Die Roßtrappe

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Textdaten
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Autor: Johann Karl Christoph Nachtigal
unter dem Pseudonym Otmar
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Titel: Die Roßtrappe
Untertitel: Oertliche Volks-Sagen auf der Nord-Seite des Harzes
aus: Volcks-Sagen, S. 181-186
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: Wilmans
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Erscheinungsort: Bremen
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Roßtrappe.

Die Roßtrappe, oder den Roßtrapp, nennt man einen Fels mit einer ovalrunden Vertiefung, welche einige Aehnlichkeit mit dem Eindruck eines riesenmäßigen Pferdehufs hat, in dem hohen Vorgebirge des Harzes, hinter Thale, den viele Reisende, besonders wegen der schönen romantischen, fast schweizerischen, Aussichten, zu besteigen pflegen. Das Entstehen jener Vertiefung erklärt folgende Volks-Sage.


„Vor tausend und mehreren Jahren, lange vorher, ehe auf den umliegenden Bergen, Raub-Ritter die Hoymburg, die Leuenburg, die Steckelnburg und die Winzenburg erbauten, war das ganze große Land, rings um den Harz her, von Riesen bewohnt, welche Heiden waren und Zauberer. Diese kannten keine Freude, als Raub und Mord und Gewaltthat. Fehlte es ihnen an Waffen, so rissen sie die nächste sechszigjährige Eiche aus, und fochten mit ihr. Was sich ihnen entgegen stellte, schlugen sie nieder mit ihren Keulen; und die Weiber, die ihnen gefielen, schleppten sie mit sich fort, ihnen zu dienen bei Tag und bei Nacht.

In dem Boheimer Walde hausete zu der Zeit ein Riese, Bohdo genannt, ungeheuer groß und stark, des ganzen Landes Schrecken. Vor ihm krümmten sich alle Riesen in Boheim und Franken. Aber, die Königstochter vom Riesengebirge, Emma, vermochte er nicht zu seiner Liebe zu zwingen. Hier half nicht Stärke, nicht List; denn sie stand mit einem mächtigen Geiste im Bunde.

Einst ersahe Bohdo seine Geliebte jagend auf der Schneekoppe, und sattelte sogleich seinen Zelter, der meilenlange Fluren in Minuten übersprang, und schwur, bei allen Geistern der Hölle, diesmal Emma zu sahen, oder zu sterben. Schneller, als ein Habicht fliegt, sprengt er heran. Und fast hätt’ er sie erreicht, ehe sie es merkte, daß ihr Feind sich ihr nahe. Doch, als sie ihn, zwei Meilen von sich, ersah’, und ihn erkannte an den Thorflügeln eines zerstörten Städtleins, die ihm zum Schilde dienten; da schwenkte sie schnell ihr Roß. Und es flog, von ihren Spornen getrieben, von Berg zu Berg, von Klippe zu Klippe, durch Thäler und Moräste und Wälder, daß, von dem Hufschlag getroffen, die Buchen und Eichen umherstoben, wie Stoppeln. So flog sie durch der Thüringer Land, und kam in die Gebirge des Harzes. Oft hörte sie, einige Meilen hinter sich, das Schnauben von Bohdo’s Roß, und jagte dann den nimmer müden Zelter zu neuen Sprüngen auf.

Jetzt stand ihr Roß sich verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der, von dem Jubeltanz des Bösen, der Teufels-Tanzplatz heißt. Angstvoll blickte Emma, zitternd blickte ihr Roß herab in die Tiefe. Denn, mehr als tausend Fuß ging senkrecht, wie ein Thurm, die Felsenmauer herab zum grausenden Abgrund. Tief unter sich hörte sie das dumpfe Rauschen des Stroms, der hier in einem furchtbaren Wirbel sich dreht. Der entgegenstehende Fels auf der andern Seite des Abgrundes schien ihr noch weiter entfernt, als der Strudel, und kaum Raum zu haben für einen Vorderfuß ihres Rosses.

Da stand sie staunend und zweifelnd. Hinter sich dachte sie den Feind, den sie ärger haßte, als den Tod. Vor sich sah sie den Abgrund, der seinen Rachen weit gegen sie aufthat. – Jetzt hörte Emma von neuem das Schnauben von Bohdo’s keuchendem Roß. In der Angst ihres Herzens rief sie die Geister ihrer Väter um Hülfe, und, ohne Besinnung, drückt sie ihrem Zelter die ellenlangen Spornen in die Seiten.

Und, das Roß sprang! sprang über den tausendfüßigen Abgrund weg, erreichte glücklich die spitze Klippe, und schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die stiebenden Funken, wie Blitze, das ganze Land umher erhellten. – Das ist jener Roßtrapp! Die Länge der Zeit hat die Vertiefung kleiner gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwaschen.

Gerettet war Emma! Doch, die Centnerschwere goldne Krone der Königstochter, fiel, während des Sprunges des Pferdes, von ihrem Kopfe herab in die Tiefe. – Bohdo, der Emma nur sah’, und nicht den Abgrund, sprang der Fliehenden nach mit seinem Streitroß, und stürzte in den Strudel des Stroms, dem er den Namen gab.[1] Hier, verwandelt in einen schwarzen Hund, bewacht er die goldne Krone der Prinzessin, das kein Gelddurstiger sie heraufhole aus dem wirbelnden Schlunde.

Ein Taucher wagte dies einst unter großen Versprechungen. Er stieg in die Tiefe herab, fand die Krone, und hob sie in die Höhe, daß das zahllos versammelte Volk schon die goldnen Spitzen sah. Aber, zweimal entstürzte die schwere Krone seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, noch einmal hinabzusteigen. Er that es; und – ein Blutstrahl sprang hoch in die Höhe. Der Taucher kam nicht wieder herauf.

Schüchtern und grausend naht sich noch jetzt der Wanderer der Schlucht; denn sie deckt schwarze Nacht. Die Stille des Todes schwebt über dem Abgrunde. Kein Vogel fliegt über ihn hin. Und, in der Mitte der Nacht, hört man oft, in der Ferne, das dumpfe Hundegeheul des Heiden.

Noch jetzt heißt der Strudel, wo der Hund die goldne Krone bewacht, der Kreetpfuhl,[2] und der Fels, wo Emma, die Königstochter, die Hülfe der Geister der Hölle erflehte, des Teufels Tanzplatz.“


  1. Die Bode, die sich mit der Emme und Saale in die Elbe ergießt.
  2. D. h. Teufelspfuhl; so wie „Kreetkind“ in dem Idiom an der Nordsee, Teufelskind, beteudet. – Gelehrte Reisende haben das altdeutsche „Kreetpfuhl“ in das halbgriechische „Chrysool“ umgeändert, das sie durch: Goldschmuck, erklären.