Die türkische Vendée (II)

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Textdaten
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Autor: B. S.
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Titel: Die türkische Vendée II
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 743-744
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Die türkische Vendée I.
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Die türkische Vendée.
II.
Der Mädchenraub in Nordalbanien und die Blutrache. – Die Blutsbrüderschaft. – Kriegerischer Sinn des Albanesen–Aberglaube, Sprache und Confession. –Die Kopfzahl der Albanesen. – Die Miriditen und ihre Stellung in der türkischen Arme. – Der Prink von Oros. – Geschichtliches.

Fast einen Anflug von Romantik hat gegenüber der unwürdigen Behandlung der Frauen der in den Gebirgen Nordalbanies zuweilen vorkommende Mädchenraub. Die Lust am Raube überhaupt, weniger die am Mädchen persönlich, verlockt manchmal einen Jüngling der Miriditen oder aus einem anderen christlichen Stamme, im Gehege der Mohammedaner, wo er ein leidlich hübsches junges Mädchen entdeckte, nebst seinen Freunden einzubrechen und das Kind zu entführen. Solcher Raub gewährt den Beraubten das Recht der Rache, welche jedoch meistens mit wenigen Opfern abgethan ist. Auch sind in diesem Punkte die Mohammedaner oft viel christlicher oder milder, als die albanesischen Christen, welche mit bornirter Wildheit das Recht der Blutrache ausüben und oft nicht eher ruhen, bis das feindliche Geschlecht nebst Kindern und Säuglingen vertilgt ist.

Unter diesen Blutchristen fordert die Barbarei der Blutrache, wie von zuverlässigen Autoren berechnet wurde, durchschnittlich 3000 Menschen im Jahre, woraus sich die merkliche Abnahme der albanesischen Bevölkerung auch ohne die Decimirung durch Kriege und Aufstände erklärt. Was Stammesfehden, Seuchen und Pestilenz verschonen, das fällt den menschlichen Tigern der Blutrache zum Opfer – nutzlos, hoffnungslos und unabänderlich! Ist ein Mord geschehen, so flieht der Mörder schleunigst aus der Heimath, und ihm folgen in der Regel seine nächsten Verwandten. Verzeihung ist von den Verletzten das heißt allen Verwandten des Gemordeten, schwer zu erlangen und erfordert die umständlichsten Vorbereitungen oder heimlichen Unterhandlungen, welche in solchem Falle sich oft jahrelang fortspinnen. Im günstigsten Falle treibt die Habsucht der verletzten Partei schneller zu einer Ausgleichung. Dann wird gewöhnlich ein mit theatralischen Schaustellungen verknüpfter Auszug der Büßenden zum Hause der Feinde in Scene gesetzt. An der Spitze des Zuges schreitet ein Geistlicher im Ornate, hinter ihm werden einige Säuglinge in Wiegen getragen; dann tritt die Hauptfigur des Zuges hervor, nämlich der Mörder; er trägt einen Strick um den Hals, an welchen zugleich ein Yatagan (kurzes Schwert) gehängt ist; die Augen sind ihm verbunden, die Arme gefesselt. Seine ruhigen Mienen müssen tragischen Ausdruck haben. Der Priester entwickelt nach der Ankunft des Zuges, dem alle Verwandten des Büßenden folgen, seine Beredsamkeit, mahnt mit Hindeutung auf die Säuglinge in der Wiege an die Christenpflicht des Vergebens und wird unter lautloser Stille angehört. Man ist an eine längere Dauer solcher Ceremonien gewöhnt, und das halsstarrige Sträuben der um Verzeihung Gebetenen läßt ohnedies einen prosaischen schnellen Abschluß dieser Hauptaction nicht eintreten.

Endlich giebt das Haupt der verletzten Partei das Signal der nahenden Versöhnung, indem er eine der Wiegen erfaßt, dreimal umdreht und dann niedersetzt. Gleiches thut sein Anhang mit den übrigen Wiegen. Das Unglaublichste, was auf diesen traditionellen Act folgt, ist eine allgemeine Umarmung des Reuigen, welcher endlich losgebunden wird. Hierauf wird die Buße festgesetzt, und zum einstweiligen Pfande legen die Sippen des Begnadigten verschiedene Kostbarkeiten namentlich Waffen nieder. Das so tragisch begonnene Ceremonielstück endigt mit einer Schmauskomödie. Nicht allzu selten schließen bei dem Versöhnungsschmause gerade die beiden früheren Todfeinde Freundschaft, das heißt Blutsbruderschaft, und zwar mit der bekannten Ceremonie, daß Jeder das mit Branntwein gemischte Blut des Andern trinkt. Solche Brüderschaft gilt für besonders heilig und unverletzlich. Man schwört sich dadurch Treue und Gemeinschaft bis zum Tode. Selbst der leibliche Bruder wird oft nicht so hochgehalten, wie ein Blutsbruder. Blutsbrüder theilen ihr Gut, ihre Waffen, ihre Kleider, ihr Lager und halten im Kampfe gegen Landes- und Stammesfeinde fest zusammen, bis der Tod sie trennt.

Alles Sinnen und Trachten der männlichen Hälfte dieses Volks ist eben auf Kampf und Krieg gerichtet, und alle Lebensgewohnheiten gründen sich auf das ihnen fast angeborene kriegerische Wesen. Der einzige und höchste Stolz des Albanesen ist, als Kriegsheld (Palikar) gerühmt zu werden. Dagegen ist er in Friedenszeiten ein höchst unnützes Mitglied der Gesellschaft; sehr träge und faul, ohne jede Neigung für Gewerbethätigkeit, arbeitet er eigentlich nur dann, wenn die „schlechten Zeiten“ keinen Kampf, Raub oder sonstige lustigere Dinge in Aussicht stellen oder die äußerste Noth dazu treibt. Unter Tausenden sind nur Wenige, welche als Handwerker (Bäcker, Fleischer) auswärts ihr Unterkommen suchen. Alle Uebrigen fristen in den Bergen ihr Dasein mit Viehzucht und etwas Ackerbau, welcher freilich auf die primitivste Weise betrieben wird, vielleicht noch gerade so, wie zu Herodot’s oder Homer’s Zeiten. Ein gänzlicher Mangel an Schulbildung schließt diese Neu-Pelasger von der Cultur des Abendlandes weit mehr als die slavischen Halbasiaten ab. Auch das Meer bleibt ihnen verschlossen, obwohl sie es dicht vor sich sehen, und es ist keine Spur von der Lust an Seeabenteuern und nicht einmal an Seeräuberei, welche ihre illyrischen Vorfahren an allen Küsten des Mittelmeeres gefürchtet machte, auf diese ihnen so ungleichen Nachkommen übergegangen.

Wie alle noch nicht von der Cultur berührten Völker huldigen die Albanesen dem Aberglauben in allen denkbaren Gestalten des Unsinnigen; sie glauben an den „bösen Blick“, an „umgehende Verstorbene“, an „Dämonen“, an „Unglückstage“ und auch an „geschwänzte Menschen“. Der Aberglaube bezüglich der „Umgehenden“ stammt muthmaßlich von dem hochsensationellen Vampyrismus der slavischen Nachbarn. Jedenfalls liegt solchem Auferstehungswahne die Furcht vor der Rache erschlagener Feinde zu Grunde, wie ja überall unter Wilden Furcht und Gewissensangst Dämonen erzeugen, aus denen sich nach und nach Götzenculte entwickeln.

Nach dem Obigen sollte man auf eine lebhafte Phantasie oder gar poetische Begabung der albanesischen Bergbewohner schließen, aber dagegen spricht die Trockenheit und Dürftigkeit ihrer überlieferten Volkslieder und sonstiger poetischer Ueberreste, von denen höchstens die Klagelieder auf gefallene Helden über dem Niveau des Gewöhnlichen stehen, während die sogenannten Liebeslieder, das heißt Volks- oder Rundgesänge, nichts von erotischer Gluth, schwärmerischem Idealismus oder dergleichen enthalten und sogar durch allerlei Spott oder Hohn auf die Frauen verunziert sind. Ihr Stil entspricht etwa dem unserer Schnadahüpfl. – Die Sprache der Albanesen hat sich aus altillyrischen Grundformen und Beimischungen aus dem Alt- und Neugriechischen, Lateinischen, Gothischen, Slavischen und Türkischen zusammengefügt. Unter den christlichen Nordalbanesen schreiben die Wenigen, welche überhaupt schreiben lernten, theils mit lateinischen, theils mit griechischen Buchstaben, lateinisch die Römisch-Katholischen und griechisch die Griechisch-Orthodoxen. Die beiden in vieler Beziehung sehr verschiedene Stämme der toskischen und der gegischen Albanesen, von denen die ersteren Süd- und Mittelalbanien, die letzteren Nord- oder Oberalbanien bewohnen, sind ganz besonders auch durch die Sprache so sehr von einander unterschieden, daß sie sich gegenseitig kaum verstehen. Am meisten aber trennt der Glaube, der die Bewohner Albaniens in Mohammedaner (Mehrzahl in Süd- und Miltelalbanien), Griechisch-Orthodoxe und Römisch-Katholische (Mehrzahl in Nordalbanien) scheidet. Das Land als geographischer Begriff umfaßt das Bilajet Skutari [744] (Skodra), Theile des Vilajets Janina, Saloniki und Kossowo (die Sandschakate Prisrend und Prischtina) mit einem Flächencomplex, der von 50,000 bis zu 91,400 Quadrat-Kilometer angegeben wird, und nach ebenfalls nur annähernder Schätzung mit 11/4 bis 12/3 Millionen Bewohnern. Die Kopfzahl der Albanesen überhaupt ist schwerer zu ermitteln. Man hat auf die Türkei 13/5 Millionen, auf Unteritalien 180,000, auf Griechenland 200,000 gerechnet, also zusammen 1,980,000 Köpfe, aber das mag wohl um einige Hunderttausende zu hoch gegriffen sein.

Die zahlreichsten, eigenartigsten, tapfersten und interessantesten der Albanesenstämme sind jedenfalls die Miriditen, welche eine Art Bund von Stämmen Nordalbaniens bilden. Miridit oder Mirdit heißt soviel wie „Tapferer“, was nach dem Sinne von wilden, kriegerischen Völkern immer auch den Begriff der Rechtschaffenheit in sich faßt. In einem Kriege vermögen sie unter Anführung eines Bairaktar (Fahnenträger) 9 bis 10,000 Bewaffnete zu stellen. Da sie weder Tribut noch den Charadsch (Kopfsteuer) zu zahlen haben, außerdem mit den anderen Skipetarenstämmen allein unter allen Rajahs der Türkei das Privilegium besitzen, in die türkische Armee einzutreten, so bewahren sie sich stets ein großes Selbstbewußtsein und die denkbar freieste Stellung gegenüber der Regierung, welcher an der Heerfolge dieser Freiwillig-Gouvernementalen jetzt mehr als jemals gelegen sein muß. An ihrem Oberhaupte, dem Prink oder Prenk, welcher in dem Städtchen Oros residirt, hängen sie mit unverbrüchlicher Treue. Er gilt übrigens auch als ein Nachkomme des ruhmvollen Nationalhelden Skanderbeg (Bey Alexander), ist ihr oberster Richter, ihr Feldhauptmann und übt eine nur durch die Kanton-Aeltesten und das geistliche Oberhaupt, den Erzbischof von Skutari, eingeschränkte Gewalt aus. Von allen Römisch-Katholischen der Balkanhalbinsel sind sie die eifrigsten und bigottesten. Die aus der Propaganda in Rom nach Albanien geschickten Geistlichen sprechen die Landessprache, versuchen die albanesischen Barbaren auf jede Weise zu civilisiren, belehren sie in Handwerken, im Oliven-, Obst- und Weinbau und bewähren sich vielfach als kluge Beherrscher wilder Volksleidenschaften, jedoch will es ihnen nicht gelingen, aus wilden Jägern, Räubern, Wegelagerern und Kriegern friedliche, arbeitsame Menschen zu machen. Unter anderen Völkern können diese römischen Priester durch ihre unbedingte Herrschaft über die Weiber freilich mehr ausrichten, als hier, wo das Weib zur schmachvollsten Niedrigkeit und Einflußlosigkeit herabgedrückt ist. Die Miriditen zeichnen sich durch Freiheitsliebe und Tapferkeit aus; auch wird von ihnen große Wahrheitsliebe und Offenheit gegen Fremde gerühmt, aber desto barbarischer und unrühmlicher ist ihre Hinterlist, Tücke und Grausamkeit gegen Feinde, die sich im Kampfe zu thierischer Blutgier steigert. Ihr Stammes- und Glaubenshaß richtet sich nach allen Seiten, weniger noch gegen die mohammedanischen Unterdrücker des Heimathlandes, die ihre besonderen freiheitlichen Privilegien nicht anzutasten wagen, als gegen die Griechisch-Katholischen in und außer Albanien, am meisten gegen die nördlichen Todfeinde, die Montenegriner, und auch gegen die Griechen.

Die Geschichte Albaniens und seiner Bewohner reicht in die dunkel-graue Vorzeit der Thrako-Illyrier, oder vielmehr noch weiter, bis zu den nördlichen Anwohnern der alten Hellenen, den Pelasgern, zurück. Nach alten griechischen Autoren hieß Südalbanien lange Zeit Epeiros (das heißt Festland), im Gegensatz zum gegenüberliegenden Kerkyra, jetzt Korfu (das heißt Inselland). Der spätere Name Albanien bedeutet Kreideland oder weißes Hochgebirgsland (so ähnlich wie in England und Schottland „Albion“, „Albain“ oder „Albanach“). Von der Zeit an, wo es (um 168 bis 176 vor Christo) durch die Römer erobert und römische Provinz wurde, bis 1430 wo es für alle weitere Zukunft unter die Herrschaft der zur Hülfe herbeigerufenen Türken kam, hat das Land viele stürmische Wechsel des Regiments und eine fast endlose Folge von wüsten Metzeleien und mörderischen Parteikämpfen erlebt. Während der langen Türkenherrschaft, welche Albanien zur Barbarenöde machte, haben nur zwei Perioden allgemeines historisches Interesse: die Freiheitskriege unter der ruhmreichen Führung des Miriditenhelden Georg Kastriota (geboren 1404, gestorben 1467) oder Skanderbeg (Fürst Alexander) und die blutige Vernichtung des albanischen Adels unter der grausamen Tyrannei des Paschas von Janina, Ali von Tepelen, des letzten epirotischen Gewaltherrschers am Ende des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Skanderbeg war erst türkischer Vasall, benutzte aber den glänzenden Sieg Hunyadi’s, des Ungarn-Feldherrn, bei Nisch (1443), der die Türken schwächte und demüthigte, zum Abfall. In dreißig Tagen trieb er die Türken aus dem Lande, besiegte sie wiederholt und wurde beim Regierungsantritt Mohammed des Zweiten als rechtmäßiger Fürst Nordalbaniens anerkannt. Auch später im Bunde mit den Venetianern hat er seinen Namen durch glänzende Siege über die so gefürchteten Türken mit unvergänglichem Ruhme bedeckt und wurde von allen späteren Dichtern des Albanesenvolkes als Heros gefeiert und besungen. Je weniger seine Nachkommen zu Ruhm und Glanz, zu Ehre und Macht gelangten desto überschwenglicher feierte man den einzigen großen Nationalhelden des tapfern Albanesenstammes. Wie sollte auch ein Freiheitsheld, ein zweiter Skanderbeg unter den Albanesen erstehen, da sie sich in der Gunst ihrer türkischen Herren sonnen und stolz sind auf ihre Söldingsrolle. Völlig einig mit den unverbesserlichen Vernichtern der Cultur des Südostens, werden sie mit ihnen in Reihe und Glied fechten und untergehen, weil sie es in ihrer halsstarrigen Verblendung nicht besser wollen.

Bis dahin aber werden sich die Sümpfe ihrer Thäler und die Schneegefilde ihrer Berge noch häufig roth färben von grausam vergossenem Blute, und es wird unser deutscher Landsmann Mehemed Ali nicht der letzte Friedensbote gewesen sein, welcher der verbrecherischen Wildheit dieser Halbmenschen zum Opfer gefallen ist.

B. S.