Die ehrsame Zunft der Steckenreiter (Fliegende Blätter Nr. 11)

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Textdaten
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Autor:
Illustrator: Hermann Dyck
Titel: Die ehrsame Zunft der Steckenreiter
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 11, S. 86.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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[86]

Die ehrsame Zunft der Steckenreiter.
(Fortsetzung.)


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Der Kunstliebhaber.

Ehedem war er Lederfabrikant, und der unangenehme Lohgeruch wurde das Fundament seiner Lieblingsneigung, des Tabackschnupfens. Späterhin privatisirte er und ließ sich in den Kunstverein aufnehmen. Das ist fashionable und er huldigt seit seinem Standeswechsel dem guten Tone nach besten Kräften. Anfänglich lobte oder tadelte er die Gemälde blos weil er sich als Vereinsmitglied hiezu für berechtigt hielt. Allmählich wurde ihm klar, daß nichts leichter sei, als eine Kunstkritik. Von jenem Zeitpunkte her datirt sich seine Leidenschaft für die Kunst, und er wußte sie mit seiner Liebe für den Schnupftaback auf eine sinnige Weise zu verknüpfen. Ein Paar Dosenbildchen, das Geschenk eines künstlerischen Parasiten, erweckten in ihm die Idee, eine Privatgallerie anzulegen. Die Miniaturporträte seiner Ehehälfte und seiner sieben gesunden Kinder bildeten die Grundlage. Bald vermehrte sich seine Sammlung mit Copien der ersten Meister, sämmtlich auf Dosendeckeln, von denen er nun für jeden Tag des Jahres einen eigenen aufzuweisen hat und für die Schaltjahre noch einen aparten. Zur Zeit strebt er darnach, sich eine theoretische Bildung zu verschaffen, aber das Lesen kommt ihm etwas schwer an, – nicht aber wegen des kleinen Druckes. Im Gegentheile, seine Augen sind durch seine Miniatursammlung bedeutend geübt. Seine Copie von Rubens letztem Gerichte auf einer einzölligen Quadratfläche ist ein Meisterwerk. – Ehe er über ein Gemälde urtheilt, besieht er es durch die hohle Hand und beobachtet eine künstlerische Distanz. Warum? – Hierüber weiß er ausser dem Handwerksgebrauche keinen Grund anzugeben. – Zuweilen besucht er die Bildergallerien und vergißt nie, seinen Katalog mitzunehmen. Er zählt viele Freunde unter den Künstlern, die seinen guten Tisch und seine Weine loben. Auch hat er ziemlich viel pretia affectionis aufzuweisen, welche ihm, nach seiner eigenen Aeusserung, am theuersten zu stehen kamen. Uebrigens ist er ein guter Bürger und Familienvater und seine politische Meinung ist noch nicht zum Durchbruche gekommen.


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Der Inkunabelnsammler.

Das fünfzehnte Jahrhundert ist der Reliquienkasten, daraus er seine Heiligthümer hervorholt. Die Antiquare sind ihm das vermittelnde Medium und seine besten Freunde. Er ist der Gegenwart völlig entfremdet und das neueste Buch, welches ihm seit Jahren zu Gesichte kam, ist von anno 1640. Er hat viel studirt, aber es ist ihm unbegreiflich, daß es eine schönere Sprachform geben sollte, als Mönchslatein und eine bessere Philosophie, als Scholasticismus. Der moderige Duft des vergilbten Papiers hat ihn mager und schwindsüchtig gemacht. Dieser Duft gilt ihm aber höher als Ambra und Moschus. Seine Geruchsnerven sind in der Art ausgebildet, daß es nur einer leisen Annäherung an das hiefür bestimmte Organ bedarf, um das Jahrhundert zu errathen, aus welchem die in Schweinsleder gebundene Scharteke stammt. Druckwerke aus der Mitte des 15. Jahrhunderts wiegt er mit Silber auf. Sein geheimster, seligster Wunsch wäre die Auffindung eines gedruckten Buches, dessen Ausgabe in die Zeit vor Erfindung der Buckdruckerkunst fiele. Sein halbes Vermögen steckt in diesen verschimmelten Folianten und Quartanten und seine muthmaßlichen Erben sind hierüber schwer zu trösten, da sie seinen allenfallsigen Rücklaß nur pfundweise und zu sehr unedlen Zwecken anzubringen hoffen können. Uebrigens ist er noch in Zweifel, ob er sich nicht für den Todfall seine Lieblinge mit in’s Grab sollte legen lassen, etwa wie es der Hindu macht. – Nicht selten wiegt ihn der Duft seiner Sammlung in selige Träume; dann sieht er sie hereinschweben, diese farblosen Skelete vergrabener Zeiten, und die leeren Räume seiner Inkunabelnbibliothek füllen. Er ist selbst zu einer incunabula geworden, und sein Gesicht hat die Farbe seiner Lieblinge in gepreßtem Schweinsleder angenommen.

(Wird fortgesetzt.)