Die drei Männlein im Walde (1819)

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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Die drei Männlein im Walde
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 69-76
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 13
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Die drei Männlein im Walde.


[69]
13.

Die drei Männlein im Walde.

Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr Mann; und der Mann hatte eine Tochter und die [70] Frau hatte auch eine Tochter. Die Mädchen waren mit einander bekannt und gingen zusammen spaziren und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des Mannes Tochter: „hör, sag deinem Vater, ich wollt ihn heirathen, dann sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.“ Das Mädchen ging nach Haus und erzählte seinem Vater, was die Frau gesprochen hatte. Der Mann sprach: „was soll ich thun? das Heirathen ist eine Freude und ist auch eine Qual!“ Endlich zog er seinen Stiefel aus und sagte: „nimm diesen Stiefel, der hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, häng ihn an den großen Nagel und gieß dann Wasser hinein. Hält er das Wasser so will ich wieder eine Frau nehmen, läufts aber durch, so will, ich nicht.“ Das Mädchen that wie ihm geheißen war; aber das Wasser zog das Loch zusammen und der Stiefel ward voll bis obenhin. Nun meldete es seinem Vater, wie’s ausgefallen war; er stieg selbst hinauf und als er sah, daß es seine Richtigkeit hatte, ging er zu der Wittwe und freite sie und die Hochzeit ward gehalten.

Am andern Morgen, als die beiden Mädchen sich aufmachten, da stand vor des Mannes Tochter Milch zum Waschen und Wein zum Trinken, vor der Frau Tochter aber stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken. Am zweiten Morgen stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken so gut vor des Mannes Tochter als vor der Frau Tochter. Und am dritten Morgen stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken vor des [71] Mannes Tochter und Milch zum Waschen und Wein zum Trinken vor der Frau Tochter und dabei bliebs. Die Frau ward auf ihrer Stieftochter spinnefeind und wußte nicht, wie sie es ihr von einem Tag zum andern schlimmer machen sollte. Auch war sie neidisch, weil ihre Stieftochter schön und lieblich, ihre rechte Tochter aber häßlich und widerlich war.

Einmal im Winter, als es steinhart gefroren hatte und Berg und Thal vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papier, rief dann das Mädchen und sprach: „da zieh das Kleid an, und geh in den Wald und hol mir ein Körbchen voll Erdbeeren, ich habe Lust darnach.“ Ei, du lieber Gott, sagte das Mädchen, im Winter wachsen ja keine Erdbeeren, die Erde ist gefroren und der Schnee hat auch alles zugedeckt. Wie soll ich in dem Papierkleide gehen? es ist draußen so kalt, daß einem der Athem friert, da weht ja der Wind hindurch und die Dornen reißen mirs vom Leib.“ „Willst du mir noch widersprechen? sagte die Stiefmutter, mach, daß du fortkommst und laß dich nicht eher wieder sehen, als bis du das Körbchen voll Erdbeeren hast.“ Dann gab sie ihm noch ein Stückchen hartes Brot und sprach: „davon kannst du für den Tag essen;“ und dachte, draußen wirds verfrieren und verhungern, und mir nimmermehr wieder vor die Augen kommen.

Nun war das Mädchen gehorsam, that das Papierkleid an und ging mit dem Körbchen hinaus. Da war nichts als Schnee die Weite und Breite und kein grünes Hälmchen zu merken. Als es in den Wald kam, sah es ein kleines Häuschen, daraus guckten [72] drei kleine Haule-Männerchen, denen wünschte es die Tageszeit und klopfte an der Thüre. Sie riefen herein und es ging in die Stube und setzte sich auf die Bank am Ofen, da wollte es sich wärmen und sein Frühstück essen. Die Haule-Männerchen sprachen: „gieb uns auch etwas davon.“ „Gern“ sprach es, theilte sein Stückchen Brot entzwei und gab ihnen die Hälfte. Sie sprachen: „was willst du zur Winterzeit in deinem Kleidchen hier im Wald?“ „Ach, antwortete es, ich soll ein Körbchen voll Erdbeeren suchen, und darf nicht eher nach Haus kommen, als wenn ich es mitbringe.“ Als es nun sein Brot gegessen, gaben sie ihm einen Besen und sprachen: „damit kehre an der Hinterthüre den Schnee weg.“ Wie es aber draußen war, sprachen die drei Männerchen untereinander: „was sollen wir ihm schenken, weil es so artig und gut ist und sein Brot mit uns getheilt hat?“ Da sagte der erste: „ich schenke ihm, daß es jeden Tag schöner wird.“ Der zweite sprach: „ich schenk ihm, daß die Goldstücke ihm aus dem Mund fallen, so oft es ein Wort spricht.“ Der dritte sprach: „ich schenk ihm, daß ein König kommt und es zu seiner Gemahlin macht“

Das Mädchen aber kehrte mit dem Besen der Haule-Männerchen den Schnee hinter dem kleinen Hause weg, und fand darunter alles roth von schönen, reifen Erdbeeren. Da rafte es in einer Freude sein Körbchen voll, dankte den kleinen Männern, nahm Abschied von ihnen und lief nach Haus und wollte es der Stiefmutter bringen. Und wie es eintrat und „guten Abend“ sagte, fiel schon ein Goldstück ihm aus dem Mund. Darauf erzählte [73] es, was ihm im Walde begegnet war, aber bei jedem Worte, das es sprach, fielen ihm die Goldstücke aus dem Mund, so daß bald das ganze Haus reich wurde. Die Stiefschwester aber wurde neidisch darüber und lag der Mutter beständig an, daß sie es auch in den Wald schicken mögte, die wollte aber nicht und sprach: „nein, mein lieb Töchterchen, es ist zu kalt, du könntest mir verfrieren,“ weil es sie aber stets plagte und ihr keine Ruhe ließ, gab sie endlich ihren willen, nähte ihm aber vorher einen prächtigen Pelzrock, den es anziehen mußte, und gab ihm Butterbrot und Kuchen mit auf den Weg.

Das Mädchen ging in den Wald und gerade nach dem kleinen Häuschen. Die drei kleinen Haule-Männer guckten wieder, aber es grüßte sie nicht, ging ohne weiteres zur Stube hinein, setzte sich an den Ofen und fing an sein Butterbrot und seinen Kuchen zu essen. „Gieb uns doch davon,“ riefen die Kleinen, aber es antwortete: „das schickt mir selber nicht, wie sollt ich andern noch davon abgeben!“ Wie es nun fertig war mit dem Essen, sprachen sie: „da hast du einen Besen, kehr uns vor der Hinterthür rein.“ „Ei, kehrt euch selber, antwortete es, ich bin eure Magd nicht.“ Wie es sah, daß sie ihm nichts schenken wollten, ging es zur Thüre hinaus. Da sprachen die kleinen Männer untereinander: „was sollen wir ihm schenken, weil es so unartig ist und ein böses neidisches Herz hat, das niemand etwas gönnt!“ Der erste sprach: „ich schenk ihm, daß es jeden Tag häßlicher wird.“ Der zweite sprach: „ich schenk ihm, daß ihm bei jedem Wort, daß es spricht eine Kröte aus dem Mund [74] springt.“ Der dritte sprach: „ich schenk ihm daß es eines Unglücklichen Todes stirbt.“ Das Mädchen suchte draußen nach Erdbeeren, als es aber keine fand, ging es verdrießlich nach Haus. Und wie es den Mund aufthät und seine Mutter erzählen wollte, was ihm im Walde begegnet war, da sprang ihm bei jedem Wort eine Kröte aus dem Mund, so daß alle einen Abscheu vor ihm bekamen.

Nun ärgerte sich die Stiefmutter noch viel mehr und dachte nur darauf, wie sie der Tochter des Mannes alles Herzeleid anthun wollte, die doch alle Tage an Schönheit zunahm. Endlich nahm sie einen Kessel, setzte ihn zum Feuer und sott Garn darin. Als es gesotten war, gab sie es dem armen Mädchen und eine Axt dazu, damit sollte es auf den gefrorenen Fluß gehen, ein Eisloch hauen und das Garn schlittern. Nun war es gehorsam ging hin und haute ein Loch und mitten im Hauen kam ein prächtiger Wagen hergefahren, worin der König saß. Der hielt still und fragte: „mein Kind, was machst du da?“ „Ich bin ein armes Mädchen und schlittere Garn.“ Da wurde der König mitleidig und als er sah, wie es so gar schön war, sprach er: willst du mit mir fahren?“ „Ach ja von Herzen gern“ antwortete es, denn es war froh, daß es der Mutter und Schwester aus den Augen kommen sollte.

Also stieg es in den Wagen und fuhr mit dem König fort, und als sie auf sein Schloß gekommen waren, ward die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert, wie es die kleinen Männlein dem Mädchen geschenkt hatten. Ueber ein Jahr gebar die junge Königin [75] einen Sohn und als die Stiefmutter, die gehört hatte, was für ein Glück ihm zu Theil geworden, das vernahm, so kam sie mit ihrer Tochter gegangen und that, als wollten sie einen Besuch machen. Als aber der König einmal hinausgegangen und sonst niemand zugegen war, packte das böse Weib sie am Kopf und ihre Tochter an den Füßen, hoben sie aus dem Bett und warfen sie zum Fenster hinaus in den vorbei fließenden Strom. Dann nahm sie ihre häßliche Tochter, legte sie ins Bett und deckte sie bis über den Kopf[1] zu. Als der König wieder zurück kam und mit seiner Frau sprechen wollte, rief die Alte: „still, still! jetzt geht das nicht, sie liegt in großem Schweiß, ihr müßt sie heute ruhen lassen.“ Der König dachte nichts böses dabei und kam erst den andern Morgen wieder, und wie er mit seiner Frau sprach und sie ihm antworten mußte, sprang bei jedem Wort eine Kröte hervor, während sonst ein Goldstück herausgefallen war. Da fragte er, was das wäre, aber die Alte sprach, das hätte sie von dem großen Schweiß gekriegt und würde sich schon wieder verlieren.

In der Nacht aber sah der Küchenjunge, wie eine Ente durch die Goße geschwommen kam und sprach:

„König, was machst du?
schläfst[2] du, oder wachst du?“

Und als er keine Antwort gab, sprach sie:

„was machen meine Gäste?“

Da antwortete der Küchenjunge:

„Sie schlafen feste.“

[76] Fragte sie weiter:

„Was macht mein Kindelein?“

Antwortete er:

„Es schläft in der Wiege fein.“

Da ging sie in der Königin Gestalt hinauf, gab ihm zum trinken, schüttelte ihm sein Bettchen, deckte es zu, und schwomm als Ente wieder durch die Goße fort. So kam sie zwei Nächte, in der dritten sprach sie zu dem Küchenjungen: „geh und sage dem König, daß er das Schwert nimmt und auf der Schwelle dreimal schwingt über mir.“ Da lief der Küchenjunge und sagte es dem König, der kam mit seinem Schwert und schwangs dreimal über dem Geist, und beim drittenmal stand seine Gemahlin vor ihm, frisch, lebendig und gesund, wie sie vorher gewesen war.

Nun war der König in großer Freude und hielt die Königin in einer Kammer verborgen bis auf den Sonntag, wo das Kind getauft werden sollte. Und als es getauft war, sprach er: „was gehört einem Menschen, der den andern aus dem Bett trägt und ins Wasser wirft.“ „Ei, antwortete die Alte, daß sie in ein Faß gesteckt wird, das mit Nägeln ausgeschlagen ist, und den Berg hinab ins Wasser gerollt.“ Da ließ der König ein solches Faß holen und die Alte mit ihrer Tochter hineinstecken, dann ward der Boden zugehämmert und das Faß bergab gekuttelt, bis es in den Fluß rollte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Kogf (Druckfehler. Siehe S. 440)
  2. Vorlage: schläfts (Druckfehler. Siehe S. 440)