Die ehrsame Zunft der Steckenreiter (Fliegende Blätter Nr. 10)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: Hermann Dyck
Titel: Die ehrsame Zunft der Steckenreiter
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 10, S. 78–79
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München = Commons
Kurzbeschreibung:
Folge 1



Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Fliegende Blätter 1.djvu
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[78]
Die ehrsame Zunft der Steckenreiter.


Fliegende Blätter 1 078 b1.jpg

Es gibt kleine Leidenschaften, welche zwar nicht großen Zwecken entsprechen, aber doch große Summen absorbiren. Adamskinder, welche mit ihnen behaftet sind, stehen zu einander in einem gewissen Rapporte; sie suchen sich und erkennen sich unter Tausenden; aber sie sind auch aus Tausenden leicht kenntlich. Es liegt etwas Zünftiges in diesen kleinen Leidenschaften, auch wenn sie sich nicht vom Vater auf den Sohn forterben, wie Realgewerbe. Jede derselben bildet unter ihren Anhängern eine Gilte; – unter einer höheren Einheit subsumirt entsteht sodann die große Zunft der Steckenreiter. – Einige Exemplarien aus dem Leben, welche wir unserm freundlichen Leser vor die Augen führen wollen, mögen als Begriffserläuterung dienen.




Der Horologiophile.


Fliegende Blätter 1 078 b2.jpg


Es gibt Liebhabereien, welche durch ihre schlichte Bezeichnung ihre Lächerlichkeit verrathen. In solchen Fällen kommt eine aus fremder Sprache entlehnte Terminologie sehr zu Statten, sie mag noch so barbarisch klingen. Horologiophilos heißt eigentlich Uhrenfreund. Aber unser Zünftiger hat humaniora studirt, und liebt einen technischen Ausdruck für seine Leidenschaft. Er ist auch viel zu sehr Kosmopolit, als daß ihm die deutsche Bezeichnung genügen könnte. Dieß entnehmen wir schon aus der Ornamentik der Prachtexemplarien seiner Sammlung. Da kräht stündlich der gallische Hahn neben dem russischen Adler, und mitten inne spielt ein vielstimmiges Uhrwerk in einem Kästlein mit altdeutscher Architektonik die bekannte Weise: „War Einer, dem’s zu Herzen ging etc. In seinen Lieblingsgedanken hat unser Steckenreiter einige Aehnlichkeit mit Karl dem V. Er möchte es so weit bringen, daß all’ seine Uhren auf einen Schlag gehen. Aus dem Grunde treibt er auch Mechanik und Mathematik, und ist hiebei unter Anderem zu dem rechnerischen Resultat gelangt, daß die Zinsen des auf seine Sammlung verwendeten Kapitals zusammt den Reparaturkosten nicht so viel ausmachen, als ihm eine standesgemäße Frau kosten würde. Der Horologiophile ist demnach Hagestolz aus Grundsatz. Er findet kein Weib, welches so pünktlich geht wie seine Uhren. Das Picken der Perpendikel ist ihm die angenehmste Musik, die einzige Sprache, die zu seinem Herzen spricht. Das Meisterwerk seiner Sammlung ist eine Uhr, auf welcher ein Constabler die Stunden kündet durch die Anzahl Prügel, womit er einen vor ihm liegenden Bauern Sitte lehrt.

[79]
Der Alterthümler.


Er ist von altem aber heruntergekommenen Adel. Schon in frühester Jugend erging er sich gerne in Erinnerungen längst verklungener Tage. Eine verrostete Pickelhaube und ein zerbrochener Morgenstern, welche er auf dem Dachboden seines baufälligen Ahnenschlosses fand, gaben den Impuls zu seiner Neigung für Alterthümer. Nachgerade trat er in den Staatsdienst, und wurde zum Kanzleireferenten befördert, eine Stelle, welche ihm so viel einträgt, daß er nun mit Muße seiner Leidenschaft nachhängen kann.


Fliegende Blätter 1 079 b1.jpg


Am liebsten träumt er sich nun unter alten Harnischen, Schlachtschwertern und Hellebarden in die Zeiten des Faustrechts zurück. Er ist ein großer Anhänger des Feudalsystems und die vorlauten liberalen Ideen der Gegenwart sind ihm ein Gräuel. Seine Sammlung von Humpen, Trinkhörnern und Pokalen bleibt unbenützt. Zum täglichen Gebrauche begnügt er sich mit dem Arzneigläslein; denn er leidet am Podagra. Es ist die Liebe zum Extreme, die sich in diesem schwindsüchtigen Repräsentanten der Gegenwart und seiner Anhänglichkeit an eine kraftstrotzende Vergangenheit ausspricht. Er geberdet sich in dem Streitsattel, wie das Soldatenkind im Reitstiefel des Vaters. Seine Linke ist mit einem Stahlhandschuh seiner Ahnen überzogen, darinnen die ganze Duodezausgabe des freiherrlichen Nachkommen Platz hätte; das Ringlein, das er betrachtet, prangte wohl einst als Minnesold an dem Finger eines Turnierfähigen. Nun soll es in seiner Sammlung prangen, wie der Mammuthknochen in einem Naturalienkabinete.