche komische Scene unterdrückt und die Vorstellung je nach zehn Minuten beendigt. Nach der letzten Vorstellung, welche an Sommerabenden gegen zehn Uhr stattfindet, muß der Director sein Personal einpacken und sein Theater, oder wie es auf französisch heißt: seine Boutique, nach Hause tragen. Es wird ihm durchaus nicht gestattet, seinen dramatischen Tempel über Nacht dort stehen zu lassen. Jedes dieser Marionettentheater hat seinen Director, sein Orchester und seinen unsichtbaren Gehülfen, der die hölzernen Priester der Thalia am Schnürchen hält und ihnen die Worte in den Mund legt.

Das Orchester besteht aus einem Geiger, der just nicht in directer Linie von Paganini abstammt. Es ist gewöhnlich ein alter, verstimmter, gebrechlicher Mann, und sein Instrument ist fast immer älter, verstimmter und gebrechlicher als er selbst. Sein Honorar ist aber auch nicht bedeutend. Er erhält zwei Franken täglich, wohl gemerkt, wenn er spielt; denn bei schlechter Witterung fehlt das Publicum, folglich stellen sich dann auch die Marionettentheater nicht ein und folglich bedarf man des Orchesters nicht. An Sonn- und Feiertagen, wenn die Witterung günstig ist und die Elysäischen Felder stark besucht sind, empfängt der Geiger eine Gratification von einigen Sous; dafür muß er aber auch vom frühen Morgen bis zum späten Abeud den Fiedelbogen tanzen lassen.

Der Bursche, der, Aller Augen verborgen, durch seine gelenkigen Finger und seine bewegliche Zunge die Figuren beseelt, wird für seine Mühewaltung mit einem fixen Gehalt von dreißig bis vierzig Franken monatlich nebst Kost und Wohnung belohnt. Er ist die wichtigste Person unter dem Personal, das eigentlich belebende Princip; ja, er ist im buchstäblichen Sinne der Lenker der tragischen und komischen Helden; er bestimmt ihren Wandel und jede ihrer Bewegungen. Von seiner Fingerfertigkeit hängt der Erfolg der Stücke ab. Außerdem muß er eine geübte Zunge haben; er muß singen, viele Stimmen nachahmen und nöthigenfalls auch improvisiren können. Daß er auch eine solide Lunge besitzen muß, versteht sich von selbst. Es ist natürlich, daß er nach einiger Zeit sämmtliche Stücke seines Theaters auswendig weiß und dadurch der Direction nun unentbehrlich wird. Ist er von seiner Unentbehrlichkeit überzeugt, so macht er es wie die Tenore und Primadonnen auf großen Bühnen: er schraubt seine Ansprüche höher, immer höher hinauf, und wenn der Director dieselben nicht befriedigt, wirft er diesem das Personal vor die Füße, wandert – mit dem ganzen Repertoire im Kopfe – zu einer andern Boutique und bringt der Direction, die er eben verlassen, einen empfindlichen Schaden bei. Ein gutes und reichhaltiges Repertoire ist auch für diese Theater die erste und letzte Bedingung des Erfolges, das Repertoire selbst ist aber, je nach dem Charakter des Theaters, verschieden. Die Einen geben blos unzusammenhängende komische Scenen; die Anderen versteigen sich zu kleinen Vaudevilles und Komödien.

Woher holt sich nun aber unser Director die Stoffe? Gewöhnlich stutzt er populäre Lieder und komische Erzählungen zu kleinen Dramen zu, von denen manche sogar ein gewisses Talent verrathen. Es werden aber auch Molière’sche Stücke, wie z. B. Le malade imaginaire, in verminderter und verschlechterter Ausgabe dargestellt. Molière mußte ja auch für die im achtzehnten Jahrhundert in Deutschland herumziehenden Puppentheater stark herhalten; sein eben genanntes Stück so wie die Précieuses ridicules wurden damals sehr oft von dergleichen Puppentheatern aufgeführt.

Die Hauptsache bei diesen dramatischen Erzeugnissen bleibt immer, das Zwerchfell des Publicums zu erschüttern, und es versteht sich von selbst, daß der Dialog nicht allzu fein zugespitzt sein darf. Die beliebtesten Scenen sind, wie ja bei ähnlichen Bühnen auch in Deutschland, die Prügelscenen; dieselben werden so oft wie möglich angebracht. Brigadiers, Polizeidiener und Advocaten sind die Unglücklichen, die am reichlichsten mit Prügeln bedacht werden.

Einer Censur unterliegen die Stücke nicht. Das ist nicht überflüssig zu bemerken; denn früher waren diese Theater allerdings einer Art von Censur unterworfen und zwar nicht blos in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Im Jahre 1794 wurden in Berlin sogar mehrere Marionettentheater unterdrückt, weil sie, wie es hieß, die Sittlichkeit verletzten. Schon früher wurden sie in Hamburg von der dortigen Geistlichkeit verboten, die durch die unschuldigen Puppenspiele das Himmelreich gefährdet glaubten. Was ist denn auf unserer lieben Erde nicht schon alles im Namen Gottes verboten worden! Es liegt indessen im Interesse der Eigenthümer der Marionettentheater in Paris, der Obrigkeit keine Veranlassung zur Unzufriedenheit zu geben, da ihnen sonst kein Platz bewilligt und ihr Broderwerb abgeschnitten wird. Sie enthalten sich daher wohlweislich aller bedenklichen Anspielungen. Vor einem Marionettentheater liest man auch wohl auf einer Tafel, das sich dasselbe keiner unanständigen Redensarten schuldig mache und sich dadurch ganz besonders empfehle.

Kommen wir nun auf die Schauspieler, die, obgleich sämmtlich aus demselben Holz geschnitzt, sich doch nicht einer gleichen Beliebtheit erfreuen. Die Theater, deren Personal oder „Sujets“, wie man sich ausdrückt, sehr zahlreich und gut gekleidet ist, werden natürlich am meisten besucht. Die Köpfe und die Extremitäten dieser „Sujets“ gehen aus den Pariser Fabriken hervor; die Costüme schneiden sich die Directoren selbst zu. Die beliebteste Person ist der Polichinell, der durch seine tollen Sprünge und losen Streiche, besonders aber durch die Freigebigkeit, mit welcher er seine Fußtritte austheilt, die Aufmerksamkeit des Publicums fesselt. Die Dame Gigogne ist nicht minder beliebt und wird mit Jubel begrüßt, wenn sie auftritt und, plötzlich zur Riesin anwachsend, aus ihrer ungeheuern Crinoline über ein Dutzend munterer ausgelassener Sprößlinge hervorgehen läßt.

Zur angenehmen Unterbrechung der Stücke tritt auch wohl ein hölzerner Seiltänzer oder Jongleur auf, der durch die Art und Weise, wie er die Kugeln in die Höhe wirft und wieder auffängt, das Erstaunen und den rauschenden Beifall der naiven Zuschauer erregt. Auch an Balleten fehlt es nicht, und wenn gleich in denselben keine Elsner oder Taglioni auftritt, so wird ihnen dennoch die aufrichtigste Bewunderung zu Theil; denn das Publicum, das diesen Darstellungen beiwohnt, ist sehr dankbar und legt niemals einen strengen Maßstab an die Leistungen. Es zischt nie. „Man hat niemals die Marionetten ausgepfiffen, selbst in Frankreich, wo man Alles auspfeift,“ sagt der bekannte französische Novellist Charles Nodier, der ein großer Freund der Puppenspiele war. Das Marionetten liebende Publicum besteht aus Kindern, die in Begleitung ihrer Ammen oder ihrer Eltern sich mit ganzem Herzen und ganzer Seele den scenischen Belustigungen hingeben, welche nichts weniger als kostspielig zu sein pflegen. Die Sitze befinden sich unter freiem Himmel, im Schatten ehrwürdiger Ulmen. Es giebt hier keine Logen, keine Sperrsitze, sondern nur Parterre-Plätze im eigentlichen Sinne des Wortes. Arm und Reich sitzt unter einander. Der Platz für eine Vorstellung kostet zwei Sous. Der Raum für die Zuschauer wird durch einen Strick oder durch eine Kette abgesperrt, so daß selbst diejenigen, welche nicht zahlen, aus geringer Entfernung stehend zusehen können. Nicht selten mischt sich wohl auch ein ernster Mann unter das Publicum, um sich mit ihm an den Späßen zu erfreuen, die nicht selten viel genießbarer als diejenigen, welche uns auf großen Bühnen geboten werden. Merkwürdig sind die Ruhe und die Aufmerksamkeit dieses kleinen Publicums, unter welchem sich doch Kinder befinden, die kaum das dritte Jahr erreicht haben. Es ist dies ein Beweis von der angeborenen, unüberwindlichen Neigung der Franzosen für scenische Darstellungen.

Mit dem Ende der schönen Jahreszeit, wenn die Ulmen in den Elysäischen Feldern sich entlauben, werden die Vorstellungen seltener und in strengen Wintern finden sie natürlich gar nicht statt. Aber die Thespisse feiern darum doch nicht. Sie schieben ihre dramatischen Karren in Privathäuser und in Pensionsanstalten. In wohlhabenden Familienkreisen dienen die Puppenspiele zur Verherrlichung von Festen, besonders zur Weihnachtszeit. Sie gewähren eine angenehme Abwechselung und erfreuen die liebe Jugend. Auch in manchen Soiréen sieht man sie gern. Einer der Marionettentheater-Besitzer hat mir nicht ohne ein stolzes Selbstgefühl versichert, daß er im Stadthause und sogar in den Tuilerieen mehrere Vorstellungen gegeben habe.

Marionettenspiele in die Häuser kommen zu lassen, war übrigens bei den Franzosen, so wie auch bei uns in Deutschland, schon vor Jahrhunderten im Gebrauch. Unter Ludwig dem Vierzehnten ließ man den Dauphin durch Marionettentheater belustigen, und da man damals Alles nachahmte, was am Hofe geschah, wurden die Puppenspiele in adeligen Häusern sehr beliebt. Voltaire hat es sogar nicht unter seiner Würde gehalten, für den Polichinell in einem Puppenspiel, welches bei einem von dem Grafen d’En gegebenen Feste stattfand, Verse zu schreiben, da er, beiläufig gesagt, ein großer Liebhaber von Puppenspielen war und ein inniges Vergnügen empfand, so oft er denselben beiwohnte. Er theilte diese Vorliebe mit so manchen Heroen der Literatur, mit Goethe, Addison, Swift, Fielding, Byron. Die begabtesten Dichter haben es nicht verschmäht, für Puppentheater zu schreiben, und der unsterbliche Meister Haydn hat sogar fünf Operetten für das Marionettentheater des Fürsten Nicolaus Joseph Esterhazy componirt und sich dieser Compositionen durchaus nicht geschämt. Aber auch Männer der strengen Wissenschaft ergötzten sich an Puppenspielen. So pflegte der Mathematiker Euler stundenlang mit großem Behagen vor den Puppentheatern zu stehen, und Bayle, der bekanntlich einen Theil seines Lebens in Rotterdam zubrachte, verließ sogleich sein Studirzimmer, so oft ihm Trompetenstöße den Beginn der Puppenspiele verkündeten, und beeilte sich denselben beizuwohnen. Karl der Fünfte ließ sich im Kloster zu St. Just nach beendigter Tafel von dem berühmten Mechanicus Gianello Torriani ebenfalls ein Marionettenspiel aufführen. Das Personal bestand aus Militärmusik, aus Trommlern und Trompetern und aus zwei Armeen, die im Sturmschritt auf einander losplatzten. Man sieht, daß der gewaltige Herrscher, welcher aller weltlichen Macht entsagt hatte, an sein altes Handwerk erinnert sein wollte.

Vor einigen Jahren hat ein Herr Lemercier de Neuville in Paris ein eigenthümliches Puppentheater eingeführt, mit dem er in den Salons erscheint und das Zwerchfell der Erwachsenen erschüttert. Seine Puppen oder „Pupazzi“, wie er sie nennt, sind carikirte Portraits berühmter [64] Pariser Zeitgenossen. Indem er diese vor den Zuschauern erscheinen läßt, ahmt er ihre Eigenthümlichkeiten, ihre Geberden, ihre Art zu reden genau nach. Jules Favre, Thiers, Emile Ollivier treten nacheinander auf, und Jeder von ihnen spricht wie er leibt und lebt. Emile Girardin leiert seine Leitartikel ab, in denen die Antithesen die sonderbarsten Purzelbäume schlagen, und erregt ebensoviel Gelächter, wie die bekanntesten Pariser Schauspieler, die in den Pupazzi conterfeit sind und deren Manieren durch die satirische Loupe gezogen werden. Welch’ ein treffliches Element der Volksbildung könnten die Puppentheater werden, wenn die Presse frei wäre und geistvolle Schriftsteller für dieselben die Tagesfragen in humoristischer Weise behandelten!