Die Werther-Erinnerungen in Wetzlar

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Autor: Ernst Ziel
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Titel: Die Werther-Erinnerungen in Wetzlar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 597–600
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Werther-Erinnerungen in Wetzlar.


Von Ernst Ziel.


Deutsche Pietät hat von jeher die Stätten, wo unsere Auserwählten geweilt, mit Hingebung und Andacht gehegt und gepflegt. Eisleben hat sein Luther-, Frankfurt sein Goethe-Haus; Berlin hat eine ganze Reihe von denkwürdigen Heimstätten des Genius aufzuweisen, und in dem classischen Weimar redet jeder Stein von erhabenen Erinnerungen. Alle diese Wiegen geistiger Großthaten haben in der treuen Anhänglichkeit der Nation an ihre Vorkämpfer eine dankbare und liebevolle Beschützerin gefunden, sodaß der denkende Enkel, wenn er sein Vaterland durchpilgert, auf Schritt und Tritt das Schaffen und Streben seiner großen Ahnen durch Merksteine des Ruhmes verewigt findet.

Ein solcher Merkstein, der in der Geschichte deutschen Geisteslebens eine wichtige Station bezeichnet, ist auch das alte Wetzlar im lieblichen Lahnthale. Gab es doch unserm Goethe den Anlaß und die Anregung, die Farben und die Contouren zu derjenigen Dichtung, welche neben seinem, „Torquato Tasso“ wohl am engsten mit seinem persönlichen Leben zusammenhängt und welche seinen Namen zuerst aller Welt verkündete – zu den „Leiden des jungen Werther“.

Ueber Wetzlar und seine Beziehungen zum „Werther“ besitzen wir eingehende Untersuchungen. Die nachstehenden Mittheilungen können daher keinen Anspruch darauf erheben, wesentlich Neues und bisher Unbekanntes über diese Materie zu bringen; sie wollen eben nur eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte jenes merkwürdigen Romans und seinen Zusammenhang mit dem ehrwürdigen Wetzlar geben.

„Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen ringsumher eine unaussprechliche Schönheit der Natur,“ sagt Goethe am Schlusse des ersten Werther-Briefes. So ist es in der That. Die alte, aus meistens engen und winkeligen, oft steil ansteigenden Straßen bestehende Reichsstadt zieht sich an dem Abhange des sogenannten Lahnberges hinauf und war vor Zeiten ein schwer zugänglicher Ort, während sie heute dem Verkehre nach allen Seiten hin geöffnet ist. Die Lahn, von heiteren Dörfern und freundlichen Fluren, von rebenbepflanzten Hügeln und waldgekrönten Bergen umsäumt, zieht sich in sanften Schlangenwindungen durch das Thal und leiht der Landschaft Leben und Anmuth, aber die Ruinen der Feste Kalsmunt, welche ehemals der Sitz des kaiserlichen Vogts war, die alten Schlösser Gleiberg und Fetzberg, die Burg Hermannstein und das Bergschloß Hohensolms, sowie das Kloster Altenberg geben der Gegend zugleich den Charakter des Romantischen und Ehrwürdigen.

Es war um Ostern 1772, als der damals dreiundzwanzigjährige Goethe, von Straßburger Eindrücken noch erfüllt, zuerst den Fuß in die Mauern Wetzlars setzte, um sich, dem Willen seines Vaters folgend, beim dortigen Reichskammergericht zum Rechtsanwalte auszubilden. Er nahm in der engen, unfahrbaren Gewandsgasse in einem großen Hause, dem vierten links vom Kornmarkte, seine Wohnung. – Die Einflüsse, aus denen später der Roman „Werther’s Leiden“ hervorging, machten sich sofort bei Goethe’s Eintritt in Wetzlar geltend. Sein intimer Verkehr mit dem gothaischen Legationssecretär Gotter, dem braunschweigischen Hofgerichtsassessor von Goue, dem Grafen von Kielmannsegg und namentlich dem hannoverschen Legationssecretär Kestner lenkten sein geistiges Leben schon in den ersten Monaten seines dortigen Aufenthaltes in die Stimmungssphäre hinüber, welcher der „Werther“ entsproß. Den eigentlichen Anlaß zu der Dichtung aber empfing er bekanntlich durch sein inniges Freundschaftsverhältniß zu der Geliebten Kestner’s, der anmuthigen Charlotte Buff, Tochter des im dortigen „Deutschen Hause“ (unweit der Schmidtgasse) wohnenden Deutsch-Ordens-Amtmanns Heinrich Adam Buff. Charlotte, welche ein Jahr zuvor ihre über Alles geliebte Mutter verloren und seitdem mit rührender Hingabe die Vertretung der Verstorbenen bei ihren neun kleinen Geschwistern übernommen hatte, war damals das Bild einer liebreizenden, echt deutschen Jungfrau. Von ihren inneren Eigenschaften entwirft Kestner selbst in einem Briefe an seinen früheren Hauslehrer folgendes Bild:

„Sie ist mitleidig gegen alle Unglücklichen, gefällig und bereit, Jedermann zu dienen, versöhnlich, gerührt, wenn sie glaubt, Jemand beleidigt zu haben, gutthätig, freundlich und höflich, freudig, wenn Jemand etwas Gutes begegnet, gar nicht neidisch. – Daneben hat sie eine aufgeweckte, lebhafte Seele, geschwinde Begriffe, Gegenwart des Geistes, ist froh und immer vergnügt, und dieses nicht für sich allein, nein, alles, was um sie ist, macht sie vergnügt durch Gespräche, durch lustige Einfälle, durch eine gewisse Laune und Humor. Sie ist das Vergnügen ihrer Eltern und Geschwister, und wenn sie ein finsteres Gesicht darunter bemerkt, so eilt sie, es aufzuklären. Sie ist bei Jedermann beliebt, und es fehlt ihr nicht an Anbetern, worunter, [598] welches sonderbar ist, sich Dumme und Kluge, Ernsthafte und Lustige befinden. Sie ist tugendhaft, fromm und fleißig, geschickt in allen Frauenzimmerarbeiten.“

Goethe lernte Lotte, wie er uns selbst in „Dichtung und Wahrheit“ erzählt, auf einer Fahrt über Land kennen. Es war am 9. Juni, als er in Gesellschaft von Bekannten nach Volpertshausen, einem etwa anderthalb Stunden von Wetzlar entfernten, jenseits des Stoppelberges gelegenen Orte, zu einem dort arrangirten Balle fuhr. Lotte war unter der Gesellschaft. Das leicht entzündliche Gemüth des jungen Dichters fühlte sich von der reinen Weiblichkeit und milden Schönheit des damals neunzehnjährigen Mädchens unwiderstehlich angezogen, und Lotte brachte dem schnell gewonnenen Freunde eine warme und rückhaltlose Bewunderung seines schönen Herzens und reichbegabten Geistes entgegen. So entspann sich denn von jenem Abende in Volpertshausen an zwischen Lotte, Kestner und Goethe eines jener Freundschaftsbündnisse, wie nur die schwärmerische und überschwängliche Gefühlsrichtung des vorigen Jahrhunderts es hervorbringen konnte, ein Bündniß, welches vor dem Forum modernen Empfindens kaum noch Verständniß finden würde. Es berührt in der That sonderbar, wenn wir lesen, daß, während der Bräutigam Kestner durch Gesandtschaftsgeschäfte vielfach in Anspruch genommen war, Goethe der stete Gesellschafter der Braut war, mit der er in der ungebundensten Weise verkehrte; er betrachtete sich als ein Mitglied der Familie Buff, begleitete Lottchen überall hin und war um sie im Hause wie im Garten, auf Spaziergängen wie auf Ausflügen.

Er hatte längst, schon aus Freundschaft zu Kestner, alle Ansprüche auf Lottens Besitz aufgegeben, aber es ist begreiflich, daß es bei fortgesetztem Verkehr mit der Freundin dennoch der Aufbietung seiner ganzen Kraft und aller ihm zu Gebote stehenden Philosophie bedurfte, um seine wachsende Neigung zu ihr zu bezwingen. „Seine Ruhe litt sehr dabei,“ schreibt Kestner; „es gab mancherlei merkwürdige Scenen, wobei Lottchen bei mir gewann, und er mir als Freund auch werther werden mußte. – Meistens dauerte er mich, und es entstanden bei mir innerliche Kämpfe, da ich auf der einen Seite dachte, ich möchte nicht im Stande sein, Lottchen so glücklich zu machen als er; auf der andern aber den Gedanken nicht ausstehen konnte, sie zu verlieren. Letzteres gewann die Oberhand, und an Lottchen habe ich nicht einmal die Ahnung von derartigen Betrachtungen bemerken können.“

In ihrer ganzen Kraft und Tiefe dürfte Goethe seiner lebhaften Neigung zu Lottchen erst gegen das Ende des Julimonates inne geworden sein, wo die Vermählung der Freundin mit Kestner in nahe Aussicht genommen wurde. Immer mehr von den Gefühlen wachsender Leidenschaft für die Braut seines Freundes bewegt, dabei dessen Charakter- und Gemüthseigenschaften immer höher achtend und schätzend, von der sittlichen Haltlosigkeit seines Verhältnisses zu Beiden sich aber täglich klarer überzeugend und sich immer entschiedener und bestimmter als ein gefährliches Element zwischen diesen beiden geliebten Menschen fühlend, entschloß sich Goethe endlich, Wetzlar heimlich zu verlassen, und führte diesen Entschluß in Begleitung seines Freundes, des Herrn von Born, an einem Septembermorgen 1772 aus, nachdem er noch am Abend zuvor im Buff’schen Hause mit Kestner und Lottchen zufällig ein merkwürdiges, in jener Stunde doppelt bezeichnendes Gespräch vom Zustande nach diesem Leben, vom Scheiden und Wiedersehen geführt.

Während nun Goethe in Frankfurt im elterlichen Hause sein leidenschaftlich erregtes Gemüth durch dichterische und wissenschaftliche Arbeiten zu besänftigen suchte und die ersten Anläufe nahm zur poetischen (anfangs dramatischen) Gestaltung seiner Wetzlarer Herzenserlebnisse, überraschte ihn Kestner mit einer Nachricht, welche auf den Plan und die Ausführung des bald darauf in Angriff genommenen „Werther“ von wesentlichem Einflusse war. Kestner machte ihm nämlich, wie bekannt, die erschütternde Mittheilung von dem in der Nacht vom 29. auf den 30. October zu Wetzlar geschehenen Selbstmorde des jungen Jerusalem (er war ein Sohn des als Theolog und Kanzelredner berühmten Abtes Jerusalem zu Riddagshausen bei Braunschweig), eines durch seine philosophischen Arbeiten allgemein geachteten, besonders von Lessing geschätzten jungen Gelehrten, zu dem Goethe seit einer Reihe von Jahren – er hatte ihn wohl schon in Leipzig kennen gelernt – in mehr oder weniger engen Beziehungen gestanden und den er in Wetzlar als Beamten an der braunschweigischen Gesandtschaft wiedergefunden hatte.

Das Motiv zu der That Jerusalem’s ist ohne Frage in erster Linie in seiner unglücklichen Liebe zu der Gattin des pfälzischen Geheimsecretärs von Herdt zu suchen, und aus der Aehnlichkeit der Situation, in welcher sich einerseits Goethe zu dem Kestner’schen Paar, andererseits Jerusalem zu den Herdt’schen Gatten befand, dürfte sich auch die warme Sympathie erklären, welche der junge Dichter den Schicksalen des unglücklichen Jerusalem entgegenbrachte.

Einige Tage vor der That hatte, wie Kestner berichtet, ein Festessen (des Wetzlarer Ritterordens?) stattgefunden, wozu Jeder einen Gast mitbringen durfte. Jerusalem führte den Secretär Herdt in die Gesellschaft ein und zeigte sich bei dieser Gelegenheit außerordentlich munter. Nach dem Essen ging er mit Herdt zu dessen Frau. Dieser ließ, da ihn Gesandtschaftspflichten abriefen, die Zwei beim Kaffee allein.

„Nachdem der Mann wiedergekommen,“ schreibt Kestner an Goethe, „bemerkt er bei seiner Frau eine außerordentliche Ernsthaftigkeit und bei Jerusalem eine Stille, welche beide ihm sonderbar und bedenklich erschienen. Jerusalem geht weg, und die Frau hält sich verbunden, dem Manne zu erzählen, was in seiner Abwesenheit vorgegangen. Jerusalem habe sich vor ihr auf die Kniee geworfen und ihr eine förmliche Liebeserklärung thun wollen. Sie sei natürlicher Weise darüber aufgebracht und hätte ihm viele Vorwürfe gemacht. Sie verlangte nun, daß ihr Mann dem Jerusalem das Haus verbieten solle; denn sie könne und wolle nichts weiter von ihm hören und sehen“

Herdt sendete am andern Morgen einen Brief an Jerusalem, in welchem er ihm den Besuch seines Hauses untersagte und sich weitere Correspondenzen verbat, worauf Jerusalem an Kestner einen Zettel schickte mit den Worten: „Dürfte ich Euer Wohlgeboren wohl zu einer vorhabenden Reise um Ihre Pistolen gehorsamst ersuchen?“ Ahnungslos sendete ihm Kestner die gewünschten Waffen – in der Nacht machte Jerusalem seinem Leben ein Ende.

Ueber die letzten Stunden des Unglücklichen schreibt Kestner weiter an Goethe: „Abends vor neun Uhr kommt er zu Haus, sagt dem Bedienten, es müsse im Ofen noch etwas nachgelegt werden, weil er so bald nicht zu Bette ginge, auch solle er auf morgen früh sechs Uhr Alles zurecht machen, läßt sich auch noch einen Schoppen Wein geben. – Da Jerusalem nun allein war, scheint er Alles zu der schrecklichen Handlung vorbereitet zu haben. – Er hat zwei Briefe, einen an seine Verwandten, den andern an Herdt, geschrieben. Sie haben auf dem Schreibtische gelegen. In dem einen soll er Herdt um Verzeihung gebeten haben, daß er die Ruhe und das Glück seiner Ehe gestört und unter diesem theuren Paare Uneinigkeit gestiftet. Anfangs sei die Neigung gegen seine Frau nur Tugend gewesen; in der Ewigkeit aber hoffe er ihr einen Kuß geben zu dürfen. Der drei Blätter umfassende Brief soll mit den Worten geschlossen haben: ‚Um ein Uhr. In jenem Leben sehen wir uns wieder.‘ – Etwa gegen ein Uhr hat er sich dann über das rechte Auge hinein durch den Kopf geschossen. Man findet die Kugel nirgends. Niemand im Hause hat den Schuß gehört. Er war in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Rocke mit gelber Weste. – Morgens vor sechs Uhr geht der Bediente zu seinem Herrn in’s Zimmer, ihn zu wecken; das Licht war ausgebrannt; es war fast dunkel; er sieht Jerusalem auf der Erde liegen, wird die Pistolen und auch Blut gewahr, ruft: ‚Mein Gott, Herr Assessor, was haben Sie angefangen?‘ Er läuft zu Medicis und Wundärzten. Sie kommen; es war aber keine Rettung, weil das Gehirn lädirt, auch herausgetreten gewesen. – Gegen zwölf Uhr starb er. Abends dreiviertel elf Uhr ward er auf dem gewöhnlichen Friedhofe begraben – in der Stille mit zwölf Laternen und einigen Begleitern; Barbiergesellen haben ihn getragen, das Kreuz ward vorausgetragen; kein Geistlicher hat ihn begleitet.“

Diesen Bericht Kestner’s, den wir nur im Auszuge mitgetheilt haben, hat Goethe bekanntlich fast wörtlich mit einigen Hinzufügungen in seinen Roman aufgenommen, in welchem er, wie Jedermann weiß, die Geschichte seiner eigenen Herzenskämpfe mit dem Schicksale Jerusalem’s kunstvoll verwob, während er

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Die Gartenlaube (1874) b 599.jpg

Der Werther-Brunnen bei Wetzlar.
Nach der Natur aufgenommen.

[600] dem Ganzen den landschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergrund Wetzlars lieh. Nicht die glückliche Bezähmung einer leidenschaftlichen Liebe wollte er schildern, sondern die vernichtende Gewalt eines zügellosen Triebes, welcher das Herz in Fesseln schlägt und einer weichen, aber edlen und reichbegabten Natur den Untergang bereitet; er wollte ein dichterisches Gebilde schaffen, aus dem durch Erregung von Schrecken und Mitleid die Mahnung zu maßvollem Handeln, zu männlicher Selbstbeschränkung zu uns spricht. So mußte denn der Ausgang der Dichtung ein wesentlich anderer sein, als der der Liebe Goethe’s zu Charlotten es war, und hier bot dem Dichter die Geschichte von Jerusalem’s Ende das willkommene Sujet zu einem ebenso geeigneten wie erschütternden Abschlusse des Romans. Unter den Einflüssen der Kestner’schen Mittheilung schrieb Goethe in größter Zurückgezogenheit den „Werther“ binnen etwa vier Wochen in einem Zuge.

Charakteristisch für unseren Poeten dürfte der Umstand sein, daß seine Werther-Dichtung nicht nur unter den Einflüssen und im Hinblick auf seine eigenen Herzensbeziehungen zu Charlotte Buff (seit dem Palmsonntag 1773 Kestner’s Frau) und den Selbstmord Jerusalem’s geschrieben, sondern daß noch ein drittes, bisher weniger beachtetes Moment zur Entstehung des Romans mitgewirkt hat. Dieses finden wir in der nahen Beziehung Goethe’s zu dem Hause des Kaufmanns Brentano in Frankfurt am Main. Letzterer lebte seit dem Januar 1774 mit seiner ihm soeben in Thalehrenbreitstein angetrauten jugendlichen Gemahlin, der schönen Maximiliane Euphrosyne de la Roche, in der genannten Stadt, und Goethe wurde sofort der erklärte Vertraute der ihm schon von früher her bekannten jungen Frau. „Die Max“, wie er seine Freundin nannte, war nicht glücklich. Die nüchterne, mit Käse- und Häringsgeruch untermischte Atmosphäre des Handelshauses war nicht die rechte Lebensluft für die zarte, ästhetisch angehauchte Frau. So erkannte denn unser Dichter, dessen allzu leicht bewegtes Herz der schönen und geistreichen Max gegenüber gewiß nicht geschwiegen, auf’s Neue, wie das Schicksal so oft dem Menschen das Glück vorenthält, zu dem er bestimmt scheint; rief ihm doch der Verkehr mit der Frau Brentano sein Verhältniß zu Charlotte Buff wieder lebhaft vor die Seele, und aus dieser Stimmung, welche zugleich beeinflußt war durch die oben erwähnte Wetzlarer Katastrophe des armen Jerusalem, wurde der lange in Goethe’s Seele lebende „Werther“ im Märzmonate desselben Jahres geboren.

Die Wetzlarer Vorgänge, welche die wunderbare Dichtung hervorriefen, bilden nicht nur den Anlaß zu derselben, sondern auch den größten Theil ihres thatsächlichen Inhalts. Werther’s Seelenkampf bis zu seiner Flucht hat Goethe an sich selbst erfahren, und alle in den späteren Briefen des Romans wiedergegebenen Empfindungen sind in dem tiefinnersten Gemüthe des Dichters entstanden. Mehr noch als die Menschen und Situationen der Dichtung, bei deren Zeichnung Goethe oft von der Wirklichkeit abgewichen, sind aber viele der dargestellten Zustände und Localitäten nach wahren Vorbildern entworfen, wie auch namentlich das in aristokratischen und bureaukratischen Vorurtheilen befangene gesellschaftliche Leben des damaligen Wetzlar sich im „Werther“ klar abspiegelt. – Die so meisterhaft wiedergegebenen landschaftlichen Bilder gleichen bis zur Portraitähnlichkeit der Gegend um die alte Reichsstadt. All die stillen Stätten, an denen Goethe den Werther schwärmen läßt, finden wir in und um Wetzlar wieder: der Garten auf einem Hügel, den der Dichter im ersten Wertherbriefe erwähnt, die Dörfer Atzbach und Garbenheim (Goethe’s Wahlheim), der Jagdhof in Volpertshausen und viele andere Plätze innerhalb und außerhalb der Stadt sind theilweise noch in dem damaligen Zustande erhalten.

Noch heute zeigt man durchreisenden Fremden in Wetzlar das Deutschherrenhaus, wo Lottens Vater und diese selbst gewohnt; durch ein weites Thor tritt man in einen breiten Hof; dem Eingange gegenüber erhebt sich ein hohes Gebäude, zu dem eine steinerne Treppe mit Eisengeländer hinaufführt; Lottens Zimmer in einem Hause links im Hofe ist in den sechsziger Jahren wieder so hergestellt worden, wie es vor hundert Jahren war: die hellgeblümten Gardinen, die große altmodische Kommode, das Arbeitstischchen, das kleine Spinett, Stickereien und Zeichnungen von Lottens Hand, ihre Ohrringe und Nadelbüchse, einige Schriftstücke aus ihrer Feder – welche Erinnerungen rufen diese Gegenstände, an sich theils so unbedeutend, im Geiste des Beschauers wach! Goethe im blauen Frack und der gelben Werther-Weste, Lotte, wie sie sich zum Balle in Volpertshausen schmückt, stehen leibhaftig vor unseren Augen, und mit ihnen die Tage unserer Großeltern, die selige Zeit sentimentaler Briefwechsel und poetischer Stammbücher.

In der Unterstadt, auf dem im Jahre 1859 mit dem Namen Schillerplatz belegten spitzwinkeligen Häuserdreieck, steht, dem ehemaligen Franziskanerkloster gegenüber, ein hohes, schmales Gebäude mit zwei durch drei Stockwerke hinaufführenden Erkern, enger Thür und schmalen Fenstern. Ernst und finster, wie das Geschick, das sich in diesem früher mit Fresco-Bildern geschmückten Hause vollzog, ist auch seine Außenseite. Im ersten Stock desselben erschoß sich Jerusalem.

Eine der interessantesten Erinnerungen an jene Zeit ist aber außer dem Goethe-Hause in der Gewandsgasse der Werther-Brunnen in der Felsengrotte vor dem Wildbacher Thore, von welchem diesem Artikel eine Abbildung beigegeben ist. Alt muß er sein; denn die zwei großen Steinköpfe (links ein Menschen-, rechts ein Löwenkopf), welche über dem Gewölbe, wo das Wasser sich aus drei Röhren ergießt, hervorragen, sind verwittert und moosbewachsen. Sie scheinen dem früheren Mittelalter anzugehören. Die Goethe’sche Beschreibung im dritten Briefe des „Werther“ paßt noch heute auf diesen Brunnen: „Ich weiß nicht,“ heißt es daselbst, „ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir Alles rings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Melusine mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest Dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben herum die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Ortes, das hat Alles so was Anzügliches, was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen denn die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nöthigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freyen, und wie um die Brunnen und Quellen wohlthätige Geister schweben. O, der muß nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.“ –

Die Begräbnißstätte Jerusalem’s ist nicht mehr aufzufinden; denn die Leiche des Unglücklichen wurde in einer Vertiefung in der Mitte des Friedhofs, der an einer Höhe liegt, beerdigt; zu Ende der siebenziger Jahre aber brachte man nach einem großen Brande eine Menge Schutt in diese Tiefe, wodurch die alten Grabhügel sämmtlich verschüttet wurde.

Verschüttet und vergessen – es wird die Zeit kommen, wo auch an die Werther-Dichtung das Schicksal herantreten wird, das über das Grab Jerusalem’s längst hereingebrochen ist. Wir beklagen es nicht; denn die Geschmacks- und Gefühlsrichtung dieses Jahrhunderts der That ist mit Recht eine wesentlich andere geworden, als die des vorigen es war, wo Empfindelei und Schwärmerei die Mannhaftigkeit und Tüchtigkeit des Charakters nur allzu oft untergruben. Und darum haben „Die Leiden des jungen Werther“, welche so recht der dichterische Ausdruck jener an Sentimentalität krankenden Tage unserer Altväter sind, für uns nicht mehr eine sociale und sittliche, oder gar eine socialrevolutionäre, sondern lediglich eine literar- und culturhistorische Bedeutung. Praktisch hat die heutige Zeit, gottlob, mit dem „Werther“ längst abgeschlossen.

Eine Würdigung dieser Dichtung von ästhetischen und ethischen Gesichtspunkten aus kann an diesem Platze nicht unsere Aufgabe sein. Goethe’s „Werther“ ist viel bewundert, aber auch viel angefeindet worden. Klärend und reinigend, wie ein Gewitter, brach dieser Roman in die schwüle und ungesunde geistige Atmosphäre der letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts hinein, aber ob er durch seine läuternde und mahnende Gewalt das Wohl der Menschheit mehr gefördert hat, als er durch seinen so vielfach mißverstandenen Inhalt das Geschlecht seiner Zeit beunruhigt und in falsche Bahnen geleitet – diese Frage wird, wie bei so vielen Geisteserzeugnissen von sittenreformatorischer Tendenz und excentrischem Gedankengehalte, eine wohl allzeit offene bleiben.