Die Poesie des Rauchens

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Autor: Julius Rodenberg
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Titel: Die Poesie des Rauchens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 523–525
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[523]
Die Poesie des Rauchens.
Eine Petition an die Frauen.
Mit Illustrationen von L. Loeffler.
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Es beginnt zu dämmern. Dieses ist die Stunde, wo ich mir eine Cigarre anzuzünden pflege. Ich setze mich dann in meinen Lehnstuhl, schaue in den Abendhimmel hinaus und folge den großen Wolken, die daran ziehen, oder blicke träumend in die kleinen Wolken, die kleinen, blauen Dampfwolken, die aus meiner Cigarre kräuselnd aufsteigen und sich langsam im Zimmer verlieren.

Welch’ eine Magie liegt doch in dem Anblick des Dampfes! Ich will nicht von dem Dampf der Locomotive sprechen, denn der bezeichnet Unruhe, Rastlosigkeit, er bezeichnet das Jahrhundert. Auch nicht von der schwarzen Rußwolke, welche über den Fabrikstädten schwebt, oder mit Flammenzungen gemischt aus den düstern Schlöten emporschlägt. Dieser Dampf bezeichnet die Arbeit, die Mühe, die Armuth der Einen, den Reichthum der Andern. Wozu sollen wir unser Dämmerstündchen mit solchen Gedanken stören? Laßt uns den Dampf betrachten, der aus den Hütten der Dörfer wirbelt, den Rauch des Heerdes, diesen Boten des Friedens, diese wahre Wolkensäule der Menschheit, die ihr Canaan sucht. Giebt es ein freundlicheres, anmuthigeres Bild als solch ein Dorf, wenn sein gastlicher Rauch, vergoldet vom Schein der Abendsonne, Euch nach tagelanger Wanderung zu winken scheint? Wenn er Euch seine stille Erzählung von einem einfachen Glück, von Zufriedenheit, von Dankbarkeit, von Fleiß und vom Lohne des Fleißes zu erzählen und Euch in den Worten des Dichters zuzurufen scheint: „wenn’s noch auf Erden einen Frieden giebt, so ist es hier!“ – Wie trostlos dagegen kommt uns ein Haus vor, dessen Schornstein kalt ist! Hängt nicht über solch’ einem Hause selber ein Schatten von Kälte, ein Anflug von Frostigkeit, der uns unwillig macht, seiner Thüre zu nahen und seine Schwelle zu überschreiten? Die Unzufriedenheit, die Schuld oder die Verzweiflung müssen unter einem solchen Dache wohnen. Denn wer das Leben liebt, der liebt das belebende Feuer und den einladenden Rauch, der noch über das Dach hinaus den glücklichen Wohnsitz glücklicher und guter Menschen kennzeichnet. Wenn wir uns ein Bild des Familienlebens machen, so darf der Heerd, das Feuer und der Rauch nicht fehlen. Ja, es giebt einige Völker, welche nur ein Wort haben für die beiden Begriffe von Rauch und Haus; z. B. die schottischen Hochländer. Dem Wanderer, der sich auf ihren weiten Mooren verirrt hat, erwidern sie auf die Frage, ob sich kein Haus in der Nähe befinde: „Geht noch eine Viertelstunde, bis zu jener Schlucht, dann haltet Euch rechts und Ihr werdet einen Rauch finden!“

Ist es nicht ein erhebender Gedanke für mich in meinem Lehnstuhl und stillen Abendstübchen, zu denken, daß der Rauch, welcher in bläulichen Ringen vor mir aufwirbelt, mich mit einer ganzen Kette von ungesehenen Rauchern in Nord und Süd, in Ost und West verbindet? Denn kein geselliges Bindemittel ist dem Rauchen zu vergleichen, und keine geselligere Brüderschaft giebt es als die Raucher. Was hindert uns, irgend einen Menschen auf der Straße anzusprechen, wenn er nur eine Cigarre im Munde hat? Es ist wahr, wir kennen ihn nicht, wir wissen nicht, wer er ist, und haben ihn nie gesehen; indessen seine Cigarre brennt, und er wird unter Hunderten nicht Ein Mal verweigern, daß wir die unserige an derselben anzünden. Wo sucht der Raucher auf Reisen seine Bekanntschaften, wenn nicht unter den Rauchern und im Rauchcoupé? Und haben wir nicht in unserm eigenen Museum von Berlin die kleinen, schwarzgebrannten Pfeifchen unseres alten ersten Friedrich Wilhelm, um uns die geselligen Tugenden des Rauchs und Rauchens predigen zu lassen?

Aber ach! die Pfeife selber ist im Verschwinden begriffen. Bald wird es keine Pfeifen mehr geben. Und doch – wie viel Erinnerungen knüpfen sich an die alte Pfeife mit der Kernspitze, die ich dort in einem Winkel meiner Stube stehen habe! Einst, mit einer bunten Quaste verziert, war sie der Stolz meines bescheidenen Studirzimmerchens. Wie viele vergnügte Abende, wie viele glückliche Stunden, wie viele liebe Gesichter erscheinen mir plötzlich, wenn ich die alte Pfeife ansehe! Zuweilen kann ich auch der Versuchung nicht widerstehen, sie hervorzuholen, zu stopfen und anzuzünden. Indessen darf ich mich diesem Luxus nur sehr selten hingeben, etwa nur, wenn meine liebe Frau bei ihrer Freundin gegenüber zu Besuch ist. Denn – offen gestanden! sie liebt den Geruch nicht und behauptet, er schade den Gardinen. Ich will das auch wohl glauben, und wie gesagt, ich beschränke mich meistens darauf, die Pfeife anzusehen. Aber eine schöne Zeit war es doch, als die Pfeife noch florirte und als man nicht zu erröthen brauchte, wenn man in einen Tabaksladen trat, um ein „Paket Knaster“ zu fordern!

Wie viel schöne Lieder sind nicht auf die Pfeife gedichtet worden! Voran das schöne Lied des preußischen Grenadiers:

„Gott grüß Euch, Alter, schmeckt das Pfeifchen?“

Und dann das andere, welches von einem wahren Anakreon des Tabaks in seiner besten Stunde verfaßt sein muß:

„Wenn mein Pfeifchen dampft und glüht,
Und der Rauch von Blättern
Sanft mir um die Nase zieht,
Tausch’ ich nicht mit Göttern.“

Oder das Studentenlied, wo es heißt:

„Knaster den gelben
Hat uns Apoll präparirt,
und uns denselben
Recommandirt.“

Hat einer von den Lesern jemals schon ein Lied zum Lobe der Cigarre gesehen? Ich habe noch keines gesehen, und glaube auch nicht, daß man so bald eines darauf machen wird. Denn doch nur um die Pfeife schwebt jene Art von Poesie, welche die Sänger begeistern kann. Eine Cigarre wirft man fort, wenn sie ihre Dienste gethan; zuweilen auch, bevor sie ihren Dienst gethan. Denn sollen wir ein Geheimniß daraus machen, daß die Waare sich von Jahr zu Jahr verschlechtert und daß eine gute Cigarre bald zu den Seltenheiten gehören wird? Das war doch anders in den glorreichen Zeiten der Pfeife. Ein gutes Paket Tabak ist leichter zu finden, als eine gute Kiste Cigarren. Und dann gab’s auch damals den Aerger nicht über Cigarren, welche nicht „ziehen“. Eine Pfeife, wenn man sie nur reinlich hielt und vernünftig stopfte, zog immer. Ferner ward eine Pfeife nicht weggeworfen wie eine Cigarre, wenn sie zu Ende gebrannt ist. Im Gegentheil, man hob die Pfeife sorgfältig auf und ein gut angerauchter Kopf war Geldes werth. Es entspann sich ein Verhältniß zwischen dem Raucher und seiner Pfeife, welches der gegenwärtigen Generation abhanden gekommen, eine Anhänglichkeit, eine gewisse Zärtlichkeit, wie zwischen Jugendfreunden. Es gab damals Pfeifensammlungen, wie es jetzt Waffensammlungen, Münzsammlungen oder Briefmarkensammlungen giebt. Eine der größten und merkwürdigsten Sammlungen dieser Art besaß der Marschall Oudinot. Er hatte Pfeifen von allen Völkerschaften, von allen Formen und Gattungen, von allen Unterschieden des Werthes und des Alters. Am meisten hielt er auf eine gewisse Pfeife, welche einst das Eigenthum von Johann Sobiesky gewesen und welche dem Marschall von der Bürgerschaft Wiens [524] zum Geschenke gemacht worden, als er während der französischen Occupation Gouverneur der Stadt war.

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In Deutschland.

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In Irland.

In Wien hat sich das Pfeifenrauchen noch etwas mehr erhalten. Es giebt auch nirgends schöner geschnittene und kostbarer verzierte Pfeisenköpfe, als hier. Der Wiener „Meerschaum“ ist ein Wort, das in die Sprachen aller rauchenden Völker übergegangen ist. Die kostbarsten Pfeifen aber sind diejenigen des Ostens, welche unter dem Namen von „Narghilé“ und „Tschibuk“ gehen. Kostbare Steine, Gold und Silber werden als Einlage derselben verschwendet. Ein eigener Diener ist nothwendig, um sie in Brand zu halten, und Stunden sind erforderlich, bis solch ein Ding ausgeraucht ist. – Er bedarf der Ruhe, der äußern sowohl wie der innern, um eine Pfeife zu rauchen, und darum wird mit dem Fortschritte der Zeit, der Eisenbahn und der Dampfmaschine die Cigarre immer mehr Terrain erobern. Ueberall, wo rasch gelebt und viel gearbeitet wird, in den großen Städten, den Metropolen des Handels und Verkehrs, hat die Cigarre ihren Triumph gefeiert, und nur noch auf dem Lande, bei den Leuten von „Ehedem“ und den Völkern, die hinter der Zeit zurückgeblieben, vermag die Pfeife in Geltung zu bleiben, d. h. die lange Pfeife. Mit der kurzen Pfeife ist es etwas Anderes. Diese, nicht größer, als daß man sie bequem in die Westentasche stecken könnte, hat sich in England erhalten.

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Im Orient.

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Im Süden.

Dort raucht der Arbeiter, der Handwerker, der Soldat, der Citymann, der Künstler und Gelehrte seine kleine schwarze „clay pipe“ und stopft sie mit dem stärksten schwarzen Tennessee-Tabak, entweder „Shag“ oder „bird’s eye“ Daß es nur ja Keinem von uns einfalle, dieses Kraut zu versuchen, welches mich an den miserabelsten Tag meines Lebens erinnert. Das war im schottischen Hochland, an der wilden Meeresküste von Ben Cruachan, in einem elenden Fischerdorfe, wo es Westwinde, Seegeruch, Tang und Möven genug gab, aber keine Cigarren. Mein Vorrath davon war erschöpft. Ich war „abgebrannt“, wie man zu sagen pflegt. Zu welchem Entschlüsse treibt uns die Noth nicht! Einen schlimmeren aber habe ich nie gefaßt, als in jener Stunde, wo ich mir ein Thonpfeifchen kaufte, dasselbe mit „Shag“ füllte und mich damit auf ein umgestürztes Boot setzte. Heran donnerte die Brandung des Meeres, das um Jona und die Fingalshöhle rollt; vor mir standen in ossianischem Nebel die Berge von Mull und Kerera, und rings versammelten sich die Kinder, die Schweine, die Schafe, die Gänse und Enten des kleinen Dorfes, – eine barmherzige Gesellschaft, mit kummervollen Mienen und aufrichtigem Jammer in den Blicken. Denn ach! – was ich empfand, was ich litt bei dieser unvergeßlichen Pfeife: „das, o Muse, verbeut dem Dichter zu singen.“

Eine weitere Eigenthümlichkeit dieses Tabaks, welcher – nach unsern Begriffen – weder aussieht wie Tabak, noch schmeckt wie Tabak, besteht darin, daß er, um selbst den Engländern genießbar zu sein, angefeuchtet werden muß, während die Tugend unseres [525] Tabaks und unserer Cigarren ist, daß sie trocken oder „abgelagert“ seien. Diese Eigenschaft hat der englisch-amerikanische Tabak mit dem sogen. türkischen gemein, welcher in irdenen oder Steinkrügen und mit den verschiedensten Mitteln von getränkten Schwämmen, Wurzel- oder Aepfelscheibchen kühl und feucht gehalten werden muß, um sein ganzes Aroma zu entwickeln. Doch besteht die große Verschiedenheit darin, daß dieser türkische Tabak ebenso leicht, als jener, der englische, schwer ist. Es scheint, als ob dieselbe Scala, wie bei der übrigen Diät, auch hier bewußt oder unbewußt eingehalten werde. Wie die Völker in den südlichen Klimaten sich von so leichten Speisen wie Reis und Früchten nähren und wenig dazu trinken, außer Wasser und verdünntem Wein, während die Völker des Nordens schwere Weine, starkes Bier und hitzige Getränke aller Art bevorzugen und schwerere Speisen genießen, je mehr man sich dem Pol nähert: so scheint auch die Länge der Pfeifen und die Stärke des Tabaks je nach den Breitegraden ab- oder zuzunehmen. Von dieser Regel machen auch die Virginia-Cigarren, welche in Italien geraucht werden, keine Ausnahme. Es sind lange, dünne und dürre Stengel mit der Spitze eines Strohhalmes und von einer solchen Hartnäckigkeit, daß sie erst minutenlang in oder über das Feuer gehalten werden müssen, ehe sie glimmen, und die, wenn sie glimmen, für den Ungeübten den Geruch und Geschmack von angesengtem Löschpapier haben.

An den beiden Endpunkten der europäischen Cultur, im Osten und im Westen, betheiligt sich auch das schöne Geschlecht an diesem Vergnügen. Für die Frauen der niedrigsten Classe in Irland ist ein Pfeifchen ganz so gewöhnlich, als für die der besten Gesellschaft in Polen, Rußland, der Walachei und Moldau die Cigarette. Die rauchenden Schönheiten des Ostens und Südens wissen diese kleinen, zierlichen Röllchen mit einer großen Eleganz und Geschwindigkeit, gleichsam im Handumdrehen, zu verfertigen, und sie dieselben rauchen zu sehen, in die Ecke eines Divans gelehnt, hat, wenn wir auch unsere Frauenideale uns anders denken, doch jedenfalls für das Auge mehr Anziehendes, als der Anblick eines jener armen irischen Weiber, welche in Lumpen gehüllt unter der Thür ihrer halbzerfallenen Hütte mit der schwarzen Pfeife sitzen, deren Dampf nicht selten das Einzige ist, was ihren Hunger auf Augenblicke zum Schweigen bringt. In England ist das Rauchen der Damen nicht Sitte, trotz der „Tabakspfeife der Königin“ in London, welche die größte Tabakspfeife auf der ganzen Welt ist und Jahr ein, Jahr aus, Tag und Nacht nicht kalt wird. Diese Tabakspfeife der Königin befindet sich in den Docks von London und ist, um die Wahrheit zu sagen, ein ungeheuerer Schornstein und Ofen, in welche aller geschmuggelte, schadhafte, verdorbene oder sonst zum Feuertod verurtheilte Tabak verbrannt wird.

Holland, einst so sehr das Land des Tabaks, daß man einem Mynheer weder auf Bildern noch in Romanen jemals ohne die lange Thonpfeife begegnet wäre, hat in dieser Beziehung gleichen Schritt mit der Zeit gehalten. Die Kohlenbecken auf den Tischen und die jedem Besucher offen stehenden Tabaksschalen finden sich nur noch in den Reisehandbüchern. In der Wirklichkeit hatte ich Mühe, nur so viel wie eine thönerne Pfeife im ganzen Haag aufzutreiben, und als ich mich in der Gesellschaft meiner Freunde eines Abends mit derselben vor die Wirthshausthüre setzte, da blieben die Leute stehen, um mich anzusehen.

Aber fürchte nicht, mein theurer Leser, daß die Gewohnheit selber aussterben werde! Nicht nur der letzte Dichter, auch der letzte Raucher wird erst mit dem letzten Menschen „aus dem alten Erdenhaus“ gehen. Welch’ ein zähes Leben muß doch in diesem Kraute sein, daß es die Anathemen päpstlicher Bullen, die zahlreichen Angriffe von Doctoren und Philosophen, die schweren Auflagen von Zöllen und Abgaben aller Art überdauern konnte! Es muß doch wohl Etwas von den Eigenschaften des Behaglichen, der Zufriedenheit und Geselligkeit, als deren Symbol wir den Rauch ansehen, dem Tabak selber innewohnen, in welcher Form wir ihn auch rauchen mögen. Und doch – sollte man’s glauben? – hat dieses unschuldige, harmlose Product, welches so viel zum Wohle der Menschheit und Genusse des Lebens beiträgt, noch immer seine Feinde. Ja, es giebt in England eine eigene Gesellschaft und ein eigenes Journal gegen das Rauchen, das „Anti-Tobacco-Journal“, von welchem mir kürzlich eine Nummer zu Händen gekommen ist. In diesem Journal ist Alles, was der Phantasie und Beredsamkeit zu Gebote steht, Vers und Prosa, die Novelle und die ernste Ermahnung, der Holzschnitt und der Steindruck, angewendet, um das Publicum vom Tabak abzubringen.

Ich übergehe den zur Warnung mitgetheilten Brief eines armen Mannes in Neu-Süd-Wales, obgleich sein Fall die meiste Aehnlichkeit mit dem meinigen in Schottland hat. Dieser Mann nämlich besitzt Nichts, um seinen Appetit zu stillen, als einen Pfeifenkopf, an welchen er zuweilen riecht, und er schließt die vorliegende Epistel an seinen Bruder in England mit der bescheidenen Bitte, daß man ihm ein Paar alte Stiefeln, die er zu Hause gelassen, nachschicken und mit Bristol-Tabak füllen möge. Das Hauptstück der Nummer ist eine Erzählung unter dem Titel: „Ein Leuchtthurm für junge Raucher und junge Mädchen.“ Der große Effect dieses „Leuchtthurms“ besteht darin, daß das junge Mädchen, welches von dem tabaksfeindlichen Verfasser mit Recht beklagt wird, einen Mann heirathet, der erst nach der Hochzeit anfängt zu rauchen. „Als sie heirathete, umgaben fröhliche Aussichten ihr Auge.“ Ihr Mann war ein Advocat. „Die erste Zeit war er erfolgreich in seinem Geschäft.“ Alles ging glücklich, bis er auf einmal, „gleich so vielen andern Unglücklichen, ein Opfer des Rauchens wurde.“ Gleich den andern „Opfern“ rauchte er, um das Elend, welches das Rauchen verursacht, zu lindern, und in demselben Maß, als sein Rauchen zunahm, nahmen natürlich auch seine Leiden zu. Zuletzt wurde er unfähig, seine Geschäfte zu besorgen, eine tiefe Melancholie bemächtigte sich seiner und „ihn verfolgte die Idee, daß er von einem tollen Hunde gebissen worden sei.“ Bis jetzt ist von einer solchen Folge des Rauchens noch nichts gehört worden, einerlei, ob der Raucher ein Advocat und verheiratheter Mann war, oder nicht. Indessen war es in diesem Falle die Folge-, aber leider nicht die einzige. Der von der fixen Idee des tollen Hundes verfolgte Advocat verarmte und wanderte aus. Allein auch das versöhnte das Schicksal nicht, und erst „in einem australischen Grabe“ büßt der arme Mann die Schuld, geraucht zu haben! Was aus seiner armen Wittwe geworden, sagt die Novelle des Anti-Tabak-Journals nicht, obgleich das Loos der Unglücklichen doch unstreitig das bedauernswertheste gewesen. Denn da ihr Gemahl vor der Hochzeit nicht rauchte, wie konnte sie ahnen, daß er sich nach derselben dem Laster ergeben würde? Poetische Gerechtigkeit sollte doch in allen Novellen herrschen, diejenigen des Anti-Tabak-Journals nicht ausgenommen. Was aber bleibt die Moral, mögen wir nun das Thema wenden, wie wir wollen? Ach, schöne Leserin, nicht die tröstlichste! Denn wenn das Rauchen wirklich solche gräßliche Uebel im Gefolge hat, wie Kummer, fixe Ideen, Auswanderung, und wenn man für den besten Mann selbst im besten Falle nicht garantiren kann: dann, in der That, bleibt den jungen Mädchen nichts übrig, als – überhaupt nicht zu heirathen. Nach den traurigen Enthüllungen, welche das Organ der englischen Tabaksfeinde gemacht, haben sie fortan die Wahl, und sie werden nur sich selber verantwortlich machen können, wenn sie die Frauen von Rauchern und die unschuldigen Opfer des Rauchens geworden sind.

Aber siehe da! – über meinem Philosophiren ist es dunkel geworden und meine Cigarre ist zu Ende. Mir bleibt nichts mehr, als die Asche wegzuwerfen und dies Zwielichtgeplauder zu schließen.

Julius Rodenberg.