Die Unschuldige
Im Toilettezimmer. Die alte Frau entkleidet die junge.
»Was hast du? Deine Hand blutet?«
»In deinem Schleier stak eine Nadel.«
»Gib doch acht! Ich habe genug Blut gesehen.«
»Armes Kind, arme kleine Gabi. Du darfst verlangen, daß dieser dich glücklich macht.«
»Ich hätte es mir verdient.«
»Weißt du noch, wie ich traurig war, als ich dich für – jenen schmückte, für deinen ersten Mann? Du warst voll Vertrauen, ein unschuldiges Kind. Mir aber ist’s jetzt, als hätte ich Ahnungen gehabt.«
»Schweig, schweig doch!«
»Ich will sagen: Dieser wird dich glücklich machen. Und hättest du ihn denn bekommen, wenn der Andere nicht – auf solche Art geendet hätte?«
Sie zieht der Herrin den Rock herab, sie umarmt ihre Knie.
»Gabi, kleines Herz, als ich dir in unserem alten Kinderzimmer durch die Scheiben die Leute zeigte, da wußten wir beide noch nicht, wie böse sie gegen dich sein würden. Und doch hatte jener dich so sehr gequält; es war dein Recht, daß er umkam.«
»Du sprichst, als ob ich’s gewollt hätte.«
[2] Sie stößt sie fort. Die alte Frau bekreuzigt sich.
»Gott behüte mich! Ich wäre ja so schlecht, wie alle, die dich verfolgt und verleumdet haben ein Jahr, ein ganzes Jahr lang. Er aber, der Doktor: o! ich habe ihn kennen gelernt in der schlimmen Zeit, und wenn er jetzt kommt – wie er schon ungeduldig sein wird, daß ich ihn rufe! – dann mußt du ihm danken, hörst du? süß und fromm danken, wie wir, als du klein warst, dem lieben Gott zusammen gedankt haben. Denn der Herr ist ein Engel, immer hat er an deine Unschuld geglaubt.«
»Muß man dazu ein Engel sein? Siehst du, wie du schwatzest? Bring mir lieber ein Hauskleid! Nein, ein dunkleres: das silbergraue.«
»Willst du ihn denn nicht dort drinnen erwarten?« – und die alte Frau zeigt auf den geschlossenen Vorhang.
»Ich glaube, daß wir vorher zu reden haben.«
Die Alte streichelt sie.
»Heut Nacht, sollt ich meinen, redet sich’s besser auf dem Kopfkissen. Du liebst ihn doch?«
»Ich möchte ihn sehr lieben.«
»So oft er aus deiner Zelle zu mir heraus kam – denn ich stand auf der Straße –: o! so bewegt, so stark sah ich nie einen Menschen. Augen hatte er, daß noch ich alte Frau mich verliebt hätte. ,Ihre Herrin ist unschuldig‘, sagte er. ,Ich weiß es; und ich werde machen, daß alle es erfahren‘.«
»Was tat er weiter?«
»Er nahm mich im Wagen mit, sah mir in die Augen und verlangte, daß ich mich erinnern solle.«
Die junge Frau wendet sich ihr rasch zu.
»Und du?«<
Die Alte bewegt vorsichtig den Kopf.
»Es versteht sich, daß ich nicht alles sagte.«
»Ich habe es bemerkt.«
»Kann man denn das? Ich werde mich hüten zu sagen, daß du als kleines Mädchen der Katze einen [3] Strick um den Hals bandest und sie aus dem Fenster hängtest.«
»Ja: man würde seine Schlüsse daraus ziehen. Auch er. Vielleicht sogar du.«
»Gott bewahre! Eine Katze ist kein Mensch. Ein Kind ist keine Frau. Deinen Mann umbringen! Du, die ich habe zur Welt kommen sehen.«
»Was beweist das. Du hast vielleicht eine Mörderin zur Welt kommen gesehen.«
Die Alte spreizt die Hand. Sie macht sich zu schaffen, sie spricht weiter, ohne die Herrin anzusehen.
»Er sagte: Monika, sobald die gnädige Frau einen Salon betrat, beugte alles sich vor ihr: dafür rächt man sich jetzt. Wenn ich sie in ihrem Gefängnis besuche, schäme ich mich, als hätte ich selbst sie hineingesetzt. Ich muß gut machen, was an ihr verbrochen wurde, ich muß ihr das Vertrauen zu den Menschen wiedergeben.«
»Laẞ! Er sagte weiter: Ich habe zu arbeiten, zu kämpfen. Eines Tages wird sie blendend dastehen. Dann bin ich belohnt, dann bin ich groß. Sie braucht einen Retter.«
»Woher weißt du –?«
»Brauchte ich denn nicht einen Retter? Wo wäre ich jetzt ohne ihn? Mein Kopf läge in einer Grube.«
»Wir alle verdanken ihm unsere Freiheit. Sieh! vorhin, wie er an der Küche vorbeikam, hat sogar der Anton ihm die Hände geküßt.«
»Und du meinst, auch ich müsse sie ihm küssen … Vielleicht tue ichs; vielleicht geschehen ganz andere Wunder: wüßte ich nur, ob er je gezweifelt hat an meiner – Unschuld. Verbot er dir nicht, dies und jenes dem Richter zu sagen? … Nun?«
»Das wohl. Aber sei ihm nicht böse!«
»Böse? Wenn du ahntest!«
Sie geht umher.
»Er hat also gezweifelt, zweifelt vielleicht noch.«
»Wer zweifelt heute noch.«<
[4] »Niemand. Aber vielleicht er, der alle bekehrt hat!«
»Wie du dir heiß machst! Sie haben dir zu übel mitgespielt, dein Kopf hat noch lange damit zu tun;« – und die Alte zieht sie an sich.
»Denn, Monika, sieh,« – und sie zeigt auf den Boden, »die Spur im Blut meines – des Toten konnte von einem Frauenkleid sein. Er hat in seiner Rede bewiesen, daß es kein Kleid war, und die Geschwornen haben ihm geglaubt. Aber er selbst?«
»Hör’ mich an, Kind! Ich ging zu ihm, als ichs erfuhr, das mit dem Kleid. Er war noch nicht bei dir gewesen. Er war bleich, ging im Zimmer umher und sagte: die Elenden! Er stützte den Kopf in die Hände und sagte: Ich will nicht. Es soll nicht wahr sein.«
»Hieß das, daß er für mich gewesen wäre –«
Langsam, und sie beugt sich vor:
»– auch wenn ichs getan hätte?«
»Nein. Wie sollte er,« und die Alte weicht zurück. Da die Herrin sich abkehrt: »Das heißt –. Aber du hast es ja nicht getan.«
»Natürlich nicht.«
»Wenn man wüßte, wer es getan hat! Genug, er hat dich freigebracht. Welche Rede! Die Leute haben geweint, und ich selbst mußte weinen. Und doch konnte ich wissen, daß du nicht so warst, wie er sagte. Denn es ist wahr, daß auch du den Verstorbenen gequält hast, du Kleine. Gleichviel: ihm ist Recht geschehen, – da er dich nicht glücklich machte.«
»Du findest?«
»Der Doktor Halland war nachher erschöpfter als du selbst. Man sah, er hatte sich darangegeben, Blut und Seele. Merk dir’s wohl, Kind: das ist einer, der dich liebt.«
Indeß sie ihr den Arm streichelt:
»Ich erkenne die, die dich lieben. Die andern straft Gott, wir haben es gesehen.«
»Ah! du bist noch dieselbe«, – und die junge Frau küßt sie. »Du verstecktest mir das Spielzeug, das [5] ich meinen Geschwistern gestohlen hatte. Geh’, ich habe dich lieb, alte Monika.«
»Du warst ein hartes Kind, es brauchte viel, bis du liebtest. Hast du nicht den Ersten genommen, weil alle deine Verwandten dagegen waren?«
»Ich nahm ihn, weil er ein einsamer berühmter Mann war.«
»Und diesen?«
»Weil er mich liebt, wie ich bin. Weil er nicht fragt. Weil er alles von mir weiß – und nichts.«
Sie setzt sich und richtet den Blick auf die Tür.
»Ich warte auf ihn, wie auf einen ganz Fremden und wie auf mich selbst. Wir haben so Vieles hinter uns, was keiner versteht. Es war grell und wirr, es macht müde.«
Sie lehnt den Kopf zurück nnd[WS 1] schließt die Augen. Leise:
»Ein Kuß im Dunkeln.«
Sie schrickt zusammen; es klopft.
Die alte Frau öffnet; sie flüstert:
»Die gnädige Frau erwartet den Herrn Doktor.«
Im Hinausschlüpfen greift sie nach seiner Hand und küßt sie.
Er nähert sich leise seiner Frau.
»Gabriele!«
Sie hebt, immer die Augen geschlossen, ein wenig den Kopf. Er beugt sich über sie, ihre Lippen treffen sich, sie sinkt zurück.
»Sieh mich an, Gabriele!«
»Schließ lieber auch du die Augen! Wir sind in Sicherheit, solange wir nicht sehen. Du bist jung und du liebst mich. Du hast Mut und Leben auch für mich, die ich schon den Mut verloren hatte und fast auch das Leben.«
»Ich weiß, wie kühn das ist: dich alles verschmerzen [6] machen zu wollen, was du erlitten hast. Aber ich will es.«
»Du mußt mich mehr lieben, als alle anderen Menschen einander lieben. Wir haben die Liebe, um das Leben zu vergessen. Ich weiß mehr und habe mehr zu vergessen.«
»Ich liebe dich unbedingt und für immer.«
Sie öffnet die Augen, sie hebt sich an seinen Schultern hinauf.
»Du sagst es? Wenn es wahr ist, hast du mich zum zweitenmal befreit.«
»Du hast mir Genie gegeben. Genie ist die höchste Männlichkeit.«
»Ich bin dir nicht unheimlich?«
Da er abwehrt:
»Denn ich bin es mir selbst. Das Urteil mag gesprochen sein: ich bleibe die Witwe des Ermordeten, – dessen Mörder niemand kennt.«
Über sich gebeugt, dumpf:
»Wo habe ich das Trauerjahr verbracht?«
»Ich bitte dich,« – er streckt die Arme nach ihr aus. Sie sieht ihn an und schüttelt den Kopf.
»Das macht kein Triumph ungeschehen. Meinst du, ich sehe nicht das Erschrecken der Blicke? Sie wollen immer wieder zu mir eindringen, wie durch ein vergittertes Fenster, aus dem eine beklemmende Luft strömt. Heute abend flüsterten unsere Gäste mit einander, als wunderten sie sich, daß sie zu einer Hochzeit geladen seien und nicht zu einer Hinrichtung.«
»Gabriele! Meine Frau!«
Aber sie springt auf.
»Wundere ich mich nicht selbst? Ah! du bist kühn, weil du es unternimmst, mich zu heilen von der Tortur der Untersuchung, der öffentlichen Schande der Verhandlung. Wer aber müßtest du sein, um jene anderen Bilder, jene geheimen, von diesen Augen wegzuwischen.«
[7] Und sie verbirgt sie an seiner Brust. Flüsternd:
»Noch jede Nacht sehe ich ihn.«
»Deinen – den Toten?«
»Nein … Auch ihn. Er liegt« – sie bewegt die Hand nach der zweiten Tür, im Schatten, »dorthinten.«
»Dies ist nicht das Haus. Quäle dich nicht. Du bist bei mir.«
»Er liegt dorthinten, im Zimmer jenseits des Ganges, beim Fenster. Der – Andere beugt sich über ihn.«
»Auf der Schwelle. Er lag auf der Schwelle.«
»Erst später. Als er getroffen wurde, fiel er beim Fenster nieder.«
»Woher weißt du –? Es ist anders festgestellt. Du hast doch geschlafen.«
»Ich schlief nicht. Ich hörte ihn rufen. Ich stand auf – «
Vorgebeugt nach der Tür:
» – ich schlich in den Gang, ich kroch in den Wandschrank. Er schrie und fiel, ich hörte es. Dann kam der Andere vorbei.«
»Du hast ihn gesehen? … Ich verliere den Kopf. Du hast geschlafen, du weißt nichts.«
»Er lief nicht, und er schlich nicht. Er hatte einen festen Schritt, wie ein junger Mann.«
»Du träumst, wach’ auf!«
Er rüttelt sie; sie reißt sich los.
»Ich glaubte sogar – «
»Was man in Träumen glaubt.«
»Er ging in mein Zimmer, hierher. Sollte ich sterben? Oder wollte er – «
»Wie du mich ansiehst!«
»Indeẞ drinnen mein Mann noch röchelte.«
Er weicht zurück.
»Sieh mich nicht länger so an. Was glaubst du?«
Pause.
»Als er fort war, ging ich – dort hinüber und betrachtete die Leiche. Sie lag jetzt auf der Schwelle, [8] wo ihr sie gefunden habt. Ich verkroch mich ins Bett.«
»Und du hast nichts gesagt!«
»Es würde mich noch verdächtiger gemacht haben.«
»Mir? Du hast kein Vertrauen gehabt.«
»Du siehst, daß ich es habe, nun wir allein sind. Du liebst mich, du wirst mich schützen,« – die Hände flehentlich erhoben. »Alles das ist nicht vorüber. Du mußt wachen, wenn ich schlafe.«
Er greift sich an die Stirn.
»Wovon sprechen wir, mein Gott. Dein Mann lag am Fenster? Es war kein Blut da.«
»Es ist erst später geflossen, auf der Schwelle. Er ist nicht auf die Kniee gefallen, ihr habt Alles falsch erdacht. Er ist hingekrochen.«
»Du weißt entsetzlich viel.«
Er ringt vor ihr die Hände. Sie geht rückwärts bis in den Winkel. Im Bogen um ihn, tastet sie an der Wand hin, zur Tür. Unterdrückt:
»Komm! Ich will dir’s zeigen.«
Er stürzt vor. Mit einem Ruck hält er an.
»Was ist mit uns? Wir sind in einem neuen Hause, in unserem Hause. Die Dinge von denen du sprichst, sind nicht hier geschehen, sie haben hier keine Spuren hinterlassen und keine Geister.«
Auf sie zu, eindringlich:
»Hast du vergessen, wozu du gekommen bist? Mir zu gehören! Nicht dem Vergangenen: mir!«
»Vergangen?« – sie entzieht sich ihm. »Du wirst ihn sehen.«
»Wen?« – und er flüstert wie sie.
»Den Mörder. Du hast ihn noch nicht gesehen?«
Sie hält seinen Blick fest. Er starrt in ihre Augen. endlich nickt sie stark. Er keucht.
»Nein!«
»Ja«, – und sie wendet sich ab. Er taumelt, greift nach einem Stuhl. Er preßt sich die Brust, er ringt nach Stimme.
[9] »Du? Du bist es gewesen? Gabriele! Mitleid! … Vorhin, einen Augenblick, glaubte ich, Du beschuldigtest mich. Was willst du sagen? Eins ist Wahnsinn wie das Andere. Liebte ich dich nicht, ich würde lachen.«
Nachdem er umsonst gewartet hat:
»Du treibst Spott, du willst mich verwirren, ich lache.«
Er setzt sich – und springt wieder auf.
»Ich glaube dir nicht. Du bist krank. Du lügst, ich weiß nicht warum. Ich will nichts wissen.«
Schreiend:
»Du bist unschuldig!«
Sie sieht ihn an.
»Leiser! Wir sind verloren, wenn man uns hört.«
Er erschrickt. Er lehnt drüben, halb abgewendet, die Stirn in die Hand, indes sie vor der Tür im Schatten hin und hergeht und spricht.
»Wem schulde ich Rechenschaft. Man sei froh, wenn ich keine fordere. Ein Leben wie meins darf nicht geschaffen werden, es ist – ja, es ist die Widerlegung jedes andern … Als Mädchen von vierzehn Jahren schon erfuhr ich, was noch Greise nicht zu sehen brauchen: unsere Zwecklosigkeit und unsere Unverbesserlichkeit. Jede Lüge, jeder Schmutz des Gefühls hinterließ mir ein Mal für immer, einen blutunterlaufenen Eindruck. Ich hatte die Gabe, nackte Seelen zu sehen und manchen Tag saßen mir am Tisch Fratzen gegenüber, vor denen es nur Davonlaufen gab. Schon damals war ich eine Fremde, und die Andern sahen es, wie heute unsere Gäste. Keine Tat war nötig.«
Er schluchzt auf.
»Gabriele! Mein Leben, um deine Tat zurückzukaufen!«
»Das Schlimmste aber war der Spiegel. Ich war hassenswerter als Alle; denn zu ihren Lastern hatte ich auch noch das, daß ich sie durchschaute … Ich [10] hätte mich getötet, ohne meine Träume: die Träume von gütigeren, geistigeren Menschen, die ich lieben konnte. Es mußte sie geben, in der Ferne oder in der Zukunft. Desto sehnsüchtiger liebte ich die unbekannte Menschheit, je trostloser die Menschen sich mir verrieten. Ich gewann Mitleid mit ihnen: so mächtig machten mich meine Träume. Ich war erwachsen und schön geworden. Damals fand ich ihn.«
Sie lehnt sich, einen Augenblick, weich gegen die Tür, die Hand am Griff, als wollte sie eintreten.
»Er war ein großer Arzt, er rettete Hunderte, und doch kannte er ihre Krankheiten, ihre Häßlichkeiten. Er konnte, was ich gewollt hätte: er rettete sie.«
Sie kehrt sich von der Tür ab.
»Mußte er nicht fühlen wie ich? Er war einsam durch sein Wissen, er war gezeichnet vom Ruhm. Mußten wir beiden Fremden uns nicht vertrauen?«
Sie stürzt in die Mitte des Zimmers. sie schüttelt die gespreizte Hand.
»Statt dessen: bewundere die sinnlose Grausamkeit der Dinge. Er wollte nicht verstehen, sich nicht und mich nicht. Ich weiß heute, daß er Furcht hatte; er trumpfte auf das unbewußte und schlechte Leben, er wälzte sich darin, wie ein entflohener Sträfling. Für mich, die ich ihn an die Wahrheit erinnerte, faßte er Haẞ. Er verleugnete mich. Aus der Gefährtin, die zu ihm kam, machte er ein Geschlechtstier. Hörst du?«
Er senkt den Kopf.
»Ich erkenne den Weg, den wir gegangen sind.«
Aber er schüttelt sich.
»Nein! Nicht diesen!«
Sie tut einen Schritt auf ihn zu.
»Doch! Als du mich kennen lerntest, war ich unterwühlt von Begierden. Ekel und Unersättlichkeit warfen mich umher. Den, der mich geliebt hätte, ich hätte ihn in einer Umarmung still machen wollen, um mein Herz und diese Welt still zu machen. Wenn ihr [11] mich in Gesellschaft im Glanz meiner Verzweiflung saht, konnte keiner von der Verbrecherin wissen, die hinter dem Sprechzimmer ihres Mannes, bewacht von seiner Eifersucht wie ein gefährliches Tier, die Qual ihrer Bosheit erlitt. Keiner: nur du.«
Er streckt ihr die Hände hin.
»Ich liebte dich, um dich zu retten.«
»Du wußtest, daß ich ihn haßte, und wie ich dich begehrte. Ich konnte ihn nicht betrügen, ich konnte dich nicht haben. Wir sind Mitschuldige, denn wir liebten uns.«
Er wirft sich zurück.
»Nicht so. Ich bin kein Verbrecher.«
»Wenn du mich retten, mein menschlich Teil retten wolltest, dann hattest du meine Gedanken.«
Er hebt die Arme, er wirft sich umher.
»Ich habe nichts gemein mit deiner Tat!«
»Du hast seinen Tod nicht gewünscht?«
»Was beweist das!«
Sie spricht leise und herrisch.
»Warum hast du bis nach meiner Freisprechung verschwiegen, daß wir uns liebten?«
»Das war –«
Sie nickt.
»Das war nötig, um Justiz und Öffentlichkeit zu betrügen. Du hast sie noch anders betrogen. Du hast Umstände unterschlagen oder gefälscht. Das Kleid, das durch sein Blut geschleift ist, war beim Färber, und du hast glauben gemacht, ich hätte schon vor seinem Tode der alten Monika den Auftrag erteilt, es hinzutragen. Du hast dich mit ihr verabredet. Wie mühselig du deinen eigenen Verdacht unterdrückt hast! … Ah! da erschrickst du. Die Dinge kehren dir zurück, die du in der hohen Rolle eines Retters gern vergessen hättest. Geh! keinen Selbstbetrug! Wir haben Vieles hinter uns, was uns immer zusammenhalten wird. Verleugne nicht auch du mich, wie Jener tat.«
[12] Er stöhnt. Sie tritt nahe an ihn hin, sie spricht ihm ins Gesicht, weicher und süßer.
»Wovor hast du Furcht. Niemand weiß, daß wir uns bis zum Verbrechen geliebt haben. Vielleicht weiß der Tote es; das würde unsere Lust würzen. Ich wünschte, daß es ein Fortleben gibt, damit er um uns weiß.«
»Du bist fürchterlich. Du vernichtest mich.«
»Ich mache dich leben.«
Sie halten sich bei den Armen gepackt, als wollten sie ringen. Fast berühren sich ihre Gesichter. Er sagt, die Zähne geschlossen:
»Die glühende Blässe deiner Haut spiegelt entsetzliche Dinge.«
»Nur deine Begierde.«
»Deine tiefen Augen locken und verschlingen.«
»Nur dein Laster.«
»Dein Mund –«
»Küsse ihn doch! Für deinen Kuß habe ich es getan!«
Ihre Lippen stoßen hart zusammen und wühlen sich ineinander.
Er reißt sich los.
»So küssen Mörder! Ich bin wahnsinnig!«
»Schmecke ich nach Blut?«
Da er sie nach dem Vorhang drängt:
»Wir haben uns wohl nichts mehr zu sagen? Jetzt heißt es also genießen.«
Sie schlägt vor ihm zu. Den Kopf im Vorhang:
»Denke an mich, bis ich dich rufe. Du hast doch den Mut, an mich zu denken?«
Und sie verschwindet.
Er steht reglos, das Gesicht nach dem Vorhang. Allmählich weicht er zur Seite; die Hände vor die Augen geschlagen, taumelt er, neben dem Vorhang, gegen die Wand.
[13] Ihre Stimme:
»Du bist so still. Aber ich weiß, was du tust: Du weinst.«
Er zuckt auf.
»Du hältst mich für schwach? Ich bin es nicht: ich trage deine Tat. Ich bin imstande, dich zu wollen mitsamt deiner Tat.«
Er schlägt sich auf die Brust.
»Da sieh! ich liebe dich noch jetzt. Umso mehr liebe ich dich, umso mehr!«
Da erstarrt er: hinter dem Vorhang lacht sie gellend.
»Held, der du bist!«
Sie tritt hervor.
»Liebtest du mich nicht für meine Unschuld? Aber auch die Schuld hat ihren Reiz.«
Bei seiner Berührung:
»Ach, fort! Du ekelst mich, mit deiner heroischen Sinnlichkeit.«
»Ich? Du wagst? Du, die mich zu Grunde gerichtet hat?«
Sie sieht ihn an.
»Nicht ich dich … Dein Opfer ist unnütz, mein Held; denn Alles war nur Scherz.«
»Das ist nicht wahr!«
»Kein freundlicher Scherz; aber du mußt ihn mir nachsehen: man hat mich, seit einem Jahr, an das Leben im Grausen gewöhnt … Nun? Ich bin noch deine unschuldige Frau, du bist noch mein Retter. Alles ist, wie du es dir gewünscht hast.«
»Du machst dich lustig?«
»So den Kopf zu verlieren! Und du hast in der Verhandlung jeden Widerspruch vernichtet. Du weißt, daß nicht mein Kleid durch sein Blut geschleift ist, sondern der Vorhang, den er im Todeskampf ergriffen hat. Würdest du vor Gericht die Aussage hingenommen haben, daß er am Fenster unter den Messerstichen [14] zusammengebrochen sei, aber erst auf der Schwelle geblutet habe?«
Er breitet die Hände aus, er schüttelt den Kopf.
»Wer beweist jetzt noch deine Unschuld.«
»Du selbst hast die Spuren von der Hand eines Unbekannten an den Möbeln nachgewiesen. Du hast bewiesen, daß ich in meinem Zimmer von draußen eingeschlossen war, wie jede Nacht. Hat ein Mitschuldiger mich eingeschlossen? Aber das wüßtest du, denn du wärst es selbst.«
»Ich habe dich vorhin gesehen. Ich habe dich – geküßt. Du wirst mir nicht einreden, daß du gespielt hast.«
»Ich habe gespielt. Ich habe dein Heldentum erprobt.«
»Dann sage ich: ein unwürdiges Spiel!« – und er stößt einen Stuhl auf den Boden. »Ich durfte besseren Dank erwarten.«
»Vielleicht fühlte ich das – zu sehr.«
»Du hast mich in deinem Leben als Meister gesehen: das verzeiht ihr nicht. Ah! es ist die Rache des Weibes. Wir dürfen nicht so klar, nicht so hoch sein; man benützt den elenden Kniff des Geschlechts, uns herabzuziehen und zu trüben.«
Er geht umher, die Hand am Halse und gefolgt von ihren Augen. Mit gewaltsamer Ruhe:
»Was geschehen ist, tut mir leid für dich. Du, die ich über alle stellte, – und auch du bist wieder nur das Weibchen, das die Widerstandskraft des Mannes auf die Probe stellt: bist die Schauspielerin. Wie verrucht du gespielt hast!«
»Ich habe wohl gespielt. … Aber bin ich so sicher, daß die Dinge, die du wirklich nennest, kein Spiel waren? Der Mord, und was dann mit mir geschehen ist? Wozu das alles? Warum sollte es ernst sein? Ich war immer so sehr allein und anders, daß ich meine Schicksale und Handlungen, meine Gefühle selbst, alles im Grunde für ein folgenloses Spiel hielt. [15] Ich weiß nicht, wie ihr lebt. Ich, ich sehe keinen Plan im Leben, noch im Tod. Ich fürchte beide, und spiele sie beide.«
Er hält an.
»Es ist wahr, du hast zu viel gelitten. Meine Eigenliebe muß schweigen. Ich muß Mitleid haben mit dir. Du verdienst Nachsicht.«
»Nicht wahr? Du findest die Überlegenheit des Retters wieder. Ich bin dein weißes kleines Mädchen. Perseus und Andromeda. O reines Glück! Aber ich muß dir sagen, daß ich eure Unschuld nicht mehr begreife. Ich habe ein Jahr lang im Gefängnis gelebt, eingeschlossen mit den Bildern des Mordes.«
»Ich weiß es; und ich trage vor dir die Schuld aller.«
»Ich war die Mörderin. Ein Jahr lang hat jeder menschliche Blick mir’s gesagt, jedes Wort des Richters, deine eigenen Kunstgriffe zu meiner Rettung. Tag und Nacht habe ich die Dinge gesehen, die geschehen waren; und wie ihr es wolltet, ging meine eigene Gestalt darin umher, mein eigener Arm hob sich. Da –«
Sie beugt sich vor, sie zeigt auf den Boden. Sie rafft das Kleid zusammen und weicht zurück. Umherblickend:
»Ich – sage nicht, daß ich’s nicht getan habe.«
Er eilt hin, er nimmt ihre Hand zwischen seine.
»Gabriele! Besinne dich! Wie du krank bist! Wie ich dich lieben muß!«
»Sage das nicht«, und ihr Blick streift ihn scheu, sie zieht sich frostig zusammen. Es ist nicht sicher, wann ich dir die Wahrheit gesagt habe.«
»Nicht sicher?«
Er lacht.
Wenn du’s nicht weißt, laß dir’s von mir sagen: Du bist unschuldig.«
»Du liebst mich. Auch meine alte Monika liebt mich, und sie ist überzeugt, daß ich es getan habe.«
Sein Lachen bricht ab. Er läßt sie los.
[16] »Sollen wir denn wieder das Ufer verlieren? Laẞ mich denken. Du hast es nicht getan … Hast du es getan?«
»Ich weiß es nicht«.
Er umfaßt seine Schläfen.
»Du weißt es nicht. Du entrinnst mir wie Sand. Du warst meine feste Erde, mein Selbstvertrauen.«
»Ich hatte dir Genie gegeben, die höchste Männlichkeit.«
»Ach! das Wesen, in das wir unsere Seele senken. Die Frau! Die Frau! Wir rechnen mit ihr, wir bauen auf sie, fürs Leben, über das Leben hinaus: – und wir kennen sie nicht!«
Er läßt die Arme sinken. Müde:
»Du hast erreicht in dieser Stunde, daß ich mich selbst nicht mehr kenne. Du hast mich mehr erleben lassen, als ich auf Erden für möglich hielt. In einer Stunde hast du mich alt gemacht.«
»So weißt du nun, wie denen zu Mut ist, die mit der Seele leben. Ich, siehst du, habe an Menschen Alles erfahren, was sie zu geben haben, und vom Erkennen und Fühlen bin ich so abgenützt« – sie betastet sich – »als sei die ganze Haut mir wund gerieben … Dennoch aber bleibt diese qualenreiche Kraft, die Seele auf Berge zu treiben und in Abgründe … Man ist über Mondgebirge gewandert und durch Sterne, die noch brennen. Was soll ich dir sagen! Man hat so Ungeheures vor Augen, daß es Nacht scheint und daß die Wirklichkeit nicht den Wert hat von Träumen. Und ihr fragt nach meiner Unschuld.«
»Ich weiß, daß du keine Frau bist wie andere.«
»Ich bin eine Frau wie andere.«
Sie schlägt sich auf die Brust.
»Seid doch Menschen!«
Sie mißt ihn lange.
»Du wolltest mich lieben, weil meine Unschuld dein Werk war.«
[17] »Ich gebe zu, daß ich selbstsüchtig war. Aber wer die Selbstsucht einer Liebe nicht erträgt, ist ihre Aufopferung nicht wert.«
»Möglich. Möglich;« – und sie zieht sich bis drüben in den Winkel zurück.
»Und ihr meint mit der Unschuld, für die ihr mich liebt, eine Tat, die nicht getan ward: Jener dort –«
Sie wendet sich halb nach der Tür im Schatten.
»– eine Untreue, du einen Mord. Ich aber war unschuldig, weil ich dich liebte: und du hättest ein Mörder sein können, oder ein Heiland … Ach! bleibe dort, laß mich allein. Du hast mich schon allein gelassen.«
Sie hüllt sich in die Falten des Vorhanges, ihre Hand tastet rückwärts nach der Wand. Mit verlorenem Blick:
»Ich hätte dich so sehr geliebt. Meine Liebe wäre einfach gewesen, von der Einfachheit der Vielerfahrenen, die das Leben hinter sich lassen, um im Dunkeln zu lieben, ohne Fragen, mit geschlossenen Augen, weder mit ihrer Tugend noch mit ihrem Laster, jenseits der Qual der Seelen, die werben, kämpfen, einander enthüllen: ganz offen und schlicht mitten im Geheimnis, wie Tiere oder wie Engel.«
»Gabriele!«
Er stürzt vor sie hin. Sie fährt mit der Hand in sein Haar. Heißer:
»Und ohne Grenzen! Wie die Umarmungen dieser Männer, dieser Frauen matt und unvollkommen sind! Wie weit bleibt zurück hinter mir, was sie Leben nennen! Man muß so viel von den Menschen erlitten haben wie ich, um ihrer Einen so lieben zu können, wie ich.«
»Gabriele! Warum habe ich dich verloren?«
»Du: du weißt nicht, was ich von dir erträumt habe, wen ich in dir sah. Du beherrschtest den Prozeẞ, und du schienst ihn zu verachten. Du sahst aus, als sagtest du mir: Geduld! Bald lassen wir dieses [18] kriechende Durcheinander hinter uns. unter uns. Was ist uns Schuld und Unschuld. Über der Welt, allein und stumm, befreit von irdischen Zufällen und ganz einander sicher, werden wir uns lieben. Sagtest du das nicht?« – und sie nimmt seinen Kopf zwischen ihre Hände, um ihm in die Augen zu blicken. – Sie läßt ihn los und wendet sich halb weg.
»Ich glaubte wohl nicht sehr fest, daß du mir folgen würdest; ich war schon einmal enttäuscht. Aber ich erlaubte mir Hoffnung, berauschende Hoffnung. Noch einmal öffnete ich mein Fenster, das vergittert war, den Sternen.«
Er verläßt sie und setzt sich abgewendet. Sie sagt, die Augen geschlossen:
»Ein Unbekannter, und ganz ich selbst. Das Wesen, das alles von mir weiß und nichts.«
Er faßt sich an die Stirn.
»Bin ich denn schuldig? Ich habe dich geliebt, wie ein Mann eine Frau liebt. Ich habe in dir alle meine Instinkte befriedigt gefunden. Was bleibt mir nun.«
Sie geht rasch zu ihm. Über seine Schulter:
»Dir bleibt alles, was du zu nehmen geschaffen bist. Auch ich bin für nichts anderes geschaffen. Das Gefängnis hat mir ungesunde Träumereien gemacht. Ich habe dich gequält und ermüdet. Verzeih’ mir.«
Er greift nach ihr.
»Nicht wahr, wir können uns lieben?«
»Gewiß: wie Menschen einander lieben. Man gewährt sich Vertrauen, bis zu einem gewissen Grade; man versteht sich, vermittelst Nachsicht; man ist eins, unter Vorbehalt.«
»Liebst du mich?«
Sie kniet vor ihn hin. Er umklammert sie fester.
»Liebst du mich?«
Sie beugt die Stirn unter seine Lippen.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vorlage: nnd