Die Saturnalien

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Die Saturnalien
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Dreizehntes Bändchen, Seite 1659–1666
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1831
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
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Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1659]
Die Saturnalien.
Saturnus und sein Priester.

1. Priester. Da du, o Saturn, für jetzt wenigstens, wie es scheint, wieder an der Regierung bist, und wir dir Gaben und Opfer, die dir angenehm sind, dargebracht haben, was ist es nun, das ich mir an diesen deinen heiligen Tagen von dir als Festgeschenk ausbitten darf?

Saturn. Das mußt du selbst am Besten beurtheilen, was das wünschenswertheste für dich ist. Oder verlangst du, daß ich, weil ich Regent bin, auch ein Prophet seyn soll, um zu wissen, was du am liebsten von mir erbätest? Bitte immerhin, und was möglich ist, werde ich gewähren.

Priester. Ich bin längst mit mir eins. Was ich mir wünsche, ist, was alle Welt sich wünscht und eben nicht weit zu suchen ist, Gold und Silber in Menge, den Leuten befehlen zu dürfen, eine große Dienerschaft, feine und prächtige Kleider, elfenbeinernes Hausgeräthe, kurz alle die Dinge zu besitzen, die für kostbar gelten. Von diesem Allen, theile auch mir mit, bester Saturn: laß auch mich deiner Regierung froh werden, damit ich nicht der Einzige bleibe, der diese Herrlichkeiten sein Leben lang entbehren muß.

2. Saturn. Siehst du nicht, wie unpassend es ist, diese Bitte an mich zu richten? Dergleichen Dinge zu ertheilen [1660] ist ja nicht meine Sache. Es darf dich also nicht verdrießen, wenn nichts daraus wird. Wende dich an Jupitern, wenn nach wenigen Tagen die Regierung wieder an ihn kommt. Ich habe die Herrschaft nur mit Beschränkung übernommen und mein ganzes Regiment dauert nicht länger als sieben Tage: sind diese vorüber, so bin ich wieder Privatmann wie zuvor, und habe nicht mehr zu bedeuten, als Jeder aus dem großen Haufen. Aber auch während dieser sieben Tage ist es mir nicht zugestanden, irgend etwas Wichtiges und Ernsthaftes zu verfügen. Ein Räuschchen trinken, jubeln, schäkern, würfeln, Festkönige wählen, die Sclaven tractiren, nackend singen und springen und den Takt dazu schlagen, bisweilen auch das Gesicht mit Ruß mir beschmieren und mich kopfüber ins kalte Wasser werfen lassen – Das sind die Dinge, die ich treiben und treiben lassen darf. Aber alles Bedeutendere, wie z. B. Gold und Reichthümer beliebig zu vertheilen, hat sich Jupiter vorbehalten.

3. Priester. Aber auch dieser ist nicht so leicht bei der Hand damit. Ich wenigstens habe mich schon müde gebetet und geschrieen; aber Jupiter hört nicht sondern schüttelt seine Aegide, macht ein grimmiges Gesicht und schwingt wohl gar seinen Donnerkeil, um die lästigen Bitter zu verscheuchen. Und wenn er auch je einmal Einem gnädig zuwinken und ihn zum reichen Mann machen will, so geschieht es so gänzlich ohne alle Auswahl, daß er die Rechtschaffenen und Vernünftigen übergeht, und Schufte und Dummköpfe, Bursche, welche die Peitsche verdienten, oder Solche, die nicht einmal Männer sind, mit Reichthümern überschüttet. Nun wünschte ich aber doch zu wissen, was denn du thun kannst.

[1661] 4. Saturn. Dinge, die wahrlich nicht so ganz zu verachten sind, in Vergleichung mit dem Umfang und der Dauer meiner Regierung. Oder dünkt es dir etwa nicht eine hübsche Sache, im Würfelspiel immer zu gewinnen, und, während bei Andern stets der Einer zu oberst fällt, jedesmal Sechse zu werfen? Viele, die der Würfel auf diese Art begünstigte, haben sich zur Genüge besackt, wogegen Andere mit ihrem Glücksschiffchen an diesem kleinen Felsen, dem Würfel, dergestalt Schiffbruch gelitten haben, daß sie nichts als das nackte Leben davon brachten. Sodann in aller Behaglichkeit essen und trinken zu dürfen, von der Tischgesellschaft für den besten Sänger erklärt zu werden, und während Andere, welche Aufwärtersdienste verrichten, ins Wasser plumpen – denn Dieß ist die Strafe für ein ungeschicktes Benehmen dabei – als Sieger ausgerufen zu werden und dem Andern den Preis abzujagen, ist das Alles nicht ganz herrlich? Noch mehr: dein Würfel fällt dir so glücklich, daß du König über Alle wirst; und nun ist es an dir, die Andern mit seltsamen Aufträgen zu necken, statt selbst welche zu erhalten, z. B. dem Einen zu befehlen, mit lauter Stimme über sich selbst zu lästern, einem Andern, im Unterkleide zu tanzen, einem Dritten, die Flötenspielerin aufzuhucken und dreimal im Hause[1] herumzutragen. Wären Dieß nicht glänzende Proben meiner Macht und Gnade? Wolltest du dich aber darüber beschweren, daß ein solches Königthum kein wirkliches und dauerndes ist, so wäre Dieß sehr unbillig von dir, da du ja siehst, wie kurz auch meine, [1662] des Gebers, Herrschaft währt. Solche Dinge also, die ich möglicherweise geben kann, Glück im Würfelspiel, die Würde des Festkönigs und Was ich dir sonst noch herzählte, verlange getrost von mir und sey überzeugt, daß ich dich weder mit einer Aegide, noch mit dem Donnerkeil erschrecken werde.

5. Priester. Aber, bester alter Titanen, mit diesem Allem ist mir nicht geholfen. Indessen, beantworte mir wenigstens einige Fragen, die ich besonders gerne gelöst sehen möchte. Ich werde mich alsdann für die Opfer, die ich dir darbrachte, hinlänglich belohnt glauben und dir alle fernere Verbindlichkeit erlassen.

Saturn. Frage immer, ich will antworten, wofern ich kann.

Priester. Fürs Erste[WS 1] möcht’ ich wissen, ob es wahr ist, was man von dir sagt, du hättest die Kinder gefressen, welche dir die Rhea geboren. Den Jupiter aber habe Diese in Sicherheit gebracht, indem sie dir einen Stein statt seiner zu verschlingen gegeben habe. Als er zu reiferen Jahren gekommen, fing er Krieg mit dir an, jagte dich vom Throne und warf dich in den Tartarus, wo man dich und alle deine Kampfgenossen in Ketten legte. Verhält es sich wirklich so?

Saturn. Mensch, wenn jetzt nicht die Feiertage wären, wo es erlaubt ist, sich zu betrinken und seinem Herrn Grobheiten zu sagen, so solltest du fühlen, daß ich noch zürnen kann! Unverschämter! solche Fragen zu richten an einen so alten graubärtigen Gott!

Priester. Aber Saturn, ich sagte ja Dieses nicht aus mir selbst, sondern Hesiod und Homer haben’s gesagt, und [1663] es thut mir leid, dich versichern zu müssen, daß beinahe Jedermann diese Dinge von dir glaubt.

6. Saturn. Meinst du denn, jener Kuhhirt, der einfältige Schwätzer, wisse etwas Vernünftiges von mir zu sagen? Stelle dir doch vor, ob irgend ein Mensch, geschweige ein Gott, fähig wäre, mit Wissen und Willen seine Kinder zu fressen, wenn es ihm nicht etwa ergeht wie dem Thyestes, der durch die Arglist seines abscheulichen Bruders in diesen Fall gerieth? Doch auch Dieß angenommen, wie wäre es denn möglich, daß Einer, ohne es zu merken, einen Stein statt eines Kindes fräße? Er müßte doch wohl kein Gefühl in den Zähnen haben. Auch ist erlogen, daß wir Krieg mit einander geführt, und daß mir Jupiter die Herrschaft mit Gewalt abgenommen habe. Ich habe sie ihm freiwillig abgetreten und förmlich übergeben. Und daß ich nicht in Ketten liege, und nicht im Tartarus mich befinde, siehst du ja selbst; oder du wärest so blind als Homer.

7. Priester. Aber was brachte dich denn zu dem Entschlusse, die Regierung niederzulegen?

Saturn. Das will ich dir sagen. Das Ganze ist, daß ich, als alter und nachgerade podagrischer Mann (woher auch der gemeine Glaube entstanden ist, als wäre ich mit Fußfesseln belegt) nicht mehr im Stande war, mit der großen Sündhaftigkeit des jetzigen Menschengeschlechts fertig zu werden. Es galt jetzt, mit geschwungenem Blitze den Himmel auf und ab zu laufen, und die Meineidigen, Tempelräuber, Mörder niederzubrennen, ein lästiges und mühsames Geschäft, dem nur ein junger Mann gewachsen war. Weislich trat ich es daher an Jupitern ab. Ueberhaupt schien es mir jetzt das [1664] Angemessenste, die ganze Weltregierung unter meine Söhne zu vertheilen, und es mir in Ruhe und Frieden wohl seyn zu lassen. Ich brauche nun keinen Gebeten mehr Audienz zu geben, und über die widersprechenden Wünsche der Leute in Verlegenheit zu gerathen, sehe mich nicht mehr in die Nothwendigkeit versetzt, zu donnern, zu blitzen oder gar zu hageln, sondern lebe ganz das behagliche Leben eines ausgedienten Alten, trinke meinen Nectar lauter, und plaudere mit Japetus und Anderen meines Alters von den alten Zeiten. Jupiter indessen regiert die Welt und hat seine liebe Noth, die wenigen Tage ausgenommen, an welchen ich unter den genannten Bedingungen die Regierung mir vorbehalten habe, um die Menschen zu erinnern, wie sich’s einst auf der Welt lebte, als ich noch herrschte, und als noch Alles aus dem Boden wuchs, ohne daß man pflügte und säete, und man statt der Aehren schon fertige Brode und gebratenes Fleisch vorfand, und der Wein in Strömen floß, und Milch und Honig aus den Quellen rann. Denn die Menschen waren gut und ganz von Gold.[2] Dieß ist der Grund, warum ich diese wenigen Tage wieder die Herrschaft führe, und daher ist auch allenthalben Jubel, Gesang und Spiel, und Alle, Knechte und Freie, sind sich gleich: denn zu meiner Zeit gab es keine Knechte.

8. Priester. Ich hatte mir vielmehr gedacht, Saturn, du hättest, eben jener Fabel zufolge, aus Menschenfreundlichkeit gegen die Sclaven und Gefangenen Dieses so angeordnet. Da du selbst Unterthan seyst und wissest, was Fesseln [1665] sind, haltest du, meinte ich, alle Diejenigen in Ehren, welche ein gleiches Loos hätten.

Saturn. Wirst du nicht aufhören mit deinem albernen Gerede?

Priester. Gut, ich bin stille davon. Aber nur Dieses sage mir noch. Spielten denn die Menschen zu deiner Zeit auch schon mit Würfeln?

Saturn. Warum nicht? Aber freilich nicht um Talente und Zehntausende von Drachmen wie ihr, sondern höchstens um Nüsse, so daß sich eben Keiner schwer kränkte, wenn er verlor.

Priester. Das war sehr vernünftig. Nun freilich, um Was hätten sie auch spielen sollen, da sie ja selbst aus purem Golde waren! Wie du das vorhin sagtest, fiel mir ein: wenn man einen solchen massiv goldenen Menschen in unsere jetzige Welt brächte und dem großen Haufen vor die Augen führte, wie würden sie dem armen Schelm mitspielen! Zuverlässig würden sie über ihn herfallen und ihn zerstückeln, wie einst die Mänaden den Pentheus, die Thracierinnen den Orpheus und den Actäon seine Hunde, und würden sich herumbalgen, Wer das größte Stück davon trüge. Können sie ja doch nicht einmal, so lange sie dein Fest begehen, ihre Gewinnsucht vergessen: sondern sehr Viele machen sogar auch diese Feier zur Erwerbsquelle. Und Diejenigen, welche bei diesen Lustgelagen ihre Freunde geplündert haben, gehen vergnügt mit ihrer Beute davon: die Andern aber lästern unvernünftigerweise über dich und zerstampfen die unschuldigen Würfel, als ob sie verantwortlich wären für den Schaden, den sie doch selbst mit Wissen und Willen sich zugefügt haben.

[1666] 9. Aber nun möchte ich doch wissen, wie kommt es denn, daß du, als ein so gebrechlicher und hochbetagter Gott, die unfreundlichste aller Jahreszeiten zu diesem deinem Feste ausgewählt hast? Alles ist mit Schnee bedeckt und erstarrt von Eiskälte, ein heftiger Nordwind bläst, die Bäume sind entlaubt und abgestorben, die Auen kahl und farblos, und die Menschen kauern sich, wie die Greise, vor dem Kamin zusammen: das ist doch wohl keine gelegene Zeit für einen alten Mann, wie du bist, noch auch für Leute, die sich lustig machen wollen.

Saturn. Hörst du, laß das viele Fragen: wir hätten längst trinken sollen. Du hast mich schon um einen guten Theil des Festes gebracht mit diesen unnöthigen Klügeleien. Also weg damit; wir wollen uns gütlich thun, und unter Scherz und Jubel uns der Freiheit überlassen. Hernach würfeln wir nach der alten Weise um Nüsse, wählen Könige und lassen uns von ihnen befehlen. So soll das Sprüchwort an uns wahr werden: „alte Leute zweimal Kinder.“

Priester. So sey’s, Saturn. Wem Das nicht lieb ist, der möge, wenn ihn dürstet, nimmer einen Tropfen zu trinken kriegen. Trinken wir denn! Ich bin auch mit deinen ersten Antworten schon zufrieden, und gedenke dieses unser Gespräch mit Allem, Was ich gefragt und du so gnädig mir erwiedert hast, zu Papier zu bringen, und allen meinen Freunden, die deine Worte zu vernehmen würdig sind, mitzutheilen.



  1. D. h. in dem, den innern Hofraum umgebenden, Portikus.
  2. Scherzhafte Anspielung auf das goldene Zeitalter.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Fürst Erste