Die Spinnen

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Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Die Spinnen
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 89-93
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[89]
Die Spinnen.

1.

Die Spinne ist ein verachtetes Thier, viele Menschen fürchten sich sogar davor, und doch ist sie auch ein merkwürdiges Geschöpf und hat in der Welt ihren Nutzen. Zum Beyspiel die Spinne hat nicht zwey Augen, sondern acht. Mancher wird dabey denken, da sey es keine Kunst, daß sie die Fliegen und Mücken, die an ihren Fäden hängen bleiben, so geschwind erblickt und zu erhaschen weiß. Allein das machts nicht aus. Denn eine Fliege hat nach den Untersuchungen der Naturkündigen viele hundert Augen, und nimmt doch das Netz nicht in Acht und ihre Feindinn, die groß genug darinn sitzt. Was folgt daraus? Es gehören nicht nur Augen, sondern auch Verstand und Geschick dazu, wenn man glücklich durch die Welt kommen und in keine verborgenen Fallstricke gerathen will. – Wie fein ist ein Faden, den eine Spinne in der größten Geschwindigkeit von einer Wand bis an die andere zu ziehen weiß! Und doch versichern abermal die Naturkündigen, daß ein solcher Faden, den man kaum mit bloßen Augen sieht, wohl sechstausendfach zusammen gesetzt seyn könne. Das bringen sie so heraus: Die Spinne hat an ihrem Körper nicht nur eine, sondern sechs Drüsen, aus welchen zu gleicher Zeit Fäden hervorgehn. Aber jede von diesen Drüsen hat wohl tausend feine Oeffnungen, von welchen keine umsonst da seyn wird. Wenn also jedesmal aus allen diesen Oeffnungen ein solcher Faden herausgeht, so ist an der Zahl sechstausend nichts auszusetzen, und dann kann man wohl begreifen, daß [90] ein solcher Faden, obgleich so fein, doch auch so fest seyn könne, daß das Thier mit der größten Sicherheit daran auf- und absteigen, und sich in Sturm und Wetter darauf verlassen kann. Muß man nicht über die Kunst und Geschicklichkeit dieser Geschöpfe erstaunen, wenn man ihnen an ihrer stillen und unverdrossenen Arbeit zuschaut, und an den großen und weisen Schöpfer denken, der für alles sorgt, und solche Wunder in einem so kleinen und unscheinbaren Körper zu verbergen weiß?


2.

Das mag alles gut seyn, denkt wohl mancher, wenn sie nur nicht giftig wären, und lauft davon, oder zertritt sie, wo er eine findet. Aber wer sagt denn, daß unsere Spinnen giftig seyen? Noch kein Mensch ist in unsren Gegenden von einer Spinne vergiftet worden. Gibt es nicht hie und da Leute, die sie aufs Brod streichen und verschlucken? Wohlbekomms, wem es schmeckt! Auch sonst thun diese Thierlein, die nur für die Erhaltung ihres eigenen Lebens besorgt sind, keinem Menschen etwas zu leide. Im Gegentheil leisten sie in der Natur einen großen Nuzen, den man aber, wie es oft geschieht, nicht hoch anschlägt, weil jede einzelne wenig dazu beyzutragen scheint. Es ist das geringste, daß sie hie und da einer Stuben-Fliege den Garaus machen. Für diese wäre noch anderer Rath. Aber sie verzehren auch jährlich und täglich eine große Anzahl anderer sehr kleinen Mücklein, die uns durch ihre Menge erstaunend beschwerlich und schädlich werden, und gegen welche man sich nicht erwehren könnte, wenn sie überhand nähmen. Sind nicht manchmal ganze Ackerfurchen [91] mit Spinnengewebe überzogen und glänzen im Morgenthau? Da geht manches Mücklein zu Grunde, das die aufkeimende Saat vielleicht angegriffen und verletzt hätte. Ein Gefangener machte einst in seinem einsamen Kerker eine Spinne so zahm, daß sie seine Stimme kannte, und allemal kam, wenn er sie lockte und etwas für sie hatte. Sie verkürzte ihm an einem Ort, wo kein Freund zu ihm kommen konnte, manche traurige Stunde. Aber als der Kerkermeister es merkte, brachte er sie ums Leben. Was ist verabscheuungswürdig? Ein solches Thier, das doch noch einem Unglücklichen einiges Vergnügen machen kann, oder ein solcher Mensch, der dem Unglücklichen auch dieses Vergnügen mißgönnt und zerstört? Ein anderer Gefangener, der sonst nichts zu thun wußte, gab lange Zeit auf die Spinnen acht, und merkte, daß sie auch Wetterpropheten seyen. Bald liessen sie sich sehen und arbeiteten, bald nicht. Einmal spannen sie träg, ein andermal hurtig, lange Fäden oder kurze, einmal näher zusammen, ein andermal weiter auseinander, so oder so, und endlich konnte er daran erkennen, was für Wetter kommt, Sturm, Regen oder Sonnenschein, anhaltend oder veränderlich. Also auch dazu sind sie gut, und wenn sich jemand verwundet hat, und findet geschwind ein Spinnengewebe, das er auf die blutende Wunde legen kann, so ist er doch auch froh darüber. Wenn es rein ist, so kann es Blut und Schmerzen stillen. Wenn es aber voller Staub ist, so schmerzt es noch mehr, weil der unreine Staub in die Wunde kommt.


3.

Daß es mancherley Thiere dieser Gattung gebe, [92] sieht man schon an der Verschiedenheit ihres Gewebes in der freyen Luft, an Fensterscheiben, in den Winkeln, auf den Feldern, da und dort. Manche spinnen gar nicht, sondern springen nach ihrer Beute. Im Frühjahr und noch vielmehr im trockenen warmen Nach-Sommer sieht man oft gar viele weisse Fäden in der Luft herum fliegen. Alle Bäume hängen manchmal voll, und die Hüte der Wanderer auf der Straße werden davon überzogen. Man konnte lange nicht errathen, wo diese Fäden und Flocken herkommen, und machte sich allerley wunderliche Vorstellungen davon. Jetzt weiß man gewiß, daß es lauter Gespinnst ist von unzählig viel kleinen schwarzen Spinnen, welche deßwegen die Spinnen des fliegenden Sommers genennt werden. Da sieht man wieder, wie viel auch durch kleine Kräfte kann ausgerichtet werden, wenn nur viele das nemliche thun. –

Aber eine gefürchtete Spinne lebt in dem untersten heissen Italien. Sie ist unter dem Namen Tarantel bekannt. Diese soll wohl die Menschen beissen und durch den giftigen Biß krank und schwermüthig machen. Ein Mittel dagegen soll ein gewisser Tanz seyn, die Tarantata genannt. Wenn die Kranken die Musik dazu hören, so fangen sie an zu tanzen, bis sie vor Müdigkeit umfallen, und sind alsdann genesen. Es liesse sich wohl begreifen, daß durch die heftige Bewegung das Gift aus dem Körper herausgetrieben werde. Allein es ist doch, wie man für gewiß weiß, viel Einbildung und Uebertreibung dabey, und wohl auch Betrug.

Ein anderes merkwürdiges Thier dieser Art lebt in einer Gegend von Amerika und heißt Buschspinne. [93] Diese nimmt nicht mit Stuben-Fliegen und Mücklein vorlieb. Nein, einer gewissen Art von Vögeln geht sie nach, greift sie an und zwingt sie, tödtet sie und saugt ihnen das Blut und die Eyer aus. Worüber soll man sich am meisten verwundern, über die große Spinne oder über die kleinen Vögel?