Die Unglücksfahrt des „Neptun“

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Die Unglücksfahrt des „Neptun“
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, Zweiter Band, Seite 210–215
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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(Nachdruck verboten.)

Die Unglücksfahrt des „Neptun“. – Am 30. März 1880 verließ der Schraubendampfer „Neptun“ den Hafen von Liverpool, um eine Anzahl von Raubtieren für eine amerikanische Menagerie nach New York zu bringen. Der Dampfer hatte in auf dem Vorderdeck besonders angelegten Verschlägen nicht weniger als sechs Löwen, zwei Tiger, drei Leoparden, sieben Hyänen, drei Elefanten und eine Menge kleinerer Tiere an Bord. Zur Fütterung der Raubtiere waren mehrere Pferde mitgenommen worden, die während der Fahrt geschlachtet werden sollten. Der Dampfer gehörte einem gewissen James Robinson, einem Abenteurer schlimmster Sorte. Die Disziplin auf dem „Neptun“ war, wie die spätere Verhandlung vor dem Liverpooler Seegericht ergab, äußerst locker. Die Wachen wurden nur unregelmäßig bezogen, und der größte Teil der vierzehn Mann starken Besatzung war ständig betrunken. Die Nüchternsten blieben noch die vier Menageriewärter, die zur Begleitung des Transportes von New York besonders herübergekommen waren, ältere Leute, die ihren Pflichten, dem Füttern der Tiere und Reinhalten der Käfige, genau nachkamen und sich von dem wüsten Treiben an Bord nach Möglichkeit fernhielten.

Am 12. April trat, wie der Kapitän als letzte Notiz in das Schiffsjournal eingetragen hatte, dichter Nebel ein, der vier volle Tage anhielt. Da bei dem unsichtigen Wetter eine Orientierung unmöglich war, wußte man schließlich nicht mehr, wo man sich befand. Trotzdem fiel es keinem der Schiffsoffiziere ein, die Schnelligkeit des „Neptun“ zu verringern [211] oder die Wachen zu verstärken. Und dies hätte unbedingt geschehen müssen, da der Dampfer gerade jene Meeresbreiten durchfuhr, die wegen der die Schiffahrt so außerordentlich gefährdenden Frühjahrstrift der Eisberge von jedem pflichtgetreuen Schiffsführer nur unter besonderen Vorsichtsmaßregeln befahren werden.

In diesen Tagen, wo nur graue Nebelfluten und gurgelnde Wasser das Fahrzeug umgaben, suchte sich die Besatzung vom Kapitän bis zum letzten Heizer herab mehr denn je durch reichliche Zuführung von Alkohol über die Eintönigkeit der Fahrt hinwegzuhelfen.

Am 16. April nachmittags lief der „Neptun“ zwischen zwei Eisbergen hindurch, die man allerdings in dem dichten Nebel nicht sehen konnte, deren Nähe jedoch an der rapiden Temperaturabnahme und dem Brandungsgeräusch nur zu deutlich zu spüren war. Aber auch diese Begegnung brachte die Bemannung nicht zur Besinnung. In der folgenden Nacht gegen zwei Uhr morgens hatte einer der Menageriewärter seine Schlafkabine verlassen, da die Raubtiere in ihren Verschlägen plötzlich einen wahren Höllenlärm verübten. Dem Wärter fiel es, als er das Verdeck betrat, sofort auf, daß die Temperatur abermals bedenklich gesunken war. Außerdem glaubte er auch von vorwärts das Rauschen brandender Wogen zu hören. Aus Vorsicht gedachte er diese seine Beobachtungen, deren schwerwiegende Bedeutung er von früheren Seereisen her kannte, der Wache mitzuteilen. Nirgends war aber eine solche zu entdecken. Nur auf der niedrigen Kommandobrücke lehnte ein verschlafener Matrose am Steuerrad, der dem vorsichtigen Wärter jedoch groben Tones bedeutete, er solle sich nicht um Dinge kümmern, die ihn nichts angingen.

Etwa eine Viertelstunde später – der Wärter war bereits wieder in seine Koje zurückgekehrt – ließ ein furchtbarer Stoß, dem ein mehrfaches Krachen und Splittern folgte, den ganzen Schiffskörper erzittern. Alles stürzte entsetz an Deck, denn jeder fürchtete, der „Neptun“ würde in der nächsten Minute wegsinken.

Da der Tag erst zu grauen begann und der noch immer [212] herrschende Nebel die Finsternis noch undurchdringlicher machte, war die allgemeine Verwirrung um so größer. Außerdem bildete das Deck ein wildes Durcheinander von Stangen, Spieren und Tauwerk, durch das man sich nur schwer einen Weg bahnen konnte. Waren doch die beiden Masten – der „Neptun“ führte außer der Dampfmaschine noch Briggtakelage - durch den Anprall abgebrochen und teilweise auf das Verdeck niedergestürzt.

Als die Leute noch halb wahnsinnig vor Angst umherrannten und eben mit dem Klarmachen der Rettungsboote beginnen wollten, ertönte plötzlich der Schreckensruf: „Die Tiere sind los!“ Und wirklich sah man jetzt auf dem Vorderdeck bei dem unsicheren Lichte der Positionslaternen dunkle Tierkörper zwischen den Trümmern der Masten hin und her huschen. Schon wollten einige Matrosen, die sich schnell mit Korkwesten versehen hatten, über Bord springen, um der doppelten Gefahr zu entgehen, als der Kapitän sie noch im letzten Augenblick zurückzuhalten vermochte. Denn da der „Neptun“ jetzt nach dem Zusammenstoß völlig regungslos dalag und selbst die schaukelnde Bewegung vollständig aufgehört hatte, konnte Kapitän Robinson den ganzen Umständen nach nur annehmen, daß sein Schiff auf ein treibendes Eisfeld aufgelaufen sei, sich darin festgekeilt habe und daher die Befürchtung, der Dampfer könnte schnell wegsinken, nicht bestände.

Die ganze Besatzung stürzte nun wieder in wilder Hast auf das Hinterschiff und drängte sich in den beiden Wohnräumen des Kapitäns zusammen, wo man eilig die Tür und die Fenster des Kajütenaufbaues verrammelte.

Bei Anbruch des Tages zeigte es sich dann, daß Robinson das Richtige vermutet hatte. Der „Neptun“ lag in der flachen Ausbuchtung eines riesigen Eisberges fest und unbeweglich. Er war auf eine sich unter dem Wasser weit vorstreckende Eiszunge aufgefahren. Jetzt konnte man bei dem stetig zunehmenden Tageslicht auch endlich die Verwüstungen überschauen, die die stürzenden Masten auf dem Deck angerichtet hatten. Die Kommandobrücke und das Kartenhäuschen waren zerschmettert worden, ebenso ein Teil der Reling, und dasselbe [213] Schicksal mußte den größeren Teil der auf dem Vorderdeck stehenden Raubtierkäfige ereilt haben, da mehrere ihrer Bewohner, drei Löwen, das Tigermännchen und drei Leoparden, zwischen den Trümmern bald hier, bald da auftauchten.

Noch an demselben Vormittag wurde dann von den Tierwärtern und einigen mutigen Matrosen der Versuch gemacht, die Bestien zurückzutreiben. Zu diesem Zweck hatten sich die Leute mit den in der Kapitänskajüte vorhandenen Revolvern – andere Schußwaffen befanden sich nicht an Bord – und auch mit langen Stangen bewaffnet, die an der Spitze dicht mit geteerten Lappen umwickelt waren. Mit diesen primitiven, in Brand gesetzten Fackeln hoffte man die Raubtiere am leichtesten einschüchtern zu können. Aber trotz dieser Hilfsmittel mißlang der Versuch vollkommen und kostete außerdem noch einem der Matrosen das Leben. Dieser hatte sich zu weit vorgewagt und war von einem der Löwen im Sprunge niedergerissen und zerfleischt worden, ohne daß man ihm zu Hilfe eilen konnte. Sein die Nerven aufpeitschendes Hilfegeschrei, das erst verstummte, als die übrigen Leute schon wieder unter Deck geflüchtet waren, schüchterte alle derart ein, daß niemand zum zweiten Male sich hinauswagen wollte. Die Besatzung war also in den beiden Wohnräumen des Kapitäns, aus denen nur eine einzige Tür auf das Deck führte, eingeschlossen, und zwar ohne alle Nahrungsmittel und ohne einen Tropfen Trinkwasser, denn die Vorratsräume lagen im Vorschiff, und dort trieben sich die Raubtiere umher.

Als drei Tage verflossen waren – inzwischen hatte man, sobald sich eine der Bestien bis in Schußnähe an die Kajütfenster heranwagte, regelmäßig aus den Revolvern ein völlig ergebnisloses Feuern auf die Raubtiere unterhalten – spornte Hunger und Durst die Leute des „Neptun“ zu einem nochmaligen Versuch an, der Bestien Herr zu werden oder doch wenigstens bis zu den Vorratskammern vorzudringen. Mit Beilen wurde ein Loch in den Fußboden der Kajüte geschlagen, so daß man in den Laderaum hinabsteigen und von da aus weiter durch den Maschinenraum in das Vorschiff gelangen konnte. Drei der Wärter machten sich denn auch, wieder ausgerüstet [214] mit Revolvern und Fackeln, auf den Weg. Eine bange Viertelstunde verging für die Zurückbleibenden. Dann ertönten Schüsse, wildes Geschrei, und bald kletterten zwei der Wärter schreckensbleich durch das Loch im Fußboden in die Kajüte zurück. Den dritten hatte der Tiger in dem Gange zu der Kombüse angesprungen und zerrissen. Demnach beherrschten die Bestien nicht nur das Verdeck, sondern auch das Innere des Vorschiffes, wohin sie nur durch die sicherlich mitzertrümmerte Vorderluke eingedrungen sein konnten.

Wieder verging ein Tag. Da machte sich in der Nacht zum fünften plötzlich Brandgeruch bemerkbar, und schon am Morgen des sechsten Tages sah die Besatzung über dem Vorderdeck feine Rauchwolken aufsteigen. Die Fackel des von dem Tiger getöteten Wärters, die man nicht mehr hatte aufnehmen können, hatte den Dampfer in Brand gesetzt.

Am Mittag dieses sechsten Tages war die Rauchentwicklung bereits so stark, daß die frei umherschweifenden Raubtiere sich auf das Hinterdeck zurückzogen, wo die Luft noch frei von Rauchschwaden war. Die vor Hunger und Durst bereits halbtote Besatzung begann nun eine wilde Schießerei auf die gefährlichen Katzen, jedoch wieder ohne nennenswerten Erfolg, da die Revolver eine zu geringe Durchschlagskraft und Treffsicherheit besaßen. Nur das eine erreichte man mit der Zeit, daß sich die Raubtiere von dem Schiffe auf den Eisberg flüchteten, wobei sie den hinteren Mast, der schräg über Bord gefallen war, als Brücke benützten. Trotzdem wagten die Leute sich erst am Morgen des siebenten Tages aus ihrem Gefängnis heraus.

Inzwischen hatte das Feuer bereits so weit um sich gegriffen, daß das Vorschiff in hellen Flammen stand. Das Geheul der in den Käfigen noch eingeschlossenen Tiere, die nun elend verbrennen mussten, war entsetzlich. Aber niemand vermochte ihnen Rettung zu bringen, befand sich die Besatzung doch in fast ebenso furchtbarer Lage. Auf dem „Neptun“ drohte ihr der Flammentod, auf dem Eisberg das Verderben durch die Raubtiere, die sich ständig in der Nähe des Schiffes aufhielten.

Da, gegen Mittag, wurde am westlichen Horizont der Rumpf [215] eines großen Dampfers sichtbar, der, wie sich später ergab, durch die gewaltige Rauchsäule des brennenden „Neptun“ angelockt, seine Fahrtrichtung geändert hatte. Das war Hilfe im letzten Augenblick. Die „Kanada“ ein amerikanischer Schraubendampfer, nahm die halbverhungerten Leute auf und brachte sie nach New York. Den brennenden „Neptun“ und die Raubtiere auf dem Eisberg überließ man ihrem Schicksal.

Eine Woche später begegnete der englische Kreuzer „Cumberland“ dem Eisberge, auf dem noch zwei von den Bestien, ein Löwe und der Tiger, in völlig abgemagertem Zustande umherschlichen. Diese hatten sich während der acht Tage von dem Fleische ihrer schwächeren Artgenossen genährt. Die beiden Raubtiere waren bereits so ermattet, daß man sie ohne Gefahr einfangen und an Bord bringen konnte.

W. K.