Die Reaktion in Deutschland

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Process-stop.svg Bei diesem Text fehlt eine Quellenangabe. Hilf mit, eine diesem Text möglich nahe kommende Primärquelle zu finden und ihn durch die Version aus der Quelle auszutauschen. Für Texte ohne hinreichende Quellenangaben kann ein Löschantrag gestellt werden, wenn keine geeignete Quelle nachgetragen wird.

Michail Bakunin, Jules Elysard

Die Reaktion in Deutschland

Ein Fragment von einem Franzosen

Freiheit, Realisierung der Freiheit – wer kann es leugnen, daß dies Wort jetzt obenan steht auf der Tagesordnung der Geschichte? Freund und Feind werden und müssen das zugeben, ja, es wird niemand wagen, sich offen und keck selbst als einen Feind der Freiheit zu bekennen. Aber das Sagen, das Bekennen macht es nicht, wie das auch schon das Evangelium weiß; denn leider gibt es noch immer eine Menge von Leuten, welche in Wahrheit, in ihrem innersten Herzen nicht an die Freiheit glauben. Es ist schon der Mühe wert, um der Sache willen sich auch mit diesen zu beschäftigen. Denn sie sind sehr verschiedener Natur. Zunächst begegnen uns da hochgestellte, bejahrte und erfahrene Leute; in ihrer Jugend selbst Dilettanten der politischen Freiheit – denn es liegt ein gewisser pikanter Genuß für einen vornehmen und reichen Mann darin, von Freiheit und Gleichheit zu sprechen, und macht ihn noch dazu in der Gesellschaft doppelt interessant – suchen sie nun, da es mit der Fähigkeit zum jugendlichen Lebensgenuß vorbei ist, ihre physische und geistige Abspannung unter dem Schleier des so oft gemißbrauchten Wortes „Erfahrung“ zu verhehlen. – Mit diesen Leuten lohnt es sich gar nicht zu sprechen; – es war ihnen niemals Ernst mit der Freiheit, und die Freiheit war ihnen niemals eine Religion, welche die größten Genüsse und die tiefste Seligkeit nur auf dem Wege der ungeheuersten Widersprüche, der bittersten Schmerzen und einer vollständigen, unbedingten Selbstentsagung darreicht. – Schon deshalb lohnt es sich mit ihnen nicht zu sprechen, weil sie alt sind und somit alle bon gré mal gré bald sterben werden. Es gibt aber leider auch viele junge Leute, welche dieselben Überzeugungen oder vielmehr denselben Mangel an aller Überzeugung mit ihnen teilen. – Diese gehören entweder und zum größten Teil der ihrem Wesen nach in Deutschland politisch längst abgestorbenen Aristokratie an – oder zur bürgerlichen, kommerziellen und Beamtenklasse. – Mit ihnen auch ist nichts anzufangen und selbst noch weniger als mit der ersten Kategorie der klugen und erfahrenen, ihrem Tode schon so nahe stehenden Leute. – Diese hatten wenigstens einen Schein von Leben, jene aber sind von Hause aus unlebendige und tote Menschen. Ganz eingewickelt in ihre kleinlichen Eitelkeits- oder Geldinteressen und durch ihre alltäglichen Sorgen vollständig in Anspruch genommen, haben sie selbst nicht die mindeste Ahnung vom Leben und von dem, was um sie vorgeht, – so daß, wenn sie in der Schule nicht etwas von Geschichte und Geistesentwicklung gehört hätten, sie wahrscheinlich glauben würden, daß es in der Welt nie anders gewesen ist als jetzt. – Das sind farblose, gespensterhafte Naturen, sie können weder nützen noch schaden; von ihnen haben wir nichts zu fürchten, weil nur das Lebendige wirken kann, und da es nicht mehr Mode ist, mit Gespenstern umzugehen, so wollen wir auch unsere Zeit nicht mit ihnen verlieren. Es gibt aber noch eine dritte Kategorie von Gegnern des Prinzips der Revolution, das ist die bald nach der Restauration in ganz Europa aufgetauchte reaktionäre Partei, welche in der Politik: Konservativismus, in der Rechtswissenschaft: historische Schule und in der spekulativen Wissenschaft: positive Philosophie genannt wird. – Mit dieser wollen wir reden; es wäre abgeschmackt von uns, ihre Existenz zu ignorieren und so zu tun, als ob wir sie für unbedeutend hielten; wir werden im Gegenteil aufrichtig gestehen, daß sie jetzt überall die regierende Partei ist, und noch mehr: wir wollen ihr zugeben, daß ihre gegenwärtige Macht nicht ein Spiel des Zufalls ist, sondern in der Entwicklung des modernen Geistes ihren tiefen Grund hat. — Überhaupt räume ich der Zufälligkeit keine wirkliche Gewalt in der Geschichte ein – die Geschichte ist eine freie, somit aber auch eine notwendige Entwicklung des freien Geistes, so daß, wenn ich die gegenwärtige Oberherrschaft der reaktionären Partei zufällig nennen wollte, ich dadurch dem demokratischen Glaubensbekenntnis, welches sich einzig und allein auf der unbedingten Freiheit des Geistes gründet, den schlechtesten Dienst leisten würde. – Desto gefährlicher würde uns so eine schlechte, lügenhafte Beruhigung sein, da wir leider bis jetzt noch sehr weit davon entfernt sind, unsere Stellung zu begreifen, und da – in nur zu häufiger Verkennung der wahren Quelle unserer Macht so wie der Natur unseres Feindes – wir entweder von dem traurigen Bilde der Alltäglichkeit niedergedrückt, unseren Mut gänzlich verlieren, oder – was vielleicht noch schlimmer ist, da die Verzweiflung in einem lebendigen Menschen nicht lange dauern kann – uns einem unbegründeten, knabenhaften und fruchtlosen Übermute ergeben. Nichts kann der demokratischen Partei nützlicher sein als die Erkenntnis ihrer momentanen Schwäche und der relativen Kraft ihrer Gegner; – durch diese Erkenntnis tritt sie erst aus der Unbestimmtheit der Phantasie in die Wirklichkeit hinein, in der sie leben, leiden und am Ende siegen muß; – durch diese Erkenntnis wird ihre Begeisterung besonnen und demütig; – und erst wenn sie durch diese schmerzliche Reibung mit der Wirklichkeit zum Bewußtsein ihres heiligen, priesterlichen Amts kommen wird, wenn sie aus den unendlichen Schwierigkeiten, die ihr überall im Wege stehen und die nicht allein, wie sie oft zu meinen scheint, aus dem Obskurantismus ihrer Gegner fließen, sondern vielmehr aus der Fülle und Totalität der menschlichen Natur, die sich durch abstrakt theoretische Sätze nicht erschöpfen läßt – erst wenn sie aus diesen Schwierigkeiten die Unzulänglichkeit ihrer ganzen gegenwärtigen Existenz erkennen und daher begreifen wird, daß ihr Feind nicht nur außer ihr, sondern auch und viel mehr in ihr selber vorhanden ist, und daß sie damit anfangen muß, diesen ihr innewohnenden Feind zu besiegen; – erst wenn sie sich überzeugen wird, daß die Demokratie nicht nur in Opposition gegen die Regierenden besteht und nicht eine besondere konstitutionelle oder politischökonomische Veränderung ist, sondern eine totale Umwandlung desjenigen Weltzustandes und ein in der Geschichte noch nie gewesenes, ursprünglich neues Leben verkündigt, erst wenn sie aus allem dem begreifen wird, daß die Demokratie eine Religion ist, wenn sie also durch diese Erkenntnis selbst religiös wird, d. h. durchdrungen von ihrem Prinzip nicht nur im Denken und Räsonieren, sondern ihm treu auch im wirklichen Leben, bis zu seinen kleinsten Erscheinungen, – erst dann wird die demokratische Partei die Welt wirklich besiegen.

Somit wollen wir aufrichtig gestehen, daß die gegenwärtige Macht der reaktionären Partei nicht zufällig, sondern notwendig ist; sie hat ihren Grund in der Unzulänglichkeit nicht des demokratischen Prinzips, – dieses ist ja die in der Freiheit sich realisierende Gleichheit der Menschen, somit aber auch das innerste, allgemeinste und allumfassendste, mit einem Worte das einzige sich in der Geschichte betätigende Wesen des Geistes; sondern in der Unzulänglichkeit der demokratischen Partei, welche noch nicht zum affirmativen Bewußtsein ihres Prinzips gekommen ist und deshalb nur als Negation der bestehenden Wirklichkeit existiert. Als solche, als nur Negation hat sie zunächst notwendig die ganze Fülle des Lebens außer sich, eine Fülle, die sie noch nicht aus ihrem von ihr selbst fast nur negativ begriffenen Prinzipe entwickeln kann. Deshalb ist sie aber bis jetzt auch nur eine Partei und noch nicht die lebendige Wirklichkeit – Zukunft und nicht Gegenwart. – Schon dieses, daß die Demokraten nur eine Partei bilden – und dazu noch eine ihrer äußerlichen Existenz nach schwache Partei – und daß sie als nur Partei das Bestehen einer andern, ihnen entgegengesetzten, kräftigen Partei voraussetzen, – schon dieses allein müßte ihnen eine Aufklärung über ihre eigene wesentlich ihnen inwohnende Mangelhaftigkeit geben. Ihrem Wesen, ihrem Prinzipe nach ist die demokratische Partei das Allgemeine, das Allumfassende, ihrer Existenz nach aber, als Partei, ist sie nur ein Besonderes, das Negative, dem ein anderes Besondere, das Positive, gegenübersteht. – Die ganze Bedeutung und die unaufhaltsame Kraft des Negativen ist das Zugrundegehen des Positiven, – mit dem Positiven richtet es aber sich selbst, als dieses schlechte, besondere und seinem Wesen unadäquate Dasein, zugrunde. – Der Demokratismus besteht noch nicht als er selbst in seinem affirmativen Reichtum, sondern nur als das Negieren des Positiven, und deshalb muß es auch in dieser schlechten Gestalt mit dem Positiven zusammen zugrunde gehen, um aus seinem freien Grunde in einer wiedergeborenen Gestalt, als lebendige Fülle seiner selbst wieder hervorzuspringen; – und diese Veränderung der demokratischen Partei in sich selber wird nicht nur eine quantitative Veränderung sein, d. h. nicht nur eine Verbreitung ihrer jetzigen, besonderen und somit schlechten Existenz, – Gott bewahre! – so eine Verbreitung wäre die Verflachung der ganzen Welt, und das Endresultat der ganzen Geschichte wäre eine absolute Nichtigkeit, – sondern eine qualitative Umwandlung, eine neue, lebendige und lebendig machende Offenbarung, – ein neuer Himmel und eine neue Erde – eine jugendliche und herrliche Welt, in der alle gegenwärtigen Dissonanzen zur harmonischen Einheit sich auflösen werden.

Noch weniger kann der Mangelhaftigkeit der demokratischen Partei dadurch geholfen werden, daß man die Einseitigkeit ihrer Existenz als Partei durch eine äußerliche Vermittlung mit dem Positiven aufhebt – das wäre ein eitles Streben, denn das Positive und das Negative sind miteinander ein für allemal unverträglich; – das Negative scheint zunächst, insofern es in seinem Gegensatze zum Positiven isoliert und für sich genommen wird, inhalts- und leblos zu sein; – und diese scheinbare Inhaltslosigkeit ist auch der Hauptvorwurf, den die Positiven den Demokraten machen; – ein Vorwurf, der aber nur auf einem Mißverständnis beruht, – denn das Negative ist gar nicht als Isoliertes, als solches wäre es gar nichts; – es ist nur im Gegensatze zum Positiven; sein ganzes Sein, sein Inhalt und seine Lebendigkeit ist nur die Zerstörung des Positiven. »Die revolutionäre Propaganda, sagt der Pentarchist [1], ist ihrem tiefsten Wesen nach die Negation der bestehenden Staatszustände; denn ihrer innersten Natur nach hat sie kein anderes Programm als die Destruktion des Bestehenden.« – Ist es aber möglich, daß das, dessen ganzes Leben nur Zerstören ist, sich mit dem, was es seiner innersten Natur nach zerstören muß, äußerlich vertragen könnte? – so können nur laue Halbmenschen, denen es weder mit dem Positiven, noch mit dem Negativen Ernst ist, denken. Die reaktionäre Partei unterscheidet sich jetzt innerhalb ihrer selbst in zwei Hauptabteilungen: in die der reinen, konsequenten, und in die der inkonsequenten, vermittelnden Reaktionäre; die ersten fassen den Gegensatz in seiner Reinheit; sie fühlen wohl, daß das Positive und Negative sich ebensowenig vermitteln lassen wie Feuer und Wasser, und da sie im Negativen nicht sein affirmatives Wesen sehen und somit nicht an das Negative glauben können, so folgern sie daraus ganz richtig, daß das Positive durch eine vollständige Unterdrückung des Negativen durchaus erhalten werden müsse. Daß sie nicht zugleich einsehen, daß das Positive nur insofern dieses, von ihnen verteidigte Positive ist, als ihm das Negative noch gegenübersteht, und daß es folglich im Falle eines vollständigen Sieges über das Negative, nunmehr außer dem Gegensatze, nicht mehr das Positive, sondern vielmehr die Vollendung des Negativen wäre, – daß sie dieses nicht einsehen, muß ihnen verziehen werden, da die Blindheit der Hauptcharakter alles Positiven ist und die Einsicht nur dem Negativen angehört. In unserer schlechten und gewissenlosen Zeit aber, wo so viele aus Feigheit die strengen Konsequenzen ihres eigenen Prinzips vor sich selbst zu verbergen suchen, um dadurch der Gefahr zu entfliehen, in dem gekünstelten und schwachen Gebäude ihrer vermeintlichen Überzeugungen beunruhigt zu werden, muß man diesen Herren einen großen Dank wissen. Sie sind aufrichtig, ehrlich, sie wollen ganze Menschen sein. Viel reden läßt es sich nicht mit ihnen, weil sie niemals in ein vernünftiges Gespräch eingehen wollen; es ist ihnen so schwer, jetzt, da das auflösende Gift des Negativen sich überall verbreitet hat, – es ist ihnen so schwer, ja fast unmöglich, sich in der reinen Positivität zu erhalten, so daß sie von ihrer eigenen Vernunft abstrahieren und vor sich selbst, vor dem kleinsten Versuche, ihre Überzeugungen zu beweisen, was ja die Widerlegung derselben wäre, sich fürchten müssen. – Sie fühlen dieses recht wohl und deshalb schimpfen sie auch da, wo sie sprechen müßten; und dennoch sind sie ehrliche und ganze Menschen, oder richtiger, sie wollen ehrliche und ganze Menschen sein; ebenso wie wir hassen sie jede Halbheit, weil sie wissen, daß nur ein ganzer Mensch gut sein kann und daß die Halbheit die faule Quelle aller Schlechtigkeit ist.

Diese fanatischen Reaktionäre verketzern uns; – wenn es möglich wäre, würden sie vielleicht selbst die unterirdische Macht der Inquisition aus der Rüstkammer der Geschichte aufrufen, um sie gegen uns zu brauchen; sie sprechen uns alles Gute, alles Menschliche ab, sie sehen in uns nichts anderes als eingefleischte Antichristen, gegen welche jedes Mittel erlaubt ist. – Werden wir ihnen mit derselben Münze bezahlen? Nein, es wäre unser und der großen Sache, deren Organe wir sind, unwürdig. Das große Prinzip, dessen Dienste wir uns geweiht haben, gibt uns unter vielen anderen Vorteilen das schöne Vorrecht, gerecht und unparteiisch zu sein, ohne dadurch unserer Sache zu schaden. Alles, was nur auf einer Einseitigkeit beruht, kann nicht die Wahrheit selbst als Waffe brauchen, da die Wahrheit die Widerlegung aller Einseitigkeit ist; – alles Einseitige muß in seiner Äußerung parteiisch und fanatisch sein, und der Haß ist sein notwendiger Ausdruck, weil es sich nicht anders behaupten kann, als durch ein gewalttätiges Abschaffen aller anderen ihm entgegengesetzten und ebenso, wie es selbst, berechtigten Einseitigkeiten. Eine Einseitigkeit setzt schon durch ihr Dasein allein das Dasein anderer Einseitigkeiten voraus, und doch muß sie ihrer wesentlichen Natur zufolge diese ausschließen, um sich zu behaupten. Dieser Widerspruch ist der Fluch, der über sie verhängt ist, ein ihr eingeborener Fluch, der alle guten Gefühle, die doch jedem Menschen schon als Menschen eingeboren sind, in ihrer Äußerung in Haß verwandelt. Wir sind unendlich glücklicher in dieser Hinsicht; – als Partei stehen wir wohl den Positiven gegenüber und kämpfen mit ihnen, und alle schlechten Leidenschaften werden auch in uns durch diesen Kampf aufgeweckt; insofern wir selbst einer Partei angehören, sind wir auch sehr oft parteiisch und ungerecht; wir sind aber nicht nur diese dem Positiven entgegengesetzte negative Partei; – wir haben unseren lebendigen Quell in dem allumfassenden Prinzipe der unbedingten Freiheit, in einem Prinzipe, das alles Gute, was nur im Positiven enthalten ist, auch in sich enthält und das über das Positive, ebensosehr wie über uns selbst als Partei, erhaben ist. – Als Partei treiben wir nur Politik, als eine solche sind wir aber nur durch unser Prinzip berechtigt; sonst hätten wir nicht einen besseren Grund als das Positive, und so müssen wir, schon unserer Selbsterhaltung wegen, unserem Prinzipe, als dem einzigen Grunde unserer Macht und unseres Lebens, treu bleiben, d. h. uns als diese einseitige, nur politische Existenz in der Religion unseres allumfassenden und allseitigen Prinzips immerwährend aufheben. Wir müssen nicht nur politisch, sondern in unserer Politik auch religiös handeln, religiös in dem Sinne der Freiheit, deren einzig wahrer Ausdruck die Gerechtigkeit und die Liebe ist. Ja, uns allein, die wir Feinde der christlichen Religion genannt werden, uns allein ist es vorbehalten und selbst zur höchsten Pflicht gemacht, die Liebe, dieses höchste Gebot Christi und dieses einzige Wesen des wahren Christentums, selbst im heißesten Kampfe wirklich zu üben.

Und so wollen wir auch gegen unsere Feinde gerecht sein, wir wollen anerkennen, daß sie sich bestreben, das Gute wirklich zu wollen, ja, daß sie durch ihre Natur zum Guten, zum lebendigen Leben berufen und nur durch ein unbegreifliches Mißgeschick von ihrer wahren Bestimmung abgelenkt worden sind. – Wir sprechen nicht von jenen, welche sich ihrer Partei angeschlossen haben, nur um ihren schlechten Leidenschaften Raum geben zu können. Tartüffe gibt es leider viele in allen Parteien; wir sprechen nur von den aufrichtigen Verteidigern des konsequenten Positivismus; diese bemühen sich um das Gute, aber sie können es nicht zum tatkräftigen Wollen bringen; das ist ihr großes Unglück, sie sind in sich selbst zerspalten. In dem Prinzipe der Freiheit sehen sie nur eine kalte und nüchterne Abstraktion, – wozu auch manche nüchterne und trockene Verteidiger desselben viel beigetragen haben, – eine Abstraktion, welche aus sich alles Lebendige, alles Schöne und Heilige ausschließt. Sie sehen nicht ein, daß dieses Prinzip mit seiner jetzigen schlechten, nur negativen Existenz gar nicht zu verwechseln ist, und daß es nur als lebendige, das Negative ebenso auch wie das Positive aufgehoben habende Affirmation seiner selbst siegen kann und sich realisieren wird. Sie meinen – und diese Meinung ist noch leider von manchen Anhängern der negativen Partei selbst geteilt, – sie meinen, daß das Negative sich als solches zu verbreiten strebt, und sie denken, ebenso wie wir selbst, daß die Verbreitung desselben die Verflachung der ganzen geistigen Welt wäre; zugleich haben sie in der Unmittelbarkeit ihres Gefühls ein ganz berechtigtes Streben zum lebendigen, vollen Leben, und da sie im Negativen nur die Verflachung desselben finden, so kehren sie zur Vergangenheit zurück, zu der Vergangenheit, so wie sie noch vor dem Entstehen des Gegensatzes zwischen dem Negativen und Positiven war. Insofern haben sie recht, als diese Vergangenheit wirklich eine in sich lebendige Totalität war, und als solche viel lebendiger und reicher als die zerrissene Gegenwart erscheint; – ihr großer Irrtum besteht aber darin, daß sie meinen, sie in ihrer vergangenen Lebendigkeit vergegenwärtigen zu können; sie vergessen, daß die vergangene Totalität ihnen selbst nunmehr nicht anders als in dem auflösenden und zerspaltenden Reflexe des heutigen, unvermeidlichen und aus ihr selbst entstandenen Gegensatzes erscheinen kann und daß sie, als Positives, nur der entseelte, d. h. dem mechanischen und chemischen Prozesse der Reflexion preisgegebene Leichnam seiner selbst ist. Als Anhänger des blinden Positivismus begreifen sie das nicht, – als ihrer Natur nach lebendige Menschen fühlen sie diesen Mangel am Leben recht wohl; – und da sie nicht wissen, daß schon dadurch allein, daß sie positiv sind, sie das Negative an ihnen selbst haben, so wälzen sie die ganze Schuld dieses Mangels und das ganze Gewicht ihres durch diese Impotenz sich zu befriedigen in Haß verwandelten Strebens zum Leben und zur Wahrheit auf das Negative. Dies ist der notwendige innere Prozeß in jedem konsequenten Positivisten, und deshalb sag' ich auch, daß sie wirklich zu bedauern sind, da der Quell ihres Strebens doch fast immer ehrlich ist.

Die vermittelnden Positivisten haben eine ganz andere Stellung; sie unterscheiden sich von den konsequenten einerseits dadurch, daß sie, von der Reflexionskrankheit der Zeit mehr als diese angefressen, nicht nur das Negative nicht unbedingt als ein absolut Böses verwerfen, sondern ihm selbst eine relative, momentane Berechtigung zugestehen; andererseits aber dadurch, daß sie nicht dieselbe energische Reinheit besitzen, eine Reinheit, zu der die konsequenten, rücksichtslosen Positivisten wenigstens streben und die wir als das Merkmal einer vollen, ganzen und ehrlichen Natur bezeichnet haben. Den Standpunkt der Vermittelnden können wir im Gegenteil als den der theoretischen Unehrlichkeit bezeichnen, der theoretischen, sag' ich, weil ich gern jede praktische, persönliche Beschuldigung vermeide und weil ich nicht glaube, daß ein persönlich böser Wille in die Entwicklung des Geistes wirklich hemmend eingreifen könnte; obgleich man auch gestehen muß, daß die theoretische Unehrlichkeit der Notwendigkeit ihres Wesens nach fast immer in eine praktische umschlägt. Die vermittelnden Positivisten sind klüger und einsichtsvoller als die konsequenten; – sie sind die Klugen, die Theoretiker par excellence, und insofern sind sie auch die Hauptrepräsentanten der Gegenwart; – wir könnten auf sie das, was im Anfange der Julirevolution von einem französischen Journale über das Justemilieu gesagt wurde, anwenden: le côté gauche dit: 2 fois 2 font 4, – le côté droit: 2 fois 2 font 6, – et le justemilieu dit: 2 fois 2 font 5; –das würden sie uns aber übelnehmen; – und so wollen wir versuchen, ihr unklares und schweres Wesen in allem Ernste und mit der tiefsten Ehrfurcht vor ihrer Weisheit zu untersuchen. – Mit ihnen ist es viel schwerer als mit den Konsequenten fertigzuwerden; – diese haben die praktische Energie ihrer Überzeugungen; sie wissen und sie sprechen mit klaren Worten aus das, was sie wollen; – sie hassen ebenso wie wir alle Unbestimmtheit, alle Unklarheit, weil sie als praktisch energische Naturen nur in einer reinen und klaren Luft frei atmen können. – Mit den Vermittelnden ist es aber eine eigene Sache; – sie sind pfiffig, – oh! sie sind klug und weise! sie erlauben niemals dem praktischen Drange zur Wahrheit, das zusammengekünstelte Bauwerk ihrer Theorien zu zerstören; – sie sind zu erfahren, zu klug, um der gebietenden Stimme des einfachen praktischen Gewissens ein gnädiges Gehör zu schenken. – Von der Höhe ihres Standpunktes sehen sie auf dieses mit Vornehmheit herab, – und wenn wir sagen, daß nur das Einfache wahr und wirklich ist, weil nur ein solches allein schöpferisch wirken kann, so behaupten sie dagegen, daß nur das Zusammengesetzte wahr ist, weil es ihnen die größte Mühe gekostet hat, ein solches zusammenzuflicken, und weil es das einzige Merkzeichen ist, woran man sie, kluge Leute, von dem dummen und ungebildeten Pöbel unterscheiden kann, – mit ihnen ist es schon deshalb sehr schwer, fertigzuwerden, weil ihnen alles bekannt ist, – weil sie als weltkluge Leute es für eine unverzeihliche Schwäche halten, sich durch etwas überraschen zu lassen, – weil sie mit ihrer Reflexion alle Winkel des natürlichen und geistigen Universums durchgeschlüpft haben und weil sie nach dieser langen und mühevollen Reflexions-Reise zu der Überzeugung gekommen sind, daß die wirkliche Welt es nicht der Mühe wert ist, daß man sich mit ihr in eine wirklich lebendige Berührung einlasse. –

Mit diesen Leuten ist es schwer ins Reine zu kommen, da sie ebenso wie die deutschen Konstitutionen, mit der rechten Hand zurücknehmen das, was sie mit der linken zugeben, – sie antworten niemals »ja« oder »nein«; – sie sagen: »gewissermaßen haben sie recht, aber, doch«, und wenn sie schon nichts mehr zu sagen haben, da sagen sie: »Ja, es ist ein eigen Ding.«

Und doch wollen wir versuchen, uns mit ihr einzulassen; – die Partei der Vermittelnden, ihrer innerlichen Haltungslosigkeit und ihrer Unfähigkeit aus sich was hervorzubringen ungeachtet, ist jetzt eine mächtige, ja die mächtigste Partei; – es versteht sich, daß sie es nur ihrer Majorität und nicht ihrem Inhalte nach ist; – sie ist eines der wichtigsten Zeichen der Zeit, und so darf man sie nicht ignorieren und umgehen. Ihre ganze Weisheit besteht darin, daß sie behaupten, zwei entgegengesetzte Richtungen seien schon als solche einseitig und somit unwahr; – wenn die beiden Glieder des Gegensatzes aber für sich abstrakt genommen unwahr sind, so muß die Wahrheit in ihrer Mitte liegen und so muß man sie miteinander vermitteln, um zur Wahrheit zu gelangen. – Dieses Räsonnement scheint zunächst unwiderleglich zu sein; – wir haben ja selbst zugegeben, daß das Negative, insofern es dem Positiven entgegengesetzt und in dieser Entgegensetzung auf sich bezogen ist, einseitig sei; – folgt aber daraus nicht notwendig, daß es an dem Positiven seine wesentliche Erfüllung und Ergänzung hat? – Und haben die Vermittelnden nicht recht, das Positive mit dem Negativen vermitteln zu wollen? –Ja, wenn diese Vermittlung möglich ist; – ist sie aber wirklich möglich? Ist das Zugrunderichten des Positiven nicht die einzige Bedeutung des Negativen? – Wenn die Vermittelnden ihren Standpunkt auf der Natur des Gegensatzes begründen, nämlich darauf, daß zwei entgegengesetzte Einseitigkeiten sich als solche gegenseitig voraussetzen, so müssen sie doch jene Natur in ihrem ganzen Umfang gelten lassen und anerkennen; – sie müssen es der Konsequenz wegen, um sich selbst, ihrem eigenen Standpunkt treu zu bleiben, – da die ihnen günstige Seite des Gegensatzes von der ihnen ungünstigen untrennbar ist; diese ungünstige Seite aber besteht darin, daß das Voraussetzen des einen Gliedes durch das andere nicht ein positives, sondern ein negatives, ein auflösendes ist. – Die Herren sind an die Logik Hegels zu verweisen, wo die Kategorie des Gegensatzes so schön behandelt ist.–

Der Gegensatz und dessen immanente Entwicklung macht einen der Hauptknotenpunkte des ganzen Hegelschen Systems – und da diese Kategorie die Hauptkategorie, das herrschende Wesen unserer Zeit ist, so ist auch Hegel unbedingt der größte Philosoph der Gegenwart, die höchste Spitze unserer modernen, einseitig theoretischen Bildung; – ja, gerade als diese Spitze, gerade dadurch, daß er diese Kategorie begriffen und somit aufgelöst hat, – gerade dadurch ist er auch der Anfang einer notwendigen Selbstauflösung der modernen Bildung; – als diese Spitze ist er schon über die Theorie, – freilich zunächst noch innerhalb der Theorie selbst –, hinausgegangen und hat eine neue praktische Welt postuliert, – eine Welt, welche keineswegs durch eine formale Anwendung und Verbreitung von fertigen Theorien, sondern nur durch eine ursprüngliche Tat des praktischen autonomischen Geistes sich erst vollbringen wird. – Der Gegensatz ist das innerste Wesen nicht nur aller bestimmten, besonderen Theorien, sondern der Theorie überhaupt, und so ist der Moment des Begreifens derselben zugleich auch der Moment der Vollendung der Theorie; – die Vollendung dieser ist aber ihre Selbstauflösung in eine ursprüngliche und neue praktische Welt, – in die wirkliche Gegenwart der Freiheit. Hier ist es aber noch nicht der Ort, dieses weiterzuentwickeln, und so wollen wir uns wieder zur Erörterung der logischen Natur des Gegensatzes wenden. Der Gegensatz selbst, als das Umfassen seiner beiden einseitigen Glieder, ist total, absolut, wahr; – ihm kann man nicht die Einseitigkeit und die mit dieser notwendig verbundene Seichtigkeit und Armut vorwerfen, da er nicht das Negative allein, sondern auch das Positive ist und da er, als dieses allumfassende, die totale, absolute, nichts außer sich habende Fülle ist; – das berechtigt die Vermittelnden zu fordern, daß man nicht das eine der beiden einseitigen Glieder abstrakt festhalte, sondern sie in ihrem notwendigen Bunde, in ihrer Untrennbarkeit, als Totalität auffasse: – Nur der Gegensatz ist wahr, sagen sie, und jedes der entgegengesetzten Glieder, für sich genommen, ist einseitig und somit unwahr; –den Gegensatz haben wir folglich in seiner Totalität

zu ergreifen, um die Wahrheit zu haben. – Hier fängt aber gerade die Schwierigkeit an; – der Gegensatz ist wohl die Wahrheit; er existiert aber nicht als solcher, er ist nicht als diese Totalität da; – er ist nur eine an sich seiende, verborgene Totalität und seine Existenz ist gerade die sich widersprechende Entzweiung seiner beiden Glieder – des Positiven und des Negativen. – Der Gegensatz als die totale Wahrheit ist die untrennbare Einheit der Einfachheit und der Entzweiung seiner selbst in einem; das ist seine an sich seiende, verborgene, somit aber auch seine zunächst unfaßbare Natur, und gerade weil diese Einheit eine verborgene ist, so existiert er auch einseitig nur als die Entzweiung seiner Glieder; – er ist nur als das Positive und das Negative da, und diese schließen sich so entschieden gegenseitig aus, daß dieses gegenseitige Sichausschließen ihre ganze Natur ausmacht. – Wie ist aber denn die Totalität des Gegensatzes zu ergreifen? – Hier scheinen zwei Auswege zu bleiben: Entweder muß man von der Entzweiung willkürlich abstrahieren und zur einfachen, der Entzweiung vorangehenden Totalität des Gegensatzes flüchten; – dieses ist aber unmöglich, weil das Unfaßbare einmal unfaßbar ist –und weil der Gegensatz als solcher unmittelbar nur als Entzweiung, ohne diese gar nicht ist; - oder die entgegengesetzten Glieder mütterlich zu vermitteln suchen; – darin besteht denn das ganze Streben der vermittelnden Schule. – Wir wollen sehen, ob es ihnen wirklich gelingt. Das Positive scheint zunächst das Ruhige, das Unbewegliche zu sein; es ist ja nur dadurch positiv, daß es ohne Störung in sich ruht und in sich nichts hat, was es negieren könnte, – nur dadurch, daß es innerhalb seiner selbst keine Bewegung hat, da jede Bewegung eine Negation ist. – Das Positive ist aber gerade ein solches, in welchem die Bewegungslosigkeit als eine solche gesetzt ist, ein solches, welches in sich als die absolute Bewegungslosigkeit reflektiert ist; –die Reflexion auf die Bewegungslosigkeit ist aber mit der Reflexion auf die Bewegung untrennbar; oder vielmehr sie sind eine und dieselbe Reflexion, und so ist das Positive, die absolute Ruhe, nur gegen das Negative, die absolute Unruhe positiv; – das Positive ist innerhalb seiner selbst auf das Negative, als auf seine eigene lebendige Bestimmung bezogen. – So hat das Positive eine doppelte Stellung in Bezug auf das Negative: einerseits ruht es in sich selber und hat in diesem apathischen Beruhen auf sich nichts von dem Negativen in sich; – andrerseits aber und gerade dieser Buhe wegen, als ein dem Negativen in sich selber Entgegengesetztes, schließt es tätig das Negative aus sich aus; – diese Tätigkeit des Ausschließens ist aber eine Bewegung, und so ist das Positive, gerade seiner Positivität wegen, an ihm selber nicht mehr das Positive, sondern das Negative : – Indem es das Negative von sich ausschließt, schließt es sich selber von sich aus und richtet sich selber zugrunde.

Das Positive und das Negative sind folglich nicht gleichberechtigt, wie die Vermittelnden es denken; der Gegensatz ist kein Gleichgewicht, sondern ein Übergewicht des Negativen, welches der übergreifende Moment desselben ist; – das Negative, als das bestimmende Leben des Positiven selbst, schließt in sich allein die Totalität des Gegensatzes ein und so ist es auch das absolut Berechtigte. – Wie, wird man mich vielleicht fragen, haben Sie uns nicht selbst zugestanden, daß das Negative für sich abstrakt genommen ebensogut wie das Positive einseitig ist und daß die Verbreitung der jetzigen schlechten Existenz desselben eine Verflachung der ganzen Welt wäre? – Ja – aber ich sprach nur von der jetzigen Existenz des Negativen, von dem Negativen, insofern es, von dem Positiven ausgeschlossen, ruhig auf sich bezogen und somit selbst positiv ist; – als solches ist es auch durch das Positive negiert und die konsequenten Positivisten verrichten, indem sie die Existenz des Negativen, seine ruhige Beziehung auf sich negieren, zugleich ein logisches und ein heiliges Amt – obgleich sie nicht wissen, was sie tun. Sie glauben das Negative zu negieren und sie negieren im Gegenteil das Negative nur insofern, als es sich selbst zum Positiven macht; sie wecken das Negative aus der philisterhaften Buhe auf, zu der es nicht bestimmt ist, und sie führen es zu seinem großen Berufe zurück – zum rast- und rücksichtslosen Vernichten alles positiv Bestehenden.

Wir werden zugeben, daß das Positive und das Negative, wenn dieses ruhig und egoistisch auf sich bezogen und somit sich selber untreu ist, gleichberechtigt sind – das Negative soll aber nicht egoistisch sein – es soll sich mit Liebe dem Positiven hingeben, um dasselbe zu verzehren und um in dieser religiösen, glaubensvollen, lebendigen Tat der Vernichtung die unerschöpfliche und zukunftsschwangere Tiefe seiner Natur zu offenbaren. – Das Positive ist durch das Negative und das Negative umgekehrt durch das Positive negiert; – was ist denn das in beiden Gemeinsame und das über beide Übergreifende? – Das Negieren, das Zugrunderichten, das leidenschaftliche Verzehren des Positiven, — selbst wenn dieses sich pfiffig unter der Gestalt des Negativen zu verbergen sucht. – Nur als dieses rücksichtslose Negieren ist das Negative berechtigt, – als solches ist es aber absolut berechtigt, – weil es als solches das Tun des in dem Gegensatze selbst unsichtbar gegenwärtigen praktischen Geistes ist, – der durch diesen Vernichtungssturm mächtig die sündhaften, vermittelnden Seelen zur Buße mahnt und sein nahes Kommen, seine nahe Offenbarung in einer wirklich demokratischen und universell-menschlichen Kirche der Freiheit verkündigt. Dieses Sich selbst auflösen des Positiven ist die einzig mögliche Vermittlung des Positiven mit dem Negativen, weil es die immanente, die totale Bewegung und Energie des Gegensatzes selber ist, und so ist jede andere Weise, sie zu vermitteln, eine willkürliche und jeder, der eine andere Vermittlung bezweckt, beweist dadurch nur, daß er von dem Geiste der Zeit nicht durchdrungen und somit entweder dumm oder gesinnungslos ist, weil man nur dann wirklich geistreich und sittlich ist, wenn man sich diesem Geist vollständig hingibt und von ihm durchdrungen wird. – Der Gegensatz ist total und wahr; – das geben selbst die Vermittelnden zu; – als totaler ist er aber durchaus lebendig, und die Energie seiner allumfassenden Lebendigkeit besteht gerade, wie wir es eben gesehen haben, in diesem rastlosen Sichselbstverbrennen des Positiven in dem reinen Feuer des Negativen.

Was tun die Vermittelnden nun? – Sie geben uns dies alles zu, sie anerkennen die Totalität des Gegensatzes ebenso wie wir, nur daß sie diesen seiner Bewegung, seiner Lebendigkeit, seiner ganzen Seele berauben, oder vielmehr berauben wollen, – weil die Lebendigkeit des Gegensatzes eine praktische, eine mit ihren halben und impotenten Seelen unverträgliche, aber eben dadurch eine über alle ihre Versuche, sie zu ersticken, erhabene Macht ist. – Das Positive, haben wir gesagt und bewiesen, ist für sich genommen unberechtigt; –es ist nur insofern berechtigt, als es die Ruhe des Negativen, seine Beziehung auf sich negiert, insofern es unbedingt und entschieden das Negative aus sich ausschließt und es dadurch in seiner Tätigkeit erhält, – insofern es selbst zum tätigen Negativen wird. – Diese Tätigkeit des Negierens, zu der die Positivisten durch die unüberwindliche, in allen lebendigen Naturen unsichtbar gegenwärtige Macht des Gegensatzes selbst erhoben werden und welche ihre einzige Berechtigung und das einzige Merkmal ihrer Lebendigkeit ausmacht, – gerade diese Tätigkeit des Negierens wollen ihnen die Vermittelnden verbieten. – Infolge eines sonderbaren, unbegreiflichen Mißgeschicks, oder vielmehr aus dem ganzen begreiflichen Mißgeschicke ihrer praktischen Gesinnungslosigkeit, ihrer praktischen Impotenz, erkennen sie in den Positiven gerade das an, was an ihnen tot, verfault und nur der Vernichtung würdig ist, – und verwerfen an ihnen das, was ihre ganze Lebendigkeit ausmacht: – den lebendigen Kampf mit dem Negativen, die lebendige Gegenwart des Gegensatzes in ihnen. Sie sagen den Positiven: »Meine Herren! Sie haben recht, die verfaulten und verdorrten Reste der Herkömmlichkeit zu bewahren; es lebt sich so hübsch und so angenehm in diesen Ruinen, in dieser vernunftwidrigen Rokoko-Welt, deren Luft unseren schwindsüchtigen Geistern ebenso gesund ist, wie die Luft eines Viehstalls für schwind süchtige Körper; – was uns anbetrifft, so hätten wir uns mit der größten Freude in Ihrer Welt ansässig gemacht, – in einer Welt, wo nicht die Vernunft und die vernünftigen Bestimmungen des menschlichen Willens, sondern das lange Bestehen und die Unbeweglichkeit der Maßstab des Wahren und Heiligen sind und wo demzufolge China mit seinen Mandarinen und seinen Bambusschlägen als absolute Wahrheit gelten muß! – Aber was ist da zu tun, meine Herren! – Die Zeiten sind schlecht, unsere gemeinsamen Feinde, die Negativen, haben sehr viel Raum gewonnen; – wir hassen sie ebenso und vielleicht noch mehr als Sie selbst, da sie in ihrer Ungebundenheit uns zu verachten sich erlauben; – aber sie sind mächtig geworden, und man muß nolens volens auf sie Rücksicht nehmen, um nicht gänzlich von ihnen vernichtet zu werden; - seien Sie doch nicht so fanatisch, meine Herren, – räumen Sie ihnen einen kleinen Platz in Ihrer Gesellschaft ein; – was liegt Ihnen daran, wenn sie in ihrem historischen Museum die Stelle mancher, sonst sehr ehrwürdigen, aber doch ganz verfallenen Ruinen einnehmen? – Glauben Sie uns, ganz beglückt durch die Ehre, die Sie ihnen dadurch erweisen, werden sie sich schon in Ihrer ehrwürdigen Gesellschaft sehr ruhig und bescheiden benehmen; – denn es sind am Ende nur junge Leute, die durch Not und Mangel an sorgenfreier Lage erbittert“ [2], nur deshalb so schreien und so viel Lärm machen, weil sie sich dadurch eine gewisse Bedeutung und eine angenehme Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen hoffen.«

Nachdem wenden sie sich zu den Negativen und sagen ihnen: »Ihr Streben ist edel, meine Herren! Wir begreifen Ihre jugendliche Begeisterung für die reinen Prinzipien und haben die größte Sympathie für Sie; glauben Sie uns aber, die reinen Prinzipien sind in ihrer Reinheit auf das Leben unanwendbar; – es gehört eine gewisse Dosis von Eklektizismus zum Leben; – die Welt läßt sich nicht so bemeistern, wie Sie es wünschen; Sie müssen ihr etwas nachgeben, um auf sie wirken zu können, – sonst werden Sie Ihre Stellung in ihr gänzlich verderben.« – Und wie man von den polnischen Juden erzählt, daß sie im letzten polnischen Kriege den beiden kämpfenden Parteien, den Polen ebensowohl wie den Russen, zugleich dienen wollten und von beiden aufgehängt wurden, – so plagen sich diese Armseligen mit dem unmöglichen Geschäft der äußerlichen Vermittlung, und werden zum Dank von beiden Parteien verachtet. –Schade nur, daß die gegenwärtige Zeit zu schwach und zu energielos ist, um das Solonsche Gesetz [3] auf sie anzuwenden!

Das sind Phrasen, wird man mir entgegnen; die Vermittelnden sind meistens ehrwürdige und wissenschaftlich gebildete Leute; – es gibt sehr viel allgemein geachtete und hochgestellte Personen unter ihnen, und Sie haben sie als einsichts- und gesinnungslose Menschen dargestellt! – Was kann ich aber dafür, wenn es so wirklich ist? – Ich will keinen persönlich angreifen; – das Innere eines Individuums ist mir ein unantastbares Heiligtum, ein Inkommensurables, über welches ich mir niemals ein Urteil erlauben werde; – dieses Innere kann für das Individuum selbst einen unendlichen Wert haben; – für die Welt, in der Wirklichkeit aber ist es nur insofern, als es sich äußert, und nur ein solches, als welches es sich äußert; – jeder Mensch ist wirklich nur das, was er in der wirklichen Welt ist, – und das Schwarze kann ich doch unmöglich weiß nennen.

Ja, wird man mir erwidern, Ihnen scheint ihr Streben schwarz oder vielmehr grau zu sein; — in der Tat wollen jene und bezwecken sie nur den Fortschritt und befördern ihn viel mehr als Sie selbst, indem sie besonnen zu Werke gehen und nicht übermütig wie die Demokraten die ganze Welt auseinandersprengen wollen. — Wir haben aber gesehen, was dieser vermeinte, von den Vermittelnden bezweckte Fortschritt ist; – wir haben gesehen, daß sie eigentlich nichts anderes als die Erstickung des einzig lebendigen Prinzips unserer sonst so armen Gegenwart, die Erstickung des schöpferischen und zukunftsvollen Prinzips der auflösenden Bewegung wollen; — sie sehen ebenso wie wir ein, daß unsere Zeit eine Zeit des Gegensatzes ist; – sie geben uns zu, daß dies ein schlechter, ein in sich zerrissener Zustand ist, – und anstatt durch die Vollendung des Gegensatzes ihn in eine neue, affirmative und organische Wirklichkeit umschlagen zu lassen, wollen sie ihn, diesen in seiner jetzigen Existenz so dürftigen und schwindsüchtigen Zustand, durch eine endlose Allmählichkeit ewig erhalten. – Ist das ein Fortschritt? – Sie sagen den Positiven: »Erhalten Sie das Alte, aber erlauben Sie zugleich auch den Negativen, es allmählich aufzulösen;« – und den Negativen: »Lösen Sie das Alte auf; –nur nicht auf einmal und gänzlich–, damit Sie immer etwas zu tun haben;– d. h. bleiben Sie jedes in Ihrer Einseitigkeit; – wir aber, die Auserwählten, werden den Genuß der Totalität für uns bewahren;« – armselige Totalität, mit welcher sich nur armselige Geister befriedigen können! – Sie berauben den Gegensatz seiner bewegenden, praktischen Seele und freuen sich, daß sie mit ihm nach Willkür schalten und walten können; – der große heutige Gegensatz ist ihnen keine praktische Macht der Gegenwart, der sich jeder lebendige Mensch rücksichtslos aufgeben muß, um lebendig zu bleiben, sondern nur ein theoretisches Spielwerk. –Sie sind nicht von dem praktischen Geiste der Zeit durchdrungen und deshalb sind sie auch unsittliche Menschen; ja, sie, die sich so sehr ihrer Moralität rühmen, sind unsittliche Menschen, weil die Sittlichkeit außer der alleinseligmachenden Kirche der freien Menschheit unmöglich ist. – Ihnen muß man wiederholen, was der Apokalyptiker den Vermittelnden seiner Zeit sagt: »Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. – Ach, daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts; – und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.« Aber, wird man mir sagen, fallen Sie nicht mit Ihren rein auseinander gehaltenen Extremen in den abstrakten von Schelling und Hegel längst überwundenen Standpunkt zurück? – Hat dieser Hegel, den Sie so hochschätzen, selbst nicht die ganz richtige Bemerkung gemacht, daß im reinen Lichte ebenso wenig gesehen werden kann als in der reinen Finsternis und daß erst die konkrete Einheit beider das Sehen überhaupt möglich macht, – und besteht nicht das große Verdienst Hegels gerade darin, bewiesen zu haben, wie jede lebendige Existenz nur dadurch lebendig ist, daß sie ihre Negation nicht außer sich, sondern in sich als immanente Lebensbedingung hat; und daß, wenn sie nur positiv wäre und die Negation außer sich hätte, sie bewegungs- und leblos wäre? – Das weiß ich sehr gut, meine Herren! Ich gebe Ihnen zu, daß ein lebendiger Organismus zum Beispiel nur dadurch lebendig ist, daß er den Keim seines Todes in sich trägt; – aber wenn Sie mir Hegel zitieren wollen, so müssen Sie ihn vollständig zitieren; – dann werden Sie ersehen, daß das Negative nur so lange die Lebensbedingung dieses bestimmten Organismus ist, als es nur in ihm als ein in seiner Totalität gehaltenes Moment ist; – daß aber ein Punkt vorkommt, wo die allmähliche Wirkung des Negativen plötzlich abgebrochen wird, so daß dieses zum selbständigen Prinzipe umschlägt; – und daß dieser Augenblick der Tod dieses bestimmten Organismus ist, ein Moment, das in der Hegelschen Philosophie als der Übergang der Natur in eine qualitativ neue Welt, – in die freie Welt des Geistes bezeichnet wird. Dasselbe wiederholt sich in der Geschichte: – Das Prinzip der theoretischen Freiheit zum Beispiel regte sich schon in der vergangenen katholischen Welt vom Anfange ihrer Existenz an; – dieses Prinzip war die Quelle aller Häresien, an denen der Katholizismus so reich war; – ohne dieses Prinzip aber wäre der Katholizismus bewegungslos, und so war es zugleich auch das Prinzip seiner Lebendigkeit, aber nur so lange, als es in seiner Totalität, als bloßes Moment, gehalten war; – so ist auch der Protestantismus allmählich hervorgegangen; – seinen Anfang hatte er im Anfange des Katholizismus selbst; – einmal aber wurde diese Allmählichkeit abgebrochen, und das Prinzip der theoretischen Freiheit erhob sich zum selbständigen, unabhängigen Prinzipe; – da wurde erst der Gegensatz in seiner Reinheit offenbar, und Sie wissen wohl, meine Herren, – Sie, die Sie sich Protestanten nennen, – was Luther den Vermittelnden seiner Zeit antwortete, als sie ihm ihre Dienste vorschlugen. –

Sie sehen, meine Ansicht über die Natur des Gegensatzes ist nicht nur einer logischen, sondern auch einer historischen Bestätigung fähig; – ich weiß aber, daß Ihnen mit keinem Beweise geholfen werden kann, da Sie in Ihrer Leblosigkeit kein anderes Geschäft so gern übernehmen als das Bemeistern der Geschichte; – Sie sind ja nicht umsonst trockene Zurechtmacher genannt worden! »Noch sind wir nicht geschlagen, – werden mir vielleicht die Vermittelnden antworten, – alles, was Sie vom Gegensatze sagen, ist wahr; nur eines können wir Ihnen nicht zugeben, – nämlich daß es jetzt in unserer Zeit so arg wäre, wie Sie es behaupten; – es gibt wohl Gegensätze in der Gegenwart, sie sind aber nicht so gefährlich, wie Sie es versichern. – Sehen Sie, überall ist Ruhe, über all hat sich die Bewegung gelegt; – keiner denkt an Krieg und die Mehrzahl der Nationen und der jetzt lebenden Menschen strengen alle ihre Kräfte an, um den Frieden zu erhalten, weil sie wohl wissen, daß die materiellen Interessen, welche jetzt zur Haupt-Angelegenheit der Politik und der allgemeinen Kultur geworden zu sein scheinen, ohne Frieden nicht zu befördern sind. – Wieviel wichtige Veranlassungen zum Kriege und zur Auflösung der bestehenden Ordnung der Dinge gab es nicht von der Juli-Revolution an bis zu unserer Zeit! – Es kamen im Laufe dieser zwölf Jahre solche Verwicklungen vor, von denen man unmöglich erwarten konnte, daß sie sich friedlich auflösen lassen würden, – solche Augenblicke, wo ein allgemeiner Krieg fast unvermeidlich schien und wo die schrecklichsten Stürme uns bedrohten; – und doch lösten sich alle Schwierigkeiten allmählich auf, alles blieb ruhig und der Friede scheint sich für immer auf die Erde niedergelassen zu haben!«

–Friede, – sagen Sie, – ja, was man nun Friede nennt! – Ich behaupte aber dagegen, daß noch nie die Gegensätze so scharf hingestellt waren wie jetzt, – daß der ewige Gegensatz, der in allen Zeiten derselbe ist, nur daß er sich im Fortgange der Geschichte immer mehr steigert und entwickelt, – daß der Gegensatz der Freiheit und der Unfreiheit sich in unserer, den Auflösungsperioden der heidnischen Welt sonst so ähnlichen Gegenwart zu seiner letzten und höchsten Spitze getrieben und emporgeschwungen hat! – Haben Sie nicht auf dem Vorgrunde des durch die Revolution erhobenen Tempels der Freiheit die geheimnisvollen und furchtbaren Worte: Liberte, Egalite und Fraternite gelesen, und wissen Sie und fühlen Sie nicht, daß diese Worte die gänzliche Vernichtung der bestehenden politischen und sozialen Welt andeuten? – Haben Sie nichts von den Stürmen der Revolution gehört und wissen Sie nicht, daß Napoleon, dieser vermeintliche Bezähmer des Demokratismus, die nivellierenden Prinzipien desselben, als ein würdiger Sohn der Revolution, in ganz Europa mit siegender Hand verbreitet hat? – Haben Sie nicht auch vielleicht etwas von Kant, Fichte, Schelling und Hegel gehört, oder wissen Sie wirklich nichts von einer Philosophie, welche in der intellektuellen Welt dasselbe nivellierende revolutionäre Prinzip, – und Prinzip der Autonomie des Geistes aufgestellt hat, und begreifen Sie nicht, daß dieses Prinzip im höchsten Gegensatze mit allen jetzigen positiven Religionen, mit allen gegenwärtigen Kirchen steht? »Ja«, – werden Sie mir antworten, »diese Gegensätze gehören ja eben zur vergangenen Geschichte; die Revolution ist in Frankreich selbst durch die weise Regierung Ludwig Philipps und die moderne Philosophie durch einen ihrer größten Urheber, durch Schelling selbst neulichst überwunden worden; – der Gegensatz ist nun überall, in allen Sphären des Lebens aufgelöst.« – Und Sie glauben wirklich an diese Auflösung, an diese Überwindung des revolutionären Geistes? – Sind Sie denn blind und taub und haben Sie keine Augen und Ohren für das, was um sie her vorgeht? –Nein, meine Herren, – der revolutionäre Geist ist nicht überwunden; – er ist nur, nachdem er durch seine erste Erscheinung die ganze Welt in ihren Fugen erschüttert hat, wieder in sich zurückgegangen; er hat sich nur in sich vertieft, um bald wieder sich als affirmatives, schaffendes Prinzip zu offenbaren, und gräbt jetzt, wenn ich mich dieses Ausdrucks Hegels bedienen darf, wie ein Maulwurf unter der Erde, – und daß er nicht umsonst arbeitet, das können Sie an den vielen Ruinen sehen, von denen unser religiöser, politischer und sozialer Boden bedeckt ist. – Sie sprechen von Auflösung, von Versöhnung! – Sehen Sie sich nur um, und sagen Sie mir, was ist lebendig geblieben von der alten katholischen und protestantischen Welt? — Sie sprechen von der Überwindung des negativen Prinzips! – Haben Sie aber nichts von Strauß, Feuerbach und Bruno Bauer gelesen und wissen Sie nicht, daß ihre Werke in aller Händen sind? – Sehen Sie nicht, daß die ganze deutsche Literatur, Bücher, Broschüren, Zeitungen, – ja daß die Werke der Positivisten selbst unbewußt und unwillkürlich von diesem negativen Geiste durchdrungen sind? – und das nennen Sie Versöhnung und Friede! Sie wissen wohl, daß die Menschheit, ihrer erhabenen Bestimmung zufolge, sich nur in einem universell-praktischen Prinzipe befriedigen und beruhigen kann, in einem Prinzipe, das die tausendfach verschiedenen Erscheinungen des geistigen Lebens mächtig in sich zusammenfaßt; – wo ist aber dieses Prinzip, meine Herren? – Sie müssen doch mitunter auch lebendige, menschliche Augenblicke in dem Fortgange Ihrer sonst so traurigen Existenz erleben, – solche Augenblicke, wo Sie die kleinlichen Motive Ihres Alltagslebens von sich abwerfen und sich nach der Wahrheit, nach dem Großen, nach dem Heiligen sehnen; – antworten Sie mir nun aufrichtig, die Hand aufs Herz, haben Sie irgendwo was Lebendiges gefunden? – Haben Sie je unter den Ruinen, die uns umgeben, diese ersehnte Welt entdeckt, wo Sie sich gänzlich aufgeben und in dieser großen Kommunion mit der ganzen Menschheit sich neu wiedergebären könnten? – Ist etwa diese Welt der Protestantismus? – Aber er ist der furchtbarsten Anarchie preisgegeben – in wieviel verschiedene Sekten ist er nicht auseinander gerissen? »Ohne großen, allgemeinen Enthusiasmus gibt es nur Sekten, keine öffentliche Meinung«, sagt Schelling, – und die jetzige protestantische Welt ist himmelweit davon entfernt, von einem allgemeinen Enthusiasmus durchdrungen zu sein, ist die nüchternste Welt, die man sich nur vorstellen kann. – Ist es etwa der Katholizismus? – Wo ist aber seine alte Herrlichkeit? – Ist er nicht jetzt, – er, der sonst über die ganze Welt gebot, — ist er nicht zum gehorsamen Werkzeuge einer ihm fremden, unsittlichen Politik geworden? – Oder finden Sie vielleicht Ihre Beruhigung im gegenwärtigen Staate? – Ja, das wäre wirklich eine schöne Beruhigung! - Der Staat ist jetzt im tiefsten innerlichen Widerspruche begriffen, – weil der Staat ohne Religion, ohne eine kräftige allgemeine Gesinnung unmöglich ist; – sehen Sie nur auf Frankreich und England, wenn Sie sich davon überzeugen wollen; – von Deutschland will ich schon gar nicht sprechen! – Gehen Sie endlich in sich, meine Herren, und sagen Sie mir aufrichtig, sind Sie mit sich selbst zufrieden und können Sie mit sich zufrieden sein? –sind Sie nicht selbst, ohne Ausnahme, traurige und dürftige Erscheinungen unserer traurigen und dürftigen Zeit? – sind Sie nicht voll von Widersprüchen? – sind Sie ganze Menschen? – glauben Sie an etwas wirklich? – wissen Sie, was Sie wollen, und können Sie überhaupt etwas wollen? –hat an Ihnen die moderne Reflexion, diese Epidemie unserer Zeit, einen einzigen lebendigen Teil übriggelassen und sind Sie nicht durch und durch von ihr durchdrungen und durch sie gelähmt und gebrochen? – In der Tat, meine Herren, Sie müssen gestehen, daß unsere Zeit eine traurige Zeit ist und daß wir alle ihre noch viel traurigeren Kinder sind!

Andererseits aber regen sich Erscheinungen um uns her, welche uns verkündigen, daß der Geist, dieser alte Maulwurf, sein unterirdisches Werk bereits vollbracht hat und daß er bald wieder erscheinen wird, um sein Gericht zu halten; – es bilden sich überall, und besonders in Frankreich und England sozialistisch-religiöse Vereine, welche, der gegenwärtigen politischen Welt ganz fremd, aus ganz neuen uns unbekannten Quellen ihr Leben schöpfen und sich im stillen entwickeln und verbreiten. – Das Volk, – die arme Klasse, welche ja ohne Zweifel die größte Mehrzahl der Menschheit bildet, – die Klasse, deren Rechte man schon theoretisch anerkannt hat, die aber bis jetzt noch durch ihre Geburt, durch ihre Verhältnisse zur Besitzlosigkeit und zur Unwissenheit, somit aber auch zur faktischen Sklaverei verurteilt ist, – diese Klasse, welche das eigentliche Volk bildet, nimmt überall eine drohende Stellung an und beginnt die im Verhältnisse zu ihr schwachen Reihen ihrer Feinde zu zählen und die wirkliche Vollführung ihrer ihr von allen schon zugestandenen Rechte zu fordern. – Alle Völker und alle Menschen sind von einer gewissen Ahnung erfüllt und jeder, dessen Lebensorgane nur nicht gelähmt sind, sieht mit einer schauerlichen Erwartung der nahenden Zukunft entgegen, welche das erlösende Wort aussprechen wird. – In Rußland selbst, in diesem endlosen und schneebedeckten Reiche, das wir so wenig kennen und dem vielleicht eine große Zukunft bevorsteht, – in Rußland selbst sammeln sich dunkle, Gewitter verkündigende Wolken – Oh, die Luft ist schwül, sie ist schwanger von Stürmen!

Und darum rufen wir unseren verblendeten Brüdern zu: Tut Buße! Tut Buße! – Das Reich des Herrn ist nah! Den Positivisten sagen wir: – Öffnet Euere geistigen Augen – laßt die Toten das Tote begraben und überzeugt Euch endlich, daß der Geist, der ewigjunge, ewig neugeborene, nicht in verfallenen Ruinen zu suchen ist!

– Und die Vermittelnden mahnen wir, ihre Herzen der Wahrheit zu öffnen und sich von ihrer armseligen und blinden Weisheit, von ihrem theoretischen Hochmut und von der knechtischen Furcht zu befreien, welche ihre Seele austrocknet und ihre Bewegungen lähmt. Laßt uns also dem ewigen Geiste vertrauen, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil er der unergründliche und ewig schaffende Quell alles Lebens ist. – Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!


Jules Elysard [4]


[1] vermutlich K. J. Stahl, konservativer Staatsrechtler.

[2] s. Marheinekes Votum in der B. Bauerschen Angelegenheit S. 86.

[3] Anm. d. Hg.: Schrieb vor, daß im Bürgerkriegsfall jeder Bürger Partei nehmen müsse.

[4] Anm. d. Hg.: Pseudonym von Bakunin