Die Zauber- und Cigarrenrauch-Photographien

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Textdaten
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Autor: Karl Ruß
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Titel: Die Zauber- und Cigarrenrauch-Photographien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 823
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[823] Die Zauber- und Cigarrenrauch-Photographien. Eine einfache Cigarrenspitze, welche an einer Seite einen ovalen, anscheinend blos mit weißem glänzenden Papier überklebten Ausschnitt zeigt, – das ist die neueste Erscheinung der jetzt Mode gewordenen chemischen Spielereien. Man steckt eine Cigarre hinein, entzündet sie und nach wenigen Zügen schon beginnt auf dem Papierblättchen ein photographisches Bild sich zu entwickeln. Dem Laien tritt nun die Erklärung in folgender Weise entgegen: Während bei der gewöhnlichen Photographie das Licht, bei der „Zauberphotographie“ die Feuchtigkeit, also das Wasser, so muß hier der Rauch oder die Wärme als Factor der Erscheinung angesehen werden. Im Allgemeinen ist dies richtig, obwohl die wissenschaftliche Erklärung in Hinsicht der beiden letzteren noch andere Details herausstellt. Bei der „Zauber“-, ebenso wie bei der Cigarrenrauch- oder „Wunderphotographie“ ist das Bild bereits vollständig vorhanden und nur durch ein Bad von Quecksilberchlorid latent, d. h. unsichtbar, gemacht worden. Das die Zauberphotographie bedeckende Löschpapier enthält aber das eigentliche Reagens; es wurde nämlich mit einer Auflösung von unterschwefligsaurem Natron getränkt und dann getrocknet, und dies Salz ist es, welches, allerdings nur mit Hülfe der Feuchtigkeit, an Stelle der farblosen Verbindungen von Chlorsilber und Quecksilberchlorür, die braunen und schwärzlichen von Schwefelsilber und Schwefelquecksilber erzeugt und dadurch das Bild sichtbar werden läßt. Während die kleine Photographie auf der Cigarrenspitze zwar auch bereits durch die Erwärmung an sich erscheint, so ist ihr eigentlicher Erzeuger doch erst das im Cigarrenrauche enthaltene Ammoniak, welches in dem latenten Bilde hier ähnliche sichtbare Verbindungen hervorbringt, wie dort das unterschwefligsaure Natron.

Jedenfalls werden einige kurze Mittheilungen über das „Geschäft“ mit diesen beiden Photographien nicht uninteressant erscheinen, um so mehr, da sie im Wesentlichen für die sämmtlichen in jüngster Zeit urplötzlich aufgetauchten und dann meistens ebenso schnell wieder verschwundenen chemischen Spielereien gelten können. Nachdem der Erfinder beider Photographien, Wilhelm Grüne in Berlin, das Verfahren der von ihm anfangs „sympathetische“ genannten Zauberphotographie durch Veröffentlichung zum Allgemeingut gemacht, warf sich augenblicklich der Schwindel mit ungeheurem Eifer darauf. Es ist jedenfalls höchst merkwürdig zu beobachten, welche außerordentliche Regsamkeit der Industrie selbst ein so winziger, anscheinend werthloser Artikel hervorzubringen vermag – und dies zeigte sich hier in staunenswerther Weise. Obschon für das Geschäft von Ed. Grüne, Bruder des Erfinders, drei der größten Anstalten für photographische Reproduction in Berlin zwischen zwanzig- bis sechszigtausend Bilder lieferten, so ward dadurch der Bedarf doch nur zum kleinsten Theile gedeckt und die ehrenhafte wie schwindlerische Concurrenz fand ebenfalls einen so bedeutenden Aufschwung, daß man wohl behaupten darf, im Ganzen werden in Berlin viele Millionen von Zauberphotographien producirt.

Gleich den Streichhölzchen, von denen man unmöglich jedes einzelne probiren kann, war auch die Zauberphotographie ein unendlich ergiebiger Gegenstand für den Schwindel. Daß unter einem halben Dutzend Couverts mindestens zwei bis drei gar keine Zauberphotographien enthielten, war das Geringste; in andern befanden sich unsichtbar gemachte Stücke von verdorbenen großen Photographien oder die schlechtesten, nicht mehr verkäuflichen Visitenkarten etc. Ein industrieller Unternehmer hatte einfach seine schlechtesten, verdorbenen Visitenkarten mit Löschpapier überklebt, durch welches beim Befeuchten dann die Bilder allerdings zum Vorschein kamen, ohne hervor“gezaubert“ zu sein. Andere boten, namentlich in Provinzialstädten, das längst veröffentlichte Verfahren noch als Geheimniß für fünf, drei, zwei, selbst einen Thaler aus und haben jedenfalls noch ihr Geschäft dabei gemacht. Möchte diese Warnung in der weitverbreiteten „Gartenlaube“ auch für viele ähnliche Fälle beherzigt werden!

Mit den Cigarrendampf-Photographien suchte der Erfinder sich besser zu sichern. Da Preußen für dergleichen originelle Erfindungen keinen gesetzlichen Schutz bietet, so nahm er rechtzeitig in England, Frankreich und Oesterreich Patente darauf, ließ die Spitzen in größter Heimlichkeit buchstäblich zu Millionen arbeiten und schickte sie zum größten Theile in jene Länder so daß diese deutsche Erfindung als „porte-cigarre photofumique“ in Paris bereits mehrere Wochen früher als bei uns bekannt geworden ist. Den Hauptvortheil bei uns hat ihm sofort wieder die Concurrenz fortgeschnappt; die Käufer mögen sich daher wohl vorsehen.

Karl Ruß.