Die türkische Vendée (I)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die türkische Vendée I
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 730-732
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Die türkische Vendée II.
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[730]
Die türkische Vendée.
I.
Der Krieg und die „Albanische Liga“. – Landung in Antivari. – Volkszustände in Skutari. – Volkstrachten. – Die albanische Frau.

Wer sich dem Glauben hingegeben, daß die zum Theil sehr guten Absichten des Berliner Friedenscongresses den Orient wirklich beruhigen werden, der hat in den letzten Monaten manche bittere Enttäuschung zu erfahren gehabt. Die einerseits von schlimmster Barbarenwirthschaft, anderseits von einem bunten Gemisch feindlich sich gegenüberstehender Racen und Religionen erzeugten Wirren und Krankheitszustände des dortigen Völkerchaos liegen zu tief, als daß sie durch äußerliche Mittel und diplomatische Schachzüge beseitigt oder auch nur beschwichtigt werden könnten. Kaum waren die Friedensverträge zwischen den Mächten ausgewechselt, so loderte bereits hier und dort mit oder ohne Aufstachelung von Constantinopel aus die Flammen bewaffneter Empörungen auf, und der Widerwille gegen die decretirte Neuordnung der Dinge gab sich in furchtbaren Ausbrüchen der Leidenschaft und des entschlossensten, vor Blut, Brand und grimmigem Mord nicht zurückschreckenden Widerstandes kund. Der bei der schleunigen Ausführung der Berliner Bestimmungen in Bosnien sich erhebende Widerstand hat in mörderischen Kämpfen von der österreichischen Waffengewalt niedergeworfen werden müssen, und es scheint dies in der Hauptsache vorläufig gelungen zu sein. In demselben Augenblicke aber wird auch schon unsere Aufmerksamkeit auf einen anderen Feuerpunkt gerichtet, auf Albanien, wo wir, dem Friedenswerke gegenüber, einen ganzen Volksstamm bis an die Zähne gerüstet sehen, einen Volksstamm, der unter den Elementen des bisherigen türkischen Reiches bei uns nur wenig bekannt ist, aber jedenfalls im weiteren Verlaufe noch von sich reden machen wird.

[731] Die Horden der „Albanischen Liga“ führen den von den Großmächten beendigten Krieg auf eigene Faust weiter, zunächst um die Montenegriner, die ihnen verhaßtesten aller Giaurs, mit blutigen Köpfen in ihre steinige Heimath heimzusenden. Plötzlich sind die seit Jahrhunderten in beständigen Fehden unter einander sich aufreibenden Stämme der Skipetaren wunderbar einig geworden. Der Toske drückt dem Gegen, seinem früheren Todfeinde, die nervige Faust, der mohammedanische Ultra umarmt den römisch-katholischen Miriditen, und der würdige Pascha von Skodra betrachtet diesmal den Bund der feindlichen Brüder, deren grimmige Feindschaft die Türken sonst immer geschürt und ausgenützt hatten, mit wohlgefälligem, halb ironischem Lächeln, nennt sie „Retter des Vaterlands“ und verspricht ihnen glänzende Belohnungen, während man doch erwartet hatte, daß ein so empörender Vorgang, wie die Ermordung Mehemed Ali’s durch die albanische Wuthgier, den ganzen Zorn der Pforte erregen und ihr die Pflicht nahe legen werde, Vergeltung zu üben für diese schnöde Abschlachtung eines ihrer verdientesten und gebildetsten Würdenträger. In der That ist Albanien jetzt die Vendée der hohen Pforte und zum Central-Waffenplatz für die Insurrection im westlichen Theile der Balkanhalbinsel geworden. Deshalb ist es wohl an der Zeit, unseren Lesern ein Bild vom Leben der Albanesen ihrer Heimath, Geschichte, ihrer Sitten und Gebräuche und ihres Parteiwesens vorzuführen.

Nichts läßt sich mit der eigenartigen Schönheit der albanesischen Küstenlandschaft vergleichen, welche man auf einer Fahrt auf der Adria voll Bewunderung an sich vorüberziehen läßt. Diese Höhenreihen mit ihren dunkelgrauen Riesenterrassen erscheinen wie von unzähligen Kuppeln, Thurmspitzen und anderen architektonischen Zierstücken überbaut, welche im Abendsonnenschein zauberhaft funkeln und mit hellleuchtendem Schimmer übergossen sind. Die Contouren der niederen Ketten heben sich aus dem Lichtgrunde der dahinter emporragenden Schneegipfel haarscharf ab. Schwelgend in solchem Anblick wähnt man sich in ein Märchenland versetzt und glaubt das Lied des Meermädchens aus Weber’s „Oberon“ von ferne singen zu hören. Leider ist vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt, in diesem Falle eigenlich ein Sprung. Nach den erhebenden Gefühlen romantischer Naturschwelgerei fallen wir aus allen Himmeln – bei der Landung am sumpfigen Strande. Da lungern die Lastträger umher und bei der Ankunft eines Schiffes drängen sie sich heran, um die Ankommenden auf ihren Schultern durch den ersten türkischen Sumpf an’s Land zu schleppen.

Auf einmal sieht man rings umher nur Schmutz und asiatische Wildniß. Das Traumbild ist zerronnen, und die im übelsten Sinne nackte Wirklichkeit tritt hervor. Von der höchst primitiven Landungsstelle bei der in einer Bergschlucht versteckten Stadt Antivari nach der Hauptstadt Skutari zu gelangen, gehört zu den geduldmordenden, mühseligen und halsbrecherischen Aufgaben und kann nur Leuten, die schon in den Hochgebirgen Tibets oder in Turkestan reisten, einigermaßen erträglich erscheinen. Man ist gezwungen sich einer oft nicht einmal des Weges kundigen Reiterkarawane anzuvertrauen, die aus einigen Führern und anderen wilden Gestalten besteht, denen der Grimm gegen die Giaurs aus den verkniffenen Augen blitzt. In solcher Gesellschaft muß man besten Falls zehn Stunden bei Gefahr des Lebens durch sumpfige Niederungen, über Gießbäche, an Felsabhängen entlang, aus durchweichten Fuhrten der Bojana reiten. Allen Respect aber vor der Sicherheit, Geduld und Ausdauer dieser an türkische Wirtschaft gewöhnten Rosse, die über glatte Felsblöcke hinweg balanciren, sich durch Gerölle durchstrampeln, die Ritze der elenden Fuhrten meiden und selten straucheln, aber nie davor gesichert sind, ihr tapferes Leben in einer Kothlache erstickend zu beenden. Wehe jedoch dem Unglücklichen, der durch Regen genöthigt wird, in einer elenden Gebirgsmühle sein müdes Haupt niederzulegen, ehe er die Stadt Skutari (Skodra) erreicht! Von der äußersten Dürftigkeit einer solchen Wohnung vermag sich ein civilisirter Mensch kaum eine Vorstellung zu machen, noch weniger aber von dem abscheulichen Geruch, in welchem diese Barbaren Albaniens, die sich von ihren altpelasgischen Ururahnen höchstens durch den Anzug unterscheiden, Tag für Tag zu leben und zu athmen vermögen.

Die Stadt Skutari liegt größtenteils in der von der Bojana, dem Abfluß des Skutarisees, durchflossenen Ebene und macht keinen imposanten Eindruck. Es fehlt hier jegliches Malerische. Im Spätsommer, Herbst und Winter stoßen die einförmigen, ganz vereinzelt stehenden Häuser, welche Schafställen gleichen, durch ihre Leblosigkeit und Unregelmäßigkeit ab, und im Frühjahr sieht man sie vor lauter Bäumen nicht. Das Einzige, was noch den Beschauer fesselt, ist der Fluß, die geschlängelte Bojana. Aber gerade diese glitzernde Wasserschlange bringt viel Unglück mit sich, denn durch häufige Ueberschwemmungen wird oft der größte Theil der Stadt unzugänglich und durch die späteren Miasmen die Luft in der heißen Zeit ganz unerträglich gemacht. Die elenden Brücken sind verwitterte Holzgestelle, die den Uebergang als tollkühnes Unternehmen erscheinen lassen. Nahe der Hauptbrücke erblickt man den graßen Bazar, einen der besuchtesten der Westtürkei.

Höchst unpraktisch hat man gerade diesen Versammlungsort dahin verlegt, wo das Wasser am schnellsten eindringen und zerstören kann. Manche Kaufläden stehen beständig unter Wasser, aber Niemand thut etwas, um eine Aenderung zu schaffen. Sehr lästig machen sich auch in Skutari, wie in den meisten größeren Türkenstädten, jene herrenlosen Hunde, welche massenhaft zwischen den Kaufläden umherlaufen, an Fleischerbuden das Blut von herabhangenden Hammeln lecken und nach Aas umherschnüffeln. Diese Bestien werden mit unbegreiflicher Humanität behandelt, dagegen muß man nur allzu oft Scenen scheußlicher Rohheit und Bestialität gegen Menschen sehen.

Unvergeßlich bleibt mir ein widriges Straßenbild. Einem armen Roßknecht, welcher Pferde zur Schwemme in die Bojana trieb, wurden dieselben von einigen ziemlich vornehm gekleideten Türken geraubt. Sie schlugen den Knecht blutig und warfen ihn in den Fluß, aus welchem er sich schwimmend rettete. Solche Scenen offenbarster Gewalttat erregen bei den Zuschauern keinerlei Aufsehen oder Entrüstung, sondern fast nur spöttisches Gelächter. Wer diese albanischen Türken kennt, findet es natürlich, daß die fanatischen Mörder Mehemed Ali’s diesen zum Opfer ihrer Blutgier erkoren, denn sie haßten in ihm nicht nur den Giaur, sondern auch die feine Bildung und die Gerechtigkeitsliebe des Europäers, und, was wohl die Hauptsache war, ihre Gier galt auch den kostbaren Waffen und schönen Gewändern des unglücklichen Muschirs. Nichts kann die Habgier eines Albanesen heftiger anstacheln, als der Anblick kostbarer Waffen eines Vornehmen.

Das Aeußere der Albanesen hat viel Bestechendes, sogar Imponirendes, namentlich die theatralisch stolze Haltung dieser Gebirgssöhne. Manche dieser buntgeschmückten Gestalten erinnert an den gravitätisch einherschreitenden Zigeunerhäuptling in der „Preciosa“. Die Gesichter haben meist einen edlen Schnitt; die Schädelform ist länglich, aber an der Stirn auffällig breit, die Nase fast römisch gerade und lang, die Brust meist sehr hoch gewölbt - Alles kündet strotzende Kraft und Gesundheit. Es ist ein kerniger und wirklich schöner Menschenschlag, von der Natur wie wenige andere Stämme bevorzugt. Durch die naturgemäße Lebens- und Nahrungsweise bleiben sie vor vielen Krankheiten geschützt. Mager und muskulös, langhalsig, mit stolz emporgerecktem Kopfe, aus dessen ziemlich kleinen und von mäßigen Brauen überwölbten Augen grelle Blitze hervorleuchten, mit nicht sehr üppigem Schnurrbart, aber langen Haarsträhnen im Nacken, mit wohlgestalteten, kräftigen Körperformen ausgestattet, stellt der Albanese äußerlich so recht das Bild eines Athleten und Helden aus der Zeit des alten Thraciens dar. Die meisten tragen das Haupthaar über der Stirn ringsum kurz, das heißt glatt abrasirt bis auf ein Schädelcentrum, dessen Haarstränge in gedrehten Zöpfen unter dem Fez versteckt werden. Viele aber lassen auch das Haar lang über das Genick herabfallen, rasiren jedoch ebenfalls den größten Theil des Vorderkopfes. Auffallend ist das helle Haar vieler Südalbanesen, ebenso ihre lichte Hautfarbe und ihr bläuliches Auge, Kennzeichen, welche vielleicht auf eine Vermischung mit Slaven, Gothen, oder noch früher mit Kelten hindeuten mögen.

Die Kleidung macht den Eindruck einer eigenartigen Ursprünglichkeit und ist im Allgemeinen recht gefällig. Sie besteht hauptsächlich aus der besonders den epirotischen Albanesen eigenthümlichen Fustanella, einem weißwollenen, vielfaltigen, bis zu den Knieen herabfallenden Rocke, unter welchen die Nordalbanesen eine blaue Hose aus Baumwolle zu tragen pflegen. Ueber die Fustanella wird ein brauner, weiter Mantel aus Ziegenhaaren und Schafwolle, den man Kapota nennt, geworfen. Die kleidsame [732] Flokate, eine Art Ueberjacke aus Wollenzeug ohne Aermel, welche die Brust unbedeckt läßt, ist hauptsächlich die Tracht des toskischen Stammes der Albanesen. Dieselbe wird eng anschließend getragen, und mit derselben hängt unten ein weites vielfaltiges Stück zusammen, das bis zu den Unterschenkeln herabreicht; das Ganze hält ein rother breiter Gurt zusammen. In Südalbanien trägt man auch reich mit Stickereien, Knöpfen und Rosetten verzierte Gamaschen.

Die Frauen der Albanesen zeigen in ihrer Tracht viel Aehnlichkeit mit den freilich viel fröhlicheren und anmuthigeren slavischen (montenegrinischen und dalmatinischen) Schönheiten. Meist ist das Kleid von geringen Stoffen und einem Hemde ähnlich, darüber tragen sie aber eine bunte, mit Zierrath überhäufte kurze Jacke und über dem Busen ein Tuch; sie umhüllen sich mit einem langen, ärmellosen Ueberkleide. Auch die Frauen setzen mit Vorliebe einen Fez auf, gewöhnlich aber bedecken sie den Kopf mit einem Tuche, unter welchem das geflochtene und mit kleineren Goldmünzen geschmückte Haar versteckt bleibt. Eigentlichen Schönheiten begegnet man höchst selten, auch sorgt die Barbarei der Männer schon dafür, daß sie niemals ihr Haupt froh und frei erheben, sondern fast stets unter der Last eines bejammernswerten Daseins verkommen. Gleich den niedrigsten Mägden geplagt und verachtet, finden sie nirgends Erholung, fröhliche Feste und gesellige Vergnügungen, wie die lustigen und koketten Slavinnen oder Griechinnen, denen die Lust des Kolos oder anderer Tänze lacht. Alle Feld-, Haus- und sonstige Arbeit ist ihnen aufgebürdet, und dazu sind sie allezeit dem gröbsten Undank und rohester Begegnung von Seiten der Männer ausgesetzt. Ueberhaupt stellen sich die Albanesen hinsichtlich der Mißachtung weiblicher Anmuth, Würde, Tugend und Ehre tief unter andere Barbarenvölker.

Bis zur Geburt des ersten Kindes darf eine Hausfrau nicht einmal den Mann in Gegenwart von Gästen mit seinem Namen anreden. Wie lästig für eine so arme erniedrigte Frau der Besuch von Freunden und Verwandten sein muß, kann man sich vorstellen, wenn man sie Allen nach der Reihe die höchst unappetitlichen Hände küssen sieht, wie es ihres Amtes ist. Da darf um aller Heiligen willen Keiner übersehen werden! Nur in Südalbanien hat sich noch ein winziger Rest ritterlicher Galanterie erhalten, der freilich sonderbar genug mit der empörenden Behandlung der Hausfrauen contrastirt. Dort widmet nämlich der Hausherr seinen Schwägerinnen seine durch die Landessitte geheiligte Huldigung, indem er dieselben wiederholt und nach Kräften reichlich beschenkt oder überhaupt durch Aufmerksamkeit auszeichnet.

Die höchst unwürdige Stellung der albanesischen Frauen entspringt offenbar aus dem uncivilisirten, halb türkischen Herkommen, die Frauen ohne jede Mitgift zu kaufen. Da die jungen Frauen keinerlei Besitz, nicht einmal ihre eigenen Kleider in die Ehe bringen, so werden sie eben nur als Arbeitssclavinnen und nothwendige Uebel geschätzt. Meist schon im dreizehnten Jahre werden diese Opfer der Tyrannei den gänzlich gemüthlosen Eltern abgekauft, um an der Seite eines mehr als rauhen Mannes ihre Jugend zu vertrauern und vor seiner beim geringsten Anlaß hervorbrechenden Grausamkeit zu zittern.