Die Perle (Bernhard)

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Autor: Marie Bernhard
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Titel: Die Perle
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 12–16
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fortsetzungsroman in den Heften 1–20
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[012]
Die Perle.
Roman von Marie Bernhard.


1.

Ziemlich weit draußen in einer langen Straße der Hafenstadt St. stand ein niedriges weißes Häuschen; man sah nichts Besonderes daran, und doch war’s eine Kuriosität und die ringsum wohnende Jugend hätte viel darum gegeben, einmal da hineinzukommen und all die Herrlichkeiten, mit denen das weiße Häuschen vollgestopft sein sollte, zu besichtigen. Aber der Besitzer, Kapitän Leupold, war ein Sonderling und gönnte nur wenigen Bevorzugten den Eintritt.

Die Straße, in der sich das Haus befand, hieß die Schiffstraße, und es wohnten dort zumeist Leute, die irgend etwas mit der See zu schaffen gehabt oder noch zu schaffen hatten. Jeder Einwohner der schmalen Gasse kannte den alten Leupold, und man sah ihm lächelnd nach, wenn er tagaus tagein, bei Wind und Wetter, um die zehnte Morgenstunde zum Hafen hinunterging, um seinem wiegenden Schritt, die Hände tief in die weiten Taschen seines blauen Friesrockes vergraben, die Seemannsmütze mit dem Anker hintenübergesetzt, einen gelegentlichen Gruß nur mit einem Augenzwinkern und einem knurrenden Laut erwidernd.

Er galt für wohlhabend, hatte sein eigenes Segelboot unten im Hafen, mit den er oft stundenlang auf hoher See war, und man wunderte sich allgemein, daß er sich schon zur Ruhe gesetzt hatte, denn er stand noch in guten Jahren. Wenn man ihn darum befragte, schüttelte er bloß unwirsch den Kopf und brummte: „Rheumatismus im linken Hinterbein!“ In der That schleppte er, namentlich bei nassem Wetter, den linken Fuß oft ein wenig nach.

Seine Bedienung besorgte ein ältlicher hüftlahmer Matrose, der vor Jahren vom Fockmast abgestürzt und seitdem dienstuntauglich war. Die Sage ging, daß dieser Seemann, von Geburt ein Holländer Namens Jan Grenboom, ein angezeichneter Koch sei und die kleine Häuslichkeit in musterhafter Ordnung halte. Besuch bekam der Kapitän fast nie, denn er behandelte die Gäste, die sich einstellten, nicht gerade verbindlich. Er konnte es nicht ausstehen, wenn die Leute ihn viel fragten, ebensowenig, wenn sie sich über alles mögliche wunderten. Die fünf Zimmer, die der Kapitän bewohnte, waren auffallend klein und niedrig und glichen mit ihren winzigen Fensterchen ganz und gar den Kabinen auf einem Schiff; zwischen tausend Gerätschaften, die den Weg versperrten, mußte man sich durchwinden wie ein Aal, um beileibe nichts von den zahllosen Zierraten herunterzuwerfen, mit denen alle Möbel belastet waren.

„Aber sagen Sie, wie ist es Ihnen möglich, so zu leben?“ hieß es dann wohl. „Hier kann man ja keinen Schritt machen, ohne Schaden auzurichten!“

„Ich kann hier leben und kann auch hier gehen!“ lautete die Antwort. „Andere brauchen’s ja nicht! Mir gefällt das so!“

„Aber langweilen Sie sich denn nie, so einsam, wie Sie doch sind?“

Dann gab es einen eigentümlichen Seitenblick auf den Frager. „Langweilen? Hier bei mir?“ In der That war genug Unterhaltendes da: Bücher über Bücher in den niedrigen Schränken, Land- und Seekarten, dazwischen Glaskästen mit reizenden bunten Vögelchen, hinter einer Scheibe eine Klapperschlange, vorzüglich ausgestopft, den Beschauer mit dräuend kaltem Blick musternd, Bilder von Kriegs- und Segelschiffen, seltene Waffen, köstliche türkische und ostindische Decken in originellen Mustern … wie ein Museum war’s, und wenn der Besitzer dieser Kostbarkeiten hätte erzählen wollen, welche Geschichte sich an dies oder jenes Stück knüpfte, er würde sich ein dankbares Publikum gewonnen haben. Aber er wollte das nicht.

Zwei lebende Wesen hatte er als Trophäen mit heimgebracht, zur Verzierung seines Hauswesens: Cato, einen Papagei von den Molukken, ein ziemlich unscheinbares Thier, aber überaus gelehrig, und Dido, ein possierliches Aeffchen aus Ceylon, vortrefflich abgerichtet und nur selten zur Strafe für irgend eine Unart an die meterlange feine Stahlkette gelegt, welche am Fenster der kleinsten Kabine befestigt war.

Das Seltsamste und Anziehendste aber in Kapitän Leupolds Wohnung war ein Bild, ein großes Oelgemälde, das in seinem Lieblingszimmer hing und auf jeden Beschauer Eindruck machen mußte. Es war eine herrliche Kopie von Tizians „büßender Magdalena“ aus dem Palazzo Pitti zu Florenz, von einem schlichten dunkeln Rahmen eingefaßt. Leuchtend und glühend, voll fremdartigen Reizes, hing das Bild in dieser Umgebung. Von Sonnenschein umzittert, strömte das Rotgold des Haares über die weiße Brust, und die in Thränen funkelnden Augen flehten zum Himmel empor … um was? Um Seelenfrieden? Um Kraft zur Entsagung? – Wie kam der alte Seebär zu diesem, gerade zu diesem Bilde? Mein Gott, so einfach! Er hatte immer dieselbe Erklärung: „Ich hab’ sie gesehen und sie hat mir gefallen, eben weil’s ein gemaltes Frauenzimmer war – ein lebendiges hätte das nicht zuwege gebracht. Und weil ich dort das Bild nicht von der Wand nehmen und in meine Kiste packen konnte, drum ließ ich’s von einem jungen Farbenschmierer abmalen. Die Stadt, in der es hing oder noch hängt, heißt Florenz, der Mann, der’s gemalt hat, heißt Tizian, und das Weib, das drauf ist, heißt Magdalena. ‚Büßende‘ steht dabei. Wer will, kann ja auch glauben, daß sie büßt!“ Darauf ein kurzes hartes Lachen, und weiter kein Wort, man mochte fragen, was man wollte.

Alles in allem ein Original, der Kapitän Leupold, wenn auch gerade kein liebenswürdiges, am wenigsten gegenüber den „Landratten“, die dem Kapitän unausstehlich waren.

Der junge Mann, der heute, an einem gottgesegneten Maientag, auf Leupolds Häuschen zusteuerte, gehörte nicht zu dieser unwillkommenen Menschensorte, sondern zur „Zunft“, das sah man aus den ersten Blick. Ein auserlesenes Seemannsexemplar – sechs Fuß Höhe, ein Gesicht wie aus Bronze gegoffen, unternehmend blitzende blaue Augen darin, nagelneue Kapitänsuniform! Wie er so durch die Schiffstraße ging, tauschte er rechts und [014] links manchen Grnß mit den Vorübergehenden^ die sahen ihm wohlgesällig nach. denn sie kannten ihn gnt. das war ja Albrecht Kamphausen, des alten Leupold Mündel, sein Adoptivsohn, sein Liebling, so barsch er das auch immer bestritt. „Hat sich was - Liebling ! Hab' keinen Liebling!. Weichliches Frauenzimmergewäsch!“

Atbrechts Vater war Leupolds bester Freund gewesen, noch von der Schulbank her... Sie^ waren von Klasse zu Klasse zu. sammen ausgerückt -.langsam, denn das Lernen war ihnen beiden verhaßt gewesen ^Sie hotten iede freie Stunde mitein- ander im Boot auf Fluß und See verbracht,^. sie waremmachher auf dasselbe Schisf ^gekommen und hatten alles miteinander ge- teilt. . . Brot und Koje, Hunger und Prügel. Die beiderseitigen Eltern gaben die Jungen als halb verlorene Söhne aus. wer in der Schule nichts lernen wollte, der tangte nichts. Inlius Kamp.- hausens Vater war ein kleiner Beamter, hatte sieben .Kinder und war sroh, den nnnützen Vrotesser, aus dem doch nichts Rechtes werden würde. los zu sein. Erich Lenpold war der Sohn eines unbemittelten Prosessors, er .hatte nur noch eine einzige, be- dentend jüngere Schwester - ein wunderschönes zartes Kind, der Stolz der Eltern. die der Kleinen eine ganz besonders sorgsame Erziehung zu.geben beschlossen nachdem der Sohn ihnen so völlig „mißraten“ war. Inzwischen bestanden die beiden Freunde mit Ehren ihr Stenernmnnser.amen und mnßten sich nun trennen. Erich zeigte für sein Fach eine hervorragende Befähigung und hatte auch Glücke es danerte nicht lange. da war er Kapitän^ natürlich nahm er auf seiner erften selbständigen Reise den Freund als Oberstenermann an Bord. Anch in diesem Berhältnis vertrngen die beiden sich vortrefflich. und als dann auch Kamphausen den Beseht über ein eigenes Schiff erhielt. ging ihnen die Trennung sehr nahe.

Lenpold blieb Junggefell. sein Freund heiratete nach einiger Zeit ein ganz armes Mädchen, das er nach kanm vierjähriger Ehe als Witwe zurückließ -ein Stnrm im griechischen Archipel vernichtete das Schiff famt der ganzen Bemannung. Der troft- lofen Frau nahm sich Lenpold nach Kräften an , obgleich er sich bis dahin wenig um sie und ihr Sbhnchen bekümmert hatte. denn er hielt Kamphanfens Heirat für „Blödfinn“ und mit „Krabben“. wie er die kleinen Kinder nannte. wnßte er nichts anzu.angen. Er ließ die junge Frau mit dem Knaben nach Kiel kommen. wo gerade sein Schiff vor Anker lag. um das Notwendigfte für die nächfte Zeit mit ihr zu befprechen Die beiden fnchten ihn auf der „Möwe“. feinem ftolzen Schiff, auf, Lenpold ftand, anscheinend teilnahmlos, auf dem Achterdeck, ihre Ankunft zu.erwarten. Da hörte er seine Matrosen lachen. „Was'n fpaffiger Kerl!“ „Gott's ein Donner. na seh' ein' bloß, wie der kleine Racker lacht!“ Reugierig bog sich der Kapitän ein wenig vor. Unten in der Iolle. die seine Gäfte an Vord schaffen follte, sah er eine junge schwärzgekleidete Fran fitzen, die mit beiden Armen ein Vübchen nmklammert hielt. einen kanm dreijährigen Wicht, der mit den Beinchen ftrampelte und die dicken kleinen Hände ineinander schlug. daß die Mntter Mühe hatte, ihn zu.halten. Dazu.jauchzte der Vnrsche aus voller Kehle. Der Mann, der die Rnder führte, lachte. die Lenke auf den ringsnm liegenden Schissen lachten, alles srente sich über den Knirps ^ nur die eigene Mntter lachte nicht mit. sondern hatte große tranrige angstvolle Augen. Aber der alte Lenpold schmnnzelte, und als er die beiden oben auf seinem Schiff hatte. da ließ er die junge Fran ihre Anrede. „Ich bringe Ihnen Ihr Patchen. wie Sie gewünscht“. gar nicht vollenden. „Was Patchen! Komm hoch, Junge - so! Angft vor wird“ Und als der Kleine ihm stakt der Antwort auf die Schulter flieg und Anftalten traf. von da aus geradeswegs die Strickleiter in die Höhe zu gehen. in den Maft- korb hinanf. da verklärte sich seinStrenges Gesicht. ..Sieh. sieh. Al- brecht Kamphausen. so sind wir gesonnend Na. das kann eine gnte Freundschast werden!“ Verächtlich mnsterte er dann die weißen Röck- chen des Kindes. ...ziehen Sie ihm doch den Plunder aus. Madame. daß er wie 'n Junge aussieht^ 'nen richtigen Matrosenanzu. muß er habeu!“ Da hatteu der jungen Frau die Augen geflammt. „Matro- fenanzugd Daß er sich von früh auf daran gewöhnt und mir später auch zu Schiff gehl nicht wahrd Herr Kapitän, er soll alles andere werden. nur nicht Seemann.“ Worauf Leupold den Knaben kalt- blüag von seiner Schulter herunternahm ^aud^ ausüben Boden setzte. ...Ganz wie Sie wünschen! Da. lans', Du Krabbe!“

Sein Anteil an dem Kinde schien erloschen, er besprach ge- schästsmäßig mit der Mutter alles weitere. wies ihren Dauk trocken zurück und brach das Znsammensein so kurz ab wie.nur möglich..

Jahrelang sah er sein Patenkind nicht wieder. er ließ sich seine Zengnisse schicken. zahlte ahm Taschengeld, nnterstützte die Mutter und kümmerte sich weiter um nichts. Albrecht Kamphansen wuchs inzwischen heran. bildhübsch und begabt , er hatte ein merkwürdiges Interesse für seinen Vormund, obgleich die Mntter es nat keinem Wort nährte^ im übrigen machte er es wie einst sein Vater. jede freie Stunde im Boot. jede abgesparte Mark für Reisebeschrei- bungen, beides heimlich. denn der Junge liebte seine Mntter und wollte sie nicht betrüben. Aber er mnßte das doch thun. als nun die Berufswahl an ihn herantrat und er erklärte. Seemann und nichts anderes! Sie setzte sich verzweifelt zur Wehr, flehte ihr Kind an in Angst und Thränen - der schöne junge Mensch küßte ihr die Thränen weg und sagte. er kenne seine selbstlose gute Mutter, sie werde seinem Lebensglück nicht im Wege stehen. Was follte. was konnte sie thund Die nötigen Mittel hatte sie nicht. aber Pate Leopold. der sich inzwischen zu. Rnhe gefetzt. hatte sie und gab sie auch. Als er den entscheidenden Bries empfing. schlug er sich aufs Knie, daß es schallte, und rief triumphierend. „Hat mich die .Krabbe also damals doch nicht betrogen!“ wie wenn der Dreijährige ihm dazu.al ein Versprechen gegeben hätte.

Fortan war große Freundschaft zwischen dem Kapitän und Al- brecht Kamphanfen. Manchmal freilich war der junge Marineoffizier dem alten Seebären zu ..fein^ und mnßte ein paar fpitze Redensarten einstecken, im allgemeiuen aber ftand Onkel Leupolds Herz ebenfo wie sein Geldbeutel dem jungen Mann jederzeit offen ^ und jetzt zu.al. da Albrecht wohlbestallter Korvettenkapitän aus Seiner Masestät Schisf ..Ri.re“ geworden war und im Begriff ftand. seine erste Fahrt als solcher nach den chinesischen Gewässern anzutreteu. war des alten Man- nes Seele von Frende erfüllt und er gestand sich ganz insgeheim, daß er stolz auf „feiues alten Kamphausen Jungen“ sei und daß er ihn beinahe lieber habe als seine leiblichen Anverwandten.

Mit diesen hatte er auch in der That wenig genug zu thun. Seine um so viel jüngere Schwester war im Elternhause immer wie eine Prinzessin behandelt worden, und wenn Erich. der ein etwas unbeholfener Junge gewesen war, das seine Büppchen ein- mal anfassen wollte, dann hieß es gleich. „Sei doch nicht so derb! Du brichst sie ja entzwei!“ So gewöhnte er sich daran. das zarte goldhaarige Geschöpf aus der Ferne zu bewundern. Als Elifabeth dann erwachsen war, kam er nur selten nach Hause und konnte ihr gegenüber keinen geschwisterlichen Don finden. sie war ihm sremd geworden. Die Eltern fahen noch ihren Lieblings- wnnsch erfüllt. das Kind ihres Herzens machte eine glänzende Partie. Wenigstens ließ sich alles danach an. Der Vräutigam war ein Freiherr von Doßberg. vom ältesten Adel, Großgrund- besitzer. eine vornehme Erscheinung und derart bezaubert von Elisabeth. daß sein Entzücken selbst ihren in dieser Richtung recht anspruchsvollen Eltern genügte^ es gab nichts. was ihm für seine reizende Vrant gut und schön genug gewesen wäre, und er über- schüttete sie mit Kostbarkeiten. Leider stellte es sich hinterher heraus, daß diese Geschenke nat seinen Verhältnissen durchaus nicht im Einklang standen. Der junge Freiherr war für seine Person keineswegs ein Verschwender, dabei ein strebsamer Landwirt. Allein seine Vorfahren hatten flott gelebt und das herrliche, jahrhundertelang im Besitz der Familie befindliche Gut heruntergebracht, so daß der jetzige Freiherr, selbst bei äußerster Sparsamkeit. sich kanm darauf hätte behanpten können. Wie aber konnte er fparfam sein, da seine angebetete junge Frau, zart und schwach wie die empfiudlichfte Treibhauspflanze , die sorgsamste Pflege branchte! Er mnßte mit ihr, die er doch uumöglich alleiu reifeu laffeu durfte . die koftfpieligften Bäder besuchen. mehrere Winter im Süden zu.ringen und alles thun. um sie sich selbst und den beiden Kindern. die sie ihm geboren. zu.erhalten! Dazu kam, daß Doßberg es nie über sich gewann, Elisabeth zu.sagen. wie es mit seinen Vermögensverhältnissen stand. Er hatte sie von Ansang an wie ein geliebtes. sehr verwohntes Kind behandelt. und sie hatte sich das willig gefallen lassen. Jetzt aber war es zu.spät, sie ins Vertraneu zu zieheu. Seit fast zwei Jahreu war Elisabeth uuheilbar krank, unweigerlich an ihr Limmer und fast immer aus Bett gefeffelt - eine Anfklärung über den ^ Rnin. der ihrem Gatten ^drohte. hätte Sie töten können. Sie Selbst tänschte sich über ihren Znstand. hoffte immer wieder auf Besserung. per- sprach sich viel vom Frühling, machte Pläne für den Sommer, und die Ihrigen stimmten ihr bei und banten Lnstschlässer. deren Unhaltbarkeit sie am besten kannten. Jetzt war es nicht schwer [015] 1^

mehr, die arme Frau zu betrügen^ sie kam uichk mehr hinaus, sah .nur noch Mann und Kinder - wie sollte sie ahnen, daß die beiden schönen Vorwerke , die zu ihrem Gnt gehört hatten, längst in fremden Händen waren. daß der prachtvolle Wäldbestand gelichtet, der Garten ungepflegt, mehr als die Hälfte der Diener- schalt entlassen ward Die alten kostbaren Gobelins, die her^- achen Künstmöbel , die Schränke von eingelegter Arbeit, ^te Schnitzereien und Bilder, an denen sie sich einst ersrente, Dinge, welche die Gesellschaftsränme im anderen Flügel des Hanses bargen, das alles war längst verkanst. Es hatte den Herrn des Hanses einen schweren Kampf gekostet, sich von diesen Schätzen zu.trennen, aber er hatte sie geopfert, um das Gnl das Familiengut, ^an dem er mit allen Fafern feines Herzens hing, zu.retten. . Seinen kost- baren Viehbestand, seine edeln Pferde hatte er hingegeben, er hätte trockenes Brot effen mbgen, um den alten Befitz zu halteu. Dropsen in ein Meer! Die Kinder des Haufes, eine achtzehn jährige Dochter und ein Junge von fechzehn Jahreu, der in St. das Gymnafium besuchte, konnten oder wollten auch nicht dnrch- schauen, wie es um den Vater ftand, trotz der Veränderungen, die nach und nach in Hans und Wirtschast Platz gegriffen hatten, und jedenfalls fprachen sie nicht weiter von dem, was sie etwa gemerkt hatten^ die Ingend ist sorglos und verschließt Auge und Ohr absichtlich oder nnbewnßt gegen nnbegueme Mahuungen.

Nnr der alte Leupold war genan unterrichtet. Er besnchte den Schwager und die kranke Schwester, deren Gut kanm vier Meilen von St. entsernt lag, sehr selten, aber seine alten Freunde, die Kapitäne und Lotsen, trugen ihm allerlei zu , was ihm zu denken gab. Es that ihm leid, denn er hatte die Kinder gern, aber helfen konnte er nicht, felbft wenn er es gewollt hätte. Sein erfpartes Vermögen machte nur einen Brnchteil deffen aus, was der Schwager brauchte. um sein Fahrzeng wieder flott zu.machen. So begnügte er sich, seiner Nichte, wenn sie gelegentlich zu. Stadt kam, ein paar Goldstücke in die Kleidertasche zu schmuggeln, und seinem Neffen, dem Oberseknndaner, stille Wünsche in Bezu. auf Dheaterbillets , Schlittschnhe und Eigaretten zu erfüllen - viel weiter ging sein Anteil nicht. Am Krankenlager seiner Schwester sühlte er sich verlegen, das Netz von kleinen Lügen und Be- schönigungen, mit dem man sie nmspouueu hiea, hätte er am liebsten mit einem derben Rnck zerrissen, und für seinen Schwager, so sehr er ihn jetzt bedanerte, hatte er nie Berständnis gehabt. Ein Mensch, der nicht den Mnt zur Wahrheit besaß, gleichviel, ^ aus welchen Gründen, konnte einem Charakter wie dem Lenpolds ^ nicht sympathisch sein. Das einzige Bindeglied zwischen den beiden ungleichen Natnren waren Doßbergs Kinder^ der Freiherr war ^ ein überans zärtlicher Bater, und Lenpold „konnte nicht nmhin,“ ^ wie er zu.eileu mit einer Art von Bedauern äußerte, „die Kiuder gern zu haben, weil doch manches in ihnen steckte, was selbst die verrückteste Erziehung nicht ganz anszu.reiben vermochte“.

Ian Grenboom, deran der kleinen Küche herumhantierte, sah den jungen Kamphansen kommen und ösfnete ihm die Thür. ....Morgen, Ian.!“ ..Morgen, Kap^tänl^ ^,Alles klar?“ „Klarl^. „Wod“

,^Im Achterdeck!“ ^^..^ Dies .war Lenpolds Hinterftnbe, in .der er sich mit Bvr^ebe. aufhielt. Er saß dort und .leinae und baftelte an einem japanischen Lacktischchen hernm, das^ eins. der zterlichen überschlanken Beine ver- loren hatte. Der helle Sonnenschein, der durch die grünen Rankeuvor dem Fenster fiel, tauchte die „büßende Magdalena“ in eine zitternde Lichtflnt, die Brnft unter dem Wellenftnrz des goldroten Haares schien zu atmeu, zu feufzen, der verführerische Mnud regte sich leise.

Als Kamphauseu eintrat, legte der Papagei, welcher aus dem breiten Fensterbrett zwischen Haarlemer Dulpen hernmkletterte, be- dächtig den Kopf auf eine Seite, blinzelte mit einem Auge schlan zu.dem nenen Gaft hinüber und meldete ihn feinem Herrn mit einem schnarrenden „Gut Freund, gnt Frennd!“ an. Dido, das Aefschen, das neben Lenpold auf dem Stnhl kanerte und ihm anfmerkfam auf die Hände sah, blickte nur flüchtig auf und ver- tiefte sich dann aufs nene in seine wichtige Beschäftigung.

„Servus, Kapitän!“

.„Servns,^apitän! Komm' her, fetz' Dichte ^ Der alte Lenpold hatte sich's verbeten, von Albrecht mit „Onkel“ angeredet zu.werden, das sei. gnk für Kinder, aber nichts ^ für angewachsene Männer. Sein liebster Ditel sei und bleibe ^ „Kapitän“, und gottlob. könne er ja den jungen Mann auch so t nennen - das sei das beste .für sie beide.

„Ist's nicht jammerschade d“ Leupold hielt seinem Gast das ^ invalide Tischchen chim „Ian Grenboom, das alte Nilpferd, stolpert ^ überlas Fell des Eisbären dort und stützt sich mit seiner ganzen Schwere aus das niedliche .Ding. Krach, und das Bein ist ab!“ Albrecht war ossenbar durch den Schaden den Ian Grenboom angerichtet^ chatte, nicht sehr gerührt. Er hatte sich leicht in den . Seffeb zu.ückgelehnt, Seine Rechte spielte mechanisch mit einem Zipfel der Tischdecke, in seinen emporgerichteten Augen stand ein ernstes Nachsinnen. Leupold sah mit zusammengezogenen Branen ^ von seinem Tischbein empor. „.Hmd Alsod Wann geht's losd“ „Hente in acht Tagen, Kapitän! Am vierzehnten!“ „Alle meine Adressen sorgsältig ansgeschriebend“ . „Sehr sorgsältig.“

„Werden Dir gute Dienste thun in Shanghai, in Yokohama, in Bangkok.“

„Ich zweisle nicht daran und bin Dir sehr dankbare' „Unann!^'

Es war ein Weilchen still. Eato hatte sich aus seine Messing- ^ stange verfügt, er hing mit einer Kralle am Omerstab, den ^.vpf. nach nnten, und schankelte sich unermüdlich hin und her, sich von Zeit zu.Zeit leise felbft ermahnend . „Laß' das dnmme Schankeln! Das dnmme Schankeln!“

„Ich wollte Dich um .etwas bitten, Kapitän, Dir etwas sagen,“ begann Kamphansen. ein wenig stockend.

„Steh' zu.Diensten! Ganz Ohr! Ist's -d“ Der Alte klopfte sich mit vielsagender Miene aus die Dache.

„Pfni!“ sagte Albrecht. „Ich .als wohlbestallter Kapitän, und .nach allem, was Du für mich gethan. haft!“

„Könnteft ja Schulden haben.“

„Ich hab' Dir doch nenlich gefagt, ich hätte keine! Hältft^

Du mich für einen Lügner d“

„Neiu, aber man kann heute keine Schraden haben , und morgen hat man.“

„Das ist nicht mein Fall. Nein, es ist - .ist ^

Hier öffnete sich die .Thür und Ian Grenboom erschien mit einem PräfentierbreU. . Svfvrt ließ der Papagei ein schmetterndes Lachen hören und flog ihm auf den Kopf, während Dido mit einer blitzschnellen Bewegung an. seinem Halse hing und die dünnen granen Aermchen liebkosend um die^ Schaltern des Alten legte. So, mit dem Vogel auf dem Kops, den Affen an der Brnft, trat^Ian mit seinem Brett näher heran. Sein Herr warnte ihn mit einem scharfen Seitenblick vor dem Eisbärenfell.

„Alter.Genever, .Kapitän Albrecht, .'was Probates! Hier, frische Smyrnafeigen, letzte Ernte, ..und alker Chesterkäse, echter - Prindall ist vorige Woche von Portsmonth hereingekommen und hat mir diesen Freundschaftsdkenst erwiefen.. Säble Dir 'neu ver-. uünftigen Schnitt .runter! Nimm auch 'nen. Genever, alte Robbe -.^aber pnrzels^u wir. nochmal über den.Eisbären ^“

Inn ^Grenboom brnmmte einen .Lank der . Erwiderung und stülpte das volle .Glas m wollte er .

es Samt .seinem ^ „Prosl Ign,

Prost, Ian!“ nad Dido .g^sS in denTi^

Angenbtick mit.threm Raube. obewa^ zu sitzen.

.„Wart', Du naschhaftes .Frauenzimmer^ S^.^d Sie alle, die Weiherl Kannen^ da.s^Leckerwgul ^ni^^bez^^l^^.n.^nimm das Geziefer. mttl'^. und sah,

als der Matrofe famt Gefolge das Zimmer verlaffen hatte, er- wartungsvoll zu.Kamphanfen hinüber. Diefer aber schien vergeffen zu.haben, daß er vorhin in seiner Mitteilung nnterbrochen worden war. Unverwandt starrte er das Bild der büßenden Magdalena an, das die Sonne noch immer mit einem snnkelnden Goldnetz überflimmerte ^ er stndierte das schöne Weib so genan als sehe er es heute zum ersteu Male.

„Hast Du Deinen ^Korsar^ mitgebracht d“ unterbrach der alte Kapitän das Schweigen.

^,Ia, natürlich! Er liegt vor der Thür.^' .

^Sehr vergünstig von Dir, das Vieh dranßen zu lassen. [016] Wenn ich an die Jagd denke, die er ’mal auf Dido machte – meine Kabinen sahen nachher wie Schlachtfelder aus. Aber hungern soll der Kerl da draußen doch nicht. Jan! Jan Grenboom! Wo steckt das Walroß? – Gieb dem ‚Korsar‘ ein Stück Fleisch und auch zu saufen, wenn er Durst hat!“

Gleich darauf hörte man von außen das tiefe dröhnende Bellen eines großen Hundes, und vor der niedrigen Fensterscheibe erschien der Kopf eines schwarz und weiß gefleckten Leonbergers, mit langem Behang und großen braunen Augen. Das Tier blickte aufmerksam ins Zimmer, um sich zu vergewissern, ob sein Herr noch da sei. Kamphausen nickte ihm zu wie einem alten Freund. „Korsar“ ließ ein leises freudiges Winseln hören und verschwand.

„Kluges Vieh!“ bemerkte Leupold beifällig. „Aber wenn Du, wie es scheint, keinen Appetit hast, dann komm’ mit mir in den Garten, die Sonne brennt ja hier ins Achterdeck herein, daß man Eier drin sieden könnte! Ist Dir’s recht?“

„Ganz recht, Kapitän!“

Fortsetzung folgt.
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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 2, S. 32–35
[032]
Die Perle.
Roman von Marie Bernhard.
(1. Fortsetzung.)

Sonnig und freundlich, ein kleines blühendes Eiland, lag das Gärtchen des Kapitäns Leupold da. Eben fing der Flieder an, aufzubrechen, die Schneeballen hatten dicke Knospen, der Goldregen war schon voll entfaltet. Die Wege zwischen den sorgsam gepflegten Blumenstücken waren sauber mit Kies bestreut und frisch geharkt, die Muscheln um die Beete hübsch geordnet. Im Hintergrund des Gärtchens, zwischen zwei hohen Fliederbüschen, stand eine weißgestrichene Bank; dorthin steuerte der alte Kapitän seinen Gast. Als sie saßen, holte Leupold seine kurze Kalkpfeife aus der Brusttasche und zündete sie an. Kamphausen sah aufmerksam den blauen Ringelchen nach, wie sie aufstiegen und sich in der klaren Luft zerteilten.

„Kapitän.“ begann er endlich, „wie geht’s Deinen Verwandten?“

Der Angeredete hob die buschigen Brauen.

„Seit wann interessieren Dich die? Wie soll’s ihnen gehen! Die Schwester liegt da und wartet auf den Tod, und der Schwager ist verzweifelt und kann das Gut nicht halten, was er auch anfängt. So geht’s denen!“

„Ich weiß, ich weiß!“ murmelte Albrecht, im Gegensatz zu seiner soeben gestellten Frage; er sah sehr niedergeschlagen aus. „Und die Kinder?“

„Der Junge besucht mich zuweilen – hat keine Ahnung davon, wie’s zu Hause steht, spricht von Mamas baldiger Genesung und ist felsenfest in dem Gedanken, er werde ’mal das väterliche Gut übernehmen. Nichts anderes als den Landwirt im Kopf, nichts anderes als das Familiengut! Ganz wie sein Alter! Das Mädel –“

Kamphausen richtete sich gerade auf, über seine männlichen Züge ging es wie ein Leuchten. „Isolde!“ sagte er ganz leise.

„Thu’ mir den Gefallen und gieb ihr nicht den verrückten Namen! Isolde – das war ein tolles Frauenzimmer mit Liebestränken – hab’ die Oper ’mal in Hamburg gesehen. Als der Junge geboren wurde, schlug ich vor, ihn Tristan zu nennen – heutzutag’ soll doch alles stilvoll sein – aber nein, das wollten sie nicht, Armin mußt’ er heißen. Na, wir haben ja ein befreites Deutschland auch ohne diesen jungen Helden! Das Mädel ist übrigens noch die Vernünftigste von allen, läßt sich wenigstens bloß ‚Ilse‘ rufen. Eitel wird sie natürlich auch sein –“

„Das glaube ich nicht, trotzdem ihre Schönheit ihr ein Recht dazu giebt,“ schaltete Kamphausen rasch ein.

Der alte Kapitän rauchte sehr scharf und sah seinen Gefährten mit einem sonderbaren Seitenblick an. „Schön, sagst Du? Ja, ja, sie hat’s von der Elisabeth. Sonst aber gleicht die Ilse ihrer Mutter wenig. Das Mädel ist ’was für sich, kerngesund an Leib und Seele, kein Stück Wachs, das man kneten kann, wie man will. Der Mann, der die ’mal bekommt, kriegt keine Puppe, sondern ’nen wirklichen Menschen. Bin übrigens neugierig, wen sie ’mal heiraten wird!“

„Mich!“ sagte Kamphausen kurz und fest.

Leupold fuhr herum und musterte den Sprecher mit einem langen Blick vom Kopf bis zum Fuß. „Wen?“ wiederholte er lauter.

„Mich!“ entgegnete Albrecht noch einmal, ebenso kurz und fest.

Der Alte sprach zunächst kein Wort, er wiegte nur sachte den Kopf hin und her.

„Siehst Du, Kapitän, deshalb bin ich ja hier. Ich wollte Dir sagen, wie das alles so gekommen ist –“

„Und ich will kein Wort davon hören, kein Sterbenswort! Heiraten? Du? Ist das erhört? Kaum zu Brot gekommen, und nun schon Weibergedanken! Genau wie bei Deinem Vater – der konnte auch nicht früh genug in sein Verderben.“

Albrecht ließ ihn nicht weiterreden; er stand auf und sah von seiner vollen stattlichen Höhe auf den eifernden alten Mann herab. „Ich will Dir etwas sagen, Kapitän! Du bist der beste Freund meines verstorbenen Vaters gewesen, hast meine Mutter unterstützt und Dich stets auch meiner angenommen – ich bin Dir sehr viel Dank schuldig, das hab’ ich immer empfunden, hab’ mich bemüht, Dir Ehre zu machen, und gedenke das weiter zu thun. Aber das Glück, das mein Vater an seiner Ehe gefunden hat, lass’ ich nicht antasten, und ob ich selbst heiraten will oder nicht und wen ich heiraten will, das geht mich allein an. Wenn ich Dir freiwillig von der Sache rede, so geschieht das in dem Glauben, daß Du Anteil nimmst an meinem Glück.“

Der alte Leupold war auch aufgestanden. „Du sprichst hübsch deutlich, Kapitän, das muß man Dir lassen! Was Du aber eben gesagt hast – richtig ist es schon gewesen. Mir hätt’ einer kommen sollen und mich warnen oder zurückhalten, als ich … aber ’s ist egal, lohnt nicht, davon zu reden. Und Dein Alter, wie ich dem in seine Heiratspläne dreinreden wollte, wurd’ borstig wie’n Stachelschwein; fehlte bloß noch, daß er blank zog und mir mit dem Messer auf den Leib rückte.“

„Du siehst also, Kapitän –“

„Ich sehe, daß die sogenannte Liebe ’n gewisses Stadium von Verrücktheit bedingt; erlaube, daß ich diese Ansicht behalte!“

„Bitte! Mir liegt nichts ferner, als Dich beeinflussen zu wollen. Nur mußt Du auch mir meinen Kopf lassen. Wie hoch ich in anderen Dingen Deinen guten Rat schätze, weißt Du.“

[034] „Hm! Aber nun erzähl’ doch mal! Die Ilse! Da schlag’ doch Gott den Teufel tot! Wo in aller Welt hast Du sie denn eigentlich zu sehen bekommen?“

„Hier bei Dir war’s, im vergangenen Herbst. Wir saßen in Deinem Achterdeck und Du erzähltest eben vom Kampf mit einem Känguruh, das einen von Eurer Schiffsmannschaft in Lebensgefahr gebracht hatte – erinnerst Du Dich dessen nicht?“

„Des Känguruhs wohl, aber nicht der Ilse – nimm’s nicht übel!“

„Rührt mich nicht, Kapitän! Also sie kam herein und ich fand sie so schön, daß ich sie wie ein Wunder anstarrte und, glaub’ ich, zu grüßen vergaß. Dann stelltest Du uns einander vor –“

„Ich? Sollte ich mich wirklich so sehr vergessen haben?“

„Ich bat Dich -“

„Aha! Batest mich! Dann mag’s sein!“

„Wir unterhielten uns nun – das heißt, was wir eigentlich miteinander sprachen, das könnte ich jetzt nicht mehr sagen.“ Albrechts gebräuntes männliches Gesicht bekam einen weichen Ausdruck, während er halb die Augen zudrückte, als sähe er nach innen.

„Schadet nichts,“ tröstete der Alte. „Wird doch lauter dummes Zeug gewesen sein. Wär’ das erste Mal, daß es sich gelohnt hätte, mit ’nem Frauenzimmer zu reden! Na, was weiter?“

„Ich begleitete Deine Nichte dann noch zu dem Gasthof, in dem sie mit ihrem Vater abzusteigen pflegt. Der Freiherr befand sich noch in der Stadt, und so promenierten wir ein wenig im Garten; dabei sprachen wir viel von Dir.“

„Sehr gütig! Hattet Ihr nichts Besseres zu reden?“

„Nein! Isolde -“

„Nenn’ sie nicht bei diesem fürchterlichen Theaternamen! Sag’ ‚Ilse‘!“

„Ilse also hält sehr viel von Dir.“

„Sehr verbunden! Wär sie nicht zufällig ein Frauenzimmer, ich würd’ auch ’was von ihr halten. Aber so! Und weiter?“

„Schließlich kam ihr Vater. Ilse stellte mich vor und ich that mein möglichstes, ihn für mich einzunehmen, allein ich merkte sofort, daß ich ihm nicht gefiel.“

Leupold ließ sein hartes kurzes Lachen hören. „Kann ich mir denken! Wie könnte meinem hochgeborenen Herrn Schwager der Pate und Pflegesohn des alten Kapitän Leupold gefallen! Ein Mensch, der sagt, was er denkt, ein Mensch, der auf dem Wasser zu Hause ist und kein Familiengut besitzt!“

„Ich ließ mich das nicht anfechten, sondern kündigte ihm in höflichster Form meine Absicht an, in den nächsten Tagen auf dem Gut meinen Besuch zu machen. Er nahm das sehr frostig auf. Trotzdem bin ich dann dort gewesen und hab’ meinen Besuch ausgeführt, aber es waren sehr unerquickliche Stunden für mich. Der Baron empfing mich nicht freundlich. Er mochte merken, aus welchem Grunde ich kam, und that alles, um mich abzuschrecken. Er ließ mich mit Ilse keinen Augenblick allein und war sehr unwillig, als ein Pferdehändler gemeldet wurde, mit dem er längere Zeit zu unterhandeln hatte. Inzwischen führte Isolde mich in den Park. Es war ein schöner sonnengoldener Herbsttag –“ Kamphausens Stimme war immer leiser geworden, jetzt verstummte sie ganz; die Erinnerung hielt ihn gefangen, er vergaß, daß er erzählen wollte.

„Schöner alter Park, nicht?“ schaltete Leupold ein.

„Ja.“ antwortete der junge Mann selbstvergessen, „es war schön. Wir gingen durch den ganzen Park über die Waldwiese bis zum Meer –“

„Hübsche Strecke das! Und mein Herr Schwager amüsierte sich unterdessen mit dem Pferdehändler? ’ne nette Geschichte!“

„Und angesichts der See, die meine Heimat ist, sprach ich mit Isolde!“

„Lange besonnen habt Ihr Euch nicht, Kapitän, das muß ich sagen! Sprachst mit ihr! Und sie sagte natürlich gleich Ja?“

„Nicht gleich, sie hatte Bedenken; aber am Ende gab sie mir doch ihr Wort.“

Leupold maß seinen jungen Freund mit einem sprechenden Blick. „Kann’s ihr nicht verdenken!“ stand darin zu lesen.

„Wir kamen überein, unsere Verlobung einstweilen geheim zu halten. Noch hatte ich ja meine Beförderung nicht. Vor allem galt es, Zeit zu gewinnen, die kranke Mutter vorzubereiten, das Vorurteil des Vaters nach und nach zu besiegen –“

Der Alte lachte auf. „Bin verteufelt neugierig, wie Ihr das Ding anstellen wollt! Vorurteil besiegen! Was ’n richtiges Vorurteil ist, mein lieber Kapitän, das läßt sich ganz einfach nicht besiegen, und wenn Du Dich auf den Kopf stellst! Mein Herr Schwager will nicht umsonst Vater einer schönen Tochter sein. Was denkst Du? Der wird sich frei nach Wallenstein seinen Eidam auf Europas Thronen suchen oder wenigstens unter Leuten, die einem Thron nahestehen!“

„Der Baron ist ein zärtlicher Vater und liebt seine Tochter –“

„Natürlich, mein Sohn! Weil er aber auch sich selbst liebt, wird er ihr sagen, Du bist jung, Kind, kennst die Welt und Dein eigenes Herz noch nicht. Steh’ ab von der phantastischen Liebesgeschichte mit dem Seemann, der Dir ein so unsicheres gefahrvolles Los bietet, laß Deinen klugen alten Vater für Dein Glück – und nebenbei auch für sein eigenes! – sorgen.“

„Ilse wird niemals ihr Lebensglück und das meinige zum Opfer bringen!“

„Schön! Also sie wird nicht. Dann bin ich bloß neugierig, zu erfahren, wie die Sachen jetzt stehen.“

„Wie sollen sie stehen? Wir sind verlobt miteinander, aber das, was anderer Leute Glückseligkeit ist, die Brautzeit, das bringt uns nur Sehnsuchtsqualen und Enttäuschungen. Nicht einmal Ilses Mutter haben wir in unser Geheimnis einweihen können – sie ist seit Monaten viel zu angegriffen, hätte keine ruhige Stunde mehr, wüßte sie, daß ihr Liebling die Verlobte eines Seemanns sei. Der Freiherr selbst hat sein schroffes Benehmen noch gesteigert, eine Werbung von mir um die Hand seiner Tochter wäre die bare Unvernunft. So heißt es denn: warten, sich gedulden! Geduld! Ein schönes Wort für einen leidenschaftlich liebenden Mann, der nun auf ein volles Jahr scheiden, einer ungewissen Zukunft entgegengehen soll.“

„Hm! Und Du hast das Mädchen, die Ilse, in der Zwischenzeit nur selten gesehen?“

„Sehr selten, fast nur von weitem. Die Briefe oder vielmehr die ängstlich hingekritzelten Zettelchen, die sie mir auf allerlei Umwegen zukommen ließ, bestellten mich da und dorthin, ins Theater, in ein Konzert, in irgend einen Laden. Da hab’ ich sie denn gesehen – gesprochen eigentlich nie, denn kann man das Sprechen nennen, wenn man sich kaum die Gelegenheit zu einem geflüsterten Liebeswort, zu einer hastig hingeworfenen Frage zusammenzustehlen vermag? Auch sie leidet, das weiß ich, aber sie ist ein Weib, ist fügsamer, geduldiger als unsereins, und sie hat ihre Eltern, ihren Bruder, Freundinnen … ich hab’ nur sie! Nur sie!“ Er furchte seine Stirn und schaute stumm und finster vor sich hin.

„Und was soll nun werden?“ fragte Leupold endlich.

„Was werden soll? Abschied natürlich! Aber ehe wir uns vielleicht auf immer trennen, wollten wir Dich bitten, Kapitän, hier bei Dir uns Lebewohl sagen zu dürfen.“

„Hier bei mir?“

„Ja, bei Dir! Ich wüßte nicht, wie wir es sonst anfangen sollten, uns ungestört zu sehen. In acht Tagen geht die ‚Nixe‘ vom Kriegshafen ab, am zwölften muß ich dort sein; heute haben wir den siebenten Mai. Isolde wird es einrichten können, in diesen fünf Tagen einmal zur Stadt zu kommen, mit ihrem Vater natürlich, denn allein läßt er sie nie hierher. Er wird es ruhig zugeben, daß Isolde Dich wieder einmal besucht, um Dir Nachrichten und Grüße von Deiner Schwester zu bringen. Kapitän, Du mußt uns dies letzte schmerzliche Glück noch gönnen!“

„So? Muß ich?“

„Du thust es, Kapitän, nicht wahr?“

„Zum Teufel, ja! Obgleich mir die ganze Verlobungsgeschichte in der Seele zuwider ist! Wenn ich’s nicht thäte, fingt Ihr beiden am Ende etwas ganz Verrücktes an. Also zu – genießt Euer ‚schmerzliches Glück‘!“

„Ist das der Segen, den Du uns zu unserer Verlobung giebst?“

„Von mir ist überhaupt nicht zu verlangen, daß ich meinen Segen zu irgend einer Verlobung gebe, sei sie, wie sie wolle! Und vollends bei ’nem Seemann. Ein Seemann soll ledig bleiben, darf nicht ’ne ganze Familie mitreißen in sein Leben voll Angst und Gefahr. Und die Ilse … na, einerlei, ’s ist nichts mehr zu machen! Rennt Euch getrost die Köpfe ein!“

„Du wirst auch gestatten, daß ich meine Briefe an Isolde [035] unter Deiner Adresse hierherschicke, und wirst mir Nachrichten von ihr vermitteln?“

„Neue Ehre! Bureau für Liebesbriefe!“ Der Galgenhumor sprühte dem alten Seebären nur so aus den Augen. „Sonst noch etwas gefällig? Steh’ zu Diensten!“

„Nur das eine noch: daß Du alles, was in Deiner Macht steht, dazu thust, Ilse in der Treue zu mir zu bestärken. Ich vertraue ihr ganz, aber sie ist ein zartes Mädchen und wird um meinetwillen dem Ansturm der ganzen Familie standhalten müssen. Sorge Du dann dafür, Kapitän, daß sie da nicht allein steht, sprich für mich, handle für mich, sieh zu, daß sie fest und treu bleibt –“

Er kam nicht weiter. Der alte Kapitän legte seine Hand schwer auf die Schulter seines Gastes und lachte – ein schneidendes, beinahe böses Lachen war’s. „Wenn man Dich so ansieht, man sollt’s nicht glauben! Sechs Fuß Höhe, einige dreißig Jahr’ alt und ’n gut Stück Welt gesehen, kein Dummkopf – und dabei so kindisch wie ein achtjähriger Schuljunge! Will ’nen andern zum Hüter eines Frauenzimmers machen! Und der andere heißt Erich Leupold! Wenn das nicht zum Lachen ist!“

Albrecht schüttelte die Hand des Alten mit einer raschen Bewegung von seinen Schultern ab und richtete seine stattliche Gestalt zu ihrer ganzen Höhe auf. „Ich muß annehmen, Du willst mich verletzen, Kapitän! Wodurch ich das verdient habe, weiß ich nicht. Wir zwei, Du und ich, sehen die Welt aus verschiedenen Augen an – und laß’ mich Dir bekennen, daß ich lebhaft wünsche, sie niemals mit Deinen Augen zu sehen!“

„Amen! Das ist auch mein Wunsch! Und faß’ mein Lachen nicht tragisch auf, Albrecht! Nimm Du den alten Leupold, wie er nun ’mal ist, und ich will den jungen Kamphausen meinerseits auch nehmen, wie er ’mal ist – mit heimlicher Brantschaft und allem, was drum und dran hängt. Also kommt und nehmt Abschied voneinander bei mir, solang’ Ihr wollt, schickt mir Eure Liebesbriefe und degradiert mich zum Liebesboten – ich will alles thun, obgleich ich mir so ’was nicht hätt’ träumen lassen. Und wenn während Deiner Abwesenheit Deine Auserwählte zu mir kommt, dann will ich sie willkommen heißen und sogar mit ihr von Dir reden. Zufrieden?“ Der Alte hielt seine breite kurze Hand hin.

„Zufrieden, Kapitän! Ich danke Dir! Aber verzeih’, daß ich jetzt gehen muß! Du erhältst noch Nachricht, wann ich mich mit Isolde bei Dir treffe. Gehst Du auch gleich ins Haus zurück?“

Ja, der Alte that das. Und während Kamphausen seinem Hund pfiff und durch die sonnige Schiffstraße davonging, schritt Leupold durch seine „Kabinen“ bis ins „Achterdeck“, stellte sich, breit aufgepflanzt, die Hände in den Rocktaschen vergraben, vor das Bild der büßenden Magdalena und musterte das schöne Weib mit so herausforderndem Hohn, als sollte es aus dem Rahmen treten und vor ihm Rechenschaft ablegen über alles, was es gesündigt hatte.




3.

Schön und sommerlich warm war der junge Tag heraufgestiegen. So festlich sah er aus, als wüßte er genau, daß er ein Maientag sei; mit lachendem Grün geschmückt, trug er stolz auf dem Haupt die goldene Strahlenkrone. Und die Lerchen stiegen mit trillernden Jubellauten empor, als fühlten auch sie die Auferstehungswonne in der kleinen Vogelbrust; schwirrend flogen die Schwalben um die altersgrauen Dachfirste und Türme von Schloß „Perle“, wo sie den bequemsten Unterschlupf fanden. Im Schloß schien noch alles zu schlafen. Der alte charakteristische Steinbau lag da, so plump und trotzig, wie Herr Hans Gottfried, der erste Baron Doßberg, ihn anno Domini 1586 erbaut hatte, mit den stillosen Seitenflügeln und dem breiten hübschen Altan, den die Nachkommen angefügt hatten. Die zwei runden Ecktürme mit kleinen, in Blei gefaßten Fensterscheiben wuchsen rechts und links an dem langgestreckten Mittelbau empor, und über das ganze Bild war eine Flut von Epheu und Kletterrosen ausgegossen, als hätte selbst das alte Schloß ein Festgewand übergeworfen.

Eines Steinwurfs Weite davon, jenseit der Rampe, stand zwischen hohen Kastanien- und Ahornbäumen ein freundliches, altmodisch aussehendes Gebäude, das Haus des Verwalters. Bis vor kurzem hatte hier der „Administrator“ mit seiner alten Mutter gehaust, ein feiner Herr, der einen ansehnlichen Gehalt bezog, in seinem Fach auch eifrig und tüchtig war. Aber die Verbesserungen und Anschaffungen, die nach seiner Ansicht gemacht werden mußten, konnten nicht zustande kommen, weil es am Besten fehlte, an Geld – schließlich reichten die Mittel des Freiherrn nicht einmal mehr aus, dem Administrator seinen Gehalt zu zahlen, und da der junge Mann zudem die Tollkühnheit besaß, sich leidenschaftlich in Ilse zu verlieben, so mußte man ihm kündigen; seitdem stand das hübsche Haus leer.

Unter der breiten Thür des Schlosses, deren hohes Gesims das in Stein gemeißelte Wappen der Doßbergs trug: zwei auseinanderklaffende Muschelschalen, in deren einer eine große Perle ruhte – zeigte sich die hohe kräftige Gestalt eines Mannes mit grauem Haupt- und Barthaar. Er hatte ein gut geschnittenes Aristokratengesicht mit einem auffallenden Zug von Weichheit, ja beinahe von Schwärmerei um Augen und Lippen. Ein angehender Fünfziger, alles in allem eine angenehme vornehme Erscheinung. Baron Hans Gottfried von Doßberg – er war es – trug eine leichte Schirmkappe, Sporenstiefel mit hohen Schäften und eine Reitpeitsche unter dem Arm. Er ging bis zur Rampe vor, hob den Knopf der Peitsche an seine Lippen und pfiff. Aus einem der Ställe kam ein gutgewachsener Bursche in feuerroter Jacke gelaufen und stellte sich in strammer Haltung vor seinem Herrn auf. „Du kannst das Pferd satteln!“

„Zu Befehl!“

Früher hatte es fünf, sechs solcher Rotjacken in den Ställen drüben gegeben, und wenn es geheißen hätte, man solle „das Pferd“ satteln, so wäre das ein ganz unverständlicher Befehl gewesen, denn damals hatte man eine reiche Auswahl. Jetzt verfügte der Baron nur noch über einen starkknochigen Braunen, der sich weder durch Schönheit noch durch Rasse, sondern einzig und allein durch Kraft auszeichnete, so daß er imstande war, seinen Herrn vormittags durch Wald und Feld zu tragen und nachmittags noch „in der Wirtschaft“ Dienste zu thun.

Doßberg stand, in Gedanken verloren, an der Rampe und klopfte in regelmäßigen Pausen mit seiner Reitpeitsche gegen die hohen Stiefel. Seine Brauen waren finster gefurcht und sein Blick sah trübe. Da klirrte hinter ihm ein Fenster; hastig wandte er sich um, und seine Augen glänzten. Kein Wunder das! Die, welche goldhaarig, rosig wie ein Abbild des frischen Maimorgens selbst, im Rahmen des steinernen Bogenfensters erschien und ihm zulächelte – das war ja seine Jugend, sein Sonnenschein, sein Glück.

„Guten Morgen, Papa!“ Die frische junge Stimme klang gedämpft, wie in Besorgnis, jemand zu stören.

„Guten Morgen, Ilse! Wie ist’s gegangen?“

„O, ganz gut – ganz leidlich! Mama hat eine ruhige Nacht gehabt und ist vorhin noch ein bißchen eingeschlafen; ich denke, sie kann es wagen, heute ein Stündchen aufzustehen. Himmlisches Wetter! Ein wunderbarer Mai!“ Unter dem leichten weißen Morgenkleid hob sich die junge Brust in tiefen wohligen Atemzügen und die warmen dunklen Augen leuchteten.

„Kommst Du nicht heraus, Ilse?“

„Kann nicht! Muß Mamas Erwachen abwarten! Du reitest aus?“

„Ja, und weit! Ich bleibe ziemlich lange fort. – Mamsell hat mir einen Bissen Frühstück mitgegeben.“

„Vielleicht triffst Du Armin unterwegs. Der ist schon eine ganze Weile fort; er war leise wie eine Maus an unserer Thür, mir Guten Morgen zu sagen. Der arme Schlingel ist ganz unglücklich darüber, daß der Pony so faul und steif und bockbeinig geworden ist in seinem hohen Alter. Kauf’ ihm einen neuen, Papa!“

Es zog wie ein Wolkenschatten über des Barons freundliches Gesicht. „Ich muß fort,“ sagte er hastig, „dort kommt Philipp mit dem Braunen!“

„Warte noch eine Sekunde! Ich hab’ was für Dich!“

Aus dem Fenster flog eine schöne frische Malmaisonrose, so geschickt geworfen, daß sie dem Baron gerade auf die Mütze fiel. Er dankte mit einer anmutigen Handbewegung. „Adieu, Burgfräulein!“

„Adieu, Herr Burggraf!“

Das Fenster wurde geschlossen, die helle Gestalt verschwand. Mit einem Seufzer steckte Doßberg die Rose in sein Knopfloch. Dann bestieg er sein Pferd und trabte rasch hinaus in die lachende Landschaft.

(Fortsetzung folgt.)
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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 3, S. 45–48

[045]

Die Perle.
Roman von Marie Bernhard.
(2. Fortsetzung.)

Baron Doßberg ritt zuerst die alte Parkmauer entlang, wo riesige Eichen und Buchen mit ihren grünen Armen über das alte Gemäuer griffen. Aus dem Dickicht tiefer im Park, wo grüngoldene Dämmerung webte, lockte in leidenschaftlichen Tönen die Nachtigall. Der Reiter zog die Zügel an und lauschte entzückt, wie er’s als kleiner Knabe so oft gethan hatte. Um das alles schwebte für ihn ein eigener Zauber. Wo anders gab es dies machtvolle Wipfelbrausen, wenn der Sturm sich aufmachte und wie auf einer Riesenharfe zu spielen anhob? Wo anders traf man einen so stolzen Eichenbestand wie hier? Konnten die Vögel anderswo ebenso süß singen? Und die prachtvollen Wiesen im Park, der rasche Bach dazwischen mit krausen Wellen und buntgestickten Ufern – kein Fluß, der im Geographiebuch seinen stolzen Namen hat, immer aber ein silberhelles, köstlich mundendes Wasser, das recht wie eine klopfende Ader der lieblichen Gegend Leben verlieh! Noch war dies Paradies sein Heimatboden, noch war das Erbe seiner Väter ihm zu eigen – wie lange noch?

Schritte, die sich nahten, schreckten den Baron aus seinem Sinnen auf. Vom Felde kam ein alter Mann mit schwerfälligem Gang daher; sein faltiges braunes Gesicht war von spärlichen weißen Haaren umrahmt, sein kurzer dicker Körper steckte in einem grauen Leinenanzug, an den Füßen trug er stark gethrante Schmierstiefel, die nicht den angenehmsten Duft ausströmten. Das war der alte Hinz, früher Kämmerer auf dem Hof, jetzt zum Inspektor vorgerückt.

„Mahlzeit, Herr Baron!“ Anders grüßte Hinz nie; er war der Meinung, diese Bezeichnung passe zu jeder Stunde, denn irgend eine Mahlzeit habe der Mensch doch immer einzunehmen.

„Morgen, Hinz!“ Dem Baron war die Begegnung sichtlich unangenehm, der Alte kam ihm stets mit Klagen, und er selbst hatte die Macht nicht, zu helfen. Richtig! Heute wieder!

„Das is man bloß wegen dem Schafstall, Herr Baron! Wenn wir da nicht endlich ’n neues Dach aufsetzen, denn stürzt uns die ganze Geschichte überm Kopf zusammen. Flicken is nun nicht mehr, is schon an zehnmal gemacht, hält von heut auf morgen! Und der Schmied liegt einem auch alle Tag’ in den Ohren – es regnet ihm in die Ess’ und auf den Ambos und auf den Herd – und was weiß ich, wo’s ihm überall hinregnet! Soll ich man den Dachdecker bestellen?“

Doßberg nagte an der Unterlippe. „Nein, Hinz, das – das lassen Sie lieber. Flicken Sie nur noch einmal aus!“

„Na, denn man zu! Aber wenn das einmal so bei Nacht ’n tüchtigen Wolkenbruch setzt, denn kann uns die ganze Schafsgesellschaft versaufen, oder wir schwimmen frischweg wie die Arche Noäh! Und dann der Schmied – der kann eklig grob werden! Und den Kälberstall, den haben wir jetzt so oft gestützt, daß beinah’ mehr Stützen als Kälber drin sind. Wenn der Herr Baron das bloß ’mal ansehen möchten! Kommt ’n gehöriger Sturm von der See ’rauf, so fällt der olle Kasten den kleinen Kreaturen auf die Köpfe – na, und denn?“

Die Gartenlaube (1894) b 045.jpg

Das Schloß in Bernburg vor dem Brande am 6. Januar 1894.
Nach einer Originalzeichnung von O. Günther-Naumburg.

„Ja, Hinz – ich würde schon – aber – stützen Sie nur noch weiter!“

„Und unsere Futterschneidmaschin’ is kaputt und der Schmied und der Stellmacher sagen, da is nichts mehr zu machen, muß ’ne neue kommen, und denn: Jungvieh haben wir viel zu wenig – was sagen Sie, Herr Baron?“

Der Baron hatte nichts gesagt, nur schwer geseufzt und mit der Hand abgewinkt, als sei das seine ganze Erwiderung. Als er dann aber in das ehrliche Gesicht des alten Inspektors sah, der mit abgezogener Mütze treuherzig zu ihm aufschaute, da entschloß er sich doch, zu antworten. „Ja, sehen Sie, Hinz, ich weiß, was Sie mir da sagen, ist richtig, und die Verbesserungen, die Sie vorschlagen, sind notwendig. Aber zu dem allen gehört Geld – und ich habe keines. Ich muß zusehen – jetzt ist nichts zu thun, Hinz!“

Der Alte kratzte sich nachdenklich den Kopf. Ihm that der Baron leid, aber er verstand sich nicht darauf, seine Gefühle zu äußern. „Ja, denn is das schon so. Wenn einer nicht kann – ich sag’ immer: wenn einer nicht kann, na, zu was ihn denn auch quälen? Mahlzeit, Herr Baron!“

„Morgen, Hinz!“

Der Braune bekam einen Schlag, daß er erschrak, der Reiter ließ die Zügel locker, und nun ging es zuerst in einem etwas aufgeregten Galopp, dann in schlankem Trabe weiter. Links schimmerten die arg verwahrlosten Wirtschaftsgebäude durch das junge Laub – gottlob, nun hatte er sie im Rücken! Zur Rechten tauchte das Dorf auf mit seinem alten Kirchlein und dem kleinen Schulhaus, drüber auf stattlicher Höhe die Wolframskapelle mit dem in der Morgensonne flimmernden Goldkreuz. Auf bequemem Feldweg über eine alte Steinbrücke hinüber – dort wurde ein breiter Abzugsgraben für das Wasser gezogen, das sich bei Regengüssen an dieser Stelle staute und Schaden anrichtete. Der Baron sprach mit den Leuten, besichtigte ihre Fortschritte und lobte sie; sie antworteten auf ihre Art freundlich, denn sie hatten ihn gern und sagten oft unter sich: „Ja, uns’ Baron – wenn der man könnt’! Aber man – er kann nicht!“ Und nun hinein in den Wald auf dem sanft bergan steigenden Waldweg! Ein frischer Wind bewegte die Kronen der Bäume und ließ das Flüstern der Blätter zum Rauschen anschwellen; aber noch etwas anderes kam dazwischen, ein regelmäßig wiederkehrender rhythmischer Laut … Eine letzte kleine Steigung noch, dann eine Waldblöße; die Bäume traten auseinander und da lag das Meer hingebreitet in ernster Bläue wie ein stolzer Königsmantel.

Am Rand dieser hohen Waldblöße war ein Pavillon erbaut, von dem aus der Blick nicht nur über das Meer schweifte, sondern auch rechts hinab über das schöne Gut, das wie ein funkelndes Kleinod an der Meeresküste lag, über Park und Schloß.

[046] Das Herz des Mannes, dessen Augen dieses mächtige Landschaftsbild umschlossen, schwoll auf in leidenschaftlicher Heimatliebe, in leidenschaftlichem Schmerz. In seinen Zügen arbeitete und zuckte es; ein unnennbares Mitleid mit sich selbst stieg in seiner Seele empor, wuchs riesengroß an und legte sich ihm wie ein grauer Nebel vor die Augen. Er schauerte zusammen, ließ die Zügel auf den Hals seines Pferdes sinken und schlug die Hände vor das Gesicht. Doch nicht lange. Mit einem plötzlichen Ruck richtete er sich auf und sah sich verstört und furchtsam um, ob ihn auch niemand beobachtet habe. Nein, nichts war zu sehen, kein Laut zu hören als das eintönige Rollen der Brandung. Still, wie aus Erz gegossen, hielten Reiter und Pferd eine Weile da oben; der frische Seewind umspielte sie und bewegte leise die Blätter der Rose, die der Mann an der Brust trug.

Da hob der Braune den Kopf und stieß ein helles Wiehern aus – er hatte einen guten Kameraden gewittert. Im Unterholz des Waldes knackte und rauschte es – Doßberg hatte sich im Sattel zurückgewandt und sah jetzt einen zottigen, etwas altersmüden Pony dahertrotten, auf dessen Rücken ein junger schlank gewachsener Bursche saß, ungefähr sechzehnjährig, blond und dunkeläugig gleich seiner Schwester Ilse, und hübsch, sehr hübsch. Der junge Reitersmann zog die Mütze vor dem Papa und lachte ihm freundlich entgegen.

„Nun Junge, guten Morgen! Du bist schon lange unterwegs, wie Ilse mir sagte.“

„Guten Morgen, Papa! Ja, ich bin in aller Frühe weggeritten, habe das Gut inspiziert“ – das kam sehr gesetzt und wichtig heraus – „aber jetzt hab’ ich einen fürchterlichen Hunger! Es war dumm von mir, kein Frühstück mitzunehmen. Hast Du zufällig etwas zum Essen hei Dir?“

„Gewiß hab’ ich! Wir wollen absitzen und im Pavillon frühstücken!“

Armin sprang ab und hielt den Braunen des Vaters diensteifrig beim Zügel. Die beiden Pferde wurden an eine Birke gebunden, Vater und Sohn setzten sich auf die halbrunde Bank im Pavillon, tranken leichten Rotwein aus der Feldflasche des Barons und aßen einige belegte Butterbrote, die für Armins Hunger nur zu rasch verschwanden. –

„Schau’ nur, Papa, welche Aussicht!“ unterbrach der junge Bursche das Schweigen und sah mit leuchtendem Blick zuerst rechts hinüber, wo das Schloß lag, dann geradeaus über das Meer. „O, etwas so Schönes wie unser Gut giebt es gar nicht mehr in der Welt!“

Der Baron erwiderte kein Wort, Armin beachtete das weiter nicht, sondern plauderte unbefangen weiter, ganz erfüllt von den Eindrücken, die er bei seinem Morgenritt empfangen hatte. „Die Wintersaat drüben beim Wilhelmsbühl steht vorzüglich und auch mit der Sommerung hinten beim Park wird es gehen … aber wie sieht das Feld rechts von der Wolframskapelle aus! Hast Du Dir das angesehen, Papa? So, als ob seit endloser Zeit gar nichts dafür geschehen wäre! Und unser Schafstall schreit zum Himmel – der Kälberstall, der fällt Dir ’mal zusammen, Du sollst es sehen! Und daß der Viehstand bei uns gar nichts taugt, das giebt sogar der alte Hinz zu! Freilich, Du hast der Ilse und mir letzthin gesagt, daß Du ein bißchen in Verlegenheit seiest – na ja, das kann bei dem besten Landwirt vorkommen – aber wie lange soll denn dieser halbe Zustand noch dauern?“

Armin hatte sich ganz rot und heiß gesprochen, er langte sich die Feldflasche herüber und that einen kräftigen Zug. Sein Verhältnis zum Vater, das immer sehr gut gewesen war, hatte sich seit einiger Zeit in ein beinahe freundschaftliches verwandelt, er hatte sich daher keinen Augenblick besonnen, eine so offene Sprache zu reden, im Gegenteil er hielt sich sogar für verpflichtet dazu. Papa hatte vielleicht andere Gedanken im Kopf, andere Sorgen … da mußte doch er, Armin, auf das Gut aufpassen, an dem er mit jeder Faser seines Herzens hing!

Der Baron sah seinen Sohn aus den großen Augen kummervoll an und strich ihm mit der Hand liebkosend über das weiche blonde Haar. Armin nickte wohlgemut. „Du glaubst gar nicht, Papa, wie ich mich danach sehne, von der Schule weg- und hier herauszukommen. Wär’ es nicht Dein bestimmter Wille, daß ich das ganze Gymnasium durchmachen soll, ich ginge lieber heut’ als morgen ab. Das Zeugnis für Prima bekäm’ ich schlankweg, und ob ich mich noch durch ein paar alte Griechen und Römer durcharbeite … was hilft mir das für meine landwirtschaftlichen Kenntnisse? Ich komme mir in der Schule so überflüssig vor – daran muß wohl auch unser Direktor gedacht haben, als er neulich mit mir sprach. Wirklich ein anständiger Mensch, wir sind sehr zufrieden mit ihm! ‚Also, Doßberg,‘ sagte er zu mir, ‚Sie wollen endgültig Landwirt werden?‘ ‚Jawohl, Herr Direktor!‘ ‚Hm!‘ machte er. ‚Ich möchte, sobald ich nur irgend kann, meinem Vater bei der Bewirtschaftung unseres Stammgutes helfen, da ich es ja später jedenfalls übernehmen werde.‘ – ‚Hm, hm!‘ machte er noch einmal – ich kann Dir sagen, es klang ganz bedenklich, als wollte er sagen: Mein Sohn, was willst Du überhaupt noch auf der Schulbank? Geh’ heim und bebaue Deine väterliche Scholle!“

Der Baron teilte diese Auffassung seines Sohnes durchaus nicht. Der Direktor hatte offenbar von der schlimmen Lage der Doßbergschen Verhältnisse gehört, und ihm kam die naive Zuversicht seines Schülers, der von der Uebernahme des Stammgutes wie von etwas Selbstverständlichem sprach, höchst sonderbar vor, daher sein bedenkliches: „Hm! Hm!“ Kapitän Leupold hatte ja bei einem seiner seltenen Besuche dem Baron ins Gesicht gesagt, daß die Lage der Dinge in „Perle“ durchaus kein Geheimnis mehr sei.

Armin sah seinen Vater, der noch immer schwieg, einen Augenblick unsicher an, dann aber fuhr er lebhaft fort: „Denk’ Dir, Onkel Leupold will mir zum Herbst zu den Enten- und Schnepfenjagden ein feines englisches Gewehr schenken – ein gescheiter Gedanke, nicht, Papa? Ich wollt’ es lieber gleich, aber er meinte: ‚Erst wollen wir sehen, ob Du so weit kommst, um zum Herbst auf ‚Perle‘ Enten zu jagen; dann werden wir uns weiter sprechen!‘ Na, wenn er damit mein Zeugnis meint – das werd’ ich wohl zeigen können! Wenn ich durchaus noch Schüler sein muß, dann will ich auch etwas taugen!“

„Ein sehr löblicher Grundsatz!“ Doßberg nickte mit einem schwachen Lächeln.

„Du bist aber riesig schweigsam, Papa – und gut bei Appetit bist Du auch nicht, ich hab’ beinah’ das ganze Frühstück allein aufgegessen! Fehlt Dir etwas?“

„Nein, mein Junge, mir ist ganz wohl! Aber wenn Du fertig bist, so wollen wir weiter reiten.“

„Sogleich, Papa! Nur mußt Du Deinen Braunen fest in den Zügel nehmen, daß der Pony gleichen Schritt mit ihm gehen kann. Der alte Kerl will gar nicht mehr vorwärts und einen Eigensinn kann er entwickeln – pyramidal!“

Ehe sie die Pferde losbanden, warfen Vater und Sohn noch einen letzten Blick auf Land und See. Fern im tiefen Meeresblau schwamm ein weißes Segel wie ein Schwan, in der Nähe des Strandes tummelten sich ein paar Möven, schnellten dicht über die Brandung hin und tauchten ihre leuchtenden Schwingen keck in den aufspritzenden Schaum.

„Wie schön!“ rief Armin und seine Brust dehnte sich unter einem schwellenden Atemzuge. „O, wie ich das Meer liebe! Freilich an die Ilse reich’ ich doch nicht heran! Die hat in letzter Zeit eine ganz unglaubliche Begeisterung für die See gefaßt; so und so oft läuft sie hierher, obgleich es zu Fuß ein ganz hübsches Ende bis da heraus ist.“

Die Stirn des Barons hatte sich bei Armins letzten Worten gefurcht. Sollte Kamphausen … Unsinn! Mit welchen Hirngespinsten er sich plagte! Als ob es nicht schon genug wirkliches greifbares Unheil in seinem Leben gegeben hätte! Sollte er sich auch noch mit nutzlosen Grübeleien das Herz schwer machen? In wenigen Tagen ging ja die „Nixe“ auf lange, lange Zeit in See!




4.

In ihrem bequemen Krankenstuhl, von Kissen und gerollten Decken auf beiden Seiten gestützt, saß die Baronin Doßberg am geöffneten Fenster, eine Freude, die ihr lange Zeit hindurch nicht zu teil geworden war, die sie seit Jahren so selten genoß. Ihre schmalen überzarten Finger ruhten gefaltet auf der blauen gestickten Decke, die man ihr über die Knie gebreitet hatte – blau war die Lieblingsfarbe der Baronin, in der sie auch jetzt noch gerne ein bißchen kokettierte. Sie war immer ein wenig eitel und kokett gewesen, die gute Baronin, aber beides äußerte sich harmlos, und da sie liebenswürdig war und keine Spur von [047] Hochmut besaß, so verzieh man ihr um so bereitwilliger ihre kleinen Schwächen. Von frühester Kindheit an ihrer Schönheit wegen bewundert, um ihrer zarten Gesundheit willen verhätschelt und geschont, hatte sie nur an sich selbst zu denken gelernt; kein tieferes geistiges Leben, kein ernsteres Interesse hatte jemals dieses schöne Gesicht beseelt; niemand, am wenigsten ihr eigener Gatte, hatte jemals eine andere Forderung an sie gestellt als die, schön zu sein und sich lieben und verwöhnen zu lassen. So war sie denn stets mit einem kindlichen spielenden Wesen über alles weggeglitten, und obgleich sie jetzt keine junge Frau mehr war und jene jugendliche Naivetät sie durchaus nicht mehr kleiden wollte, so konnte sie sich doch nicht davon trennen. Ging es ihr nur einigermaßen erträglich, gleich war auch ihr tändelndes Gebaren wieder da, das früher alt und jung entzückt hatte und das die Familie so herzlich gern der „armen Mama“ gönnte. Heute also gab es einen „guten Tag“ für die Baronin; sie hatte sich ein zartblaues Morgenkleid mit weißen Spitzen anziehen lassen, und auf ihrem blonden Haar saß ein winziges Spitzentellerchen von der Größe einer Handfläche, das mit seinen langen blauseidenen Bändern eine Morgenhaube vorstellen sollte. Ueber die Feinheit und Regelmäßigkeit dieser Züge hatte selbst die schwere Krankheit nichts vermocht, auch der alte Liebreiz beim Sprechen und Lächeln war noch zuweilen vorhanden, aber die Augen blickten übergroß aus den tiefen Höhlen, und die graziöse Gestalt war so abgemagert, so federleicht – Ilse konnte ihre Mutter wie ein Kind in die Höhe heben.

Die feinen blutlosen Finger der Kranken zupften unruhig an der Decke und drehten den Trauring, der ganz lose hing, hin und her. „Bring’ doch meine Schmuckkassette, Ilse!“ Die kranke Frau hatte eine weiche kindliche Stimme und sprach immer in einem etwas klagenden Ton wie jemand, der gewöhnt ist, sich selbst beständig zu bemitleiden.

Ilse holte aus einem in der Tiefe des Zimmers stehenden großen Schrank eine Kassette von schöner maurischer Arbeit hervor und stellte sie ihrer Mutter auf die Knie. Diese öffnete mit einiger Mühe den Deckel. Es kamen schöne kostbare Dinge zum Vorschein – Schmucksachen, die ihren bleibenden Wert hatten, aus deren Erlös man manche notwendige Verbesserung in der Wirtschaft hätte bestreiten können. Aber daran war nicht zu denken. Die „arme Mama“ mußte ganz ahnungslos bleiben, das Eigentum der „armen Mama“, in dem sie so gern ein wenig „kramte“, durfte nicht angetastet werden!

„Sieh ’mal diesen Brillantring, Ilse – diesen schönen alten Stein! Den schenkte mir Papa in Nizza. Wir waren in Monte Carlo gewesen, und ich hatte so hartnäckig Unglück im Spiel gehabt und war so traurig darüber, daß all das viele Geld weg war. Da kaufte mir Papa zum Troste den Ring.“

„Das war gut von ihm.“

„Ja, aber ich war auch so traurig! Er konnte es nie sehen, wenn ich traurig war. Was meinst Du, ich möchte den kleinen Ring vor den Trauring schieben, der mir etwas weit geworden ist – ob Papa es bemercken und den Ring wiedererkennen und sich freuen wird?“

„Sicher wird er das thun.“

„Sieh nur, er paßt! Früher trug ich ihn am kleinen Finger, und dahin steck’ ich ihn wieder, wenn meine Hände voller werden. Aber so nimm mir doch die schwere Kassette von den Knien, Klnd, sie drückt mich! Stell’ sie nur weg! Eigentlich hast Du wenig Schmuck, Ilse, aber ich kann Dir von meinem nichts abgeben, Papa würde es nicht leiden, daß Du meine Sachen trägst.“

„Ich dank’ Dir, Mamachen, ich hab’ gar kein Verlangen nach Schmuck.“

„Dann bist Du ein sonderbares junges Mädchen; in Deinem Alter schwärmte ich geradezu dafür. Ich weiß nicht einmal, ob ich das hübsch finden soll, wenn eine junge Dame in Deinen Verhältnissen so sehr bescheiden ist.“

„Spricht mein Mütterchen auch nicht zuviel, nein?“

„Es ist wirklich die Möglichkeit!“ Die kindliche Stimme der Baronin wurde weinerlich. „Nun hab’ ich einmal einen leidlichen Tag, nun ist mir endlich wieder etwas menschlich zu Mute nach all den Leiden … gleich heißt es, ich spreche zuviel!“

„Ich sage es nur aus Sorge um Dich.“

„Das weiß ich – natürlich, Du bist mein liebes, schönes, süßes Kind; aber Du mußt Deiner armen kleinen Mama nicht das bißchen Reden verbieten. Komm und küß’ mich! So! Warum hast Du Dein Haar nicht aufgelöst? Du weißt doch, wie sehr ich das liebe!“

„Ach, Mama, es verwirrt sich so -“

„Ein junges Mädchen muß doch etwas auf sich halten, zumal mit Deinem Gesicht, und wie entzückend steht Dir das offene Haar! Aber selbstverständlich auf Deine arme kranke kleine Mama hörst Du nicht. Du weißt es, sie freut sich, sie sieht dann sich selbst vor sich, wie sie noch jung und schön war – und Du denkst an Deine Bequemlichkeit, willst Dich nicht zausen –“

„Du hast recht, mein Mütterchen, ganz recht. Siehst Du, ich löse mein Haar schon auf!“

Das leicht gewellte goldblonde Haar, das einen seidenen Glanz besaß, reichte dem hochgewachsenen schlanken Mädchen fast bis zum Knie. Sie sah berückend schön so aus, allein auf ihrem Gesicht lag kein Behagen.

Die Mutter betrachtete sie mit träumerischem Entzücken. „Wen Du einmal heiraten wirst – mit Deinem Gesicht, Deinem Namen und Vermögen kannst Du an die besten Partien denken! Ich war ein einfaches armes Fräulein Leupold und bekam einen Baron von altem Adel und großem Reichtum. Unter einem Grafen dürfen wir für Dich nicht wählen!“

Ilse war rot und blaß geworden. „Das hat doch noch Zeit, Mama! Ich bin ja jung –“

„Nun, ich war nur ein Jahr älter, als ich Deinem Vater die Hand reichte. Freilich müßten wir eigentlich in die Stadt ziehen, denn wer sieht Dich hier? Die Krautjunker sind keine Freier für mein Kind!“

„Stand und Namen allein thun es doch nicht.“

„O nein! Du kannst ja auch Dein Herz sprechen lassen; ich hab’ ja auch Deinen Papa nicht Stand und Namen zulieb genommen. Du darfst es aber Deinen Eltern nicht verdenken, wenn sie für Dich hochfliegende Pläne haben. Nur muß ich Dich ganz in meiner Nähe behalten, damit ich Dich womöglich alle Tage oder doch sehr oft sehen kann. Ohne meine Ilse muß ich ja sterben!“

„Mama!“ Das junge Mädchen neigte sich tief herab und drückte ihre warmen vollen Lippen auf die blassen Hände der Kranken.

„In allem Ernst, dann sterbe ich!“ Sie schwieg ein Weilchen und hielt eine ihrer losen Locken neben Ilses Haar. „Mein Haar ist doch etwas nachgedunkelt. Ich meine, die Farbe ist nicht mehr ganz so goldig.“

„Ich finde keinen besonderen Unterschied.“

„Nicht? Das freut mich! Papa hat den Ton meiner Haarfarbe immer so gern gehabt. Du könntest mir Blumen besorgen, aber keine, die stark riechen –“

„Vielleicht ein paar Röschen?“

„Ja, bring’ sie, aber bleib’ nicht zu lange!“

Das junge Mädchen war in kaum zehn Mannen mit den Rosen wieder zurück.

„Du hast lange gebraucht. Komm, gieb die Blumen her und den Spiegel – den kleinen Handspiegel! Was meinst Du – zwei Rosen ins Haar, und diese hier an die Brust? So ist es hübsch, nicht?“

„Sehr, mein Mütterchen!“

„Da wird Papa sich freuen! Wo er nur bleibt? Ich muß sagen, es ist rücksichtslos von ihm, gerade heute so weit fortzureiten!“

„Er hat gewiß wichtige Besichtigungen vor.“

„Ach, was heißt das: wichtige Besichtigungen! Seine Frau muß ihm vorgehen, muß ihm wichtiger sein als alles andere –“ Sie sprach nicht zu Ende, denn die Thüre zum Krankenzimmer wurde ungestüm geöffnet und Armin trat hastig über die Schwelle.

„Gott, Armin, wie hast Du mich erschreckt! Ist das eine Art, wie man zu seiner kranken Mama ins Zimmer tritt? Komm her, bitte ab!“

„Entschuldige, Mama!“ Der Knabe beugte sich über die Kranke und küßte ihre Hände. „Ich war so in Gedanken – ich hatte bloß – na, mit einem Wort, sei nicht böse! Wie geht Dir’s? Hast Du gut geschlafen?“

„Das müßtest Du doch endlich wissen, Kind. daß ich niemals gut schlafe! Wie soll ich leidende kranke Frau denn dazu kommen? Leider, leider schlafe ich eigentlich nie.“

Es war dies eine unzerstörbare Einbildung der Baronin, daß sie „eigentlich nie schlafe“.

„Das ist aber doch nicht möglich, liebe Mama!“

[048] Ilse war hinter die Mutter getreten und machte dem Bruder ein Zeichen, still zu sein. Auf den ersten Blick war sie gewahr geworden, daß Armin sich in großer Aufregung befand - irgend etwas mußte ihm widerfahren sein, was ihn um alle Fassung brachte … wie hätte er sonst der Mama widerspreche können!

„Ja, wenn mir meine eigenen Kinder nicht mehr glauben, dann hab’ ich ja weiter nichts zu sagen, dann kann ich schweigen! Ob der Junge wohl überhaupt ein Herz für seine Mutter hat? Mit keinem Wort hat er seiner Freude Ausdruck gegeben, mich so gut und wohlaussehend zu finden!“

„Dazu hast Du mir gar keine Zeit gelassen, Mütterchen, ich wollte Dir ja das alles noch sagen. Natürlich freu’ ich mich riesig, Dich hier so wohl sitzen zu sehen. Das blaue Kleid mit den Rosen steht Dir prachtvoll!“

Frau von Doßberg war besänftigt. „Schmeichelkatze Du!“ Sie fuhr liebkosend über Armins blonden Kopf. „Nun, und wo ist Papa?“

„Papa? Der kommt gleich, er zieht sich bloß noch anders an, im Reitanzug wollte er nicht zu Dir ins Zimmer kommen.“

„Immer der feine Kavalier! Wenn Du Dir nur an Papa ein Beispiel nehmen möchtest!“

„Na, Mama, ich hab’ doch nicht Frau und Kinder!“

„Das nicht, Du unartiger Junge – aber Rücksicht üben gegen Mutter und Schwester, das kannst Du immerhin!“

„Thu’ ich auch! Du, Mama, kann ich die Ilse auf eine Weile loseisen von hier? Papa kommt gleich herauf und bleibt dann bei Dir.“

„‚Loseisen!‘ Was das wieder für ein Ausdruck ist! Aber geht nur beide, geht! Wenn Papa kommt, brauch’ ich Euch nicht!“

Ilse rückte noch einmal die Kissen im Lehnsessel zurecht, ordnete das Haar der Kranken, stellte die Klingel, ein Fläschchen mit erfrischendem Parfüm und einen kleinen Teller mit Gartenerdbeeren näher und küßte die Mutter zärtlich, ehe sie mit dem Bruder das Zimmer verließ.

Im Nebenraum, der ebenso groß, hoch und luftig war wie das eigentliche Krankenzimmer und gleichfalls mit hübschen gefälligen Möbeln ausgestattet, fanden die Geschwister eine ältliche Person von sanften angenehmen Zügen. Sie saß neben dem offenen Fenster und hatte vor sich auf dem Fensterbrett ein Buch, in dem sie eifrig las, ohne aber deshalb auch nur für eine Minute ihre Handarbeit ruhen zu lassen.

„Lina,“ sagte Ilse freundlich, „bitte, gehen Sie zu Mama hinein und bleiben Sie bei ihr, bis Papa da ist!“

„Ganz recht. Fräulein Ilse!“

Lina war schon seit langen Jahren im Dienst der Baronin und wurde von dieser als ihre spezielle „Jungfer“ betrachtet, leistete jedoch außerdem in der sparsam gewordenen Wirtschaft noch eine Menge anderer Dinge, von denen die kranke Dame keine Ahnung hatte, denn Lina war eingeweiht in all die Beschönigungen, mit denen man die Kranke umgab.

Armin hatte die Schwester bei der Hand gefaßt und zog sie so rasch mit sich fort, daß sie ihm beinahe nicht zu folgen vermochte. „Wohin willst Du denn? In den Garten?“ fragte sie atemlos.

Er schüttelte den Kopf. „Es könnte uns jemand hören. Lieber auf Dein Zimmer!“

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 4, S. 59–62

[059] [060] vermochte, klang seine Stimme ganz heiser. „Unterzeichnet war es von Sorau – das ist Papas neuer Justizrat – Du weißt doch, daß Wahlborn, der lange Jahre alles für uns besorgt hat, im vergangenen Herbst gestorben ist?“

„Ja. ich weiß! Und was stand in der Depesche?“

„‚Sicherer Käufer gefunden. Erwarte Besprechung morgen nachmittag sechs Uhr bei mir.
 Sorau.‘“

Ilse schien wie betäubt von dem Gehörten. Sie atmete einigemal zitternd auf und sah um sich, als glaubte sie, zu träumen. „Und das – das ist?“ fragte sie zuletzt leise.

„Das ist die ‚Perle‘, die sie verkaufen wollen!“ rief Armin leidenschaftlich. Er warf den Kopf zurück, ballte die Hand zur Faust und setzte die Zähne fest aufeinander. Er wollte nicht weinen, vor Ilse nicht weinen, aber umsonst; als er das Wort ausgesprochen hatte, stürmte ein ungeheurer Schmerz auf ihn ein, der stärker war als sein Wille, ein krampfhaftes Schluchzen stieg aus seiner Brust empor, er warf die verschränkten Arme auf den kleinen Tisch, der vor ihm stand, ließ den Kopf darauf niederfallen und brach in lautes bitterliches Weinen aus.

Und Ilse, trotzdem sie die weitaus Stärkere war und viel mehr Selbstbeherrschung besaß als ihr junger Bruder, legte ihren goldlockigen Kopf neben den des Knaben und weinte mit ihm. Doch nur wenige Augenblicke. Was nun? Was wurde mit Papa? Diese und ähnliche Fragen stürmten auf sie ein und gaben ihr die Fassung zurück. Sie redete dem Bruder sanft zu und strich ihm liebkosend mit der Hand über den Kopf, wie sie es früher gethan hatte, wenn „dem Kleinen“ irgend ein Unfall zugestoßen war. Armin wurde ruhiger. Er lehnte die Wange an Ilses Schulter und sah aus den heißen verweinten Augen traurig zu ihr auf. Dann fuhr er entschlossen in seinem Berichte fort: „Ich ließ die Depesche fallen, als wenn ich mich daran verbrannt hätte. und spritzte Papa Wasser ins Gesicht, fand auch eine Flasche Cognac in seinem Schrank und träufelte ihm einige Tropfen in den Mund – aber alles das that ich erst, nachdem eine Weile hingegangen war, denn ich war anfangs vor Schreck wie gelähmt. Papa kam wieder zu sich, schien sich aber zuerst auf nichts zu besinnen, denn er sah ganz verwirrt aus und sprach kein einziges Wort. Und ich sagte auch nichts. Ich wollte nicht verraten. daß ich die Depesche gelesen hatte – und er fragte auch nicht danach. Lina hatte mir auf der Treppe mitgeteilt, daß Mama den Papa oben erwarte. diesen Auftrag richtete ich noch aus, und dann schlich ich weg, ohne daß er es beachtete. Ich mußte zu Dir. Du mußtest alles wissen! Aber ich sag’ es Dir, Ilse, ich leid’ es nicht, daß die ‚Perle‘ verkauft wird. Die ‚Perle‘ soll und darf nicht verkauft werden!“

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Aus dem wird was!
Nach einem Gemälde von Emanuel Spitzer.
Photographie im Verlage der Photographischen Union in München.


Ilse sah den leidenschaftlichen Knaben mit einem wehmütigen Lächeln an. „Ach, Armin, wie willst Du das hindern?“

„Ich weiß noch nicht – ich – ich werde mit Onkel Leupold reden, der ist praktisch und hat auch Geld, und er ist doch Mamas Bruder. Denkst Du nicht, daß er uns helfen kann?“

„Ich glaube nicht. Er –“

Ilse kam nicht weiter. Ein wohlbekannter Schritt wurde draußen hörbar. gleich darauf wurde leise an die Thür geklopft.

Die Geschwister sahen einander in die Augen. „Herein!“ sagte Ilse.

Der Baron trat rasch ins Zimmer, einen flüchtigen Blick nur warf er auf die verweinten Gesichter seiner Kinder, dann senkte er die Augen. Ilse war aufgesprungen, sie ging ihm entgegen, legte liebevoll den Arm um seinen Nacken und führte ihn zu dem eben von ihr verlassenen Platz. „Ist Dir besser, Papa? Soll ich Dir nicht ein Glas Wein holen?“

Er schüttelte stumm den Kopf und ließ sich schwerfällig in die Sofaecke nieder. Es dauerte eine Weile, ehe er imstande war, zu sprechen. „Ich bin gekommen, Euch ein Geständnis zu machen. Die Mutter darf nichts wissen, aber Ihr – Euch bin ich die Wahrheit schuldig.“ Er suchte nach einleitenden, vorbereitenden Worten – er fand keine. „Es steht schlimm mit mir, hoffnungslos! Ich kann das Gut nicht länger halten. Ich muß die ‚Perle‘ verkaufen.“

Ilse sah ängstlich nach Armin hinüber, sie fürchtete seinen leidenschaftlichen Widerspruch. Aber der Knabe schwieg. Angesichts des Vaters, der in gebrochener Haltung dasaß und mit tonloser Stimme einen Entschluß verkündete, der ihm ans Leben gehen mußte, fand er seine kühnen Worte und Vorsätze nicht wieder.

„Ihr sagt nichts, Ihr habt geweint – woher wußtet Ihr?“

„Armin hat die Depesche gelesen, lieber Papa!“ sagte Ilse sanft, da ihr Bruder beharrlich schwieg.

[061] Der Baron fuhr zusammen, und die Hand, die auf der Tischdecke lag, zitterte. Ilse neigte sich über diese zitternde Hand und küßte sie. Armin legte leise einen Arm um seines Vaters Schulter. „Solche Kinder heimatlos machen, sie enterben müssen!“ rief Doßberg, in plötzlich ausbrechendem Jammer. „Solche Kinder!“

„Nein, nein. Papa – nicht so! Nicht so aufgeregt, es schadet Dir! Sag’ uns alles! Dir ist ein Käufer vorgeschlagen durch den Justizrat? Wer ist es? Kennst Du ihn?“

Der Baron machte ein verneinendes Zeichen. „Ich war neulich bei Sorau; ich hatte zuvor meine Verhältnisse genau geprüft und wußte, mir war nicht mehr zu helfen. Ich weihte Sorau ein und sagte ihm, er möge sich unter der Hand nach einem Käufer umschauen; allerdings müsse ich meine Bedingungen stellen. Meine Gattin, Eure arme Mutter, dürfe von der bevorstehenden Veränderung nicht betroffen werden, dürfe, wenn es irgend moglich sei. gar nichts davon erfahren. Sie müsse daher auf dem Gut bleiben. ihre Zimmer lägen abgesondert von der ganzen Flucht der Hauptgemächer in einem Seitenflügel – und solange Eure Mutter lebe. müsse der neue Besitzer auch uns gestatten, bei ihr zu bleiben. Wir würden mit wenigen Zimmern in demselben Seitenflügel vorlieb nehmen ...“

Armin wollte auffahren, Ilse legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.

„Ich – ich wußte mir nicht anders zu helfen,“ murmelte Doßberg verzweifelnd.

Eine bange Stille. Durch das Epheulaub, das sich in einem vergoldeten Gittergeflecht innen am Fenster emporrankte, fielen tanzende Lichter in das helle freundliche Zimmer, draußen auf dem breiten Fenstersims zwitscherte ein Stieglitz aus heller Kehle, und Ilses Kanarienvogel machte schüchterne Versuche, dem musikalischen Kollegen da draußen zu antworten.

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Aus dem wird nichts!
Nach einem Gemälde von Emanuel Spitzer.
Photographie im Verlage der Photographischen Union in München.

Ilse hatte den Kopf in die Hand gestützt; sie wußte es nicht, daß Thräne um Thräne über ihre Wangen rollte – ihr war unsäglich weh ums Herz. Verstoßen aus der lieben alten Heimat, aus Barmherzigkeit vielleicht geduldet von dem fremden Besitzer, sie selbst samt ihrem Vater in ein unentwirrbares Netz von Ausflüchten und Unwahrheiten verstrickt gegenüber der kranken Mutter, die immer und überall die Ahnungslose bleiben sollte – wie würde ein solches Leben zu ertragen sein? Ach, und das eine noch, das Schwerste – ihr süßes und doch so trauriges Herzensgeheimnis, das nun auf unabsehbare Zeit ein Geheimnis bleiben mußte, da sie die Ihrigen jetzt unmöglich verlassen durfte! Wie sollte sie all das durchkämpfen, wie den ungeduldigen leidenschaftlichen Geliebten beschwichtigen, dem das eine Jahr, das vor ihnen lag, schon ein unerträgliches Hindernis schien, der nach Ablauf dieses Jahres sicherlich jede Schwierigkeit mit Ungestüm aus dem Wege räumen würde, um sich sein „gutes Recht“ zu holen! Welch ein Abschied stand ihr bevor, welch eine Zeit trostloser Oede! Und wenn sie dann an den armen Knaben, ihren Bruder, dachte, dessen ganze Seele an seinem künftigen Beruf, an diesem Besitztum hing, dann wurde ihr das Herz doppelt schwer und ein schwarzer Schatten schien sich langsam und unabwendbar herabzusenken auf ihr junges blühendes Leben.

Zuletzt brach Armin das trostlose Schweigen. „Könnte Onkel Erich nicht helfen, Papa?“

Doßberg schüttelte den Kopf.

„Ist Onkel Leupold nicht reich?“

„Nein, Kind, das ist er nicht. Erich war von Hause aus arm und hat sich allmählich ein Vermögen gesammelt, von dessen Zinsen er anständig leben kann – das ist alles. Hilfe – für die ist es jetzt zu spät. Freilich, ich hatte immer noch Pläne“ – unwillkürlich sah der Baron zu Ilse hinüber – „Pläne, die ich später zu verwirklichen hoffte, aber die Zeit drängt, und Eure arme Mutter – wie könnte ich sie mit Ilse zusammen verlassen?“

„Mit mir zusammen, Papa? Aber warum denn das?“

Doßberg strich mit der Hand kosend über das schöne Goldhaar seiner Tochter. „Ich hatte so meine stolzen Pläne mit Dir, Liebling, in aller Stille. Das ist zu Ende. Wenn es sich bestätigt, daß der Käufer sicher, das heißt zahlungsfähig ist und auf meine sonstigen Bedingungen eingeht, dann – dann muß ich –“

„Vielleicht irrt sich aber der Justizrat!“ fiel Armin hastig ein.

„Das glaube ich nicht. Sorau ist sehr vorsichtig, ein gewiegter erfahrener Geschäftsmann; er würde mir niemals dies Telegramm geschickt haben, wenn er des Käufers nicht sicher wäre.“

„Und Du willst hier auf dem Gut bleiben, Papa, und zusehen, wie ein Fremder hier schaltet und waltet?“ fragte Armin bitter. „Das hältst Du nicht aus, Papa!“

„Ich glaube, ich halte es noch weniger aus, fern von dem [062] Gut zu sein,“ erwiderte der Baron mit einem mühsamen Lächeln, das Ilse ins Herz schnitt. Seine Stimme war müde und bebte wie von unterdrückten Thränen.

Da pochte es leise, schüchtern an die Thür – Lina öffnete kaum handbreit, so daß sie nicht ins Zimmer hineinzusehen vermochte, und meldete mit ihrer ruhigen Stimme: „Die Frau Baronin schickt mich – die Herrschaften verzeihen. Die Frau Baronin läßt fragen, ob der Herr Baron nicht bald erscheinen werde.“

„Gut, Lina! Gehen Sie voran und sagen Sie, ich folge Ihnen auf dem Fuß!“

Und Doßberg trat vor Ilses hohen Stehspiegel, bürstete sich das Haar, zupfte sich die Kravatte zurecht und suchte eine lächelnde unbefangene Miene anzunehmen, damit seine Frau nichts ahne von dem Sturm, der über ihn hereingebrochen war.




5.

In der denkbar schlechtesten Laune ging Kapitän Leupold in seinem Häuschen von Kabine zu Kabine. Vor etwa zwei Stunden hatte ein Bote einen wohlverschlossenen Brief bei dem Alten abgegeben, in dem nichts als die Worte standen. „Lieber Kapitän! Um sechs Uhr heute abend wird meine Ilse bei Dir sein; eine Viertelstunde später komme ich auch. Besten Gruß!
 Albrecht.“

Diese Zeilen versetzten den Empfänger in einen stillen Grimm. Er bereute es, sich zu solchem „Blödsinn“ hergegeben zu haben, es kam ihm dumm und lächerlich vor, daß er, Erich Leupold, die Zusammenkunft eines Liebespaars begünstigen sollte, und die zwei Worte „meine Ilse“, die Kamphausen im Gefühl seines Glückes niedergeschrieben hatte, empörten ihn vollends. „Meine Ilse! Hat sich ’was! Wie will er sie denn kriegen? Entführen vielleicht und dem stolzen Herrn Papa, der sterbenskranken Mutter ’ne Nase drehen? Dazu soll ich wohl auch noch herhalten, vielleicht auch den Standesbeamten hierher einladen und in meinem Haus Hochzeit ausrichten? Da soll doch ....“

Das waren die menschenfreundlichen Gedanken, die dem Kapitän durch den Kopf gingen, während er jetzt wie ein gereizter Löwe im „Achterdeck“ auf und ab ging und hier und da einen zornsprühenden Blick auf seine „büßende Magdalena“ warf, wie wenn sie für das ganze Unheil verantwortlich wäre.

Dido, die ihrem Herrn in einem Zärtlichkeitsanfall von rückwärts unversehens auf den Rücken sprang und ihn liebevoll mit den kleinen behaarten Armen umhalste, wurde erbost weggeschleudert, Cato. der einen redseligen Tag hatte, wurde wütend angeschrien, sein „verfluchtes Geschnatter“ zu lassen, und Jan Grenboom, der mit einer harmlosen Frage kam, wurde einfach hinausgeworfen. Die Laune des Kapitäns gestaltete sich dadurch nicht besser, daß sich keiner seiner drei Genossen auch nur im mindesten an seinen Zorn kehrte. Dido schnitt despektierliche Gesichter und saß ihm nach fünf Minuten von neuem auf dem Nacken. Cato legte den Kopf auf die Seite, sah den Gebieter frech an und kramte unermüdlich sämtliche Schimpfnamen aus, die Jan Grenboom von seinem Herrn zu hören bekam und die der gelehrige Vogel abgelauscht hatte, und Jan Grenboom sang draußen in der Küche beim Abspülen der Kaffeetassen mit unverwüstlichem Vergnügen: „Freut Euch des Lebens!“

Eine kleine kostbare Stehuhr, die Leupold dereinst in New York eingehandelt hatte, holte zum Schlagen aus und ließ aechs rasche helle Töne hören. Der Kapitän lächelte verächtlich. „Sechs Uhr! Natürlich auch noch unpünktlich wie alle Frauenzimmer! Nicht einmal bei ihren Liebesgeschichten verstehen sie, Wort zu halten!“ Im gleichen Augenblick läutete es draußen, und man hörte Jan Grenboom seinen Gesang unterbrechen und irgend etwas knurren, was eine Begrüßung bedeuten sollte. Dann that sich die Stubenthür auf, und Ilse trat ein, in einem knapp sitzenden weißen Wollkleid, einen großen weißen Strohhut über dem Goldhaar, einen frischen Maiblumenstrauß an der Brust. Aber selbst dieser Anblick wirkte nicht besänftigend auf den alten Seebären, trotzdem – oder vielleicht weil es ein so reizender Anblick war.

„Grüß Gott, Onkel Erich!“

„Guten Tag, Ilse!“ Der Kapitän hielt das schmale Händchen brummend in seiner breiten Tatze.

„Viele Grüße von Mama!“

„Die weiß also, daß Du zu mir kommst?“

„Ja, das weiß sie!“

„Aber sonst weiß sie nichts?“

„Nein!“

„Natürlich! Deine Mutter ist ihr Lebenlang wie eine Wachspuppe behandelt und mit Handschuhen angefaßt worden, und dabei bleibt’s bis an ihr seliges Ende!“

Ilse antwortete nicht. Sie stand dicht neben dem Bilde der Magdalena; der Kapitän sah forschend von ihr hinüber zu dem Gemälde – nein. sie glichen einander nicht!

„Hast Du mir nichts zu sagen?“

„Ich – ja – viel sogar! Es steht traurig bei uns. Papa ist mit mir hierhergefahren, er ist bei Justizrat Sorau. Unser Gut ist nicht mehr zu halten. Onkel Erich, sie wollen die ‚Perle‘ verkaufen!“

„Hm! Und der Justizrat weiß einen Käufer?“

„Ja – er telegraphierte das an Papa.“

„Wenn der Käufer ’was taugt, könnt Ihr von Glück sagen.“

„Ach, Onkel! Glück! Unser Glück geht hin mit der ‚Perle‘!“

„Dummes Zeug! Solange Ihr das Gut auf dem Halse habt, kommt Ihr Euer Lebtag nicht ’raus aus der Patsche! Aber natürlich seid Ihr nun alle zusammen kreuzunglücklich, Dein Herr Vater und Du und der Junge – was?“

„Ja, sehr unglücklich! Die arme Mama! Sie darf gar nicht transportiert werden – und sie soll nichts wissen. Wir müssen den neuen Besitzer bitten, uns noch auf dem Gut zu dulden, bis – bis die arme Mama –“ Ilse konnte nicht zu Ende sprechen.

„Herrgott, so heul’ doch nicht!“ Leupold machte Anstalt, sich die Ohren zuzuhalten. „Gerechter Himmel! Nicht genug an der einen sentimentalen Geschichte – jetzt kommen sie mir auch noch mit der zweiten!“

Das junge Mädchen erhob den Kopf. „Ich hab’ mir das Unglück nicht bestellt! Nun wir mitten drin sind. müssen wir’s ertragen, da hast Du recht. Daß es Dir aber schon zuviel ist, bloß davon reden zu hören –“

Der Kapitän zog die Augenbrauen empor und sah seine mutige Nichte groß an. Er nahm ihr das, was sie sagte, nicht übel und fand, daß sie die Wahrheit spreche. „Halt!“ entgegnete er gelassen. „Wenn ich so ’was nicht gern hör’, so hab’ ich meine Gründe dafür. Lebte ich in solchen Verhältnissen, daß ich Euch ordentlich helfen könnte – dann wollt’ ich alles haarklein wissen und Du könntest Deine Litanei herbeten von Anfang bis zu Ende. Aber ich kann eben nicht helfen und darum ist mir’s zuviel, davon zu hören. Verstanden?“

Ilse nickte.

„Und nun zieh’ die Handschuhe aus und nimm Dir das Ding da vom Kopfe. Willst Du 'was zu essen haben?“

„Danke sehr!“

„Dann trink’ dies! Echter Madeira – zier’ Dich nicht! So ’was bietet Dir kein anderer Mensch an!“

Ilse zierte sich nicht und trank das Gläschen leer. Während dessen besah sich der Kapitän das junge Mädchen mit grimmiger Miene. „Hm – ja! So also sieht ’ne heimliche Braut aus? Schöne Geschichten machen wir hinterm Rücken der Eltern! Sieh mich ’mal an!“ Er schob ihr rundes Kinn leicht mit dem Finger empor und sah ihr prüfend in die Augen, in die er tief, tief hineinschauen konnte. „Nun sind wir wohl zum Sterben traurig, wie?“

„Nein, Onkel – glücklich trotz allem und allem !“ Um den süßen roten Mund wachte das Lächeln auf und ein warmer Strahl leuchtete in den schönen Augen.

Draußen erklang tiefes dröhnendes Hundegebell, ein rascher Schritt im Vorflur, eine männliche Stimme. Eine heiße Blutwelle schoß verräterisch in das zarte Gesicht bis unter die schimmernden Stirnlocken. Mit einer flinken Bewegung machte Ilse sich von dem Onkel frei, und rasch wie eine Schwalbe schoß sie davon, dem Eintretenden entgegen. Der alte Leupold, der gar nicht weiter beachtet wurde. zog sich samt Cato und Dido in das Vorderzimmer zurück und überließ das „Achterdeck“ dem Brautpaar.

(Fortsetzung folgt.)




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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 5, S. 78–83

[078] Albrecht und Ilse schwiegen beide, als Kapitän Leupold sie allein gelassen hatte. Wenn man einander unendlich viel zu sagen hat, findet man schwer das erste Wort. Womit den Anfang machen? Wie das Uebermaß dessen, was auf unser Herz einstürmt, bewältigen? Sie sollten auf eine Zeit, die ihnen unglaublich lang erschien, Abschied voneinander nehmen; es konnte ein Abschied für immer sein. Die Verhältnisse lagen so ungünstig für sie, daß eine Vereinigung kaum denkbar, nur wie durch ein Wunder möglich erschien … und doch, wie glücklich sie aussahen, wie glücklich sie waren, diese beiden! Voll Entzücken ruhten Albrechts Blicke auf dem lieblichen Geschöpf, das er in seinen Armen, an seinem Herzen hielt. Wie viel Herrliches und Schönes hatte er auf seinen weiten Reisen schon gesehen – war sie nicht das Herrlichste, das Schönste? Und war diese wundersame Hülle nicht doch nebensächlich, wenn man ihr Herz kannte, das so treu, so lauter war? Mit einem raschen Kusse erwiderte Ilse seinen Blick. In ihrem starken festen Herzen lebte eine freudige Zuversicht, daß noch alles gut werden müsse, und wenn auch das Unglück ihrer Eltern und der Abschied ihre Seele bedrückten, so wollte sie das doch dem Geliebten nicht zeigen. Wenn sie ihm, der hinaus mußte auf das tückische Meer, in die Fremde, mit Thränen kam, mit Zittern und Bangen – war das nicht selbstsüchtig und feige von ihr? Und so lächelte sie ihn denn an mit ihren sonnigen Augen.

„Wie gut von Onkel Erich, daß er uns erlaubt hat, hierherzukommen! Er muß Dich sehr lieb haben.“

„Dich viel mehr, Liebling!“

Ilse schüttelte den Kopf. „Ich glaub’ es nicht. Die Frauen sind ihm weiter nichts als ein notwendiges Uebel.“

Albrecht warf den Kopf zurück, um anzudeuten, daß es gleichgültig sei, was der sonderbare alte Kauz über die Frauen im allgemeinen und über Ilse im besonderen denke, dann senkte er seine heißen dürstenden Lippen in das Goldhaar seiner Braut.

„Albrecht, wie soll das werden, wenn wir nun auf so lange Zeit voneinander getrennt sind?“

„Ich weiß nicht!“ Seine Stirn war gefurcht, er atmete schwer.

Sie strich ihm sanft mit der Hand über die Augen. „Es thut mir weh, Dich so zu sehen.“

Ein mühsames Lächeln verzog seine Lippen. „Verzeih’, Ilse! Ich will versuchen – versuchen … nun aber von Dir! Wie steht es daheim? Keine Aenderung zum Guten?“

„Zum Guten? Ach, wenn Du wüßtest!“

„Alles will ich und muß ich wissen.“

„Es geht zu Ende mit uns! Die ‚Perle‘ muß verkauft werden, die Mama –“

„Ilse – Geliebte … nicht weinen!“

„Nein, nein!“ Tapfer rang sie die aufsteigenden Thränen nieder. „Aber, Albrecht, sag’ – ist es nicht hart? Der arme Papa! Und Armin, der kein anderes Lebensziel, keinen anderen Wunsch hat, als einst die ‚Perle‘ zu bewirtschaften!“

„Und Du selbst, Ilse!“

„Ich! Bin ich nicht tausendfach glücklicher als sie alle? [079] Aach ich liebe die .Perlen aber hundertmal mehr noch hängt meiu Herz an.Dir!^

Er entgegnete nichts darauf, ihm war das Herz zu voll. Er konnte nur die Lippen und die Augen küssen, die ihm das sagten. „Und Du glanbst nicht,“ nahm er nach einer Weile das Wort. „daß jetzt, gerade jetzt der geeignete Zeitpnnkt wäre, vor Deinen Vater zu.treten nad^ahm zu sagen. hier ist ein Mann, der um Ihre Dochter wirbt, kein Millionär und kein Gras, aber einer, der sein Alles dransetzt, sie glücklich zu machen. dem nichts zu schwer und nichts zuviel ist für sie und die Ihrigen! Du glanbst nicht, daß es jetzt gnt wäre, so zu.sprechen? Du schüttelst den Kopf?^'

Bittend faltete sie die Hände auf seiner Brnfk „Ach, Liebster, wir müssen Geduld haben, müssen abwarten, wie sich alles gestaltet. Das ist schwer für mich ,. unendlich viel schwerer noch für Dich, den Mann, der sich sein Schickfal felbft schaffen möchte. Aber um meinetwillen, bitte, verfnch' es um meinetwillen, rnhig und gednldig zu.sein! Ich kann es nicht über mich gewinnen, Leid um Leid auf den armen gebrochenen Papa zu.hänfen, und meine kranke Mama darf ich nichts verlaffen. solange sie lebt - sie kann nicht ohne mich sein, ich weiß es! Der Arzt sagt, ihr Leben hänge an. einem Faden ^ wie dars ich da .... . ...

„ Sprich nicht weiter, Ilse! Du haft recht, ich muß verfnchen, gednldig zu.sein - um Deinetwillen! Darf ich doch den nner- schütterlichen Glanben an Dich fefthalten !“

..Das darfft Du, Albrecht! Ich dan^e Dir!“

Sie fahen einander tief in die Augen - da schlug die kleine helltönige Stehnhr die fiebente Stunde. Ilfe fuhr erschtocken zu. fammen und flüsterte^ „Schon?“ Kamphansens Gesicht wurde trübe, seine Hand fnhr in eine Seitentasche seines Unisormrocks und brachte ein Sammettäschchen zu. Vorschein, das er in Ilses Rechte legte. Fragend sah sie zu.ihm auf.

„ Es gehört Dir. Oeffne es nur!^'

Innen, auf dem blanen Atlaspolfter, lag eine feingegliederte Goldkette, daran ein Medaillon, in deffen Mitte ein einziger großer Brillant wie .eine blitzende Throne fnnkelte. Mit vor- fichtigem Finger drückte Ilfe auf den Deckel des Medaillons - Albrechts Züge, die den gewohnten, männlich kühnen Ansdrnck trngen, blickten ihr aus der koftbaren Fafsung entgegen.

„Albrecht - Du Lieber, Gnter, wie soll ich Dir danken! Damit Du siehst, daß auch ich an Dich gedacht -“ sie zog ein Büchlein hervor. anßen knnftvoll in Gold und Seide gestickt, die Innenfeiten wiesen Ilses Photographie und eine Locke ihres Haares, die forgfam mit Goldfäden befeftigt war.

„Ilse!“ Kamphansen nmschlang zärtlich die geliebte Gestalt. Im nächsten Angenblick jedoch ließ ein ingrimmiges Ränspern in der ..Nebenkajüte“ die beiden anseinanderfahren. Mit schwerem wiegenden Tritt trat Kapitän Lenpold ein. „Vitt' nnterthänigft um Vergebung! Komme, um meiuem Fräuleiu Nichte etwas zu zeigen, was sie aller Wahrscheinlichkeit nach interessieren wird. Komm' 'mal her, Prinzeß Ilse, fetz' Dich neben nach - so ! Ich werd'^ Dich nicht beißen! - Uff!“

Er hatte einen ganzen Pack Land^ und Seekarten unter dem Arm und ließ .ihn jetzt schwer auf einen eichenen Arbeitstisch niederfallen -so ziemlich das einzige Möbel im ganzen Achterdeck“, das kein ansländisches Gepräge an sich trng.

..Damit Du weißt, wo er bleibt, der Herzallerliebste! Da! .Ich hab' Dir seinen Knrs eingezeichnet und will Dir alles sagen. Wenn Du willst, schreib' Dir's aus!“

„Ob ich will! Das ist gut von Dir, Onkel!“

..^n danken branchft Du nicht, es geschieht bloß der Ordnung wegen, 'ne richtige Seemannsbrant.. die muß doch wissen, woher und wohin - fonft tangt sie den Denfel 'was.^'

Mit anfmerkfamen Blicken folgte Ilfe dem. dentenden Finger des Alten und feinen Erklärungen.. Er hatte alles am Schnürchen, zeigte, kramte allerlei Erinnerungen aus, während Ilfe ^eifrig zu. hörte und sich in ihrem kleinen Daschenbnch Notizen machte. Kamp- hanfen warf hin und wieder ein . erlänterndes Wort dazwischen, im ganzen war .er schweigfam und ließ seinen alten Frennd reden. Flüchtig. verstohlen streiften seine Lippen die Hand, das Haar, die Stirn seiner Geliebten^ Ein paarmal schante Lenpold zufällig auf, wenn dies geschähe üad eine herbe spöttische Grimasse legte Zengnis von den Empsindungen ab, die ihn bei solchem Anblick bewegten.

Als . die Belehrung beendet war und Ilse sich über das ^,Woher und Wohin“ ihres Verlobten gehörig nnterrichtet zeigte,

erhob sich der alte Kapitän schwersällig, mit einem schmerzhaften Zncken des Gefichts-der Rhenmatismns zwickte ihn trotz des schönen Frühsahrs tüchtig, was nnsehlbar einen Umschlag der Witterung bedenten mnßte - packte seine Karten wieder zu.ammen und empsahl sich mit einem anzüglichen. „Viel Vergnügen, aber nur bis acht Uhr! Du weißt. Prinzeß Ilse, gleich nach Acht mnßt Du pünkt^ lich an Bord . . . will sagen, bei Deinem Vater im Gasthos sein.“

Er ging ins Nebenzimmer, holte sich die neneste Reisebe- schreibung hervor ^ er las viel, natürlich nur Bücher, die einiger- maßen in sein ..Fach“ schlngen - und vertieste sich mit Eiser in die Seltsamkeiten, die der Versasser, ein englischer Natnrsorscher, be^ richtete. Förmlich erschreckt fnhr er empor, als plötzlich die Dhür. die zu. „Achterdeck“^ führte, ungeftüm geöffnet wurde und Albrecht Kamphanfen an ihm vorüberstürmte. Des jungen Mannes Gesicht war blaß. die Lippen hatte er feft zu.ammengepreßt und die Hand ge^ ballt. Die Augen glühten ihm wie im höchftenZorn, und doch kämpfte er nur gegen die Dhränen, die heiß anfangenden Dhränen. An seinem alten Frennde lief er vorüber, als sähe er ihn nicht, sein Blick ging wie drohend unter den finster gefnrchtea Brauen in die Weite. Draußen angekommen, gab er mechanisch feinem „Korfar“ mit der Hand ein Zeichen, ihm zu.folgen, und eilte mit fliegenden Schritten davon.

Erich Lenpold hatte keinen Verfnch gemacht, .Kamphanfen zu.ückzu.alten ^ er wollte ihn ja morgen noch zu. Bahnhof be^ gleiten, und daß es heute. nach einem folchen Abschied, den Freünd nicht mehr nach einem andern ^vernünftigen“ Gefpräch verlangte, das konnte sich der alte Seebär denken, wenn er es auch keines- wegs billigte. Kopfschüttelnd setzte er sich anss nene an seine Lektüre und wartete auf „Prinzeß Ilse“.

Es danerte eine ganze Weile - sie kam nicht. Der Kapitän merkte endlich, daß er weiter und weiter las, ohne den Sinn der Worte zu.fgffen. Aergerlich wars er das Bnch beiseite, horchte zum Nebenzimmer hin und ..schlich“ sich dann „aus den Zeheu“ zur Dhür. Aber was der Kapitäu „ schleichen nannte, war immerhin noch ein so wnchtiger Schritt, daß die Dielen knarrten.

Die Dhür zu. ..Achterdeck“ war halb ossen geblieben, und durch den Spalt gewahrte Lenpold, wie seine Nichte, hilslos auf einen Stnhl hingefnnken, die Arme gner über die Platte des Eichentisches geworfen und das Gesicht daranf gelegt hatte. Goldene Sonnen- ftrahlen irrten über das schöne Haar und dies Haar zitterte und bebte, deun das Mädchen weinte, weinte leidenschaftlich und bitter- lich, jetzt, da der Liebfte von ihr gegangen, jetzt, da sie allein war.

Als sie das Kommen des Alten vernahm, richtete sie sich haftig empor, sah verwirrt um sich, wie wenn sie nicht recht wisse, wo sie sich besinde, und sagte dann mühsam, mit dem kläglichen Ver- snch, tapser zu.sein^ „Verzeih' mir, Onkel Erich!“

Der Angeredete hob die Achfeln. „Du scheinst mich über- hanpt für gar keinen Menschen anzu.ehen. Da es 'mal so weit kommen mnßte, da er nun 'mal Dein Liebster ist und da es für Ench 'ne Trennung giebt, die vielleicht aus immer ist - so ist's am Ende natürlich, daß Dn“ -. er wollte sagen. „henlst“, be- sann sich aber noch beizeiten und endigte. „daß Du in Dhränen schwimmst. Wenn ich Dich aber daran erinnere, daß Dein Herr.. Papa im Gasthof fitzt und sich wahrscheinlich sehr über Dich wnndert ... ich möchte nämlich nicht, daß er auf die Snche nach Dir ginge und Dich bei mir fände. Du weißt. mit Deinem Herrn Vater hab' ich nun 'mal nichts im Leben zu.teilen!^'

Ilfe erhob sich rasch. ..Ich gehe, Onkel Erich. Du hast recht, wenn Papa Mißtranen hat. wird uns das bißchen Glück in Zuknnst noch viel schwerer gemacht. Also Du hältst Wort und vermittelst uusetn Brieswechsel. und wenn Du etwas über Albrecht und das Schicksal der .Ni.re^ ersährst, dann läßt Du mich's wissen - nicht wahr?“

..Was bleibt mir anderes übrig? Bin ich der Narr gewesen, solchen Unsinn zu.versprechen, muß ich auch der Rarr sein, es zu halten.“

.,Dansend Dank, Onkel! Seh' ich sehr verweint aus?^'

„Und ob! Kein Wnnder! Wenn man seinen Dhränendrüsen soviel Arbeit giebt, setzt es allemal rote Augen!“

Sie hanchte hastig in ihr Daschentnch und führte es wieder^ holt an die Augen. . .Dann... mit einem schweren Senfzer. hielt sie dem Onkel die Hand zum Abschied hin.

..Willst Du das Ding da um den Hals behalten, damit Dein Herr Papa seine Frende dran hat?“ fragte der Kapitäu und berührte mit einem Finger die neue Goldkette. [082] „Um Gotteswiaen, nein!^' Sie nestelte mit aufgeregt zittern- den Händen die Kette los und verbarg sie famt dem Medaiaon in ihrem Kleide. Einen schwermütigen Rnndblick fandte sie noch durch den Raum, in dem er bis vor kurzem geweilt, in dem sie Abschied genommen hatte - dann klang die Thür, und sie war gegangen.

Ein paar ftürnasche und regnerische Dage waren gekommen . . Kapitän Lenpolds Rheumatismus war doch ein gnter Wetterprophet gewesen, „hesser als irgend ein Laubfrosch“. wie sein Besitzer mit einem gewissen Stolz betonte. Heute zum erstenmal wieder ver- suchte die Sonne sich durchzukämpfen durch die grauen Schleier, welche das böse Wetter im Gefolge gehabt hatte. .zuweilen gelaug es ihr auf einen Augeublick, aber zum rechten entscheidenden Sieg woate es nicht kommen. Immer von neuem .schoben sich Wollen- berge vor das leuchtende Auge der Sonne, das nur mit schüchternem Blinzeln zwischen den zu.ammengebaaten Dunstmassen hervorfah. Die Blnmen im Park und im Garteu von Schloß ...Perle“ ließen schwer von Fenchtigkeit, die Köpfe hange.

In den schönen luftigen Zimmern der Baronin sah es trübe aus. Die kranke Dame hatten seit jenem einen günstigen Tage das Bett nicht mehr verlassen ^ sie war verzagt und verstimmt und gnälte ihre Umgebung mit hundert nnaussührbaren Wünschen und Einsäaen.

Doßberg und seine Dochter saßen an ihrem Bett, das so beguem und praktisch wie nur mpglich und auss elegauteste mit blaneu Seidenvorhängen, mit Spitzeüberwürfen und Schnitze- reien ausgestattet war. Statnen. Büsten und Vilder, wie sie dem Geschmack der Varonin entsprachen, schmückten reichlich den hohen weiten Raum. Der Baron hielt zärtlich die seine schmale Hand der Gattin in seiner krästigen Rechten und sah in das blaffe Gesicht, das ihn dereinst so bezanbert hatte und ihn auch heute noch das Lieblichste. auf Erden dünkte.

„Der Regen läßt gerade etwas nach. Was meinft Du, Eai, soa Ilse einmal rasch in den Garten hinnnterlansen und Dir ein paar frische Vlumen holend“

„Du bist merkwürdig, Hans Gottfried! Als ob ich an einem Dage wie heute den Blumenduft aushalten könnte! Immer und immer kommt Ihr mir mit Btnmen - beinahe wie um mich damit zu reizen!“

..Verzeih'. meine arme Eai!“

„Wie soll ich Dir nicht verzeihen - Du meinft es ja gnt! Aber Menschen, die immer gefnnd find, die haben klug reden. Ilfe, die Erdbeerlimonade!“

Ilfe hatte bisher stumm am Kopfende des Bettes gesessen, mit ausgelösten Haaren, wie es ihre Mutter verlangt hatte. Mit einem freundlichen. „Hier, Mama!“ reichte sie fetzt der Kranken das Glas mit der Limonade und hielt es ihr geschickt zu. Trinken hin.

„Danke! Rein, nein - ich wia nichts mehr. Sieh mich doch an, Kind! Wenn ich nur wüßte, was das mit Dir ist! Und mit Papa auch! Aae beide seid Ihr verändert, aae beide!“

„O Mama, das kommt Dir so vor, weil Du krank bist.“

„Ia, krank bin ich - Gott sets geklagt, aber darum hab'^ ^ ich doch noch meinen Verstand! Ich merke ganz gnt, daß Ilse ihren Frohsinn verloren hat, und daß Du, Hans Gottsried, sehr verstimmt anssiehst. Was in aaerWelt kann Ench begegnet seine Zwei gesnnde, glückliche Menschen wie Ihr, die Ihr keine Krank- ^ heit, keine Sorge kennt . . . oder wäre es mit mir schlimmer geworden und Ihr woat es mir nicht sagen?“

„ Liebe Eai, welcher Einsaat'

„Kein Gedanke daran, Mama!“

Die kranke Fran ließ bernhigt den erhobenen Kops sinken. „Aber was ist es sonst, was kann es seine Macht Armin etwa ^ Dnmmheitene Sein letztes Zengnis war doch recht gnt!“

„Armin ist ganz brav. Reg' Dich nicht auf, mein Kind, ^ und fprich nicht so viel!“

..Reden schadet mir gar nichts. Stialiegen und Denken ist viel schlechter. - Apropos, ich hab', um Ilfe zu.erfreuen, durch Lina von ^ unferem Parifer Lieseranten eines von diesen entzückenden weißen ^ Tuchkleidern verschreiben lassen, wie sie jetzt getragen werden ^ sie sind in aaen drei Modezeitungen, die ich nur chatte, zu.finden. Wär' ich gefnnd, gleich schasste ich mir solch ein Kostüm an ^ Weiß

stand mir ja so gnt, nicht wahr, Hans Gottsriede Nun muß Itse es

haben - es wird sie reizend kleiden - mit seiner Goldstickerei.

Freilich ist es eine fabelhaft kostbare Mode, aber Papa bezahlt ia

gern ein hübsches Kleid für sein Prinzeßchen - nicht so, Liebster e^'

„Natürtich, mein Herz!“

Ilfe gab ihrem Vat..r einen .Wink mit den Augen, den

verstand. Lina hatte ganz gehorfam aus Wunsch der Baronin

und in deren Beisein geschrieben, aber der Brief war nicht ab^ gegangen. Das wurde in den meisten Fäaen so gemacht. Die Baronin hatte nur noch ein schlechtes Gedächtnis^ sie vergaß ost schon am nächsten Tag, was sie. am vorhergehenden gewünscht hatte, und erinnerte sie sich se einmal einer derartigen e Sache. so

war es nicht schwer, sie zu.vertrösten oder irgend eine Ausflucht zu.ersinnen, .welche die Erfüllung ihres Wnnsches in Frage steate.

„Noch etwas anderes hab' ich mir ausgedacht in der langen schlaslosen Nacht,“ snhr die Varonin sort. „Ilse reitet schon seit nndenklichen Zeiten nie mehr vor meinen Fenstern Parade, und das war doch so hübsch früher. ich sah es so gern, denn es zer- streute mich. Taugt Deine .Fatime^ am Ende nichts mehr, mein Kinde Ist sie steis gewordene. .Papa wird .. Dir gewiß ein neues Reitpferd anschaffen , ich denke, eine. Rappstnte - was meinst Du, lieber Frennde Oder ist ^Fatimee noch zu.gebrochene Was ist denn aus ihr gewordene“

Ia, was war aus „Fatime“ geworden, aus der reizenden arabischen Schimmelstnte mit dem kleinen. sein geformten Kopf und der langen Seidenmähnee Sie war tadellos gewesen, ein klnges Tier, das seine junge Herrin an der Stimme kannte, den Kopf herumwarf und die rosafarbenen Nüstern blähte, sobald Ilfe es beim Namen rief. ^ Als vor einigen Monaten Baron Doßberg zögernd und ti.anrig zu.seiner Tochter gekommen war und ihr gefagt hatte, er müffe sich eine Zeitlang einschränken, und sie aae, mit Ansnahme der Carmen Mama“ natürlich, hätten Opfer zu bringen - der Beftand seiner Rassepserde repräsentiere eine hohe Snmme und auch für ....Fatime“ sei ihm ein schönes Angebot gemacht worden . . . da war Itse äußerlich ganz tapfer gewesen. Sie war dem Papa um den Hals gefaaen, hatte ihn gestreichett und getröftet, bis ein. mattes Lächeln auf feinem Gesicht erschienen war. Aber als er nachher in feinZimmer ging. da sah sich Ilfe scheu um, ob sie niemand beobachtete, und schlich sich dann auf Umwegen sachte in den. Pferdestaa. Dort wieherte „Fatime“ ihr erwartungsvoa entgegen, und das junge Mädchen saßte das edle Tier mit beiden Armen um den Hals. und sing bitterlich an zu schlnchzen. Sie war eine leidenschastliche Reiterin sie kannte kaum ein größeres Vergnügen als. das, auf ..Fatimes“ Rücken durch Wald und Feld zu.schweisen.. jetzt in beschanlichem Schritt, in aaertet Znknnstsgedanken versunken, jetzt in schlankem Trab über eine Brücke, ein Stück Landstraße, nun. im verwegensten Galopp eine Hecke, einen Graben nehmend ^ „Fatime“ .si^erckrästig, wie der Pfeil von der Sehne schneat. hinüberfliegend, die Reiterin mit srendigem Zuruf sich im Sattel hebend, die Brnft von Mnt und Unternehmungslnst geschweat . . wie schön, a wie schön das wo.^l

Aa diese Gedanken gingen Itse blitzschnea durch den Sam. während sie anscheinend gelassen erwiderte. „Ein neues Reitpferd für wiche Ach nein, Mütterchen, das ist nicht nötig! Der ,Fatime^ geht es sehr gnt, sie ist noch dasfelbe schöne kräftige Tier wie früher!“

Das war keine Lüge, denn einer der Gntsnachbarn Doßbergs hatte die Stnte gekanft und hielt sie gnt.

..Dann ist's recht. dann kann ich meine Ilse bald wieder ats elegante Reiterin bewnndern!“

Es ktopste leise an die Thür^ Lina meldete. es sei Besuch für den Herrn Baron gekomwen Doßberg erhob sich nnrnhig und vermied es. Frau und Tochter anzu.ehen „Ich bin leider genötigt, Dich zu.verlassen liebste Eai, Du wirst entschuldigen. Es handelt sich um geschästliche Angelegenheiten -^'

„Sv geh' nur, geh', Hans Gottsried, und komm' mir ums Himmelswiaen nicht mit Deinen schrecklichen Geschästssachen! Und Du kannst Ilse gleich mit Dir nehmen, ich bin doch etwas er.^ müdet vom Sprechen und kann vieaeicht ein Stündchen schlasen. Lina bleibt hier.“

Der Baron und Ilse stiegen stnwm nebeneinander dieTreppe hinab. Unten wartete Fink, der einzige noch übrige Diener des Hanses, mit einer silbernen Tabtette, aus der drei Visitenkarte lagen. „Ich habe die Herren ins Arbeitszimmer gefuhrt, Herr Baron!“

..Ganz recht. Fink!“

Ilfe warf einen raschen Blick auf die Karten ^ zwei davou

trugen bekannte Name. ..Soran, Inftizrca“ und „C. F. Melchior, [083] Landrat“. Auf der dritten Karte war eine siebenzackige Krone zu sehen, darunter der Name: „E. de Montrose.“

„Wohin gehst Du, Ilse?“

„Ich wollte in den Garten, Papa, um Blumen zu holen für mein Zimmer und für den Speisesaal. Oder wünschest Du, daß ich mich ganz zurückziehe?“

„Behüte, Kind, behüte – mach’s, wie Du willst, ganz wie Du willst!“ Doßberg sprach erregt und abgebrochen. „Das heißt – ich meine – wir werden wohl ausfahren. Sage Fink, er soll den Jagdwagen einstweilen anspannen lassen, und wenn wir zurückkehren, soll ein Frühstück in meinem Zimmer serviert werden – nein, nein, nicht im Speisesaal, bei mir!“

„Schön, Papa!“

„Und Deine Blumen – ja, Kind. wär’ es nicht besser, Du ließest sie doch noch einstweilen? Man könnte vielleicht den Garten sehen wollen – und ich, ich weiß nicht –“

„Aber gewiß, das eilt ja gar nicht! Also auf Wiedersehen, liebster Papa – und – und kaltes Blut!“

Doßberg lächelte schmerzlich; Ilse küßte ihn eilig auf die Stirn und verschwand dann in der Tiese der Vorhalle.

Das Arbeitszimmer des Barons war ein großer Raum mit schön gewölbter Decke, die eichene Ausstattung ernst und gediegen. Der große Gewehrschrank in der Ecke, der früher die kostbarsten Schußwaffen enthalten hatte, war jetzt fast leer; eine aus prachtvollen alten Schilden und Waffen zuammengestellte Trophäe, die früher die Mittelwand geziert hatte, fehlte gleichfalls – ein Sammler hatte bemerkenswert hohe Preise für beides gezahlt.

Von den drei Herren, die den Baron erwarteten, hatte sich’s nur ein einziger bequem gemacht; er saß oder lag vielmehr in einem der tiefen braunen Ledersessel, die zu beiden Seiten des großen Sofas standen. Der joviale etwas beleibte Landrat Melchior liebte es nicht, sich zu „strapazieren“, die lange Fahrt war ihm nicht gerade gemütlich gewesen, daher dehnte er seine Glieder jetzt in ungeniertester Weise und gähnte ein paarmal herzhaft, worauf er freilich jedesmal ein: „Pardon, meine Herren!“ folgen ließ. Justizrat Sorau, ein jüngerer Mann mit üppigem Bart und einem bedenklich gelichteten Haupthaar, klein, beweglich, mit liebenswürdigen Formen, verfehlte dann nie, ein verbindliches: „Bitte, bitte, mein lieber Landrat!“ hören zu lassen, während sein Nebenmann sich ganz teilnahmlos verhielt.

Es war dies ein großgewachsener, gewählt gekleideter Herr, anscheinend in der Mitte der Fünfzig, ein wenig hager, ein wenig steif in der Haltung, aber offenbar vornehm und nicht uninteressant aussehend. Haar und Bart, sehr dunkel und nur leicht mit Grau durchsetzt, waren sorgsam gepflegt, desgleichen die auffallend schönen schmalen Hände, von deren einer er den Handschuh abgestreift hatte. Das Gesicht hatte einen kalten und hochmütigen Ausdruck, sobald die Augen gesenkt waren. Hoben sich aber die Lider und entschleierten die grauen Augen, so war der Eindruck ein anderer. Es war ein Paar merkwürdiger Augen, ausdrucksfähig und tief – sie konnten einen Zwang ausüben, den schon mancher als lästig, mancher als fesselnd empfunden hatte; in sie hineinsehen, ohne irgend eine Wirkung dabei zu spüren, das konnte schwerlich jemand. Herr von Montrose hob aber selten die Lider ganz, meistens zeigten seine Augen einen verschleierten Blick, so auch jetzt, da er stumm neben dem Justizrat stand und auf dessen lebhafte Bemerkungen nur ab und zu durch eine leichte Kopfbewegung antwortete.

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 6, S. 96–99

[096] [098] zum Lobe seines Gutes, zur Erläuterung seiner Bewirtschaftung sagen mußte, that ihm beinahe körperlich weh, die eigcne Stimme klang ihm hohl und fremd. Wie ein Träumender schritt der unglückliche Mann durch den Wald und hörte den Specht klopfen’ und den Kuckuck rufen wie damals, als er seinen Sohn hier traf, seinen einzigen Sohn, der nie das Erbe seiner Väter antreten sollte! Aus dem feuchten Waldboden quoll würziger. Duft, fernher brauste die See mit tiefem ernsten Klang/ und das Birkenlanb bebte im flüchtigen Windeshauch. Scheu wandte der Baron sein Haupt: kamen dort nicht in langem Auge, unhörbar herangleitcnd auf dem weichen Moosboden, die Ahnen seines Hauses hinter ihm her, den Stammhcrrn Hans Gottfried in Harnisch und Eisenhut an der Spitze? Er kannte sie ja aus der Ahnengalerie,, alle diese Gestalten, die jetzt drohend die Augen auf ihn gerichtet hielten.

Weh’ Dir, was wagst Du zu thchr? Einen Fremdeil willst Du schalten und waltey lassen auf dem Grund. und Boden Deiner Väter, und Du lebst no.ch? Du erträgst dies? Die’„Perle“

willst Du histgeben/ die Dein Urahn,/ der Stammvater Deines’ Geschlechts, einst/aus/der Hand seines Landesfürsten erhielt als ein unvergängliches Zeichen von dessen Huld und Gnade? –Wie mit glühenden Buchstaben geschrieben, verfolgten den Erregten plötzlich die Anfangsworte jener Schenkungsurkunde, die er so oft mit stolzer Freude sich eingeprägt hatte, die ihm’ nun zur Qual wurden: „Und maßen Du, Hans Gottfried Doßberg, mir hast beygestanden in schwerer Lebensgefahr pnd hast mich gedecket mit Deinem eigenen Leibe und mich errettet aus großer Todesnoth, darumb also.will ich für Dich und Dein nachkommend Geschlecht seyn ein fürsorglicher Landesvater und will geben als fürstliches Gnadengeschenk Dir wie/Deiner Sippschaft als meiner . großen Hyld und’ Dankbarkeit /allewigen Äeweys aus/meyner Krone Ländern die Perle.’ Als welche gcmeynt sei das Stück Landes ostwärts von Niederdamm bis zum Meer, mit Eynschluß Von Wald und Wieswuchs, von Feld und Moor, und was fünften noch zu benamsetem Länderstrich gehöret. Und soll unser Kanzler Dir festmachen die Schrift samint Scheiikbrief und Jnsiegcl, also daß keines Menschen Hand,an dies Dein geschenktes Eigenthum habe zu rühren. Und soll forterben auf Kind und Kindeskind, ein bleibend Angedenken–“

„Soll forterben auf Kind und Kindeskind, ein bleibend Angedenken,“ wiederholte der Baron flüsternd. Er zog sein Taschentuch heraus, trocknete sich. die glühende Stirn und stammelte entschuldigend mitten in’ eine Auseinandersetzung über den Waldbestand, es sei ihm so schwül und die Luft unter den Bäumen so drückend. ^ Hevr von Montrose war nicht nur ein höflicher, er war auch ein vorsichtiger Herr. Er sprach auch jetzt wenig, verhielt sich nicht zustimmend, aber auch nicht ablehnend und ließ in keiner Weise merken, yb ihm das Gut zusage oder nicht. Er hörte sehr aufmerksam zu, wenn Doßberg oder der Landrat eine Erklärung abgaben, machte sich viele Bemerkungen in sein Taschenbuch und tvarf ab und zu ’eine kurze Frage dazwischen, die wohl von Vekstand, aber . oft’ von wenig landwirtschaftlicher Erfahrung’ Zeugnis ablegteDer Justizrat langweilte sich beträchtlich während der ganzen Fahrt. Er gab sich zwar das Aussehen eines Sachverständigen und ließ zuweilen/-eine etwas dunkel klingende Phrase hören, war aber im übrigen bcnMt, die BesichtigMg möglichst abzukürzen. Endlich konnte er getröstet aufatmen – die Hauptpunkte waren erledigt, man fuhr nach dem Schloß zurück. Doßberg hatte den Herren ein Frühstück auf seinem Zimmer angeboten, ehe man an die Durchsicht der Bücher ginge. Soran sah verstohlen nach der Uhr: gleich halb Zwei – unglaublich, Wie. eine solche Gutsbesichtigung aushielt!

Im Schlosse’ angekommen, setzten sich die. Herren um den runden Eichentisch im Arbeitszimmer des Barons, das im Erdgeschoß gelegen war. Selbst der muntere Landrqt war verstummt, so hungrig und übermüdet fühlte er sich und so drückend war ihm die ganze Lage der Dinge. Erst der wohlbcsetzte Frühstückstisch regte seine erschlafften Lebensgeister wieder an, „Auf glückliches Zustandekommen unsexes Unternehmens!“

sagte Soran verbindlich Und nähertn sein gefülltes Weinglas dem des Herrn von Montrose, der“ ihm mit seinem ruhigen uMewegtdn Gesicht Bescheid that.

„Der Teufel soll mich reiten,“ dachte der Landrat, ,/wenn ich weiß, ob dieser Halbfranzose nun eigentlich will oder ob er nicht will! Statt eines ehrlichen Menfchengest^tes sieht man ein Buch mit sieben Siegeln vor sich, die reine Sphinx!“

Der Fremde hatte seinen/ Platz dem Fenster gegenüber und ließ den Blick verkoWi über den Hof schweifen. Plötzlich hob er interessiert den Kopf. Da draußen bot sich ihm ein wunderbares Bild. Von der linken Seite, von dort, wo an der Auffahrt der Weg ein wenig abschüssig angelegt war, kam in, vollem Lallf ein kleines dreibis vierjähriges Mädchen. Es war ländlich gekleidet, aber zierlich und nett – ein hübsches dralles Geschöpfchen.

Lachend und jciNchzend, die kleinen nackten Arme emporstreckend, sprang es daher, so schnell die Füßchen es nür tragen wollten, die/ Augen auf ein Ziel geheftet, das zweifelsohne die Ursache seiner Glückseligkeit bildete. Auf den Weg achtete die Kleine nicht im mindesten. und so kam es, daß sie stolperte. taumelte und offenbar zu Fall gekommen märe, wenn nicht eben jetzt von der andern Seite eine junge Dame erschienen wäre, die sich hastig niederbeugte, die Wankende in ihren Armen auffing und gleich darauf, um sie den Schreck vergessen zu machen, hoch emporhob und küßte. Welch eine Erscheinung, welch ein Gesicht! Das schneeweiße Kleid, das offene, lang herabfallende Goldhaar, durch ein blaues Band .im Nacken zusammengefaßt, konnte fast ein wenig theatralisch erscheinen, aber der reizend unbefangene Ausdruck des Gesichtes, das dem Beobachter am Fenster ganz nahe war, hob den phantastischen Eindruck ganz -und gar auf.^ ,/ Ilse war bei der kranken Mutter gewesen,, hatte einen langen Brief geschrieben. selbst die Vorbereitungen zu dem Frühstück für die Herren übernommen – und endlich hatte sieihre Blumen gedacht und wär in den-Gärten gelaufen, sie zu holen. Es war schön im; Freien, die Sonne hatte sich schüchtern hervorgewagt.

Da war Ilse tief und tiefer in den Park gegangen, und als sie nun umkehrte, ahnte sie nichts davon, daß die Herren bereits zurück waren und in ihres Vaters Zimmer saßen. Sie sah nur das Töchterchcn ihrer Wirtschafterin, einer jungen Witwe, jauchzend auf sich losstürmen MÄie liebte das zutrauliche Kind sehr, und die Kleine vergalt ihr das mit ungestümer Zärtlichkeit Trudchen drohte zu fallen, und so fing Ilse sie rasch in ihren Armem auf, herzte und küßte sie und blieb ahnungslos dicht vor dem Fenster zur „braunen Stube“/ wie die Leute das Arbeitszimmer des Barons zu nennen pflegten, stehen.

Die Kleine haschte mit den dicken Händchen nach den schönen Haaren, in denen die Sonnenstrahlen ein lustiges Spiel trieben, aber Ilse bog den Kopf zurück und versuchte, ein sehr ernstes Gesicht zu machen. „Das darf maDnicht’k“-’ Dann wollte Trudchen die Lilien haben, die. Ilse gepflückt hatte,-und diese schenkte ihr eine und wollte sie das Näschen tief in den Kelch stecken lassen, aber die Kleine wußte ganz gut, was das abgab, und wollte durchaus, daß Ilse zuerst ihre Erfahrungen machen sollte. Endlich setzte Ilse das zappelnde Geschöpfchen auf die Erde – dann eine schnelle Bewegung, ein zufälliger Seitenblick – und das junge Mädchen stand wie angewurzelt, einen heftigen Schreck in den dunklen großen Augen, eins fliegende Röte in dem zarten Gesicht. Achtlos fielen die Lilien zu Boden.

Hastig bückte sie sich danach … wie ihr die Hände zitterten!

Mein Gott, es war doch nichts Besonderes geschehen! Sie hatte nichts Unrechtes gethan nur mit dem Kinde gespielt und gelacht, freilich so dicht vor dem Fenster – wer sie nicht kannte, der konnte henken, sie habe sich absichtlich dahin gestellt.

Ihr war, so flüchtig sie auch hingesehen hatte, das Gesicht des Mannes, der sie beobachtete, merkwürdig vorgekommen – ein Gesicht, wie man es nicht jeden Tag. sah. War er derjenige,, der die „Perle“ kaufen wollte, der neue Herr? Sie sammelte in Hast die Lilien, schüttelte Unmutig das Haar zurück und lief mehr, als sie ging, zum Eingang des Schlosses^ ohne auch nur den flüchtigsten Blick zurückzuwerfen. Unterdessen sagte drinnen, im Arbeitszimmer des Barons.n Justizrat Soraü: „Ich weiß nicht, Herr von Montrose, ob nach gehabter Einsicht in die Bücher Ihre ursprüngliche Absicht irgend welche Wandlung erfahren hat ^/ Der Angeredete machte eine höflich ablehnende Gebärde.

„Durchaus Nicht. Wenn Baron Doßberg es mir gestattet, komme ich bald wieder. Ich bin so gut wie entschlossen.“ [099] 

Es ging heute lebhast zu im Garteu des Offizierskafiuos zu St. Fortwährend kam frischer Znzu., die Offiziere schwärmten ein und aus, die Ordonnanzen liefen mit roten heißen Gesichtern herum. Man hatte eine ^Erdbeerbowle angesetzt - aber keine so. schwache süße, bei der auch Damen mithalten könnten, diese hier war für stärkere Nerven, Bäron Mock von Mockshansen .hatte sie eigenhändig gemischt, und was der braute -uae Achtung t Eick bißchen heiß machte der „Stoss“, und heiß war's ohnehin - na, das that nicht viel zur Sache! Die Uniformröcke wnrden aufge- knöpft, die Halsbinden locker gemacht, man war ja Kanter fich“, und^ .Ordonnanz, frisches Eis her!“ hieß es, sobald in der Kühlwanne der bankende Wall, der die Bowle umschloß, zu schmelzen begann.

Ein neu in die Garmifon versetzter Lieutenant, schon längere

Zeit Premier, auf dem Sprung zu. Hauptmann, sah sich mit vergnügten Augen im Kreise um und wirbelte nüternehmeud seinen Schnnrrbart, ein wahres Prachtstück von einem Schnurr- bart, rötbraun, lang und weich, der reine Staat. Wetter noch eins, hier kann es einem gefallen, dachte der Lientenant, das hab' ich nicht schlecht getrossen! Daß St. eine angenehme Garnison war und schon lag, das natürlich hatte Kurt von Oesterlitz längst gewußt und war daher recht gern hierher ge- gangen, aber daß die Kameraden ihm so „passen“ würden, daß der ganze Ton so ausbündig „sein eigenstes Genre“ sei - nein, das hatte er sich nicht vorgesteat.^ Wenn es nun hier noch hübsche Mädchen gab - der Sport konnte sich sehen lassen, das hatte er gleich herausgebracht - dann würde das ein vertenselt lustiges Leben geben.

„Hm. Kamerad, hübsch bei uns, nicht?“ fragte Boron Mock, genannt „der dicke Mock“, sein kupfrig rotes Gesicht nahe zu dem Neuling hiaüberhiegend , während sein linkes Auge ver- schwitzt zwinkerte.

....Denk' ich just!“ gab der Angeredete wit Nachdrnck zurück. trank sein Glas leer und wischte sich die Weinperleu vom Bark „Und Sie. Kamerad. sind ein Arrangeur ersten Ranges. Schneid' und Gemütlichkeit. sehen Sie. das ist's! Schneid' und Gemüts lichkeit - beides muß zusammengehen, eines ohne das andere . ist sanler Zauber. Wenn Sie mich nur noch über einen Punkt beruhigen woaten, der mir nicht wenig am Herzen liegt, dann erklär' ich Ihre Garnison für mein Ideal!“

„Na, los damit! So ein paar Pnnkte hätten wir heut', foat' ich denken, schon durchgekrochen

„Aber nicht diesen einen! Und, wie gefagt -“

„Mock, was foa das heißen? Kamerad Oefterlitz hat ein leeres Glas vor sich!“ - ..Darf überhaupt gar nicht vor^ kommen!“ - ..Infamer Anblick!“ - ..Ordonnanz! Ordon- nanz!“ - ..Sparen Sie doch Ihre schöne Stimme, Zeno, da ist ja schon die Ordonnanz und thut ihre heilige Pflicht!“ - Znm Wohl. Kamerad Oefteratz!“

In dem Durcheinander von Stimmen vernahm niemand sein eigenes Wort. Mock machte einen langen Hals und sah in die Bowle hinein. ob man ihr noch einiges zumuteu könne. Er klopfte liebkofend gegen die dicke Wand des mächtigen Gefäßes, wie wenn er ein braves Pferd loben woate - sie hielt noch aus.

„Sie haben Glück, Kamerad,“ wandte er sich zu Oefterlitz zurück. „daß Sie so mitten in die Fidelität hineingekommen find - aae Tage klappte nicht so schön. Aber jetzt schweben die Be- förderungen und der Urlaub in der Luft. das .giebt dann so 'ne angenehme Spannung und eine aagemeine Beteiligung. Sie finden heute aaes, was bei uns mitzureden hat. in gedrängtem Anszug beifammen -“

„Aber Mock. Mock! Redet der Mensch von .gedrängtem Auszug^, wenn Montrofe und Iagemaun fehlen!“

..Alfo zwei Kameraden?“ fragte Oesterlitz dazwischen. ..Woaen die Herren mich srenndlichst an kait setzen^

..Natürlich! Zeno - wo ist er hin?“ - Zeno, heran!“ ^ ..K.^nerad. Sie müssen wissen. dies ist die Scheherezade des Regi^ ments - Zeno. machen Sie Ihren Kni.r!“

Zeno. ein schmächtiges blasses schwarzes Kerlchen mit einem klngen Fuchsgesicht. zündete sich gleichmütig eine Eigarette an. „Man erhitze sich nicht! Bei dem Gebrüa red' ich keinen Ton.“

..Pst, pst! Ruhe!“ - „Wind, hör' aus zu säuseln, Vlätter, woat ihr wohl euer Geflüster bleiben lassen, merkt ihr denn nichts

^ der Zeno wia reden!“ - ..Wohin mit ihm ? Keine Tribüne da ? Mock, gieb' mal den Ehrensessel her!“

Der Ehrensessel war ein weißangestrichener Gartenstnhl. der etwas breiter und begnemer als die übrigen Sitze gebant und mit keinem rot und schwarz gestreiften Polster belegt war. Zeno nahm ohne weiteres auf diefem Prunkfitz Platz. winkte der Ordonnanz. in gemeffener Entf.ernung zu bleiben. und wendete sich verbindlich an Oefterlitz. ..Sie wünschen, Herr Kamerad. von mir einiges Nähere über die Herren von Montrofe und Iagemann zu höreu?“

..Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollen!“

..Gern! Da muß ich aber erst ein paar Worte von Montrofes Familie sagen, wenigftens, was man sich da so erzählt. Verbürgen kann^s keiner. aber geredet wird, Ihnen wuß es auch zu Gehör kowwen. wie uns aaen - besser alfo, Sie erfahren es durch uns, dawit Sie gleich Steaung nehmen können.“

..Sehr hübsch. Zeno! Guter Anfang! Das nennt man Stimmung machen!“

Zeno zuckte mit einem kleinen fpbttischen Lächeln die Achseln. ..Die Montroses sind ein sehr altes Geschlecht - der Kamerad, den wir hier haben. hat so oft erzählt. seine Vorsahren hatten schon. unter Heinrich dem Vierten eine Roae in Frankreich gespielt. daß ich es schon erwähnen muß. Sie führen eine Rofe im Wappen. es foa da vor ein paar Jahrhnnderten eine bedenk tungsvoae Geschichte mit einer schönen Dame und einer Rose gespielt haben -“

..Die Montroses sind überlieferungstrene Leute,“ fnhr Mock mit einem liftigen Angenzwinkern dazwischen. „Roch hentiges- tags spielen bedentungsvoae Geschichten mit schönen Damen bei ihnen . . . mit und ohne Rosen.“

. Oesterlitz hob den Kopß ..Damen? Ein Thema. das mich interessiert. Sie wissen. Herr Kamerad. ich hatte da noch eine Frage -“

Zeno schnitt mit der Hand durch die Lust. Zn den Dawen kommend wir später, für jetzt sind wir bei der Familie. Ia, also, die Familie wanderte aus, als die große Revolntion kam. und zog zuerst nach Belgien, dann nach Dentschland. Der Vater des jetzigen Herrn von Montrose. der Großvater nnseres Kameraden, war- das ist eine Thatsache - ganz arm nach Belgien gekommen und wurde dort in verhältnismäßig kurzer Zeit reiche hier in Dentsche land wurde. er noch reicher.“

..Sehr nett von ihm. wie hat er denn das gemacht?“ kam eine vorwitzige junge Stimme aus dem Hintergrund. von dort- her. wo die Bowle stand.

„Ia, mir hat er's nicht anvertrant. lieber Grottwitz.“ sagte Zeno gelassen. ..ich hatte nicht das Vergnügen, diesen interessanten alten Herrn zu.kennen. Man .sagt von ihm - wosür ich in- dessen in keiner Weise die Verantwortung übernehme ^ er sei ein hervorragendes Finanzgenie gewesen und außerordentlich sorg- los in der Wahl seiner Mittet Er woate Geld machen um jeden Preis. und er machte es^ er woate emporkommen um jeden Preis, und er kam empor - das heißt, nat einer gewissen Ein- schränkung. Es hat Kreise gegeben, die sich ihm hartnäckig ver- ^ schlossen hielten, trotzdem er mit einem goldenen Zanberstab an- klopste. Wieder andere öffneten sich ihm langsam und zö.^md . . . immerhin. sie öffneten sich! Roch audere nahmen ihn mit offenen Armen auf und folgten errötend den Spuren seiner Spelnlationen. So faß er in Berlin schon hübsch feft im Sattel, aber da kam eine^ dnmme Geschichte - ein . Mauövercheu . wissen Sie. bei dem sich ungeheuer verdienen läßt. wenn man gewiffe Bedenken übersieht. Der alte Herr befaß diese Vornrteilslofigkeit und ftrich einen schönen Gewinn ein. zugleich aber mußte er aus Verlin verschwinden. denn Friedrich Wilhelm der Vierte verftand in manchen Dingen keinen Spaß, und die gute Gefeaschaft that es ihm nach und sah den Mann der kühnen Spekulation nicht weiter an. Da ging er denn samt seiner Gattin und dem ein- zigen Sohn noch Brüssel zurück und machte seine betriebsamen Pläne im stillen. Sehr schlecht war bei der ganzen Geschichte . besagter einziger Sohn, eben der Vater nnseres Kameraden, dabon- gekommen. Er war zu. Diplomaten bestimmt. soa hervorragend begabt und sehr ehrgeizig gewesen sein und hatte seine Lausbahn bereits an einem der ausländischen Höfe anfs hefte begonnen^ die Finanzthaten feines Herrn Vaters aber brächen dem jungen Mann kurzerhand den ganzen Lebensplan und die schöue Lauf- bahn entzwei.“ (Fortsetzung folgt...

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 7, S. 111–115

[111] [114] gewesen; die Gemüter waren erregt, die Köpfe glühten. Der Name der schönen Isolde von Doßberg, der Gedanke an ihre blühende Schönheit fiel wie der zündende Funke in ein Pulverfaß.

Man hob die gefüllten Gläser und brachte ein Hoch auf sie aus, man versuchte, sie zu schildern, der eine pries ihre Augen, ihr Haar, der andere ihre Gestalt, ihre Haltung. Ocsterlitz sollte hierhin, dorthin hören, jeder wollte ihm ein Bild entwerfen, jeder dachte, es am besten zu thun.

„Gut,“ sagte er endlich und strich sich den Bart nrit der Miene eines Mannes, der klar sieht, „daß ich sie kennenlernen muß, steht felsenfest. Aber was mir die Herren da von .schwierigen Verhältnissein sagen, das sehe ich nicht recht ein. Der Baron– wie heißt er doch? Doßberg? – also Doßberg kann sich von seinem Gut nicht trennen, die Familie will nicht fort – also einfach: Kamerad Montrose heiratet die schöne Tochter des verschuldeten Barons, und die Sache ist bestens geordnet!“

Ein schallendes Gelächter aus allen Kehlen folgte diesem „einfachen“ Vorschlag.

„Hört, hört – Montrose als Ehemann!“ – „Sehen möcht’ ich ihn!“ – „Na, lieber nicht!“ – „Lacht doch den Kameraden nicht aus, wie soll er’s denn wissen!“ – „Zeno, Schlußwort! Erklären!“

„Ja --also! Ihnen, Kamerad, scheint das eine so einfache Sache zu sein, aber die Geschichte hat ihren Haken. Sehen Sie, wir alle, die wir hier sind, hegen bedeutende Gefühle für die schöne Ilse von Doßberg – .teils dieserhalb, teils außerdem’, und längst hätte einer von uns diesen süßen-Käfer eingefangen, nur leider – ’s ist so gar kein Goldkäfer, und dann hängt so viel drum und dran: verschuldetes Gut, komischer Vater, schwerkranke Mutter, Bruder zu erziehend– kurz, um da hineinzuheiraten, dazu gehört neben sehr viel Mut auch kolossal viel Geld, und die Zeiten für den Lieutenant sind schlecht! Ach, der verfluchte Mammon, ’s ist doch gleich, um <–“

„Zeno, nicht abspringen, bei der Stange bleiben!“

„Nun ist der Kamerad Montrose zwar einer von uns, und unter Kameraden ist ja bekanntlich alles egal – aber zur Steuer der Wahrheit: einen größeren Don Juan als den Kameraden Montrose haben meine Augen noch nicht gesehen .. . wessen sonst?“

Es folgte eine Art von Stille auf diese Frage, nur ein unterdrücktes Gemurmel, ein paar halblaute Ausrufe antworteten „Jeder Schürze rennt er nach, jedem Mädel sieht er unter den Hut – Grundsätze nicht die Spur, Gewissen nicht vorhanden!

Sie werden seinen Ruhm verkünden hören, Kamerad Oesterlitz, ehe Sie drei Tage älter sind. Die Spatzen pfeifen’s hier schon auf allen Dächern, daher sag’ ich es Ihnen lieber zum voraus, damit –“

„Damit Sie Stellung nehmen!“ schob M-ock schmunzelnd ein.

„Ganz recht, Mock, dank’ schön: damit Sie Stellung nehmen.

Daß Montrose sich, sobald er die Perle der .Perle’ sieht, Hals über Kopf in sie verliebt, steht ja bombenfest, ebenso fest aber, daß diese interessante Thatsache sich mindestens zum fünfhundertneunuudneunzigstenmal in seinem ereignisreichenDasein vollzieht. Und so, selbst wenn das Unerhörte geschähe und er die schöne Ilse in eheliche Fesseln schlagen wollte – sich selbst schlägt er im ganzen Leben nicht in Fesseln, und um sie wär’s ein Jammer. Kerle von solchem Kaliber wie Montrose, die müssen das Heiraten bleiben lassen!“

„Ja,“ sagte Oesterlitz nachdenklich und nahm aufs neue seinen Bart zwischen die Finger, „dann weiß ich nicht, wie der jungen Schönheit, zu helfen ist. Schade! Wo kann man sie sehen?“

„Das ist nicht leicht zu machen! Neulich war sie hier im Städtchen und besuchte ihren Onkel, ’nen alten verrückten Seemann, der draußen in der Schiffstraße sitzt! Na, Mock, Sie wohnen ja dem Gasthof gegenüber, in dem sie immer absteigt, thun Sie doch ein gutes Werk und nehmen Sie den Kameraden Oesterlitz einmal ins Schlepptau!“

„Werd’ nicht ermangeln! Sollen Nachricht haben, Herr Kamerad, sollen ’was zu schauen bekommen! O Gott, diese Ilse von Doßberg! Haben utts alle zusammen gehütet, sie bis jetzt dem Kameraden Montrose zu zeigen. – Giebt’s noch ’nen Rest in der Bowle?“

„Hier, Mock! Zwei, drei Gläser wird’s noch absetzen!

Bescheidenheit ziert den deutschen Soldaten!“

„Wenn ich vorhin eine Bemerkung recht verständen habe,“

sagte Oesterlitz, der hartnäckig denselben Gedanken verfolgte, „so sind die beiden Kameraden, von denen ich so viel habe erzählen hören, heute nach dem fraglichen Gut hinausgefahren. Da wird der Kamerad Montrose wohl. doch. die besagte Schönheit, die Sie ihm bisher so geflissentlich unterschlagen haben, zu sehen bekommen!“

„Natürlich wird er! Kann es nicht hindern!“ Mock tranl seelenruhig snin Glas aus, dann stand er auf. „Jetzt, Ihr Herren, zum Abbruch der Zelte blasen! Sammeln! Die Tante dort giebt nichts mehr her!“, Man schnallte die Säbel fest, schloß die Uniformen und stülpte die Mützen auf. Mock hing sich etwas schwer in des großen stattlichen Oesterlitz’ Arm. „Schlepptau, Kamerad!“ lachte er, mit den weinseligen Aeuglein blinzelnd.

„Versteht sich!“ gab der neue Kamerad zurück und steuerte mit seinem Begleiter dem Ausgang zu.

Das Säbelklappern verlor sich mehr und mehr und verhallte endlich in der Ferne. Die Ordonnanzen räumten die Tische ab, tranken die Reste aus den Weingläsern und stellten die Stühle in Ordnung. Dann lag der Gartew wieder still da im warmen Abendsonnenschein.

8.

„Guten Tag, Philipp! Baroneß Ilse zu sprechen?“

„Jawohl, Herr Landrat. Ich sah das gnädige Fräulein : soeben in den Garten gehen. Hier kommt auch schon Fink, er kann Sie hinführen.“

„Schön, Philipp. Kunze“ – das galt seinem Kutscher – „spannen Sie nicht aus, fahren Sie nur unter Dach und tränken Sie den Rappen nach einer Weile – ich bleibe heute nicht lange.“

„Sehr wohl, Herr Landrat!“

Fink näherte sich mit seiner gesetzten Bedientenmiene. „Der Herr Baron ist soeben ausgeritten, Herr Landrat!“

„Dacht’ ich mir, komme auch gar nicht zum Herrn Baron – ^ können Sie mir sagen, Fink, welchen Weg Baroneß Ilse gej nommen hat?“

„Die Baroneß ging nach dem Dianatempel.“

„Gut – nein, nein, Sie brauchen mich nicht hinzuführen, ich finde mich schon zurecht.“

Als alter Freund des Hauses fand Landrat Melchior wirklich den Weg, der am Dianatempcl mündete, einem hübschen altertümlichen Steinbau, vor dem die kurzgeschürzte Göttin samt ihrer Hirschkuh Wache hielt. Es war ein träumerisches reizvolles Fleckchen; blühende Akazien standen in Menge umher, die stille Luft war schwer vom Blütenduft, in Scharen schwärmten die Bienen um die reich herabhängenden Dolden. Die Sonne hatte j schon allen Morgentau von Gras und Busch fortgetrunken – es L, wollte offenbar ein sehr heißer Tag werden.

Ilse saß mitten in dem kleinen Tempel auf einer rissigen grauen Steinbank und nähte an einem Kinderkleidchen. Die Baronin liebte-es nicht, wenn ihre Tochter für die Dorfkinder arbeitete, aber Ilse hatte sich von Lina unterweisen lassen und that in aller Stille, soviel sie konnte, die Armut im Dorf zu mildern.

Der Landrat musterte das reizende Bild, das sich ihm bot; mit Wohlgefallen, mit rein künstlerischem Wohlgefallen und unverminderter Seelenruhe. Er war ein Mann in gesetzten Iahten, zufriedener Gatte und Familienvater, und selbst in seiner Jugend hatte er keine stürmische Leidenschaft gekannt. Daß er gern hübsche Mädchen und von allen Ilse von Doßberg am liebsten sah, verhehlte er weder sich noch andern – warum hätte er dies sollen?

„Morgen, Fräulein Ilse!“ rief er, nachdem er eine Weile den stillen Beobachter gespielt hatte.

Sie sah überrascht, aber nicht erschrocken auf und erhob sich rasch. „So frühHerr Landrat? Guten Morgen! Hat Fink Ihnen nicht gesagt, daß Papa –“

„Doch, weiß alles. Ich komme zu Ihnen. Bleiben Sie da oben, ich setze mich neben Sie auf diese Bank von Stein! Ein behagliches Plätzchen! Wie stark die Akazien riechen und wie das ^Bienenvolk schwärmt!“

Sie hatten einander als alte Freunde, die sie waren, die Hand geschüttelt. Ilse ließ ihre Handarbeit in den Schoß sinken.

„Lieber Herr Landrat, es ist gewiß etwas Ernstes, was Sie in dieser Frühe zu mir führt.“

„Natürlich ist’s das, Kind! Die Zeiten sind ernst für Ihre Familie – da hilft nichts, das muß ausgehalten werden. Zunächst sagen Sie einmal: wie steht’s mit Papa, seitdem wir neulich zur Besichtigung da waren?“ [115] 

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. ..Schlecht! Er ^ brennt, wie Fink fagt, bis zwölf, ein Uhr nachts die Lampe auf feinem Zimmer und morgens ist er um vier Uhr außer Bett und ^ facht dann aus, als ob er überhanpt nicht geschlafen hätte. Dabei ißt er wenig und redet bei den Mahlzeiten kanm ein Wort. Den ganzen Dag reitet er auf dem Gnt hernm.^ von einem Ende zu. andern. daß die Pferde es kanm anshalten. nüd als ich.ihn bat,. das zu nnterlaffen, da hat er mich groß angesehen. .Lassen? Wie ist das möglich? Ich muß doch Abschied nehmen, Abschied von der ^Perle^, die mir nicht länger gehören soll.^ Und vorgestern, als es regnete. da hat er die ganze Zeit im Archiv gestöbert und all die alten Urknnden anfgerollt und gelefen - ich sah dnrchs Schlüsselloch. Des Nachts, fagt Fink, ist er ein paarmal anfge- ftanden, mit Licht in den Ahnensaal hinanfgegangen und ftnndenlang oben geblieben. Ach. Herr Landrat, wenn mein Vater die .Perlen hingeben. wenn er von ihr fort muß - das überlebt er nicht!“ „Na, na - hm!“ Der Landrat rnnzelte nnmntig die Stirn und klopfte mit der Rechten begütigend auf Ilfes Hand. Er war so gern lnftig, alle Rührfeenen waren ihm zu.ider. ..Fort von hier?“ wiederholte er nach einer kleinen Panfe Ilses Worte. „Ich gland' auch, er hält das nicht ans^ Eben darnm müssen wir sorgen, daß er hier bleiben kann.“

..Aber wird - wird der neue Herr das wollen?“ warf Ilfe fnrchtfam dazwischen. Melchior nickte nachdrücklich. ..Gewiß wird er wollen,. wenn ihn jemand vernünftig drnm angeln. Der Iemand darf aber beileibe nicht Ihr Papa sein - der ist lael zu aufgeregt und reizbar. auch zu.stolz. würde denken, seiner Würde allerlei zu vergeben. Es muß gesorgt werden, daß er mil der ganzen Sache nichts weiter zu thun bekommt, daß im Gegenteil Herr von Montrose ihn bittet, hier aus dem Gut zu.bleiben. Und dazn müssen Sie helfen Fränlein Ilfe - ich bin deswegen hier!“

„Ich? Aber wie soll - wie kann ich auf diesen fremden Herrn irgend einen Einslnß üben?^'

„Rnhig Vlnt, Kind. lassen Sie 'mal Ihren alten Freund ausreden! Keinen Einslnß auf den fremden Herrn. sagen Sie? Na, wenn Sie nicht. wer fonft?“ Der Landrat schmnnzelte und ^ sah seiner sungen Nachbarin mit nnverstellter Vewnnderung ins Gesicht^ Ilfe schüttelte abwehrend den Kopf. ,.Na. gnt. ich fehe. Sie find nicht in der Stimmung. angenehme Dinge von mir zu hören. Alfo zu. Sache! Ich weiß. hab' es aus ganz zu. verläsfiger Onelle erfahren. daß Montrofe nicht felbft wirtschaften will. was ich nur billigen kann. denn er hat offenbar von der ganzen Geschichte keine blasse Ahnung. Er sncht einen zu.er- lässigen Administrator. der die hiesigen Bodenverhältnisse kennt. der die Sache mit Lnst und Eifer. und felbftredend auch mit Erfolg. anpackt und die .Berle^ wieder z^dem macht. was sie urfprünglich gewesen ist. zu. Prachtftück der ganzen Umgegend. Daß Ihr Vater wirtschaften kann. wissen wir alle. Montrose wird es auch wissen. und jeder. der gerecht denkt. kann es ihm be- stätigen. Nnr muß Ihr Vater eben in einen vollen Geldsack greisen können. dann bringt er die ^Perle^ in die Höhe. so wahr ich hier neben Ihnen sitze! 's ist ja natürlich tranrig. daß er das für einen Fremden . nicht für sich selbst und die Seinigen thun kann. aber Heimat bleibt Heimat. Vringen wir ihn fort von hier - ich glanbe wahrhaftig. er erträgt es nicht. Sagt Montrose Ia - und warum sollte er es nicht? - dann bleiben Sie alle hier und sehen zu. wie es geht. Ihre Mama soll ja ohnehin nicht transportiert werden - die paar Hnndert Schritt bis zu. Verwalterhans aber werden ihr nichts schaden. Schwindelt ihr irgend etwas vor, was ihr diese Uebersiedlung glanbhast macht.. Anban oder Umban im Schloß.^ Schwamm in den Wänden - was weiß ich! Nun also. Fränlein Ilse?“

Sie saß da. tief in Gedanken verfnnken. und sah von ihm weg in die blaue Lnft hinein. Der Landrat. ein ..pofitiver“ .Mensch . wie er sich gern felbft zu.nennen pflegte. ärgerte sich ein wenig über sie.. .^as hatte sie denn jetzt so tränmerisch vor sich hin zu sinnen? War jetzt die Zeit. zu.tränmen? Aber er that ihr nnrecht. .Ilfe wußte ganz genan. was der Landrat .von ihr wollte, sie war sich der Tragweae der Sache sehr wohl be- wnßt. Daß sie thun mußte, was in ihren Kräften stand. dem Vater zu.helfen. ihm das Peinliche seiner Lage zu erleichtern. das verstand sich von felbft. ,.Aber wenn sie sich das Gesicht des Mannes vergegenwärtigte. das sie vor einigen Tagen plötzlich so nahe sich gegenüber gesehen hatte. dann kam ein Schrecken über

sie. eine Schen. die sie sich gar nicht zu.erklären wnßte. Dentlich hörte sie eine.Stimme in ihrem Innern. die sie warnte. thn's nicht. thn's nicht! Das ließ sie so sinnend vor sich hinsehen sie ver- snchte es. klar über sich selbst zu werden. und vermochte es doch nicht.

Als der Landrat neben ihr sich stark räusperte. wandte sie ^ben Kopf und schaute ihm ins Gesicht. ..Verzeihen Sie! Was müssen Sie von mir denken! Selbstverständlich geschieht. was Sie wünschen.“ Sie senszte beklommen.

Melchior klopfte von nenem ermunternd auf ihre Hand. ..Aber Fränlein Ilfe. wer wird denn dazu.einen so tiefen Seufzer heraus- holen? . Was ift's denn schließlich Großes? . Der Mann kann doch nicht mehr wie Nein sagen - ich wette indessen. er sagt Ia. wenn .Sie so vor ihn hinkreten. ihn mit diesen Ihren Sonnenangen anstrahlen und sagen ^Verehrter Herr. so und so liegt die Sache. und mein Papa ist ein tüchtiger Landwirt. sragen Sie die ganze Nachbarschaft.^ . ... nn ftraf' mich Gott. da müßt' es doch mit dem Böfen zu.ehen. wenn die Geschichte nicht glatt dnrchginge und der Vertrag anfgefetzt würde!“

Sie sah ihn dankbar an und lächelte ein wenig über feinen Eifer. ..Kennen Sie Herrn - Herrn von Montrose näher?“ fragte sie leisem

..Gott bewahr' mich! Ich bin ein halb Dntzend Mal oder so mit ihm zu.ammen gewesen. geschästlich. auch privatim. aber kennen? Keinen Schatten. der ist nndnrchdringlich ! Nun. für Sie hat das weiter nichts auf sich. Fränlein Ilfe - ein vor- nehmer Herr ist er bei alledem und Manieren hat er auch. Alfo hübsch alles eingefädelt. damit er dem Papa die Stelle auf .Perlen gleichfam auf dem Präfentierteller anbietet - in einer gnten halben Stnnde können Sie ihn hier haben!“

..Hente? Jetzt schon? So bald?“

..Ie eher. desto besser! Lassen Sie den Papa. wo er ist - zu. Abschlnß^ kommt es heute ohnehin nicht. Wie ich mir hab' sagen lassen, will Herr von Montrose heute das Gut seinem Sohn und seiner Dochter samt Vräutigam zeigen - hören Sie. Ilschen. der junge Montrose. das soll ein schlimmer Don Inan sein. der wird schön ins Zeng gehen. wenn er Sie zu.sehen bekommt. aber ich hoffe. Sie bleiben fenerfeft. So! Das überlegene Lächeln. das Sie jetzt eben hatten. das zeigen Sie dem Innker nur. das wird ihn abkühlen. Adien Ilschen^'

Ilfe griff nnwillkürlich nach seiner Hand. ^ ..Sie .bleiben nicht hier? Ich soll allein -“

Er lachte gntmütig aus. ..Ein schlechter Diplomat wär' ich. wenn ich Ihnen helfen wollte! Davon. daß ich meine Hand im Spiel gehabt habe. soll ja der Herr gar nichts merken. Sie hätten gehört und so weiter und ergriffen nun die Gelegenheit . . ... aber was soll ich Ihnen denn Vorschriften machen? Sie sprechen ja wie 'n Bnch. da^ weiß ich. Also Glück zu. Vekommt der Onkel Landrat keinen Knß zu. Dank?“

Ilse mnßte lachen. „Sie haben eigentlich nichts von einem Onkel an sich!“

..Hab' ich nicht? Aber. Ilschen, ich weiß genan, ich hab' Sie einmal aus dem Arm gehabt. als Sie knapp sechs Jahre alt waren. So lange kennen wir uns schon. Und damals bekam ich meinen Knß ohne jede Einwendung.“

..Wirklich? Nun also!“ Ilse hob ohne jede Ziererei ihr Gesicht zu.ihm aus. und der Landrat küßte sie bedächtig ünd ge- mütlich auf den Mnnd.

..Sehr schön. Ilschen. sehr schön! Sie fallen bedankt sein!“ Er schüttelte ihr herzlich die Hand, und sie stiegen zu.ammen .die Stnfen des kleinen Dempels herab. Ilfe begleitete den ^Landrat bis zu. Schloßhof und gab Fink den Anftrag, sie von. der Ankauft der zu erwartenden Gäfte in Kenntnis zu fetzen. Melchior. ein paar schöne Rofen in der Hand, die Ilfe ihm noch in der Eile für seine Fran .mitgegeben hatte. schwenkte fröhlich den Hat beim abfahren. während Ilfe mit gefenktem Kopf in den Garten zu.ückging.

...Knnze!“ sagte der Landrat zu.seinem Kntscher, als der Wagen am die Parkecke bog. ..jetzt fahren Sie den Landweg bei Neumühleu herum, 's ist zwar ein nichtswürdiges . Fahren dort.. und mein armes Krenz wird es fpüren, aber ich hab' meine Gründe dazu.“

Kanze brmmmte in nicht sehr verbindlichem Don etwas Unver- ständliches in den Bark.. und lenkte rechts ein. Sein Herr lehnte sich bernhigt in die Wagenecke zu.ück - er wnßte, daß er Herrn von Montrofe auf diesem Wege nicht begegnen würden ^ ^ (Forts e tzu.g svlg^)

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 8, S. 127–131

[127] Der Wagen, der Herrn von Montrose und dessen Angehörige ihrem künftigen Besitz entgegenführte, war eine richtige Stadtequipage, die Pferde zwei feurige Traber, ganz schwarz, ohne Abzeichen, der Kutscher ein graublonder Engländer, der tadellos fuhr und in korrektester Haltung auf seinem hohen Sitz thronte.

Im Fond des Wagens lehnte Herr von Montrose in seiner vornehmen, ein wenig lässigen Weise, die Augen halb gesenkt, gleichwohl die ganze Umgebung beobachtend, nichts außer acht lassend. An seiner rechten Seite saß seine Tochter Clémence, ein etwa zweiundzwanzigjähriges Mädchen, höchst elegant und für eine Fahrt über Land nicht ganz zweckmäßig in helle Seide gekleidet, ein reizendes Spitzenhütchen auf dem Kopf, einen kostbaren Spitzenschirm in der Hand. Trotz ihrer Jugend und Eleganz konnte man aber Clémence von Montrose nicht hübsch nennen die Offiziere in St. hatten recht. Ein farbloses eckiges Gesicht, unruhige graue Augen, spärliches strohblondes Haar, eine oft bemerkbare Falte zwischen den Brauen und einen Mund, der auf starke Leidenschaftlichkeit deutete. Ihr gegenüber saß ihr Verlobter, der „schöne“ Botho von Jagemann, auch heute, da er sich nicht in Uniform befand, eine auffallend gute männliche Erscheinung, brünett, die Züge groß und regelmäßig geschnitten. In seiner Haltung wie im Ausdruck seiner Augen lag etwas Erzwungenes; er hörte verbindlich seiner Braut zu, die lebhaft auf ihn einsprach, und beantwortete ihre vielfachen Fragen so gut er konnte. Dann und wann streifte sein Blick scheu über seinen zukünftigen Schwiegervater hin, der sich nicht an dem Gespräch beteiligte. Wie ein glücklicher Bräutigam sah Botho nicht aus.

Georges von Montrose, gleichfalls in Zivil, ein hübscher blonder Mann, in dessen Gesicht nur der zudringliche, gleichsam alles in Besitz nehmende Blick der kalten grauen Augen störte, unterhielt sich damit, beim Vorüberfahren Blätter von den Bäumen am Wegrande abzureißen, sie in Fetzen zu zerpflücken und in den Wind zu streuen. An dem Gespräch des Brautpaars beteiligte er sich nur selten durch ein hingeworfenes Wort oder ein Achselzucken. Die ganze Fahrt langweilte ihn - seines Vaters Gutskauf interessierte ihn nicht im geringsten. Erwartete der Alte etwa, daß er fortan jeden Urlaub da draußen zwischen Kartoffelfeldern und Runkelrüben zubringen, daß er gar eines Tages selbst hier seinen Acker pflügen und seinen Kohl bauen sollte? Gräßlicher Gedanke! Aber einstweilen hieß es für Georges, den liebenswürdigen gehorsamen Sohn spielen, denn er war völlig abhängig von seinem Vater und wußte recht gut, daß mit diesem nicht zu scherzen war. Das hatte ihm seine Versetzung von Berlin hierher in dies „Nest“ bewiesen. Herr von Montrose hatte seinem Sohne kurz und trocken geschrieben, daß ein längerer Aufenthalt in der Reichshauptstadt ihm nicht dienlich sei, es fehle ihm die nötige Mäßigung und Selbsterziehung. Darauf war die Versetzung erfolgte die Montrose für seinen Sohn erbeten hatte. Dieser hatte damals vor ohnmächtiger Wut geschäumt - er fand sich überaus schätzenswert, wenn er mit genauer Not, ohne sich strenge Rügen von seinen Vorgesetzten zuzuziehen, seinen Dienst versah, denn das war wahrlich schon Plage genug! Aber da man am Ende doch etwas „vorstellen“ mußte, ging es so noch am besten. Daneben „amüsierte“ er sich natürlich nach Kräften. Und nun diese Bevormundung, dies tyrannische Verfügen über ihn! Der Vater war doch ohne Zweifel schwer reich - freilich, wie reich, das wußten seine Kinder nicht, er hütete sich wohlweislich, sie einen Einblick in seine Vermögensverhältnisse gewinnen zu lassen! Da konnte es ihm doch aus ein paar tausend Thaler jährlich mehr für seinen einzigen Sohn nicht ankommen! Aber eben, es kam ihm ganz entschieden darauf an, und Georges mußte sich fügen. Daß er dies mit heimlichem Zähneknirschen that, schien sein Vater nicht zu beachten. Der junge Mann hatte sich nun in St. „zur Not“ eingelebt, hatte natürlich auch hier nicht aufgehört, sich zu amüsieren, denn das gehörte nach seiner Meinung notwendig zu seinem Dasein. Neue Schulden waren das Ergebnis gewesen, und Herr von Montrose hatte sie gleichmütig beglichen, mit der kurzen geschäftsmäßigen Bemerkung gegen seinen Sohn, daß er ihm diese Summe von seinem mütterlichen Erbe abgezogen habe. Empörenderweise hatte nämlich die Mutter ihren Gatten zum Vormund der Kinder eingesetzt und ihm den Nießbrauch ihres Vermögens zur freien Verfügung überwiesen - die Kinder waren mithin ganz abhängig vom Vater. Dadurch, daß Herr von Montrose die „Perle“ kaufen wollte, ein Gut, dessen ungefähren Wert man in den militärischen Kreisen recht gut zu schätzen wußte, war Georges in stand gesetzt, auf die väterlicher Verhältnisse einen Rückschluß zu ziehen, der ihn umsomehr mit stummem Ingrimm erfüllte, je weniger er den Vater seinen Ansprüchen geneigt fand.

Zwischen diesem Vater und diesen Kindern hatte es niemals ein inniges, kaum je ein leidlich gutes Verhältnis gegeben. Frau von Montrose war gestorben, als Georges zwölf, Clémence acht Jahre zählte; sie hatte beide Kinder in unvernünftiger Weise verhätschelt und ihnen jede Laune erfüllt, denn sie war eine schwache charakterlose Frau gewesen, die einzige Tochter ihrer in Pernambuco lebenden Eltern und die Erbin eines enormen Vermögens. Sie war gewöhnt, alles zu erhalten, was sie sich nur wünschte, und war daher auch weiter nicht erstaunt, Eugéne von Montrose, der ihr über die Maßen gefiel, zum Ehemann zu bekommen. Als sie sich aber außerdem auch noch seine leidenschaftliche Liebe wünschte und mit aller Heftigkeit ihres unerzogenen Naturells auf diesem Wunsch bestand, da mußte sie es erleben, daß dieser Artikel nicht zu erlangen war. Ihr Gatte behandelte sie rücksichtsvoll, umgab sie mit allem Luxus, aber ihrem unermüdlichen Werben um seine Liebe setzte er einen ebenso unermüdlichen Widerstand entgegen. Sie geriet in Verzweiflung, machte ihm die aufregendsten Scenen und verleidete ihm so vollends die Häuslichkeit. Dann kamen auch wieder Stunden der Selbstanklage über die Frau, sie bereute ihre Leidenschaftlichkeit , zerfloß in Thränen und bettelte auf den Knien um ein zärtliches Wort, eine Liebkosung ihres Mannes. Solcher Auftritte entsannen sich die Kinder noch recht wohl; sie wuchsen inmitten dieser Verhältnisse auf, sahen und hörten hundert Dinge, die ihnen noch jahrelang hätten verborgen bleiben müssen, und wußten, daß ihre Eltern in unglücklichster Ehe miteinander [130] 

lebten. Im gauzeu focht sie das aber weuig an, denn beide wareu felbftische Naturen und zufrieden. wenn ihre kiudischeu Wüusche erfüllt wurden. Nach dem Dode der Mntter blieben sie nur gerade solange in Buenos Aires, als zur Uebergabe und teilweiseu Auf-

löfung des Geschäftes notwendig war, dann fiedelten sie alle nach

Europa über, wo die Kinder foforck in Erziehungsanftalten ^ter- gebracht wurden. während der Bater auf Reifen ging. Vater und Kinder fahen einander felten. die Entfremdung wurde immer größer. und obgleich sie jetzt schon längere Zeit zusammen lebten, waren sie doch innerlich einander fern geblieben.

..Sind Dir die Doßbergschen Familienverhältnisse näher be. kannt. liebe Elemenee?“ fragte Botho von Iagemann. der erst feit knrzer Zeit bei den Husaren in St. stand.

..Nnr ganz oberflächlich - wir sind ja auch noch nicht lange hier. Soviel ich hörte. hat dieser Baron Doßberg viel Unglück gehabt - Mißernten und dergleichen Geschichten. Er soll sich ge- wehrt haben wie ein Verzweifelter. sein Gnt zu.halten. Mehr weiß ich nicht. Das ist für uns alles so Hals über Kopf gekommen. Geftern hörten wir von Papa das erfte Wort über feinen beabfichtigten Gntskanf. heute hieß es. wir würden hinansfahren, uns den Befitz anzu.ehen. Hätte man nicht nenlich in einer Gefellschaft zu.ällig etwas über diesen Doßberg und seine ^Perle^ gefprochen. dann tappte ich jetzt ganz und gar im Dnnkeln.“

„Ia,“ sagte Georges mit Betonung. ..Papa liebt es überchanpt, uns über seine Pläne und Absichten im Dnnkeln zu.lassen.“

..Allerdings!“ gab sein Bater gelaffen zu.ück.

Das Gespräch verstimmte hierans. Beinahe jede Unter- haltung. die Vater und Kinder miteinander hatten. endigte mit einem Mißton.

..Wie schön - sieh. Elemenee, dort ist die See!“ rief Botho plötzlich und erhob sich ein wenig von feinem Sitz.

Sie waren ill einen Waldweg eingebogen^ links traten die Bäume aneinander, und für eine knrze Weile blitzte das tiefe Blan des Meeres zu.ihnen herüber.

..Wir fahren zu.ächft nach Gnadenstein.“ erklärte Herr von Montrose kurz. ...Das hat früher zu.^Perle'^ gehört. ist aber feit einiger Zeit abgelöst. Ich möchte. fnchen. es wieder mit dem Hanptgnt zu.vereinigen. Georges und Botho werden im Gnaden- fteiner Pächterhanse bleiben. während ich mit Elemenee nach ^Perle^ hinüberfahre. damit sie sich das Schloß anfleht. In einer gnten Stande etwa könnt Ihr nus zurückerwarten!“

..Ah. Du willft uns nicht mitnehmen?“

..Hente - nein!“ Georges faltete finfter die Stirn. Dies ..zwecklose Hernmgekarre“ war dnrchans nicht nach feinem Sinn. Was zu. Denfel follte er mit Botho auf Gnadenftein anfangen. und warllm nahm Papa sie beide nicht ins Schloß mit? War das nichts weiter als eine Lanne oder fteckte etwas Besonderes dahinter?

..Botho. hast Du Karten in der Tasche?“ fragte er miß- vergnügt feinen .künftigen Schwager. ..Mit irgend 'was muß man doch seine Zeit totschlagen!“

Herr von Iagemann fühlte in eiller Dasche feilles Ueberrocks nach und nickte befriedigt - gottlob. die Tröfter waren zu. Stelle!

El^menee war ebenfalls nnmntig über die Trennung voll ihrem Bräntigam. Was Papa mitnnter für komische Einfälle hatte! Sie ftreckte Botho heimlich wie zu. Trost die Hand hin - aber dieser sah es gar nicht. sondern blickte gelangweill. verdrossen gerade aus. Sie nannle leise seinen Namen.

„Du befiehlst?“ sragte er, aus seinem Sinnen allssahrend, in verbindlichstem Don.

Das Mädchen sah ihm mit beredten verlangenden Blicken ins Gesicht - er war so schön in ihren Allgen. so schön. - aber wie zerftrent oft! Was. mochle^hn beschäftigen? ,.An was^ dachteft Du?“ flüfterte sie vorsichtig. sich uahe zu ihm neigend.

„Das kaunft Duingen?“ gab er ebenfo zurück lllld fing die fnchende kleine Hand in der feinigen auf. der Ansdrnck seiner Stimme hatte etwas Gemachtes. Ein flüchtiger Seitenblick aus

den Augen des Vaters ftreifte die beiden e Geringschätzu.g und Mitleid lag darin ^ wie blind die .Menschen oft waren wie blind!

Der Gnadenfteiner Pachthof war in Sichte man ließ den Wagen ein Stück davon entfernt halten und stieg aus. -

^^„Wenn der gnädige Herr so gültig sein wollten - nnfere Baroneß wünscht, den gnädigen He^n für eine kleine Weile zu fprechen, sie wartet im Garten !“ Fink, der in ehrerbietigfter Haltung

neben dem Wagen vor dem Portal des Schlaffes ftand. entledigte sich feines Anflrags mit einer gewiffen Gezwungenheit - er kam ihm nicht recht schicklich vor. ..Der Herr Baron ist noch über Feld.“ fuhr er zögernd fort. ..die gnädige Fran Baronin ist sehr leidend. immer aus Bett gefesselt. und so hat Baroneß -“ ..Alfo ist doch eine Dochter hier!“ nnterbrach ihn Elemenee. Fink entgegnete ernsthast. „^u Befehl!'^, aber er machte doch ein erstauntes Gesicht. daß jemand vorn Dasein seiner Baroneß. solch einer Baroneß. nichts wnßte.

..Es ist gnt. ich komme,“ sagte Herr von Montrose. indem er den Wagenschlag öffnete. „Rufeu Sie die Wirtschafterin . sie kann einstweilen meiner Tochter das Schloß zeigen!“

Fran Köhler, die Wirtschasterin, eine junge rüstige Witwe. erschrak nicht wenig, als Fink ihr im Milchkeller, wo sie gerade beschästigt war. seinell Anstrag ansrnchlete. War es denll wirk- lich schon so weit mit ihrer Herrschast gekommen, daß sie sremden Lenken das Schloß zeigen mnßte? Leise vor sich hinsammernd. wllsch sie sich in Eile die Hände, that eine blendend weiße Schürze um und stand eine Minnte später kni.rend. den riesigen Schlüssel- band am Gürtel. neben dem Wagen. in dem noch immer Ele- menee von Montrose nachlässig lehnte. vor den Augen ein Lorgnoll an langem Goldstiel. durch das sie das Schloß und dessen ganze Umgebung mit hochmütiger Miene mnfterte. Herr von Montrofe grüßte die atemlofe kleine Fran höflich. winkte seiner Tochter einen Abschiedsgrmß zu.und schritt. von Fink geführt, nach dem Garten.

Dnrch die Büsche schimmerte ein weißes Franenkleid. Fink wollte daranf zu.ehen llnd feinen Begleiter meldell. allein dieser machte eille abwehrende Bewegung mil der Hand und warlele. bis der Bedienle wieder hinler dem Gilter verschwnnden war.

Warmer Dnft kam Herrn von Montrofe entgegen. eine lachende blühende Welt nmgab ihn. Weiße Faller gankelleu über den niedrigen Büschen oder hingen regungslos all den Blumen-

kelchen. die Bienen fllmmlen mil einschläferndem Ton. Rosen und

Lilien flanden ill weileln Halbkreis und .hauchleu ihren schweren süßen Dllfl ill die schwüle Sommerlnft hinein. Und mitten in all dieser Pracht die Maienkönigal! Denn so sah Ilfe von Doß-

berg aus. obgleich sie ihr schönes Haar heute lacht frei herab-

wallen ließ. fonderll es. zll einem Krönchen zu.ammengeflochten. auf dem Scheitel trllg. Aber eitles Gold .flimmerte um Schläfen, Stirn und Nacken. Goldlichter hnschten über das schlichte weiße Kleid und irrten über die zarten Hände. die ebell bemüht waren. eine herabhängende blasse Rose höher an den Stock hinanszu.inden. Der Beobachter sah das seine Profil, die fanftgeschwellten Lippen. die sich leise regten - er machte keine Bewegung. um dies Bild nicht zll zerftören. Aber plötzlich wandte Ilfe sich um. gewahrte ihn. llnd in demfelben Augenblick lag die herrliche Rofe. die sie so behntfam aufband. dicht am Stengel abgelnickl. zll ihren Füßen. Mil zwei Schrillen war er neben ihr. hob die Blnllle auf llnd reichte sie ihr hin. aber Ilfe hatte die Hände schlaff niederfallen

lassen und nahm die Rofe nicht e sie war jäh erblaßt. mit einem ganz hilflofe^ Ansdrnck sah sie ihm uuverwalldt als Gefühl.

Er betrachtete sie ebenfo beharrlich. während er ehrerbietig den Hnt zog und mit seiner gedämpften Stimme sagte. ..Es thnt mir leid. Sie erschreckt zll haben. Baroneß. ich branche Ihnen wohl nicht zll beteuern. daß das nicht in meiller Abficht lag. Sie wissen. wer ich bin?“ ^ Ilfe neigte wortlos das Hallpt. ..Und Sie haben gewünscht, mich zu.fprechen?“ Ia. sie hatte das gewünscht. sie hatte sich alles zu.echtgelegt. was. sie ihm sagen wollte. foeben noch - lllld nun plötzlich wnßte sie kein einziges Wort mehr davon! Sie hatte die Empfindung. als ob die Gegenwart dieses Mannes. feill Blick sie lähme. als ob sie thnu müsse. was er wolle. Eill Gefühl der Unfreiheit war über sie gekommen voll dem sie sich vergebens loszllmachen strebte. Sie atmete hoch auf und fetzte zu. Sprechen an, aber es kamen ihr ganz andere Gedanken als die, die sie darlegen follte. Ihr ael des Landrats Ansfprnch ein, Herrn voll Mont- rwfes Sohn sei eill lockerer Gesell, und wie sie dazu so fieges- sicher gelächelt hatte - sie dachte, der Sohn werde gewiß dem Bater lacht ähnlich sein. denll zwei Menschen könnteu uumöglich

solche Augen haben und warum sie die Rose nicht nehme, die der Gast in der Hand hielt - dazwischen sah sie eine kleine Elsenbeinsignr vor sich, die hellte früh für ihre Mama angekommen war, die „Hoffnung“, eine reizeude Mädchengeftalt lnit sehnsuchtsvoll [131] ^ ^1 ^

emporgehobenem Köpschen und wie sie gestern Mamg hatten vorlese müssen, eine seutimeutale Liebesgeschichte aus dem .Eng-. lischeu , die ihr so. nuglaublich süßlich . vorgekommen war. - und wie stark die Lilien um sie her dusteteu, aber ihre Zeit war uuu auch bald vorbei, die Linde singen ja schon an zu.blühen .^...^ .. Aber während sie aa das dachte, hastig. ungeordnet., kann kein Wort über ihre Lippen, und sie wartete, daß Herr von Montrose etwas zu ihr sagen soate. Er stand noch immer neben ihr, den Hut in der Hand - er sah von ihr weg, .weil et merkte, daß sein Blick sie verwirrte, und ließ ihr Zeit., .sich zu sammeln, aber er selbst fühlte auch, wie dieser schwüle Mittags- zanber ihn in feinen Bann schlug. Endlich brachte Ilse stockend hervor. „Woaen wir in die Lanbe gehen e“

„Germ Ich stehe zu.Ihren Diensten.“

Sie schritt ihm voran zwischen den Blumeubeeteu hindnrch, mit ihrem leichten Gaug,^ der so gnt zu.dem anmntig getragenen Köpscheu stimmte. In der lleinen mit wildem Wein überwncherten .Laube setzte sie sich wie erschöpft auf eine Holzbauk und faltete die Hände leicht im Schoß. Montrofe ließ sich in einiger Ent- fernung von ihr nieder und blickte sie wieder nnverwandt an. Sie saß ganz in der grüngoldenen Dämmerung, und die gezackten Schatten der Weinblätter liefen zu.eilen in lebendigem Spiel über sie hin. „Ich - .ich hab' eine Bitte,“ fing Ilfe endlich an, zugleich hob sie wie verwundert den Kopf. war das wirklich ihre eigene Stimme, die das sagte e „Man - man hat mir gesagt,“ fnhr sie ftockend fort, da er nur eine verbindliche Vewegung anf- merckfamen Znhörens machte, „Sie, Herr von Montrofe, woate nnfere Befitzung kaufen die ..Perlen“

„Hat Ihr Herr Vater Ihnen das mitgeteilt?“

„Nicht mit dürren Worten. Papa ist - er kann darüber nicht sprechen“ - die Worte kameu ihr jetzt wiaiger und rascher - „es liegt wie eine schwere Krankheit über ihm, er kann den Ge- danken nicht fassen, von hier fort zu.müssen, Und ich nveiß nicht, wir aae, die ihn lieben, wissen nicht, wie er das Leben fern von hier erlragen foa. Es giebt gewiß viele, die das gar nicht verftehen, die es lächerlich finden, ich weiß nicht. ob -“

„Nein, nein,“ sagte er rnhig und lächelte ein wenig, „Sie foaen nicht denken, daß Sie in mir solch einen Verftändnislofen vor sich haben. Ie älter nmn wird, je tnehr man vohh Welt hhnd ^ Menschehr sieht, desto. hnehr wird hna.h trachten hnüssen, aaes zu verstehe, auch das Frenhde, der eigehhehh Natur Unbegreisache. Uhhd das ist hier nicht eimnal der Faa. Hätte ich eine Heihnat gelahmt, ich bin sest überzehhgt, daß hnir die Trenhhhnhg von ihr nnendlich schwer gesaaen tväre.“

Mit einehn rasche schee Blick sah Ilse dehh Sprecher ahh^ ihre tvarmen dhncklehh Ahhgehh verriete dentlich ihr Mitgesühl, ^ber sie bliebe hhicht hastehh aus ihhn^ hvie erschrockehh wahhderten sie weaer hhnd ruhten beharrlich ahhs einem blühede Flieder^ bnsch, der nebehh dem Eihhgahhg der Lanbe stahhd.

„ Für dehh Fremde hnnß es dehh Ahachein habe, als sei Papa keihh tüchtiger Lahhdhvirt,“ snhr Ilse sort, „denn die .Perlen ist ein schönes ertragsähiges Gnt, und wir können uns doch hhicht mehr daraus halte. Aber .als hnein Vater es bekam, stand es, wie ich jetzt tveiß, schon nicht hhhehr gnt danhit, nhhd er hätte sehr spar^ sam lebe müssen, nhn aahnählich wieder ihh die Höhe zu.kohnhhhen. Das aber konnte er nicht. Für sich felbft brnnchte er nicht viel, aber meine arhne Mutter . ... . Sie wisse davon e“ unterbrach sie sich, da Montrose eine zu.tihnhnehhde Betvegung gemacht hatte.

„Ia, ich weiß! Uhhd Sie irren auch, Baroneß, toenhh Sie glanben, ich hielte Ihren Vater für einen schlechte Wirtschafter, weil er die ^Perlee nicht länger halte kann. .Ich weiß, daß er Düchages leistet, nhhd setze voaes Vertraue in seine Kraft nhw Fähigkeit!“ ^ .Ilses Lippe zitterten - wie hvohl ihr dies Lob ihres Vaters that! Wahrlich, er, zht dem sie fprach, hnachte es ihr leicht geung, ihre Vitte vorzu.rwgen , . .. ... und dennoch dieser Alp, der aus

ihr lag, dieser nnerklärliche Zhvahhg! .Eine duhnpfe Angst stieg von neuehn in ihr aus, ließ ihr das Herz bis in den Hals hinauf schlagen und raubte ihr die Sprache^ es blieb tvieder eine ^eile stia zwischen. ihhheu. „Und Ihre Bittee“ fragte er endlich leise. ^ . ^^^^.t^n^^....^^n^h^ die Bitte! Was war sie deuu

für eine Tochter, daß sie im Grübeln über ihre „dummen .nn- klaren Ehnpsinduhhgehh“ das Wichtigste vergaß e Eine fliegende Röte kahn und gihhg ^ in ihren Gesicht. ^,Es ist mir gesagt hvordehh, . Sie, Herr Bäron ^“

„Bitte,“^ unterbrach er. sie rasch, ^einfach Montrose!“ ^ „ Herr von Moutrose“ - es fiel ihr schwer, feiueu Rameu auszusprechen .„man. hat mir gesagt, daß Sie die Leitung .^hrer neuen Obliegenheite nicht felbft übernehmen woaen -“

„Könneu!“ betonte er, wieder mit feinem flüchtigen Lächeln. ^Vielleicht würde ich es woaen, hvenn ich hüich nicht gänzlich un- fähig fühlte, diese Aufgabe zu erfüllen. Was verfteht ein Bankier van. Landbane Ich würde gern einen tüchtigen Beamten haben, der hnir einen Einblick gbnnte, hnich etwas lernen ließe. Würde

Ihr Vater, Baroneß, dieser Beamte sein woaen e“

Da war ihre Vitte hmn, und sie selbst hatte es nicht uötig gehabt, sie anszusprechen! Jetzt hätte sie ihm danken müssen für

sein Entgegenkomme, dos fühlte sie, statt dessen erwiderte sie nur. „Ich tveiß das nicht, Papa hat keine Silbe darüber geäußert. . Er. ist so überans^ reizbar, so wnnd in seihter Seele - ich glaube hhicht, daß er an irgend jemand, er sei, wer er sei, eihhe solche Bitte richte könnte.“

„Nnhh, so wia ich .ihn bitten,“ sagte Montrose einsach.

„Sie ^ ach, wenn Sie das hvoaten!“

„Warnnh sollte ich nicht e Es ist der kürzeste Weg. Woaen

Sie hnir hhhhr sagen, Varoneß, hvo und wann ich Ihren Vater in

nächster Zeit sprechen kanne“

„Papa sührt ein meravürdiges Dasein jetzt ^ er kommt nicht hnehr regelmäßig zu dehh Mahlzeiten, wir müssen oft stnndenlang auf ihn warten. Wenhh ich ihm aber sage, Sie seien hier gewesen hhnd hvünschten ihn in eihher wichtige Angelegenheit zu.sprechen, so hvird er selbstverständlich zu.jeder Stnnde, die Sie bestimmen, .zu Ihrer Versügung sein!“

„Gut! Sagen wir übermorgen nachmittag um sechs Uhr -

meine Sie, daß es so recht wäree“ „Ohne Zweifel ist es das.“

Montrose erhob sich. „Ich hosse, die Angelegenheit wird zu Ihrer Zufriedeheit geordnet werden.“

Auch Ilfe hvar ausgestanden, sie sachte hnühfam nach Worten. Es hvar ihr bisher. nie schwer gesaaen, sich zhh bedanken, schon als Kind hvar sie srendig hüit aasgebreitetehh Aermchen auf jedehh losgestürmt, .der ihr ein Spielzeng, ein Naschwerk brachte, hhnd auch 'fpäter war es fast zu.hh geslügeltehh Work in ihren kleinen Kreise gewordene hnahh muß Ilse etwas zu.ebe thün, da- hnit sie sich bedahhken kanhh! Warhhhn fiel ihr heute, wo ihres ge- liebtehh Vaters Existenz in Frage kam, das so schwer, was ihr sonst em unabweisbares Herzesbedürfhhis gehvefehh tvare Sie kahhh sich hart hhhhd gefühllos vor, sie hvar hhahe daran, ia ganz kihhdische hilfwfe Thränen ahnszubreche.^ da hvarf sie den Kopf zurück hmd das schöne weichgesorhnte Gesicht nahm ungewoat einen hochhnütigehh Annsdrmck an. „Ich habe Ihnen h.och zu danken!“ brachte sie ehhdlich heraus. . Es klahhg hart mtd uhhverbiudlich, sie sühlte das recht wohl, aber sie hätte es nicht ahhders sagen können, nhhd hvenhh es nhn ihr Lebensglück gegahhge hväre.

„Ich bitte, Varohheß! Es handelt sich ja auch um meinen Vorteil.^' Sie traten .nebeneinander aus der Laube heraus und schritten den Gitterthor zu. Als sie am linke Seiteslügel des Schlosses vorüberkamen, ösfnete sich die Thür zu.einen ziemlich niedrig angebrachten Altahh, und Cl.anere vohh Montrose, von der Wirtschasterw begleitet, trat herans. Ihr Gesicht bekam einen Ans- druck beinahe verblüsfte Erstannens, als sie das schöne Mädchen gehvahrte, das an ihres Vaters Seite ging. Sie kniff die Augen zhaahnhnen, tvvate die Lorgnette ehnporcheben und riß ungeduldig au^deh^ Spitze ihres Kleides, ihn die der goldene Stiel sich ver- wickelt hatte. Ehhdlich hatte sie das Glas vor denn Augen. ,.,Sieh da, Papk^ - Meine Liebe, hvie heißen Sie doch gleiche- Giebt es

da unkeu hhicht irgehhdhvo eine Thür, die hier zu.uns heraufführte“

„Gahhz gehviß, ghhädigstes Frgnlew!“ enntgegnete Fran Köhler, an welche die letzte Worte gerichtet waren, eisrig und wichtig. „Wir haben hier.. .überall Zugänge. Gleich unten rechts ist eine kleme Pforte, Baroneß .Ilse kennt sie gahhz geuau.“

„Sehr schön! Dann also bitte, Papa, komhn heraus uhhd laß ..mich Deiue Begleiterin kehhhhehhleraeS ^ Ich käche^. germe hiu- unter, aber ich bin noch hhicht za Ende hnit hneihher Besichtigung, hnir sehlt noch dieser Seitenflügel.“

Was blieb Ilfe übrig, als die kleine ^Pforte zu öffnen und .der ^ neuen Herrn“, wie sie ihn beharrlich im Geiste nannte, .^^nzthgehehh,. hhhn ahhs dehh Altan zhh gelangen ! ^

(Fortsetzung folgt.)

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 9, S. 144–147

[144] Als Ilse die schmale und selten benutzte Thüre öffnete, nun mit Herrn von Montrose, auf den Altan des Schlosses zu gelangen, schlug ihnen eine dumpfe eingesperrte Luft entgegen und nahm ihnen den Atem. Es war dämmerig hier innen, nur ein mattes Licht kam durch die blinden runden Scheiben. die in die dicken Steinmauern eingelassen waren. Eine schmale Wendeltreppe mit engen Steinstufen führte empor. Da wo sie das stärkste Knie machte, hörte die schwache Beleuchtung ganz auf.

Ilse sah sich nach ihrem Begleiter um; er tastete sich vorsichtig weiter, aber jetzt blieb er stehen, offenbar fand er sich nicht mehr zurecht. Es blieb ihr nichts übrig, als ihm die Hand zu reichen. Sie können nichts sehen, es ist finster hier - bitte, kommen Sie!“ Sie biß die Zähne übereinander, damit ihre Hand nicht zittern sollte. und zog ihn nach sich. Stufe für Stufe. Seine Hand war nicht kalt und hielt ihre Rechte nicht fest; dennoch war es ihr, als stiege eine tödliche Kälte im ihren Arm empor, als hielte eine eiserne Klammer ihre Hand umspannt, der sie sich nie mehr entwinden könnte ... nie mehr!

Beim ersten matten und trüben Lichtschimmer ließ Ilse die Linke ihres Begleiters los und nahm die wenigen letzten Stufen im Eilschritt. Sie standen vor einer niedrigen eisenbeschlagenen Thür, die sich nur mit ewiger Mühe öffnen ließ und widerwillig in ihren Angeln kreischte. In dem halbrunden Turmzimmer. das sie betraten. kam ihnen Clémence entgegen. Sie trat sehr nahe an Ilse heran und musterte sie dreist aus ihren müden. leicht ein wenig zwinkernden Augen.

„Sie gestatten Baroneß,“ sagte Montrose förmlich. „Ihnen meine Tochter Clémence vorzustellen!“

Ilse verneigte sich höflich, Clémence nickte nachlässig. Papa mit seiner übertriebenen Ritterlichkeit! Brauchte man soviel Umstände zu machen mit der Tochter eines heruntergekommenen Adligen, dem man um einen schönen Preis sein abgewirtschaftetes Gut abkaufen wollte; mit einem Mädchen. das in einem so billigen weißen Kleide einherging? Clémence kniff die Augen wieder ein: ja wahrhaftig, es war Battist, nichts weiter! Freilich schön war das Mädchen trotz alledem. Clémence mußte das zugeben. Ihre zudringlichen Augen gingen langsam vom Saum befugten weißen Batistkleides aufwärts bis zu dem schimmernden Haar, das wie ein Goldkrönchen auf dem stolzen Kopf geordnet war.

„Gut, daß Sie mit Papa heraufgekommen sind! Ich bin nämlich ein wenig kurzsichtig, da wollte ich sehen, ob Sie in der Nähe auch so - so überraschend ausschauten wie von oben, von dem kleinen Altan dort. Eh bien, Sie haben die Probe bestanden, Sie können's wagen, sich in der Nähe betrachten zu lassen - mon Dieu, das werden Sie ja selbst wissen, j'en suis persuadée!“ [146] 

Elemenee liebte es, französische Brocken in ihre Rede einzustreuen, sie spielte sich überhaupt nat Vorliebe auf die Franzöfin hinaus und schwärmte von ihrem Parifer Pensionat, indem sie „göttliche Zeiten“ verlebt haben wollte.

Ilse errötete und wandte leicht den Kopf ab. „Gefällt Ihnen uufer Schloß, gnädiges Fräulein?“ fragte sie dann, einfach zu. Dagesordnung übergehend.

„O ja, ein ganz stilvoller alter Van, manches darin fogar überraschend hübsch. Den Stammbaum follteft Du fehen, Papa, und den Ahnenfaal! Aber die Rüstkammer ist leider ganz leere die muß doch eine Menge von interessanten alten Waffen ent- halten haben - wo find die denn alle geblieben?“

„Mein Vater hat fie^ verlanst,^' entgegnete Ilfe ruhig und sah so stolz dabei aus, als gewährte es ihr ein ganz befonderes Vergnügen, gerade diese Antwort zu.gehen.

......^.a.. ^ruim^ut? Sehr schade! Alte Wassen sind eine

Speeialität von mir!“

„So? ^ Seit wann denn?“ fragte Herr von Montrofe trocken.

„Ach, Botho hat mir das Bersländnis dafür anfgeschloffen Botho verfteht viel davon, er hat sich ein besonderes Slndinm daraus gemacht.“

Herr von Montrose trat schweigend an eines der Fenster und hielt einen Rnndhlick. „Ein schönes Panorama! Darf ich fragen. Baroneß, was die roten Hänfer find, dort hinten , rechts hinüber - man fieht nur die Dächer!“

„Das ist Gnadenftein. eine kleine Besitzu.g, die früher gleich- falls zu ..Perlen gehört hat, daun aber abgelöft worden ist.“

„Ah!“ machte er überrascht. „Ich dachte nicht, daß man das von hier aus fehen könnte!“

„ Gnadenftein?“ rief Elemenee dazwischen und hob eifrig das Lorgnon vor die Augen. „Das ist das Gnt, wo Du nnfere beiden Herren kaltgeftellt hast, Papa? Sie müssen nämlich wissen,“ wandte sie sich an Ilse. „daß mein Brnder und mein

Verlobter, zwei Hnsarenoffiziere.. mit uns heransgefahreu finde aber Papa hat sie nicht mit hierher genommen er hat sie einfach in diefem Gnadenftein gelaffen.“ Sie hatte die letzten Worte in gereiztem Dane gesprochen und trat nun mit übellannigem Gesicht an das andere Fenster. „Es giebt noch unendlich viel hier zu erneuern, auszubesseru , anzu.chaffen!“ sagte sie dann, sich wieder umdrehend. „Vieles hier im Schloß ist ganz altmodisch, ua..^ lum^ut. nicht zu.gebrauchen. Tapezierer und Dekoratenr werden vollanf Arbeit bekommen - ich hab' aar schon eine Menge Notizen gemacht, willft Du sie fehen, Papa?“

„ Später, später! Wenn es Ihnen recht ist, Baroneß, be- enden wir jetzt rasch nnseren Rundgang und Elemenee wie ich rüsten zu. Abfahrt!“

„Ganz wie Sie wünschen!“

Unter den drei Menschen wollte kein Gefpräch mehr in Flnß kommen e eine einsilbige und erzwungene Unterhaltung zwischen den jungen Damen wurde nur durch Fran Köhler mühsam zu. sammengehalten. Es ging alles rnhelos, überhastet - die letzte Besichtigung des Schlosses wie der Abschied. .Trotzdem konnte Ilse das Ende dieses Befnches kanm erwarten, und als Vater und Dochter endlich weggefahren waren, da stürmte sie in den Garten mit einer Hast, wie wenn jemand sie versolgte. Sie mnßte eine Weile mit sich allein sein, mnßte versnchen, Klarheit in diese verworrene Stimmung zu.bringen, mit der sie rang!

Was war ihr nur geschehen? Die „Perle“ sollte einen neuen Besitzer bekommen , sie hatte ihn gesehen , sein Anblick hatte sie frappiert, dies schmale feingeschnittene Gesicht mit den merk- würdigen Augen - und . sie hatte sich nnwillkürlich davor ge- fürchtet, dieses Gesicht wiederzu.ehen. Das aber war nicht zu vermeiden gewesen, sie mnßte den Mann anfsnchen, mnßte ihn bitten, unter einem Dach mit ihm leben zu.dürfen,. Er war vornehm und liebenswürdig gewesen, sie konnte das nicht lengnen, er hatte ihr die schwere Anfgabe erleichtert - sie war ihm Dank schnldig! Aber - und das fühlte sie nat der grüßten Deutlich- keil - sie wollte ihm nicht danken, wollte ihm nichts schnldig seine alles in ihr hänmte sich dagegen auf. War das etwa Haß? Was . hatten der..Mann ihr gethan?.....Unerklckrliche.Ab^^ neigung? Die hatte ihre gefnnde klare Ratnr bisher noch nie gesühlt, sie war bis jetzt immer imftande gewesen, sich Rechen-

schaft abzu.egen über ihr Empfinden. Was konnte es alfo sein, das sie hier in so unerklärlicher Weise abftieß? Aöftieß, und auch wieder anzog! Denn sie mnßte nnansgefetzt des Mannes denken, der diesen Zwiefpalt in ihr heranfbeschwor. Immer sah sie seine Züge vor sich, den kranervollen Ansdrnck seiner Augen, die es anfgegeben zu.haben schienen, das zu.fnchen, was sie doch nicht fanden, nicht gefnnden hatten in all den langen Jahren. Ilfe atmete trotzig auf mit halboffenen Lippen. Was ging das alles sie an! Mochte er fnchen und finden oder vermiffen, was er wollte ! Wie konnten die Gefühle des fremden Mannes Einfluß auf die ihrigen haben? Drng sie nicht den ftärkften Dalisman bei sich, die trene Liebe zu.ihrem Albrecht? Hatte sie nicht erst kürzlich zu.Onkel Erich gefagt, und wenn alles noch viel schlimmer und trauriger komme, sie felbft sei glücklich und geborgen in ihrer Liebe? Und war das nicht lautere Wahrheit gewesen? t Was also hatte sie zu.fürchteu?

Und während sie das dachte, fühlte sie plötzlich mit heißer Angft, daß sie sich Albrechts Gesicht nicht deutlich vergegenwär.- tigen könne.

Sie hätte ihn andern genan zu.beschreiben vermocht, feineu hohen Wnchs, das gebrännte Gesicht, die stolz und frei blicken.- den binnen Augen - aber sie sah das alles nicht wie sonst handgreiflich vor sich, es war etwas Fremdes dabei, sie fand den Gefamteindrnck nicht, der ihr das Ganze lebendig machte. Wie angewnrzelt stand sie mitten im hastigen Gehen still, knöpfte mit

bebenden Fingern ihr Kleid auf und zog das Medaillon hervor, das sie beftändig bei sich trng. Ein Drnck auf den Deckel . . Heiße Dhränen ftürzten ihr aus den Augen, als sie das ckleine Bild wieder, immer wieder an den Mnnd preßte. „Hiif mir, hilf mir!“ ftammelte sie und wußte doch nicht, wozu sie seine Hilfe wollte. Es war dunkel, dunkel in ihr!

Herrn von Montrofes englischer Kntscher verhielt die Rappen mit einem kraftvollen Zügeldruck, der ein „Knrss“ von ihm war, nnweil des Gnadensteiner Pächlerhanses. Elemenee blieb im Wagen, ihr Bater stieg aus und wandte sich dem Wohn- hanse zu.

..Bleibst Du lange, Papa?“

„Nein - zehn Minuten eine Viertelstnnde höchstens^' ^

„Wenn Du Botho und Georges trissst, dann schick' sie nur, bitte! Wir Drei dürften bei Deiner Unterredung mit dem Be- fitzer des Hofes über den Kaufschilling und ähnliche interessante Dinge vollkommen übrig sein. Ich will Georges ein wenig den Mnnd wäffern machen, er wird sich ja wie ein Narr in das blonde Wnuder auf ..Perlen verlieben!“

Montrofe runzelte finfter die Stirn, erwiderte aber nichts.

„Angenblicklich hat er freilich die Brünetten in Affektion ge- nommen, eine Prima Ballerina glanb' ich - in Berlin hatte er auch schon immer Neigungen fürs Ballett.“

Elemenee! Es fteht einer jungen Dame sehr schlecht an, eine solche Sprache zu.führen!“ ... ^

„Ach Papa, was Du von den jungen Damen denkst!...Die reden oft noch ganz andere Dinge. Sich immer blind und taub ftellen und die Unschuld spielen, das ist nichts für Desne^Tochter. Um zu.glauben, daß Georges ein Heiliger ist, müßte ich wirklich ein Kind sein!“

Herr von Montrofe zog seine Hand vom Wagenschlag zu.ück

und ginge er hatte, während seine Tochter .sprach, aave^w^.^

in ihr Gesicht gesehen als wollte er es studieren Ia^^ war ihre Mntter, Zng um Zng^ dünkelhaft, kleine.y^^^, . reizlos und malitiös, diefelbe hochfahrende Art, die Augenbrauen empor.^nziehen , diefelbe Stimme, die in der Erregung. so leicht nmschlng, dasfelbe Geschick, kleine Nadelftiche scheinogr. ^harm^ los anszuteilen . .^aber gottlob .nicht dieselbe Macht^hn zu guälen!

Das hübsche Pächterhans von Gnadenstein lag friedlich mitten im hellen Sonnenschein. Anf ^et^roten Dach war ein zierlich gearbeiteter Tanbenschla.^^gebrach^.die Tanben trippelten kokett auf den Oners^ckygen nmher und ließe^^ werbendes Gnrren vernehmend . .^^s einem Stall taw.^^e iilt^

Milch, den sie langfam, den freien Arm weit von sich gestreckt, über den Hof trng. .Ans der niedrigen Gartenpforte, üöer der [147] ^ ^ ^

weißblüheder Flieder sein Dolden schüttelte, trateü die beiden saugen Herren, das Roaeu des Wagens hatte sie herbeigezogen. Herr von Montrose hob zwei Finger an . den Hutrand zum Grnß und ging dann auf das Wohnhaus zu, aus dessen Thür ihm ein.. behäbiger Herr in Stulpenstiefeln und Jagdrock geschästig entgegenkam. ^

^Ng, Gokt sei gepriesen, daß Ihr da seid und uns dieeAus.- sicht^brmgk, aus diesem reizenden Idya sortzu.ommen!“ ries Georges und lüstete einen halben Zoa hoch den Hnt zu. Ve- grüßnug für Elemenee. „Ihr seid nnerlanbt lange weggeblieben, Du und Papa! Hier war es einfach zu. Answachsen. Eiu dickes ältliches Ehepaar, zwei Jungen, die uns anglotzten wie die Oelgötzeu, ein halbwüchsiges Mädel, braungebrannt wie 'ne Kaffeebohne , die Ha.are mit Stangeupomade nach rückwärts dressiert, saure Milch und Ouarkkäfe, Fliege und junge Deckel in ungezählter Menge, kein weibliches Wefen zu.erblicken, so- weit das Auge, das trostlose, schweifte! Zuletzt slüchteteu wir vor des Hausvaters wirtschaftliche Fragen und dem Onarkkäfe der Hausmutter in den Garten und spielten - kostet den Botho rund achtzehn Mark! Glück im Spiel, Un- glück in der Liebe - das ist mein Los! So, Elemenee, das wären unsere Dhateu und Abenteuer - nun erzähl' Du die Deinigen!“

Das Vrantpaar hatte indessen seine Vegrüßung ausgetauscht. Botha hatte den Handschuh von Elemenee leicht mit den Lippen gestreist und ein paar Phrasen zu. besten gegeben, seine Vrant hatte sich aus dem halbo.ssenen Wagenschlag .gebengt, ihm beide Arme um .den Hals geschlungen und seinen dunklen Kopf zärt- lich an sich gedrückt. Sie küßte ihn wiederholt, fuhr ihm schmeichelud mit ihrem weichen Spitzentnch über Augen und Wangen und flüsterte aaeraei Koseworte, die der glückliche Bräu- tigam mit der Miene eines Mannes esetrng, der eine übernommene Verpflichtung in ihrem voaen Umfang begreift und zu erledigen gedenkt.

„So laß doch den armen Kerl los, Kind, wiaft Du ihn denn bei sechsnadzwanzig Grad im Schatten mit Deinen Küssen ersticken? Sag.' mir lieber etwas über nnser künstiges Eigentum, diese berühmte .Perlen!“

Elemenee rückte ihr Hütchen zu.echt, das sich bei der Um- armung verschoben hatte , und lehnte sich ties ausatmend in die .Seidenpolster des Wagens zu.ück. „O, ich habe aaerlei gesehen - ein altes stolzes Ritterschloß , sehr ansbefserungs- bedürftig, aber es läßt sich viel darans machen - Ahnengalerie, Stammbannr, Vankettsaah alte sendale Erinnerungen aus Schritt und Dritt, . .Name und Wappen verherrlicht , wo nur immer möglich.“ ^

Schön, schön!“ unterbrach Georges sie ungeduldig. „Ver- steht sich aber aaes ganz von selbst!“

„Dann auch noch etwas minder Selbstverständliches,“ snhr Elemenee. langsam sork und sah den Brnder mit einem lächelnden Blick von uuteu heraus an, .was ihren Augen etwas Lauerndes gab, Bekums für Dich, mein Lieber.“

„Ah! .Etwas Weibliches?“ Er warf den Kopf hintenüber und richtete ^ sab strasf empor. ..Wirklich? Beschreibe 'mal ein bißchen,. Elemenee!“

„Ein wunderschönes blondes Schloßfräulein“ . .^Blond? O weh! Im ganzen nicht meiu Faa. Wenigftens goldblonde

^Goldblond!“

^H.iibsch gewachsen, was?^ Er wars mit einem Ruck das Monoele ins Auge, als sähe er die Betreffende schon vor sich. „Danuengerade, sehr schlank.“ ,.,Hm! Nicht aazu schlank?“

^Mir.säat ein,“ wars Botho dazwischen, „die Kameraden haben wir mehrfach .von einer jungen Schönheit auf .,Perle^ er- zählt -foa etwas ^.E^ücke.ndes seim“

^,So ? Entzückend.?'^.^^El^menee runzelte die Stirne unter d^^.^^uch gekräuselten Haar, und ihre Augen zogen sich. argwöhnisch zusammen. „Leute wie Du,.. mein lieber Votho, Leute, die eine Braut ihr eigen nennen, haben sich um andere Damen, gleichviel^. ob hübsch , ob 'häßlich, gar nicht. zu be- kümmern!“ .

. „Abe.r^. aber, Liebchen!“ Der schöne Botho. zog von n.eem begütigend die behandschuhte Rechte seiner Braut an den Schnurr-

^ bart empor. „I.ch berichte ja ganz unpersönlicherem sachlich, ^ was mir^die Kameraden -“

„Die läßt wan eben schwatzen!“ Sie war dnrchaus noch nicht besänftigt. . „Könnt Ihr Ofßziere denn von gar nichts ^iderem reden als von Karten und Damen?“

,^Dse Vferde nicht zu.vergessen!“ fiel Georges ein. ..Mein, wir können wirklich nicht, aus Ehre ! Davon verstehen aber kleine Mädchen nichts. Wie mnsterhast übrigens Dein Botho ist^ he- weist die Dhatsache, daß er mir von besagter Goldblondine bisher noch kein Sterbenswort gesagt hak“

„Ra!“ brnmmte Iagemann zwischen den Zähnen und wirbelte sein glänzendes schwarzes Seidenbärtchen „ich hab's ja selbst erst vor ein paar Dagen gehört, und ich wnßte doch auch, daß - na - daß Du augeublicklich auderweitig -“

„Mund halten! Nun weiter, Elemenee!“

„Ach, weiter nichts! Was ist da noch zu sagen? Eben ein hübsches Mädchen, das ist aaes! Natürlich ein Benehmen wie eine Prinzessin von Geblüt, und Papa Zoa für Zoa Ritter ohne Fnrcht und Dadel - er ist wirklich manchmal komisch mit seiner übersrorenen Höflichkeit!“

„..Ueberfroren ist gut! Ich muß mir übrigens doch nächftens 'mal etwas in .Perlen zu.schasse machen, um mit eigenen Augen zu.fehen - Damen haben ja bekanntlich über ihres- gleichen kein Urteil! Anftrag von Papa oder so etwas, so .ein kleiner Vorwand andet sich rasch, wenn man einen edlen Zweck im Auge hat. Ich reite vieaeicht hinüber, was meinst Du, Botho - Distanzrikt, Du auf dem .Standardsich auf der .Prinzeß Eora?“

„Haft Du Deine .Prinzeß Neaie^ jetzt plötzlich in ,Eora'^ nmgetanft?'^

„Ia, warum nicht? Ift ^Eorae nicht ein hübscher Name, was?“ Georges zwinkerte feinem künftigen Schwager lnstig zu. dieser lachte verftändnisinnig, während die Augen von Elemenee unruhig und mißtranisch vom einen zu. andern gingen.

„Du kannst Botho bei dem Diftanzritt zu.Hanse lassen!“ entschied sie. „Es bedars übrigens gar keines Vorwandes für Dich, um da hinzu.ommen. Wie mir Papa nnterwegs sagte, wia . er diesen Bettelbaron Doßberg ersnchen, feinen Administrator zu fpielen und mitfamt seiner Familie im Verwalterhause auf ..Pera.^ zu.bleiben.“

Georges fließ einen Pfisf aus. „Das. sieht wieder 'mal meinem nnberechenbaren Herrn Vater ähnlich! ^ .Er hat wirklich ungesnnde Ideen, obgleich die Sache auch wieder manches für sich hat! Man kann sich die sragliche Baroneß begnem in der Nähe besehen und den Lenken, wenn sie anfangen, nnverschämt zu.werden, den Damnen anfs Auge drücke. . Na, Kind, Du scheinst mit der Geschichte keineswegs einverftanden zu.sein. Mach' ein anderes Gesicht, Elemenee, die schmollende Miene steht den wenigsten Weibern. Und sieh nur, wie Dein armer Votho schon den Kops hängen läßt, gleich der Blnmen welcher der Sonnenschein ausgegangen ist! - Unserem geehrten Herrn Papa hat man ossebar im Gntshanse gleichsaas sanre. Milch und Ouarkkäse vorgesetzt, die Verhauolung dan.ert bedenklich lgnge!^

„Nein“ sagte Votho, der sich nmgedreht hatte, um den Augen seiner Braut, die uuausgesetzt an seinem Gesicht hingen, anszu. weiche, „ dort kommt er schon!“ ^

Herr von Montrose erschien in der Hausthür, begleitet von dem behäbigen Inhaber des Gnies und einigen Teckeln, die seine Füße beschnnpperten. Das rnnde rote Gesicht des dicken Land- nrannes strahlte wie ein Voamond.

„Die sind einig!“ bemerkte Georges halblaut^ währeud er dieustfertig für de näherkommeudeu Vater den Wageuschlag öfsuete. „Papa scheint die ganze Gegend hier aukaufew^u woaen.. Hm, hm! Was das wohl für 'n Loch in senre. Finaa^n kreißt! - Wiakommen Papa! Aaes zu. Znfriedenheit erledigt?'!

„Voaftändigk“ Montrofe reichte dem^ Oekonome, .der sich ehrerbietig verbeugte, die .Hand zum Abschied und ftieg in den Wagen. „Es ist aaes nach Wunsch gegangen!.'

Im Don und in den Worten lag nichts Ausfäaiges, dennoch schauten die Drei, die im Wagen faßen, de Sprecher wie auf Verabredung erstaunt an. . Er lehnte nicht wie sonst lässig in .den Polstern, er saß ausrecht hain. elastischer. Haaung^ der ganze Mann sah aus, als habe ...^ einen Verjüngungstrank genossen. . . .(Fortsetzung solgte

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 10, S. 159–163

[159] 

ll.^. Fortsetzu.g...

^ie ^erl^e.

^onmn uon ^^rt.e .^.ern^ar.a..

.h^h....^ ...^,...^... ....^^..h^ ..^...^r

Kalkutta, .l..,. September „Mein Herz, hnein Liebling! endlich einmal wieder sesten Voden unter den Füßen. endlich ^....' ein wenig Muße. Dir zu schreiben! Denn ein Kapitän hat ernste Pflichten, hat keine Zeit zu.Liebesbriefen^ felbft seine Gedanken muß er zusammenhalten, damit sie nicht .verbotene Wegee gehen . . . das aber hab' ich nicht immer gekonnt! Wie die Sehnfncht nach anfiel und packte und fefthielt in diesen knrzen ^ fternheaen Nächten, die den Himmel in nnbeschreiblicher Pracht und Schönheit aimmerm ließen! Wie hätte ich schlafen können, erfüat von Deinem Vilde, von der Liebe zu.Dir, die nnwandelbgr ist, ob auch aaes um mich her sich täglich loahhdelt. die Menschen, ihre Sprache, ihr Thnn und Treiben! Ich branche nicht eiumal ein gewiffes Vüchlein herswr.zu.iehen um mir meine Ilse zu ver- gegenwärtigen - Zug für Zug weiß ich das holde süße Ge- sichtchen auswendig. Ich sehe Dein Erröten, Dein Lächeln, Dein sonniges Goldhaar und Deine Augen - Liebling, Du Einzige,

Du Meine! Das letzte Wart, das ist doch das schönste^ mein!

Hnnderaansende haben das geflüftert und gestammelt und lant hinansgejabelt in die weite Welt, und hier im sernen Kalkutta, ^ mitten in den Wuuderm der Tropenwelt, sitzt einer, der sagt es ^ sich immer wieder vor, wenn er tansendmal an sein dentsches Liebchen denkt.. mein!

Vei Euch, wenn Du dieseu Vrief erhäaft, muß es schon Herbft sein. Deutscher Herbft! Ach wenn er mir seinen kühlen frischen Atem hierher fenden würde in diese sengende Glut! Ich habe einen starken Körper, einte gestählte Gefnndheit, aber einehn beftändigen Leben ihh dehh Tropehh hielte ich hhicht ftand. Du branchft darmm nicht eine Mahnte lahhg ihr Sorge um hnich zu sein, Ilfe! Ich lebe vorfichtig und mäßig hhnd ersreue mich ahh- dauernden Wohlseins. Freilich, hacht jeder von unserem Schisssvolk kann dasselbe von sich sagend die Mannschaft uhacht hnir Sorge, der Schifssarzt ist in scharfer Thätigkeit. An Bord herrscht mnsterhaste Manh.szu.ht, doch .wehe, wenn sie losgelassen! Die ewige Klage über dehh Seehnann am Lande ist dhhrchans nicht nhhbegründet.

Meinen knrzehh Vries aus Lissabon hvirst Du erhalten haben. Den ersten lieben Gruß von Dir sahhd ich ihh Adehh vor. Laß Dir tanfendmal dasür dahaen! Du hättest mich sehehh soaen, als ich den Bries empfing! Aenßerach rhhhig und würdevoa, nahm ich ihn in Empfang und fenkte ihn in meine Brnsttasche^ aber dann ging es davon ihh einehn sehr hvehhig gesetztehh Tempos ich kohhnte es nicht abwarten, mit mir aaein zu.sein. Dein Vries, Du, die Heihnat - das war aaes, hvas ich dachte!

Uhhd doch - als ich nun las! Meihhe Ilse, Du bist mir nicht rhhhig, nicht glücklich genug. Mißversteh' hnich nicht, huein arhnes Herz! Ich verlange hacht, daß Du gleichgültig zu.iehft, hvie Deine arme Mntter leidet, hvie Dein Vater sich blutenden Herzehhs von ..dehn Stück Erde losreißt, das seine Vorfahren feit Jahrhnnderten bebant haben. Liebe die Deinigen, lache und weine mit ihhhen, es foa so sein, und mich freut es, daß es so ist, denn eine fuhllofe Tochter wird schwerlich eine liebevoae him gebende Frau. Aber sprich hnir nicht von ^Haltlosigkeit^ , von ^dumpfer Augsa, von .unerklärlichem Drmck^, der aus Dir laste, von .krankhaftem Gefühl, daß aaes, aaes gnt sein würde, wäre ich nur da, um Dich zu.schützen! Schützen? Vor wem denn in aaer Welt? Wer wia Dir etwas anhaben? Solch mcklare Redewendungen sind mir gauz ueu an Dir! Was mich immer ent- zückt hat an Dir, das war die gefnhhde Klarheit Deines Wesens, Dein starkes reines Empahhden. Wie konhhteft Du lachehh, Liebling, so recht aus dem Herzen herans, jngendlich, kindisch sogar über irgehhd eine Dnhnmheit, die Du selbst oder ein ahwerer zuwege gebracht! Ich habe dies Lachen geliebt, selbst wenhh ich zum Schein eihhe ernste Miene ahhffetzte hmd sagte. ..Aber hvie kann hnan denn so lange über diesen Unsahn lachen ?^ Dahhn falteteft Du wohl die Händchen über hneihhem Arm - ich küffe diese Händchen! sahst mir mit renevoaer Scheanerei ihh die Augen und sagtest leise. .Ia, ich weiß, es ist unrecht von hnir, die ich so viel Trauriges daheim erlebe. aber ich kann dem Kummer nicht nachhängen -ach bin zu glücklich durch Dich!^ Sieh, diesen Gedanken, meine Ilse, dehh halte Du sest.^ Dem Glück dhtrch hnich, das hneine durch Dich

dieses Vehvußtsein hnnß uns hinhvegtragen über aaes, auch in der Ferme, auch in der Trennung. Denk' doch des ewig alten, ewig neuen Waaders. ein Herz gehört Dir hhnd hhnr Dir aus dem hveiteht Erdeurmhd, es ist Deiu hnit jedem Schlage! . Und dies Wnnder soa uns nicht helsehh, Widerwärtigkeiten. zu besiegen, Trauriges zu.überwinden? Eine schwächliche Art von Liebe, die das nicht könnte, nicht hneine Art - und auch die Deihhe nicht, ich hveiß es. ^Kops hoch, Ilse! Gewiß sühle ahhch ich eine heiße hmbezwingliche Selmsncht hhach Dir, ^hhhhd die soast Du gahtz er- hviderhh, aber sprich hhicht hnehr vohh .dampser Angsa, vohh ..kraakhaftem Empfinde^, sonst hnnß ich huich hthn Deihhe Gesundheit sorgen!

Ist dehhhh inzhvischehh der Gntsverkans, von dem Dhh hnir schriebst nhhd dessen auch Onkel Lenpold in seihhem Vries erwähhhte - ein Prachtstück übrigens, dieser Vries. wohlgezählte achtzehn Zeilen lang! -. zu.taude gekohnmen? Der Rauhe des Käusers ist uhir vöaig nnbekannt^ ich hätte gern gewußt, hvelchen Eindruck der Mann auf Dich gehaucht hak aber davon schreibst Du mir nichts, uhhd doch geht aus Deiuem Vries hervor, daß Du ihhh bereits kennehhge- lernt hast. Daß er Deinehn Vater die Steae des Adhnihhistrators antragehr hvia, scheihht hnir für den Mahm zu sprechehh. Hart hnnß es sreilich sein, d a gehorchehh zu.müssehh, wo man früher zu befehlen gewohnt war. Aaein, hvehhhh der hhene Vefitzer seinen Vorteil versteht, so wird er nicht viel mit Vesehlehh kohnhnen sondern Dewen Vater rmhig gewährehh lassen, hat dieser das not- wehhdige Kapital in Hähhden, so brnhgt er ohhhe aae Frage .die ..Perlen wieder in die Höhe, das hat hnir noch jeder gesagt, der Verftähhdhhis für die Sachlage hatte, nicht zu.etzt Kapitäht Lenpolb, dehh wahrlich hhicht übergroße Liebe zu.seihhehn Schwager blendet. Onkel Leopold -.er ist der Ewzige, der von unserer Liebe hveiß. Wie lange noch hvird er der Einzige sein? Ach, Liebling, wie hnich das Geheimhas gnält und drückt! Eihhe Thatfache, die ich stolz aaer Welt verkühhden hnöchte, hnhhß ich verschweigen und bemäateln wie eine Schnld! Ich fehe ja enh, daß Du die kranke Mntter, dehh hartgeprüften Vater schvnen hnnßt, aber ich bänme mich auf unter dehn Zwang, dehh diese Rücksicht nhhs beiden anferlegt! Frei mhd osfehh hvie das Element, das ich hnir zum Aufenthalt aaserkorehh, foa huein Leben daliegen, das Stolzefte und Schönfte darin Du, die Liebe zu.Dir. Verzeih', ich gelobte Dir, als wir dahnals bei nnferehn alten Frennde zum letztenhnal einander ihh dehh Armen hielten, daß ich Dich nie. wieder mit meiner Ungednld, hnit hneinem Unmnt gnälen woate - ach Lieb, ich guäle mich felbft ahn ärgften dahnit!

Zittere nicht um uach hhnd hnein Leben! Einehn Seemann haft Da Dich verlobt, ..eiaes Seemaaas Brant hnnß ftark und tapfer sein. Mein Beraf ist hneihh Stolz, meine Freude, hhhit Leib und Seele gehör' ich ihhn aa, uhhd ich danke Gott, daß es so ist. Auf der Kommandobrücke stehehh und hneihh gutes Schiss hnit Starm mhd Weaea kämpsen sehehh hvie einehh tapserm Ringer, es lenken hhhhd leiten hhach hneinem besten Wissehh, die voae Verahht- wortmhg sühlea für mich und die Vielen, die hnein Los teilehr- das ist Leben, aad Leben ist Kamps! Ob ich Gefahrehh zu be- fteheu, Stürmehr zu trotzen hatte? Frag' hhicht, .hnein Herz! Wozu foa ich Dich mit Beschreibaagen vohh Not uhhd Gefahr che- trüben? Aaes das soast Du später zu hären bekommen, wenn hvir auf imhner vereinigt find. Sitzen hvir dann in nnferem nordischen Heim, zu Kiel, in einehn vohh diesen hohen schärten Hänsern, die ich schon bei hneinem letzten Aasenthalt uns diese selige Znkunst hin schars ins Arrge gesaßt habe - ihn Kamin singt die rote Flamhue, und dranßen braust der Sturhn hhhhd rust mir Erinne.rmngehr wach ... . danhh soast Du von aaem hören, was ich erlebte, auch von dehh Gesahren, denehh ich entgwg.

Du schreibst,. Dhh zitterst, wenn Du dehh Sturhu hörst - Kind, hvas. ist das, was Du eihhen Stnrhn hhenhhst, gegen den Orkan aus ossehhehn Meer! Ich hab' oft. lachehh müssen, hvehhn ich an Land hvar nhhd die Lehrte sagen härte.. heute ist ein solcher Sturhu! Sieh zu, hvie auf dem Meer der Orkahh healehhd herahhkommt und eine Sturzsee am die ahwere aaswühlt, hvie er die Segel gleich Fetzehh heraaterreißt und die Masten kaiat und dann hnit einem Nack die Boote heraaterschlägt, aas denen die Mahhnschast sich ^nn...Notsaa retten soa, wie.er das .Schiff gleich einem Voll [160] hochnimmt und wirft … dann rede von Sturm! Doch darum keine Furcht – meine,Nixe’ ist köstlich gebaut! Mir lacht das Seemannsherz im Leibe, wenn ich sie sehe, wie sie sich im Sturm hält. Schade, dnß Dn die technischen Ausdrücke nicht kennst, in denen, der Seemann zu reden gewohnt ist! Das hast Du alles noch zu lernen, Liebling^M Dn wirst eine gute Schülerin abgeben! Ein Leben liegt vor Uns, ein, will’s Gott, langes Leben, um unser Glück zu genießen, um einer am ändern zu erstarke^, um alles zu teilen, alles. Freue auch Du Dich, Isolde, sei dankbar, sei getrost, laß-Deine Seele fröhlich sein! Ich vertraue , auf Gott – ich denke immer, es kann keinen Seemann geben, der das nicht thut, denn gewaltig spricht Gott zu ihm im rasenden Sturm,.im wütenden Meer, in all den zahllosen Wunderwder Natur, die er ihn schaueu läßt. Ja, alles sollst Du mit mir teilen, Herzlieb, wenn ich Dich erst habe, nie will ich Lenken: dies kann sie nicht fassen, jenes wird ihr langweilig sein. Wie sollte das möglich sein, da Du mich liebst? Und auch Dn sollst mich Anteil nehmen lassen an Deinem Leben, an jedem, was Dir lieb und wichtig ist. Nie. sollst Du meinen: das ist Frauensache, die kann ihn nicht interessieren! Die Angelegenheiten meiner Frau werden mir niemals unwichtig sein. Liegt denn nicht in dem Wort ,Einssein’ eben diese unbedingte Gemeinschaft? Wie ersehne ich dies Einssein mit Dir, Du meine Welt, Du mein Alles!

Wie Du staunen würdest mit Deinen lieben schönen Augen, sähest Dn mich in meiner jetzigen Umgebung! Wie würdest auch Du, wärest Du hier, Staunen erregen, wie würden die Leute nach Dir schauen, Dein goldenes Haar, Deine feine weiße Haut bewundern! - Welch wunderbares Land, dies Indien! Wie an-I ziehend seine Bewohner! Diese Frauen solltest Du sehen mit den weichen dunkeln Gesichtern, den scheuen Gazellenaugen, diese Männer in ihrer malerischen weißen.Tracht, mit ihren bunten Turbanen, den gemessenen Bewegungen!

Hinter mir steht, während ich dies schreibe, der Punkha-Wala, eine m Hindostan wichtige unerläßliche. Person. Was ist ein Punkha-Wala? . Zu deutsch ein Fächerzieher, der durch eine auf Rollen gehende Schnur den Riescnfächer in Bewegung setzt, welcher von der.Zimmerdecke herabhängt und die notwendige Kühlung zuweht. .“Ein unmögliches Dasein ohne den Punkha-Wala! Man vergeht^ man zerschmilzt ohne ihu – Tag wie Nacht hat er seines Amtes- zu: warten.^ Mit gravitätischem Ernst zieht mein brauner Inder seine Schnür, ahnungslos; daß ich von ihm berichte. Ich bin nicht zum erstenmal hier, ein Paar Brocken der Landessprache habe ich.aufgeschnappt, und die Leute sind .glücklich, wenn ich etwas verstehe und mich ihnen, freilich mit einiger Mühe, verständlich machen kann. Meine Hautfarbe gleicht.jetzt der einer gerösteten Kaffeebohne, ich fürchte, Du würdest Dich für den Kuß eines so braunen Liebsten bedanken. Bis zu unserem Wiedersehen hoffe ich indessen schon wieder menschlicher auszusehen! Unser Wiedersehen! Die Zeit fliegt mir. rasch dahin, und doch dehnen sich die Monate bis zu diesem einen glückseligen Augenblick endlos, endlos vor mir. Gestern. Hab’ ich hier für Dich eingekauft – ach, das Schönste, das Kostbarste niöcht’. ich haben und Dir zu . Füßen niederlegen! Ob Dir mein Geschmack gefallen wird? Ich wage es zu Hoffen, es giebt köstliche Dinge hier, und ein Engländer,: den ich in meinem Gasthof traf und der die hiesigen Verhältnisse: gnt kennt, kam mit mir und erteilte mir seinen Rat.

Ich muß den Brief beenden, mein Herz. Morgen geht es wieder an Bord; unsere Rast, in Kalkutta-ist uur kurz. In Hongkong hoffe ich Nachricht von Dir zu finden.. Was alles hätte ich Dir-: noch zu. sagen,. Dich zu bitten!. Sei stark und mutig, Geliebteste, finde Trost und freudige Zuversicht in unserer Liebe und sei in Deinem Herzen bei mir, wie ich es jetzt und immer bin!

Dein Albrecht.“

10.

Ilse von Doßberg las diesen Brief, im „Achterdeck’/.Onkel Lenpolds. Gch trüber.-sonnenloser Herbsttag sah zu. den kleinen Fensterscheiben, herein-, ein grauer und kalter Ton lag über all den bunten fremdländischen Herrlichkeiten, die das Zinriner schmückten. Nur die „büßende Magdalena“ strahlte in ihrer farbenglühenden Schönheit aus dem Rahmen des Bildes heraus; die Thränen in ihren reuevollen Augen schienen zu zittern, zu flimmern.

- Ilse ließ den Brief langsam in den Schoß sinken und sah zu dem Gemälde hinüber. Kamen die Thränen dort aus einem Herzen, das nur Zerknirschung, nur Reue empfand? Und ihre eigenen Thränen, die jetzt still auf das Blatt in ihrer Haud niedertropften – flössen sie nur aus Bangen und Sehnen um den Geliebten? Wie gut Und treu hatte er geschrieben, wie Hatte er sich Hemüht, ihr Angst und Sorge auszureden … wat es ihm gelungen? Sie liebte ihn ja, sie liebte nur ihn, und was sonst fremd und unverstanden in ihrem Innern lebte, das war sie bestrebt gewesen, mit aller Kraft zu unterdrücken. Sie wollte nicht über sich selbst nachgrübeln, wollte nicht in ihrem eigenen Innern lesen, und doch war diese Flucht vor sich selbst das Richtige? Ties seufzte das schöne Mädchen auf.

„Also das und weiter nichts bringt der Brief des Herzallerliebsten zuwege Thränen und Seufzer? Pfui!“ Breitspurig, die Hände in den Hosentaschen, pflanzte sich Kapitän Leupold, der soeben eingetreten war, vor seiner Nichte ans. Dido, das Aeffchen, hockte, auf seiner Schulter, bog den kleinen behaarten Kopf vor und betrachtete das junge Mädchen mit einem ganz menschlich prüfenden Blick.

„Was ist denn los? Sogar meine Dido wundert sich – sieh, wie sie Dich beobachtet! Ist er krank, der Tenselskerl? Hat ihn das Fieber erwischt oder hat er sich in ein schönes Hinduweib, in so ’ne Lotosblume vom Ganges, vergafft und will von Euer Gnaden nichts mehr wissen?“

Ilse schüttelte lächelnd den Kops. „Nichts von alledem! Er ist gesund und ist mir Iren. Aber, Onkel, kannst Du mir’s denn wirklich verargen, daß ich daß ich mich –“ ’ „Na also – was? ,Daß ich – daß ich –° Hübsch zu Ende reden, Prinzeß Ilse!“

„Daß ich mich nach ihm sehne!“

„Ach was, sehnen! Unsinn! Verlobt sich mit’nem Seemann und sehnt sich nachher! Hat das Sinn und Verstand? Wenn j doch in einem einzigen Weib auch nur eju Gran Logik stecken möchte! Du kannst doch Gott danken, solch ’nen Kerl wie den ! Albrecht Kamphausen zum Mann zu bekommen!“

„Das thü’ ich ja auch, Onkel Erich!“

„So? Thust Du auch? Na, Dein Glück scheint nicht sehr groß zu sein! Kein Lüdrian, ein tüchtiger Seemann, kein Dummkopf und ’ne flotte Carriere vor sich – auch nicht häßlich, was bei Euch Weibern ja immer ’ne Rolle spielt .– den schönsten Berns von der Welt, und ’n Kleid ans den Leib und ’n Stück Brot in den Mund wird er Dir auch schaffen können, wenn’s auch nicht gleich zu lauter Seiden- und Spitzenfahnen und zu Austern mit .Champagner in Paris und Nizza reicht, wie’s Dein Herr Vaters Deiner Frau Mutter geboten hat! Die Folgen sind ja denn auch demgemäß:“

Ilse erhob sich rasch ihre Augen blitzten, ihre Brust flog. „Ich muß Dein Haus verlassen, Onkel Erich, wenn Du fortfährst, in dieser Weise über meine Eltern zu sprechen! Mag mein Vater meine arme Mama zu sehr verwöhnt und in Blindheit über unsere Lage gehalten haben aus Liebe, aus übergroßer Liebe hat er das gethan, und Dn hast kein Recht, ihn dafür zu verhöhnen! Er leidet seine-Strafe für diese Schwäche so schwer, so . bitter, daß Du zufrieden sein kannst! Er muß da den Untergebenen spielen, .wo er vor kurzem noch Herr gewesen ist, er muß für einen Fremden die Scholle bebauen^,die unserem Stamm und Namen gehören sollte, bis,der letzte Doßberg seine Augen geschlossen’ hat! Ich kann nichts ändern dabei, mit gebundenen Händen muß ich zusehen … aler ich will nicht dulden, daß ein Mann, der so tief gedemütigt ist, noch dazu geschmäht wird – von einem Verwandten feines Hauses!“

Die dicken buschigen Augenbrauen des Kapitäns waren bei dieser hastig hervorgesprndelten Rede in zuckender Bewegung aus und niedergegangen. Er war ein heftiger Mann, dem trotz seiner Jahre immer Noch die. Zunge durchgiug, aber er sah sein Unrecht, wenn er einest begangen hätte, rasch ein und erblickte nie eine Schände, darin, ..cs -freimütig zuzugestehen. Er zog jetzt langsam :seine-. breiten-Hände.;, eine nach. der ändern, aus deu Hosentaschen und rixb ihre Flächen mechanisch gegen das Beinkleid. In dem. Blick, mit dein er die Nichte, ansah, lag ein beinahe kölnisches Gemisch von Verdrossenheit über das viele „Weiber-geschwätz“ und von einer Art bärenhaften Wohlgefallens au dieser „frechen Krabbe“, die ihm so unerschrocken ihre Meinung sagte.

„So! Sieh’ ’mal! Verbittest-Dir! Verbittest Dir ohne weiteres in meinem Haus, hierin meinem-Achterdeck’, angesichts [162] 

von der da!“ Er was mit dem Danmen über seine Schulter nach der...„büßendemMagdalena“. ..Solchem Franenzimmer! Angft haft Du wohl keine Spur vor mir. was?“

Ilfe schüttelte sehr nachdrücklich den Kopf. mußte aber zu- gleich lächeln. ..Rein, keine Spur!“

„Rn das ist vernünftig! Feige Menschen find mir in den Tod zu.ider. Gegen Deinen Herrn Papa hätt' ich nichts sagen soaen. Du haft ihn Dir nicht ansgesncht, und .für sein Thun und Treiben kannst Du nichts. Dir^ ist ja das Heimlichthnn und Lügen ein Greuel. und Verschwendungssncht scheinst Du grad' auch nicht zu.besitzen!“ Seine raschen Augen mnsterten Ilses Erscheinung aus und ab , als wbate er ihre Kleidung bei Heaer und psennig abschätzen. „Ra, setz' Dich wieder hin und laß 'n vermünstiges Wort mit Dir reden! Ich hab' ja lange Zeit gar nichts von Euch gesehen und gehört - Dein Schlingel von Vrnder läßt sich auch nicht mehr bei mir blicken, seitdem ich ihm 'mal scharf den Kopf hab' waschen müssen Sein Klassen- lehrer hat mich besncht eines Tages - für 'n Vücherwnrm 'n ganz anftändiger Mensch! -und hat Stein und Veiu geklagt über den Vengel. Er wär' bis Ostern 'n gnter Schüler ge- wesen, sei auch begabt .und in alten Sprachen tüchtig, 'n fi.rer Mathematiker, und was sonst noch aaes für Zeug - aber jetzt tange er den Teusel , saulenze so herum und sei dabei trotzig und anssässig und so weiter. Ich kanste mir natürlich das Ge- wachs und hielt ihm 'ne predigt aus Seemannsmanier, ober der Schlingel setzte seinen Dickkops auf und sagte. ja , es ist aaes wahr - aber er wird und wia nichts mehr lernen, ihm ist aaes egal, seine Znknnft und sein Vernf find doch zu. Henker, da er die .^Perle^ nicht bekommen soa. Ich kam ihm mit Philosophie - half nichts - ich kam mit gemeinem gesnnden Menschenver- stand - wieder nichts - zuletzt kam ich ihm mit Grobheit und schmiß ihn 'raus - ich glaub' aber, das hat auch nichts ge- holsen, denn seitdem hat er sich nicht mehr bei mir sehen lassen.“

„Ich weiß,“ sagte Ilse, „ Armin hat mir's geschrieben, daß Ihr. Streit miteinander hattet.“

Streit! Zwischen mir und diefem Dreikäsehoch, der noch nicht hinter den Ohren trocken ist? Spricht vöü Veruf und Zn- knnft - mit fiebzehn Jahren, 's ist zu. Lachen!“

. „Es müssen sich doch viele junge Menschen noch früher als nat .siebzehn Jahren für einen beftimmten Verns entscheiden, und Du, Onkel Erich, hast jedenfalls in diesem Alter schon ganz genau gewußt, daß Du Seemann werden woatea.“

^Ia, ich! Mir war mein Veras sozu.agen aus den Leib geschrieben!“

„Vei Armin ist es ganz derselbe Fall. Er hat von klein aus nichts anderes gehört und nichts anderes gewoat als die .Perlee bewirtschasten.“

„Hm, Ihr Doßbergs habt Euch samt und sonders in Eure .perlen so sestgebissen, daß es wirklich 'n gehöriges Stüel Arbeit ia, Ench die aus den Zähnen zu.reißen Seht zu. was Ihr mit

dem Schlingel ansangt - meine Methode hat nicht angeschlagen!“ „Du woatest mich einiges sragen, Onkel Erich?“ . „Ia, gewiß wollt' ich. Vei der Mntter alles^ beim alten?“ „Rein!“ Ilses Gesicht trübte sich. „Seit einiger Zeit geht es schlechter. Visher hatte sie noch immer Appetit, setzt muß man ost bitten und betteln, daß sie etwas genießt,. sie ist auch müder, gleichgültiger geworden - die Kräfte nehmen . ab. Ift das nur der Herbft oder -“

Kapitän Lenpold backte mit ernftem Gesicht vor sich hin. „Sie zeigte ansangs Interesse, als es hieß, es müsse im Schloß gebaut werden, ihre Zimmer feien lacht gefnnd für sie und sie werde nun einstweilen ins Verwalterhäns übersiedeln. Der Gedanke beschädigte sie sehr, wir mußten ihr aaes schildern, aa die Verbesserungen und Verändernden im Schloß, die für sremdes Geld unternommen werden, die sie natürlich für Papas Werk ansieht! .-Es wird aaes wnnderschön und kostbar einge- richtet, Onkel Erich, und doch ist nichts Prahlerisches, Ueber- triebenes dabei. Die Haae besonders^ wird herrlich, überaa werden riesige gemalte Glassenster eingelassen, wahre Knnstwerke. Mächtige braungebeizte Eichensitze an den Wänden mit köstlichen Schnitzereien, Vertäselnugen , Krom und Armleuchter . . . man kann sich kanm satt sehen! Wir haben es ja früher auch schön bei uns gehabt, aber so sürsaich ia's nicht gewesen. Der Speise- saal wird gemalt - Wände und Decken ein bedeuteter Künstler

i ist schon seit Wochen daran thätig. In die Eckzimmer kommen schönsten Gobelins, und die Vibliothek -“^ „Firlesänz!“ knnrrte der Alte dazwischen. „Das ist es eben nicht, Onkel! Ach, aar thnt d^ Herz weh, wenn .ich das aaes der armen Mama, Stück siir Stück, be- schreibeu muß, und sie denkt, das gehört nun ihr! Seit einiger Zeit darf ich mich aber nicht mehr damit gnälen, sie fragt wenig mehr, liegt so still da

Das junge Mädchen konnte nicht weitersprechen, die Stimme ^ verfagte ihr. Kapitän Lenpold ließ merkwürdigerweise diese ^Sentimentalität“ ungerägt hingehen und sragle nur nach einer Pause. „Und Dein Vater, mein Herr Schwager?“

„Papa ist fast beftändig dranßen, er reitet und fährt nmher und fieht nach aaem. In der Vewirtschaftnug des Gutes hat er ^ vollkommen freie Hand, keine seiner Anordnungen wird jemals ^ beanstandet, auch darf er stets in einen gefüaten Ventel greifen, ^ das Geld spielt gar keine Roae. Aa die Verbesserungen, die ^ seit Jahren schon so dringend notwendig waren, werden jetzt ins ^ Werk gesetzt^ es ist den ganzen Sommer über fleißig gebant worden, ^ ein paar Gebände sind auch glücklich unter Dach gekommen. Rene ^ Maschinen sind angeschasst, der Viehstand ist ergänzt, und im Roß- t garten weiden jetzt wieder schöne edle Pserde. Vapa arbeitet ^ eigentlich nnunterbrochen, er sührt die Vücher aae selbst mit der peinlichsten Gewissenhastigkeit. Die beiden Vorwerke Velten und Gnadenstein sind wieder mit .Perlen vereinigt, wenn auch vorder- ^ hand die früheren Gntslente dort noch nicht abgezogen sind, aber ^ Papa hat auch da schon nach dem Rechten zu.sehen und für aaes, was geschieht, die Verantwortung zu tragen. Es wnrden ihm ^ ein paar Unterbeamte angeboten, aber er bleibt dabei, aaes aaein mit dem alten Hinz .und seinem ehemaligen Rechnungssührer be- sorgen zu.woaen. Todmüde wia er sich machen, nicht zu. Ve- sinnung gelangen, um nicht nachdenken, nicht sühlen zu.müssen - ach, ich kann ihn darin so gnt verstehen! Er kommt nur zu.den Mahlzeiten nach Hanse und spricht dann wenig oder nichts. Vei Mama ist er anscheinend heiter, er tröstet sie, liest ihr vor und reoet mit ihr von vergangenen schönen Zeaem Aber er kommt selten ins Krankenzimmer, und Mama, man und teilnahmlos, wie sie jetzt ist, sragt auch kanm nach ihm.“

„Und wann woat Ihr sie ins Verwalterchans bringen?“ „Es soa ein schöner warmer Herbsttag dazu abgewartet werden. Iu Orduung ist dort aaes. Die Ziemer sind so de^ ^ haglich wie möglich hergerichtet, und Mamas Möbel und Zimmer- schmnck gehen mit hinüber. Sobald wir übergesiedelt sind, treten die nenen Vesitzer ihr Eigentum an.^“ .

„Ist denn dieser Herr von Montrose . . .ja, was hast Du denn dabei so rot zu werden?“

„Ich, Onkel Erich?“ fragte Ilfe unficher und errötete noch tiefer.

„Rn, wer denn fonft? Etwa die gemalte Dame da oder ich oder Dido? Alfo warum bist Du rot geworden, Prinzeß Ilfe?“

Sie bemühte sich, nnbefangen zu.erscheinen, aber, wie sie recht wohl merkte, mit schlechtem Ersolg. „Ich - das ist zu dumm bei mir, ohne jede Veranlassung kommt mir das, und schließlich kann mir's niemand verdenken, daß es mir peinlich ist, wenn . . . aber sieh doch, Onkel, was Dido ansängt!“

Das Aesschen hatte sich von seines Herrn Schulter weg mit einem leichteu Satz aufs Fensterbrett begeben, nestelte sich jetzt in eine tiefe Gardinenfälte hinein und benntzte sie als Hängematte, indem es .sich behende hin und herschankelte.

„Dido, Du Nacker! Wiaft Du das gleich banden lassen! Hierher! 's ist unglanblich, was diese Veftie mir schon für Schaden angerichtet hat! Und wie viel Mühe hab' ich mir mit ihrer Erziehung gegeben - Ian Grenboom desgleichen! Aber erzieh' 'mal einer 'n Franenzimmer ! Reine Zeaverschrvendung, verlorene Mühe ! Das schadenfrohe Gesicht, mit vem die Kreatnr sich schaukelt! Dido! Wirst Du gehorchen, Scheusal!“

Rein das „Scheusal“ blieb, wo.^es war, es wiegte sich takt- mäßig weiter und aetschte seinen Gebieter mit srechem Hohn an.

„Ra, lassen wir sie! Ich muß es ausgeben, mich über sie za ärgern, jemehr ich das thn', um so nnverschämter wird sie - sie hat 'nen tückischen Charakter. Wobei waren wir ? Richtig, Du wnrdest rot und ich woate wissen, warum?“

„Ach, Onkel, was soll ich darans antworten - wie kann man darüber Rechenschast ablegen?“ [163]

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 11, S. 172–176

[172] [173] [174] 

Kranke immer faller, immer teiluahmlofer. Uud Stuude um Stunde faß dann das junge Geschöpf neben dem Vett, die Hand. arbeit in den feinen Fingern, und zermarterte sich Kopf und Herz und ging unbarmherzig mit sich felbft ins Ge^cht, ohne doch einen feften Pnnkt zu.finden, in dem sie sich wirklich schnldig bekennen konnte. Rnnd um sie her atembeklemmende tiefe un- nnterbrochene Stille^ nur ein leifes regelmäßiges Dicken von der Wand, an der die Rokokouhr ftand, und ein leises nnregel- mäßiges Hanchen von dem spitzenbesetzten Kissen her, auf dem das blonde Hanpt jetzt so fall lag - sich nicht mehr raftlos hin und her warf und Waffer verlangte, Wein, frische Lnst, Eis - wnnschlos und stumm lag es da, das Gesicht fast durchsichtig weiß. Dann ließ Ilse die Arbeit sinken und starrte mit thränen- den Augen aus dies bleiche Antlitz und aus das goldene Haar, das sich auf dem Kiffen ringelte. Und vor ihren Augen lag es wie eine dnnkle nferlose Flnt, in die sie aus schwachem Kahn nn- anshaltsam, stenerlos hineintrieb.

.lt.

Ilse war von Laden zu.Laden gegangen, hatte Bestellungen

gemacht, einige Dinge gleich mitgenommen e nun waren ihre Ein- känse beendet. Der Regen hatte nachgelassen - eine knrze Weile stänbte es noch sein aus den Wolken herab, dann hörte auch das auf. Ilse stand nnschlüssig, als sie an die um diese zeit sehr belebte Promenade kam - follte sie wirklich hier gehen? Aber es blieb ihr kaum eine Wahle wollte sie rasch in ihren Gasthof kommen, wo sie den Wagen sand, so mnßte sie diese Straße krenzen.

Plötzlich, als sie eben mit dem Znfammenrollen ihres Schirmes beschäftigt war, hörte sie ein klirrendes Geränsch, wie von feinen zu.ammenschlagenden Sporen, und eine etwas schnarrende Stimme sagte l „ Meine Gnädigste, Sie hier? Welch reizende Ueber- raschung! Sie sehen mich hocherfreut!“

In der That - sie sah ihn hocherfrent, den Premier- lientenant Georges von Montrose, der heute in seiner kleidsamen Hnfarennniform noch ungleich vorteilhaster anssah als in dem „Ränbereivil^', in welchem er sich aus ländlichen Ansflügen ge- wöhnlich zeigte. Er war wirklich ein hübscher junger Mann und war sich dieser Dhatsache wohl bewnßt, bestritt auch gar nicht, daß er eitel war. „Dazu.haben mich die Weiber gemacht!“ pslegte er im vertranten Kameradenkreise zu.änßerü. „Ich immer hinter ihnen her, sie immer hinter mir - Katz' und Maas, Mans und Katz' - na ja, da bekommt man allmählich 'ne Ahnung, daß man Vorzüge besitzt!“

Angenblicklich hatte der fidele Herr die Vrünetten ganz ab- geschworen und schwärmte nur noch für die Vlonden, von denen ihm „ein ganz anserlesenes Er.emplar vor Augen getreten war“. Als er Ilse von Doßberg zu. erstenmal zu.fehen be- kommen hatte - auf „Perle“ war's gewesen, sein Vater hatte mit Varon Doßberg eine eingehende Unterredung, und der Varoneß fiel die Ansgabe zu. ihn und Elemenee so lange zu.nnterhalten - da hatten er nur mit Mühe einen Ansrnf des Erftannens nnter- drückte ^das Monoele war mit der Geschwindigkea des Vlitzes ins Auge geflogen, die Hacken fnhren wie von felbft zu.ammen. So sah die aus? Solch ein entzückendes Geschöpf mit soviel Raffe hatte dieser fanertöpfische Varon Dolberg zur Tochter? Teufel, Teufel. Teufel! Uud bei jedem „Teufel^' war der leicht entzündliche Lientenant dem Gegenftand seiner Vewnnderung um einen Schritt nähergerüekt. Da galt es, heillos rasch mit allen vorgefaßten Meinungen zu.ränmeu und die „bloudeu Vorurteile“ famt und fonders über Bord zu werfeu. Und Herr Georges von Mont. rofe begann zu.manövrieren. Als gewiegter Franenkenner hatte er's in der erften Minnte weg, daß hier nichts mit billigen Schmeicheleien und ödem Süßhvlzrafpeln zu.machen sei, noch weniger mit schneidiger Eilschrittmanier e er zog daher die seinen Register der Ritterlichkeit aus, war ganz Takt, ganz Zartgefühl, ganz Verftändnis, schoß^keine zündenden Vlicke und keine schmeichel- hasten Redensarten ab, sondern that und blickte so reserviert daß sogar Elemenee an ihm irre wurde und sich innerlich zweifelnd fragte. ob sie ihm wirklich nicht gesällt? Als sie dann aber diese Frage tatsächlich an ihren Vrnder richtete. da bekam sie ein so kräftiges. „Ich bin überhanpt weg! Ich bin verrückt!“ zur Ant- wort, daß sie genug davon hatte.

Leider machte sich das „füße Geschöps“, wie Georges das

Schloßfränlein von „Perle“ fortan in seinen Gedanken nannte, änßerst rare in der Stadt war sie sehr selten, und geschah es einmal, so wnßte „man“ nichts davon und bekam sie wcht zu sehen e und aus dem Gnt, für das der junge Montrose plötzlich eine glühende Vorliebe gesaßt hatte, ließ sie sich mehrfach ent- schnldigent sie sei der kranken Mntter nnentbehrlich. Rnr einmal, als die beiden Geschwister ohne ihren Vater kamen, der in Gnadenstein hatte bleiben müssen, hatte Ilse sich den Gästen zwei Stnnden gewidmet und die Glnt im Herzen ihres Verehrers zu lichterlohen Flammen entfacht. Gerade daß sie ganz nnbefangen blieb, keine Spnr voll Gefallsncht zeigte und ihre junge Schön- heit so nnbesangen trng wie eine Königin ihr Diadem, das machte sie dem Feinschmecker so anziehend e diese Gattung war ihm völlig nen. Und dann war etwas reizend Geheimnisvolles um sie herum - Georges hätte nicht sagen können, was es war, aber es war da. Kurz, er war „hin“, kopslos verbrannt und „hin“ ! Papa dnrste natürlich keine Ahnung von dieser Thatsache haben - was sollte der auch damit? Der Sohn begnügte sich, ihm sein Vertrauen in Vezu. aus Rechnungen und Vankanweisungen zu.schenken. alles Weitere war vom Uebel. Aber Elemenee wurde seine Vertrantee sie sollte dnrchaus Ilses „intime Frenndin“ werden wozu bei beiden jungen Damen nicht die mindeste Reigung vorhanden war, und ihrem Vrnder Gelegenheit geben, dem Gegenstand seiner Anbetung häusiger nahe zu.kommen. Bisher war zu.seiner Verzweislung nichts geschehen, was eine Allnäherung seinerseits irgendwie be- günstigen konnte e er hatte sich schon halbwegs darein ergeben, all seine Pläne bis zu. endgültigen Uebersiedlung seiner Angehörigen nach „Perle“ zu.vertagen, als ihm der Gegenstand seiner Sehn^ sncht an diesem trüben Herbsttag so nnerwartet in den Wnrs kam.

Sein glänzender Vlick überslog die elegante und doch schlichte Kleidung des jungen Mädchens., den knappen lichtgranen Reise- anzu., den breitgerandeten dnnkeln Hut - schick, unglanblich schick! - und blieb dann aus dem Gesicht des „süßen Geschöpses“ hasten. Dies reizende zartrosige Oval, diese vollen weichen Lippen, und solches Haar und solche Allgen - die haae überhanpt kein Mensch weiter aus der Welt! Nnr blickten diese Augen ver- zweiselt nnbesangene überrascht, aber rnhig sahen sie dem Liente- uaut geradeswegs ins Gesicht

„Ich sürchte, ich hatte das Unglück, Sie zu.erschrecken, Gnädigste !“ begann Georges, nicht eben geistreich, die Unterhaltung.

„Ich war ein wenig in Gedanken und im Angenback nicht aus eine Anrede gesaßt - ich bin sonst lacht so schreckhast!“

„Dars ich fragen, wie es Ihllen in all der Zeit ergangen ist, Baroneß, und welche Veranlaffung Sie heute hierher geführt hat? Sie geftatten!“ Damit schlängelte sich Georges um das junge Mädchen herllm, so daß er sie zu. Rechten hatte, und fetzte, wie ganz selbstverständlich, seinen Weg an ihrer Seite sort

„Dallke, Herr von Montrose! Ich bin immer gesnnd ge- wesen, seitdem wir einander zu. letztenmal begegnetem Hente hatte ich einige Einkänfe für meine kranke Mntter zu.erledigen.“

„Und es ist Ihnen auch nicht eine Minnte der Gedanke ge- kommen, bei Ihrem Anfenthalt in St. meine Schwester Elemenee zu.befnchen, die Sie doch so dringend um diese Gnnft gebeteu hat?“ fragte der junge Mann in vorwnrfsvollem Ton.

Sie sah mit einem freimütigen Vlick zu.ihm empor. „Wenn ich offen sein soll, nein, Herr von Montrofe, mir ist der Gedanke nicht gekommen. Es ist wahr, Ihre Schwester hat mich wieder- holt angefordert, sie zu.besnchen, aber ich glaube nicht, daß sie nlein Erscheinen wirklich als eine .Guust'^, wie Sie sich foebell frenudlich ausdrückten empfinden würde. Sie hat geglaubt, mir eine schuldige Höflichkeit erweisen zu.müssen, als sie mich einlnd, weiter nichts, und ich habe es gleichfalls als nichts auderes ausgesaßt.^

„Sie glauben nicht, meine Gnädigste, daß Sie jemals mit Elemenee Frenndschaft schließen könnten?^'

„Das läßt sich nicht vorherbestimmen. Aber so, wie ich nnfere Natnren bis jetzt beurteile, glanbe ich allerdings nicht, daß Ihre Schwester und ich uns jemals miteinander befrennden werden!^

„Das ist wahrhaft niederschmetternd für mich!^' So ehrlich überzengt klang das, so fprechend blickten des Lientenants Augen dabei, daß Ilfe lächeln mnßte. Die Gegenwart dieses Mannes legte ihr nicht den mindesten Zwang anß sie fühlte sich ganz frei in seiner Röhe - nichts in feinem Ansfehen, feinem Venehmen, seiner Stimme erinnerte daran daß er feines Vaters Sohn war.,

„Wie geht es Ihrer Schwester?“ fragte sie freundlich. [175] 

„Ich danke! Wie es verliebten und verlobten Leuten zu gehen paegt! Botho - das ist nämlich meiner Schwester Broa tigam - bedauerte ührigeus lebhast, Sie bei unseren zwei letzten Besnchen auf .Perlen nicht gefehen zu..habend er mar außerge- wöhnlich gefpannt darauf, Ihre Bekanntschaft zu.machen - ich - ich hatte mir erlanbt, Baroneß zu.schildern.“

Meine Mntter war in letzter Zeit so krauk. daß es mir schwer fiel, sie zu.verlassen!“ Ilse sagte das nicht ohne einige Verlegenheit. Die Kranke hätte sie recht gnt entbehren können, zu.al Lina zur Steae war^ aaein bei jenen zwet Besuchen war auch der alte Herr von Montrose anwesend gewesen, und ihm vor aaem wünschte sie auszuweichen, wo immer sie nur konnte.

„O, o, bedaure uuendlich! Hoffentlich wird sich nach nnserer Uebersiedlung nach .Perlee alles ersreulicher und günstiger ge- stalteu. Ich denke , es soa ein recht reger heiterer Verkehr zwischen Haus Doßberg und Haus Montrose werden. Mein Kommandeur hat mir Urlaub versprochen, der Herbst kann uns noch die schönsten Dage bringen - der Platz zu. Lawn-Denws ist famos gewordene Elemenee und ich haben ihn selbst einge- richtet, und wir können einander dort manche heiße Schlacht liefern, Varoneß!“

„Ich bin keine geübte Spielerin!“

„ Werde mir erlanben, Ihren geduldigen Lehrmeifter abzu. geben. Rechne es mir zu befonders hoher Chre an, bei Varoneß dies Amt zu.verfehen, glanbe auch, ohne Uebertreibung versichern zu.können, daß ich da meinen Mann stehe. Wirklich ein amü- sanier Sport und ungehener gesund!“

,Ohne Zweifel! Ich werde mich nur um meiner leidenden Mutter .wiaen selten an diesem Vergnügen beteiligen können..'^

Der Hnsarenlientenant verwünschte innerlich diese kranke Mutter mit Hant und Haaren. War's nicht genug an dem Vater nat dem Unglücksgesicht - mußte dies reizende Wesen auch noch eine leidende Mutter haben, die immer und überall als Vorwand gelten konnte, wenn der schöne Drotzkops irgend etwas nicht woate? Ihm kam die schlimme Ahnung, er würde auch aus „Perle“ be- denklich wenig von feinem „süßen Geschöpf“ haben, und es fiel dem slotten Georges nicht leicht, seinen Grimm zu uuterdrückeu „Eine so ernste Lebensanssassung , gnädiges Fräulein, bei Ihrer Iugend und - sonstigen .Bevorzugung dars mit Recht besremden.“

„Finden Sie? Sie kennen die Schicksale unseres Hauses und mich selbst zu wenig, um ein Urteil zu haben, aber ich sollte meinen selbst das, was Sie bisher davon ersnhren, könnte Ihnen meine ernste Lebensauffassung erklären. Ich bin bis vor kurzer Zeit aaerdiugs ein sehr sorgloses glückliches Menschenkind gewesen ich wäre aber mehr als leichtsinnig, ich wäre gewissenlos, wollte ich das jetzt noch immer sein!“

Das klang „vertenselt ernst“ aus so schönem Munde, und Georges Montrose war eigentlich in Verlegenheit, was er darauf erwidern foate. Er war sehr gewandt, er konnte fogar über ein Nichts „Konveraaion machen^, aber mit dem Ernft des Lebens mnßte man ihm nicht kommen, mit dem wußte er beim beften Wiaen nichts anzu.angen, und die inhaltsreichen jungen Mädchen gar, die felbft denken konnten, waren ihm von jeher nnbegnem und zu.ider gewesen er erklärte sie für „scheußlich langweilig“, ihre Reden für „albernes Gefafel“, nicht wert, daß man es an- höre! Anch jetzt gefiel ihm das, was Ilfe von Doßberg sagte, durchaus nicht - aber war es nicht doch prachtvoa, hier an ihrer Seite über die Promenade zu.schlendern, aae zwei Minuten gegrüßt von einem Kameraden, der die jnuge Schönheit bewun- dernd musterte, ihn, den Kameraden Montrofe, in der Stiae be- neidete und einen ..nichtswürdigen Schwerenöter“ nannte, derein fabelhaftes Glück habe? Sie sah so zu. Doawerden entzückend aus, mochte sie denn reden was sie woate! Es war eine Wonne, ae anzufehen und neben ihr zu.gehen, hin und wieder ganz leicht ihr Kleid zu ftreifen und sich so nahe heruukerzuueigen daß man den schwachen feinen Duft ihres Haars einzu.tmen vermochte. Noch viel entzückender mußte es freilich sein, den schönen Mund, der so ernste Dinge verhandelte,. mit uuzähligen Küssen .zu schließen - Georges dachte sich das zu.seinem Drost aus, während er em paar Phrasen zur Antwort murmelte, bei denen er sich nichts dachte. Ilse erwiderte daraus auch nichts,. sondern zu.kte nur leicht die Achseln.

Es half ihr aber nichts... sie mnßte sich richtig noch bis zu ihrem Gafthof von diefem unternehmenden Offizier begleiten, sich

von ihm ansdrucksvoa die Hand oberhalb des Handschnhs küssen lassen und ihm aaerlei Fragen beantworten, die ihm sehr am Herzen lagen . . . wann er hoffen dürfe, sie wiederzusehen , ob sie bald wieder nach Sk kommen würde, ob sie beim nächsten Vesnch in „Perle“ von nenem die Granfamkeit befitzen könnte, unsichtbar zu.bleiben und so fort. Sie antwortete kurz und verpflichtete sich zu nichts, ließ alles nnbeftimmt und schob, wie er in ftiaer Empörung schon geahnt hatte, wiederum die kranke Mutter vor. Im übrigen behanptete sie, große Eile zu haben, um noch vor Einbruch der Dunkelheit daheim zu sein er konnte sich ihr nur noch nützlich erweifen, indem er den Kutscher zu. Eile antrieb und das Ausstapeln der verschiedenen inzwischen eiu- getroffenen Pakete und Schachteln in den Wagenecken beschlennigte. Daraus hatte er noch das bitterfüße Vergnügen, das schöne Mädchen in den Wagen zu.heben und den Schlag zu.schließen, von dem er in ehrerbietigfter Haltung, die Hacken aneinander, zwei Finger am Mützenrand, zurücktrab Noch eine leichte Neigung des Köpschens, und die Steae, wo eben noch der Wagen geftanden hatte, war leer. Das „füße Geschöps“ war sort!

Die Pferde, welche Vhilipp fnhr, den Baron Doßberg als Kntscher beibehalten hatte, waren edle mutige Diere und erinnerten an die früheren gnten Zeiten auf „Perle“. Philipps Kntscher- herz lachte vor Freude, wenn er sie im Zügel hatte, obgleich es ihm immer noch einen Stich gab, daß sie nicht mehr feinem alten Herrn gehörten, fondern diesem „nenen“, den eigentlich kein Mensch aus dem Gnt bisher so recht zu.Gesicht bekommen hatte und der doch mit seinem Gelde, mit seiner Macht bereits nnsicht- bar über aaem schwebte.

Die Lnsk ging kühl und frisch, die Straße war stanbsrei, der leichte Wind sog rasch den eben gefaaenen Regen aus. In die Kissen zu.ückgeleha^ ließ Ilfe die Lnft über ihre halbge- schloffenen Augen hinwehen sie dachte gar nicht mehr an Georges von Montrose, die Vegegnung mit ihm hatte ihr keinen Eindrnck gemacht. Nnr ein Satz, den er ansgesprochen, war ihr im Ge- dächtnis hängen geblieben, den hörte sie immerfort - es war der Satz von dem regen heitern Verkehr, den es nnu bald zwischen Haus Doßberg und Hans Montrose geben soate. Würde sie sich dem immer entziehen können? Gebot es nicht die Rücksicht auf ihren Vater, daß sie diesen Verkehr aufrecht hielt? Wenn sie aber daran dachte, dann kam die alte heiße Angft wieder und griff ihr aus Herz. Sie bengte sich im Wagen vor und fing ein Gefpräch mit Vhilipp an - nur nicht denken, nicht denken!

„Durch den Wald, gnädiges Fränlein?“ fragte der Kntscher nach einer Weile und verhielt die Pferde an einer Gabelung des Wegs.

„Ia, und wenn wir dorthin kommen, Philipp, wo der Wald- weg links zu. Belvedere abbiegt, dann halten Sie an! Ich fteige aus und komme zu.Fnß heim^ es ist noch so hea, wir sind rasch gesahren, und ich möchte gern an die See. Zu Hause sagen Sie, ich solge bald!“

„Sehr wohl, gnädiges Fräulein!“ Und Philipp ließ den Pserden die Zügel.

Sie woate das Meer sehen, das Meer, auf dem e r zu Haufe war! Dort woate sie feinen Brief noch einmal lefen, an jener Steae, wo sie sich ihm einft verlobt hatte - dort mußte sie ihre Ruhe, das Gleichgewicht ihrer Seele wiederfinden!

Rnn trat der Wald rechts und links an die Straße heran, die sich breit und eben wie ein heaes Band hindurchzog. Die Daunen standen in ernstem Grün, nur hin und wider zeigte ein Land- banm sein bnutes Kleid - goldiggelb oder rotgespreukelt setzte es ein lebhastes Licht in das tiese Grün des Radelholzes. Mit einmal aber hörten die Daunen ans^ es kam die schönste Partie des Waldes, der Stolz aa der Geschlechter, die auf „Perle“ gehaust - der Eichenforst, an den keine Haud gerührt hatte, seitdem der erste Doßberg den Besitz empfangen. Die Stämme standen nicht zu.dicht aneinander^ man hatte von Ansang Bedacht darauf genommen, daß sie sich ruuden, ihre Kronen ausbreiten soaten, ungehindert durch die Rachbarn. Und wahrlich, sie hatten sich ansgebreitet! Ans riesigen Stämmen reckten sich dicke knorrige Aeste gleich weit ansholenden Armen, die ihre Blätterwncht nicht sühlten, sondern sie leicht, wie den schönsten Schmuck, emporhoben und in den Lüften wiegten, wenn der Wind kam und in ihnen fang^ Jahrhunderte hindurch hatteu diese Wipfel gebranft, sich höher und höher reckend, nun bildeteu die herrlichen Kronen ein einziges undurchdringliches Dach, das dem Regen stand hielt, kaum einen [176] vereinzelten Sonnenstrahl durchließ und in der heißesten Sommerzeit köstlich kühlen Schatten gewährte. Heute webte ein sanftes Halbdunkel um die knorrigen Stämme und Dämmerung umfing das einsame Mädchen, das jetzt lautlos über den weichen Waldboden schritt. Schauernde Andacht hatte Ilse schon als Kind gefühlt, wenn sie vor langen Jahren an des Vaters Hand in diesen Wald eingedrungen war. Baron Doßberg war glücklich, wenn er seinem kleinen Mädchen den Eichenforst zeigen konnte, auf den er unsagbar stolz war. Betrat er, sein Töchterchen an der Hand, diesen seinen geliebten Wald, dann flossen ihm die Ueberlieferungen seines Hauses gleichsam ungewollt von den Lippen , und er berichtete der lauschenden Kleinen davon, lange ehe ihr Verständnis seinen Erzählungen zu folgen vermochte. So knüpften sich für Ilse an diese Eichen Dinge. die wie halbverklungene Sagen, wie seltsame Märchen. aus ferner, ferner Zeit zu ihr herüberschallten.

Nun hörte sie es wieder wie schon zu hundert Malen, das stolze Wipfelbrausen über ihrem Haupt, und gewahrte ausschauend das unablässige Regen der Blätter, das majestätische Wiegen der weit ausladenden Aeste. Hierher hatte sie Albrecht Kamphausen damals geführt, und der alte Eichwald, der Anblick des Meeres hatten ihm das Geheimnis seines Herzens entrissen, das er fürs erste noch hatte bewahren wollen.

Je näher man der See kam. um so mehr lichtete sich der Eichenbestande nur vereinzelte Ausläufer der herrlichen Bäume standen hier noch gleich Vorposten verstreut. Der Wind wehte jetzt vom Meere her und hatte an Heftigkeit zugenommen. Ilse mußte fest ausschreiten und sich ein wenig vorneigen, um gut vorwärts zu kommen. In die Stimmen des Waldes mischte sich schon das Gebrause der See ... einmal war es dem jungen Mädchen, als habe sie das Schnauben eines Pferdes vernommen, aber das mußte Täuschung sein, Philipp war ja seit mehr als einer halben Stunde nach der entgegengesetzten Richtung verschwunden.

Ilse erstieg noch nicht die Stufen, die zu dem kleinen Ufertempel hinaufführten von der Anhöhe, auf welcher sie stand, hatte man denselben Blick wie dort vom Belvedere. Gefesselt blieb das junge Mädchen neben einer schlank aufragenden Buche stehen. Blutrot hing der Sonnenball am Rand des Horizontes, bereit, ins Meer hinabzutauchen, das sich bleigrau dehnte; nur dort, wo die Sonne hinunterwollte, färbte sich das Wasser wie flüssiges Kupfer, und am Strande schäumten die Wellen weiß auf und warfen schneeigen Gischt bis in die Grasbüschel und kümmerlichen Gesträuche, die sich höher hinauf am Sande festgeklammert hatten. Die Brandung donnerte zornig. und unruhig fuhren die Möven drüber hin. ihren schrillen Schrei in den tiefen allgewaltigen Klagelaut des Meeres mischend. Tief auf atmete Ilse. Ihr Auge hing an dem Glutball da drüben der eben mit seinem äußersten Rande die Wasserfläche berührte. Wie sie es liebte, das weite Meer, das seine Heimat war! . Ihr Fuß hob sich, um weiterzugehen, und ihre Hand griff in die Tasche des Kleides, um Albrechts Brief hervorzuziehen, als von dem nächsten Baum eine Gestalt sich loslöste und fürs erste stumm, den Hut in der Hand, mit ehrerbietigem Gruß auf sie zukam.

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 12, S. 189–192

[189] Ilses Fuß blieb am Boden haften, und sie sah Herrn von Montrose an wie eine geisterhafte Erscheinung. Und doch lag nichts Furchterregendes in dessen Aussehen, durchaus nicht. Sein feines schmales Gesicht war blaß, sein melancholischer Blick hatte nichts Aufgeregtes, sondern traf das junge Mädchen mit einer Art stiller Bewunderung, wie wenn er sagen wolltet ich muß Dich schön finden, obschon ich weiß, daß Du nicht für mich bist! „Guten Abend, Baroneß!“ sagte seine angenehme, ein wenig bedeckte Stimme. „Ein seltsames Zusammentreffen!“

Ilse neigte nur wie zur Bestätigung seiner Worte den Kopf. „Ich war auf ‚Perle',“. setzte er seine Erklärung fort, „habe im Schloß nachgesehen und bin dann lange mit Ihrem Herrn Vater umhergefahren. Er hat mir vieles gezeigt, vieles erklärt - es ist eigentlich beschämend für mich, so alt geworden zu sein ohne auch nur die oberflächlichsten Kenntnisse über den Landbau erworben zu haben. Aber der Baron ist ein guter Lehrmeister, hier zumal, wo er jeden Fußbreit Erde kennt. Er wünschte, noch in Belten zu bleiben, und ich fuhr allein hierher, ich wollte so gern ein paar Atemzüge Meeresluft mitnehmen in die dumpfe Stadt!“

„Kommt mein Vater auch hierher?“ fragte Ilse unsicher.

„Nein! Er hatte noch zu thun und wollte sich dann ein Pferd geben lassen und geradeswegs von Belten heimreiten.“

Sie antwortete nichts darauf, ihr Blick irrte von ihm fort und wandte sich der Sonne zu, die rasch sank. Bis zur Hälfte schon war die strahlende Kugel ins Meer untergetaucht, sie zeigte ein unheimliches düsteres Rot, das in den Wellen verzitterte und dem tiefhängenden Gewölk einen fahlen Feuerschein gab.

„Sie waren in der Stadt, Baroneß?“ begann Montrose von neuem.

[190] ^o ^

„Ia, ich hatte dort zu thun. Mein Vater machte Schwierig- l leiten wegen der Pserde -“ ^

„Ich bitte Sie, Varoneß, kein Wort davon - Sie bringen mich in Verlegenheit! Ihr Vater weiß, und Sie müssen es auch wissen, daß Sie schalten und walten können aus .Perle' wie in frühereu Zeiten !“

Sie hätte ein paar Worte der Anerkennung hierauf er- widern muffen, aber sie that es nicht. Sie wollre lich ihm verleiden, ganz verleiden , damit er in Zukauft abfichtlich ihre Nähe meide

wie sie die feinige. Mochte er sie für hochmütig und abftoßend halten - mochte er!

„Wie geht es Ihrer Frau Mntter?“ kam von nenem seine gedämpfte Stimme an sie heran - sie empfand die Stimme .wie etwas Körperliches.

„Papa wird es Ihnen gesagt haben - es geht nicht gnt, sie ist ftia und teilnahmlos. Aber am erften schönen Tag bringen wir sie fort und ziehen felbft hinüber ins Verwalterhaus.“ Sie fetzte das letztere haftig hinzu. als ob seine Frage nur diese Dentung haben könnte.

„Es eilt mir nicht damit, ins Schloß zu kommen,“ sagte er ohne jede Empfindlichkeit.

„Aber die Ihrigen werden es wünschen. Ich sprach Ihren Sohn in der Stadt - er schien Gewicht darauf zu legen, bald ' nach .Perle heranszu.ommerr.“

..So? Schien er? Schon möglich! Er hat indessen ab- ^ zuwarten, bis ich den Tag zur Uebersiedlung bestimme! Vis vor . kurzem hatte er nicht die geringste Reigung für den Landaraenthalt.“ ^

„Er hat mir nicht gefagt, daß ich Sie hier finden würde.“ t

..Er hat es gar nicht gewnßt. Unfere Wege trmnen sich oa.“ ^ Es klang so einfach, doch war der doppelte Sinn nicht mißzu.erstehen. „Woaen wir zu. Velvedere hinauf, Varoneß? Man fieht von . dort oben noch besser, und die Sonne wird gleich hinunter sein.“

Sie hätte gern Rein gefagt. aber wie konnte sie das^ ohne ^ geradezu ungezogen zu sein? Rur als er ihr die Hand bot, um ^ ihr beim Ersteigen der uubeguemen Steinstnsen behilslich zu.sein, ^ zuckte sie zusammen und wich zurück.

Herr von Moutrofe blieb stehen und sah sie am „Sie ^ schrecken vor mir zurück Varoneß, als wenn ich Ihnen ein Leid ^ anamn wollte!“ sagte er. „Sie müsserr ein ftarkes Vornrteil gegen mich haben. Freiach, ich mag Ihnen schon zum voraus verleidet gewesen sein, weil i ch es bin, der Ihren Varer, Sie aae gewiffermaßen aus Ihrer Heimat vertreibt. Oder“ er zögerte einen Augeublick - „ist es etwas anderes, was Ihr Gefühl gegen mich wachruft? Denn eine Antipathie ist da - das werden Sie nicht leuguen woaen!“

„Das - das ist nicht das richage Wort,“ begann Ilse stockend^ dann verstummte sie hilflos. Was foate sie zu diesem Mann sprechen wie ihm erklären was ihr selbst bis zur Stunde noch uuerklärlich geblieben war? Konnte sie ihm sagen. ..Ich sühle mich durch Dich angezogen und abgestoßen zu.gleicher Zeit - Dein Vild, die Erinnerung an Dich haben mich sort und sort begleitet, obschon ich alles dazu.thak beides zu.verbannen^ Deine Gegen- wart macht mich innerlich nnsrei und wiaenlos, mir ia, als gehörte ich nicht mehr mir selbst an, wenn Du da bist, als hättest Du über mich zu.bestimmen und ich müßte Dir gehorchen“ - konnte sie dem sremden Mann, mit dem sie heute zum zweitenmal in ihrem Leben ins Gespräch gekommen war, das sagen? Schatten-. haft, blitzgleich aogen diese Gedanken an ihr vorüber, auch die Erwägung, wie es wäre, wenn sie ihm von ihrem Verlöbnis mit Albrecht Kamphausen Mitteilung machte. Ob ihr dann nicht leichter nms Herz würde, ruhiger? Vieaeicht! Aber ihm, dem Fremden, zuerst ein Geheimuis auvertraueu, das ihre eigenen Eltern noch nicht wußten, noch nicht wissen dnrften? Wie würde er ein solches Geständnis ansnehmen? Was soate er überhanpt damit? Von Antipathie hatte er gesprochen, sie hatte ihm erwidert, das sei nicht das richtige Wort und das war es auch nicht ^ aber fand sie das richtige Wort? Kannte sie es?

„Also nicht Antipathie! Was ist es sonst?“ hörte sie ihn sragen

Sie nahm aa ihren Mnt zusammen und sah ihm voa ins Gesicht. ..Ich weiß es nicht! Ich muß Ihnen lannenhast er- scheinen und nndankbar - aber ich kann nicht anders sein!“ Und während sie das sagte, suhlte sie wieder dies grenzenlose Mitleid mit ihm, da er sie ansah mit seinen traurigen entsagenden Artgen, die es abgegeben hatten das Glück zu.fachen.

Es ließ sich schwer etwas entgegnen aus das, was sie gefagt hatte. Herr von Montrofe entgegnete auch nichts, sie schwiegen beide und hacken es vergessen, daß sie den kleinen Tempel erfteigen wollten. ..Sehen Sie,“ sagte dann Herr von Montrofe plötzlich, „die Sonne ist hinnnter!“

Dort, wo sie eben noch gestanden hatte, leuchtete es aus wie eine zuckende Flamme^ die rote Gtnt in den Wotken erbtoßle rasch - ein blasses Gelb färbte den westlichen Horizont.

„Ich muß gehen,“ sagte Itfe und wandte sich um. ....Es ist die höchfte Zeit!“

^ ..Darf ich Ihnen meinen Wagen anbieten. Varoneß? Sie kommen vor Dunkelwerden nicht mehr nach Hanse!“

„Um keinen Preis! Ich danke! Ich finde den Weg auch im Finftern - ich gehe rasch.“

..Sie können es von keinem Mann verlangen, daß er eine Dante zu.dieser Zelt ohne Sckmtz durch den Wald gehen läßt!

Da sängt es auch wieder zu regnen an. Sie gestatten.“ Er nahm ihr den leichten grauen Mantel ab. den sie über dem rechten Arm trng. und legte ihn sorgsam um ihre Schaltern, daraas zog er eine kleine Pseise hervor aad setzte sie an die Lippen. ..Das Zeichen für meinen Kntscher. er muß hier in der Röhe

sein wir müssen bis. zu. Aasgang der Lichtnug gehen.“

Ilse mußte sich fügen. Es half ihr nichts. daß sie ihren Eittfaa verwünschte, das Meer sehen zu woaen es hals ihr auch nichts, daß sie die Hand in ihre Tasche schob und sie aus dem Vrief ruhen ließ, wie wenn er ein Zauber wäre, der sie schützen würde - der Artsruhr in ihr legte sich nicht. Und auch die Ratur schien etttfeffelt. Stnrm und Regen entlnden sich mit voaer Gewalt, Windftöße gingen über den Wald hin, daß .die. Vättme ächzten. Ilfe fühlte sich von der Hand ihres Vegleiters ergriffen und vorwärts gezogen. Wie damals auf der dunklen Wendeltreppe. so fpürte sie auch heute. wie von dieser Hand, im der die ihrige lag. etwas ausging gleich einem starken elektrischen Strom, dem sie vöaig nnterthan war. Jetzt versnchte sie nicht mehr, sich srei zu.machen, sich zu.stränben sie ging wiaenlos mit.

Am Ende der Lichtung wartete Herrn von Montroses Wagen. Der englische Kutscher hatte vorsorglich das Verdeck ausgeschlagen er war mit eiaem Satz vom Voek heranter, als er seinen Herrn kommen sah. und hals ihm und der jungen Dame gewandt beim Einsteigen. Itse lehnte mit halbgeschlossenen Augen in der Wageneae und atmete durstig den herben Dust des nassen Laub- und Radelholzes. Ihr Vegleiter deckte eine weiche bnnte

Deeke über ihre Knie, sie fühlte feinen Vlick. volare ihn anzafehen.

..Nach .Perle. so rasch die Pferde können!“ rief Herr von Montrofe. und mit schwindelnder Eile ging es vorwärts. Das Raaschen des Regens, das Sanfen des Windes in den Väamen und der harte Hnfschlag der Pferde auf dem feften Wege machten jedes Gefpräch zur Unmöglichkeit. Ohne ein Wort miteinander zu wechseln, fuhren die Zlvei durch den stürmenden herbstlichen Wald.

Run lag die ..Perle“. .tief eingebettet im Schnee. Der Winter hatte die Menschen feinen Ernst fühlen lassen. ^Zn Anfang Dezember schon hatte der Froft eingesetzt. ein steiser Rordost wehte sott und sort. machte den Voden steinhart, hing ganze Tropssteim gebilde aus Eiszapsen überaa an und trieb den Lenten die heaen Thrätten in die Augen. Eine bleiche Wintersonne sah vom Himmel herab ^ die Last „ schnitt“ sörmlich. so kalt war sie. Die Wälder standen im Rarthreis, silbersnnkelnd. blitzend. und das Meer sror

ein großes Stück weit zu, kaum konnte man vom Ufer her mit uubewaffttetem Auge den feinen duukleu Streifen erkennen der das offene Wasser anzeigte. Seit langen Jahren hatte sich dies Er- eignis atr der Küste nicht voazogen ovn nah und fern ftrömlen die Mettscheu herbei, das seltene Schauspiel zrt genießen.

Endlich war dann der Schnee gekommen. der langersehnte Schnen er deckte weiche Polster aus Wiesen aud Hecken und wickelte den Wald dicht ein in undnrchdrtngliche Flockenwirbel. Ats der wilde Tattz vorüber war, da hielt jedes zlveigtein und jedes Aesichetr seine Schneelast sest, und der Eichensorst war wie ein riesiger Eispalast anzusehen

Jetzt stand das Weihnachtssest vor der Thür.

Längst waren die neuen Besitzer von ..Perle“ eingezogen in das nett ausgestattete Schloß. Zu Elemenee von Montroses Aerger [191] prangte aber immer noch das Wappenschild der Doßbergs, die Perle in der offenen Muschelschale, über dem Portal anstatt der Rose. die das Abzeichen der jetzigen Eigentümer bildete. Sie hatte ihren Vater darauf aufmerksam gemacht und ihn gefragt, ob es möglich sei, daß er eine so wichtige Sache übersehen habe. Die Antwort hatte gelautet, das sei durchaus nicht der Fall, es solle aber fürs erste alles beim alten gelassen werden. Mit diesem Bescheid mußte sie sich begnügen, und das Wappen blieb, wo es war.

Längst auch war die Familie Doßberg in das Verwalterhaus übergesiedelt. Es war ein hübscher Bau; aus dem Schloß hatte man alles mit herübergenommen, was die Zimmer irgend geschmackvoll und wohnlich gestalten konnte, und so war ein Ganzes hergestellt worden, das entschieden einen anheimelnden Eindruck machte, aber das Behagen trotzdem nicht auf die Bewohner übertrug. Die Baronin hatte sich in der ersten Zeit nach dem Umzug anscheinend ein wenig erholt. Ihre Lebensgeister flackerten wieder auf, sie hatte besseren Appetit, gewann mehr Kräfte und zeigte neues Interesse am Wohl und Wehe ihrer Umgebung. Ilse war fast immer um ihre Mutter, nur selten gestattete sie, daß die getreue Lina sie ablöse. Aus dem Lawn Tennis-Spiel im Herbst und dem regen Verkehr von Haus zu Haus, den Lieutenant Georges von Montrose so lebhaft gewünscht hatte, war fast nichts geworden. Nur der alte Herr von Montrose hatte das junge Mädchen öfters erblickt. Er kam ziemlich häufig nach dem Verwalterhause herüber, seiner vielen eingehenden Vesprechungen mit Doßberg wegen; es war zartfühlend von ihm, seinen Administrator in dessen Haus aufzusuchen, anstatt ihn zu sich nach dem Schloß zu entbieten, wo jeder Schritt den Baron an eine schönere Vergangenheit mahnte.

Es hatte sich eine Art von Freundschaft zwischen den beiden Männern gebildet, freilich eine seltsame Freundschaft. Nie streiften die langen Unterredungen, welche sie miteinander führten, das Gebiet persönlicher Erlebnisse, persönlichen Empfindens; streng sachlich wurde nur das abgehandelt, was zum Wohl und Gedeihen des Gutes erforderlich war, allein es konnte nicht vermieden werden, daß hier und da eine Ansicht über allgemein wichtige Dinge, über die Behandlung der Landbevölkerung, über Politik und volkswirtschaftliche Fragen im Gespräch auftauchte; dabei mußte notwendig einer des anderen Sinnesart, ein Stück seiner Lebensauffassung kennenlernen, und es ergab sich manches Gemeinsame. Dazu kam noch, daß Herr von Montrose das tiefste Mitgefühl für den Baron hatte und auf jede Weise bemüht war, dessen Stellung angenehm zu gestalten; und Doßberg hätte undankbar sein müssen, wenn er nicht den seinen Takt, das fast ängstliche Bemühen Montroses, nie den Herrn zu zeigen, wohlthätig empfunden hätte.

Indessen verlor der Baron dennoch keinen Augenblick das Gefühl seiner Abhängigkeit. Er konnte keine Ausfahrt, keinen Ritt durch die Felder unternehmen, ohne zu denken: vor einem halben Jahr noch war dies alles dein Besitz; er konnte das Aufblühen und Gedeihen des Gutes nicht sehen, ohne sich zu sagen: all das würdest du für dein Eigentum gethan und es dir erhalten haben, wenn du nur über die Mittel verfügt hättest! Jetzt hebst du mit fremdem Gelde das Gut deiner Väter für einen Fremden wieder empor! Oft, wenn er heimkehrte von seinen langen Ritten und Philipp ihm das Pferd abgenommen hatte, lenkte er in Gedanken seine Schritte aus dem altgewohnten Weg dem Schlosse zu, bis es ihm angesichts des Portals einen Ruck gab. „Geh’ hin, wohin du gehörst! Du hast hier nichts mehr zu suchen, bist nichts mehr als der bezahlte Verwalter!“ Dann kam er mit trüben Augen, gesenkten Hauptes bei den Seinen an; er vermied es dann, seine kranke Frau aufzusuchen – die bekam immer nur sein freundliches Gesicht, sein Lächeln, das freilich kein richtiges Lächeln war, zu sehen. Aber seine Ilse, seine schöne kluge Tochter, die war seine Vertraute geworden und obgleich er auch vor ihr nicht klagte, so brauchte er doch hier keine Maske zu tragen, durfte sich nicht den Zwang des Redens auferlegen. Stumm strich er ihr mit der Hand über das Haar, stumm und aufmerksam trug sie ihm sein Frühstück auf, bediente ihn und sorgte dafür, daß er wirklich aß und trank, und wenn sie es für erlaubt hielt, dann plauderte sie auch mit ihm, erzählte von ihrer Lektüre, von den häuslichen Einrichtungen, von Mama, der es doch wieder ein wenig besser gehe, und war froh, wenn er auf das Gespräch einging. Sobald aber der Baron einmal unerwartet Herrn von Montrose um die Frühstückszeit mitbrachte, war Ilses Unbefangenheit dahin. Sie mußte selbstverständlich den Gast begrüßen und für das Behagen der Herren sorgen, aber sie kürzte beides soviel als thunlich. Mit scheuen, bang umherirrenden Augen saß sie den beiden Herren gegenüber, stockend und unfrei kamen die Worte über ihre Lippen, so daß ihr Vater sie einmal gefragt hatte, ob sie etwas gegen Herrn von Montrose habe – dazu liege doch bei dessen rücksichtsvollem Benehmen durchaus keine Veranlassung vor.

Von Albrecht Kamphausen hatte Ilse seither noch einen Brief erhalten, aus Schanghai datiert, voll von Liebe und Sehnsucht, von so großer ungestümer Sehnsucht, daß sie beim Lesen in heiße Thränen ausgebrochen war. Ach, warum mußte er so fern sein, warum war er nicht da, sie zu schützen! Sie hatte ihm keine jener dunklen Andeutungen mehr geschrieben, die ihm damals so befremdlich erschienen waren, hatte sich gezwungen, mutig und vertrauensvoll zu ihm zu sprechen, wie er es liebte, aber bitter und schmerzlich empfand sie es, auch hier sich verstellen zu müssen, ihm gegenüber, mit dem sie eins sein sollte für das ganze Leben.

Das Weihnachtsfest sollte mancherlei bringen. Im Schloß wurden Vorbereitungen zu einem großen Fest getroffen, das am ersten Feiertag stattfinden sollte. Die Montroses hatten in der ganzen Umgegend Besuche gemacht, und nun war die gesamte Nachbarschaft schon wochenlang zuvor feierlich eingeladen; es sollte gleichsam ein Einführungsfest sein, das die neu Angesiedelten den übrigen Grundbesitzern näherbringen würde. Clémence hatte diesen Gedanken gehabt und seine Ausführung nicht ohne einige Mühe bei ihrem Vater durchgesetzt; sie hatte sich dann völlige Freiheit für ihre Anordnungen erbeten und traf nun großartige Vorbereitungen. Täglich fiel ihr etwas Neues ein, das verschrieben und angeschafft werden konnte, ihre Feder war in beständiger Bewegung. Man sollte staunen, was die Montroses für Feste auszurichten verstanden! Besaß man einmal ein altes feudales Rittergut, dann mußte man es auch zu Ehren bringen; jetzt sollte die „Perle“ erst ihren wahren Glanz bekommen! Es war selbstverständlich, daß Georges und Botho zum Fest herüberkamen; sie hatten einen ausgiebigen Urlaub bewilligt erhalten, und Clémence war glücklich, den Bräutigam, der sich nicht oft im Schlosse sehen ließ und ganz merkwürdig kurze Briefe schrieb, endlich einmal auf längere Zeit bei sich zu haben. Herr von Montrose kümmerte sich um alle diese Dinge nicht, sonst würde er dafür gesorgt haben daß die Vorkehrungen weniger prahlerisch und prunkend ausgefallen wären. Er sah nur sorgsam die Liste der Einladenden durch und war sehr befremdet, Baron Doßberg und seine Tochter nicht vermerkt zu finden; er fügte den Namen sofort mit seinem Taschenbleistift bei. Auf Clémences verlegene Ausrede, die würden ja doch der Kranken wegen nicht kommen, entgegnete er mit gelassener Bestimmtheit, er selbst werde alles dazu thun, den Baron zum Erscheinen auf dem Feste zu bewegen, schon um der Nachbarschaft den Beweis zu liefern, welcher Art sein Verhältnis zu dem früheren Eigentümer der „Perle“ sei. Daran knüpfte sich die für Clémence nicht neue Mahnung, den Bewohnern des Verwalterhauses stets die größte Rücksicht angedeihen zu lassen, eine Mahnung, die sie äußerlich mit Ruhe entgegennahm, gegen die sie aber im stillen um so schärfer Widerspruch einlegte. Was Papa wohl einfiel, mit dieser Gesellschaft so besondere Umstände zu machen, als ob es Prinzen von Geblüt wären! Dieser alte Doßberg trug den Kopf immer so stolz im Nacken, als hätte er seine „Perle“ bloß aus Gnade einstweilen hergeliehen und der „Baroneß“ mit ihrer koketten Schönheit hätte so ein kleiner Denkzettel vollends nichts geschadet. Aber in dem Punkt verstand Papa keinen Spaß, das wußte Clémence und sie hatte allen Grund, ihn günstig zu stimmen. Denn wenn Papa nicht wollte, bekam sie Botho nicht, und um Botho zu bekommen, mußte man erst seine Schulden bezahlen, deren er, wie der zartfühlende Georges einmal der Schwester verraten hatte, „schauderhaft viel“ besaß. Clémence mußte sich also fügen, um so mehr, als sie bei Georges mit Klagen über den „Bettelbaron“ und seine Tochter schon gar nicht ankam. Georges war noch immer bis über beide Ohren vernarrt in das „süße Geschöpf“, zumal der stillschweigende Widerstand Ilses auf den verwöhnten Frauenliebling immer neuen Reiz ausübte. Und Botho? Botho hörte als galanter Bräutigam geduldig zu, wenn Clémence ihrem Groll über „Papas Schwäche“ Luft machte, aber als sie ihn einmal geradezu fragte, ob er denn auch diese Ilse von Doßberg so überwältigend schön finde, da hatte der Lieutenant von Jagemann nur mit großem Ernst und [192] großer Ueberzeugung das eine Wort: „ Entzückend!“ ausgesprochen, und Clémence hatte das Thema ein für allemal aufgegeben. -

Heute, am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember, war Baron Doßberg im Schlitten nach St. gefahren um, seinen Sohn heimzuholen. Während der Herbstferien war Armin in der Stadt geblieben, da sein Schulzeugnis stark zu wünschen übrig ließ; auch hegte er einen ganz unbezähmbaren Grimm gegen Herrn von Montrose und dessen Familie, so daß zu befürchten stand, der heißblütige Junge möchte sich bei etwaigen Begegnungen zu unartigem Betragen hinreißen lassen. Jetzt hatten die wilden Wogen seiner Empörung sich ein wenig gemildert, seine letzten Briefe lauteten merkwürdig verständig, er sprach von „heilsamen Entschlüssen“, die er gefaßt, von „definitiver Entscheidung“, welche die nächste Zeit bringen müsse, vom „Wohl und Weh seiner Zukunft“, das er den Seinigen demnächst warm ans Herz legen wolle, und so ließ man ihn denn zum Feste nach Hause kommen, zumal auch die kranke Baronin den Wunsch geäußert hatte, den einzigen Sohn wiederzusehen.

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 13, S. 215–219

[215] [216] 

rief Varon Doßberg vom Schlitten heruuter und nnterfwtzte seine Worte durch .eine höchft nachdrückliche Gebärde. Aber Ilfe schüttelte den Kopf und lachte ihn an. „Was foa mir das schaden! Laß doch. Papa - das bißchen Kälte! Ich geh' sofort hinein, sowie ich erst den Jungen - da hab' ich ihn schon!“

Armin hatte die Pelzdecken weggeschlendert, war mit einem Satz .vom Schlitten herunter und warf sich ungestüm an den Hals der Schwester. Die Stimme , mit der er sie begrüßte. hatte einen verdächtigen Klang. Inzwischen hatte sich Doßberg ebensaas aus den Decken geschält und schob nun seine Kinder. die einander noch nmfaßt hielten i nachdrücklich gegen die Hans- thür. „Hinein mit Ench! Ilse, Du kannst ja den Tod davon haben!“

„Warnm nicht gar, Papa! Höchstens den Schnnpfen!“

Das sagte sie schon im Hansflnr. wo sie sich dicht vor Armin hinfteate und .ihn musterte. „Sieh' ihn Dir an, Väterchen! Das Kind ist so groß wie ich - es danert kein Jahr, dann ist es mir über den Kops gewachsen! Und was ist dies? Komm doch näher zu tu Fenster, es ist so dämmerig hier - wahrhastig, das Kind kriegt Anlage zu.einem Schnnrrbart!“

„Ra, aber bedentend!“ Armin pslanzle sich heranssordernd vor Vater und Schwester hin und wirbelte um Daumen und Zeigeanger der rechten Hand nnternelunend an etwas herum, das vorläufig bloß als Schatten auf feiuer Oberlippe saß. „Uebrigens, Ilse, wenn Du mir immer noch mit dem ,Kind^ kommst . . . das muß nun doch 'mal ein Ende nehmen!“

„Woaen sehen,. wie Du Dich benimmst, mein Sohn! Richt da hinein! Mama schläst eben, Lina sitzt bei ihr und wird es uns sosort melden wenn Mama wach ist. Einstweilen kommt in mein Zimmer! Du auch, Papa! Ich wache Ench aus der Spiritnsaamme einen steisew Grog nach der kalten Fahrt - Armin, verträgst Du denn so etwas auch?“ Dieser beautwortete die Frage nur nat verächtlichem Vlick ünd mitleidigem Achselzucken, Ilse lachte lant aus - angesichts des Bruders .fühlte .sie ihren alten Frohsinn wieder . erwachen. Sogar über Herrn von Doßbergs trübes Gesicht ging ein Lächeln, als.er den Geschwistern zusah, wie sie Arm in Arm in Ilses..Ziwmer traten.. Es .war bedeutend kleiner

als das frühere an .Schloß, auch fehlte . ihm die imposante Höhe, der stolz geschweifte Fenfterbogen, die schöne Stückarbeit der Decke, was aaes dem Raum drüben etwas .so Vornehmes gegeben hatte. Hübsch war's aber dennoch, dies Mädchenstübchen mit seinen hea- geblümten Möbeln und Vorhängen, den vielen Vlumen dem leise slötenden Kanarienvögelchen im Käag.. Ilse zog Armin an der Hand hinter sich her. „Ist's nicht aaeraebst hier bei mir?“

Er machte eine swstere Miene, ließ den Vlick rundum schweisen, schante ..zur Decke empor, trat dann aus Fenster und sah zu dem alten Schloß hinüber, dessen graues Gemäner deutlich durch die entlanbten Bäume hindurchschimmerte. .^Unerträglich ist das!“ ries er und ballte die Fäuste. ..Unerträglich ! Wie Du bloß so ruhig sein kannst - aud mich noch sragen, ob's nicht aaeraebst bei Dir sei! O ja, allerliebst - meine Schwester hier im Ver- walterhans, und drüben steht nnser Schloß, nuser - unser - sieh mich nicht immer an!“ schloß er plötzlich wütend und stampfte ma dem Fuß aus. „Du brauchst es nicht zu sehen, daß ich heuleu muß!“ Die zornigen Thränen schossen ihm aus den Augen und liefen ihm die Wangen herab, während er Ilse nnsanst zu.ück- drängte, um sie gleich darans wieder an sich zu ziehen. „Rein, nein - sei nicht bös, Ilse, ich bin so - einfach außer mir bin ich!“

....Wenn das nur etwas helfen könnte!“

..Helsen helfen! So klng bin ich auch, daß ich weiß, es hilft nichts! Aber leichter wird einem doch ^ freilich können Mädchen das nicht verftehen. Die find von der Ratnr zum Leiden und Dulden geschaffen -“

„So? Sind sie das? Eine sehr begueme Annahme, mein liebes Kind! Wenn das wirklich die Regel sein soll, dann kann ich Dich verfichern, daß es auch Ausnahmen giebt!“

„Ra, Du kannst zusrieden sein - in Deinen Vriefen an mich haft Du nie etwas zu.klagen gehabt!“

..Wär' mir auch von befonderem Nutzen gewesen, zu.klagen! Und gar Dir gegenüber, der ohnehin schon so eine Vrandrakete ist! Das hätte nur Oel ins Fener gegossen!“

„Na, wie ist er denn?“

..Wer?“

Armin machte eine nnwiaige Kopfbewegung nach dem Schloß hinüber. „Du weißt ganz gnt, wen ich meine! Ich kann den Namen nicht ausstehen!“

. ...Papa lobt ihn sehr, nennt ihn gerecht, zartfühlend

..In das hat er mir unterwegs auch gesagt. Na, und Dü?“

„Ich hab' ja nichts nat ihm zu thun!“

..So? Papa sagte doch, er komme ziemlich häufig hier herüber!“ Ilfe schwieg. ..Also ? So red' doch auch ein Wort !“

„Ach, Armin, guät' nach nicht!“ Ilse machte sich hastig von des Bruders Arm los. „ Hörst Du nicht? Papa kommt! Nimm Dich zusammen!.“ Varon Doßberg hatte inzwischen den Pelz ab- gelegt, jetzt trat auch er ins Zimmer^ das junge Mädchen schob

ihm einen Sessel hin. ..Setz' Dich, Papa!“

Der Baron ließ sich etwas schwersäaig nieder. „Dauk' Dir, mein Kind! Nun, Du hast es doch Armin bestätigt daß es mit Mama wenigstens nicht schlechter geht?“

Sie zu.kte ein wenig zusammen. „ Nicht gerade schlechter, aber doch nicht so gnt wie vor einiger Zeit. Da hofften wir doch -“

Doßberg schüttelte trübe den Kops. ..Ich hoffe seit lange nichts mehr!“ Er versank eine kurze Weile in sein gewöhnliches Brüten, dann hob er mit einiger Anstrengung den Kops. ..Und Deine Pläne. Armin, ^die Du mehrfach in Deinen Briefen angedentet haft? Laß doch. einmal hören!“

Der junge Mensch sah zu Ilse hinüber und zögerte. ..Ihr müßt mir aber beide .Ener Wort geben. daß Ihr Euch über das. was ich zu sagen habe, nicht ereisern werdet!“

Ein schwaches Lächeln zog schattenhast über Herrn von Doß- bergs Gesicht. „Ein bißchen viel verlangt, mein Sohn! So mit gebundenen Händen sein Wort geben - wer könnte das?“

..Ich hab' auch mehr Ilses wegen Angst als Deinethalben, Papa! Aber Ilse . . . wie ich die kenne. wird sie sich sehr er- eisern. und wenn ich das dann auch thne.,. so steckt von vorn- herein die ganze Geschichte im Sumpf! Könntest Du mir nicht wenigstens Dein Wort geben. Ilse?“

..Nein, liebes Kind, selbst ich kann das nichtig

..Dann muß es so heraus!“ Armin nahm förmlich einen innerlichen Anlaus, er schlackte ein paarmal und bewegte nach- drücklich den Kops. als ob er sich den Nacken steisen wollte. ..Sieh, Papa. Du hast Dich nnterwegs gewundert - ich hab' Dir's angemerkt - daß ich nach gar nicht nach denn Gut erkundigt hab'. nach aa den Anschauungen und Verbesserungen, die not- wendig waren. Ia, ich habe die .Perlen geliebt - wie sehr, das kann ich Ench gar nicht beschreiben . ... . mindestens ebenso wie. Papa und viel mehr als Du,^ Ilse - Mädchen können darin überhanpl nichl so empanden! Aber nun. seitdem das Gut nicht mehr uns gehört, ist aaes wie tot in mir, 's ist mir rein egal, was dieser Usurpator, dieser Parvenü -“

..Armin, Du mäßigst Dich!“ ßel Varon Doßberg streng ein. ..Herr von Montrose ist so rücksichtsvoa gegen mich, wie ich nur wünschen kann, überdies dnrchans kein Parvenü, sondern von nahezu so altem Geschlecht wie wir.“

..Mag er - entschuldige, Papa. ich kann ihn nicht leiden, und wenn er ein Engel wäre! Er hat uns die .Perlen wegge- nommen. das kann ich ihm nie verzeihen. Aber ich werde nichts mehr gegen ihn sagen, da Du ihn in Schutz nimmst... Nur müßt

Ihr begreisen, daß mir die .Perle verleidet ist! Laß' geschehen aus ihr, was da will, laß' sie den zehnsachen Wert bekommen - sie gehört nicht mehr den Doßbergs! Ihr wißt, ich hab' mit Leib und Leben Landmann werden wollen, aber eben als Besitzer von .Perlen und nur so. Was sollte ich jet^t als. Landmann ansangen? Mich irgendwo in die Lehre geben bei fremden Menschen? Denn hier hielt' ich es keine acht Tage aus. Und soa ich dann am Ende irgendwo als Inspektor unterkriechen mit einem lnmpigen Gehalt - der letzte Doßberg? Ich thüs nicht, und wenn die ganze Welt sich dagegen verschwört, ich thu's nicht! Und darum“ - Armiu dehute seine Brust, als habe er sich das Herz srei gesprochen - ..darnm will ich einen andern Berus er- greisen und wia Seemann werdend

Ilse zuckte zusammen bei dem Wort., Herr von .Doßberg furchte die Brauen. ,.Und Deine Mntter?'^ fragte er leise.

,.Ach Gott. Mama braucht das ja gar nicht zu.missen!“ meinte Armin leichthin, in Erinnerung gm das unentwirrbare [218] 218 Netz von Unwahrheiten und falschen Vorstellungen, in das die kranke Frau seit Iahten schon eingesponnen war. „Man sagt ihr irgend ’was, wenn ich ’mal lange fort bin G-landwirtschaftliche Akademie, weite Reise, kleines Erkältungsfieber, das mich am Heimkommen hindert, das findet sich schon! Aber weil ich doch minderjährig bin, muß ich Deine Zustimmung haben, Papa!“

„Wie denkst Du Dir Deine seemännische Laufbahn?“ unterbrach ihn sein Vater in etwas scharfem Ton.

„Das ist ziemlich einfach -Hich hab’ mir schon alles zurechtgelegt. Mit dem Zeugnis für Oberprima komm’ ich bei der Marine an – ich hab’ ein Langes und Breites mit Onkel Erich darüber geredet. Zu Anfang war er gehörig wütend und sehr grob; der Secmannsberuf sei zehntausendmal zu schade dazu, so nebenher als Notbehelf gewählt zu werden, bloß weil’s mit der Landwirtschaft nichts werden könne, und ’n richtiger Seemann sei um fünfzig Prozent besser als ein Landwirt, und was er sonst noch so gesagt hat. Zuletzt aber, als ich gar nicht locker ließ, da hat er vernünftig geredet und mir von seinem Paten allerlei, erzählt, das ist ein Kapitän Kamphausen, auch bei der Marine, sührt jetzt die .Nixe’, in China oder da herum. Muß ein sehr tüchtiger Mensch sein, und so einer wie der will ich auch werden.

Kennst Du den Kapitän Kamphausen, Papa?“

„Sehr oberflächlich!“

„Mir ist doch so, als hättest Du mir ’was von ihm erzählt – oder war das Ilse? Na, einerlei, auf den also schwört i Onkel Erich, und wenn Kamphausen zurückkommt, dann werd’ ich mich an ihn machen, und er wird mir helfen, denn das kann er, sagt Onkel Erich. So, und nun wißt Ihr es ! Bist Du böse, Papa?“

Herr von Doßberg wiegte kummervoll den Kopf hin und i her. In vielem von dem, was sein Sohn soeben gesprochen hatte, !

lag Wahrheit, er konnte sich’s nicht verhehlen. Ein Landwirt ohne Vermögen, das war eine kümmerliche Existenz! Aber nun Seemann – ein so schwieriger, so gefahrvoller Beruf! Ein solches Los hatte er, der Vater, seinem einzigen Sohn bereitet, daß dieser den Weg, den seine Vorfahren in Ehren gegangen waren, verlassen und froh sein mußte, wenn Fremde ihm „halfen“, in den neuen Beruf einzutreten! Bitter stieg es empor in dem unglücklichen Mann. Ilse strich sanft mit ihrer weichen Hand über seine Rechte, die, zusammengeballt, schwer auf dem Tisch lag. „Böse kann Papa nicht sein!“ sagte sie tröstend, aber mit etwas erzwungener Frische zu Armin, der erschrocken zu seinem Vater hinübersah. „Dazu ist er viel. zu einsichtsvoll und zu gerecht; als Landmann wird er Dich selbst nicht gern sehen wollen, nachdem alles sich so anders gestaltet hat. Und wenn Dir jetzt der Beruf eines Seemanns noch am besten gefällt, so wird Papa sich gewiß allmählich in den Gedanken finden, und ich werde es auch! Nicht wahr. Papa, wir werden es beide thun? Das sind wir schließlich doch Armin schuldig, vorausgesetzt natürlich, daß er nicht wankelmütig ist und seine Pflicht thut. Und wenn Onkel Erich seine Hand über ihn hält – er hat Dir’s doch versprochen, nicht wahr?“

„Ja, und er sagte auch, falls es Papa zu schwer würde…

mit den Kosten, mein’ ich … so würd’ er zusehen, ob sich nicht in seiner Tasche etwas für mich fände!“

„So ist Onkel Erich!“ Ilse nickte dem Bruder lebhaft zu „Er kann herzhaft grob werden, unausstehlich kann er sein …

schließlich, wenn man seiner bedarf, ist er allemal anf dem Platz.“

„Aber die Gefahren dieses Berufs!“ warf Doßberg ein.

„Ach, Väterchen, er ist aber doch schön!“ Ilses Augen leuchteten, die Stimme klang warm und überzeugend. „Die ganze weite schöne Welt sehen dürfen, all das Neue, Fremdartige genießen, von dem andere ihr Lebtag kaum eine dürftige Ahnung durch Bücher bekommen – sein gutes Schiff sicher durchbringen durch Sturm und Wetter –“

„Ich habe gar nicht gewußt,“ sagte der Baron langsam und musterte Ilse mit Prüfendem Blick, „daß mein Töchterchen ein so begeisterter Anwalt, für den Seemännsberuf ist!“

„Aber recht hat sie!“ fiel Armin mit seiner heisern Stimme ein, die so drollig zwischen krähendem Diskant und wuchtigem Baß hin und herschwanktc.

, Inzwischen war Ilse, um ihre Verlegenheit zu verbergen, an den kleinen Seitentisch getreten; sie füllte die Gläser, mischte, prüfte, mischte wieder und trat dann vor den noch immer stumm und unschlüssig dasitzenden Vater hin. „Komm,“^ sagte sie hciter und gab ihm das Glas mit der dampfenden Flüssigkeit in die Hand, „komm, Papa, stärk’ Dich! Und das erste Glas auf Armins neuen Beruf!“

Die drei Gläser klangen aneinander; mit einem leichten Kopfschütteln, aber ohne weiteren Widerspruch setzte Herr von Doßberg sein Glas an die Lippen, während Armin, in feuriger Begeisterung für die gute Sache, das seinige fast bis zur Neige leerte.

Es klopfte leise, Lina erschien auf der Schwelle. „Guten Tag, Herr Armin! Die gnädige Frau sind aufgewacht, Herr Baron, und fragen nach dem jungen Herrn!“

„Grüß Gott, Lina! Wir kommen – wir kommen sofort!“

Hinter des Vaters Rücken griff Armin nach Ilses Hand und drückte sie in seiner Dankbarkeit so „männlich“, daß das junge Mädchen fast aufgeschrieen hätte. „Bist ’n famoser Kerl.

Du!“ flüsterte er anerkennend. „Hast Dich einfach großartig benommen ’– ich vergeh’ Dir’s nicht. Und wenn Du gelegentlich von mir ’was haben willst … na, sollst ’mal sehen!“

Die Drei schritten durch das Vorzimmer, dessen Ausstattung Armin vorhin, ganz erfüllt von seinen Seemannsgedanken, weiter nicht beachtet hatte. Es glich einem Blumengarten. Auf Tischen, Korbgestcllcn und in gefällig geformten Majolikagefäßen duftete und blühte es hier, am vierundzwanzigsten Dezember, wie am herrlichsten Frühlingstag. „Prachtvoll!“ rief Armin, einen Augenblick stehen bleibend, um seine Nase tief in einen ganzen Busch frischer Maiblumen zu vergraben. „Ist ja fabelhaft schön! Wo habt Ihr das her?“ Ilse that, als habe sie die Frage nicht gehört, sie ging hastig voran. „Wo habt Ihr das her?“ wiederholte Armin.

„Herr von Montrose schickt täglich Blumen ans dem Gewächshaus herüber!“ sagte Baron Doßberg.

Armin fuhr von den Maiblümchen zurück, als züngelte ihm daraus Plötzlich eine Natter entgegen. Ilse winkte ihm ungeduldig.

„So komm doch, Armin, Mama wartet ja!“ – – Einige Stunden später brannten neben dem Bett der Baronin die Lichtchen des Weihnachtsbaums. Die Kranke lag still in den hochgetürmten schneeweißen Kissen, die Hände leicht ineinandergelegt, und starrte unverwandt, mit großen Augen, in den Glanz der Kerzen; in ihren weitgeöfsncten Augen spiegelte der Lichtschein sich wieder. Sie sprach sehr wenig, aber sie wollte all die kleinen Gaben sehen, die Mann, und Kinder einander beschert hatten, und als man sie ihr einzeln aus Bett brachte, nickte sie freundlich. Auch die weiche seidene Decke, das feine Häubchen, das buntgemalte Trinkglas, die für sie bestimmt waren, schienen ihr Freude zu machen, ihre schmale Hand strich leise über die knisternde Seide hin, ihr Mund lächelte dankbar. Armin fand die Mutter im ganzen unverändert, nur daß ihxc Stimme anders klang als sonst, fiel ihm auf. Sie sprach mit einem ganz leisen müden Ton wie ein geduldiges Kind.

Armin war sehr vergnügt. Die Sache mit dem Berufswechsel hatte ihm schwer auf der Seele gelegen, jetzt aber mußte alles gut werden. Und auf vierzehn Tage frei von der Schule zu sein, war auch nicht übel! So saß er denn neben dem Bett der Mutter, erzählte allerlei drollige Schnlgcschichten, ahmte seine Lehrer nach und brachte die Zuhörer mehr als einmal zu lautem Lachen. Die Lichter am Tannenbaum brannten fort, ein feiner Harzdnft schwebte durch den Raum, die großen Wandspiegel warfen den Kerzenglanz leuchtend zurück, dann und wann knisterte ein Zweiglein. Baron Doßberg dachte zurück an den mächtigen Saal im Schloß, in dem sonst die drei riesengroßen Tannenbänme gestanden hatten, die langen Tafeln, die vom einen Ende des weiten Raumes zum andern reichten, belastet mit Geschenken für die Schloßdienerschast, für die Bewohner des Dorfes. Jetzt baute ihnen ein Fremder die Gaben auf, zum erstenmal seit Jahrhunderten war es kein Doßberg! Heiß stieg es ihm in die Augen, die Lichter des Weihnachtsbaumes flimmerten vor seinem Blick. Ltzise kam Lina ins Zimmer, sie machte sich etwas in Ilses Nähe zu schaffen und flüsterte dabei: „Fräulein Ilse, bitte, einen Augenblick! Im kleinen Vorzimmer ist – ist---jemand!“

Der Baron sah, wie seine Tochter erblaßte, er hatte Linas Bestellung gehört; es kam ihm in seiner Stimmung gelegen, gleichfalls zu gehen. „Ein paar Minuten nur für mich und Ilse, liebste Elisabeth!“ sagte er und küßte die Hand seiner kranken Frau.

„Gleich sind wir wieder bei Dir!“

Im Vorzimmer unter den Blumen stand Elemente von Montrose, in einen kostbaren Pelz gehüllt, eine viereckige polnische [219]

Textdaten
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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 14, S. 234–236
[234]
Die Perle.
Roman von Marie Bernhard.
Nachdruck verboten. Copright 1893/94
by Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig.

     (13. Fortsetzung.)

Als Baron Doßberg Clémence verabschiedet hatte und zu seiner Tochter zurückkehrte, saß diese inmitten der Blumenpracht des Vorzimmers, das Gesicht in die Hände gedrückt, und weinte.

„Kind, um Gotteswillem was ist denn? Wie kann ein Geschenk, das doch im Grunde nur freundlich gemeint ist und obendrein in wirklich zarter Weise gegeben –“

Ilse richtete sich auf, ihre Augen und Lippen brannten. „Ich will nichts von ihm haben! Ich nehm’ es nicht an! Du mußt es ihm zurückgeben Papa!“

Ihr Vater sah sie befremdet an. „Wie kann ich das, Ilse? Das hieße Herrn von Montrose absichtlich beleidigen, und dazu liegt doch kein Grund vor! Auch wäre meine Stellung hier damit zu Ende! Ich verstehe Deine Erregung gar nicht. Du wirst doch nicht so kindisch sein wie Armin, der sich in einen ganz ungerechtfertigten Haß gegen Herrn von Montrose hineingearbeitet hat?“

„Quäle mich nicht, Papa! Ich kann kein Geschenk von ihm annehmen! Ich kann nicht hingehen und mich bei ihm bedanken! Er soll sich nicht um mich kümmern, ich will keinen Schmuck tragen, der von ihm stammt!“

„Ilse, wenn dies Stolz ist –“

„Nenn’ es so!“ rief sie leidenschaftlich. „Denk’ von mir, was Du willst – aber ich kann nicht, kann nicht!“

Herr von Doßberg nahm die Hand des Mädchens in die seine. „Was wäre mit mir geschehen, mit uns allen, wenn auch ich hätte sagen wollen: ich kann nicht? Was alles hab’ ich lernen, überwinden müssen in dieser letzten Zeit! Aber ich hab’ es ertragen um Euretwillen!“

Ilse sah in sein vergrämtes Gesicht, sie küßte die Hand, die die ihre umschlossen hielt, und schwieg.

„Sei verständig, Kind,“ begann Doßberg nach einer kleinen Pause von neuem, „es liegt in diesem Geschenk wirklich nichts, das Dich verletzen könnte. Herr von Montrose ist reich – selbst wenn er Dir ein sehr kostbares Geschenk gemacht hat, wie ich ohne weiteres annehme, so darf Dich das nicht in Verlegenheit setzen. Im übrigen aber – ist Montrose nicht alt genug, um Dein Vater sein zu können?“

Ilse sah an dem Redenden vorüber, ohne zu antworten ihr Blick hing wie gebannt an den weißen Fliederdolden, die dort in der Ecke des Zimmers so träumerisch von den Stielen herabnickten, aber sie dachte nicht an den Flieder. Sie sah den glutroten Sonnenball langsam ins Meer tauchen, sah die düsteren zusammengeballten Wolkenmassen, die darüber hingen, hörte den Sturmwind in den Bäumen brausen und die Brandung toben – ihr Herz war zusammengeschnürt von unsäglicher Angst wie damals im Herbst, und sie dachte immer dasselbe: „Albrecht, hilf mir!“

Indessen löste der Baron die Siegel, die das Papier festhielten, und öffnete behutsam das schmale Kästchen, eine Schnur vollkommen ebenmäßiger weißer Perlen, tadellos schön in ihrem matten Glanz, kam zum Vorschein – eine Kette, die eine Fürstin hätte tragen können. Doßberg ließ sie bewundernd durch die Finger gleiten und hielt sie Ilse vor die Augen. Sie warf aber nur einen raschen Seitenblick darauf und wandte sich scheu wieder ab.


13.

In der Christnacht war wieder harter Frost eingefallen, Baum und Strauch hatte glitzerndes Silbergeschmeide übergeworfen, nun die Sonne drüber herkam, that es den Augen weh, in die funkelnde Herrlichkeit zu sehen.

Oben auf der Zinne des alten Schlosses zu „Perle“ stieg eine Fahne auf, eine Fahne, die Clémence eigens zu diesem Zweck hatte anfertigen lassen … natürlich mit dem Wappen der Montroses, der weißen Rose im blutroten Felde. Stolz stieg die große Flagge an ihrem Mast empor, majestätisch rauschend dehnte sie sich im kalten Dezemberwind, und Clémence schlüpfte in ihren Pelz, zog Botho an der Hand nach sich und lief über den Anger, wo ehemals die Zugbrücke gestanden hatte, um sich die Wirkung zu besehen. Sie war zufrieden, es machte sich gut. Papa wußte nichts von der Fahne – mutmaßlich würde er sie gar nicht bemerken, und that er es dennoch – nun gut! Sie felbst würde schon die Folgen ihres Einfalls tragen! Sie war ungeheuer geschäftig heute – eilig mußte sie zurück, um mit eigenen Augen die angerichteten Ehrenpforten mit den Tannengewinden und den flatternden bunten Wimpeln, unter denen die Gäste ihren Einzug halten sollten, zu mustern; dann mußte sie die Vorbereitungen für die Fackelbeleuchtung besichtigen, in der das alte Schloß am Abend erstrahlen sollte, mußte die Unterbringung des Musikcorps aus St., die Aufstellung des Büffetts leiten – kurz, sie war heute ganz Schloßherrin, fühlte sich ungeheuer verantwortlich und war nur empfindlich darüber, daß Botho den oberflächlichsten Anteil an dem ganzen Fest nahm, das doch seiner Brant eigenstes Werk war. Er ließ sich zwar geduldig überall hinführen, sagte pflichtschuldigst: „Sehr schön!“ und „Wunderhübsch!“ aber sein Blick war zerstreut, er nahm nervös den Schnurrbart zwischen die Lippen, und wenn Clémence ihm zärtlich den Arm drückte, so schien er das gar nicht zu bemerken.

Georges von Montrose war heiter und gutlaunig und machte schlechte Witze auf Kosten des Brautpaars. Er neckte Clémence unbarmherzig mit ihrer Zärtlichkeit für Botho und fragte diesen freundschaftlich, wo ihn denn der Schuh drücke, da er so gar kein Bräutigamsgesicht aufsetze. Dazu ein verschmitztes Augenzwinkern das deutlich bewies, Georges wisse ganz genau Bescheid über des schönen Botho Verlegenheiten und könne, wenn er wolle, jederzeit über die unangenehmsten Dinge Farbe bekennen.

Herr von Montrose war in seinem kleinen Jagdschlitten nach Belten hinüber gefahren und hatte gebeten, ohne ihn zu frühstücken; zurückgekehrt, ließ er sich das Menu vorlegen und bestimmte selbst noch ein paar Weinsorten, bei deren Namen Georges mit der Zunge schnalzte und seinen Vater, was nicht oft vorkam, mit einer gewissen Ehrerbietung ansah. Kenner war der Alte, man mußte es ihm lassen, er zeigte es selten, aber er verstand die Sache! Zwischen das alles hinein griff Georges zu seinem Krimstecher und musterte das Verwalterhaus. Einmal erschien drüben ein hübscher blonder Jünglingskopf an einem der Fenster – entschiedene Aehnlichkeit mit dieser „entzückenden Ilse“! Schwacher Trost! Daß er sie übrigens heute abend auffallend auszeichnen würde, verstand sich von selbst, schon um die Regimentskameraden, die, zum Teil mit ihren Damen, aus St. kamen, vor Neid wütend zu machen und besagten Damen ein kleines Licht aufzustecken, wie man aussehen müsse, um Herrn Georges von Montrose zu gefallen. Auch für Clémence, die immer auf die schöne Ilse stichelte, konnte ein tüchtiger Aerger nur gut sein.

Um vier Uhr sollten die Gäste eintreffen, eine Stunde später wollte man zu Tisch gehen. Der kurze Wintertag ging rasch zur Neige, es fiel schon die Dämmerung ein, als die ersten Schlitten anfuhren. Wie der Himmel dunkler wurde, traten nach und nach die Sterne in goldenem Glanz hervor, unten aber flammte das Schloß mit einem Schlag in märchenhaftem Glanz auf. Geschickte Feuerwercker, die Clémence aus St. verschrieben, hatten die Linien des massigen alten Baus mit farbigen Lichtern umgrenzt, dazu gleißten die Magnesiumfackeln in ihrem weißen Licht, und die düsterrot auflodernden Pechpfannen tauchten das Ganze in eine beinahe drohende Glut. Im weiten Umkreise färbte sich der Schnee mit dem wechselnden Schein. Wie gierige rote Zungen leckte es am Schneeboden hin, hier wieder troff es von den Zweigen der Bäume wie fließendes Gold, dort huschte es bläulich matt wie Mondlicht über die weiße Fläche – jeden Augenblick änderte sich das Bild. Nur das Schloß stand regungslos wie ein bunter funkelnder Würfel in der bleichen Winterlandschaft. Und mitten in das feintönige Klingeln der Schlittenglocken klangen Ausrufe der Bewunderung. Wenn die Dinge da drinnen diesem ersten Eindruck entsprachen – alle Achtung!

Und sie entsprachen! Schon die riesige Halle mit ihrem farbenprächtigen und doch so geschmackvollen Schmuck, mit den beiden schöngewundenen Treppen im Hintergrund, den funkelnden Wassentrophäen, den bunten Teppichen und den Prachtgeweihen an den Wänden, alles überflutet von intensiv rotem Licht, das durch gefärbte Gläser fiel, machte einen prächtigen Eindruck, selbst die Damen, denen es eilte, in die Garderobezimmer und in die mitgebrachten Abendtoiletten zu kommen, blieben staunend [235] unter dem Eingang stehen und ließen bewundernde Blicke umherschweifen. Und nun gar der weite pomphafte Feftfaal felbft. vom Goldglanz zahllofer Wachskerzen erhellt, mit schönen alten Gobe- lins geschmückt, die Decke in Felder von Weiß und Gold geteilt! .Im Mufikfaal prachtvolle Fresken an den Wänden, der Fnßboden in knnftreicher Mofaik ansgelegt.^ die Decke mit reizenden Genien bevölkert, die Geigen,. Klarinetten und Flöten in den kleinen Händen hielten und Miene machten,. lachenden Gefichts an den Wänden herabzu.ettern, sich unter die Meuschen zu.machen , die dort nnten froh sein follten. Wohl war es schön an nlten schloß zu ..Perle“. und Elemenee hatte die Genugthnung. immer von nenem ftannende Vlicke anfzu.angen, bewnndernde Worte zu.ver.- nehmen. Sie hatte ein kostbares blänlich schimmerndes Brokat- kleid, mit Silber dnrchwirkt, angelegt, die schwere Schleppe ranschte anspruchsvoll hinter ihr her, im Haar suukelte ein Brillantftern e an einer feinen Spirale angebracht, wiegte er sich wie lannisch in dem Blondhaar hin und her, tanchte bei einer Kopfbewegung unter, kam neckend wieder zu. Vorschein und wars verschwenderisch seine Strahlengarben hierhin und dorthin. Elemenee kam sich überaus reizvoll vor in dieser Toilette e aus regelmäßige Schon.- heil erhob sie keine Ansprüche, aber sie sand sich apart und pikant - war das nicht mehr wert? Sie hielt ihren Botho fest am Arm und ranschte von einem zu. andern, verbindliche Anreden und Vegrüßungen ansteckend.

Herr von Montrofe bewillkommnete seine Gäfte mit der ihm eigenen ftattlichen Würde. Etwas von der ..überfrorenen Höflich- keit“, deren Elemenee einmal Erwähnnug gethan, kam auch heute wieder zu. Borschein - es dnrfte sich aber niemand über ihn beklagen. Er wußte anteilvoll zu.fragen, verbindlich zu.nlwren, neue Ankömmlinge gnt nnterzu.ringen die Gäfte nntereinander bekannt zu machen, mit einem Wort, er wurde alleu gerecht, und Georges, wie er eiumal neben Botho vörüberschlüpfte, mnrmelte diefem ins Ohr, daß „der Alte sich über Erwarten gnt machen.

Er hatte viel zu.thun, der Sohn des Hanfes. Ueberall sah man seine glänzende Uniform anftanchen, in der die geschmeidige Fignr sich so wohlig bewegte. Hier einem Kameraden die Hand drücken. dort einer jungen Dame mit vertraglichem Lächeln ein Kompliment. ein Witzwort zuflüstern. sich. da vor irgend einer gebietenden Mama tief verbengen, die Hacken zu.ammengenommen, und die Hand der Dame ehrfnrchtsvoll an feinen kleinen Schnnrr- bart führen - dies alles vollbrachte er binnen wenigen Minnten, behielt auch noch Zeit, mit Vlicken Unheil anzurichten .... recht, wie ein Fach in feinem Element bewegte er sich, und es gefiel ihm gar nicht schlecht, sich von verschiedenen Seiten als künftigen Befitzer von „Perle“ beglückwünschen zu.lassen. Es war am Ende doch kein so ganz übler Einsall von Papa gewesen, das Ding zu kanfen! ' Aber dazwischen gnälte ihn immer wieder die prickelnde Ungednld.. wo bleibt ..sie“? Die Stnnde rückte vor, Gaft auf Gast stellte sich ein, und Ilse, die unr wenige Minuteu zu geheu hatte, kam immer noch nicht! Schützte sie am Ende im letzten Augenblick wieder die kranke Mutter vor und erschieu gar nicht? Nein, diese Beleidigung konnte man dem ..Hans Montrofe“ nicht anthnn, daran war nicht zu denken!

„Ich meine, Georges, es wäre nachgerade Zeit, zu Tisch zu gehen,“ sagte Elemenee leise zu.ihrem Vrnder, als er wieder einmal in ihre Nähe kam.

. „Ach, kein Gedanke! Ist ja noch viel zu.srüh! Fehlen ja noch - hm - allerlei Lewe! Ich bitt' Dich, Kind, gieb den Botho endlich frei, er kann sich wirklich nicht ein bißchen ent- falten, Deine Schleppe wickelt sich ihm fortgefetzt um die Füße, er kann noch der Länge nach darüber stürzen.“

„Wird auch beim Danzen später ungehener hinderlich sein!“ mnrmelte Botho gereizt und zerrte an feinem Bart.

„Ich dachte, mein Anzu. gefiele Dir!“ Elemenee sah klein- lant auf ihre brokatene Pracht hinnnter.

„Vis auf die Schleppe, gewiß! Aber wenn man doch tanzen will -“

„Deu Walzer und den Kotillon na^t Dir!^' flüsterte sie, sich zckrtlich an ihn schmiegende dann wieder zu.Georges gewendet.. „Wer fehlt denn noch? Botho und ich haben eden Rnndschan gehalten und sind der Meinung, es sei alles von Belang versammelt.“

„So? Bolhoask auch dieser Meinung? Mnß nach wnnder nehmen. Ich finde - ah!“ Georges hatte den Eingang des Saales im Auge behalten und sah. jetzteinen vornehm ansehenden granhaarigen Herrn eintreten der ein weißgekleidetes Mädchen am Arm führte. Er war aber nicht der einzige, der das bemerkt hatte.' Diejenigen von den Gntsnachbarn der Doßbergs, die heute hier anwefend waren - viel waren es nicht, die weiften hatten a^gefagt - hatten teils mit Schadenfrende, teils mit Rengier, einige auch in wirklichem Mitgefühl des Angeublicks geharrt, da der ehemalige Befitzer von ..Perle“ famt seiner Tochter hier an Schloß als Gaft, als Fremder. als Untergebener erscheinen würde, hier, wo er noch vor knrzem Herr^ und Gebieter ge- wefen war. Georges von Montrofe flog den beiden entgegen, seder Zoll liebenswürdiger Kavalier. Wie das ..füße Geschöpf“ nur wieder anssah in dem weißen Seidenkleid. das. im Rücken ansge.schnitten. den herrlichen Racken srei ließ! Rnr kleine Mai- blnmenftrwtße trng ae an der Vrnst und .im Haar. aber wie dieses Goldgelock geordnet war. wie es im Kerzenlicht schimmerte da ..hörte einfach alles ans“!

Baron Doßberg sah blaß aus. aber er schritt hocherhobenen Hanptes. in ftolzer. beinahe etwas herausfordernder Haltung vorwärts wie semand, der sich kräftig gewappnet hat gegen alles, was über ihn kommen konnte. Seine Augen gingen im Kreife nmher - Ilfe hielt die ihrigen gefenkt. ..Alles auf den Essekt berechnet,“ sagte sich Elemenee voller Ingrimm^ ..sie weiß recht gnt, daß sie lange dnnkle Wimpern hat und daß die zu dem fehlenden goldblonden Haar einen ausfallenden Gegensatz bilden!“ Schwer geärgert blickte sie zu.Votho auf, aber Votho sah nicht so aus. als ob er ihre Empfindungen teilte. Und nun mnßte auch sie, Elemenee. noch die Zuvorkommende spielen und über die Maßen erfrent thun, daß Papas bezahlter Verwalter und deffen Dochter ihnen die große Ehre erwiefen, bei dem hentigen Feft ihre Gäfte .zu.sein! Als Dame des Hanfes kam es ihr zu. und überdies trng ihres Vaters Antlitz einen Ansdrnck. da er jetzt mit Ilfe vor sie trat. den sie nur zu.genau kanntet mit diefem Ausdruck in den Augen hatte er seiner Tochter ftörrache und eigenwillige Ratnr bis jetzt noch jedesmal gemeistert, so sehr

Elemenee auch geneigt war, ihm Widerstand zu.leisten.

..Willkommen, Varoneß Doßberg!“ sagte sie verbindlich und ^ streckte Ilfe die rechte Hand entgegen e mit der linken hielt sie ihren Botho feft.

„Darf ich mich Ihnen in Erinnerung bringen, Gnädigste?“ begann dieser und verbengte sich so ties, daß die Angeredete seinett tadellosen Scheitel zu.bewnndertt imstande war. ..Ich habe nur äußerst selteu den Borzu. gehabt und in letzter Zeit so ganz darauf verzichten müssen, Baroneß zu.sehett, daß ich mich nicht beklagen dürste, vollständig in Bergessenheit geraten zu sein!“ ^

„Bewahre, Herr von Jagemann! Sie trauen mir ein schlechtes Gedächtnis zu. Es ist noch gar nicht so lange Zeit her –“

„Mir erscheint es so!“ warf Botho geschickt dazwischen; Clémence sah unruhig zu ihm auf.

„Du gestattest, Clémence! Ich möchte Baroneß Doßberg noch einigen Bekannten und Fremden zuführen – dann giebst Du wohl das Zeichen zu Tisch!“ sagte Herr von Montrose.

„Also richtig! Rnr aus die haben wir gewartet!“ slüsterte Elemenee, sobald ihr Bater mit Ilse anßer Gehbrweite war. „Daß die beiden so spät kamen, nnser freiherrlicher Berwalter und sein gnädiges Fränlein Tochter, hatte wohl seinen gntett Grnnd - man wollte Anssehen erregen um jeden Preis l Das ist ihnen ja auch gelungen - sieh nur, fieh. wie sie alle sie an- gaffen, diefett Doßberg. der hier anftritt. als sei er Reichsfürft. und diese Ilfe mit ihren Maiblümchen. die vielleicht andenten follen. daß sie all ihren Schmnck zu. Wohl des edlen Hanfes. dem sie entflammt. geopfert habe! Wenn mir etwas in tiefster Seele zuwider ist, dann ist es dieser Bettelstolz! Und .steh, wie sie alle lachen und frenndlich find! E.reellenz Sonneberg katzenbnckelt bedenklich. und der junge Gras Räftem küßt ihr gar die Hand!“

„Sie sind Jugendgespielen!“

„So? Ich möchte doch wissen, woher Du das weißt! Was Dich das wohl angeht! – Wie mütterlich die Baronin Brobant sie umarmt! Ob der Landrat überhaupt noch einmal ihre Hand losläßt! Und Georges macht sich geradezu lächerlich, daß er den beiden auf Schritt und Tritt nachläuft!“

Herr von Jagemann hörte kaum hin. „Kind, weißt Du die Tischordnung?“ fragte er mitten in Clémences gereizte Auseinandersetzungen hinein.

[236]

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 15, S. 252–256

[252] [254] kaum sie, für die seine Worte bestimmt waren, diese verstehen konnte, „ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, wo Sie dennoch diese Kette tragen werden!“

„Ich darf Dir doch Sekt eingießen lassen, Ilse?“ fragte Graf Röstems Stimme jetzt von der andern Seite, und das junge Mädchen wandte hastig den Kopf zu ihm. „Ich bitte, lieber Guido!“

Sie leerte den Inhalt ihres Glases beinahe auf einen Zug, was den jungen Mann zu der Bemerkung veranlaßte: „Ich finde es so vernünftig, die Diners und Soupers gleich, mit Sekt zu eröffnen, es giebt entschieden Stimmung. Dn scheinst auch meiner Ansicht, Du hast einen ganz achtungswerten Zug gethan. Liebst Du den Sekt so sehr oder bist Du so durstig?“

„Beides!“ entgeguete Ilse in halber Gedankenlosigkeit und erlaubte, daß er ihr Glas von neuem füllen ließ. Sie sah hinüber zu ihrem Vater, der unweit von ihr an der andern Seite der Tafel neben der Gräfin Röstern, einer schönen alten Dame, saß. Sie sprach eifrig auf Doßberg ein und sah ihm wohlwollend ins Gesicht -– sie wie ihr Gatte schätzten den langjährigen Freund sehr, hatten ihm mehrmals nach besten Kräften geholfen und würden ihm gern die „Perle“ erhalten haben, wenn ihre eigenen Mittel es gestattet hätten.

„Dein Papa und meine Mama scheinen sich seht gut miteinander zu unterhalten!“ sagte Graf Guido, der Ilses Blick gefolgt war. „Es war ein glücklicher Gedanke, die beiden zusammenzusetzen. Aber hör’ ’mal, Ilse,“ fuhr er, durch den Sekt angeregt, lebhaft fort, „das ist ja auffallend, wie Dich der junge Montrose anstarrt – da links von meiner Mama sitzt er! Der läßt ja kein Auge von Dir, und seine Dame giebt sich soviel Mühe um ihn! Er mag schön wütend sein, daß er Dich nicht zur Nachbarin bekommen hat. Du, nimm Dich doch vor dem gefälligst in acht, der steht in einem gefährlichen Ruf!“

„Ich weiß, Guido.“

„So! Auch schon! Das ist doch seit unseren Kiudcrjahren so geblieben, daß Du immer alles weißt. Und der Botho Jagemaun, der guckt auch in einemfort nach Dir – sollte sich schämen!

Hat ja ’ne Braut, wenn sie auch uicht sehr reizend ist.“

Nach diesem ganz ungewöhnlichen Aufwand Von Beredsamkeit versank der junge Graf Röstcm wiederum in Schweigen.

Was konnten Montroses Worte von vorhin bedeutet haben?

fragte sich Ilse. Es werde die Zeit kommen, da sie jenen Schmuck dennoch tragen werde? Sie sann und sann, ohne eine Antwort zu finden. Ach, wäre das Fest erst vorüber, dürfte sie erst wieder in ihrem schlichten dunklen Hauskleid da sitzen, wohin sie gehörteam Krankenbett ihrer Mutter! Sie wandte sich von neuem dem Grafen zu und suchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln, das war aber nicht leicht. Guido setzte ihr die Vorzüge seiner beiden Pferde, die beim nächsten Rennen eine Rolle spielen sollten, mit Eifer und soviel fachmännischen Ausdrücken auseinander, als habe er einen gewiegten Sportsmann an seiner Seite, nicht aber eine elegante junge Dame. Gleichviel.! Sie hörte ihm zu oder that wenigstens so und brauchte auf diese Weise nicht mit dem Nachbar zur Rechten zu sprechen, Es kamen aber die unvermeidlichen Trinksprüche, es kam das Anstoßen, und als Ilse sich umwandte, neigte Herr von Montrose den feingeschliffcncn Glaskelch, den er in der Hand hielt, dem ihrigen entgegen und sagte leise: „Sie wissen es wohl, Baroneß, daß man beim Glase Wein an geheime Wünsche denkt, die uns in nüchterner Alltagsstimmung unerhört vermessen erscheinen. Wollen Sie mir auf solch einen kühnen Wunsch Bescheid thun?“

Nein, sie wollte nicht – aber sie mußte! Mußte es, weil so viele Blicke auf sie gerichtet waren, die sahen, wie der Herr des Hauses ihr sein Glas entgegenhielt, mußte es vor allem unter dem Bann dieser Augen.

Georges von Montrose, der gerade lebhaft auf seine Dame einsprach: wurde unruhig, blieb mitten in seinen Worten stecken und sprach sie schließlich ziemlich verwirrt zu Ende; es war ihm auch ganz gleichgültig, was aus seinem angefangenen Satz wurde.

Der Teufel hole die ganze Tischunterhaltung, wenn man so etwas ruhig mit ansehen soll! Was hatte denn sein Vater für ein Gesicht, als er jetzt dem „süßen Geschöpf“ zutrank – und sie, und sie! Georges reckte sich auf seinem Platz und machte einen laugen Hals, um besser beobachten zu können. Wahrhaftig, sie sah ganz sonderbar aus, wie nlagnetisiert! Was in aller Welt hatte er mit ihr angestellt, daß sie ihn so ansah! Georges blickte nach Mmence hinüber – hatte sie es auch bemerkt? Nein, sie konnte von ihrem Platz aus schwerlich die beiden sehen, außerdem war sie eben in ein eifriges Geflüster mit Botho vertieft – das heißt, sie flüsterte, und Botho hörte zu. Hm, hm! Der Husarenoffizier fing an, sich allerlei „verrückte“ Gedanken zu machen, die. er schließlich auf den Wein schob. So ’was war ja einfach unmöglich!

Aber als dann die Tafel aufgehoben war, ereignete sich das Unerhörte, daß, da die Frau Regierungspräsidentin sich an den Arm ihres alten Freundes Sonneberg hing, der Herr des Hauses Baroneß Doßberg den Arm bot, unbekümmert darum, was aus dem jungen Röstcm wurde. Es war, dank den vortrefflichen Weinen und den ausgezeichneten Tafelgenüssen, eine außerordentlich heitere zwanglose Stimmung bei dem größten Teil der Tischgesellschaft durchgebrochen, irgend jemand hatte der Musik zugerufen: „Polonaise!“, was lebhaften Beifall von allen Seiten fand, und so eröffnete denn der Gastgeber mit Ilse von Doßberg am Arm einen Rundgang durch die lichtdurchfluteteu Räume, die. zum heutigen Fest geöffnet worden waren. Wie im Traum schritt Ilse durch die Zimmer und Säle, die sie so zahllose Male als jubelndes Kind, als heiteres unbefangenes Mädchen betreten hatte – waren es noch dieselben Räume? War sie selbst dieselbe noch? Fremd, wie alles um sie her sie anblickte, sah es auch in ihrem Innern aus!

Die Polonaise war beendet; Ilse suchte ihren Vater, sie wollte gehen. Aber Baron Doßberg war nicht zu finden, und die jungen Mädchen umringten sie, die Offiziere erklärten lärmend, sie ließen Ilse uicht durch, und bildeten eine lebendige Mauer vor dem Flüchtling. Georges von Montrose stand dicht neben Ilse, er blickte sie unverwandt und so eigen forschend an, daß sie eine überlebhafte Unterhaltung mit einer ihrer Freundinnen begann, um diesem Blick auszuweichen. Da spielte die Musik einen einschmeichelnden Walzer, und Plötzlich sah Ilse sich davongetragen in Georges’ Armen, fühlte, wie er sie leidenschaftlich an sich preßte, und hörte ihn etwas murmeln, was sie nicht verstand.

Dem ersten Paar folgten viele andere, auch Elemente fegte mit ihrer majestätischen Schleppe über das spiegelnde Parkett. Als Georges endlich seine Tänzerin losließ, drängten seine Kameraden ungestüm heran, aber Ilse blieb unerbittlich. Sie wollte untr sie mußte fort! Sie hatte ihren Vater entdeckt, der am Eingang des Tanzsaals stand und sie mit den Augen suchte; sie winkte ihn heran, und an seinem Arm ging sie quer durch den Saal, sich da und dort verabschiedend. Elemente sprach höflich ihr Bedauern aus, daß Ilse so früh schon das Fest verlasse; Herr von Montrose brachte von den kostbaren Cotillonsträußen den schönsten für Ilse herbei; die Offiziere bildeten ehrfurchtsvoll Spalier, und der Herr des Hauses ließ es sich nicht nehmen, das junge Mädchen bis zur Halle zu begleiten, dem herbeieilenden Diener Pelzmantel und Shawl abzunehmen und eigenhändig seinen Gast einzuhüllen.

Baron Doßberg stand daneben und sah dies mit an, sah die Erregung in Montroses Gesicht, dachte an die Perlenkette und seine beschwichtigenden Worte: „Ist Montrose nicht alt genug, um Dein Vater sein zu können?“ Worte, die ihm plötzlich gar keinen Sinn mehr zu haben schienen.

Sie traten beide zum Schloßportal hinaus, froh, den kurzen Heimweg durch die sternklare Winternacht noch vor sich zu haben.

Wie auf Verabredung blieben Vater und Tochter stehen, als sie den freien Platz vor dem Schloß erreicht hatten, und blickten zurück. Die Fackeln brannten ruhig in der stillen dunkeln Luft – wie ein riesiger Goldwürfcl lag das alte stolze Schloß inmitten seiner totenhast stillen Umgebung. Gleich bleichen Gespenstern reckten sich die hohen Bäume um all den buntschimmernden Glanz empor – gedämpft klang die Tanzmusik in das feierliche Schweigen der nordischen Winternacht, und am tiefschwarzen Himmel standen in ruhevollem Glanr die Sterne. Mit ihren heißen bangen Augen blickte Ilse empor zum Himmel… konnte dieser klare Glanz keinen Trost in ihre wild erregte, pon verworrenen Empfindungen erfüllte Seele bringen? Hoch atmete sie auf, aber der lastende Druck blieb.

Im Vcrwalterhause waren ein paar Fenster hell – das konnte nicht befremden, Ilse hatte angeordnet, daß eine Lampe zu ihrem Empfang im Vorzimmer brennen sollte, und die kranke Baronin hatte oft die ganze Nacht hindurch in ihrem Zimmer Licht. Als Baron Doßberg, der, tief in seinen eigenen Gedanken [255] besangen, uuterwegs kein Wort mit Ilfe getanscht hatte, die Haus-

thür aufschloß, huschte ein dunkler Schatteu an einem der er- leuchteteu Fenster entlaug, und gleich darans fühlte Ilfe sich eng von zwei zitternden Armen umschlungen.

„Armin, Du? Wie Du mich erschreckt haft! Warnm bist Du noch auf? Es - es - ist doch nichts vorgefaaen?“

.„Ach, vorgefaaen - das gerade nichb aber - aber - ich bin so froh, das Du wieder da bist und Vapa auch! Ich weiß

gar nicht recht was das ist, mir erscheint Mama so sonderbar -“

Mit einer hastigen Vewegung riß. Ilse Pelzmantel und Tücher herunter und eilte Armin voraus ins Kraukenzimmer, ohne zu bedenken, was die Mntter zu.dem Ansputz, in welchem sie sich besand, sagen würde. Die Varonin blickte ihr aus sieber- glänzenden Augen entgegen und schien sich über die Erscheinung des jungen Mädchens keineswegs zu wnndern. Sie richtete sich lebhaft aus, was sie lange Zeit nicht mehr ohne Hilfe haae thun können, und streckte ihrem Gatten, der dicht hinter Ilse eingetreten war, die Hand entgegen.

„Rur gut, daß Du kommst, Hans Gottsried! Ich hab' nach sehr über Dich gewundert, Du bist doch sonst die Pünktlichkeit selbst, hast nach niemals warten lassen, und nun gar bei solch wichtiger Gelegenheit! Aber jetzt bist Du ja da, und auch schon im seitlichen Anzu., da wia ich nicht weiter schelten. Rur ich, ich bin noch nicht - oder doch?“ Ihr Vlick ael aus Ilse, sie nickte mit einem träumerischen Lächeln vor sich hin. „Ia, ja, ich bin immer gern in Weiß gegangen. Wann trug ich doch zuletzt dieses Kleid? Wann hab' ich das Kleid doch zu.etzt getragen?“ Ihre schmale heiße Hand betastete unsicher die goldenen Ver- schnürungen, die Ilses Gewand am Mieder und an den Aermeln zeigte. „Ich weiß es gar nicht wehr . . . weißt Du es nicht, Hans Gottfried?“

„Liebe, liebe Elifabeth! Mein Herz!“ Die Stimme woate ihm nicht recht gehorchen, er bedeckte ihre Hand mit stürmischen Küssen.

Ilse saßte die leichte Gestalt der Kranken in ihre Arme und legte sie sanst in die Kissen zu.ück, dann wandte sie sich an Lina. „Haben Sie der Fran Varonin nicht die beruhigenden Dropsen gegeben, die der Doktor das letzte Mal verschrieb?“

„Doch, auch schon zwei von den Pnlvern. Die Fran Baronin begannen bald, nachdem die Herrschasten sort waren, nnrnhig zu werden, sie haben keine Minnte geschlasen, und die Mittel haben gar keine Wirkung gehabt!“

„Hat sie viel nach Papa und nach mir gesragt?“

„Ein paarmal ja, aber schon in der nächsten Minnte war das vergessen, und die Frau Baronin sprachen von anderen Dingen. Immer so, als wenn Frau Varonin sich trauen lassen müßten.“

Die Kranke fing das Wort ara. „Drauen! Ratürach! Lina ist wieder die einzige von aaen, die daran denU. Und es ist die höchfte Zeit. Ich muß mir ja noch die Haare auslosen!“ Aber anftatt das eigene Haar anzurühreu, begaun sie, mühsam die schwachen Hände hebend, Ilses Vlmnen abzu.ehmen und ihr die Schildpattuadeln aus dem Haar zu zieheu. In bebender Angst hal..f diese nach, und bald sank der weiche goldene Schleier bis fast zu.den Knien herab.

„Vin ich nun nicht schön, Hans Gottsried?“ Die Varonin sah mit leuchtenden Augen aus Ilse, es war, als blickte sie in einen lebendigen Spiegeb

„Sehr schön, meine Elisabeth, das Schönste aus der ganzen Welt!“

Die Varonin lächelte besriedigb „Ia, das haben sie immer aae zu.mir gesagt, meine Eltern, meine Freunde, aae! Wer ist das?“ sragte sie plötzlich neugierig und zeigte aus Armin, der neben Ilse stand.

^A.r.min, Dein Sohn - kennst Du ahn nicht?“ , „Arwin, mein Sohn ?“ sie sprach es unglänbig nach. „Wie kann das doch kommen -.ich hab' ihn ja noch nie gesehen!“

„Mama!“ rief Armin und sank schluchzend neben dem Vett in die Knie.

„Ach, nun weint er! Warnm denn? Hab' ich ihm weh- gethan? Ich wollte es nicht. Vitte, nein, weine nicht - Hans Gottsried hat nie erlanbb daß ich eine Dhräne weiue!“

Ilse gab Lina einen Wink „Roch einmal die Dropsen!“ ..Die Kranke wandte den Kopf. „Ich wia nichts mehr ein.^

nehmen, nichts mehr, nichts mehr! Ich weiß recht gnt, Ihr woat mich betäuben, damit ich nicht mehr in die Kirche kann, aber ich thn' es nicht, nein, nein!“ Sie wehrte mit der Hand den Löffel ab, den Ilfe ihr reichte, und biß feft die Zähne anf- einander. „Richts einnehmen! Richt betänben! Hans Gottfried, laß Du es nicht zu!“

„Gewiß nicht, mein Herz, sei ruhig, es foa Dir nichts ge- scheheu!“ . ^

„Ia, so ist es gut! Keine Dropsen - keine Thränen! Den Kranz - aber es ist ein Kranz von Orangenblüten , kein Myrtenkranz ^ und wo ist der Schleier?“ Die Augen der sterbenden Fran weiteten sich, sahen mit einem Vlick an den An- wesenden vorüber, weiter^immer weiter, wie in endlose Ferne.

Es trat eine bange Stiae ein. Varon Doßberg sch.mte mit thränenden Augen aus seine Gattin. Gewiß, er hatte sie sanst dnrchs Leben getragen, sie hatte die Wahrheit gesprochen t nie hatte er erlanbb daß sie eine Dhräne weine.

„Warnm kann ich denn nicht knien?“ sing die matte hohle Stimme von neuem an. „Wenn man den Segen empsangen wia, muß man doch niederknien . . .^uud ich stehe doch immer!“ Ossenbar sah sie sich selbst in Ilse, die uebeu dem Kopseude des Vettes stand. Jetzt sank diese neben Armin in die Knie.

„Ia, so ist. es recht . . . aber noch immer keine Myrten, - Orangenblüten sind da! Richt so laut die Orgel, nicht so lant - ich wia doch die Stimme hören! Was sagt sie? Die Liebe Gottes - die Liebe -“ Das hastige Sprechen verlor sich in ein undeutliches Gemnrmel, ein knrzes zuckeudes Atmen ließ sich hören, setzte aus, begann von neuem - und plötzlich waren die Augen gebrochen. Eine sremde Starrheit kam in die trotz der Krankheit immer noch so lieblichen Züge, ein senszender Hauch ging über die Lippen - das Leben war erloschen.

.l.b

Ohne von der im Verwalterhanse eingetretenen Katastrophe eine Ahnung zu habeu, schlnmmerten die Montroses bis in den heaen Dag hinein. Sie hatten viel nachzuholen - die letzten Gäste waren erst gegen vier Uhr morgens ausgebrochen, ein gutes Zeichen für die aagemeine Stimmung. Der Kotiaon hatte sich, dank dem ersinderischen Geist der anordnenden Herren, die immer nene Donren anssühren ließen, nnendlich lange hingezogen, ihm war eine muntere Damenpolka gefolgt, zu.etzt, als alles „Weib- ache“ sich entfernt hatte, hatten die Offiziere noch in Georges' und Vothos Zimmern ein Spielchen gemacht. es war nicht viel dabei heransgekommen, man war eigentlich schon zu.müde gewesen nur Iagemann hatte wie gewöhnlich Pech gehabt, Mock ein nnver- dientes Glück.

Knrt von Oefterlitz, der Renting, hatte sich in die Verhältnisse von Sb und Umgegend schon hübsch eingelebt, er war rasch be- liebt geworden bei den Kameraden, stand mit Zeno aus Du und Du, hatte sich in „Perle“ ausgezeichnet uuterhalten und erklärte nur immer wieder, es sei eine Schande sürs ganze Regiment, daß man diese Isolde von Doßberg nicht für die Daner des ganzen Festes habe halten können, denn die sei doch die Krone des Ganzen gewesen. Er und Zeno eitierten begeistert ganze Steaen aus Wagners „Dristan und Isolde“, während sie ar eifrigem Spiel Coenrdame mit einem Goldstück belegten.

Der Dag nach einem großen Fest paegt nie befonders ge- mütlich zu.verlänfem Zwar die Dienerschaft aus „Perle“ war gnt geschnlt und hatte das Einränmen und Ordnen bereits be- endet, als die Vewohner des Schlaffes zu. Vorschein kamen, aaein die blaffen Gefichter und übernächtigen Mieueu rerchießen keine befonders genußreicher Stnnden. Elemenee hatte graueu Deint und trübe Augen, sah salglich sehr unvorteilhaft aus, der schöne Vatha empfand einige Gewiffensbisse wegen seines leichtsinnigen Spiels, Aerger über seinen Verlust und über seine namentlich km letzter Zeit rasend angewachsene Schuldenlast^ er blinzelte verdrossen in den heaen Wintertag hinein, ..gleich einer lichtschenen Enle“, wie Gearges sich ansdrückte. Dieser selbst hatte nur einen bittern Galgenhnmar zur Verfügung, ihm war gestern einiges nicht so ganz geheuer erschienen und es war seine Absicht, das gelegentlich zur Sprache zu bringen, ein anßerm.dent- lich ungemütlicher Gedanke, da ihm jede sagenannte Familienseene ein Greuel war. [256] Die drei saßen einsilbig bei einander und thaten dem vortrefflichen Gabelfrühstück, das vor ihnen stand wenig Ehre an. Clémence ließ die Damen des gestrigen Festes Revue passieren und übte eine wenig wohlwollende Kritik an deren Toilette und Erscheinung. Georges lehnte mit halbgeschlossenen Augen in einem tiefen Sessel, klopfte taktmäßig mit einem silbernen Messerchen auf die Stuhllehne und pfiff leise dazu, und Botho schnitzelte gedankenlos an einem Kork herum, mit seinen Gedanken offenbar weitab von den Auseinandersetzungen seiner Braut. Die schweren graublauen Sammelvorhänge an den Fenstern waren halb zugezogen, die helle Wintersonne und der leuchtend weiße Schnee blendeten den Blick.

„Aber jetzt endlich ’mal genug von Kleidern und solchem Firlefanz!“ unterbrach zuletzt Georges sein Pfeifen und warf das silberne Messer auf den Tisch. „Ist Dir gestern sonst nichts aufgefallen, Clémence? Und Dir, Botho?“

Clémence rückte unbehaglich ihren Sessel weiter zurück, ein aufdringlicher Sonnenstrahl hatte sie getroffen. „Ach, meinst Du Papa?“ fragte sie verdrossen.

„Natürlich mein’ ich ihn! Ist’s nicht toll, wie er sich gestern benommen hat?“

„Ich sagte Dir’s immer: er steckt voll übertriebener Rücksichten und mittelalterlicher Galanterien diesen Doßbergs gegenüber, er geht in seinem sogenannten Takt- und Zartgefühl so weit –“

„Aber das war gestern ja tausendmal mehr als Rücksicht und Zartgefühl und derartiges Zeug!“ fuhr Georges aufgeregt dazwischen. „Offenbare Courmacherei war’s, ich hab’s mit diesen meinen Augen gesehen, und ich kenn’ mich aus in dergleichen! Ich sag’ Euch, die Geschichte wird noch ein ganz ernsthaftes Gesicht bekommen, denkt an mein Wort! Papa sah diese Ilse mit ganz unverhüllten Liebhaberblicken an – sie ist freilich ein Juwel, diese süße Ilse, war entschieden die Krone der ganzen gestern hier versammelten Weiblichkeit … thu’ mir die Liebe an und widersprich mir hierin nicht, Clémence, Du blamierst Dich einfach, wenn Du mir nicht recht giebst! Aber, aber – sie am Ende zur Stiefmutter zu bekommen –“

„Georges!“ Die Verlobten stießen gleichzeitig denselben entrüsteten Ruf aus.

„Ja, schreit nur! Das ändert an der ganzen Geschichte kein Iota. Mir ist nie im Leben der Einfall gekommen, unser verehrlicher Herr Papa könnte jemals eine zweite Ehe schließen, der Gedanke erschien mir ebenso ungeheuerlich wie der, ich selbst könnte mich verheiraten – aber jetzt liegen ganz schwerwiegende Anzeichen vor, und wir müssen uns auf alles gefaßt machen. Was ziehst Du für’n Gesicht, Clémence, an was denkst Du?“

„An die Blumen, die ich neulich bei ihr sah, als ich sie einladen mußte – unser halbes Treibhaus hat er ihr hinübergeschickt.“

„Siehst Du!“

„Aber nein, Georges, nein – es ist nicht möglich, Du mußt Dich irren! Wenn ich denke, diese elende Person sollte berechnend genug sein –“

„Halt, meine Teure, erlaub’ ’mal, daß ich die ‚elende Person‘ ein wenig in meinen Schutz nehme, und mäßige Deine Zunge! Ich glaube nicht, daß sie ihre Netze nach einem so bejahrten Freier auswirft, sie ist überhaupt leider nicht die Spur kokett. Ich hab’ schon denken müssen, ob diese süße Ilse nicht am Ende irgendwo in aller Stille ein festes Verhältnis angebandelt hat, sie hat oft so eine eigene sichere Art, nette Leute, die sich ihr in der angenehmsten Absicht nähern, ohne weiteres abfallen zu lassen. Nein, wie sie gestern unsern unternehmungslustigen Herrn Vater anstarrte, das hatte so ’was vom Vogel mit der Klapperschlange … entschuldiget das abgedroschene Gleichnis, mir will kein anderes bekommen, der Schädel brummt mir wie verrückt. Wenn nun aber freilich die Klapperschlange Ernst macht, dann glaub’ ich allerdings, daß der schöne schene Vogel klug genug sein wird, sich in den goldenen Käfig sperren zu lassen, und das –“

„Das darf nicht sein!“

„Georges, das kann nicht geschehen!“

„Das möchte ich allerdings mit allen Mitteln, die mir zu Gebot stehen, verhindern, nur daß leider mir die Mittel fehlen und er sie hat!“

Clémence war erregt aufgesprungen. „Wie Du in solcher Lage noch den Mut zu schlechten Witzen haben kannst! Wenn Du nicht im Irrtum bist, was ich immer noch hoffe –“

„Bin ich nicht, liebes Kind, bin ich nicht! Verlaß Du Dich fest darauf!“

„Dann müssen wir drei uns zusammenthun, müssen Front machen gegen diesen abenteuerlichen Gedanken! Das können wir nicht dulden!“

„Sehr schön, liebe Clémence, sehr heroisch gesprochen! Erlaube mir nur. zu fragen: mit welchem Recht dürfen wir es nicht dulden?“

Sie trat zornig mit dem Fuß auf. „Also bist Du gesonnen, es zu leiden?“ In Georges von Montroses spöttische Augen trat ein Ausdruck kalter Entschlossenheit. „Nein!“ sagte er hart. „Ich bin nicht gewillt, irgend etwas zu ‚leiden‘, ich hasse das Wort, es hat nichts mit einem Menschen wie ich zu thun. Ich werde, da kannst Du ruhig sein, alles ausbieten, damit diese Verrücktheit nicht zustande komme. Ich werde, wenn mir der Zeitpunkt dafür geeignet erscheint, mit unserem Herrn Papa reden, werde mir erlauben, ihm das Lächerliche dieses Schrittes, seine Pflichten gegen uns wie gegen sich selbst vor Augen zu führen und wenn … was wollen Sie, Merwig?“

Merwig. Herrn von Montrofes langjähriger Kammerdiener, ein ältlicher schweigsamer Mann von zuverlässiger Treue und musterhaften Manieren, war nach bescheidenem Anklopfen eingetreten und blied nun knapp neben der geöffneten Thür stehen.

„Erlaube mir, den Herrschaften ergebenst im Auftrag des gnädigen Herrn zu melden, daß Frau Baronin von Doßderg gestern abend verschieden ist. Der gnädige Herr beabsichtigt, sich in einer halben Stunde zur Beileidsbezeigung hinüberzubegeben, und ersucht das gnädige Fräulein, die Toilette zu wechseln und ihn auf seinem Gange zu begleiten.“

Die drei sahen einander verständnisvoll an.

„Es ist gut, Merwig, sagen Sie meinem Vater, ich werde mich bereit halten!“ erwiderte Clémence.

Georges wartete, bis der Kammerdiener das Zimmer verlassen hatte. „Jetzt dürfte der Zeitpunkt nicht geeignet sein,“ sagte er mit seinem kalten Lächeln, „wir müssen die angenehme Auseinandersetzung etwas hinausschieben!“

(Fortsetzung folgt.)
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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 16, S. 271–275

[271] Seitab im Park zu „Perle“ lag die sogenannte Familiengruft der Doßbergs, ein weites Stück Land, von einer dicken grauen Steinmauer umgrenzt. Ein hohes Portal bildete den Eingang, dessen Spitzbogen das Wappen des Geschlechtes zeigte. Seitdem das erste Begräbnis der Familie, die Wolframskapelle drüben, sich als zu klein erwiesen hatte, um alle Särge zu fassen, seit etwa achtzig oder neunzig Jahren wurden die Doßbergs hier im Park beerdigt. Ein schöner stiller Platz war’s; hier sang im Frühling ein ganzer Chor von Nachtigallen sein schwermütig süßes Lied, hier wuchsen wilde Blumen in Menge, hier wiegten sich im Sonnenschein die Häupter prachtvoller Linden und Kastanien. Heute lag Schnee auf den Bäumen, aber Sonnenschein war doch da; wehmütig bleiches Wintersonnenlicht lag auf den im weißen Schmuck strahlenden Zweigen, kein Windhauch spielte in ihnen, eine weiche stille Luft gab ein trügerisches Vorspiel des Frühlings, der doch noch so fern war, so fern. Die hohen Flügel des Portals waren weit zurückgeschlagen, Tannengewinde darum geschlungen. Hohe Tannenbäume waren in regelmäßigen Abständen in die Erde gegraben, sie bezeichneten den Weg nach dem offenen Grabe, neben dem ein Teil der Schloßdienerschaft stand. Aus dem Treibhaus waren alle Lorbeer-, Orange- und Myrtenbäume hierhergeschafft worden, die Palmen bildeten einen kleinen Wald für sich. Der Obergärtner wußte genau, daß ihm von den zarten empfindlichen Palmenarten viele eingehen würden, trotzdem es heute gelindes Wetter war, aber er hatte gemessenen Befehl erhalten, alles zu schicken und später die etwa verdorbenen Exemplare durch neue zu ersetzen. Die Dorfbewohner hatten Zutritt zum Park, in weitem Bogen umstanden sie in ihren Sonntagskleidern die Gruft und staunten über die pomphaften Vorkehrungen; sie waren der Meinung, keine Königin könne herrlicher beerdigt werden als ihre „Gnädige“, die sie so selten und in den letzten Jahren nie mehr zu Gesicht bekommen hatten. Seitwärts stand der Lehrer mit seinen Schulkindern; er war ein musikalischer Herr, hielt seinen Chor tüchtig zusammen und freute sich, heute einmal Gelegenheit zu finden, den Herrschaften sein Können zu beweisen. Sein strenger Blick musterte die Reihen der Schüler und rügte jede vorwitzige Bewegung, jedes Hüsteln oder Flüstern.

Im Wirtschaftshof der „Perle“ stand eine wahre Wagen- und Schlittenburg, die von einer Viertelstunde zur andern wuchs. [272]  272 Viele von denen, welche die Montrosesche Einladung znm Fest abgelehnt hatten, waren heute erschienen; es galt, der armen Baronin Doßberg das letzte Geleit zu geben, da schloß sich niemand aus. Die beschränkten Räume des Verwalterhanses waren kaum imstande, das ganze Trauergefolgc zu fassen.

Horch! Tiefe feierliche Glockenklänge kamen durch die stille Luft. Mit den Tönen des Geläuts der Dorfkirche mischten sich die der Wolframskapelle, tiefer und voller, es war, wie wenn zwei Stimmen miteinander Zwiesprach hielten. Und nun setzte sich unter den beschneiten Bäumen hin der lange Trauerzug in Bewegung. Der hochgctragcne Sarg mit seiner Blumenfüllc schien durch die klare Winterluft langsam hinzuschweben. Dicht hinter dem Sarge ging Baron Doßberg mit seinen beiden Kindern. Die Leute aus dem Dorf stießen einander an und hatten mitleidige Gesichter, die Frauen zogen die sorgsam gefalteten Taschentücher hervor. Du lieber Gott, wie alt war der Herr Baron geworden, wie grau! War auch hart für ihn – das schöne Gut abgeben und nun die Frau verlieren, die er so über alles geliebt hatte!

Und der Junker Armin sah ganz verweint aus, die Baroneß bildschön in ihren schwarzen langschleppendcn Trauergcwändern, ganz die verstorbene Mutter, nur rosiger, gesunder! Ihre Baroneß Ilse, die kannten die Leute am besten, die war ihnen allen am vertrautesten; die Gesichter hellten sich auf, als sie kam. Und hinterher, da kamen diese „Neuen“, die man noch so wenig gesehen hatte. Neugierig drängten die Dörfler nach vorn, um besser beobachten zu können. Den vornehmen großen Herrn mit dem feinen Gesicht kannten Wohl die meisten; das war er selbst, „der Franzos“, wie sie ihn kurzweg nannten, der das Gut gekauft hatte, der immer mit dein Baron im kleinen Jagdwagen herumfuhr.

Mußte schwer Geld haben, sollte auch soweit leidlich sein, der alte Hinz lobte ihn immer. Aber die Tochter, die mußte bös hochmütig sein, und die beiden. Offiziere, der Sohn und der Bräutigam der Tochtev, ebenso! Was die für hochfahrende Mienen aufsetzten, denen sah man den Stolz schon auf hundert Schritte an!

Der Geistliche, ein würdiger Herr mit einen: milden menschenfreundlichen Gesicht, stellte sich an dem offenen Grabe auf, und jetzt begannen die Kinder ihren Choral. Die hellen Knabenund Mädchenstimmen mischten sich mit den Glockenklängen und hallten feierlich, nach. in deä reinen. Dezemberluft. Als der letzte Ton verklungen war, wurde es ganz still, bis die Stimme des Geistlichen sich erhob. Da Md dort begleitete ein halb unterdrücktes Schluchzen, ein tiefes Aufseufzen dfe schlichten warmen Worte, die er sprach, und als dann der Sarg in der offenen Gruft verschwand, da brach Baron Doßberg in ein verzweifeltes thränenloses Schluchzen aus. Sein Dasein sah ihn so öde, so zielund zwecklos an ohne sie; die nun hier für immer ruhen sollte; ihn dünkte, seine Lebensaufgabe sei gethan, nun er nicht mehr um sie zu sorgen,sie zu behüten hätte. Da trat einebreitschulterige gedrungene Münnergestalt, der man auf den ersten Blick den Seemann ansah, neben den Schmerzgebeugten, legte ihm die Hand auf die Schulter und ermähnte ihn, an feine Kinder zu denken, an die Pflichtet!, die er gegen sie zu erfüllen habe. Ilse nickte dem Onkel dankbar zu und schlang ihren Ärm nur den Hals des Vaters, Armin faßte zaghaft dessen Hand.

Leupolds scharfe Seemannsaugen musterten durchdringend die „französische Gesellschaft“, ohne sich im mindesten durch die hochmütig gemessenen Blicke der beiden Offiziere einschüchtern zu lassen. Am besten gefiel ihm von der „Sippschaft“ der alte Montrose. Es.war ’was drin in dein Gesicht, der Mann konnte unmöglich eine niedrige Gesinnung hegen. Aber wie der alte Herr Ilse ansah – hm, hm, hatte doch schon graue Haare, erwachsene Kinder – nicht sehr anmutend anzuschauen, diese Sprößlinge! -– und dennoch! Der alte Leupold konnte die Weiber, nicht leiden, aber er war nicht so thöricht, sich’s ableugnen zu wollen, welche Rolle sie im Leben spielten. Er wußte, daß sie aus ernsten besonnenen Männern heißblütige Knaben machen konnten. Ilse war nun freilich verlobt mit Albrecht Kamphausen, diesen: Prachtkerl so nannte der alte Kapitän in der Stille sein Patenkind aber wenn er . sich entsann, wie sie damals errötete und verlegen wurde, als Montroses Name genannt wurde, und nicht mit der Sprache herausging – wer wollte sagen, was die Leidenschaft da wieder für ’nen Brei zusammenrührte!

Wer konnte auf ein Weib bauen, wer vermochte, ihrer sicher zu sein?

Als das Grab mit den herrlichsten Kränzen und Palmzweigen bedeckt wurde, trat Herr von Montrose entblößten Hauptes zu den Doßbergs hin. Er schüttelte den: Baron die Rechte und küßte Ilses Hand, während er sie bat, bei jeder sich bietenden Gelegenheit über ihn und die Seinigen zu verfügen; er kenne keinen wärmeren Wunsch, keine größere Ehre als das Verlangen, teil zu haben an ihrem Schmerz, sich in Freude wie in Leid zu ihren Freunden zählen zu dürfen. So wie diese Worte gesprochen wurden, waren sie, zusammen mit der ganzen Haltung des Redenden, eine deutliche Demonstration, und es blieb keii: Zweifel, daß sie von sämtlichen Anwesenden als solche empfunden wurden.

Man verabschiedete sich allgemach von den Doßbergs. Gut gemeinte Trostredcn, Küsse, Umarmungen, Händedrücke – alles wurde dci: Leidtragenden reichlich zu teil. Onkel Erich Leupold, den die wenigsten der Gutsnachbarn persönlich kannten, hatte mit unerschütterlichem Gleichmut diese Scenen mit angeschaut und blieb zuletzt allein bei seinen Angehörigen zurück.

Bei den Montroses sprach noch einer oder der andere der entfernter wohnenden Besitzer zu einen: Glase Wein vor, keiner von ihnen aber blieb lange, und gegen zwei Uhr nachmittags war die Familie wieder unter sich. Man war in einen: der untere:: Seitenzimmer versammelt, das an den Billardsaal stieß.

Es fehlte noch eine Stunde bis zuin Diner. Georges und Botho hatten mit den: jungen Grafen Röstern, der soeben als letzter abgefahren war, eine Partie Billard gemacht, dann die Bälle zwecklos eine. Weile hin und hergcstoßeu, jetzt kamen sie beide in das Nebenzimmer, in welchen: Elemente mit einen: Stickrahmen an: Fenster saß. Sie nähte in Gold und Seide eine kleine Tischdecke für ihren Verlobten. Herr von Montrose las in einer Zeitschrift und rauchte eine Cigarette dazu.

Als Georges über die Schwelle trat, warf er seiner Schwester einen bedeutsamen Blick zu, den sie sofort richtig deutete. Sie stickte nur noch zum Schein weiter, und die Nadel zitterte in ihrer Hand. Botho von Jagemann zündete sich gleich Herrn von Montrose eine Cigarette an, seine Hand war aber unsicher, und über dein rechten Augenlid hatte er ein nervöses Zucken.

Georges räuspcrte sich leicht. „Hättest Du einige Minuten Zeit für mich übrig, Papa?“ begann er endlich.

Herr von Montrose blickte auf, legte das Heft, das er hielt, vor sich auf den Tisch und nahn: sich frisches Feuer für seine Cigarette. „Bitte!“

„Ich habe in letzter Zeit einige Beobachtungen gemacht,“

begann Georges in seinem gewöhnlichen leichten, ein wenig spöttischen Ton, „die mich, gelinde gesagt, in nicht geringes Staunen versetzt haben. Nicht ich allein übrigens hätte mich zu verwundernd Elemente und Botho haben die gleichen Wahrnehmungen machen können und befinden sich durchaus auf meinem Standpunkt.“

Herr von Montrose sah von seinem Sohn zu den beiden Bezeichneten hinüber; er hlickte allen dreien ruhig ins Gesicht wie jemand, der kaltblütig abwarten möchte, wo der andere Humus will.

„Es will uns nämlich scheinen,“ fuhr Georges, durch diese kühle Ruhe geärgert, in etwas schärferem Ton fort, „als wenn Du an diese Familie Doßberg, namentlich an die Tochter des Hauses, etwas zuviel – wie soll ich es nennen? –etwas zuviel Liebenswürdigkeit und persönliches Entgegenkommen verschwendetest –“

„Möchtet Ihr Euch nicht derartige Auseinandersetzungen ersparen?“ fragte Montrose gelassen und streifte die Asche von seiner Cigarette ab. „Eine Kritik an dieser Stelle, bei dieser Gelegenheit erscheint mir mehr als überflüssig.“

„Hättest Du nur über Deine eigene Person bestimmt, Papa, so würden wir uns vielleicht bemüßigt gefühlt haben, einstweilen zu schweigen und den weiteren Verlauf der.Dinge abzuwarten.

Du hast es aber für gut befunden, heute, bei Gelegenheit der Begräbnisfeier, nicht nur Dich selbst, sondern auch Deine Familie diesen -diesen Leuten ganz und gar zur Verfügung zu stellen, und ich’erlaube mir die Bemerkung, daß es entschieden vorteilhafter gewesen wäre, uns von dieser Maßnahme zuvor zu verständigen.“

„Zu welchem Zweck hätte ich das thun sollen?“

. „Vielleicht zu dem Zweck, Dich unserer Einwilligung bei gedachter Gelegenheit zu versichern – einer Einwilligung, die wir allerdings verweigert haben würden.“

Herr von Montrose zog ein wenig die Brauen hoch und schloß halb die Augenlider. Elemente kannte dies „unerträglich [274] 


hochmütige Gesicht“, es bedentete nichts Gntes. „Wenn ich ge- handelt habe, wie ich es that, so geschah es mit vollem Vorbedacht. Der Einwiaigung von Persönlichkeiten, die von mir abhängig sind, bedarf ich nicht.“

„Es ist gerade kein sehr nobler Zng von Dir, uns beftändig an nnsere Abhängigkeit zu mahnen!“

„Veständig? Laß doch sehen, wann that ich es wohl zuletzt? Es geschah, als ich Dich von Berlin sorwahm und Du hierher- kamst. Damals sagte ich Dir, Dein mütterliches Erbteil, das ich mit peinlichster Gewissenhaftigkeit für Dich verwaltet habe, sei durch Deine Art von Lebenssührung bedenklich zu.ammenge- schmolzen, es sei kaum ein Drittel mehr davon vorhanden. Ich ließ Dich Einsicht in die betressenden Papiere nehmen, um Dir für meine Worte den Veweis zu.lieserm. Die Ueberbleibsel Deines mütterlichen Vermögens reichen nicht aus, Dir eine Erl- stenz zu ermöglichen, wie Du sie gewöhnt bist, ich sagte Dir daher damals und wiederhole es Dir jetzt, daß Du abhäugig von mir bist und meiuer Einwiaigung bei Deinem Thun und Lasseu be- darsst, nicht aber ich die Deiuige uachzusucheu habe.“

„Wenn Kinder ein Alter erreicht haben wie wir, so soate man sie nicht in Abhängigkeit lassen und es als selbstverständlich ansehen, wenn sie die Handlungen der Eltern mit eigenen kriaschen Augen prüfen“

„Meinst Du? Ich soate denken, es käme dabei ein wenig auf die Beschaffenheit besagter Kinder an. Glaubst Du,. ich hätte Euch nicht beobachtet, Elemenee und Dich, hätte Ench nrteilslos ohne weiteres aus den Platz gesteckt, den ich Euch angewiesen? Würde ich eine richtige Wertschätzu.g des Geldes, eine nur einigermaßen vermünsage Verwendung desselben bei Ench ge- snnden haben, ich hätte Euch so selbständig gemacht, wie Ihr es nur irgend wünschen könntet. Ich gewahrte aber, daß Ihr mich für eine nnerschöpsliche Goldgneae ansaht, einzig dazu.da, Eurer maßlosen Genußsucht zu dieuen. Darans hin ist mir die Luft vergangen, Euch unabhängig zu.machen. Einem Spieler, einer unsinnig verschwenderischen Modedame, die für Inwelen jährlich ein Vermögen anlegen würde - deneu giebt man das Geld nicht in die Hand, das man sich durch jahrelange Mühen im fremden Lande erworben hat!“

Georges, der sich zornig auf die Lippe gebiffen hatte, sah seinem Vater jetzt mit einem gransamen und spöttischen Lächeln ins Gesicht. „Ich denke, Papa, unser Großvater hat dasür gesorgt.. daß Du Dich nicht aazu.sehr mit dem Erwerb zu.gnälen branchtest - wenn auch seine Art des Geldverdienens nach manchen Ehr- begrisfen vieaeicht nicht die makelloseste genannt werden kann!“

Montrose erhob sich langsam, sein für gewöhnlich schon blasses Gesicht erschien gänzlich entsärbt. „Das Wort .Ehrbegriff^ m Deinem Mnnde und in dieser Zusammeusteaung nimmt sich feltsam aus!“ sagte er tonlos. „Schwerlich werden wir beide für dieses viel gebranchte und noch öfter mißbrauchte Wort dieselbe Aussassung haben. Die meinige verbot es mir, von meinem väterlichen Erbteil auch nur einen Hecker anzurühren. Was ich bin und habe, verdanke ich mir selbst. Glaubst Du, ich hätte Dich des Königs Rock anziehen lassen, wenn sich dies mit meinen .Ehrbegrissen nicht vertragen haben würde?“

Georges und Elemenee sahen mehr überrascht als beschämt aus ihren Vater. Einer so romantisch nnpraktischen Handlungs- weise hatten sie ihn nicht für sähig gehalten.

„In - der - That!“ sagte endlich Georges langsam, einen leichten Anang von Verlegenheit ersolgreich niederkämpfend, „ich habe das nicht gewußt - es ist dies, wie du ganz richtig sagtest, Ansichtssache. Es läßt sich aber hieraus folgern daß doch auch Du die Haudlungsweise Deines Vaters Deiner Kritik uuterworfeu haft -“

„ Aaerdings!“ bemerkte Montrofe schneidend.

Dich mithin nicht wundern darsst, wenn wir dasselbe thun. Der erwachsene Mensch hat das Recht, den Maßstab seines Urteils an die Handlungsweise eines jeden zu.legen.“

„Sicher hat er das^ glücklicherweise ist nicht jeder genöagt, sich.dadnrch irgendwie beeinaussen zu lassen.“

Georges hob ungeduldig die Schultern. Seine spötasche Ruhe begann ihn zu verlassen.

„Du hast Dich in der letzten Zeit der Varoneß Doßberg in einer Weise genähert, welche die junge Dame stark bloßsteaeu wird, da es doch wohl nicht Deine Abficht sein kann, ihr Deine Hand anzubieten.“

„Und wenn das nun meine Abficht wäre?“

„So würden wir, Votho, Elemenee und ich, uns derselben aus aaen Krästen widersetzen. Es wäre . das ein Affront, Deiner ganzen Familie angethan -“

„Ein Affront, wenn ich mich mit einer Dame aus voruehmem Adelsgeschlecht, dem letzten Sproß eines alten Haufes verbiuden woate?“

„ Eine Lächerlichkeit bei Deinen Jahren für den Vater er- wachsener Kinder -“.

„Ich muß Dich erfuchen, diese Kinder gänzlich beifeite zu lassen. Sie haben mir bei den verschiedenften Gelegenheiten nicht die geringfte Rückficht bewiefen, haben sich ihr Leben ausschließlich nach eigenem Velieben zurechtgelegt“ ein flüchtiger Seitenblick ftreifte Botho von Iagemann, der mit anfterer Miene dasaß und den. Mnnd nicht aufthat - „darum ist es durchaus überflüssig, mich an die Rücksicht aus sie zu mahnen. Was den Altersunter- schied betrifft, so ist die junge Dame die einzige, die hierbei Be- denken zu überwinden hätte. Ihrer Entscheidung, und nur dieser, würde ich mich zu uuterwerfen haben!“

„Papa!“ rief Elemenee und brach in Thränen aus, „Du wiaft doch damit nicht sagen, daß Du mir eine Stiefmutter geben wiast, die zwei Jahre jünger ist als ich?“

„Aaerdings wia ich das sagen. Deine Frage fetzt mich übrigens um so mehr in Erftannen, als Du felbft bei Gelegenheit Deiner Verlobung den Grundsatz anssprachst, nur die Samme des Herzens dürse uns bei der Wahl des Lebensgefährten leiten ^ aaes übrige sei ohne jeden Velang.“

„Gewiß hab' ich das gefagt - aber ich bin jung, ich trete erst ins Leben hinans, es ist mein gutes Recht, mir meinen An- spruch aus Glück zu.sichern.“

„Hat nur der, der erst ins Leben hinanstritt, dieses Recht? Wie, wenn uns die Iugend nun um unser Glück besaehlt, wenn sie es uns vorenthält - soaen wir darnm für immer darauf verzichten?“

Elemenee sah zornig und trotzig durch ihre Thränen zu.ihrem Vater aus. „Du hast die arme Mama uie geliebt!“ ries sie vor- wurssvoa. „Sie hätte keine Ruhe im Grabe, wüßte sie, welch unerhörten Plan Du haß. Es dars nicht geschehen, soa nicht - ich bleibe keine Stunde länger im Hause, wenn Du dies Mädchen, diese hochmütige Vettelpr -“

„Clemenee!“ Es war ein Ton, wie sie acke ihn noch nie von dem stets gelassenen Mann gehört hatten. „Roch einmal dies Wort, und Du wirst ackerdiügs keine Swnde länger in diesem Hanse geduldet. Uebrigens steht es Dir jederzeit srei, den Tag Deiner Hochzeit zu besammen, vorausgesetzt, daß -“ Moni- rose sah prüsend ihrem Vräntigam ins Gesicht, in dem eine ver- zweiselte Entschlossenheit arbeitete.

Der Lieutenant sprang auf und that einen aefeu Athemzug, ehe er zu.reden begann. „ Gestatten Sie mir, ein Wort unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen!“ Seine Stimme klang heiser, in seinen duuklen Augen slackerte es nnrnhig.

„Ich stehe zu .Diensten.“ Montrose, der sich noch nicht wieder gesetzt hatte, ging nach dem Viaardsaal - jenseit desselbeu lag sein Arbeitszimmer.

„Votho!“ schrie Elemenee auf und warf sich ungestüm in die Arme des Osaziers.

Ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu.kte um ihres Vaters Lippen, als er dies sah. „Gieb ihn frei, Elemenee!“ sagte er rnhig. „Ich wia fehen, was ich für Dich thnu kann. Georges, halte sie hier zu.ück!“ .

Ohne sich nach den Geschwistern weiter nmzu.ehen, dnrch- schritten die beiden den Viaardsaal und traten w das Zimmer des Hausherrn. Ihr Verhältnis zu.inander war von Ansang an schlecht gewesen. Vald nach der Uebersiedlung der Familie Moni- rose nach St. hatte man auf einem Back bei dem Obersten des Regiments die Vekanntschast des „ schönen“ Votho von Iagemann gemacht, und Elemenee mit ihrem ungezügelten Temperament hatte noch an demselben Abend eine hestige Leidenschast für den jungen Ofazier gesaßt. Sie hatte nicht die Krast besessen oder besitzen wacker ihr Gefühl zu.verbergen, und da das reizlose Mädchen für die Erbin eines sehr bedentenden Vermögens galt, so zögerte der starkderschnldeteLebemann nicht, sosort als ihr erklärwrVewerber aufzutreten. Montrose, dem Iagemanns Wesen nicht die geringste Achwng einaößte, versuchte umsonst, seine Tochter vor diesem [275]

Textdaten
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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 17, S. 286–291
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Die Perle.
(16. Fortsetzung)
Roman von Marie Bernhard.

Wie hart war der Winter gewesen! Mit eiserner Faust hatte ....^ er das Regimeut gesührt und es sestgehalteu weit über seine Zeit. Eine knrze Panse hatte er den Menschen zum Aufatmeu gegönnt - uach dem Weihnachtsfeft war's gewesen - dann aber hatte er aufs ueue den blinkenden Eisharnisch angethan und feinen frvfagen Atem über See und Land gehaucht. Der März noch hatte seine unerbittliche Hand gefühlt. Schneewehen und eifige Kälte wareu bis in die erften Dage des April an der Dages- ordnung. Dann aber kam ein gewalager Swrm, ein eiliger Regenschaner - und uun schlich schüchtern, auf leifeu zögernden Sohlen der Frühling ins Land, ließ die Schneeglöckchen wie zaghafte Voten auftauchen, und als sie ein zuversichtliches Länten anhoben, da schickte er die Lerchen und schielte die Veilchen, hing kleine aanmige Weidenkätzchen an die Väume und wpfte auf aae kahlen Aefte wiuzige lichtgrüne Spnren. Dazu ging ein Hauch durch die Luft, warm und liebloseud. wie ein Kuß von geliebten Lippen.

Wie geschäfag die Schwalben.. um das alte Schloß zu „Perle“ slogen, wie emsig sie das Refterbanen betrieben, mit schwirren- dem Lant um die Ziuueu kreifend, deren Wetterfahnen goldig im Sonnenlicht blinkten! Wie das weite blaue Meer fuukelte und wohlig atmete im Sonnenschein! Die ernften Donnen trieben seine heagrüne Spitzchen, und ons dem Gewirr der nrolten Eichen- äfte, die bisher so schwarz und kohl gen Himmel geftarrt, wand sich's aamählich hervor in blaßbrännlichem Schimmer - die erften Vlättchen, noch schen aneinander geklebt, ängftlich zu.ammengednea, aber von Dag zu Dag krästiger sich eutwickelnd, der Wärme, dem Licht entgegen.

Im Park war der Obergärtner mit seinen Gehilfen thäag. Er erfann nene Znsammeusteaungen zu den Deppichbeeten, ließ die überwiuterteu Pslanzeu herausbringen und war vom Morgen bis zu. Abend bei der Arbeit. ein sehr geschickter Mann, in seinemFach ein Künstler. Er bedauerte nur, mit seiner Knnst bei den Herrschasten so wenig Anerkennung zu sindem Der Herr Lientemmt kam sehr selten noch „Perle“ herous, und wenn es geschoh, dauu sah er über aae ueu angelegten Plätze und Veete hinweg, als wären sie Luft. Und auch das guädige Fräuleiu war wie umgewaudelt feit der Auf- lösung ihrer Verlobung, von welcher der Obergärwer ebenfo wie das übrige Schloßperfonal fofort nach voazogener Dhatfache Knnde bekommen hatte. Sie, die sich fonft um alles und jedes kümmerte und von jeder Sache etwas zu verfteheu meinte, ging jetzt Saa und gedrückt einher, gleichgültig gegen die ganze Welt, und die Verfnche ihres Vaters, sie auf andere Gedanken zu.bringen, schlngen fehl. Merwig, der immer alles in Erfahrung brachte, wußte, daß Herr von Moutrofe seiner Dochter vorgeschlagen hacke, eine Reise zu uuteruehmen, für den Winter und Frühling nach dem Südeu zu gehen - die Varouiu .Rorter ging mit ihrer Dochter, einer jungen Dame in Clewrenees Alter, nach Capri, amter an die Riviern das hätte den besten Auschluß abgegeben ... umsoust! Cleaueuee weigerte sich eigensinnig, irgend etwas zu unternehmen, vergrub sich hartuäckig in ihren Knmmer und sprach unanfgefordert kein Wort mit dem Vater. Wahrlich, der gnädige Herr konnte einem leid thun! Sie ftandeu aae auf seiner Seite, von Merwig an bis heruuter zum Kücheujungen - sie sanden es ganz in der Ordnung, daß er dem hochmüagen Lieutenant, der sich .Sa doch aus dem

gnädigen Fräulein nichts machte und sich ossenbar nur des Geldes wegen mit ihr verlobt hatte, so kimsag heimgegeigt hatte. Im übrigen kamen dem Obergärtner zu.eilen seine eigenen Gedanken, wenn er den Vlnmenaot, der ins Verwalterhaus hiuüberwanderte, so regelmäßig ernenern und die Grabstätte der verstorbenen Varonin Doßberg mit dem Schönsten schmücken mußte, was Treibhaus und Garten irgend hergaben. War es denkbar, daß der guädige Herr ein Auge aus die junge Varoneß geworfen hatte? Es war aaerdings nicht wahrzunehmen, daß die junge Varoneß den großmüagen Geber aa dieser zarten Spenden irgendwie ermnagte, eher das Gegenteil. Der Obergärtner, deffen Wohnung so gelegen war, daß er ein großes Stück des Parkes überschanen konnte, darnnter auch den Eingang zur Doßbergscheu Familiengruft, sah die junge Dame im Wiuter oft durch den beschueiteu Park ihren Weg dorthiu uehmen, regelmäßig zehn Minnten später, nachdem Herrn von Montroses Schlitten davongeklingelt war. Sie mnßte aus seinen Iuspeltivnsfahrten und feinen Vefnchen in die Rachbarschast ein förmliches Swdinm gemacht haben. Freilich konnte ihr Vater ihr darüber den beften Vescheid geben, die beiden Herren fuhren uach wie vor, auscheiuend im beften Einvernehmen, miteinander aus, wenn es galt, die Vor- werke. zu.befuchen und die Felder zu.befichagen dann hatte Varoneß Doßberg freie Vahn. Schön war sie, wenn sie so eilig durch den winterlich ruhenden Park daherkam. Der Obergärtner öffnete zu- weilen trotz der eiudriugeudeu Kälte sein Feufter, um sie besser fehen zu können die seine biegsame Gestalt ma dem Gesichtchen, das so weiß und rosig unter dem breitrandigen Hnt mit dem zurück- geschlageueu Drauerschleier hervorschaute. Und wenn sie gelegent- ach für einen Gruß danlte und lächelte, dauu war sie wirklich, wie sich der Obergärtner sagte, nnwiderstehlich. Zwar kam dies Lächeln selten, meistens blickte sie ernst drein, sie mußte die Mutter wohl tief betrauern, hatte auch sonst ossenbar noch allerlei saae Kümmer- nisse. Warnm lief sie dem Poftboten beinahe täglich entgegen, ließ ihn seine Dasche össnen und ging dann tranrig, mit enttänsch-. tem Gesicht, zum Verwalterhause zurück? Man hatte wohl gehört, der junge Herr, ihr Vrnder, woae zu. See gehen, aber damit hatte es doch noch gwe Wege,t der saß sürs erste wohlgeborgen in Kiel, um zu lernen, und das mußte er noch eine ganze Zeit lang thun, ehe er auss Schisf kam - also dem konnte ihre Sorge nicht gelten. Wem aber sonst?

Jetzt, da der Park sich mit neuem Grüu schmückte, jubelude Vogellaute aus Vaum und Hecke klaugen und die Vlumeu nach einem warmen Regen eilig aus der duukeln Erde emporsproßten kam Ilse von Doßberg noch häusiger äls früher in den Park zur Grabstätte. Herr von Montrofe ritt jetzt viel aus, aaeiu oder mit feinem Verwalter. Er hatte sich ein neues Reitpferd augeschafft, einen wunderschönen Goldfuchs, „Mazeppa“ geheißen den ritt er sich zu. „Mazeppa“ war schön und ungebärdig, die Staaknechte wußten von ihm zu fagen. Dückach komcke man ihn nicht nennen^ wenn er einmal stand - „wie ein Lamm“ - so blieb es auch dabei, aber bis es dahin kam! Das ganze Personal versammelte sich, sobald Philipp dasPserd vorführte und Herr von Montrofe anfsaß^ die Männer liefen vor die Dhür, die Franeuzimmer aus Feufter. Auch Varou Doßberg kam gewöhnlich dazu, er teilte das aa. gemeine Iutereffe für „Mazeppa“ und hatte trotz seiner großen [287] Einsilbigkeit auch semer Dochter von dem schönen Tier' erzählt, mit dem Zusatz, Herr von Moutrofe sei merkwürdigerweise em toakühuer .Reiter, zwar sehr geübt und sicher in der Hand wie im Sitz, aber doch eben waghalsig, und er, Doßberg, könne ach. nie eines gewissen Bangens erwehren, sobald Moutrose an „Mazeppa“ seine Erziehungsküuste versuche.

Auch heute, an eiuem lanen seuchtwarme.u Maiabend, hatte Philipp vor der Rampe des Schlosses den Goldsuchs am Zügel. Der ersahreue Kutscher, dem das teuere und selteue Pserd zu besouderer Paege anvertrant war, sprach beruhigeud in „Mazeppa“ hinein, hauchte ihm in die Rüstern, klopste ihm den spiegelblanken Hals und „machte ihm die Cour,“ wie er es selbst lacheud uannte. Der Fnchs ließ sich das aaes gnädig gesaaen, er rieb seine schlanke Rase vertranlich an Philipps Schulter und scharrte mit dem zierlichen Vorderhns graziös im Sande, aber dabei schielte er arg- wöhnisch seitwärts. Du! Eine Dhür klang - „Mazeppa“ wars den Kops hernm und biß in die Kinnkette, daß der Schaum herab- troff, währeud Philipp ihm uach Krästeu schmeichelte.. Herr von Moutrose kam die Freitreppe herunter, die Reitpeitsche unter den Arm geklemmt. Er hielt dem Pserd ein Stück Zucker hin und noch eines ^ dieses zerbiß die willkommene Gabe, ließ aber keine Sekunde davon ab, den Geber aus dem Augeuwinkel zu.beobachten. Sowie dann Montrose den Fuß hob, um in den Vügel zu kommeu, machte der Fuchs eine drehende Vewegung, versuchte zu steigen und senerte dann hinten aus, daß Kies und Funken den Rächststehenden nur so um die Ohreu spritzten.

Herr von Montrose lächelte und Philipp anch^ die übrigen Znschaner sahen besorgt aus. „Mazeppa“ fuhr sort, sich wie ein Dänzer zu.drehen und den Kopf zu.werfen, dadnrch verlor er aber den Vorteil des Veobachtens, und dieser Umftand wurde felbftver- stäudlich benntzt.. Herr von Montrofe folgte jeder Vewegung des aufgeregten Dieres mit achtfamem Auge - ein Rnck, und er hatte den Fnß im Steigbügel und war in der nächften Sekunde im Sattel. Philipp ließ las - und wie ein Wetter stob das Pserd da- von. Philipp sah der wilden Jagd nach und nickte beisäaig.

„Meinen Sie, er bleibt oben, Philipp?“ fragte der Ober- gärtner^zweifelnd.

^..a. und ob! Dem paffiert nichts! Was der für'n Sitz hat und für Schenkel und Hände! Sieht ihm kein Mensch an! Wenn der Herr in den Sattel kommt, ist er mit eins seine zwauzig Jahre jüuger.“

Drübeu an eiuem Feufter des Verwalterhaufes ftand Varon Doßberg mit Ilfe. Sie hatten die ganze Seene mit angefehem Ilses Arm lehnte gegen ihres Vaters Schnlter, und er fühlte zu feinem Stanueu, daß dieser Arm leise zitterte.. Er sah ihr ius Gesicht, das einen erschöpfen ängstlichen Ausdruck trng. „Kiud, hat Dich der Anblick ausgeregt?“ sragte er besorgt und zog das seine Köpschen an seine Vrnsk

„Es - es sah dach so bedenklich aus!“

„Ia, der.Mazeppa' ist 'ne eigenwillige Kreatur, aber Montrose ist ihm schou gewachsen -es wäre nur gut, wenn er nicht so toll- kühn sein woate. Der Mann wird buchstäblich ein anderer Mensch, sobald er zu Pserde sitzt. Hat er das Dier erst eiumal gemeistert, dann unternimmt er ein Wagestück um das andere. Es reize ihn un- widerstehlich, hat er mir selbst gesagt, und als ich ihm erwiderte, wie leicht er dabei verunglückeu köuute, meinte er, das glaube er nicht, schou darum nicht, weil uiemand da sei, ihn zu betrauern. Für den Vater zweier Kiuder ein merkwürdiger Ausspruch!“

Ilse wandte ihr Gesicht weg. Kommst Du mit in den Park, Papa? Wir können ja jetzt hinein.. Fräuleiu von Moukrose.rst zu Röstems hiuübergesahreu.“

„Hat sie Dich nicht ausgesordert, sie dorthin zu.begleiten.da sie doch um uusere alte Freuudschast zu den Rbstems weiß?“

.Mein Wir seheu eiuauder fast nie, Elemenee und ich, und wenn es geschieht, dann tauscheu wir nur einen steifen Gruß. Es ist nicht meine Schuld, daß wir uns so feiudlich gegeuüberstehen.“

„Und die Ursache ihres Venehmens,. Kind?“

„Ich glanbe, den Grnnd zu kennen habe aber aaes gethan was in meinen Krästeu stand, ihrem Argwohn keine Rahrung weiter zu geben.“

Ilse begegnete ihres Vaters forschendem Blick und schlug dann rasch die Augen weder. .,Köunen wir geheu?“ sragte sie hasag und uuvermittelr. „Dars ich mir meinen Hut holen?“ .

Er nickte,. und einige Minnten später schritten Vater und

Tochter Arm in Arm die wohlbekannte breite Liüdenaaee hinab, die den Eingang in den Park bildete. Sie gingen eine Wellen swww nebeneinander her. Ilse dachte an Albrecht Kamphansen, dess^Vild sern sern vor ihr dahinschwebte, uuerreichbar wie eine Fata Morgans sie ries sich ihr kurzes slüchages Liebesglück zu.ück und berechnete wieder - zum wievielteu Mal schou! - wie lauge, wie unbegreiflich lange sie nichts mehr von ihm gehört. Onkel Lenpold hatte sie ihrer Angst wegen gescholten und auch getröstet, ansangs zu.ersichtlich und nachdrücklich, nach und uach immer klein lauter und mit abuehmender Uberzengungskrast. Er mußte zu- gebeu, es sei sonderbar, daß so lange keine Rachricht komme und daß überhaupt jede Kuude über den Verbleib der .,Rixe“ sehle. Ach, die laugen achtlose Wiuteruächte, wenn der Swrm heulend um das Hans aog und wie mit Geisterhänden an die Fensterläden klopste ... wie ost sie da mit leisem Ansschrei aus dem Schlas erwacht war und sich zitternd ausgesetzt hatte, um zu lauscheu! Und immer sah sie das Schiff, wie es, vom Swrm gejagt, über die tobenden Waffermaffen flog, die Segel in Fetzen, die Mafien ge- knickt - und ihn auf der Kommandobrücke, bleich und ernft, den Dod vor Augen . . . ihn, an den ihre geängsagte Seele sich klammerte wie an einen letzten Retwngsanker, der sie schützen sollte gegen aa die dnnkeln Mächte, die in ihrer Seele rangen. Ach, nur Rach- richt, Rachricht von Albrecht, und wenn es bloß eine Zeae ge- wesen wäre, damit sie anfatmen, dies drückende Geheimnis von ihrer Seele wälzen und ihrem Vater endlich sagen konnte, wie es um sie stand. Die zarte schwache Mntter hatte es nicht erfahren dürfen, daß ihre Ilse die Vrant eines ihr nnbekannten Seemanns ohne Vermögen war, und nnmittelbar nach ihrem Dode hatte Ilse auch den Vater schonen woaen. Jetzt aber, wo sie feft entschloffen war, zu fprechen, jetzt, da seit dem Heimgang der Mutter süns voae Monate veraosfen waren fetzt wußte sie nicht eiumal, ob Albrecht lebe - wie konnte sie da ihr Geheimuis preisgeben!

Sie fahren beide, Vater und Dochter,. wie aus eiuem Draum empor, als einer der Vedieuteu vom Schloß ihnen entgegenkam und ehrerbietig grüßte. Mit einem Schlage waren sie in die Gegenwart zu.ückversetzt.

„Es wäre mir lieb, Ilse,“ begann Doßberg nach einer kleinen Pause zögernd, mit sichtlicher Anstrengung, „es wäre mir lieb, wenn Du trachteu woatest, das gespannte Verhältnis zwischen Dir und Elemenee von Montrose nicht .zu.verschlimmern, ja wenn irgend thuulich, zu verbessern. Ich weiß wohl, daß Herr. von Montrose wenig Gewicht aus die Meinung seiner Dochter legt, dennoch könnte er jetzt, da er ihre Verlobung ausgelöst. hat und ossenbar Mitleid mit ihr empandet, ^eher dazu geneigt sein als sonst, und das würde vieaeicht nicht ohne Einanß auf meiue Stellung sein. . Du bist mein geliebtes Kind und thnft aaes, mir das Dasein erträglich zu.macheu - aber seit Deiner Mntter Dod bin ich ein gebrochener Mann, und ich denke, ich lebe nur darum noch, weil ich mich um die .Perle bemühen, weil ich die Last mewer Heimat atmen darf!“

Die Lippen zitterten ihm, er war anßer ftande, .mehr zu sagen. Ilfe sah ihn von der Seite an, ihr schmolz das Herz in Liebe und Mitleid. Wie alt er gewordeu war, wie weiß sein Haar, wie gebeugt seine Halwng! War dieser in sich zusammen- gesnnkene Mann ihr schöner stattlicher Vater, zu dem sie so stolz und freudig emporgeblickt hatte? Die Dhräueu schoffeu ihr in die Augen, als sie sich aes über die Hmch ueigte, die auf ihrem Arm lag. „Es soa aaes sein wie Du es habeu wiast,“ sagte sie mit einer Samme, die sich umsonst mühte, heiter und gesaßt zu klingen.

„Dank Dir, mein Kindl Es ist ein Opser, das Du wir briugen mußt

,^Rein Papa, uein, das ist es nichts“

„Doch, Ilse! Aber ich nehme es an denn ich habe noch zu leben für Dich und für Armiu und weiß, daß die Wurzeln meines Lebens hier in .Perle' feftgewachfen sind.“

Schweigend legten beide den Weg bis zu der Doßbergscheu Familiengrnft zurück^ daß diese das Ziel ihres Ganges sei,. hatten Vater und Dochter in saaschweigendem Einverständnis angenommen. Vor kaum einer Swnde war ein warmer. Mairegen gefallen, dankbar strömte das junge Vlattwerk.an Vanm und Busch seinen herbkräsagen Atem in die weiche .Abeudkust. Die.. Gräber lagen da wie ein stiaes Heiligtum, das letzte inder Reihe geschmückt mit dem Blüteuslor der .schönsten Frühlingsblumen. Ringsumher schimmerte der Raseu smaragden in den schmalen Streiflichtern [288] 

welche die Souue durch die Laubmaffeu toarf^ kein Hälmchen war umgebogen keine Vlnme welk oder geknickt.

Ilse seufzte tief auf. „Mir ist das gar nicht rechte wandte ße sich an ihren Vater. „Wie gern würde ich selbst etw^sür Mamas Grab thun es wäre so schon, es zu pflegen zu.schmücken! Komme ich aber hierher, so finde ich ackes gethan, kanm entdecke ich ein kleines Plätzchen für meine Vlnmen, die ich bei nus im Gärtchen ziehe.“ Mit vorsichckger Hand bog sie da und dort einen Zweig zu. Seite, um Raum für eine blaßgelbe felbftgezogene Marschack Rielrose zu.gewinnen, die sie mitgebracht hacke.

„ Möchteft Du nicht einen Kranz von diesen wilden Vlnmen für das Grab flechten?“ sragte Doßberg und dentete aus dte Maß. liebchen und Glockenblnmen, die in überreicher Fücke auf den Grasflächen wncherten. „Mama hatte gerade diese Vlnmen so che. sonders gern!“ ^

Ilse nickte und machte sich sofort emsig aus Pflücken. Dann setzte sie sich, den Schoß vocker Vlnmen, aus die neben dem Grabe stehende Vank und begann ihr Werk, während der Varon neben ihr Platz nahm und mit trnbem Blick aus die geschäftigen weißen Hände sah.

Hinter dem dichten Wack der Kastanien und Linden ging das Gitter hin, welches den Park von der Landstraße schied - die Familiengrnst lag ganz am Ende des Parkes. Wer besonders aus. merkfam von der Straße hereinspähte, der konnte immerhin die innerhalb des nmfriedigten Ranmes Vesindlichen nnterscheiden. Rach einer gnten Weile - der Kranz, den Ilse flocht, war etwa zu. Hälfte ferag - hörten die beiden, die in Gedanken verfnnken dasaßen, eine wohlbekannte Stimme mit breitem Aeeent. „Herr Varon! Ich irr' mich doch wohl .nicht, und Sie sitzen da drin. Können Sie denn nicht 'mal 'n hißchen durchs kleine Gitterthor zu.mir 'rans kommen?“

Doßberg lächelte. . „Das ist Hinz! Wtewär's, alter Frennd,“ sagte er mit erhobener Stimme hinzu. „wenn ich Ihnen das kleine Gitterthor anfmachte, und Sie kämen zu mir herein?“

„Kanu ich nicht, Herr Varon! Hilft zu.gar nichts! 's ist nicht 'was zu erzählen, was ich hab' .... 'was zu zeigen ist es. Herr Varon massen man selbst kommen und sich die Bescherung ansehen. Vei der .Sommerung an der Vetter Grenz', da ist 'was passiert! Ich hab' gesagt, sie socken da wegen dem Regen Faschinen legen, damit uns der Voden da nicht mir nichts dir nichts fort. gespült werden kann, .und der Herr. Varon haben 's auch gefagt . . . aber nn haben sie das so hingemnddelt und haben sich gedacht^ I, das hal ja noch Zeit, und dies ist nötiger und jenes ist nötiger . . . na ja, aber der letzte Gewitterregen, den wir hatten, der hat danach nicht gefragt und hat die ganze Geschichte unterspült und 'n gntes Stück weggerissen oben am Verg, und nn haben wir die Pastete!“

„Ich komme sosort!“ Varou Doßberg hatte sich schon er. hoben. „Ich bin bald wieder zu.ück, Kind, Du weißt ja, das ist kein weiter Weg! Wickst Du hier bleiben und aus mich warten?“

„Ich denke, ja, Papa! Der Abend ist' wnndervock, und mein Kranz ist nicht so bald ferckg.“

„ Schön! Ich hole Dich alfo hier wieder ab.“ Doßberg ging zu.der kleinen Gitterpsorte, die sich von innen öffnen ließ, und verschwand mit Hinz. Die Thür blieb angelehnt.

Die Sonne sank tiefer und tiefer und warf pnrpnrne Streifen durch die Väume. Die Goldbnchft.aben auf dem weißen Marmor. kreuz glühten auf, sehnsnchtsvock schlug die Rachtigäck im nahen Bnsch. Goldener Abendfrieden lag tränmerisch auf dem fallen Fleckchen Erde, wo die Toten ansrnhten von des Lebens Kampf und Mühsal, und in dem jungen, bis vor knrzem noch so lebens. frohen Herzen Ilfe von Doßbergs wachte die Sehnfncht auf, auch so leidlos und traumlos zu schlnmntern vae die da unten . '.^ .

Sie erschrak, als sich jetzt in ihrer Rähe Hnsschlag vernehmen ließe durch die Lücken im Gebüsch sah sie einen Reiter heran. kommen und wußte sosort, wer es war. Sie rührte. sich nicht - Herr von Montrose würde sie hier wcht vermnten, nicht entdecken - und. während sie dies dachte, vernahm sie seinen Psiss, sah einen Schatten geschwind am Gitter hinlaufen und hörte einen Befehl erteilen, dann klang die kleine Pforte und Herr von Montrofe kam rasch auf sie zm Sein Gesicht war nicht so kühl und blaß wie sonst - vermntlich hatte es einen harten Stranß mit „Mazeppa“ abgesetzt. ^ Der englische .Reitanzu. kleidete ihn gnt und ließ

seine Gestalt anssackend geschmeidig und schlank erscheinen.. in den Augen lebte ein ihnen sonst fremder Ansdrnck von Entschlossenheit

Ilse neigte zu seiuemGruß fwmm den Kopf, ihre Haud, welche

die blaueu Glockenblnmen auf ihren Knien zerwühlte, streckte sich ihm nicht zu. Grnß entgegen.

^ „Ich bin dem Schicksal sehr dankbar, daß es mir endlich dies Znsammentressen mit Ihnen gönnt,“ begann Montrofe. „O ich weiß schon, was Sie sagen wocken, Baroneß“ - Ilfe hatte eine Bewegung gemacht, als ob sie ihn nnterbrechen wockte - „Sie meinen, wir hätten einander häusig geung gesehen. Aber das geschah nie ohneZengem Ich habe mich hundertmal bemüht, Sie ackein zu tresseu, es ist mir uie gelungen. Jetzt eben traf ich Ihren Vater mit dem alten Infpektor drüben an der Belter Grenze, und da ich nach Ihnen fragte, mnßte er mir sagen, daß Sie hier wären. Sie können mir nun nicht mehr ausweichen!“

Nein, sie konnte nicht - und sie wockte es auch nicht. Sie wnßte, was kommen würde - aber einmal mnßte es ja sein, und wenn sie es dann endlich überwnnden hatte, dann mnßte auch diese nnerträgliche Bangigkeit von ihr weichen, sie mnßte ihr früheres Selbft, das zielbewußte nnbefangene Wefen wiedergewinnen. Mochte er denn fprechen!

„Wocken Sie Platz nehmen?“ fragte sie und rückte ein wenig zu. Seite. Diese höfliche Frage in ihrer nüchternen Förmlichkeit that ihr ordentlich woht

Montrofe fetzte sich und sah Ilfe nnverwandt ins Gesicht. Sie wockte den Blick nicht erwidern, aber sie konnte nicht anders.

„Sie mnßten es schon damals im Winter bei dem Fest im Schloß wissen, daß ich Ihnen Wichages zu.sagen hätte, Ba. roneß - mir schwebte eine Erklärnug aus den Lippeu. Rnr widerstand es mir, sie Ihnen mitten im Lärm eines Festes, im Kreise so vieler fremder Menschen zu geben. Dann kam der Tod Ihrer Mntter - ich wünschte, Ihren Schmerz zu.ehren, Ihnen Zeit zu.lassen, die erste Heiligkeit des Knmmers zu über. winden - so bezwaug ich mich denu, aber es wurde mir uusag. bar schwer.“

Iu die eingetretene Pause schackte der werbende Gesang einer Rachtigack in unmcktelbarster Nähe, sehnsüchtig und klagend.

„Was ich Ihnen zu sagen habe, Baroueß, wird Ihuen eine ungeheuere Bermessenheit scheinen, und dennoch muß ich fprechen, weil ich nicht anders kann, weil ich in Ihren Augen gelefen habe, daß Sie Teilnahme für mich haben, Mitgefühl! Laffen Sie fich's nicht gerenen, mir das gezeigt zu.haben - ich hoffe deffen nicht ganz nnwert zu.sein. Mitgefühl! Ich hab' es von so wenigen Menschen begehrt, ja ich hab' es immer abgewiesen - ich bin stolz, ich wockte es nicht ... bei Ihnen hat's mich befeligt, so wie Sie find, wie ich Sie kenne. Das Mitgefühl ist an Herzen einer Fran die goldene Swfe, auf der sich später vieckeicht ein Höheres, Schöueres erhebt - und weil ich dies in Ihrem Blick sah, darnm meine Bermessenheit!“

Montrose stockte, er saßte Ilfes Rechte und drückte seine bebenden Lippen daranf, wieder und wieder, bis sie ihm die Haud entzog.

„Ich bin sehr arm bis jetzt dnrchs Leben gegangen, Ilfe, - bettelarm! Das hab' ich bisher noch keinem geftanden. Ich bin eine ehrgeizige Rawr gewesen - schon in früher Kindheit hat sich das gezeigt. .Als mir meine Lanfbahn, in die ich mit den kühnsten Plänen eingetreten war, zerschlagen wurde, als mein Rame in den Stand getreten war - vieckeicht haben Sie gehört, durch wen - da hab' ich mir das Leben nehmen wocken, und als das naßlang, blieb ich jahrelang so menschenschen, daß ich nur bei Nacht, wenn ackes schlief, mein Zimmer verließ und mich im Freien erging.. Diese ..Freiheit.' war ein großer Anftaltsgarten, in welchem ich aufs forgfamfte überwacht wurde - ich hätte ja wieder Hand an mich legen mnd mein koftbares Dafein gefährden können! Als ich dann endlich als ..geheilt entlaffen wurde, war mein Wicke wieder erftarkt - meine Seele war krank gebliebem Ich ließ mich weit fortschicken, dorthin, wo kein Mensch meinen Ramen kannte^ mein Schicksal wnßte. Und da der Ehrgeiz nun einmal die Triebfeder meines Handelns war, so fetzte ich in meiner neuen Umgebung ackes daran, ein tüchtiger Geschäftsmann zu werden, und das gelang mir. Es gewährte mir ewe Art von Geungthuung, zu fehen, wie meine kühnften Pläne einschlngen, wie weine^Unternehmungen sich weiter und weiter ansbreiteten, mein Rame in der uenen Welt, die ich mir geschassen, einen immer bessern Klang gewann. Was sonst mit mir wurde, war mir gleichgültig, so gleichgültig, daß ich mich sogar ohne weiteres [290] 


verheiraten ließ, als mein sterbender Vater es wünschte und eine mir ossen entgegengebrachte Reigung es mir nahelegte. Vieckeicht hosfte ich auch, Liebe ktwne Gegenliebe erwecken. Es war.^n Experiment, das ich uuternahm, und ich hacke nur, was ich ver. diente, als es fehlschlng. Ich klage daher die Verstorbene nicht an - sie folgte ihrer Eigenart, ich der meinen. Wir paßten eben nicht zu.ammen und wareu sehr unglücklich miteinander, sie vieckeicht wewger als ich, da sie das Geseckschaftsleben liebte und in vockeu Zügen geuoß, auch die Kinder hacke, die ihrem Herzen Erfatz boten. Ich habe mich redlich bemüht, diese Kinder zu lieben, habe um ihre Liebe geworben wie nie in meinem Leben um die Liebe einer Fran, aber ihre Mutter faßte dies als einen Weckkampf auf und that ihrerseits ackes, mir zu.orzu.ommen, und das gelang ihr.. Was in den beiden an Herz vorhanden war, gehörte ihrer Mucker, mir wareu und sind sie fremd. Darum gab ich sie fort, als meine Gatckn geftorben war - sie entbehrten mich nicht, und auch in mir verswmmte mehr und mehr die Stimme, die mich gemalmt hatte, meiner Pslicht als Vater zu gedenken. Ich bin dann durch die weite Welt gegangen, ich snchte kein Glück mehr für mich und glaubte, verzichtet zu habeu - Sie feufzen, Ilfe -Sie haben Mitleid mit mir . . .“

Das Mädchen wändte sich ab, um ihn ihre fenchten Augen, ihre zitternden Lippen nicht sehen zu.lassen.

„Ich las das schon beim ersten Mal, als wir uns sahen, aus Ihren Augen, dies fanfte zärckiche Mitleid. Ilse - Sie so jung und schön ... ich stehe vor Ihnen wie ein Vettler, Sie haben die Macht, mich überselig zu.machen aus Ihrem Reichwm ^ Ilse, ach, Ilse, geben Sie mir das Glück! Ich sage ja nicht. lieben Sie mich, wie ich Sie liebe, das wäre Verblendung ^ aber nur ein wenig versnchen Sie es, nur ein wenig! Lassen Sie dies Mitgesühl weiter in Ihrem Herzen für mich fprechen, geben Sie uns ackeu die Heimat wieder, Ihrem Vater, sich felbft, dem Vrnder - mir, der es feit seinen Kindertagen nicht mehr weiß, was es heißt. eine Heimat haben! Sagen Sie mir heute noch nichts, nehmen Sie sich Bedenkzeit - ich werde gednldig sein, werde warten, lange warten. Ackes sock sein, wie Sie es wocken -“

„Rein! Rein!“ Ilse rief es leidenschaftlich und fprang auf, so ungeftüm, daß Kranz und Blnmen zu. Erde niederßelen. Sie konnte es nicht länger mit anhören, dies flehentliche Bitten, diesen Ton, der sie bis in die ckeffte Seele hinein erschütterte. Sie mnßte ein Ende machen, gleich und für immer, und dazn gab es für sie nur einen Weg.

„Sie dürsen nicht weiter so zu.mir sprechen, ich kann nicht . ... bin nicht wert . . .“ Die Worte wockten ihr nicht gehorchen, überstürzten sich ihr in atemloser Hast. „Ich hab' es keinem sagen dürsen bis jetzt, es war mein Geheimnis, meines ackein ^ aber Sie socken, Sie müssen es wissen. ich bin verlobt, seit einem Jahr schon, mit Kapitän Kamphausen - und ich liebe ihn, liebe ihn - und bitte Stet sehen Sie mich nie mehr, sprechen Sie nie mehr mit mir! Ich ertrag' es nicht länger, ich kann -“ !

In den Goldsweifen, den die nntergehende Sonne auf den Weg warf, fiel ein schwarzer Schatten - Ilses Augen irrten er. schrocken zu. Seite, - Baron Doßberg stand dort, weiß wie ein Tuch ^ ohne Regung starrte er zu.ihr herüber.

Eine bange beklommene Sckcke, durch die das Inbilieren der Vögel wie Hohn klangt als Doßberg endlich einen Schrick näher kam, ermannte sich auch Herr von Montrose. Er nahm seinen Hnt, der neben ihm auf der Bank gelegen hatte, und erhob sich. „Ver. zeihen Sie!“ sagte er letfe zu.Ilse, dann grüßte er sie wie ihren Vater mit einer leichten Verneigung und ging unter den blühenden Kastanienbäumeu in dte Tiefe des Parkes.

Vater und Tochter faheu einander fwmm in die Augen.

„Ilfe, wir müssen fort!“ sagte Doßberg endlich mit einer heifern tonlofen Stimme.

Sie raffte sich aus. „Ia, ja - gewiß, wir müssen - es wird spät und kühl -“.

Er machte eine abwehrende Vewegung. „Ich meine nicht das! Fort von ^Perle' müssen wir!“

„Papa!“ .

„Ia, das müssen wir, das^ müssen wir!“ wiederholte er und nickte schwerfäckig vor sich hin. „Ich habe ackes gehört, ich ftand dort“ er wies nach dem kleineu Gitterthor - „als er Dir seine Hand aubot und eine - eine Heimat für uns acke - und

daß Du heimlich mit einem andern verlobt bist. Und nun können wir hier nicht mehr bleiben, es ist aus. Komm, Ilfe, komm!^

Er schanderte zu.ammen - wie ein Mensch, der den ...^d vor Augen sieht, zog seiner Tochter Arm durch den seinigen und verließ mit ihr den Vegräbwsplatz.

.ltn.

In seinem „Achlerdeck“ saß Erich Lenpold am Tisch, beide Wangen in die Fäuste vergraben, vor ach ein ansgebreitetes Zeiwngsblatt, in dem er las und las .... .

Die Mittagssonne - eine stechende Inlisonne war's ^ brannte ihm heiß auf den Scheitel, denn am Fenfter war kein Vorhang vorgezogen. Der Kapitän achtete deffen nicht - er las. Die „büßende Magdalena“ war wie in Flammen getaucht, gleich slüssigem Knpfer lenchtete das goldene Haar im Sonnen. schein - der Besitzer des schönen Bildes sah sich kein einziges Mal mit seinem grimmigen Hohnlächeln danach um, wie er es sonst so oft zu.thun pflegte - er las!

Ian Grenboom hatte sich hereingeschlichen und zum Mickag. effeu bitteu wockeu - als er das Gesicht und die Steckung seines Kapitäns sah, schlich er wieder davon, ohne eine Wort zu sagen, nahm in der Küche seine Töpfe vom Fener, schnitt sich ein srisches Priemchen zu.echt und hatte seine Gedanken.

Es war ein ziemlich ausführlicher Zeitungsartikel, den Leupold vor sich hatte, unter dem Titel „Schisssnnfäcke“. Der Kapitän schien ihn auswendig lernen zu.wocken, er mußte ihn wenigftens schon viermal hintereinander gelefen haben. Endlich erhob er sich. Er reckte die beiden gebackten Fänfte, daß sie fast an die niedrige Zimmerdecke faeßen, und seine feften Zähne knirschten aneinander. Zwischen den bnschigen Branen und um den eigenfinnigen Mnnd herum wetterte und zu.kte es, die Augen blickten ftarr und drohend. Ein paarmal schlnckte er krampfhaft und ränsperte sich nachdrücklich, um die Stimme srei zu.bekommen. Es glückte ihm, und uuu rief er hmanst „Iau! Ian Grenboom!“

„Kapiwn?“ Der Gerufeue humpelte hereiu und pflanzte sich breit vor feinem Gebieter auf.

Diefer sagte zuuächft nichts.

„Was ist los,Kapaän?“ sragtederlaugjährigeBertraute endlich.

„Was los ist? Der Teufel uawrlich, altes Nilpferd! Die .Rire' ist lau - und der Albrecht Kamphanfen ist auch hin!“

Der alte Matrofe that einen Flnch, um seine Teilnahme an den Tag zu.legen. Soweit in ihm der Begriff „Liebe“ aus. gebildet war, liebte er feines Herrn Pflegesohn, Albrecht Kamp. hansen, wirklich. „Steht's da drin, Kapitän?“ sragte er nach einer kleinen Weile und dentete mit dem Finger nach dem ZeiwngsblaU

„Ia! Hör' zu.-setz' Dich!“

Ian gehorchte und Leupold last „Eudlich sind wir in der Lage, nnsern Lesern näheres über den Berbleib der schon seit längerer Zeit vermißten Korvette .Rixe^ (Kapitän Kamphanfeu) zu beruhtem Das Schisf verließ an Mai des letzteu Jahres den deutscheu Hasen, um sich auf verschiedenen Umwegen nach den chinesischen Gewässern zu.begeben. Seit sieben Monaten fehlte jede Rachricht über die ^Rixe'. Zuletzt hat ein dänischer Dampfer bei Formofa mit ihr Grüße ansgetanscht - das ist Anfang Ia. nnar gewesen. Hente geht nus die Rachricht zu vom sicheru Unter.

gang der Korvette, der ackerdings längst zu befürchten war, aus

der Feder des Matrosen Rolf Görnemann, des einzigen, der bei der Kataftrophe, die in der Röhe der Philippinen ftackgefnnden hat, mit dem Leben davongekommen ist. Ein fpanisches Schiss hat den Halbtoten, der sich an der Sitzbank eines Rettungsbotes sestgeklammert hatte, an Bord genommen. Dort ist er in eine schwere Krankheit versacken, so daß der fpanische Schiffsarzt wenig für sein Leben gegeben ^ hat. In einem Londoner Hofpital hat man dann den jungen Mann abgeliefert, bei dem ein Typhus ausbrach, der ihn mouatelaug aus Kraukeulager feffelte. Endlich konnte er die Heimreife antreten. Gegenwärtig weilt Rolf Görne. mann in seiner Heimat, der Fabrikstadt G. Dort hat er einen Rückfack zu überwinden gehabt und ist jetzt eudlich soweit her. gefleckt, daß er schou in der uächfteu Woche imftande sein dürfte, uns einen ausführlichen Bericht über den Untergang der ..Rixe,^ zu.liefern. Wir dürfen diefem Bericht mit um so größere^ [291]

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 18, S. 302–307

[302] [303] „Mnß das wahr sein Onkel Erich?“

„Ich hab's auch gelefeu, vor kaum 'uer halbeu Stunde, ich.- wahr wird's schou sein - Matrofe auf der ..Nixe“, Augenzenge - und diese ganze Ewigkeit keine Nachricht von dem Schiff! Ich wollt' es Dir bloß nicht sagen, mir war längft nicht wohl dabei. Mädel, fieh mich nicht so an, das ist nicht zu. aushalten - schrei' los in drei Tenfelsnamen! Wem' Dich aus!“

Aber Ilfe schrie nicht und weiute sich auch nicht aus. „Das ist. ganz nnmöglich,“ fragte sie leise und eindringlich, „daß er sich geirrt hat, der Angenzenge? Er ist felbft in Dodesnot und Gefahr gewesen .... kann er sich nicht geirrt haben?“

Der alte Lenpold schüttelte den Kopf.. „Sieh 'mal, Kind, was 'n richager Kapitän ist, der läßt sein Fahrzeng nicht im Stich. Geht das Schiff zu Grnnd, geht er mit zu Gruud. Wenn die .Nir.e^ untergegangen ist mit Mann und Maas, dann war er drauf, da fetz' ich meinen Kopf zum Pfund!“

Ilfe preßte die Handflächen aueiuauder und sah zu Vodeu. Plötzlich hob sie den Kopß ^Kannft Du mir Geld geben, Onkel Erich? Etwas Geld?“

„Was wickft Du haben, Kind?'^ Er sah sie ängstlich an, er fürchtete, sie könnte krank sein.

„ Etwas Geld möchte ich! Papa könnte es mir vieckeicht auch den, aber ich weiß es nicht genan. Und ich möchte -“ „Was Du möchteft, fockft Du Dir kanfen - ich geb' Dir's natürlich, ich geb' Dir's! Aber vieckeicht fagft Du mir . . .“

„Ich will nichts kanfen. Nach G. möcht' ich fahren und diesen. - diesen Rolf Görnemann fehen und fprechen. Sag' nichts da. gegen!“ rief sie flehend, als Lenpold Miene machte, zu.sprechen. „Es ist das einzige, um was ich Dich bitte, das einzige und das letzte! Der Bericht kann noch eine Woche, er kann auch noch länger auf sich warten lassen .... ich hab' das Gefühl, ich muß sterben, wenn ich so lange warten fock - Onkel, Onkel Erich -“ „Znm Donnerwetter, Mädel, laß' mich doch reden, laß' mich doch zu Wort kommeu! Ia und zehumal ja, Du fockft das Geld haben! Uud ich fahr' felbft mit Dir hiuüber uach G., ich wick diefeu verwnfelteu Rolf Görmemauu auch fprechen wick auch hören, wie mein Junge, unfer Albrechk - wir fahren noch hent'! In zwei, drei Stunden denk' ich, haben wir den nächsten Zng, morgen früh köuueu wir an Ort und Stecke sein. Ian! Ian Grenboom! Wo fteckt das alte Walroß wieder? Das Kursbuch bring' her, das Knrsbnch!“

.....

Durch die kurze schwüle Sommeruacht faufte der Zug, der den alten Leupold und seine Richte uach G briugen fockte. Ilfe hatte nicht in den Schlafwagen geheu wocken fouderu hacke leise gebeten „Laß' mich doch bei Dir bleiben, Onkel Erich!“ und sie war geblieben. Sie fiel ihm nicht zu. Last mit Iammern und Dhränen, sie faß da, flick in ihre Ecke gedrückt, dann und wann, fobald sie sah, daß der Onkel forgenvock den Vlick auf sie richtete, nickte sie ihm bernhigend zu. Das Fenfter war niedergelaffen, die weiche Nachtlnft strömte herein. Der dnnkle Himmel fnnkelte goldüberfät von zalcklofen Sternen^ fpät ging der Mond auf, sein bleiches Licht tanchte die schlafende Landschaft ick Silberslnten. Klirrend, rasselnd flog der Zng weiter und weiter. Daun be. ganueu die Sterne blaß zu werden, kühle Morgenlnft wehte, ein fahler Dämmerschein fpann sich um Vänme und Vüsche, der Wald, den der Zng bnrchkenchte, erschanerte im srischen Wind - die Sonne ging auf.

Um fieben Uhr srüh führ der Zug in G. ein. Eine ge. schäftige meuscheuwimmelude Fabrikftadt! Die Maschinen wareu schon acke in Dhätigkeit, die hoheu Schlote spien mächage Dampf. wollen aus, die den blaueu Sommerhimmel verdüfterteu, in den Straßeu ein Lärm, der Ilfes verftörten Nerven förmlich weh that.

Die beiden fnhren zuuächft in einen Gasthof, .um ein paar Stnnden zu ruhen. Ermüdet warf sich Ilfe aufs Sofa des ihr angewiefenen Zimmers und schloß die Augen. Aber vor ihr jagte eine wirre tocke Flncht von Vildern vorüber, daß sie schreckhaft die Augen wieder öffnete und lieber die Wände des Zimmers anfah.' Ein Seeftück hiug da unter den Bildern. irgeud ein Hafen. in den e.tn Schiff mit wcklgeblähten Segelu einließ Ilfe sah das Bild unverwaudt an. Dies Schiff .kommt in Sicherheit, die paar Brau. dungswecken find bald überwunden,. dann liegt es vor Anker, ist geborgen samt acken, die darauf sj^^ Andere Schiffe haben es so

gnt nicht, die verschlingt das Meer ..^^ es ging wie ein Riß' durch ihr Herz. Sie zerrte ihre Uhr hervor . . . konnten sie denn noch nicht zu.Rolf Görnemann? Kanm Acht - noch vocke drei Staden! Denn der junge Mann war noch Rekonvaleszent, hatte On^ Lenpold geltend gemacht^ man würde vor elf Uhr Befnch überhaupt nicht zu.ihm lassen.

Eine Zeiwng lag auf dem Dach. Ilfe griff mit bebenden Händen danach. Stand nichts von dem Schiff driu, von der „RiXe“ und von Rolf Görnemanu? Ihre Augen flogen angftvock von Spalte zu.Spalte - Poliak, Stadtnenigkeiten, Anzeigen, Anpreifungen seitenlang .... fonft nichts! Sie fteckte sich aus Fenfter, sah auf die Straße hinans, verfolgte die rasselnden Milch. wagen, die hin und hereilenden Dienstboten, die Kinder^ die zur Schule giugen. Halb neun Uhr! Wie die Zeit schlich!^

Und so zwischen rnhelosem Umhergehen im Zimmer, dem Versnche, zu schlafen oder zu lefen, verbrachte sie den Vormittag. Langfam kroch der Zeiger auf der Uhr weiter, und endlich, endlich war's Elf. Mit dem Glockenschlag öffnete Erich Lenpold die Dhür, schante ftnmm seine Richte an, schüttelte naßbickigend den Kopf, sagte aber nichts und gab ihr dann den Arm.. um sie die Dreppe hinnnter. zu.ühren. Vor .der Dhür nnten hielt ein Wagen, sie saegen ein und fahren durch die laute Fabrikftadt^ das Hans, in dem Rolf Görnemann wohnte, hatte der Kapitän im Adreßbnch gefnnden.

Es war ein stattliches Gebände, vor dem sie hielten. Ilfe fprang aus dem Wagen und eilte so rasch die lange halbdnnkle Dreppe empor, daß Lenpold kanm zu.folgen vermochte. Oben fragten sie ein Dienstmädchen nach Herrn Rolf Görnemann.

„Ich weiß nicht, ob er zu.fprechen ist, ich muß zu.rst Madame fragen. Vitte, einzu.reten!“

Ein großes, mit hübschem Geschmack ansgeftacketes Zimmer, aher nnfrenndlich, fonnenlos. Eine kleine alte Dame mit einem fanften bekümmerten Gesicht trat leise durch eine Dapetenthür ein.

„Sie wünschen meinen Sohn zu.fprechen - darf ich fragen, zu.welchem Zweck? Er ist noch leidend und fock geschont werden.“

„Ich bin Kapitäu Leupold aus St., dies ist meine Richte. Ich bin der Vormund des Kapitän Kamphaufen, der mit der .RiXe^ untergegangen sein sock. Wir lasen gestern den Vericht Ihres Sohnes und sind persönlich von St. herübergekommen, um Ihren Sohn selbst zu sprechen aus feiuem Mnnde eine Schilderung des Schiffbrnchs zu hören.“

Die alte Dame wiegte zweifelnd den Kopf. „Das wird ihn sehr anfregen, und Aufregung thut ihm gar nicht gut, fagt der Arzt, der noch fast täglich kommt. Es geht meinem Sohn keineswegs nach Wnnsch, sein Körper ist durch die lange Krankheit noch sehr geschwächt. Wir wockten auch gar nicht, daß die Roaz schon jetzt in die Zeiwng komme, aber er ließ sich ja nicht halten, und immer widersprechen wag man auch nicht.“

Der alte Lenpold hatte während dieser Rede, die ihm viel zu lange dauerte, taktmäßig mit seiner Stiefelfpitze auf den Fnßboden geklopft - jetzt sah er die alte Dame mit feinen scharfen Augen durchdringend an. „Es liegt uns sehr viel daran, Madame, Ihren Sohn felbft zu.fprechen, wir find eigens deshalb hierhergekommen!“

„O Gott, ja, mein Herr - gewiß - solch eine weite Reife ^ ich glanbe schon gern, daß Ihnen viel daran liegt. Und die junge Dame - ach lieber Gott, ich ahne schon! Rolf ist aber eben erst anfgeftanden, und dies würde ihn wirklich sehr auf.'. regen, er hat Herrn Kapitän Kamphanfen so außerordeutlich ver. ehrt und geliebt . . .ich werde meinen Sohn holen!“ Die letzte überraschende Wendung war durch einen flehentlichen Vlick aus Ilfes Augen hervorgermfeu worden. Die alte Fran fühlte ack ihre mütterlichen Bedenken um den Sohn schwiuden angesichts dieses jungen Wesens, in das sie sich auf den erften Vlick ver. liebt hacke. Sie konnte es sich so leicht zufammenreimeu - das arme Geschöpf war natürlich des ertrnnkenen Kapitäus Brant. Wie traurig! Die Augen wurdeu ihr feucht, sie streichelte mit fans. ter Hand das liebliche Gesicht, und als Ilse sich 'über diese Hand neigte und sie küßte, da war Fran Görnemann vollends überwnnden und ging nach einem bernhigenden Kopfnicken zu. Dhür hinans.

„So find diese Weibsbilder!“ mnrmelte Erich Lenpold vor sich hin. „Unfereiner redet und thnt das Menschenmögliche, und 's ist ackes umfouft! Wenn aber eine ihresgleicheu kommt und nur 'u Paar Augen macht - da, haft dn nicht gefehen, find sie der reine Zncker. Ra, fetz' Dich hin,. Mädel - ich setz' mich auch!“ Eine Paufe von einigen Minnten, während deren Ilfes Herz. [304] 

schlag sich zu verdoppeln schien - dann öffnete sich abermals die Tapetenthür, und ein sehr großer überschlanler junger Mensch trat ein. Ans dem blassen eingesaaenen Gesicht schante ein Paar llnger Augen der jnuge Maua, der allem Anscheine nach kanm zwanzig Jahre alt war, wars beim Eintreten einen teilnehmenden und zu. gleich neugierigen Vlick auf Ilfe, von der ihm seine Mntter foeben eine begeifterte Schilderung entworfen hatte. „Ich mnf.. um Ver. zeilmng bitten“ - begann er dann höflich, aber Kapitän Lenpold unterbrach ihn fofortt „Ach, das thun Sie lieber nicht! Wer sragt denn jetzt nach aaerlei Kram! Sie wissen ja, weshalb wir hierher. gekommen sind!“

„Ia, meine Mntter hat es mir gesagt. Sie wünschen meine .Erlebnisse vom zwölsten Iannar zu.hören.“

„Also damals war es! So lange her schon! Also am zwölf. ten-wie wär es da? Ging die Fahrt bis dahw gnt? War Albrecht

- Ihr Kapitän, mein' ich - zu.rieden?“

„Im ganzen ja und das mit Recht!“ Der junge Mann, etwas verwirrt durch diefeu plötzlichen Anfturm, fetzte sich so, daß er fowohl den alten Lenpold als auch Ilfe voa ansehen konnte. „Ein paarmal hacken wir wohl Swrm gehabt,“ fahr er dann fort, ^„aber immer waren wir dnrchgeschlüpft, wenn auch unsere Fahrt sehr verzögert wurde. Es war Glück dabei, aber doch auch Verdienst, Verdienst vor aaem von dem, der die ,Rir.e' besehligte. Unser Kapitän, das war einer - ja, das war einer!“

Die Augen des Sprechenden glänzten, sein Gesicht belebte sich. Lenpold nickte ihm bestätigend zu. wenn auch ein solcher Grün. schnabel von einem Matrosen keine Ahnung von der Ausgabe eines Kapitäus habeu konnte . . . das begeisterte Lob that dem Alten doch wohl. Ilse hielt die gesalteten Hände aus den Knien, ihre Augen hingen an Rols Görnemanns Lippen mit einem.. er. greisenden. Ansdrna von Seelenangst nnh Spannung.

„Wir befanden uns auf. der Rückfahrt von Schanghai nach Hongkong bei der Insel Formosn“ setzte Rolf feinen Vericht fort. „Aae an Vord waren heiter und gnter Dinge, in der Ansacht, bald an Land zu.kommen was wir lange nicht geschmeckt hatten. Die See war ein wenig trüb und träge, aber das ist ja dort ost so. Daß in diesen Gewässern der Taifun sein Spiel hat, wnßten wir wohl, hatten jedoch keine Sorge deshalb. Sie sind wohl auch im Chinesischen Meer gewesen, Herr Kapitän?“

,O ja!“ erwiderte Lenpold trocken. „Ich kenne die Gegend.“

„Das dachte ich mir. Also, wie gesagt, aaes war .bei guter Laune... Mir ael nur aus, daß der Kapitän so viel mit dem ersten Lientenant redete, und daß sie beide so ansmerksam durchs Fernruhr sahen Gegen mich war nnfer Kapitän immer sehr gütig, er kannte meine Familienverhältnisse“ - hier wurde Rols Görnemann rot

- „ünd bewies mir viel Interesse. ^ An jenem zwölsten Iannar nun hatte ich eben nichts besonderes mehr zu.thun, ich bat daher uusera zweiten Lieutenant, der ein ganz prachtvoaes Taschenferm rohr besaß,. es nur einmal zu.geben, er holte es hervor, schranbte es zurecht und sagte. .Was woaen Sie jetzt dadnrch sehen, Görnemann? Himmel und Wasser schauen ganz gleichmäßig lang- weilig aus, und nach Land können Sie noch lange Augen macheu!' Ich gab irgend eine Antwort und sah durch das Glas - in dem. selben Angenblick hörte ich den Vefehlt ,Aae Mann auf Deckst und konnte nur noch fern, fern am Horizont ein Etwas fehen, eine Wolke, einen Schatten - aber nun wnßte ich auch schon das war der Taifnn! Einen blitzgeschwinden Rnndblia warf ich noch durch das Fernrohr, mir war, als sähe ich ganz ferne auch ein, zwei Schiffe

- aber das weiß ich nicht mehr so genan, ich fühlte nur noch, wie mir der. zweite Lieutenant das Glas aus der Hand riß, und ftand in der nächften Minute an meinem Platz auf Deck.“ Rolf atmete. ein paarmal. tief auf. .„Ich brauche Ihnen Herr Kapitän, keinen Taifun zu beschreiben, ich könnte es auch nicht Es kam aaes. so uubegreifach, so entsetzlich schmab.- man verliert den Kops in solcher Gesahr, kann nicht beobachten. Es geschah, was notwendig war, um dem Unglüa zu begeguen, mit wirklich fabelhafter Geschwindigkeit, aber der Taifun war noch geschwinder. Die Wolle kam heran, wuchs, wuchs so grauenhaft schnea, daß plötzlich aaes dunkel wurde, und ehe wir noch die Luken geschlossen,. aae Rettungsboote bereit gemacht hacken - wir arbeiteten, daß uns der Schweiß vom Gesicht troff - war schon der Taisnn heran. Das ist kein Swrm wie ein anderer, der das Schiss nur auf eine Seite legt, dem man beikommen kann! Diefer packt sein Opfer von aaen Seiten zugleich, öffnet einen lochenden Strudel gleich einem

ungehenren Trichter und schlingt das Schiff hinunter wie ein Hai. fach die Veute. Eine teuflache Wut ist in ihm, ein Vrüaen, ein Henlen in den Lüften, ein Toben in den Waffern, daß man taub zu werden meint. Ich erinnere mich, daß ich einmal etwas wie einen Kanonenschuß hörte und wieder einen - aber so weit her, so gedämpft - es konnten Schiffe in Rot sein, ich konnte mich aber auch geirrt haben. Anch die ,Ri.re' löfte einen Schnß. Soviel ich benrteilen kann, thaten alle unsere Leute musterhast ihre Schnldigkeit. Einmal in all dem Chaos sah ich uuseru Kapitän er stand auf der Kommandobrücke, blaß wie der Tod, aber so ruhig, mit einem Ansdrnck im Gesicht, den ich nie vergessen werde. Die eine Hand hatte er aus die Vrust gedrückt, als halte er da etwas sest - ich sah ihn ja nur einen lnrzen flüchtigen Angenblick, aber das Vild hat sich mir unauslöschlich eiugeprägt. Dann ein sürchter. liches Krachen - ich hörte den Rnf. „In die Vvote! Die Voote los! Das Schiss ist leck!“ und nun wußte ich, daß wir wahr. scheinlich aae umlommen würden, sicher aber der Kapitän selbst, der so unerschütterlich aus seinem Posten stand. Die Leute verloren den Kopf, leiner dachte mehr an den andern, jeder nur an sich selbst. Die Retwngsgürwa anzu.egen, dazu.war leine Zeit - der stürzende Gischt begrnb das Schiff, und die wütende See fegte die Leute, die zu.den Retwngsbooten liefen, hinweg gleich lofer Spreu. Man hörte sie nicht schreien - was hörte man überhaupt in diesem rasenden Tumult! Zn einem unentwirrbaren Knänel zusammen.. gebaat, wälzte, stürzte sich aaes vorwärts - ich wurde mitgerissen, fiel aus die Knie, lag platt zu Voden, taumelte wieder aus, bekam eine eiserue Stange zu fassen und hielt mich daran mit aaer Krast meiner Hände. Da schlag eine nene Swrzsee herein und riß zwei von den Retwngsbooten hernnter, im Ru wareu die Trümmer in der Tiese verschwunden. Die Menschen waren nun wie wahnsinnig. Ich hielt mich mit blutenden Händen am Eisemseft. Wohin? Wo. hin? In das einzige Retwngsboot dort unten, das hnndert und mehr Menschen in sich aufnehmen foate? Wie ich dazu.kam, mich über den Schiffsrand zu.werfen und etwas zu packen, was da herabhing, das weiß ich heute nicht mehr. Ein Stück ließ ich mich mechanisch abwärts gleiten, ich wurde hin und her geschleudert, glitt wieder, ließ mich dann herabsaaen wie einen Sack - und fand mich im Voot, wo ich mich mit Händen und Füßen an eine Sitzbank anklammerte - erschöpst, halbtot.“

Hier machte Rols Görnemann eine Panse und raug uach Atem. Die Schilderung hatte ihn auss nene erregt - sein von der schweren Krankheit geschwächter Körper zitterte, das Gesicht war sahl. Der alte Lenpold nickte ernst zu ihm hinüber und klopste ihn ausmuuterud auss Knie.

„Ia, ja s- so 'ma^ wia e^lela sein! Ra, nn^ ^Nnt, nn^ Mut! Habeu Sie nicht 'u Glas Wein zu. Hand?“

Der junge Mensch nickte und versnchte zu.lächeln. Er ging zu.einem kleinen Schrank, holte eine Flasche und drei Gläser her. aus und goß einen blntrut snnkelnden Wein ein. Ilse machte eine ablehnende Vewegung. „Du trinkst!“ besahl Kapitän Lenpold kurz, und sie gehorchte zögernd.

„Ein guter Tropfen! Thnt wohl! Trinken Sie noch 'n Glas, Kamerad, Sie haben's nötig! So! Und nun - wenn Sie weiter können -“

„Ich hoffe!“ Rolf trocknete sich die Stirn und schöpfte tief Atem, dann snhr er fort. „Unmittelbar nach mir fprangen und aelen noch andere ins Voot,. es war zuvor schon halb gefüat ge. wefen jetzt war es so befetzt, daß es bis zum Raude sank. Der erfte Lieutenant war auch dabei, ich glaube nicht, daß er frei. wiaig ins Voot gefprungen war, sie werden ihn mitgeriffen haben, denn er gebärdete sich wie ein Unfinniger, focht nat den Armen und woate mit Gewalt zurück auf das fiukeude Schiff. Dazu schrie er dicht neben mir aus voaer Kraft seiner Kehlet Rettet den Kapitän! Rettet den Kapitän!“ Ratürlich dachte nie. mand daran, ihm den Wiaen zu.thun - wie wär' es auch mög. lich gewesen! Und wieder neue Leute vom Schiff ins Voot, sie fprangen uns andern geradeswegs auf die Köpfe, wälzten sich über uns hinweg - abermals eine nene Swrzfee, und aae die zuletzt Gekommeueu wareu ausgeschwemmt. Dann trieb unfer Voot plötzlich weg von dem Schiff, und das war nnfer Glück, denn die ,Rire' fanl. Ein einziges Mal noch wandte ich den Kopf zurück und sah, wie das Schiff sich mehr und wehr neigte, ein schwerfäaiger Koloß, der den Todesftoß erwartete^ auch den Kapi- tän glanbte ich zu erblicken flüchag wie im Leuchten eines Vlitzes, [306] 

auf der Kommandobrücke - zwei, drei Männer in seiner Rähe. Und dann fühlte ich unfer Boot gleiten - gleiten tn eine nnermeß. liche Tiefe, ein sürchtbarer Wasserschwack prackte gegen uns an - ein Wehgeschrei aus huubert Kehlen zu.leich, so schrick, so durch. dringend, daß ^es mir heute noch durch Mark und Bein geckt - mein Kopf schlug gegen etwas Hartes - Waffer überack - ein Gefacht des Erstickens und ich verlor die Besinnung. - Das erste.. avas ich empfand, als ich wieder einigermaßen zu. Bewußt. sein kam, war ein schneidender Schmerz um die Brnft, und nun merkte ich, daß er von einem Strick herkam, mit dem ich um den Oberkörper fest nmwickelt war,. und daß ein paar Männer mich hoben und stützten. Um uns brandete und brauste es wuner noch, das Boot flog wie ein Vack hin und her. Ich war so kraftlos wie ein Kind, eine grenzenlose Gleichgülckgkeit gegen mich selbst und gegen mein Dasein erstickte mich. Ich hatte wohl einen Angenblick die Empandungt Du bist vieckeicht von den Hnnderten auf der .Ni^ der einzige, der mit dem Leben davongekommen ist, aber es ließ mich ganz kalt, mich, der immer so gern gelebt hatte! Was mit mir wurde, wer sich um mich bemühte und mit welchen Ersolg - es berührte mich.. nicht. Die Männer in mei. ner Rähe hoben mich aus und hißten mich empor, so gnt es gehen wockte. Natürlich gwg es schlecht, da ich wie ohne Glieder war und gar nicht mithelsen konnte. Aber ich wurde doch an Vord eines Schisses gezogen und sank dort hilflos zu.ammen ein Wrack von .einem Menschen Ein Dutzend fremder Gesichter neigte sich teilnehmend über mich, Cognaeslaschen erschienen von acken Seiten ^ ich schluckte mühsam und fühlte mich besser. Als ich wieder ganz zu mir selber kam, merkte ich, daß der Orkan etwas nachge. lassen hatte. Mühsam richtete ich mich auf und fpähte und spähte. Kein Schiff zu.sehen, so weit das Auge reichte - die .Nire“ war nntergegangen mit acken, acken, die darans gewesen waren - außer mir, dem Einzigen!“

Rolf Görnemann fenfzte aef auf - er war mit seiner Er. zählung am Ende. Der alte Lenpold preßte ihm fwmm die Hand, daß sie sch merzte ^ Ilfe sagte kein Work Der Kapitän machte dem jungen Menschen ein Zeichen, er möge dies ihrem Schmerz zu.nte halten, es ihr nicht übelnehmen. Langsam, wie ein gebrochener Mann, erhob er sich von seinem Sitz. „Komm, mein Mädel! Sag' dem jungen Herrn Deinen Dank - er verdient's!“

„O, Herr Kapitän ich bitte Sie! Gnädiges Fränlein - ich -“

Ilse aber hob gehorsam die Hand, reichte sie Rolf Görne. mann und sagte mechanisch.^ „Ich danke Ihnen!“

Dem jungen Menschen stiegen die Dhränen in die Augen, als er die schmale Hand küßten fwmm geleitete er seine Gäfte bis zu. Thür. Was hätte er ihnen zum Troft sagen können? - -

Oheim und Richte traten den Rückweg in ihren Gasthof an.

„Ian Grenboom, Du gehst gleich zu.meinem Schwager, dem Herrn Varon von Doßberg - Du weißt doch, wo er wohnt?“ „^m!“

„Und sagst ihm mit wem schönen Gruß von mir - aber gnt auspaaen, verstanden?“ „Hm!“ .

„Du sagst ihm also, ich wär' mit seinem Mädel, der Ilse, glücklich wieder aus G. zu.ück - das heißt, heil und gesnnd, glücklich nicht! Denn die verdammte Zeiwng hat die Wahrheit gesagt, die .Na.e' ist hin mitsamt ihrem Kapitän - na, da kann ach ja mein Herr Schwager selbst 'n Bers dranf machen! Und nun wär' sein Mädel 'n bißchen kopntr ........... und schlafen hätt' sie

so gut wie gar wcht können, und weil sie den Herru Papa doch bloß immer ansheitern und ihm Komödie vorspielen muß - nein, halt' 'mal, das sag' lieber nicht! Vloß, sie hielt' es einfach jetzt nicht aus, ach da zu.ihm hinzu.etzen und ihm in acker Vergnüglich. keit um den Vart zu.gehen. deshalb behalt' ich sie hier bei mir bis zum Abend und schick sie oder bring' sie ihm selbst ins Hans. Und er sock sich's nicht beikommen lassen, sie irgend 'was zu.fragen. Da ist nichts zu.fragen - Schiss und Kapitän sind verloren, Pnnktum! Sie kann nichts reden, sie sock in Rnh' gelassen werden, drum bleibt sie den Tag über bei mir. Ackes verstanden?“

„Ob!“

„ Ackes gehörig an den Mann bringen?“ ,Ol^

„Ra, dann trock' Dich und halt' das Manl und sag', was Du zu.sagen hast! Die Dido läßt Du zu.Hanse - Du kannst doch nicht wie 'u Enlenspiegel durch die Gassen laufeu! Komm her, Frauenzimmer!“

Das Aefscheu that eweu beheudeu Satz von Ian Grenbooms Arm zu Kapitäu Lenpolds Schulter^ eifrig griff sein Händchen in eine von feines Herrn Rocktaschen und brachte ein paar Rüffe zum Vorschein, die es hurtig auskuackte.

„Wart', Du unverschämte Kreawr! Wer heißt Dich ohne Erlanbnis Rüsse holen? An die Kette mit Dir!“ In der Nähe von Eatos Vaner, in dem dieser gerade die waghalsigsten Tnrn. übungen ansteckte, .wurde Dido an die Kette gelegt, eine Prozednr, die der Papagei mit einem schmeckernden Hohngelächter begleitete.

Der alte Lenpold trat zu Ilse ins „Achterdeck“. Das junge Mädchen saß dn ein Schmnckkäsichen von edelster manrischer Arbeit und eine seine veneaanische Goldkette im Schoß, die sie scheinbar mit großer Anfmerkfamkeit betrachtete. Es waren Geschenke ihres Onkels, Reiseerinnerungen, die er eben seiner Richte verehrt hatte, und das war viel von ihm, der auf diese Dinge jederzeit so großen Wert gelegt und bisher noch kein einziges Stück von feinen aus. ländischen Einkänfen weggegeben hatte. Ilse sah aus, als Lenpold hereinkam und sich neben sie setzte.

„Möchtest gewiß wissen, wie ich alter Weiberfeind. 'mal dazn gekommen bin, mir ackertet Franenzimmertand in fremden Ländern auf den Hals zu.laden, was?“

Ilfe merkte die gnte Abficht, sie zu.zerstreuen und nickte mit einem schwachen Lächeln.

„Ia, damals, als ich das Zeng kanfte, war ich noch kein alter Weiberfeind, fondern ein junger Weiberfreund! Sonderbar, das jetzt von mir zu.denken, hm?“

„Eigentlich nicht, Onkel! Du kannst doch nicht immer so gewesen sein, wie Du jetzt bist.“

„Rein, natürlich nicht! Lang' her freilich, daß ich auf Schmnckkram für Weiber Jagd machte! Hing mit der zu.ammen!“ Er dentete rückwärts mit dem Damnen nach der „büßenden Magda. lena“. „Hast Du Dir nie - aber anfrichtig sein, Prinzeß Ilse!^ den Kopf drüber zerbrochen, wer sie“ - wieder die Bewegung mit dem Danmen - „ gewesen ist?“

„O ja. Onkel, das hab' ich gethan.“

„Ra, versteht sich! Acke Franenzanmer sind nengierig wie die Rachagacken! Dann hast Du wohl auch. die Geschichte nicht geglanbt, die ich acken Lenten auf die Rase band, daß mir das Vild in Florenz geael und ich mir's deswegen hab' kopieren lassen?“

„Rein!“

„Ift auch kein wahres Wort dran. Von Anfang bis zu.End' gelogen! So eine wie die da hat's nämlich gegeben - ganz genan so eine! Wo ich sie gefnnden hab'? Zn Aberdeen in Schockland ift's gewesen. Wir hatten Unglück gehabt auf dem .Albatros^, so hieß damals mein Schiff, und 'n gntes Schiss war's und 'n wickiges Schiss, haben viel zu.ammen dnrchgemacht, der .Albatros^ und ich! Also unn kapntt,. und mit Müh' und Not in den Hafeu geschleppt und in die Docks gebracht zum Ansbefferu Na, das dauerte lauge, und uuterd.esseu konnt' ich sehen, wie ich mir die Zeit ver. trieb. Und ich hab' sie mir vertrieben, wnnderschön sogar, die Tage und Wochen slogen. Anf der Straße, wo ich hernmlungerte, bekam ich sie zu.sehen - und gleich wie 'n Verrückter, weg in .derselben Minnte - Vlitz und Schlag! Also ihr nachgestiegen und gesehen wo sie wohnte, ansgeknndschastet, wie sie hieß, ob sie noch zu.haben war - na, und was ich sonst noch branchte. Am andern Tag ihre Vekanntschaft gemacht - ja, so 'n Tenfelskerl war ich damals - griff mir schlankweg das schönfte Mädel aus ganz Aberdeen. und dachtet das gehört sich nicht anders, und das ackerschöufte ist für mich gerade gut geung. Das Wnnderliche dabei war, daß ich ihr gnt genug war. Keiue acht Tage, da wareu wir verlobt und ich rew wie besessen wie tock - überhaupt keinen andern Gedanken als sie, und bei jeder Eriuuerung an Trennung schwach wie 'ue geknickte Lilie! Fort mußt' ich nber schließlich doch, in wem halbeu Jahr indessen, da sockt' ich wieder. kommen und sie gleich. mitnehmen nach Siam, so war's verabredet worden, und sie frente sich mächtig aus die Seereise und auf Siam

^ und auf nach - ja,. auch auf mich, sagte sie. Ich alfo unter. wegs für sie ewgekanst, was meiue Augen sahen - sie war arm, aber ich saß schou ganz hübsch in der Wolle, und konnte ich's

i besser anlegen als so? Ackerhand Krimskrams handelte ich ein, [307] anch das Zeug, das Du da jetzt .auf dem Schoß hältst, wud die Kajüten in meinem alten ^Albatros^ ließ .ach sein machen mit Deppichen und Bilderu und Vorhängen wie für we Priuzeffw. Und dazwischen schrieb ich .Briefe auf Briefe und fenfzte und baugte mich wie w Schmachtlappem Ich fag' Dir aber auchs 's war der Mühe wert! Meiue Augen haben manches Schöne ge. ehen und seheu es auch heute noch“ Kapitän Leupold ueigte einen kurze derbeu Rackeu ein weuig gegen seine Richte, um an. zudeuten das falle ein Kompliment für sie sein - „aber gegen jene aus Aberdeen kommt sobald nichts aus. Wenn die ihre rote Mähne .schüttelte und die Augen so spieleu ließ- hei, wie konnten dw Mannslente da des Teufels sein! Uud als dauu aaes in Bereitschaft war, Schmuckfachen und Kajüte und schöue Kleider, da fuhr ich hin, nach Aberdeen, sie zu.holen, mitzuuehmeu . . . wer aber nicht in Bereitschaft war, das war sie. Einfach auf und davon mit 'nem aotten Spanier, der nach mehr Geld gehabt und ihr am Ende nach besser gesaaen hatte als der fimple Schiffs. apitäm . Mich hatten die Leute schon manchmal gewarnt und zu. meift der Inlins Kamphanfen, der Vater Albrechts. Der hatte immer gefagt trau' nicht! Wie mir zu Mnt gewesen ist, das kann ich nicht beschreiben und will es auch nicht. Rnr gnt, das.. mir keiner sagen konnte, wohin sie sich eigentlich gewendet hatte, und daß sie auch weiter verschicken blieb. Ich war 'ne Zeit lang in salcher Verserkerwut, ich hätt' sie totgeschlagen^ wenn ich sie ge. fuuden hätt'! Aber sie war längst fort, und die Welt ist groß. Alfo fetzte ich mich denn ackein in meine Prachtkajüte und fnhr nach Siam und fpiegelte mich in.ack den Herrlichkeiten, die ich ihr zulieb in meiner Verrücktheit anfgespeichert hatte. Eine reizende Hochzeitsreise war's und pruchtvaae Flitterwoche hab' ich gehabt. Sanst war ich kein schlimmer Kapitän, und meine Mannschast hat mit mir zufrwdeu sein können -aber die damals mit mir auf dem .Albatros' uach Siam gefahreu sind, die haben des Glaubens sein müssen, sie hätten den leibhaftigen Deufel an Vard ftatt 'ues ge- wöhulicheu Kapitäus. Ich woate mit Gewalt aus meiuer Haut 'raus, na, und das gab 'nen bösen Danz ab. Sa nach und nach, da wurd' ich mit mir fertig, aber mit den Weibern auch, ich hab' 'nen Strich gezagen, 'nen harten Strich, da dars mir kein Franem zimmer 'ruber. Deu Arakel ^Herz'e den hab' ich abgeschasft, für den hatt' ich keine Verwendung mehr. Wie ich dann nach 'u paar Jahren 'mal uach Flareuz gekammeu bin und mir zu meinem Zeitvertreib auch im Palazza Pack die Vilder befehen hab' - ich feh' gern gnte Malereien an - da mußt' ich beinah' lant anf- lachen, als ich die „büßende Magdalena“ da hängen sah! Die? Das ist ja Deine schöne schattische Frenndin, wie sie leibt und lebt! Solch 'ne weiße Hanl hat die auch gehabt und solch rates Haär in wilden Lacken - und auch ebenso schöne sündige Augen, die ganz so, ganz so durch heae Dhränen zu.mir anssahen, als sie von mir Abschied nahm .... blaß daß sie sich kurze Zeit darans ganz muuter und, versteht sich, ohne Dhränen in der Welt um- sahen ab nicht einer käme, der dieseu Augen am Eude uach besser gefiele als der verliebte Seemaun. Die dart in Flarenz, die hat ein Mann gemalt, der schan ein paar Jahrhuuderte tat ift- meiue Schotau kann ihm alfa nicht Madea gesessen haben. Aber weil ich gern 'ue Eriuuerung habeu waate an die größte Verrücktheit meiues Lebeus und auch 'ne Warnung, abgleich ich mich für ganz geheilt hielt, fa ließ ich mir das Ding kapieren, und 'u schöues

Stück Geld hat.'s mich gekaftet. Gut ia's aber geraten so gut,

wie .'ue Kapie werden kann. Da häugt sie uuu und büßt und ewt auf ihre Art, und ich seh' sie uie an, ohne daß mir ackerlei edaukeu kommen. Das eine aber sag' ich Din Prinzeß Ilses ein Mensch .uns der Welt kennt diese Geschichte außer Dir, und sagst Du irgeud eiuem ein Sterbeuswort davou, dauu sind wir geschiedene Leute! So schlecht aber denk' ich nicht von Dir

wenn einem Franenzimmer aus Erden dann tran' ich Dir. Und weil Dir das Meer den Liebsten genommen hat, darum hab' ich

Dir dies Kapitel von der ..büßenden Magdalena erzählt .... Glaub' mir, der ist noch übler dran als Du, dem das Leben das Liebste

raubt! Das Meer - dabei ist Gottes Dhat, und Gott kann geben und nehmen aber des Menschen eigene Drenlosigkeit und Schlechtig- keit die macht uns das Herz im Leibe tot und um solch 'n Menschen- herz ist's doch manchmal schade, ja, manchmal schade!“

Ilse sagte. kein Wort zu.Leu.pol.ds Erzählung, aber.sie hatte zu.ehört, die Genugthuung wurde ihm - ihre Augen bewiesen es. Er nahm ihre Rechte und klopfte 'mit seiner Hand darauf, sehr

sanst und zart, wie er meinte. Aber Erich Lenpold hatte es ver- lerut, Liebkosungen anszu.eilen es tpar gar zw lauge her, .daß er sichdariu geübt hatte. Eiue seine Mädchenhand, die verstand er nicht mehr zu.behandeln wahl ader eme wnnde Mädchenseele - Ilse fühlte, wie ihr die Rähe dieses seltsamen aaen „Weiber- seindes“ merkwürdig gnt thak . Der Alte wäre sehr erstanüt.ge- wesen, wenn er dies gewnßt häae, er, der^ wit dem Artikel „Herz“ schan so lange, lange Jahre gänzlich ausgeräumt zu habeu glaubte.

„Mädel,“ sragte er endlich in die lange Sticke herein, „hast Da Dir an der Nacht, wo Du gar nicht geschlasen hast in Deinem Unverstand, irgend 'was über Deine Znknnst zu.echtgelegt? Ich mew' bloß ... so wie ich Dich kenn' - immer uebeu dem Herru Papa dasitzeu -“

„Reiu, ueiu, Oukel Erich!“ Zum erstemal blickte und sprach Ilse ein wenig lebhafter.. „Das möchte ich nicht, das halt' ich nicht aus! Etwas zu thun muß sich für mich anden, muß, sag'

ich Dir, wenn ich nicht kläglich an mir felbft zu Grunde gehe sack, irgend eine Aufgabe muß da fem, an die ich meine ganze Kraft' setzen kann - '

Lenpald nickte befriedigt. „ Recht fa! Ra, da hab' ich mich 'mal nicht in 'nem Menschen getäuscht, abgleich der Mensch 'n Frauenzimmer ist. Ratürlich, 'ne Ausgabe! Aber welche?“

„Ich kann mich van Papa nicht trennen, Onkell“

„Das ist unmöglich! Er, der ahnehin kanm halb mehr lebt und ich fort von ihm .... nein, niemals!“

„Hm! Aber wenn nun - fieh 'mal, ich mew' ja blaß fo- aber wenn nun, der Mensch sock lieber gleich an ackes denken na, wen briugt uns der alte verrückte Dapir, der Ian Grenbaam, denn da zum Haus geschleppt?“

„Ich kann jetzt niemand sehen, Onkel!“

„Versteht sich! Was sacktest Du jetzt mit Meuschen? Aber

das Rilpserd muß seinen letzte Rest vau Verstand eingebüßt haben, weiß, wie hier die Sachen stehen, und bringt 'nen Fremden nein, 's ist dach kein Fremder! Uberwind' Dich 'mal, Prinzeß, sieh. zu. Fester hinans! Ift das nicht Ener Daktar Marschewsky?'^ „Um Gatteswiaen, es wird dach nichts mit Pa.pa“ - das junge Mädchen war ansgesprungen und an die Dhür geeilt. Ehe sie diese erreicht hatte, öffnete Ian Grenbaam sie schan van anßen

und schab mit ein paar vöckig nnverständlichen Knnrrlanten, die

vielleicht eine Ankündigung, vielleicht eine Entschnldigung bedenten saaten, seinen Vegleiter über die Schweae.

Daktar Marschewsky war ein seiner ältlicher Herr, nach sehr hübsch und beträchtlich eitel, was ihn aber nicht hiuderte, zugleich ein vortrefflicher Arzt zu sein, der ein bewuudernswert ficheres Auge, eine feste und dach leichte Hand befaß und famit das Zntranen seiner zahlreichen Kranken vaaans rechtferagte. Mit den Daßbergs war er feit langen Jahren in Verbindung und hacke sich dort im Hanfe aagemach die Steaung und Rechte eines Frenndes erworben.

Mit einem freien und leichte Auftand, der den varnehmen schlanken Mann güt kleidete, verneigte er sich vor Ilfe und dann vor Kapitän Lenpold. „Verzeihen Sie güagft mein Eindringen, Herr Kapitän. Ich weiß, Sie find kein Frennd von nnerwarteten und ungebetenen Vesnchem Schieben Sie den meinigen aus die Dringlichkeit der Sache, die den Anlaß zu.meinem Erscheinen giebtl'.'

^ Der Kapitän nahm die dargereichte franenhaft zarte Männer- band und drückte sie mit seiner brannen „Datze“ kräfag, dann rückte er dem Gaft einen Stnhl zarecht.

„Setze Sie sich hin, Doktor, und reden Sie!“ Der Arzt nahm zuuächst Ilfes Hand und küßte sie.. „Ich war bei Ihrem Vater, liebe Isolde, als der Vote des Herrn Kapitäns kam. 'Ich weiß nicht, was Ihnen geschehen ist, Ihr Vater hat .es mir nicht gesagt. Wird das, was ich Ihuen jetzt mitzuteaen. für meine Paicht halte, als Arzt wie als Frennd, einen nenen Knmmer, eine nene Sorge hinzufügen . . . . dann, dicke, vergeben Sie mir! Wir Mensche können nur nach nnserem besten Ermessen handeln, nnser Wissen ist Stückwerk, und einer höhern Macht bleibt es vor-

behalten, was wir in nnserer Knrzsichagkeit schaue, zu durchkreuzen

oder zum glückliche Ende zu fuhren“

Kapitän Leupold ließ ein ungeduldiges Ränspern hören. Was sockten aa' die schönen Redensarten?

„Ich komme zu. Sache!“

^ . . ^Fortsetzung folgte

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 19, S. 318–322

[318] [319] 

.den, offenbar zur Reife gerüstet und in der heiterfteuStimmung. ^e Bnrschen mit den Handkoffern und Mänteln ftanden ein wenig beiseite. Eiu dienstfertiger Kellner trüg ew Vrett mit kleinen ge. fückteu Coguaegläferu heran, deck „Steigbügeltruuk“, der mit fabel. hafter Geschwiudigkeik erledigt wurde.

„Mock, verschlnckeu Sie sich nicht, Sie fiud schou rot geung!“ ..Möchte wissen.. weu das was augeht, mein Gefschks“^- „Na, .a“ ^ „Seheu Sie, Zeuo, das hat ersetzt übelgeuommeu! Fäugt ck.an!“ - „Noch schöuer! We^ heut 'was übeluimmt, der-“ „Eiufteigen,. meiue Herren! Es läutet ab!“ Unter gewalagem Lärm wurde ein Eonp.z in Veschlag ge. ..mmen.

„Vis wie weit, meine Herren?“ fragte der Schaffner. „Keiue Idee, wie das Neft von Station heißt! Wer hat denn eigentlich die Fahrkarten genommen?“

„Zeuonatürlich, wer fonft!“ - „Zeno, wie heißt doch gleich rs Ding, wohin wir fahreu, drei Staaoueu vor ..Perle'?“ - Altwerder! Zwei, vier, fechs Fahrkarten! Hier^ Sie Biedermann!“ Der Zug fetzte sich in Bewegung. Der klewe Zeno faß da, weit vornübergebeugt, den Säbel zwischeu die Kuie geklemmt, die Eigarette im Muude, hefag dampfeud. Sein mageres brünettes Gesicht sah beinahe fwfter aus, seine um die Kuie verschräukteu Häude triebeu ein uuruhiges Spiel. .

„Nuu fehl den Kleiueu an!“ - „Redeu Sie auch w Don Zeno?“ - „Wo fehlt's deuu?“ - ,.,Sitzt da wie we mäuuliche Kafsmdra!“ - „Er macht sich Sorgen nms ausgelegte Geld!“

Zeuo zuckte bloß die Achseln Oefterlitz, der sich im Lauf der Zeit mit ihm befreuudet hatte und uebeu ihm saß, ueigte sich zu ihm herab und sagte leifet „Was ist deuu los?“

„Ach, nichts!“ brnmmte der Gefragte zu.ück. „Kauu bloß nicht in einem fort so nathalteu und Blech reden So kiudisch zu sein acke zusammen!“

„Na, lassen Sie! Fahreu ja doch zur Hochzeit!“ ..Ift's eben! Hochzeit! Als ob das so eine wär', wie sie acke Tage fiud ! Ich - wenn man so weiß, wie ackes gekommeu ist . .

. „Sie hat's ebeu ihrem Alleu zulieb gethan, natürlich! Ob das aber wirklich wahr ist, daß sie sich Montrofe felbft angetragen hat - ich war ja nicht hier, weiß nichts Näheres.“

„Augetragen - das ist ein bißchen viel gefagt. Denn als sie mit ihrem Vater so Knack und Fack von .Perle' wegging und hier. her nach St. zog, da hatte Montrofe schou 'mal um sie geworbeu.

Aber sie - damals uuhm sie ihn .noch nichts schließlich konnte sie

auch nicht wissen, daß dem alten Doßberg dieDreunung von^Perle gleich aus Lebeu geheu würde.“

„Höreu Sie 'mal, Zeuo, glauben Sie denn das in ackem Ernft?“

. .^,Ia, das thu' ich! Ich hab' deufelbeu Arzt wie die Doß. bergs, feit Jahren schou., Morschewsky, refpektabler Meusch, der fagts, und der fpaßt mit folcheu Geschichteu nicht. Uud da hat denn die schöne Ilfe

,.,Keiue Geheimniffe hier!“ rief ein Kamerad die beiden Freuude zur Orduung.

„Wenn ich Geheimuiffe habeu wick, dauu hab' ich sie!“ gab Zeuo mit eiuem scharfeu Vlick zurück.

„Nn na! Nur nicht nugemütlich!“ rief der dicke Mock da. zwischen. „Laßt doch die zwei zusammen wschelu, weuns ihueu .Spaß macht! Wocken uns unterbeffen schon die Zeit vertreiben. Hat keiner von den Kameraden zufällig 'n paar Würfelchen bei sich? Hier. meine .Reisetasche dient als Tisch.“

Widersprach und.Gelächter wurde laut, die beideu in ihrer Ecke kouuten ihr Gespräch unbeheckigt sortsetzeu.

^Also die schöne Ilse?“ fragte Oesterlitz. ....

„In sie hat mit Montrofe eine lange Unterredung gehabt, des Vaters wegen. Was sich die beiden dabei gefagt haben, weiß natürlich keiner, obgleich ich was drnm gegeben hätte, dabei zu sein. Das Ende vom Lied war die Verlobung, die wie 'ne Bombe an die ganze Stadt .fiel. befonders ins Regiment.“

.„Was wohl Georges Montrofe snr Augen dazu.gemacht hat?“ ^^^Hat wemand gesehen! Er war ja verreift .- Sie wissen, er wollte dieser unangenehmen Geschichte mit der kleinen ungarischen Sängerin uns dem Weg gehen. Hatte esatark getrieben in dem letzten halben Jahr. War wie verrückt in die schöne Ilfe verliebt. .Na.. ße hat ihn kaum augesehen und der eigeue Alte kam ihm ..ins. Gehege. Da ist er denn fuchsteufelswild geworden, .und die kleiue Uugarin hat Belsen mussea - trösten! “ .....

,^.Ia, erlauben Siet mit Spielhöcke und ackem, das ist denu doch ein etwas ausgiebiger Traft!“

..Gewiß! Das fand der Kommandeur auch und hat Montrose zu.feinem Urlanb noch eine Ermahnung mit in Kanf gegeben, die nicht von geftern. gewesen sein wird. Sie kennen ja den Oherft! Der fackelt nicht lange, da heißt es einfacht .Kommen mir tioch einmal folche Geschichten zu.Ohren,. mein Lieber, dann dankt mein Regiment für die Ehre .und Sie können ach 'mal die überseeischen Gegenden besehen, wenn Sie wollen^ Das hat der Alte gesagt, darauf können Sie sich verlaffenl Und zu dem ackeu spielt das Schicksal dem Montrose setzt noch den Geniestreich und giebt ihm die schöue Ilfe Doßberg zur SUefmncker!^ ^

„Meinen Sie, daß er bei der Hochzeit anwefend fem wird?“ „Mnß, ob er wick oder nicht! Elwnenee ebenfo, die sich gleich nach ihres Vaters Verlobung darauf befauu, daß Paris doch eigeutlich eine reizende Stadt sei, und Knack und Fack dorthiu ab. reifte. Aber der alte Montrofe hat seine Sprößlinge .sest am Zügel, denn er hat das Geld, sie branchen es - alfo hal er sie buchstäblich in der Tasche. Sie .kommen, kommen beide zur Hoch. zeit, ich weiß es bestimmt. Glaubeu Sie denn, das Regiment wäre mit sechs Einladungen zu diesem Fest bedacht worden wenn nnser lieber Georges nicht dabei wäre?“

„ Ia, uatürlich, ist schau richag ! Aber wird d er 'ue Wut habeu ! “ „Uud ob! Zumal .... man munkelt da dies und jeues. daß Moutrose ein Testameut gemacht, seine Kiuder.mit Geld abgefuu. den und, facks Erbeu aus dieser seiner zweiten Ehe hervorgehen, ihnen die .Perle' verschrieben haben fock. Wenn das den jungen Montroses zu.Ohren kommt ich fleh' für nichts!“

„Sie machen sich nichts aus dem Kameraden Montrofe, Zeno?“ „Rein, thn' ich nicht! Sehen Sie, Oefterlitz, flottes Wefen und Schneid', so 'was laff' ich ackemal gelten, und wenn einer damit ein bißcheu über die Schnur haut, da drückt man schou ein Auge zu. Aber der Georges Moutrpfe -fo ein reiuer Genußmeusch und weiter gar nichts, und dann diese Leidenschaft für den Mammon . . . fetzt Ehre und Selbftachwng und ackes anfs Spiel, bloß ums Geld - pfui Teufel!“

„Ra, recht habeu Sie schau! Was ist übrigens aus dem schöueu Vacha geworden, feit er sich nach M. versetzen ließ? Hat er 'mal an irgend einen hier geschrieben?“

„Wird sich hüten! Was sock er schreiben? Daß er.dortfort. fährt, Schulden zu macheu, ebenfo wie hier? .Oder daß er sich um eine reiche getanste Iüdin bewirbt, wie mw der schwarzeHasko nenlich aus M. berichtete?“

„Hören Sie, Zeno, noch eins! Hat man denn in St. viel von dem fonderbaren Vrantpaar, ich meine Montrofe und die schöne Ifplde, gefehen? Ich bw ebeu erst aus dem Urlaub zurück . . .“

„Sehr weuig hat man von ihnen gesehen Der alte Doßberg siedelte sofort nach der Verlobnug uach ,Perle' über, nahm seine früheren Pflichten wieder auf und soll von morgens bis abends fieber. hast thäag sein. Die schöne Ilfe zog zu dem verrückteu Kerl, dem alten Leupold,.. in seine Kajütenwohnung, und dort hat. sie ihr Vräuagam - kurios, ach den alten Montrose als Vränagam vor. zustecken - des öfteren anfgesncht, aber beobachtet hat sie dabei keiner. Sehen Sie 'mal, ich glaube, der Mock hat zwölf Augen geworfen!“

Mock sorgte felbft dafür, daß dies Ereignis bekannt wurden er vockfülncke einen gewaltigen Lärm und fäckelte feelenvergnügt seinen Gewwn ein.

Raffelnd, keuchend sanfte der Zug in die goldene Herbftland. schaft hinein. Ew prangender Oktoberwg war's, der in den Sommer zu.ücktänschke.

Zwei Egnipagen und ein Wagen für die Gepäckftücke er. warteten die Offiziere. in Altwerder - von dort halte man noch eine knappe Swnde bis^ ..Perle“ zu.fahren. Die Herren ftaudeu mit Keuuermieue bei den Pferdeu und wareu alsbald mit den Kutschern im fachgemäßen Gefpräch. Montrofes Marfwck fing an, berühmt. zu werden, er konnte .ach mit Ehren feheu lassen. Zeuo thnk weusg mit, .er hatte. die edleu Pferde mil raschew Vlick gemustert auu mahute er .zur Abfahrt^ um drei Uhr follte die Trauung ftackaudeu, und man hatte sich noch umzukleiden. - ^ .. In ^ Wolframskapecke läuteteu die Glocken e ne hackeu manchem Doßberg den ersten Willkommgruß, den Segenswuusch für den Ehebnud, den letzten Abschied. aas Welt und Leben ver. kündet. Ihre. ebe.rnen.Sawmen schwebten feierlich durch die klare Lnst^.und.. langsam wand. fich^ der .^üg^ der. die Wagen verlassen [320] hatte, den Hügel hinan, auf dem die alte Kapeae ftand. Es war kein großer Zng - eine ftiae kleine Hochzeit soate es sein, hacke die Vrant gewünscht, die noch um ihre Mucker trauerte, und man hatte das erklärlich gefuudeu. Riemand von den Gäften hatte sie bisher zu.fehen bekommen sie war. nnnckttelbar aus ihrem An- kleidezimmer durch eine Seitenpforw m den harrenden Wagen geftiegen - jetzt kam sie am Arm ihres Gatten heran.

Diejenigen, die sich die schone Ilse von Doßberg als Opser. lamm borgesteat hatten, und das war weitans die Mehrzahl der Hochzeitsgesellschaft, sanden sich schwer enttänscht. Richts von einer sauft ergebenen Dnldermiene, nichts von einem entsagenden tragischen Vlick! Es war ein nener Ausdrück in dies reizende Gesicht gekommen, der es eigenarckg verwandelte, ein Zng von Schwärmerei um Augen und Lippen. In den warmen dnnkeln Augen lag ein feuchter verklärter Glanz, der liebliche Mnnd zeigte ein gerührtes Lächeln. So trat die schöne Gestalt in den weißen langschleppenden Vrökatgewändern, den Myrtenkranz mit dem dnstigen Schleier über dem Goldhaar, in den dämmerigen kühlen Raum der Wolframskapelle.

Die Döne der kleinen alten Orgel verhallten in langsamem Ansklingen. Das Sonnengold, das durch die buuten Malereien der Fenster hereinsah, verzitterte in mattroten und violetten Lichtern aus denn teppichbelegten Fnßboden. Steise vergoldete Engel mit langen Flügeln sahen wie verwnndert von der Höhe der Decke auf die beiden herab, die jetzt än den Swfen des Altars nebeneinander ftanden. Dem granhaarigen Geistlichen bebte die Stimme, als er den Eingangsgrnß sprach. Er kannte Ilse von Doßberg seit ihrer .frühesten Ingend, er hatte ihr den ersten Unterricht erteilt, hatte sie eingesegnet und ihr Geschick wit herzlicher Teilnahme verfolgt. In bangers Frage streckte sein Vlick die Vrant und dann Herrn von Monwose. Er konnte gegen den Vräntigam nichts sagen, es gab im Gegenteil rechkwiel, was für ihn sprach. Aae Verbesserungen, die der arme Varon Doßberg geplant und aus Mangel an Mitteln hatte saaen lassen müssen, hatte der neue Besitzer der „ Perle “ins Leben gernsem Das alte Schulhaus war umgebaut, eine Dar- lehenskasse errichtet worden, die Schnlkwder hatten einen schonen Spielplatz, sowie eine hübsche Bibliothek bekommen, demnächst soate ein Krankenhaus w Augriff genommen werden - ohne aaen Zweifel ein wohlwoaender, ein gütiger Herr, mit osfener Hand und heaem Verstand . . . aber doch, aber doch! Die junge schöne Ilse -konnte sie denn zu.ihm summen? Das fragte sich innerlich auch, ebenso wie der alte Pfarrer, der Landrat Melchior, der uuans. gesetzt seine Vlicke zwischen dem Paar hin und her gehen ließ und, dhne sich dessen bewnßt zu.sein, einmal nms andere den Kops schückelte bei dem Gedanken, was das wohl für eine Ehe abgeben werde . . . . und der alte Leupold fragte sich's zu aaermeist. Seine heaen Augen verschwanden fast unter den breiten gesträubten Brauen, die Sarn'lag in grimmigen Falten, und grimmig war dem Kapitän zu Sinn, als er aus seinen Schwager Doßberg backte und dann aus das Paar, wie wenn er sagen woatet „Da fieh, was Du angerichtet hast! Dein Werk ist diese. Ehe, Du bist schnld daran!“ ^

Schnldbewußt sah er dreiu, der arme Varon! Schneeweiß geworden, das Haupt lies gebeugt, als woate er nichts sehen und hören von aaem, was um ihn vorging, mit seiner nervösen zittern. den Hand unanshürlich den Hnt glückend, den er in der Linken hielt .... man erkannte ihn kanm wieder.

Vleich bis in die Lippen, den Kopf im Racken, ein mühfam erzwungenes Lächeln .um den Mnnd, ftand Elemenee von Montrofe in ftarrem raschelnden Damaft neben Mock. Dem gntherzigen und leichtlebigen Ofazier war gar nicht wohl an der Seite dieser Dame, er mnsterte sie lmmer von nenem, halb besorgt, halb miß. biaigend, und änßerte später gegen Zeno, ihm sei ganz bange ge. wesen in der Kirche^ diese Elemenee habe ansgesehen, als sei sie randvoa mit Wnt geladen, und das kleinste Fünkchen könnte eine bedenkliche Explosion herbeisühren. Und, guter Gott, wie sah der Kamerad Montrose aus! Er mußte seinen langen Urlanb benutzt haben, mn verteufelt rasch zu genießen jedenfalls gewährte er den Anblick eines Menschen, der mit voaer Rücksichtslosigkeit aus sich einaestürmt hat und mit seiner Gesnndheit nahezu.ferckg ist. Sein Gesicht, das nie besonders wohlwoaend im Ausdruck geweseu war, trug einen so ansgesprochen hämischen Zug und in seinen Augen lag so viel kalte Vosheit, daß Oesterlitz den kleinen Zeno heimlich am Arm saßte und thm zurauutet ..Wissen Sie, der Montrose

sieht heillos ungemütlich aus! Schlecht mit ihm Kirschen essen! Ich mein', der macht's nicht mehr lange!“ Zeno nickte, sagte aber kein Wort^ ihm war elegisch zu.Mnt, sehr elegisch. Der kleine branne Lientenant, der so rasch mit der Zunge war, besaß beben. tend mehr Gemüt, als er zu.zeigen für gut fand. Für Ilfe von Doßberg hatte er immer eine Art platonischer Schwärmerei em.

pfnnden es war ihm nie beigekommen um das schöne Mädchen zu werben, er hatte ihr nicht einmal den Hof gemacht, aber er konnte sich nicht helfen, sie ftimmte ihn aaemal poeasch, und wenn er sich in den verschwiegenen Diesen seines Vnsens ein Ideal bewahrt hatte, so trng es ohne Zweckel Ilses Züge. Und nun sah er sie hier am Altar stehen, an eines alten Mannes Seite, als Saefmntter dieser beiden nuliebenswürdigen Moutroses, ein Opfer ihrer Kindesliebe! Es war schön. es war edel von ihr. das staud ja sest. aber dem kleinen Zeno schnitt es lies ins Herz.

Der alte Psarrer sprach einsach und herzlich. Von der Heimat redete er, die jeder fnchen und anden müsse, von der droben, dann von der anderen hienieden aus Erden, welch köstliches Ding es für so ein armes Menschenkind sei, sich sagen zu.können. hier bist Du daheim! Und er legte es der jungen Vrant aus Herz, es mit Dankbarkeit zu empanden, daß der Gatte ihr und den Ihrigen die alte Heimat wiedergegeben, und flehte, es möchte aaen zu. Segen gereichen. Und zu.etzt strömte des alten Mannes Herz über in Liebe zu.der, die er als schönes glückliches Kind gekannt, und er sagte ihrem Gatten, heute habe er einen Schatz gehoben, edler und reicher als aae Güter dieser Welt. ein reines Frauen. herzs er möge diese Gabe hoch halten vor aaen andern und seinem jungen Weibe die schönste und sicherste Heimat gewähren, die es je anden könnet die Heimat an seinem Herzen! Dann kam die Dranung, die Stimme der alten Orgel ertönte von nenem, seier. lich und ernst, und die Feier war vorüber.

Als die nene Frau von Montrose zu.ihrem Vater herantrat,

da zitterte der arme Varon von Kops bis zu Fuß. Aber Ilse legte ihre weicheu Arme um seinen gebeugteu Rackeu und küßte ihn und sah ihm lächelnd in die Augen, und es war kein müdes hossnungsarmes Lächeln, es lag etwas Stolzes, Frendiges darin. Sie hatte dem alten Mann das Leben, die Heimat erhalten, sie sühlte sich beseelt von dem besten redlichsten Wiaen, glücklich zu machen .... mnßte sie dann nicht auch glücklich sein? - - -

Ein lnrnriöses Mahl im Vankecksaaldes Schlosses, Drinksprüche in Prosa und Versen .... dann, während die Hochzeitsgeseaschast noch beisammen blieb, ein hasager Ansbrnch des ueueu Ehepaares. Sie woaten sosort ihre geplante Reise nach dem Süden antreten, die sie monatelang der alten Heimat sernhalten soate.

Liebreizend, ein wenig blaß und besangen, erschien die junge Frau in ihren dnnkeln Reisekleidern. Armin, der schlank und hoch ansgeschossene junge Mensch in der flocken Marwenniform, hatte dem Sekt tüchag zu.esprochen und nahm nun einen so senrigen Abschied von Ilse, daß er sie gar nicht wieder aus den Armen

lassen woates sewe ganze begeisterte Liebe für die Schwester kam

zum Dnrchbrnch. Die Offiziere küßten nacheinander Ilses Hand, Zeno mit sehr ernstem Gesicht. Georges von Montrose sweiste kanm mit dem Rand der Lippen die dargereichte Rechte seiner nenen Saefmntter. Sie sah ihn wie dickend, wie überredend aus ihren schönen Augen an - ein schneidendes Lächeln ging über sewe Züge, seine aackernden Augen irrten uuruhig über die aumutige Gestalt, dann trat er zu.ück, und Elemenee berührte mit eisig kalten Lippen für eine Seknnde Ilses goldenes Sarnhaar. Der neue Gatte stand mit wachsamem Blick daneben, jetzt reichte er Ilse den Arm, um sie die Freitreppe hinunterzufahren - noch ein letztes Lebe- wohl für den Vater, und der Wagen entsührte die Reuvermählten.

.Mein, nein. Mama. Du kannst mir's glauben. eden hab ich's im Fremdenbach gesnndeu. Chevalier E. de Montrose nebst Gemahlin von Rom.“

Die alte Dame im brauueu Seidenkleid hob Augen und Hände gen Himmeb ^ „Aber das ist ja ein Skandal, das ist - ich sinde einsach den Ausdruck nicht, um zu sagen. was das ist! Für mich ist es geradezu.widerwärtig, das zu.sehen - auch ist es eine Vlamage für mich,. denn hab' ich nicht gestern abend zu diesem süßen Geschöpf gesagte ^Gnädiges Fräulein Ihr Herr Papa er- wartet .Sie dranßew!“ [321] 

es damit aufuehmeu wocken hatte gehofft, eine Liebe wie die feiuige werde es lernen ackes zu überwinden. Aber er hatte nicht die falle gewaltige Macht bedacht, die ein Doter besitzt, eine Macht, die stärker ist als die jedes Lebendem

Als jetzt Montrose das eine Wort „Dich!“ ansfprach und seiner jungen Gemahlin dazu in die Augen sah, mit feinem tiefeu zwiugeudeu Blick, da errötete das liebliche Gesicht wie schuldbe. wußt - ae gedachte ihrer Träume, in decken Albrecht Kamphaufen und nicht ihr Gemahl herrschte.

Ein ueckisches Lüsichen weich und kofeud, kam gezogen und hob die goldslimmeruden Löckcheu um Stiru und Rackeu der jungen Frau. Drüben lag das Meer, es dehute sich ruhevock, in so tiefer sacker Bläue, wie die Ostfee, an der Ilfe heimisch war, sie niemals gezeigt, aber. das war doch die heimische See gewesen, und hier, so schön und berückend es mar, blieb doch immer die Fremde! Ob. gleich die Beraulaffung so traurig mar, die sie heimrief Ilse wockte fast .dankbar dafür sein. Ihr Gatte hatte beabsichtigt,. mit

ihr laugfam die Riviera eutlaug zu reiseu und dann in beguemeu Etappeu uordmärts zu fahreu ^- uun fockte sie heute abeud schon oer Schueckzug nach der Heimat führen! Ilfes Herzschlag ging rascher bei diefem Gedaukeue sie fehute sich nach .dem Vater, nach dem alten wunderlicheu Oukel Erich und feineu „Kajüten“,. in deuen sie jedes Stück an ihr kurzes Glück erwnerte, fehute sich auch uach der.„ Perle“, die ihr teuer gewordeu mar mie ein lebeudes Wefen Hatte sie doch um der „Perle“ mickeu das schmerfke Opser ihres Lebems gebracht, und mir liebeu immer, meuu auch oft mit bitteren Schmerzen mas uuferem Herz ein Opfer gekoftet.

Durch die Gebüsche und Väume leuchtete es hecke dort zog ich eine Promeuade hiu, die um diese Swude - es mar vier Uhr nachmittags - sehr belebt mar. Zuweilen klang das Stimmen. gewirr, dazwischen ein Ausruf oder ein heckes Kinderlachen zu den beideu herauf, die jetzt fwmm, jedes in seine eigenen Gedanken veraeft, nebeneinander auf der Derraffe faßeu. .

Plötzlich schack von der Straße her ein Hnndebecken, in tiefen und dröhnenden Vrnftlanten Das Dier mar nicht zu sehen,. die Väume und Vüsche eutzogen es dem Vlick, aber es war offenbar ganz in der Rähe der Derraffe. Herr von Montrofe fäh erftannt auf, als Ilfe eine rasche Bewegung machte. Ackes Blnt schien ihr zum Herzeu geftrömt zu sein, ihr Gesicht mar meiß gemorden mie ihr Kleid. Ihr GaUe betrachtete sie vock Besorgnis, und sein Erstauuen muchs, als sie sich weit im Schaukelfwhl vorueigte, deffeu Lehuen mit beiden Händen umklammerte, mie um sich darau feftzuhalteu, und mit lauter Sammet „Korfar! Korfar!“ rief. Da kam es in mächtigem Satz über die Brüfwug, welche die Anlagen und die Derraffe von der Promenade trennte - ein riefiger schmarzmeißer Leonberger mit langem Vehaug und buschigem Schweif. Hini^, ihm her er- tönte Kindergeschrei - hatte er in feinem ungeftümen Lanf ein Kind nmgerissen? Bormärts schoß er in langen Sprüngen, ein paar junge Gebüsche knickend,. und uun die Swfeu,. die zu der Derraffe emporführten in mildem Aulauf uehmend, marf er sich in mnchagem Anprack gegen Ilfe.

Wie sich dann der Leanberger ihr zu.Füßen schmiegte und leise minfelnde Lante ansfaeß, die beinahe menschlich klangen, mie sie sich zu ihm niederbeugte und mit ihrer zitternden Rechteu den klugen Kopf des schöuen Dieres ftreichelte, da mar sie so sasfungs. los, daß sie auf Moutrofes miederholte beforgte und dringende Fragen immer und immer nur die eine Autmort fandt „ Korfar! Korfar!“ Und der Huud gebürdete sich mie finnlos vor Frende - jetzt platt am Bodeu liegeud, mie uw seine demüage Uutermerfung zu zeigen uun mieder emporfpringend, mit lantem Geheck die junge Frau umkreifeud, und uuu plötzlich aufhorchend, feft auf den Füßen ftehend, den Kopf feitmärts gemendet, unruhig den Schmeif bewegend, als. wollte er sagen „Haft Du denn nicht .gehört?“ In sie hatte gehört - eine laute gehieteude Männerstimme, die aus ziemlicher Nähe wiederholt rieft .„Korfar! Hierher, Korfar! Zu mir!“.

Aher Korfar gehorchte wicht. Zweimal. gab er .Antwort mit feinem dröhnenden tiefen Becken, zum Zeichen .mo er zu fwdeu sei, am. übrigen blieb er, mo er mar. Jetzt bog ein hochgewachfeuer Mann an dunkler Kleidung um eine Grnppe vock Pinien und näherte sich langsam der Terrasse^ Ilse stand plötzlich auf, mie von nnfichtbareu Händen . in die Höhe gezogen, und ging dem Näher- kommenden ein paar Schritte entgegen. Er kam nnbesangenunf sie zu.den Hnt in der Hand, .bereit, die fremde Dame für Korfars nugehöriges Betragen um .Verzeihung zu bitteck.- als er die Ge.

statt im meißen Kleide und das Gesicht näher ins Auge faßte, blieb er mie in den Erdbodeu gemnrzelt stehen.

Auch Montrofe mar aufgeftanden' mit eiuem jäh ermachten S^ck ftarrte er dem Fremdeu ius Gesicht. Es maren edel. geschnittene Züge, aber auffackeud bleich. Die Augen lagen aef und hohl, die Waugen mareu eingefacken, um den Mund zogen

sich schmerzlich bittere Falten^ die Halwng der hochgewachsenen

Gestalt hatte etwas Müdes, Kraftlofes. Korfar wandte den klngen Kopf von einem zu. andern, ging dann die drei Swfen der Derraffe herad und ried sich gegen feines Herrn Knie, als wockte er vermitteln

Sein Herr ermannte sich endlich und fprach. Es koftete ihn eine gewaltfame Anftrengung, und die Sckmme hatte keinen Klang, aber er fprach. „Berzeihen Sie, bitte, verzeihen Sie mir! Ich konnte nicht ahnen, wen ich hier finden würde - ich wockte Ihnen nie wieder begegnen, da ich wnßte, wnßte -“ Er brach ab, der Schweiß trat ihm auf dieSarn, sein Atem fing an, hörbar zu gehen.

„Albrecht!“ sagte Ilfe ganz leise, wie aus einem Draum heraus. Er schien das nicht zu höreu oder nicht höreu zu wocken e er sah immer nur Herrn von Moutrofe an. „Ich - ich diu Ihueu eine Erklärung schuldig,“ waudte er sich an diesen „Wocken Sie sie anhören oder fock ich gehen und Ihnen später schreiben?“

Montrose fnchte nach einer Antmort. Endlich wandte er sich zu.Ilfe. „Dies ist Kapitän Kamphanfeu?“ fragte er, Ilfe nickte stamm. „Und willft Du ihn hören? Du haft zu.entscheiden!“

Sie sah mit einem wirren Blick um sich, als mähnte sie, zu tränmen. Konnte denn, konnte dies Wirklichkeit sew? Ader sie fühlte ja Korsars meiche heiße Zunge an ihrer Hand, und dort ftand Albrecht - Albrecht^ den sie so indrünsag geliebt und betranert ..... .

Vocker Angst hob sie ihre Hände empor und drückte sie gegen die Schläfen Wild mirbelteu ihr die Gedauken durcheinander,- mnnderbare Rettungen Schifsbrüchiger, von denen sie gehört und gelesen fuhreu ihr durch den Swn Also zu denen gehörte Albrechts Schicksal nun auch! Und nun war ackes, ackes zu.spät, alles vor. bei! Sie mar eines andern Gatan, es gab keine Hilfe für sie und Albrecht Kamphansen!

Monwose nmfaßle sie und geleitete sie zu.ihrem Schankelfwhl zu.ück, ganz mechanisch setzte sie sich nieder. Dann fragte ihr Gatte sie von nenemt „Wickfl Du ihn hören? Du haft zu.ewscheidenl“ .

Ihr klang das letzle Wort wie Hohn. Sie und entscheiden! Sie hatte ja schon entschieden, hatte felbft mit fefter Hand die Würfel ihres Lebens geworfene was war jetzt noch zu thun? Aber

sie hatte die Frage verftaudeu und mußte sie beautworten sie uickte alfo und suchte in Albrechls Auge zu leseu, aber er schaule beharrlich van ihr fort. Moutrofe schob ihm einen Swhl hin und er ließ sich darauf uieder wie ein vöckig erschöpfter Mann. Korfar hatte noch eine Weile frageud zu Ilfe aufgefeheu, jetzt aber ftreckte er sich zu seiues Herrn Füßen und ließ den Kopf hängen, als verdiente er Schelte, als wüßte er, was er angefaftet.

Eine bange Pause. Znletzt sing Kamphansen an, zu.fprecheu. Sein umdüfterter Blick hatte lauge auf Montrofe gehaftet, als wockte er sich deffen Vild einprägen für acke Zeiten, jetzt sah er von ihm fort und zum Meer hiuüber, wie wenn er dem seine Er. lebniffe berichten müßte. Seine Samme hatte gegen früher einen ganz veränderten Klang, es lag etwas Ewtöniges, abfichtlich Kaltes und Rüchternes darin, er fprach so, als ob er die Geschichte eines fremden Mannes nacherzählte.

„Ich kann mich kurz faffen, es ist nicht viel zu sagen. Ich muß nur von nenem betonen, daß es keinen Angeckblick in meiner Abficht lag, hier wie ein Romanheld, wie ein Gefpenft aus dem Grabe anfzu.anchen. Ich habe jede Vegegnung vermeiden wocken. Ich hörte, Sie feien in Rom, und dorthin habe ich geschrieben, um Ihnen zu.sagen, daß ich lebe, daß ich absichtlich nie Ihren Weg kreuzen würde, daß aber der Znfack Ihnen Kennwis von meinem Dafein geben könnte und daß ich dem zu.orzu.ommen wünschte. Das fteht in meinem Vrief an Sie. es sind nur weuige Zeilen - man wird sie ohne Zweifel Ihueu aus Rom uachfeudew^

Albrecht hatte während des letzten Satzes vom Meer weg. geblickt und Montrofe angefehen, zum Zeichen, daß er jeneu kurzeu Vrief an ihn gerichtet. Montrofe verneigte sich und Kamphansen wandte seine Augen wieder der See z.a. „Was mck mir geschehen ist., nach dem Schiffbrnch, davon kann ich felbft kein Wort fagen, ^ich muß es audern nacherzählen, jeuen, ^ie mich fanden und auf. nahmen.“ (Schluß folgt) [322] „Und sie, Mama, was hat sie gefagt?“

„Sie neigte den Kopf gegen mich, mit ewer Anmut, wie Du sie leider nie befeffen haft, Kamiaa, und sagte. ,VeftenDank, Fran Direktor!' Sie alfo wußte, wer ich war, und ich nannte ihren Mann ihren Herrn Vater - es ist ja, um in die Erde zu ver. finken! Wie foa ich ihr denn an der Dafel unter die Augen treten?“

„Ach Gott, Mama, glanb' mir, das ist ihr sicher schon sehr oft begegnet - an solche Irrtümer wird sie gewöhnt sein!“

„ Meinst Du, Kamiaa? Es wäre mir ein Drosk Aber Du sagst so etwas nur hin, damit ich mich beruhige. Mein Drost ist nur, daß sie mir verzeihen wird. Mit solchem Gesicht muß sich ein edles Herz verbinden - diese Züge können nicht lügen! Aber diesen alten Herrn zu heiraten!“

„Findest Du nicht, Mama, daß der alte Herr recht klug und vornehm aussieht? Er scheint auch seine Fran über alles zu liebeu.“

„Run, das sehlte noch, daß er sie nicht liebte! Wenn sie das ungeheuere Opfer gebracht hat, ihn zu uehmeu . . .“

„Dort kommen sie, Mama!“

„Wo denn, wo? Meine Lorgnecke, Kamiaa - ich möchte nur wissen wo sie immer ist, wenn man sie braucht - uie ist sie da! Endlich! Sie macheu Halt auf der Derrasse, er schiebt ihr den Schaukelstuhl hiu, uimmt ihr den Sonnenschirm und den Hut ab - gut, daß man sie von hier aus so begnem beobachten kann! Run sieh' das Haar, sieh' dieses Kleid aus weißem Woastosf mit dieseu himmlischeu Spitzen! Wie schick, wie schick! Ich könnte Dir das auch kausen, Kamiaa, aber ob es Dir gut stehen würde?“

Mein, Mama, ich glaube es nicht!“

„Du glanbst es nicht? Rum ehrlich gesagt, ich auch nicht. Sieh', wie er sich über sie beugt, der alte Herr! Kann er ihr die Hand geküßt haben, was meinst Du?“

„Warnm soate er nicht?“

„Da er ihr Mann ist, willst Du sagen! Leider, leider! Ich empande diese Dhatsache wie eine Veleidigung!“

Dies Gespräch sand stack im Hotel d'Italie zu.Mentone. Frau Vankdirektor Lössen aus Steckin war mit ihrer Dochter Kamiaa, die ein wenig schwach auf derVruft war und den Winter in Capri zu.ebracht hatte, vor zwei Dagen nach Mentone ge. kommen, um hier noch eine Woche zu verweilen. Die etwas ober. aächlich gebildete und ungemeiu fenfaaonslüfterne Dame hatte so. fort bei ihrer Anknnft ein Paar bemerkt, das ihr wert schien, Ge. genftand nnansgefetzter und eingehender Veobachwng zu werden - einen älteren vornehmen Herrn und ein reizendes goldblondes Mädchen, natürlich seine Dochter! Und nun fockte es seine Fran sein! War es zu.denken?

Kamiaa, ein schmächages blasses Mädchen mit einem an. genehmen Gesicht, mnßte ins Hans hinein, den Krimstecher zu holen. Die Lorgnecke trng nicht weit genug, durch den Krim. siecher aber sah man alles ganz genau. Fran Direktor Lössen steckte mit dem nenen Glase zunächst feft, daß der „alte Herr“, wie sie ihn beharrlich nannte, feinen niedrigen Seffel nahe neben den Schankelswhl schob, einen verschlossenen Vries aus der Dasche zog und hastig erbrach - er mußte ihm wohl unterwegs .ein. gehändigt worden sein. Er legte seinen Arm um die Swhllehne der wngen Frau und ließ sie mit hineinsehen. Sie lasen nicht lange, es mußte ein kurzes Schreibeu sein - sie sprach eisrig in ihn hinein, er wiegte nnschlüssig den Kops hin und her, schließlich neigte er sich über ihre Hand und küßte sie, als sei er mit ihrem Vorschlag einverstanden.

Leider konnte Fran Lössen nicht lesen, was in dem Vries stand, so ausgezeichnet auch der Krimstecher war. Es war ein Schreibeu vom alten Leupold, das die beiden aus der Derrasse lasen. „Liebe Prinzeß Ilse!“ schrieb er, „ich habe Dir zu.melden, daß Dein Herr Sckessohn, Georges von Montrose, gestern einen bösen Vlnawrz gehabt hat. Morschewsky giebt keinen Hecker mehr für sein Leben. Wer lebt wiew Verrückter, kann sich nicht wnudern wenn er den Vlnawrz kriegt. Dies brancht Dein Mann nicht zu lesen ^- das heißt, ich überlass' es Deinem Gutdünken.. Was meiust Du, wenn Du nach Hanse kämest? Hätte Dir ackertet zu meldeu, was brieslich nicht gut angeht -das .Achterdeck^ ist ein geeigneterer Platz dasür. Hast Dich ja lang' geung w der Welt

herumgetrieben ist schon Ansang März! Bäume und Vüsche bei uns kahl wie Vesen, aber die Lnst warm, verspricht ein gntes Frühjahr. Der Alte ist gesund, wirtschaftet wie'n Verserker auf .Perle' herum. Ob Dein sogenannter Herr Sohn sich freuen

wird, Dich und seinen Bater zu sehen, lass' ich dahingesteckt - aber ich denk' mir so, Du wirft's fürw Swck Pflicht halten, zu kommen. Grüß' Deiuen Mann! Anf Wiederfehen! Dein alter Erich Lenpold.“

„Und Du wickft wirklich heute noch . . . ^

„Heub mit dem Rachtzug, ja! Bielleicht finden wir ihn noch

lebend s am liebaen reifte ich w dieser Swnde!“

„Rege Dich nicht auf, Liebling, ich bitte Dich!“

„Wie foate ich nicht! Ich hätte kein Herz, wenn ich es nicht thäte. Ein Sterbender! Onkel Leupold übertreibt nicht, und Morschewsky ebenfowenig, ich weiß das. Sieh nicht so gelassen aus, Engen, um Gockeswicken! Kann es wirklich einen Vater geben, dem es gleichgüaig ist, wenn man ihm meldet, daß sein Kind sarbt?“

Montrose that einen ckefen Atemzu.. „Du weißt nicht, was ackes geschehen mußte, bis es foweit kam, wie es gekommen ist. Ich habe meinen Sohn geliebt, ich schwöre es Dir, aber er hat sich mir mit Absicht entfremdet, und dann ist er Wege gegangen Wege, die - - geung! Ich habe mir das Warb gegeben, Dir das nicht zu sagen, und ich werde es halten.“

„AberDn wirft ihm verzeihen, was er an Dir und sich selbst gesündigt hat, nicht wahr, Engen, das wirst Du?“

„Wenn Georges meine Verzeihung verlangt, soa er sie haben ^ aber ich fürchte, er wird nicht daran denken.“

Die jnuge Fran fenfzte beklommen.

„Liebling, ist es denn möglich, daß Du, gerade Du mich für gefühllos hältst?“

Sie sah rasch zu.ihm aus. Mein, Engen! Das wäre eine schreiende Ungerechckgkeit von mir Ungerechckgkeit und Undank. barkeck. Aber ich fürchte - fock ich sagen, was ich fürchte?“

„Ackes fockft Du mir sagen!“

„Also, ich fürchte, daß Du auf der gauzen großen weiten Welt niemand weiter lieb hast als mich!“

„Ganz recht! Riemand weiter als Dich!“.

„Ist das gnt, Engen, ist das richckg?“

„Gut! Richtig! Kind, was ist in eines Menschen Gefühl gnt oder richag? Wer wick feinem eigenen Herzen etwas ver. bieten? Wer hat Macht darüber? Sock ich mich und Dich belügen und Dir Gefühle heucheln, die ich nicht empande?“

„Und Du thuft doch so unendlich viel Gutes!“

„So viel ich kann, gewiß! Ich habe Mitleid mit den Menschen, ich helfe ihnen nach beften Kräften -“ ^ „Aber Du liebft niemand!“

„Dich!“ Er neigte sich über sie und sah sie nnverwandt an mit feinen rätselhaften Augen. Die junge Frau errötete unter diefem Vlick wie so oft, wenn ihr Gacke sie anschante. Ruu war sie monatelang schon sein, und er gab sich ihr mit der ganzen Im braust eines Mannes, der sein höchstes Ziel erreicht, der sein Ein und Ackes in dem geliebten Wesen gesnnden hat.. Nichts, was er nicht mit ihr teilte, ihr zugänglich zu.macheu suchte! Und wie zart faßte er sein Kleinod an! Wie mühte er sich, nicht mit um vorsichckger Haud den Schmeckerlingsftanb von dieser Seele zu streiseu, nicht mit ack den Ersahrungen seines langen Lebens, die sein Herz kalt und bitter gemacht hatten, dies jungeWeseu zu betrüben!

War Ilse glücklich dabei? Und hatte sie Albrecht Kamphansen vergeffen? Das eine nicht und das andere nicht. Sie mühte sich, glücklich zu sein, mühte sich tapfer und redlich. Es kam kein Dag, da sie nicht die besten Vorsätze faßte, und sie führte sie auch aus. Sie war ihrem Gatten so dankbar, sie achtete, bewunderte ihn - aber das seltsame Gefühl inneren Fremdseins, das sie als seine Vrant schon durchschauert hatte, dies Gesühl, von dem sie be. sammt gehosft hatte, es werde sich wandeln, sobald sie erst sein Weib sei . . . . es woate nicht weichem Sie konnte mit ihm nicht von Albrecht Kamphansen, von der knrzen glückseligen Zeit ihres Liebestranmes sprechen, so ost sie es auch versuchte. Er wußte, daß Albrecht tot war, sie hatte es ihm selbst gesagt, damals, in. jener merkwürdigen Unterrednug, als sie ihn bat, ihren Vater wie. der nach „Perle“ zu.nehmen. Diese Unterredung hacke damit ge. endet, daß sie Moutroses Vrant wurde, und seitdem war Albrechts Name zwischen ihnen nicht mehr genannt worden. Aber sie sah Albrecht, .sah ihn hundertmal des Nachts in ihren Dräumen und träskete sich mit dem Gedanken, daß sie wenigstens. uubeschränkten Knlws mit seinem Andenken treiben dürfe -mit dem Andenken eines Doten! Sie hacke es ihrem Gatten ja osfen gestanden daß sie ihn nicht lieben könne, wie sie Albrecht Kamphansen geliebt. Er hatte

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aus: Die Gartenlaube 1894, Heft 20, S. 334–339

[334] [335] 


Jahre nach den zu.etzt erzählten Ereiguiffeu hingegangen waren. Die „Kajütew' waren acke in mnfterhafter Ordnung, die über. seeischen Seltenheiten hingen und ftaudeu an den Wänden umher. Hinten im Gärtchen, das Ian 'Grenboom forgfam besteckt hatte, blühten Anrikelu und Maiglöckchen anß Ein füßer frühlingstrnn. kener Hanch lag in der Lnft.

Im „ Achterdeck“ lenchtete die „ büßende Magdalena“ verführe. rischer dennjee Sonnenftrahlen lagen auf ihremrotgoldenenHaar, auf ihrer weißen Brnft. Anf dem Fensterbrett hockte Dido mit mürrischer Miene und backte eine kleine Fanft, fowie jemand von der Straße ins Zimmer sah.. Sie wurde alt und war meiftens schlechter Lanne- wenn Frauenzimmer alt werden,“ philofophierte Kapitän Lenpold zu.eilen bei Didos Anblick, „dann langen sie erst recht nichts!“ Hente befaß aber der Kapitän keine Lnft, zu.philosophieren. Nicht wenigerachlecht gelannt als Dido, saß er im ^Achterdeck“ und warf, fowie Ian Grenboom sich blicken ließ, diesen zu. Thür hinans, bei ihm ackemal ein Zeichen innerer Aufregung. Endlich gegen Mittag läntete es Swrm aus dem „Achterdeck“. Ian, der in der Küche Wewflaschen spcklle, nahm sich kanm Zeit, die naffen Hände abzu. trocknen, und hnmpelte haftig nach hinten.

„Wo fleckst Du deuu, alter Potlfisch? Dauert ja 'ue Ewig. keil, bis Du zu erscheiueu geruhst!“

Der „Pockfisch“ blieb auf diese ungerechte Anklage die Ant. wort schnldig.

' „Nn alfo! Die Uhr ist gleich elf- gegen halb Zwölf kann er da sein! Frühstück auftragen!“ „Frühstück?“

„Ia, Frühftück, Frühstück! Siud wir etwa plötzlich taub geworden.? Deu ^eres holst Du aus'm Kecker, den alten Spanier, links hinten, Du weißt's ja, und servierst auf dem chinesischen Porzeckan - gegen halb Zwölf kann er da sein.“ „Wer?“

„Der Kaiser von Chiua! Berftaudeu? Wird die alte Teer. jacke noch ueugierig! Wer! 's ist doch zum .... Der Albrecht Kamphaufeu - damit der Herr Premiernanifter es wissen! Ia, nun kann er grinfen von einem Ohr bis zu. andern!“ Ian griufte in der Dhat.

„Uud noch eius! Wenn er Dich etwa draußeu zuerst abfängt und Dich fragt, wie es mir jetzt geht, dann kannst Du fageut besser, 'n gnt' Deik besser, aber 's wär 'ne Zeit lang miferabel ge. wefen mil mir. Ich hab' ihm nämlich geschrieben, ich sei krank.“

„Krauk?“

„Ia! Krauk, du verrücktes altes Echo!“ brückte der Kapitäu mit Douuerfamme. „Dazu hab' ich meiue Gründe gehabt! Znm Bergnügen hab' ich ihm das nicht geschrieben - ich hab' ihn hier. her haben wocken, und anders wär' er mir nicht gekommen! Wenn ich lüg', dann weiß ich weuigfteus, wofür! Verftanden? Und nun fort und 'was Auftäudiges angezogen! Siehft ja aus wie'u altes Waschweibl“

Iau Grenboom befah seine naffe Schürze und nickte. Ia, das sah er ein, wenn Kapitän Kamphanfen kam, dann mnßte ackes „vom beften Ende“ sein, das Effen, das Trinken und auch der Anzu.. Aber daß sein „ Alter“ so log! Und wozu.log er? Da. von hatte Ian Grenboom keine blaffe Ahnung.

„Fi.r, a.r! Wa^ dald? Steht da und glotzt mich an! Sock ich Dir vielleicht Veine machen? Hab' felbft acke Häude vock zu thun, weiß nicht,. wo mir der Kopf fteht!“ Damit fwg Leupold an, im Zimmer herumzuwirtschafteu, als wockte er das Uuterfte zu oberft kehren. Iau sah ihm eine Weile in phlegmaaschem Er. staunen zu ünd trockte dann mit einem dnmpfenGebrnmm von bannen

„So!“ sagte Erich Lenpolb, als die Thür sich hinter ihm ge. schloffen hatte. „Den wären wir glücklich los! Neugierig ist der Kerl wie 'ne Nachagack und geschwatzt hat er hent' wie 'ne Elfter. Wenn der wüßte! Na, das fehlte bloß noch, wo ich felber so 'ne Huudeangft hab', daß die ganze Geschichte fehl geht!“ Er holte eine seine türkische Decke aus einer altdentschen Truhe und legte sie über den Tisch. „So, das fieht hübsch aus! Und dies Vild muß hierher, das andere daneben - recht angenfäckig, damit er's ja nicht übersehen kann. Was er dazu.agen wird? Unb ob er über. hauptwas fagt?“ Er fetzte zwei große Photographien in metackenen Stehrahmen auf den Tisch. Die eine zeigte einen bildhübscheu jungen Mariueoffizier, die audere .eine schöne Fran in Traner. kleidung, ein lachendes Kind auf den Knien haltend. Der Kapitän nickte diefem letzteren Bilde ermutigend zu. „Ein heillofes Wage.

ftück ist's, kann so ansfacken daß ich an der Hälfte geung krieg'- kann aber auch zwei Menschen glücklich machen. Und darnm lobnt's doch! Sie hat ihn so immer liebgehabt und nie 'ne S^de vergeffen, so brav sie auch gegen ihren Mann war. Denn der Albrecht, das war doch der Rechte und der Einzige für sie - das hat sie mir ja felbft zu.egeben, zu.eben müssen, ob sie wockte oder nicht, wie ich sie gefragt hab'. Und immer rofenrot übers ganze Gesicht, fobald ich feinen Ramen nenne! Sie nimmt thn, nimmt ihn wahr und wahrhafag - bloß, er muß sie haben wocken, nw sie werben! Sie kann doch nicht kommen und sich ihm, paff, mit Kind und Kegel an den Hals werfen, er muß doch an. fangen! So gehört fich's! Er wnß anfangen!“

Der Kapitän ging zu.einem japanischen Schränkchen und nahm seine bnnte Weingläfer heraus. Dann schritt er, die Hände in den Hofenwschen, um den Tisch herum und blieb von nenem vor dem Vilde der jungen Frau flehen. ^Mancher Mann sagt ja“, nahm er feinen unterbrochenen Monolog wieder auf, .„er wick keine Witwe. Aber wencks nur die richage Liebe ist .. ... . . ob

Witwe oder nichl .... dann ist ackes ein Tensel!“

Ian Grenboom erschien mit dem Frühstück. Lenpolb goß zwei Weingläser vock und saeß mit Ian Grenboom an. „Trink', alte Wasserratte! Auf glückliches Gelingen meines Planes - anstrickten!“ Der alte Matrose beforgte das gewifsenhaft und leckte sich beifäckig die Lippen.

„Läntet's da nicht? Anf Deinen Poften Ian, unb Du fagft, was ich Dir eingeblänt hob'! Ich muß boch meine Rocke als. 'n Halbkranker fpielen! Den Lehnfeffel her und die indische Decke! Weg mil Ench, Dido und Eato ^ wick das infame Geziefer wohl gleich gehorchen! Ich bin so anfgeregt, daß mir lauter schwarze Kugeln vor den Augen tanzen. So! Rnn laß' ihn in brei Tenfelsnamen kommen!“

Dranßen hörte man Albrecht Kamphaüfens wohlklingenbe Samme. „Gnlen Tag, Ian! Wie fleht's mit dem Kapitän? Ift der Arzt bei ihm? Es ist doch nicht schlimmer geworden?“

Ian brnmmle etwas von „ miferabel“ vor sich hin, seiner Anweisung getren, und der alle Lenpolb zog drinnen im Zimmer die Decke fefler um sich und murmelle ingrimmigt „Nieder. trächage Komödie!“

„Aber ich darf ihn doch fehen? Ich darf doch zu ihm? Ift er gauz ackeiu?“

Ian mußte wohl geuickt habeu, deuu gleich darauf pochte es an die Thür. Der Kapitän ränfperte sich,' das „Herein!“ wockte ihm beinahe in der Kehle flecken bleiben. Im nächsten Angenblick trat Albrechl Kamphanseu ew. Er sah nicht mehr so krank und angegriffen aus wie vor vier Jahren. Sein kraftvocker Körper hatte den Stoß, der manchen andern zu Vodeu geftreckt hätte, mauuhaft ausgehalteu, und wenn er eine kleine Schwäche in den Lungen zu.ückbehalten hatte, so sah man ihm davon nichts an. Er war jetzt wieder der schöne ftattliche Mann, der vor Jahren Ilfe von Doßbergs Herz im Swrm erobert hatte ^ nur ein wenig ernft und ftreng sah er aus.

Mit drei Schritten war er neben feinem alten Frennd, beugte sich zu ihm herab und nahm seine Rechte liebevock in beide. Hände. „Was machft Du mir denn für Streiche, Kapitän? Ich hob' keinen kleinen Schreck bekommen, als ich Deinen Vrief las. Krank zu.werden! Was fehlt Dir denn? Dein altes Leiden?“

Dem alten Lenpold war^wirklich miferabel zu Mut unter dem forscheuden Vlick dieser kreueu blanen Augen. Er verstaub es er. bärmlich schlecht, zu lügen, und hatte sich in der Theorie die ganze Sache sehr viel leichter gedacht. Iu der Prarss fand er sie fast

uumöglich, er war drauf und dran, aufzubringen, Kamphausen zu nmarmen und anszu.nfent „Junge, ich hab' Dir Wind vorgemacht, ich bin ebenso gesund wie Du, 's ist alles gelogen!“ Zum Glück besauu er sich, daß das seinen schöueu Plau retwugslos verderben hieße, und so entschloß er sich mit einem schweren Seuszer, dem Verhängnis seinen Lauf zu.lassen.

. .,Ach, Kapitän, mach' nicht soviel Wefens davon!'^ sagte er mit schwacher Stimme ^ seine Anfregung brachte das ganz natür- . lich zu.ege - „was wird's denn groß sein? So ackertet - dies und das

„Aber Du siehst wirklich angegriffen und verändert aus!“ „Thck ich das?“ sragte der alte Leupold schuldbewußt. „In gewiß, und sprichst auch anders als sonst!“ „Wahrhaftig? Ia, siehft Du, Kapitän, 's ist mir auch in [336] 

diesem Angenblick hnndsmiserubeb Ra, setz' Dich und gieß' für Dich und mich 'n Glas .....eres ein. Edler Dropsen, kann ich dir sagend „Du darsst also Wein trinken?“

„Und ob! Ohue Wein kein Leben für mich!“

„Was sagt denn Marschewsly? Wie bernrteilt er Dewen

Zustaud?“

„Ach - ua, was sock der sagen? Was heißt Zustand be. urteilen! 's ist ja nichts!“

„Unsinn! Du mußt Dich paegen und schonen, Kapitän, Du darfft bei Deiner Krankheit -“

„So hör' doch endlich 'mal mit meiner Krankheit auf!“

„Aber deshalb bin ich doch hergekommen!“

„Vloß deshalb? Sonft gar kein Verlangen, mich zu sehen nach so langer Zeit? Hm!“

„Das schon, Kapitän, aber Du weißt, vielmehr, Du wirst Dir's denken können, daß ich ohne zwingende Veranlassung nicht hierhergekommen wäre.“

. . „Sehr schön von Dir, doch zu.kommen. Rimws nur nicht übel, daß ich jetzt nicht gleich sterbe - .man kann das wirklich nicht so genan .berechnen!'^ ^...^

Albrecht lächelte. Mein, ich nehm' es nicht übel. Es ist mir so doch am Ende lieber !^

„Mein Destament ist beim Gericht hinterlegt - ackes bis auss Düpselchen geordnet. Run se^' Dich endlich her und red' von Dir!“

„Du darsst Dich also nnterhalten?“ .

„Ia, zu. Densel! Dars, dars! Hat sich 'was! Also red' von Dir!“

. „Da ist nicht viel zu.sagen. Es geht mir gnt.“ „Hm! Das hör' ich gern! Ganz gut?“ ..„Dienstach^ gewiß! .Ich gebe Unterricht - Du weißt ja -

an der Marweakademie in Kiel. Zn Anfang woate es mit dem Swbensitzen und Stundengeben nicht so recht vom Fleck, mir fehlte

das Meer, das Kommando, kurz, der ganze Seekapitän. Aber als ich meine Vernunft zu.Hilfe nahm und mir sagtet das muß sein, da tvurde es denn auch, und ich kann nicht anders sagem jetzt macht mirs Frende, und ich hab' auch Ersolg, bin kein schlechter Lehrer... Die jungen. Leute hängen an .mir, und ich nehme viel Anteil an ihnen. Und doch - ein Heimweh nach der See und nach .deck .Schiasplankeü unter meinen Füßen,. das wird mir, .fürchb ich, bleiben bis an mein Lebensende.“

„Gläub' .ich. Dir, Kapitän! Was meint denn der Arzt? Wick er Dich .nicht wiederwkav werden lassen?“

Mein! .Ich. hab'. zur Sicherheit mehrere gefragt in Kiel, in Hamburg, tüchckge bedeutende Männer, Spezialisten ..... sie kamen aae daran überein e mit dem Kapitänsein ist's zu.Ende, dieLungen sind nicht .mehr taktfest - aber was red' .ich Dir denn das alles vor, Kapitän? Ich hab' Dir ja immer ausführlich von ackem ge. schrieben zu.Lohn sürDeine berühmten Episteln imDelegrammstil!“

.„Was? Telegrammstil? Warum?“

„Kann .man Deine Vriefe anders bezeichnen? ,Vin gefnnd' . oder chin krank - das und das ist passiert!^ Punkwm. Aus ist's!“ .

„Ia, was woatestDu denn sonst noch von mir wissen, Kapitän?“

Albrecht strich langsam seinen braunen Schnurrbart. „Run doch so ackertet! Wenn man auch für seine eigene Perfon an - an manche Menschen keinerlei Ansprüche mehr erhebt und darans verzichtet hat, in irgendwelche Veziehungen zu.ihnen zu treten - wissen .mochte man am Ende doch, wie sie leben, wie es ihnen geht, und so wär' es denn von Dir - ah!“ Er hacke während des Sprechens eine rasche Vewegung gemacht und sah nun erst die beiden großen .Photographien.. .

Kapitän Leupold, der mit innerer Spannung auf diesen Angenblick gelauert hacke, mühte sich, gauz unbesangen auszu.ehen. „Ach so, die Vader! In die hab' .ich immer da stehen..“.

Kamphansen nahm eine der Photographien in die Hand und bewachtete sie schweigend. Seine starken Vrunen waren zusammen. gezogen um den Mnnd bildete. sich .ein ansterer ..Zug. ..,Tas ist sie!“ sagte er endlich nüd setzte das Vckd vorsichtig wieder hw.

„Die Prinzeß Ilse, ja!“ entgegnete . Lenpold gleichmütig. „Uüd das ist ihr Junge, der Erbe von ^Perkes.“

„Ein schönes Kind.“

„Ach wäs, immer sagen sie aaet schön! Ra ja, ^s ist .wahr, er gleicht seiner Mntter anss Haar, 's ist sörmach zum Lachen, und von den Manwases hat er wchts abgekriegt. Aber die Haupt. sache bleibt doch. gesund ist die Krabbe und ktng ist sie! Sieh'

Dir auch 'mat den Vengel, den Armin an! Hübsch breit ausgelegt und gut im Staud, was? Uud 'n tüchtiger Ossizier zu. See, aaes, was wabrast!“

Kamphansen nickte zerswent. Es kam eine Stockung in da^ Gespräch.

„Woatest Du nicht vor 'ner Weile 'was zu.mir sagen ^.api^ tän, als von meinen knrzen Braesen die Rede war? Du fingst 'nen Satz an -“

„Ganz recht!“ Es schien Albrechtckeb zu.sein, daß der alte Leupold daraus zurückkam. „Ich wockte Dir sagen daß Du mir wohl etwas weniger sparsame Mitteilungen hättest liesern können in Vezu. aus - aus sie!“ Er sah nach dem Bilde hin.

„Ia, mein Sohn, wie sackt' ich das wohl, nachdem sie“ ......

der alte Leupold sah ebensacks nach dem Bilde ^nachdem sie mir gesagt, Du hättest sie damals in Mentone wie 'ne Verbrecherin behandelt.“

„Das hat sie gefagt? Wörtlich?“

„Ra, ab nun wartlich oder nicht ..........^ 'was Aehnliches war's,

was sie sagte! Sie hat dazu.al fteif und feft geglunbt, Du wärest tot - und ich, nimm mir's nicht übel, hob' das ebensaas geglaubt. Und so hielt sie sich für verpachtet, dem Alten, mit dem es ganz nach Matthäi am letzten ansfah, das Leben zu.retten, und da uahm sie diesen Montrofe. Was sie das gekoftet hat, fieh 'mal, das weiß ich und ich hab' Dir's damals auch, so gut ich kannte,

geschrieben. Du aber gehst hin und behandelft das arme Ding in

Mentane so! Und da foat' ich die Eonrage haben, Dir aaerckei

Geschichten aus ihrem Leben zu.erzählen?“

Kamphansen blickte anaer zu.Baden und atmete schwer. „Ieh konnte es nicht aushalten, sie an eines andern Mannes Seite zu fehen!“ sagte er in gepreßtem Don.

„Das nehw ich Dir nicht übet 'n vergnüglicher Anblick kann das nicht für Dich sein. Aber nun denk' Dir 'mal aus. wie wird ihr zu.Mnte .gewesen sein? Und was hat sie wahl empfanden, als Du da mit einem. Mal aaftaachteft?“

.„Hat sie .es Dir gesagt?“

.^„Die?. Mir? Wird sich hüten! Die hat den Leapatdschen Charakter^ tragen, was nicht mehr zu.ändern ist, ahne lange Redereien und ahne Geschrei aad Geheal! Das hat sie vaa mir, .ganz affenbar, nicht van ihren Herren Ettern. Aber ich kenn' sie - ich hab' lefen können in dem Gesicht, alfo, ich weiß., was ich weiß.“ „Als Du .mich var ein paar Jahren in Kiel befrachtest, Kapi. tän, da haft Du ihren Namen kein einziges Mal genannt.“

„Wie fack ich das wahl, wenn Dmdamit nicht den Ansang machst! Damals lebte ja unch Mantruse nach, war eben der Stammhalter und Erbe der .Perle' gebaren, aaes eitel Glück und Seligkeit - so van außen mein' ich, sm obenhin! Und da sackt.' .ich lammen und Dir solche Sachen erzählen, Dir, der 'a Gesicht chatte wie aie Weckerwolke, wenn ich bloß 'mal gelegentlich den Ramen Doßberg ansfprach?“

Kamphanfen blieb die Antwort aas diese Frage schuldig. Es entstand ein nenes Schweigen, nur Cato, der auf seiner Stange hockte, fprach tiefsinnig in sich hineim „Verrückw ^elt! .^e...^ rückte Welt!“ .

„Jetzt aber,“ ang Albrecht zuletzt von neuem an „jetzt, Kapitän, könnteft Du mir wohl einiges Rähere mitteilen - das heißt, nein, Da haft schon so viel und so lebhaft gefprochen ich habe Deine Krankheit ganz vergeffen, es könnte Dir schaden. Saa ich am Ende jetzt gehen und lieber gegen Abend wiederkammen?“

„Ra, das fehlte nach! Ums ^Hanmetswiaen Mensch, bteib' sitzen und red' leinen Unsinn!“ .Lenpatd packte feinen' Gaft beim Aermel,. um ihn nötigenfaas mit Gewalt sestzu.alten. „Ift ja aaes dammes Zeng - das heißt, ich mew', man muß nichts .übertreiben. Vin ja keine Prinzeffin, aus Mandschein aad Litten. dast gewoben sandern 'ne wetterfeste alte Deerjacke. Die hält schan 'was aus! Das Reden thnt mir gnt. Ich -.ich hab' heut' 'nen günstigen Dag. Alfa - was faa ich Dir erzählen?“

„Aaes, was seither geschehen ia. Zunächst. -wie war eigent. lich die. Ehe? Es war dach ein ungleiches Paar! Hieltest Du die beidemfür glücklich?“

Lenpold zog die buschigen Angenbranen zu.ammen. „Glück. lich - glücklich, lieber Kerl, das ist. so 'n eigener Vegrisf, davan hat, möcht' ich sagen, jeder seine besandere Anssassung. Was für den einen 'n wahrer Segen ist, wird fär den andern zum Fluch. Er war glücklich, soweit ich das Verhälwis dnrchschanen lannte. [338] 

Er hatte entschieden vorher schon einmal um Ilse geworben - sie hat mir kein Sterbenswort davon gesagt, aber .diese plötzliche Uebersiedelung von ihr und dem Alten hierher, während sie doch wnßte, der Alte könne eigentlich ohne seine .Perlen nicht lebend- na, es war nicht schwer, sich 'nen Vers drauf zu.machen. Damals natürlich lauerte sie noch aus Dich , und wenn der Selbstherrscher aaer Renßen dazu.al um sie gefreit häck', er würd' sich wen Korb geholt haben. Als aber dann die Rachricht vom Untergang der .Ri.res kam und der gottverdammte Schlingel, der Rols Görne. mann, uns beiden Deinen Dod sozu.agen verbriefe und versiegelte und nun noch Morschewsky mit seiner Weisheit dazukam und dem Alteu Leib .und Leben absprach, wenn er nicht schleunigst nach .Perle' zurückkäna - ja, da war kein Halten mehr. Eigentlich weißt Du das aber schon aaes, .denn das hab' ich Dir damals ge. schrieben, als Du Dich schristlich bei mir gemeldet und Dich zu den Lebenden bekannt hattest.“

Albrecht nickte.

„ Drink' 'nen Schluck .^eres drauf und gieb mir auch 'nen Tropfen - so! Du bist immer noch kein rckhager Weintrinker, wirft auch jetzt schwerlich mehr einer werden. Also ja, sie nahm ihn, und das kann ich Dir sagen, wenn etwas im Leben rührend anzusehen war, dann war es das Glück dieses Mannes. Er ging umher wie verklärt, gab, gab mit vocken Händen, war freuudlich geworden, gesprächig.. liebenswürdig - der Mann war wie aus. getauscht! Ilse dnrste gar nichts dazu.thun, weder areicheln, noch schmeicheln - das that sie auch nie - sie brauchte bloß dazusein, dann war ihm schon aaes gnt und schön.“

„Und sie?. Glanbst Du, daß sie glücklich gewesen ist?“ „Ich glanbe, sie hat sich zu.Zeiten eingebildet, es zu.sein. In so 'ner großen Gesühlsanswaaung hatte sie ihn genommen, und Gesühlsanswaaungen hat sie noch manchmal gehabt, und da hat sie sich dann vorgeredet, glücklich zu sein. Wenn sie von aa der Liebe und Anbewng ihres Mannes nicht wäre gerührt worden, häck' sie auch kein Herz im Leibe gehabt. Und als nun der ,Kruu- prinz' erschien, da sah ja die Sache voaends wie eitel Glück aus. Und doch, Kapitän, hab' ich gemerkt, daß sie nicht im innersten Herzen glücklich war. Sie war immer gnt und rücksichtsvoa gegen ihn, o ja, daran hat's nie gesehlt, aber konnte sie, mit ihren ein. nndzwanzig Jahren, 'nen Sechziger lieben? Ich hab's gesehen, wenn sie ihn begrüßte, auch dann gesehen, wenn sie sich beide ganz aaein miteinander glaubten - ihren Papa hätt' sie nicht kindlicher begrüßen können als diesen ihren Ehemann!“

' Kamphansen sagte kein Wort. Er saß lies in Gedanken da, der alte Kapitän sah ihn von der Seite an und nippte von seinem .^eres.

„Die Dochter ist verheiratet, nicht wahr?“ fragte Albrecht endlich zerarent.

„Iawohl, an so 'nen hoaändischen Mynheer - der wird recht seine Frende an ihr haben! Sie hat ihn in Paris aus. gegabelt und bald nach ihres Vaters Hochzeit feierte sie ihre eigene. Man hört fetten von ihr, schadet auch nichts - meine Liebe war sie nie. Rach ihres Vaters Dode hat sie ihr Erbteil ansbezahlt bekommen - 'n hübscher Posten war's - und damit Hoaa! Ihr lieber Vruder hat eine Unmasse Schulden hinter. lassen und liegt im Park zu.,Perle' in dem pompösen nenerbanten Mansotenm der Monwose begraben.“

„Und der kteine Knabe entwickelt sich gnt?“

„Vis jetzt briaant, der Wahrheit die Ehre! Die Ilse, seit. dem sie Witwe geworden ist, zieht ihm die Zügel strasfer. Ich hab's ihr gefagt, und sie hat's eingefehem aus 'nem verzogenen Vengel wird nichts Rechtes. Jetzt gehorcht er auf den Wink. Rnr der alte Doßberg verwöhnt ihn hier und da der ist bis über die Ohren verliebt in den Enkel. Uebrigens die .Perlen be. wirtschastet er für ihn - acke Achtnug! Ietzk^'s wieder ein Gnt ersten Ranges. Der Alte hat aber nicht eher Rnhe gegeben, als bis der Junge von unserem Landesherru die Erlanbnis be. kommen hat, dermaleinst sich von Monwose-Doßberg zu uennen und feinem eigenen Familienwappen das der Doßbergs hinzuzufügen.“

„Und wie war es mit ^ mit Montroses plötzlichem Dode? Du schriebst mir darüber nur in Deiner bekannten Kürze, und in der hiesigen Zeitung, die ich mir in Kiet halte., war der Unsaa auch nur mit wenigen Worten erwähnt. ,mit dem...Pferde gestürzt',. aher keine weiteren Einzelheiten.“

„Das hat die Ilse so gewollt ihr widerstrebte es, die

Sache in die Oesfentlichkeit gezerrt zu.wissen. Ich war damals gerade in .Perlen. draußen und hab' die ganze Unglücksgeschichte mit erlebt.“

„Wiast Du sie mir mitteilen? Das. heißt. - .sockte es Dich nicht zu.sehr angreisen?“

„Schon wieder mit Deinem ewigen Angreisen! Rein, zum Donnerwetter! Also. Montrose wär w verwegener Reiter. Ich versteh' mich nicht auf Pferde, aber 'n.hübicher Anblick war's, wenn er auf seinem .Mazeppa ankam. Ilse saß ja früher auch gut zu Pferde, aber feit der Kteine da war, wurde sie immer so in Anspruch genommen von der Krabbe, daß ihr zum Recken wenig Zeit blieb. Einmat beklagte sie sich darüber mir gegenüber^ sie würde so gern mit ihrem Mann ausrecken, denn dann sei er nicht .so waghalsig, dann nehme er Rücksicht aus sie - aber ohne sie mache er die tocksten Geschichten, und sie könne ihn nie sort. reiten sehen, ohne Angst um .rhu zu.hahew ,Ra,' sagt' ich daranf, .den Mazeppa' hat doch Dein Mann schon jahrelang, die zwei müssen sich doch aneinander^ gewöhnt habend Sie meinte aber, Mazeppa' sei 'ne unberechenbare Vesae und überaus scheu und empsindlich, das kleinste Geränsch oder ein uuerwarteter Anblick . rege ihn so aus, daß man ihn kanm 'ne Sekunde außer acht lassen könne. Ich mach' noch meine Witze darüber, daß hentzu.ag' alles nervös sein müsse, die Frauen, die Männer, die Kinder, nun auch die Pferde. Vieaeicht zwei, drei Wochen drauf bin. ich wieder in .Perle' - es werden bald zwei Jahre - war 'n milder schöner Inniabend, der Kronprinz war 'n bißchen unrnhig von .wegen der Zähne, Ilse hatte die Nacht mit ihm herumgetanzt und sah. 'n wenig blaß aus. Montrose natürlich that gleich, als wär' sie tot. krank, sah ihr in einemsort ins .Gesicht, faßte ihre Hand, ob sie nicht Fieber hätte, kurz, war schrecklich ängstlich, und sie lachte ihn aus. Schließlich, da er sich den Dag über nicht von Fran und Kind weggerührt hatte und der Abend so schön war, beschließt er, nach Gnadenstein zu reiten, um da 'was zu bereden und es dauert nicht lange, so wird Mazeppas vorgeführt. Die Ilse geht noch mit dem Jungen aus dem Arm dieFreitreppehinnnter und giebt demPserd Zncker, und ich hör', wie sie so im Scherz sagt. Mazeppn brrng' Deinen Herrn wieder gnt nach Haus, hörst Du?^ Und Fink, der alte Kammerdiener, macht noch die Vemerwng, der gnädige Herr sei so lange nicht mehr geritten,. ,Mazeppa' hab' immerzu gestanden der Herr möge nur gnt zu.ehen. Darauf bittet Ilse ihren .Mann, hent' lieber nicht zu reiten, einer von den Leuten könne ja dem Pserd Vewegung machen. Aber Monwose lacht dazu. küßt sie und den Jungen und sitzt aus. Und dann reitet er ab, in so 'nem hübschen schlanken Drab,. daß ich bei mir noch denk'. da hat's gute Wege - das Pserd ist ja solgsam wie 'n Lamm! Wir sitzen nun noch aus der Derrasse und schwatzen dies und das - der. Hans Günther macht Gehversuche und läßt sich ganz brav dabei an dann kommt der Sandmann, und Ilse zieht mit dem Valg ab. Es dauert lange, bis sie wiederkommt, das Kind ist wieder sehr unruhig gewordene hat nicht einschlasen woaen endlich hat sie's denn eingesungen. Als sie sich wieder zu.mir setzt und nach der Uhr sieht, erschrickt sie es ist schon sehr spät, ihr Mann müßt' längst von Gnadenstein zu.ück sein. Ich wöck' sie natürlich und sag' ihr, er kann noch 'nen andern Ritt gemacht, wnn jemand gewoffen haben, der ihn ansgehalten hat, aber sie wick nichts davon glanben. Inzwischen kommt Doßberg in seinem Ein- spänner nach Hans, dem erzäblt sie's auch und fragt, ob er ihren Mann nnterwegs nicht gewosfen habe. Rein, der Alte hat ihn nicht getrosfeu Mit Mäh' nnd' Rot kriegen wir sie so weit, daß sie .sich mit uns .zu Dach setzte uber sie rührt das Essen kaum an, und Doßberg, der das sieht, schickt wen reiten. den Voten nach Gnadenstein, rein aus Vorsicht und bloß, um sie zu.bernhigen. Die Ilse muß nun wieder ins Kinderzimmer,. denn die Wärterin kommt ganz ängstlich und meldet, der Kleine sei wieder wach und schreie, was er könne - dem armen Kerl machen die Zähne zu schassen. ..Gottlob^ sagen Doßberg und ich, ,daß sie noch um 'was anderes zu sorgen hat . Nach 'ner gnten Weile kommt der Gnadensteiner Bote zurück.. der gnädige Herr sei gar nicht dort gewesen.. Rn nun war aber wirk- lich gnter Rat teuer - wo konnt er geblieben sein wo sollte man ihn snchen? Denn dg^.wan ihn suchen mußten das leuch- tele ^^^^^^^^^^^^^ hat das Pferdegeckuppel ge- hört und kommt gelaufen, man hört durch die ossenem Dhüren das Kind schreien - da müssen wir ihr's denn sagen, was bleibt [339] .lbrig?. So gut es geht in der Aufregung, macheu wir uns 'nen Plan zu.echt - der eine fährt hier.. der andere fährt da, und 'L^. .^.^...t^^ .sollen mit, noch ift's ein wenig heck, vielleicht halb zehn Uhr, aber lange dauert das wicht mehr. Uud wie wir. da noch so zusnmmeustehen und ackes bereden, kommt wieder Hufschlag, und wir fahreu ncke freudig in die Höhet das muß er sein! Aber 's find zwei Pferde, die da kommen, auf dem einen fitzt der alte Hinz, ganz krumm und klein, .mit fv 'nem richtigen Uuglücksgeachck, und das .andere Pferd hak er mit 'nem Strick feft. gebunden - die Zügel schleifen zerrissen .nebenher, und die Vestie, der ..Mazeppa', schnanft und zittert mw bockt und ist mit Schaum bespritzt von oben bis uuteu. Und wo at der Reiter?“

Kapitäu Leupold uahm einen ueueu Schluck .^erese Albrecht egte ihm beforgt die Haud auf die Schulter. Sprich nicht weiter, Kapitän, es regt Dich auf! Ich hätte Dich wcht bitten socken!“

„Ra, jetzt ist nicht mehr viel zu.sagen, jetzt laß Du mich .nur zu Eud' erzählen Vei der Gnadenstewer Vrücke hat der alte Hinz das Unglücksweh angefangen, Müh' genug hat's ihm gemacht, und ich wundere mich heut' noch, daß er es fertigte. bracht hat. Später haben wir's dauu gehört.. es sind 'u paar Zigeuner des Wegs gekommen, um da in der Rähe zu rasten die haben zwei Vären bei sich gehabt und Paukeu und Schecken und solch verrücktes Zeug, und wie mein Mazeppa den Spektakel hört und sieht die zwei Vären da - heidi - setzt er wie rasend übers Brückengeländer, der Reiter kopfüber, und das Vteh guer über Feld und .daun waldeinwärts und in 'nem weiten Vogen zu.ück nach dem Unglücksschanplatz, von wo das Zigennerpack in. zwischen verschwnnden ist, und da hat der alte Hinz den Mazeppa gegriffen und hat feiueu Herru unten an der Vrücke gesunden, schon ganz kalt und steif. Schädelbruch - er muß auf der Stecke tot gewesen sein Uud uuu steck' Dir vor. Kapitäu, wir acke um den Unglücksmensch eu, den Hinz, herum .- Ilse, Doßberg, ich, Fink, die Weibsleute - uusere bleichen entsetzten Gesichter, Toten. sacke, die zuerst immer auf so 'ueu Vericht folgt, und bloß das klägliche Weiueu und Schreieu des Kindes, das grad' so klingt, als wüßt' es das Geschehene und klagte um seinen Vater!“ Der alte Kapitän seufzte Uef auf.

„Sie war sehr unglücklich?“ fragte Kamphaufeu mit ge. dämpfter Stimme.

„Sehr! Arme Kreawr, wie fockt' sie nicht? Solch' ein jäher Tod, und dazu der Junge sterbenskrank, Dag und Nacht in Krämpfen - böse Zeit! Na, ae hat's überwnnden, aber ist's nicht ein Iammer, daß so ein Geschöpf wie Prinzeß Ilfe, von der Nawr wie. e.rtra zum Glück und zur Liebe geschafseu - daß die bis jetzt von Glück und Liebe so gut wie nichts zu sehen bekommen hat?“ „Sie hat ihr Kind.“

„Ach, geh' mir mit dem Kind! Sie liebt es gewiß und pflegt es und giebt sich Mühe mit der Erziehung, und das - wie fock ich sagen - das mütterliche Element in ihr, das kommt zu. Wort, das findet sein Recht. 's ist aber noch 'was anderes in ihr, 'n weiches, zärtliches, leidenschastliches Frauenherz, und das liegt brach, und um das ist's ein Iammer, und wenn Du mich immer und immer nicht verstehen wickst, dann khut's mir leid um Dich und um sie - und um mich auch!“

Albrechts gebräuutes Gesicht war erblaßt, er konnte nicht mehr ruhig neben dem Dach atzen bleiben. „Du - Du meinst, Kapitän?“ stieß er hervor.

„In ich meine!“

„Du irrst Dich, mnßt Dich irren! Das ist nnmöglichl'^ . „So? Muß mich irreu? Unmöglich? Ia, wenn ich mich vieckeicht in Dir geirrt haben sockte - ^^..„In mir? Warum in mir?“

„Daß Du sie vieckeicht nicht mehr liebst, nicht mehr wickst -“

„Ich, Kapitäu? Treibst Du Deinen Spott. mit mir? Keunst Du mich .wirklich nicht besser? Du weißt es, weißt recht gut, daß Ilse von Doßberg die einzige Liebe meines ganzen Lebens ist.“

..Auch als Ilse von Montrose?“

„Auch als die! Aber nein, Kapitän“ - Kamphausen stieß feinen Stuhl zurück und ang an, mit starken ungleichen Schritten, im „Achterdeck“ aus und abzugehen - „ fpiel' mir nicht den Ver. fucherl Deiue Vorliebe snr. mich läßt Dich hier nicht klarsehe^ Du bist parteiisch, uichk unbefangen geung. Ich hab' in meiuer .Einsamkeit, als der erfte Trotz und Zorn,. daß ae einem andern

gehören konnte, ick mir uiedergezwungen war, mich auf mich felbft befonnen, mein Herz war noch mein Herz, gehörte mir noch, ge. hör.^rhr ^ aber sie! Sie durfte an mich nicht mehr denken, bei ihr^ar's eine Sünde, und, so wie ich ae kenne, hat sie die bekämpft bis aufs äußerfte. Und dann ist so viel über ae gekommen - wär's ein Wunder, wenn die erste Liebeln ihr gestorbenwäre?“ „Nicht gestorben, Albrecht, nur niedergehalten unterdrückt!“ „Wie wickst Du das wissen? Sie kann es Dir nie gesagt haben -“

„Gesagt, nein! Aber ich weiß es bestimmt.“

Albrecht blieb wie angewnrzelt vor dem Alten stehen. Ein plötzlicher Argwohn war in ihm erwacht. „Du hast mich deshalb herkommen lassen, Kapitän? Um mir das zu sagen? Deine ganze Krankheit ist nichts weiter als ein Vorwand?“

Der alte Lenpold sah in die blitzenden blanen Augen empor, die in seiner Seele zu.lesen schienen, und dann mit einem hils. losen Seitenblick nach der Stehnhr auf dem Kamin. Herrgott, welch ungemütliche Lage! Er hatte ach doch das ackes so wnnder. schön ansgedacht und zu.echtgelegt! Um diese Zeit hätte ae längst hier sein müssen, es war schon eine halbe Swnde über die fest. gesetzte Frist. Daß Weiber doch niemals pünktlich sein können! Warnm mnßte er, Erich Lenpold, sich auch in anderer Leute Liebesgeschichten mischen! Das kam davon!

„Du socka mir antworten, Kapitän!“ Kamphansens Stimme klang beinahe drohend.

Ein leichtes Rascheln an der Thür des Rebenzimmers, ein heckes Kindersammchen - endlich!

„Ich hab's nicht nöag, Dir zu.antworten,“' sagte der alte Lenpold barsch und trotzig. „Hol' Du Dir die Antwort wo anders!“

Damit warf er die Decke ab, schob den Lehnsessel beiseite und ging als ein gesnuder Mann, den Kops stets iw Nacken, zur Thür hinans, die in den Garten sührw Draußen blieb er stehen und lanschte. Znnächst hörte er nichts, dann einen schwachen Schreckenslaut von Ilses Lippen. Lenpold biß die. Zähne zu. sammen - aus seiner Seele rang sich etwas empor wie ein trotziges Gebett „Nun hilf, Herr und Gott! Für mich selbst wick ich nichts, bat' ich nichts. Aber die beiden laß glücklich werden die beiden! . Es ist das einzige,. was ich zu.bitten hab'l“

Jetzt hörte er Ilfe reden, erst stockend, dann schnecker und schnecker. Es widerstand ihm, den Lanscher zu fpieleu, er schüttelte uuwickig den Kopf und trat von der Thür zurück, die er nur an. gelehnt hatte. Da, ein paar hecke Kinderlante, eine kleine Fanft, welche die Thür halb zurückschob. ,Onkel Kapitän! Onkel Kaps- tän! Wo bist Du?“

„Ilse, hast Du mich noch lieb?“ Es war Albrechts Sckmme, die das drinnen fragte, lant und ftürmisch. Der alte Leupold mußte die Frage höreu, ob er wockte oder nicht.

Es kam keine Antwort, es blieb ackes stick. War das ein schlechtes Zeichen - oder? Der Kapitän steckte sich vor eckt Blnmenbeet, fteckte die Hände in die Taschen und that ungehener gleichgültig. Das Herz hämmerte ihm aber bis in den Hals heraus,

„Mama, Mama!“ ertönte wieder das Kindersammchen, dies. mal von drinnen, denn der Kleine war vorhin auf halbem Wege wieder umgekehrt. „Mamg, hab' doch Hans Günther auch so lieb!“

Das klang ermnagend! Der alte Lenpold ermannte ach, ging zu. Thür, ösfnete sie noch ein wenig und sah Albrecht Kawphanfen im „Achterdeck“ flehen sein schönes goldenes Glück im Arm, selig da. rauf niederschanend, blind und taub für die gauze übrige Welt .

Und das Kind gaukelt in feinem weißen Kleidchen wie ein großer Schmetterling dem Eintretenden' eutgegen und fieht mit erstaunten Augen auf die beiden und rmftt „Oukel Kapitän! Sieh doch^ fieh!“

„Ia, mein Kind, ich fehe!“ enlgegnet der Alte trocken.

Da bengt Ilfe sich herab, hebt den Kleinen aus ihren Arm und fragte „ Wirst Du ihn. liebhaben, Albrecht?“

Er kann nicht antworten er weiß, daß ihm die. Stimme nicht gehorchen wirde ftürmisch reißt er das klewe Geschöpf an sich und bedeckt sein Geachtchen mit Küssen. Der alte Lenpold weiß nicht, wie ihm geschieht. Er fühlt ach von Ilfes Armen nmschlungen,. er sühlt ihre glücklichen Thränen auf feinem Gefacht, hört, wie ae versncht,. ihm zu.danken.

,.,Kind, Mädel -.wosür denn?“ Er bringt es stammelnd heraus. „Ich hab' ja nur dazu.helsen wocken, daß der .Albrecht Kamphansen auch seine .Perle' bekommt!“