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Die Tat (Przybyszewski)

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Textdaten
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Autor: Stanislaw Przybyszewski
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Titel: Die Tat
Untertitel:
aus: Die Fackel Nr. 301–302, S. 19–27
Herausgeber: Karl Kraus
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 3. Mai 1910
Verlag: Die Fackel
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Erscheinungsort: Wien
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Quelle: Internet Archive, Commons
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[19]
Die Tat[1]
Von Stanislaw Przybyszewski

Es war gerade Weihnachten.

– Ja, Weihnachten, dachte Czerkaski in seinem schweren Fiebertraume.

Das Eine nur wußte er: ein Kind müßte er an diesem Tage glücklich machen. Ganz gewiß glücklich – an einem solchen Tage …

Ich muß jetzt versuchen, für ein Kind eine Mutter zu sein, das wäre eigentlich der höchste Gipfel einer wirklich großen männlichen Tat, dachte er plötzlich mit einem stillen, ehrfurchtsvollen Triumph.

Aber wo sollte er jetzt gerade das Kind aufsuchen, das er glücklich machen wollte und mußte?

Gleichwohl sprang er auf und ging frei und leicht, als hätte ihn jemand von schweren Fesseln befreit, die sich bereits in sein Fleisch einfraßen.

Er ging weit, weit vor sich hin in die Vorstadt hinaus, dicht an den Hafen, wo sich sonst niemand in so später Stunde hinauswagte.

Wie lange er so herumirrte, wußte er nicht, es mochten wohl ein paar Stunden vergangen sein. Ab und zu setzte er sich auf eine nasse schmutzige Bank in irgend einer armseligen Parkanlage, er konnte sich in diesem Hundewetter eine Lungenentzündung holen, aber was ging ihn das heute an.

An seine Ohren drang ein wüster trunkener Gesang taumelnder Matrosen, ab und zu sah er scheußliche, elende Prostituierte vorüberhuschen, vertiert im Elend und Schmutz – wie es ihm vorkam.

Eine blieb vor ihm stehen.

– Für zehn Kopeken – willst du? Und sie spuckte ihm in die Augen. -

[20] – Hier hast du einen Rubel! Und mit einer seltsamen Demut wischte er sich sein Gesicht ab.

Und jetzt setzte sie sich neben ihn mit einem bösen, verächtlichen Lachen.

– Vielleicht soll ich dich noch einmal anspucken?

– Wofür?

– Weil du gut bist.

Er lächelte.

– Also dafür spuckt man einem ins Gesicht?

– Ja, eben dafür – und nur deswegen.

– Hier hast du noch fünf Rubel und laẞ mich in Ruh’.

Er gab ihr ein Goldstück.

– Ich gebe dir den Rest zurück, lachte sie höhnisch – sie spuckte ihm wieder ins Gesicht und verschwand – in der Ferne hörte er ein irres Lachen – nein! ein wüstes Gewieher, wie von einer trunkenen Stute.

Nun, sie hatte Recht, dachte er, ganz in sich hineingekrochen, für eine so elende und billige Güte war der Lohn hoch genug.

Und mühsam schleppte er sich weiter.

Jemand vertrat ihm den Weg.

Qui vive? lachte Czerkaski heiser.

Ein baumlanger, schwarzer, verwilderter Geselle – ganz wie ein wüster Charakter aus einem Schauerdrama: sein einziger Faustschlag hätte genügt, um ihn, der doch nur deswegen hinausging, um ein Kind glückselig zu machen, in das Jenseits zu befördern, aber sonst sah der Fremde sympathisch aus, und er hatte keine Angst.

– Was willst du? fragte er ihn.

– Glaubst du, daß ich dich berauben will? Du irrst dich.

– Also was?

– Ich habe meine Mutter totgeschlagen.

– Warum?

– Damit sie sich nicht quälen sollte.

[21] – Nichts weiter?

– Eine Schwester habe ich totgeschlagen und noch die zweite, damit sie nicht auf der Straße ver- sauen. – Kannst du mir jetzt deine Hand reichen? kannst du es?

Czerkaski drückte heiß und inbrünstig die Hand des Fremden.

– Du hast an deiner Mutter und an deinen Schwestern wohlgetan … Du bist tatsächlich ein edler und feiner Mensch … Noch mehr: Du bist ein Wohltäter in großem Stil – das ist wirklich Güte … jede andere verdient kaum, daß man sie anspeit, ist höchstens der Hautkitzel, mit dem ein paar elende Flöhe den Menschen belustigen. Ja, du bist ein edler Mensch.

Und der baumlange schwarze Kerl fing an zu strahlen – er wippte auf seinen langen Beinen, kroch wieder zusammen, umfing Czerkaskis Knie, faßte seine Hand, küẞte sie, daß sie ganz von seinen heißen Tränen benetzt war.

Czerkaski entriß ihm mit Widerwillen und Ekel seine Hand.

– Hinweg, du unreines Gewissen, das du Verbrechen begehst und hinterher mit Winseln um Verzeihung bettelst … Anders – ganz anders muß man es machen.

Weg mit dir!

Und plötzlich schrumpfte der Baumlange zu einem Zwerg zusammen, hüpfte vor ihm hin und her, streckte die Zunge aus, machte eine lange Nase, kroch ihm zwischen die Beine und wälzte ihn um, dann sprang er ihm hinterlistig auf den Nacken und stieß sein Gesicht in den Kot.

Endlich gelang es Czerkaski mit unmenschlicher Anstrengung, ihn von sich abzuwälzen, und er raffte sich auf.

Eine Wut kochte in ihm, daß er, wenn jetzt [22] tausend Wurfspieße auf ihn gerichtet gewesen wären, sich unbedingt auf sie geworfen hätte.

Er sah sich ringsum, fühlte, daß ihm der Schaum vor den Mund trat: vor ihm, hinter ihm tanzte und hüpfte irgend ein winziges, höllisches, boshaftes Monstrum, er wollte es fassen, ihm das Genick brechen, es an den Beinen fassen, es auseinanderreißen. – Plötzlich – mit einem Ruck kam er zur Besinnung.

In seiner Hand hielt er eine andere – ein klein-kleines Händchen von einem jungen kaum zwölfjährigen Mädchen, das ihm kokett und vertraulich zulächelte.

Er ließ ihre Hand los – tief verwundert.

– Wer bist du? fragte er sie.

– Kommen Sie nur da an die Laterne, dann können sie mich besser anschauen.

Er ging neugierig ein paar Schritte weiter.

Sie blieb in dem Schein der Laterne stehen und sah ihn mit dem zynischen, herausfordernden Blick einer schamlosen, heruntergekommenen Dirne an.

– Um Gotteswillen, wie ist es nur möglich? Du bist ja doch noch ein Kind!

– O, da irren Sie sich sehr – ich könnte manche in ihrem Métier altergraute und verfaulte Hure belehren – keine versteht das Handwerk so gut, wie ich!

Für die billige Güte spuckt man den Menschen ins Gesicht – und mit Recht … er lächelte – nun probieren wir einmal die große und schwierige Güte.

– Nun, dann wollen wir einmal deine Kunstfertigkeit versuchen, grinste er – komm mit!

– Ein wenig wirst du warten müssen – raunte sie ihm zu und kitzelte ihn an der Halsader. Zuerst werde ich ein paar amüsante Lieder absingen müssen. Und dann: ganz zu deinen Diensten, denn du bist ein guter Kerl. Ich werde dir ein Vergnügen bereiten, daß du dich dein Lebtag lang an mich erinnern sollst.

Sie führte ihn in eine schmutzige, stinkende Hafenkneipe hin, rückte ihm einen Stuhl in die Ecke.

[23] – Hier wirst du auf mich warten.

Sie verschwand.

Er setzte sich hin und sah sich um.

An zehn, zwölf Tischen saßen betrunkene Matrosen, Zuhälter, Einbrecher, Messerhelden – er zählte sie sich alle gewissenhaft auf – Mädchenhändler, Apachen. Diebe und Halunken aller Art, er fühlte sich in dieser Gesellschaft gut und behaglich.

Noch nie hatte er sich so wohl gefühlt.

Das sind doch einmal wirkliche Menschen und noch dazu die einzig guten Menschen. Von einer ganz anderen Art, wie jener langweilige sentimentale Kerl, der um den Handdruck eines ehrlichen Menschen unlängst gebettelt hat, um die Sünde einer billigen Güte von sich abzuwischen – diese da – die brauchen es nicht, die haben es nicht nötig, sich in boshafte, monströse Zwerge zu verwandeln, die einen totplagen, wenn man ihnen den Sündennachlaß verweigert.

Diese da stehlen und morden so mir nichts dir nichts – en passant – drehen sich nicht einmal um – und wenn sie das Galgenbrett betreten müssen, pfeifen sie frohgemut lustige Melodeien.

Er war ganz entzückt von dieser prachtvollen und wirklich guten Gesellschaft.

Nun sah er gradeaus vor sich hin. Der Vorhang: ein elender Schmutzlappen, ging auf.

Er harrte nun neugierig der Dinge, die da kommen sollten.

Auf der Bühne – eine so herrliche hatte er nie gesehen – sie war aus ein paar schmutzigen Brettern zusammengezimmert – erschien das Mädchen, das ihn hierhergeführt hatte, und hinter ihr eine alte Hexe mit einer Guitarre: das wird wohl ihre Mutter sein, dachte er feinsinnig.

Das Mädchen fing an zu singen.

Er horchte eine Weile hin und kam in Ekstase.

Nie noch hatte er etwas so Unflätiges, Rohes, so unerhört Zynisches gehört.

[24] Es kam ihm vor, daß noch nie über die Lippen eines trauten, lieben Menschenkindes ein so schmutziger ekelhafter, schändlicher Unrat sich ergossen habe Worte, deren Laut schon ihn fast zum Erbrechen zwang, kreischten gell an seine Ohren und dazu noch die Pantomime, mit welcher das Kind den Liedertext illustrierte: es war erstaunlich!

Rings um ihn herum entstand ein unbeschreiblicher Jubel und er erfreute ihn.

Wie gut, wie unendlich gut werde ich für dich sein! dachte Czerkaski kalt und ruhig – endlich einmal werde ich für Jemanden gut sein.

Das Mädchen warf sich auf eine Pritsche und ahmte in verruchter Schamlosigkeit eine Art von geilstem Bauchtanz nach, schrie auf, winselte, schnalzte mit der Zunge, warf die Beine in die Höhe und schien in einem Wollustparoxysmus zu zerbersten.

Oh, wie unendlich gut werde ich für dich sein! Mit tiefer, zärtlicher Wonne dachte er an die Güte, die er diesem zarten Mädchen erweisen werde.

Und wieder ein neuer Gesang und noch ein Tanz, der jegliche Schamlosigkeit an grotesker Kühnheit übertraf.

Das kleine, schwache Mädchen warf sich auf den Boden hin, ihre Beine schnellten in die Höhe, umkrampften irgend eine imaginäre Gestalt, spreizten sich wieder weit auseinander, die Hände zuckten wie im Schüttelfrost, der ganze Körper warf sich in konvulsivischen Zuckungen – schneller noch – in wüstem Krampf, bis endlich die ganze unendlich gut gespielte Muskelorgie in einem langen verröchelnden Schrei der höchsten Lustbefriedigung erstarb.

Das Mädchen lag wie tot da.

– Alle Schleusen der höchsten Güte werde ich für dich öffnen, dachte Czerkaski und war glücklich.

Er hörte noch das betrunkene Heulen dieses herrlichen Publikums, wie er es noch nie in einer solchen Herrlichkeit hatte erstrahlen sehen – eine [25] hehre Versammlung von wirklichen Menschenfreunden – dann wurde es auf einmal still – die Lichter erloschen …

– Kommen Sie jetzt! – sie stand vor ihm.

– Ah! Du bist es. Du hast alle meine Erwartungen übertroffen … Das einzige Mal in meinem Leben werde ich gut sein und nur für dich allein. Du wirst mir, weiß Gott, nicht in die Augen zu spucken brauchen …

Sie führte ihn durch einen langen, finsteren Korridor und endlich kamen sie in ein kleines, schmutziges und – wie es ihm vorkam – unflätiges Zimmer hinein.

Ein wackliger Tisch, ein zerschlissenes und unsäglich schmutziges Sopha – ein Bett, das wohl noch nie einen reinen Laken gesehen hatte, ein geborstener Spiegel gegenüber … Herr Gott, braucht man noch mehr, um gut, wirklich gut zu sein?

Das Kind setzte sich ihm auf die Knie.

– Mein süßer Tauberich wird mir etwas geben lassen – nicht wahr? Ich bin hungrig und habe großen Durst,

– Brauchst ja nur zu klingeln.

In einem Augenblick hatte ein Etwas, das in einer weit-weiten Erinnerung einem Kellner glich, eine Flasche Schnaps gebracht, irgend eine Speise oder so etwas ähnliches dann noch –

Aber was kümmerte es ihn, was da vor ihnen stand oder lag er schwamm im seligen Entzücken, daß doch endlich einmal die Zeit gekommen war, wo er wirklich gut sein konnte.

Das Mädchen aß und trank gierig und er sah ihr zu und war ihr unendlich dankbar, denn ihr hatte er es zu verdanken, daß er nun beweisen konnte, wie gut er sei.

Er betastete liebevoll die Westentasche und war zufrieden; noch nie hatte er das Mittel für die Verausgabung der höchsten Güte, das trostreiche, segenspendende Curare vergessen.

[26] Er streichelte liebkosend die Westentasche, in der das einzige beglückende, alle Tore des Jenseits zuverlässig erschließende Mittel ruhte.

Was ist Liebe, was Geld diesem erlösenden Mittel gegenüber!

– Nun, so laß uns ordentlich trinken – sprach er dem Mädchen gütig zu.

Das Kind aß und trank und schaukelte sich auf seinen Knien.

– Jetzt bin ich bald fertig, dann werde ich dir zeigen, was ich kann … Ich kenne geheime Lüste, die … die …, sie flüsterte ihm etwas ins Ohr …, das ist wie Feuer, noch mehr …

Er lächelte.

– Nun, ich werde dir nicht schuldig bleiben.

– Oh du mein süßes Ferkel – sie schmiegte sich an ihn und küßte ihn an das Ohrläppchen.

– Du mein goldenes Kükelein – lachte er heiser und traurig, umfing sie mit einem Arm und mit dem anderen griff er in die Westentasche nach der gläsernen Eprouvette.

– Wonach suchst du? fragte sie ihn plötzlich unruhig.

– Nichts, nichts – ich habe Kopfschmerzen – ich habe hier ein Pulver.

– Der Kopf tut dir weh?

– Bald hört es auf.

Sie wurde wieder ruhig. Schmiegte sich noch fester an ihn an, grub sich mit ihren Lippen saugend in die seinen, und manövrierte mit frechen, schamlosen Händchen an seinen Beinen.

Er ließ es geschehen, goẞ Branntwein in ein Glas, schüttete den ganzen Inhalt der Eprouvette hinein und stellte es abseits.

– Was bist du so kalt? fuhr sie ihn plötzlich unmutig an.

– Ich? kalt? – nun dann mußt du mich warm machen. Du hast dich doch unlängst gebrüstet, daß du einen Toten lebendig machen könntest …

[27] Das Mädchen lachte hell auf.

– Ja, ja – das kann ich, und das werde ich dir zeigen, aber zuerst muß ich trinken.

Er schob ihr das Glas zu.

Sie trank mit einem Schluck.

– Nun was? – Sie sah ihn triumphierend an. – Wer kann so trinken, wie ich?

Im selben Augenblick rissen sich ihre Augen weit auf in gräßlicher Todesangst – lange heftige Zuckungen durchliefen den schmächtigen Körper, mit den Händen griff sie in der Luft umher, man sah, daß sie schreien wollte, an den Schreien erstickte, weil sie keinen Laut herausstoßen konnte.

Dann noch ein paar heftige Zuckungen, das Auge brach, der Körper bäumte sich auf, verkrampfte sich, erstarrte …

Les suprèmes délices, lächelte Czerkaski.

Endlich eine Tat, die eines Menschensohnes würdig war!

Er legte die noch warme Leiche des Mädchens auf das Bett und küßte es andächtig auf die Stirn.

Ich habe dich errettet, betete er leise, errettet von dem Ekel des Zerfalls beim lebendigen Körper, vom Abfaulen deiner schönen Glieder, von der gräßlichen Qual, im Frost, Schnee, Kot und Regenwetter hungrig und bettelnd nach einer Mannesbestie herumsuchen zu müssen, ich habe dich errettet vor den unmenschlichen Schlägen und Fußtritten deines Zuhälters, gerettet habe ich dich vor dem Schmutz des Gefängnisses und dem Elend des Spitals – und nun schlaf – friedlich, heiter – froh …

Er atmete tief auf.

Noch einmal betrachtete er in tiefster Sammlung das tote Kind, dann schritt er in die finstere Nacht hinaus mit Trauer im Herzen, aber auch dem Gefühl eines leisen Triumphs, daß er endlich eine menschenwürdige Tat vollbracht habe.




  1. Ein Fragment aus dem Manuskript eines Romans: »Das jüngste Gericht«.