Die schlagenden Wetter bei Burgk

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Titel: Die schlagenden Wetter bei Burgk.
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht von der Unglücksstätte.
kurzer Zwischenbericht unter Von der Unglücksstätte im Plauenschen Grunde;
Zweiter Bericht unter Die schlagenden Wetter von Burgk;
Nachbericht siehe Im Grabe der Verschütteten
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[542]
Die schlagenden Wetter bei Burgk.
Bericht von der Unglücksstätte.

„Dreihundert Menschen verunglückt in den Kohlenwerken des Plauen’schen Grundes!“ - so lief am Morgen des zweiten August ein dumpfes Gerücht durch unser Dresden und warf einen grellen Mißklang in die eben begonnene Volkslust der bekannten „Vogelwiese“. Es sträubte sich das Herz, die entsetzliche Botschaft zu glauben, bis noch vor Abend authentische Nachrichten die erste Kunde in ihrem ganzen Umfange bestätigten, die Kunde von einem Unglück, wie es in solcher Massenhaftigkeit die Chronik des Bergbaus noch nicht verzeichnet hat, und das in demselben kleinen Sachsenlande, wo der „schwarze Diamant“ nur vor fünfundzwanzig Monaten erst seine Hekatomben gefordert, wo noch lange die Wunde nicht vernarbt ist, welche die Katastrophe von Lugau geschlagen hat!

Der „Plauen’sche Grund“, bekanntlich das hinter dem unweit Dresden gelegenen Dorfe Plauen sich öffnende, von Nordosten nach Südwesten laufende Thal der Weißeritz, welches jetzt die von der sächsischen Hauptstadt über Tharand nach Freiberg und Chemnitz führende Eisenbahn durchschneidet, bildet in seinem mittleren Theile ein sanft gehügeltes stundenbreites Gelände, in welchem sich Haus an Haus reiht und die stattlichen Gebäude der verschiedenen Dörfer und Ortschaften sich gewissermaßen zu einer einzigen ansehnlichen Stadt vereinigen; dieser Plauen’sche Grund zählt zu den bedeutendsten Industriebezirken des gewerbthätigen Sachsens. Zu den umfänglichsten Steinkohlenschachten des ganzes Grundes gehören die etwa dreiviertel Stunde südwestwärts von Potschappel bei dem Dorfe Burgk gelegenen Werke des Freiherrn von Burgk, die von den vorletztes Jahr im Plauen’schen Grunde gewonnenen etwa sechs Millionen Scheffeln Steinkohle allein zwei Millionen und siebenmalhunderttausend Scheffel zu Tage förderten und jetzt mehr als achtzehnhundert Arbeiter beschäftigen. Diese Burgk’schen Gruben nun, und zwar die Schachte „Neue Hoffnung“ und „Segen Gottes“ sind der Schauplatz des entsetzlichen Trauerspiels geworden, welches sicherlich bis in die zweite und dritte Generation hinab den zweiten August des Jahres 1869 zum größten Unglückstag des sächsischen Bergmanns stempeln wird.

Der Morgen war wunderschön, das Thal lag im wonnigsten Sonnenlichte und die Rauchfahnen aus den vielen hohen Fabrikschloten glänzten wie vergoldete Wolken, als ich, von der „Gartenlaube“ zur Unglücksstelle abgesandt, in Potschappel dem Bahnzuge entstieg. Ein alter Bergmannsinvalid harrte auf der Station der ankommenden Fremden und führte sie hinaus nach der Schreckensstätte, um so sich durch das Unglück seiner Cameraden ein paar Groschen zu verdienen.

Etwa eine Viertelstunde über Potschappel erblickt man am Fuße des Windbergs, dem beträchtlichsten Höhepunkte des Plauenschen Grundes, das ansehnliche Dorf Burgk oder Großburgk, mit seinem Schlosse, dem Wohnsitz des Freiherrn gleichen Namens, mit seinen mannigfachen Verwaltungs- und Beamtengebäuden und den vielen schmucken Privathäusern. Rechts an der Straße steht das „Huthaus“, der Versammlungsort der Bergleute, ehe sie anfahren. Kaum hatten wir die Blicke dem in allen Berichten von der Katastrophe genannten grauen Gebäude zugewandt, so sahen wir zwei Rüstwagen langsam die Straße herabfahren und neben und hinter ihnen Gruppen von Männern und Frauen einhergehen.

„Da bringen sie die Ersten,“ sprach unser greiser Führer und wischte sich eine Thräne aus dem verwetterten Gesicht. Dann zog er fromm seine Mütze ab und ließ den Zug vorüber.

Ja, es waren die Ersten, die ersten Särge nämlich, die mit den sterblichen Ueberresten von vier der Verunglückten dem nahen Friedhofe von Döhlen zugefahren wurden, zu dessen Kirchspiele Burgk mit seinen Kohlenwerken gehört.

„Die Frau dort,“ flüsterte mir der alte Bergmann zu, „hat mit einem Schlage den Mann, drei Söhne und drei Brüder verloren! Sie ist von Niederhäßlich am südlichen Fuße des Windbergs da.“

Die Frau hatte keine Thränen, mit versteinertem Antlitz wie eine Medusa zog sie ihren Passionsweg, aber dieser stumme Schmerz, diese ergreifende, thränenlose Verzweiflung – sie waren erschütternder, als der laute, erleichternde Jammer der Andern, und die starren Züge der Unglücklichen haben sich meinem Gedächtniß unverlöschlich eingeprägt.

Immer häufiger wurden jetzt die Gruppen uns begegnender jammernder und klagender Frauen und Mädchen. Mit jedem Schritte vorwärts wurde unser Gang zur Stätte des Unglücks schwerer.

Wir bogen jetzt in einen steilen Bergpfad ein und stiegen am Abhange des Windbergs in die Höhe. Endlich stehen wir am Ziele, rechts vor uns ist der „Neue-Hoffnung-Schacht“ und etwa tausend Schritte weiter liegen die Bauten des „Segen Gottes“; dazwischen der lange Stollen, der beide Schächte verbindet.

Es ist ein ausgedehntes Terrain, das wir nun betraten, von jenem unheimlich öden, ruß- und dampfgrauen Anblick, wie er allen dergleichen Kohlengruben und Bergwerken eigen zu sein pflegt. Eine Eisenbahn führt uns zur Linken nach der Station von Potschappel hinunter und zweigt sich in mehrere Nebenschienenwege nach den einzelnen Schächten ab, so daß jeder dieser letzteren seine Producte in directer Communication den großen Verkehrsplätzen draußen zusenden kann. Und auf diesen Bahnen rollen die Kohlenwagen hin und her, schnauben die Locomotiven, pfeifen die Schaffner, als habe es keinen zweiten August gegeben!

Auch die weite Hochfläche ist sehr belebt, aber von einem schmerzlichen Leben. Männer und Weiber sitzen in trübem Hinbrüten auf den Schlackenfeldern, gehen und kommen und nicken sich wehmüthig zu oder schütteln leidbewegt die Köpfe. Weiter vorn am Neuen Hoffnungsschacht aber hat sich dichtgedrängt ein buntes Menschengewühl zusammengeschaart. Gensd’armen und Militärposten sperren die Schachtgebäude und Kohlenschuppen gegen das andrängende Publicum ab, um nur die Angehörigen der Verwundeten zur Schauderstätte zuzulassen.

Auch mir wurde natürlich zunächst der Eintritt in die vom Cordon umzogenen Räume verweigert, bis ich, nach wohl stundenlangem Umherirren von einem Gebäude, einem Schuppen, einer Förderungsbrücke zur andern, mit Hülfe meines Geleiters einen der höheren Bergbeamten ausfindig gemacht und bei ihm mich gehörig legitimirt hatte. Mein Auftrag von Seiten der „Gartenlaube“, ich darf es wohl sagen, verschaffte mir die besondere Berücksichtigung, daß mir ein Steiger zum Begleiter auf einem Gang durch die Werke mitgegeben wurde.

In solchem Geleite trat ich denn meine weitere Wanderung an. Ueber eine Art von Brücke, die zum Transport der Kohlenwagen dient, ging es zunächst dem Lagerschuppen zu. Hier werden die Kohlenvorräthe aufgespeichert, jetzt war er zum Todtenhause umgeschaffen. Welches Schreckbild wartete meiner, sobald ich mir durch die Reihe jammernder Weiber und Kinder Bahn gebrochen hatte, die, gleich einer Schirmwand, die Todten umgaben! Ich habe die Morgue auf dem großen Sanct Bernhard in der Schweiz, habe die Morgue in Paris gesehen, – doch was sind ihre Schrecken gegen die grausige Scene in diesem Kohlenschuppen! [543] Auf grünen Birkenbüschen, denselben Büschen, mit denen der Bergmann die „schlechten Wetter“ aus den Gruben zu wedeln pflegt, waren, Einer an den Andern, die entstellten Körper von dreizehn der Verunglückten gebettet: zum Theil verbrannt, mit blutigen Wunden an Kopf und Gliedern, hie und da schon verkohlt, braun oder vielmehr rauchgrau, in einer Farbe, welche vom Neger, vom Mulatten, vom Malaien, von allen diesen Menschenracen etwas an sich hatte und doch wieder von jeder natürlichen Färbung der Menschenhaut so ganz verschieden war, – so lagen die sterblichen Ueberreste der armen Bergleute da – ein Bild, dessen Graus sich nicht beschreiben, aber auch nie wieder vergessen läßt, das in aller seiner Furchtbarkeit vor mir steht, sowie ich nur die Augen schließe! Eine der Leichen, eine merkwürdig angeschwellte Gestalt, mit dickgedunsenem Gesichte und aufgerissenem Munde, schien man soeben erst hereingeschafft zu haben, sie lag außer der Reihe der Uebrigen und – noch überrieselt mich’s kalt, wenn ich daran denke! – ich stolperte über die weitausgebreiteten Füße des Unglücklichen. Und neben diesem schauderhaft entstellten Leichnam, der kaum noch den Anblick eines Menschen darbot, kniete ein junges Weib und badete die verstümmelten, blutig zerrissenen Finger des Todten mit heißen Thränen.

„Mein Wilhelm, mein guter Wilhelm!“ schluchzte die Arme. „Ja, es ist mein Wilhelm. Ach, ich möchte mich gleich lebendig zu ihm in den Sarg legen ... es ist ja zu entsetzlich! Und es war am Montag nach acht Wochen seine erste Schicht wieder; er hatte zwei Monate krank gelegen und fuhr zum ersten Mal wieder an ... und da muß ihn das Wetter erschlagen!“

Aehnliche Scenen, wenn auch vielleicht minder laut und lebhaft, spielten sich in allen Ecken des Todtenschuppens ab; überall Weinen und Wimmern, überall ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen läßt! Die Leidtragenden waren meist junge Frauen oder alte Mütterchen, denn sämmtliche der hier auf Grün gebetteten Todten waren junge Männer von zwanzig bis dreißig Jahren gewesen, sogenannte Förderleute, denen es obliegt, die von den Häuern an den „Orten“, das heißt an den Stellen, wo eben abgebaut wird, losgehauenen Kohlen in die „Hunde“, eisenbeschlagene Holzwagen auf kleinen Rädern, zu füllen und auf den „Strecken“ bis dahin zu bringen, wo sie mittels Dampfkraft in die Höhe gezogen werden. Und da jammerte nun manche Mutter, welcher der verhängnißvolle zweite August alle ihre Söhne geraubt; da stand aufgelöst in Schmerz manches junge Weib mit dem Erstgeborenen auf dem Arme, der seinen Vater verloren hatte, noch ehe er den Namen desselben lallen konnte; da wischte sich manche hochbetagte Greisin die stillen Thränen aus den blöden Augen, über den kalten schwarzen Mann gebeugt, welcher die einzige Stütze ihres Alters gewesen war! Ach! so rufe ich wieder und wiederum aus, wo ist die Feder gewaltig genug, um solchen Ueberschwang von Leib und Weh zu schildern?

Die Stelle, von wo die Katastrophe ihren Ausgang nahm, glaubt man zu kennen, man weiß, daß der Segen-Gottesschacht Räume umschließt, in denen sich Schlagwetter bilden; warum nun aber diese letzteren plötzlich so ungeheuere Dimensionen annahmen, darüber läßt sich, wie schon erwähnt, bis jetzt Positives noch nicht behaupten. Möglich, daß die Explosion aus längst abgebauten und durch Mauerwerk von den noch im Gange befindlichen Orten sorgsam abgesperrten Stellen kam und nach Zersprengung der schirmenden Scheidewände sich nach dem Arbeitsschachte verbreitete. Gewiß scheint die als vortrefflich bekannte Leitung der Burgk’schen Kohlenwerke kein Vorwurf zu treffen, wenn sich auch, wie mir erzählt wurde, in den letzteren Jahren eine Praxis eingeschlichen haben mag, die vielleicht nicht durchaus zu billigen ist. Früher fuhren nämlich an jedem Morgen nach einem Feiertage, also auch jeden Montag, Obersteiger und Steiger mit ihren Davy’schen Sicherheitslampen zuerst in den Schacht ein und ließen keinen Arbeiter eher zu, als bis sie sich überzeugt hatten, daß keine schlagenden Wetter vorhanden waren, die sich leicht anzusammeln pflegen, wenn längere Zeit keine Bewegung im Schachte stattgefunden hat. Neuerdings aber pflegen die Förderleute den vor der Frühschicht abgehaltenen Verlesungs- und Andachtsversammlungen im Huthause nicht mehr anzuwohnen, sondern sich immer sofort in den Schacht zu begeben, um soviel „Hunde“ wie nur möglich mit Kohlen füllen zu können, da sie nach der Anzahl der beladenen Wagen bezahlt werden. Kohlen sind von den vorhergehenden Schichten immer noch genugsamer Vorrath losgebrochen übrig, so daß das Werk der Hundefüllung ohne Verzug beginnen kann. Auch am zweiten August sind die Förderleute zuerst in die Schachte gedrungen; ob sie nun mit ihren Blendlichtern die Gase entzündet haben, wer mag das entscheiden, nachdem Keiner, der über den Ursprung des Unglücks vielleicht einigen Aufschluß ertheilen könnte, mehr unter den Lebenden ist?

Auf dem Schienenwege, der beide Schachte verbindet, wanderte ich nun dem „Segen Gottes“ zu. Waren die Eindrücke, welche ich auf der „Neuen Hoffnung“ empfangen, ergreifender, erschütternder, herzbrechender Natur gewesen – sie traten weit zurück vor der Gewalt der mich hier auf „Segen Gottes“ empfangenden. Hier war die eigentliche Schauderstätte, der wahre Ort des Entsetzens, gegen dessen Bilder weit im Hintergrunde blieb Alles, was ich auf dem Neuen-Hoffnungsschacht beobachtet. Schmerz und Erschütterung wichen hier gewissermaßen dem nackten Grausen!

Der Segen-Gottesschacht erscheint stattlicher als der von „Neue Hoffnung“, sein Dampfschlot erhebt sich stolzer in die Lüfte und der Complex seiner Bauten ist umfänglicher und ansehnlicher. Höher gelegen als „Neue Hoffnung“, gewährt er, unweit der viel besuchten „Goldenen Höhe“, zugleich eine prachtvolle Aussicht auf die Elbhöhen und die Berge des Plauenschen Grundes. Der Menschenzusammenfluß war womöglich noch zahlreicher als auf dem andern Werke, aber unerbittlich wehrten die hier auch zahlreicher aufgestellte Soldatenwachen, Gensd’armen und Werkbeamten Alles ab, was nicht durch specielle Ermächtigung oder von Berufswegen zum Zulaß berechtigt war; selbst die Hinterbliebenen der Verunglückten suchte man, in anzuerkennender Menschlichkeit, thunlichst von der Schreckensstätte abzuhalten Der Anblick, der ihnen bevorstand, wäre ja mehr gewesen, als die Meisten zu ertragen vermocht hätten!

In einem hohen Kuppelbau des Werkes hängen zuvörderst an riesigen eisernen Ketten, dann an halbarmdicken Tauen die Gestelle, auf welche die „Hunde“ gesetzt werden, um die losgehauenen Kohlen aus einer Tiefe von achthundert Ellen heraufzufördern, und zwar derart, daß immer ein Gestell hinunter, das andere heraufläuft. Eine mächtige Dampfmaschine setzt das Hebewerk in Bewegung und einer der Arbeiter unten giebt durch den Druck einer Feder, welche mittels einer Leitung mit einer in der Kuppel des Gebäudes angebrachten Glocke in Verbindung steht, das Zeichen, wenn unten der Kohlenwagen zum Heraufziehen bereit ist, damit die Dampfmaschine zum Förderungswerke angelassen werden kann. In der Bergmannssprache heißt die Vorrichtung und das Gebäude selbst, welches sie umschließt, die Kaue. Gleich neben dem Hebeapparat führt eine Mündung in den Schacht hinab, durch welche auf Leitern in denselben hinabgestiegen werden kann.

In dieser Kaue nun faßte ich Posto, sie war der Schauplatz des Grausens, eines Grausens, wie es die Phantasie keines Höllenbreughel’s, die Nachtstückromantik keines Hoffmann schauerlicher und unheimlicher ersinnen könnte. Neben mir stand und saß auf den um die Wände laufenden Bänken eine ziemliche Anzahl von Personen, größtentheils Mitglieder von Behörden und höhere Bergbeamte aus Freiberg; am Thore drängte sich Kopf an Kopf das Publicum, durch die Bajonnete der Soldaten vom Einströmen zurückgehalten. Aber ringsum herrschte Grabesschweigen, höchstens, daß ab und zu Einer oder der Andere mit seinem Nachbar leise flüsterte, Alles blickte auf das Hebewerk, welches jetzt keine „Hunde“ förderte, sondern für ihre schmerzliche Bestimmung eigens dazu construirte kleine hölzerne Wagen, und lauschte auf das Signal von unten herauf, sobald ein eigenthümlich grausiger, hohlgurgelnder Ton verkündet hatte, daß das Gefährt in die Thiefe hinab gelangt war. Kling! ging’s jetzt, das Zeichen, daß das Personal oben „Achtung“ zu geben hatte, weil ein Transport erfolgen sollte. Eins, zwei, drei – Alles hielt den Athem an und zählte weiter – vier, fünf, sechs Glockenschläge! Sie bedeuteten, daß eine Leiche heraufzuheben war, während blos drei Glockenschläge verkündeten, daß nur „Berge“, das heißt Kohlenabraum und Bruchschutt, ausgefördert werden sollten.

Alles trat nun näher an die Gitterschranke, welche den Hebeapparat von dem übrigen Raum absperrt, und blickte hinab, obgleich in dem nächtigen Dunkel des Schachtes sich nichts erkennen ließ; langsamer und immer langsamer rollte das Seil, endlich kamen die schweren Ketten zum Vorschein, die Männer, denen die gräßliche Arbeit obliegt, die heraufgewundenen Menschenüberreste [544] in Empfang zu nehmen und weiter zu fahren, stellten sich in Positur, und – da erscheint er, der schauerliche kleine Wagen, und drinnen liegt ein schwarzer, von der Verwesung zersetzter, schon halbzerbröckelter, pestilenzialische Dünste anshauchender Gegenstand, der noch vor wenigen Tagen ein athmender, vielleicht fröhlicher und glücklicher Mensch gewesen ist! Der Anblick ist so grauenhaft, so über jede Beschreitung entsetzlich, daß Einem förmlich das Blut in den Adern stockt und man seiner Nerven ziemlich sicher sein muß, um es zu wagen, sich dem Eindrucke länger auszusetzen.

Acht der Verunglückten oder vielmehr, was von ihnen noch übrig war, habe ich auf diese Weise an’s Tageslicht schaffen sehen, doch nur ein einziger der emporgewundenen Körper hatte noch eine einigermaßen erkennbare Menschengestalt, alle anderen waren nur Menschenbrocken; bei dem Einen fehlte der Kopf gänzlich, bei einem Anderen war er bereits so in Fäulniß zerflossen, daß sich kein Theil desselben mehr unterscheiden ließ; bei einem Dritten war der Kopf zu einer mumienhaften Winzigkeit zusammengeschrumpft, ohne daß ein Zug des Gesichtes wahrnehmbar blieb; dem Vierten fehlten Arme und Beine, sammt und sonders aber sahen sie so tiefschwarz aus wie die dunkelste Pechkohle, welche die Armen jemals losgehauen hatten, und überall quoll schon die Jauche der Verwesung heraus.

Ich will die Leser der Gartenlaube nicht mit noch detaillirterer Ausmalung dieser Schauerbilder foltern, nur das muß ich noch hinzusetzen daß, da bei der in der Tiefe herrschenden großen Hitze die Verwesung auf das Rapideste fortschreiten muß, von Stunde zu Stunde die Leichenaufförderung schwieriger wird und schließlich nur noch einzelne kleine Stücke der einstigen Menschenkörper oder widerliche Breimassen an die Oberfläche kommen werden. Von einem Recognosciren dieser Trümmer kann selbstverständlich nicht mehr die Rede sein, es ist darin sicher nur zu loben, daß die leitenden Behörden, wie ich schon bemerkte, auch die Angehörigen der Verunglückten so viel wie möglich von Ort und Stelle fern zu halten trachten. In den letzten Tagen hat man denn auch keinen dieser kleinen Leichenwagen zu Tage gebracht, den man nicht schon unten sorgfältig mit einem Tuche bedeckt hätte, um den entsetzlichen Anblick allen Augen zu entziehen.

So wie einer dieser traurigen Transporte aus dem Gestelle genommen war, fuhr man ihn auf den zur Förderung der Hunde dienenden Eisenschienen schleunigst dem nahen Kohlenschuppen zu. Hier ward er „ausgeschüttet“ und, so schnell wie es sich nur immer thun ließ, ohne alle sonst üblichen Proceduren, in einen der bereit gehaltenen Särge geworfen, von denen die Tischler der gesammten Nachbarschaft immer neuen Vorrath nach Segen-Gottes schaffen. Unmittelbar hinter dem Schuppen aber waren einige zwanzig Menschen beschäftigt, aus dem harten Gestein eine große Grube auszuhauen, und zwischen diesen Steinen, nicht in die weiche Erde, werden nun, nachdem, wie es anfangs geschah, die Bestattung auf dem Friedhofe von Döhlen längst nicht mehr möglich ist, die armen Häuer und Förderleute zum letzten Schlummer gebettet. Unaufhörlich folgen sich hier die Leichenzüge; sang- und klanglos tragen stämmige Männer schnellen Schritts den Sarg heran und schieben ihn dicht an den vorhergehenden zwischen die Steine, während die Hacken der Arbeiter rüstig fortpicken, das Leichenfeld zu erweitern, um für neue Schläfer Raum zu gewinnen. Als ich am Rande des schauerlichen Massengrabes stand und schmerzbewegt und von Grauen erfüllt die Reihe der Särge überschaute, so weit die Steinschicht sie nicht schon dem Blicke verbarg, waren ihrer neunundvierzig, die im Kalke bei einander standen. Drüben am andern Ufer schauten einige wenige Gruppen von Männern und Frauen in dumpfem Weh in die Grube hinab, – es war, als wenn das Grausen auch ihnen jeden lauten Ausbruch des Kummers erstarren machte. Nur zwei junge Männer, augenscheinlich keine Bergleute, schrieen laut aus vor Schmerz und wühlten sich verzweiflungsvoll in den blonden Haaren.

„Denken zu müssen,“ stöhnte der Eine, „daß unter diesen gräßlichen, schwarzen, verkohlten, verstümmelten Leichen unser Vater ist – ach, Du Gott da oben, wie kannst Du uns das auferlegen!“

Ich frug einen der Umstehenden, wer die jungen Leute seien; es waren die Söhne eines Häuers vom Segen-Gottesschacht, dessen Leiche man nach einigen Anzeichen allerdings mit ziemlichem Grunde in einem der letzten Särge vermuthen konnte.[1]

Die Ausdünstung wurde von Minute zu Minute entsetzlicher, so entsetzlich, daß ich noch am Abende, in stundenweiter Entfernung den Geruch des Pesthauchs in meinen Kleidern hatte, trotzdem, daß durch Ausgießung verdünnter Carbolsäure sowohl unten im Schacht selbst, als oben bei den Leichen alles Mögliche für Desinfection – aus sanitätspolizeiliche Anordnung – geschah. Auch meines Bleibens am Orte des Grauens konnte nicht länger sein, ich warf noch einen Blick auf Grab und Kaue und schritt, unter einem heranziehenden Gewitter, bei den Stößen eines heftigen Wirbelwindes, welcher der Scenerie etwas noch Unheimlicheres verlieh und die Schwefeldünste aus den Coaksöfen weit über die Hochfläche jagte, daß mir schier der Athem verging, nach Burgk hinab. Unten aus einer Wiese am Fuße des Windbergs, da wo der Weg nach dem Dorfe einbiegt, saß eine ältliche Frau. Der Regen begann in großen Tropfen zu fallen, Blitz auf Blitz zuckte über den westlichen Himmel, und krachend dröhnte der Donner – sie achtete dessen nicht, sie achtete auch nicht aus die Bemühungen eines neben ihr stehenden Bergmanns, der sie aufzurütteln und mit fortzunehmen strebte. Den Kopf in die Hände vergraben, schluchzte sie krampfhaft, so daß sie von Zeit zu Zeit in die Höhe fuhr von der Erschütterung, die sie durchbebte. Leise näherte ich mich und sprach mit ihrem Begleiter: die Unglückliche hatte Mann und Sohn in der noch unzugänglichen Tiefe des Neuen-Hoffnungsschachtes liegen und ihren zweiten Sohn nur dadurch erhalten, daß ihn seit längerer Zeit – unheilbares Siechthum an’s Krankenlager fesselte!

Das sind nur wenige einzelne Beispiele des namenlosen Elends, welches der unheilvolle zweite August über den kleinen Bezirk von kaum zwei Stunden heraufbeschworen hat.

Ehe freilich diese meine Zeilen, die ich beklommen von dem Geschauten und Erlebten an Ort und Stecke niederschrieb, im Druck dem Publicum vorliegen, hat die Presse längst bis in die entlegensten Winkel unseres Vaterlandes hinein und weit über dasselbe hinaus ausführliche Meldung gethan von dem vernichtenden Naturereigniß; ich konnte mich daher blos auf ein Gesammtbild desselben und seiner Wirkung und auf Schilderung einzelner Scenen und Erscheinungen beschränken, wie sie mir persönlich entgegengetreten sind.

  1. Wir werden unseren Lesern eine an Ort und Stelle aufgenommene Abbildung dieses Begräbnisses in Holzschnitt und dann auch noch in einem Nachtrag zu dem Berichte Manches mittheilen, was hier aus Raummangel zurückgelegt werden mußte oder noch nicht ermittelt war.

Tausend Wittwen und Waisen in einem Augenblick!

Fast um das Dreifache gräßlicher, als es vor dem Unglücksschacht zu Lugau war, ist über dem kohlenreichen Schooße des Windbergs bei Potschappel das Jammern des Elends und der Schrei der Verzweiflung. Von den viertausend Bergleuten des Plauenschen Grundes, jenes Natur- und Industrieparadieses in Dresdens Nähe, hat der alte Feind des Bergmanns, das böse Wetter, ihrer 274 mit einem Schlage vernichtet! Die Männer, die Väter, die Brüder, all’ die rüstigen Ernährer alter Eltern und hülfloser Weiber und Kinder, am zweiten August früh vier Uhr aus vielen Ortschaften des Grundes zur Tagesschicht herbeigeeilt, lagen schon um fünf Uhr todt in ihren beiden großen Gräbern, den zwei Nachbarschächten, deren Namen lauten: „Neue Hoffnung“ und „Segen Gottes“!

Hoffnung und Gottes Segen für tausend Wittwen und Waisen! Sind ehedem beide Gruben Beides gewesen vor der entsetzlichen Stunde, so wird für die Unglücklichen jetzt der älteste und tiefste Schacht der Hoffnung und des Segens, das liebevolle Menschenherz, sich öffnen und Trost und Hülfe durch dieselbe Hand der Wohlthätigkeit spenden, welche einst in Lugau so viele Thränen getrocknet hat. – Die Gartenlaube nimmt den alten Opferstock vor und bittet ihre Freunde und Leser um ihre Gaben!
Die Redaction der Gartenlaube.     
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Vor Erscheinen des obigen Aufrufs gingen an Beiträgen bereits ein: Dr. A. Fränkel 3 Thlr. – Redaction der Gartenlaube 100 Thlr. – Familie K. 5 Thlr. – Prof. Bock 10 Thlr. – A. Fischer 7 Thlr. – A. Wiede 10 Thlr. – W. Schuwardt 1 Thlr. – Dr. Fr. Hfm. 3 Thlr. – Sammlung im Verein deutscher Locomotivführer während der Zusammenkunft in Leipzig 14 Thlr. 15 Ngr. – N. H. 2 Thlr. – A. St. in Göttingen 1 Thlr. – S. in E 2 Thlr. – C. S. 15 Ngr. – Sammlung gelegentlich eines Familienfestes in Schöneck i. S. 6 Thlr. 10 Ngr. – Ertrag einer Sammlung im Hôtel de France in Baden-Baden 100 fl. rhein. (57 Thlr. 4 Ngr. 3 Pf.) – Sammlung bei einem kleinen Festessen der Schützengesellschaft in Königssee 16 Thlr. – Ertrag eines vom Charakterkomiker Ad. Fleischmann aus Nürnberg im Schützenhause in Leipzig gegebenen Concerts 21 Thlr. 18 Ngr. – L. A. k. in Forst 1 Thlr. – X. Y. 3 Thlr. – (Summa: 264 Thlr. 2 Ngr. 3 Pf.)