Dienstanweisung an Angehörige der Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen der DDR (Schießbefehl)

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Titel: Dienstanweisung an Angehörige der Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen der DDR
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Entstehungsdatum: 1. Oktober 1973
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Quelle: Digitalisat der BILD-Zeitung; Kopie auf Commons
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[1] WS: Handschriftliche Seitenzahl 73, Stempel: BStU 000090[1]

Einsatzkompanie
Berlin den 25. April 1972 1. 10. 1973
AUFTRAG

Ausgehend von der Aufgabenstellung des VIII. Parteitages[2] ergeben sich für die Durchsetzung der Abgrenzung der sozialistischen DDR von der imperialistischen BRD große Aufgaben, deren konsequente Durchsetzung, den sicheren Schutz der Staatsgrenze der DDR erfordert.

Da der Gegner seine Hauptanstrengungen der politisch-ideologischen Diversion vor allem gegen die bewaffneten Organe richtet, und hier wieder insbesondere gegen die Grenztruppen, erwachsen dem MfS[3] zur Gewährleistung der inneren Sicherheit der Grenztruppen große Aufgaben.

Durch Ihren Einsatz sollen Sie dazu beitragen das MfS in dieser Tätigkeit wirkungsvoll zu unterstützen. Wir erwarten von Ihnen, daß Sie das in Ihnen gesetzte Vertrauen durch eine strikte Einhaltung der Konspiration, durch ein verantwortungsbewußtes, zielstrebiges und initiativreiches Handeln rechtfertigen und erteilen Ihnen dazu den folgenden Auftrag:

Sie erhalten den Auftrag, in Rahmen der Einführung in eine Schwerpunktkompanie der Staatsgrenze West[4] folgende Schwerpunktaufgaben zu erfüllen:


1. Verhinderung von Fahnenfluchten

Erkennen von Fahnenfluchtabsichten möglichst schon in der Vorbereitungsphase, um deren Verhinderung mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen zu gewährleisten.

[2] WS: Handschriftliche Seitenzahl 74, Stempel: BSTU 000091

a) um Fahnenfluchtabsichten bereits im Vorbereitungsstadium zu erkennen, ist es erforderlich:

  • Zu den Angehörigen der GK[5] schnell Kontakt herzustellen und diesen zu einem scheinbaren Vertrauensverhältnis auszubauen.
  • Die Stellung der betreffenden zur Fahnenflucht aufzuklären und deren Ursachen zu erforschen.
  • Die operative Bearbeitung fahnenflüchtig verdächtiger Personen entsprechend der vom verantwortlichen Abwehroffizier erhaltenen Instruktionen weiterzuführen.

Dabei gilt grundsätzlich, daß die Angehörigen[6] der GK unter keinen Umständen provoziert werden dürfen.

b) Um versuchte Fahnenfluchten während des Grenzdienstes zu verhindern, macht es sich notwendig,

  • daß Sie die Praxis - überlisten des zweiten Postens durch den Verräter - rechtzeitig erkennen und vereiteln. Aus diesem Grund dürfen Sie sich nicht von Ihrer Waffe trennen und die Kontrolle der Funktionstüchtigkeit muß unter unbedingter Einhaltung der Konspiration erfolgen;
  • daß Sie bei Notwendigkeit die Schußwaffe konsequent anwenden, um den Verräter zu stellen bzw. zu liquidieren. Nach erfolgreicher Anwendung der Schußwaffe haben Sie
    • die Waffe des Verräters an sich zu nehmen,
    • den Toten oder Verletzten der Einsichtmöglichkeit des Gegners zu entziehen,
    • Erste Hilfe zu leisten,
    • Meldung an den Führungspunkt zu erstatten,

[3] WS: Handschriftliche Seitenzahl 75, Stempel: BSTU 000092

  • daß Sie immer entsprechend der Grenzdienstvorschriften handeln und sich auf Grund dessen auf keinen Fall von Ihrem Posten trennen (auch unter Vorwand nicht).


2. Verhinderung von Grenzdurchbrüchen

Es ist Ihre Pflicht, Ihre Einzelkämpfer- und tschekistischen[7] Fähigkeiten so zu nutzen, daß Sie die List des Grenzverletzters durchbrechen, ihn stellen bzw. liquidieren, um somit die von ihm geplante Grenzverletzung zu vereiteln. Handeln Sie dabei umsichtig und konsequent, da die Praxis die Gefährlichkeit und Hinterhältigkeit der Verräter mehrfach beweist.

Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schußwaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zu nutze gemacht haben.

Nach erfolgter Anwendung der Schußwaffe haben Sie entsprechend der unter Punkt 1. genannten Maßnahmen zu handeln.


3. Aufklärung aller anderen Erscheinungsformen staatsfeindlicher Handlungen sowie deren Zurückdrängung bzw. Verhinderung.

a) Erscheinungsformen der politisch-ideologischen Diversion

  • organisierter Empfang von Westsendern[8] im Rundfunk und Fernsehen, auch individuell,
  • Besitz und Vertrieb feindlicher Presseerzeugnisse,
  • hetzerische und staatsverleumderische Diskussionen sowie die Verbreitung feindlicher Parolen,
  • Durchführung von Repressalien gegenüber positiv[9] auftretenden Genossen.

[4] WS: Handschriftliche Seitenzahl 76, Stempel: BSTU 000093

b) Mängel im Grenzdienst

  • Verlassen des Postenbereiches,
  • Ablegen der Waffen,
  • Schlafen im Grenzdienst und Vernachlässigung der Wachsamkeit,
  • Entfernung und unbrauchbarmachung von Grenzsicherungsanlagen,
  • vorschriftwidriges Verhalten im Grenzdienst (Tarnung, Lärm),
  • Vorkommnisse und Beobachtungsergebnisse nicht zu melden,
  • Kontaktaufnahmen zu Personen auf gegnerischem Gebiet,
  • Kontaktaufnahmen zu Zivilpersonen im Grenzgebiet,
  • Genuß von Alkohol im Grenzdienst.

c) EK-Bewegung

  • Alle Erscheinungsformen der EK-Bewegung[10], deren Mittel und Methoden sowie Umfang und Auswirkungen dieser
  • Wer sind die Rädelsführer?
  • Welche Zielsetzung wird dabei vefolgt?
  • Welche Repressalien werden gegen die anderen Soldaten wirksam?

d) Direkte und indirekte[11] Verbindungen ins kapitalistische Ausland und die dadurch möglichen Straftaten.

  • Wer von den Angehörigen der GK hat direkte oder indirekte Verbindungen ins kapitalistische Ausland, besonders in die BRD?
  • Wie ist der Charakter dieser Verbindungen?
  • Wird von dieser Verbindung nur im engsten Vertrautenkreis gesprochen und in den offiziellen Dokumenten (Fragebogen) verschwiegen?

[5] WS: Handschriftliche Seitenzahl 77, Stempel: BSTU 000094

  • Wer hat welche Gegenstände westlicher Herkunft und wie kommt er zu diesen?
  • Wer trifft planmäßig oder zufällig mit Bürgern der BRD in Ausgang und Urlaub zusammen? Wird darüber Meldung erstattet?[12]
  • Wer interessiert sich mehr, als zu seiner Dienstdurchführung notwendig, für militärische Belange?
  • Wer sammelt diesbezüglich Informationen und gibt diese weiter?
  • An wen werden diese weitergegeben und mit welcher Absicht und Zielstellung?

e) Weitere feindliche und negative Handlungen bzw. Erscheinungen,

  • Besitz und Vertrieb pornografischer Schriften und Bilder,[13]
  • Diskriminierung[14] von Vorgesetzten,
  • vorsätzliche Beschädigung oder Entwendung von Volkseigentum[15],
  • negative Beeinträchtigung der Einsatzbereitschaft,
  • Nichtausführung und Verweigerung von Befehlen bzw. Anordnungen,
  • Besitz von Waffen und Schwarzmunition[16],
  • jegliche Mängel in der Dienstdurchführung,
  • Verstöße gegen die Geheimhaltung,
  • wer gibt die Organisation der Grenzsicherung preis (auch teilweise), um beabsichtigte Grenzdurchbrüche zu ermöglichen.

Alle unter dem Punkt 3 genannten Aufgaben haben Sie anal[17] des erhaltenen Komplexauftrages zu erfüllen.

[6] WS: Handschriftliche Seitenzahl 78, Stempel: BSTU 000095

4. Weitgehende Klärung der Frage "wer ist wer"? - unter dem Personalbestand der GK

Um im Verlauf Ihres Einsatzes in der GK diese Fragen erfolgreich beantworten zu können, ist es notwendig,

  • schnellstens Kontakt zu den Genossen der GK, besonders der Gruppe und des Zuges zu suchen, ihn auszubauen und zu festigen
  • den hergestellten Kontakt zur tiefgründigen Erarbeitung der Persönlichkeitsbilder zu nutzen
  • die in diesem Zusammenhang vom Abwehroffizier erhaltenen[18] Instruktionen zu beachten und Fragen bzw. Widersprüche zu klären.
  • nicht nur Wahrnehmungen und Feststellungen zu treffen, sondern in das Wesen dieser einzudringen.
  • vorhandene Widersprüche im Verhalten einzelner Genossen festzustellen und deren Ursachen zu ergründen (z. B. offizielle Äußerungen gegenüber Vorgesetzten und Äußerungen im engsten Vertrautenkreis).

In jedem Fall haben sie darüber in schriftlicher Form zu berichten (auch wenn es sich um positive und zuverlässige Genossen handelt), da Sie die Frage "wer ist wer" nur so dem verantwortlichen Abwehroffizier beantworten können.


5. Nutzung von Kontaktaufnahmen von westlicher Seite

An möglichen Kontaktaufnahmen beteiligen Sie sich, wenn

  • Sie als Posten eingeteilt sind und Sie Ihren Postenführer vor den möglichen Folgen gewarnt haben;
  • Sie mit einem unserer Genossen ein Postenpaar bilden und Sie die absolute Gewißheit haben, daß sie nicht beobachtet werden.

[7] WS: Handschriftliche Seitenzahl 79, Stempel: BSTU 000096

Auf keinen Fall dürfen Sie den Kontakt zu Personen auf westlicher Seite suchen.

Wenn Sie als Postenführer eingesetzt sind und der Posten ein Angehöriger der GK ist, gehen Sie Kontaktaufnahmen und -versuchen aus dem Weg.

Die vorgenannten Hauptaufgaben müssen von Ihnen aktiv und zielstrebig in Verbindung mit dem Komplexauftrag erfüllt werden. Ihre Auftragserfüllung dürfen Sie keinesfalls dem Zufall Überlassen.

Dabei sind die grundsätzlichen Einsatzprinzipien, die Ihnen nachdrücklich erläutert wurden, unter allen Umständen einzuhalten und ein Höchstmaß revolutionärer Wachsamkeit an den Tag zu legen.

Die Notwendigkeit und Bedeutung des bevorstehenden Einsatzes ist mir klar und ich versichere deshalb, durch klassenbewußtes, verantwortungsbewußtes und tschekistisch kluges Verhalten den Auftrag mit maximalem[19] Erfolg zu erfüllen. Über alle den Auftrag entsprechenden Wahrnehmungen, Feststellungen und erlangten Informationen werde ich umfangreich, objektiv und ehrlich Bericht erstatten.

Zur Kenntnis genommen: WS: Unterschrift geschwärzt

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
  2. gemeint ist der VIII. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vom 15. bis 19. Juni 1971 auf dem die sogenannte Politik der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik beschlossen wurde. Er war der Beginn der Ära Erich Honeckers.
  3. Ministerium für Staatssicherheit, Inlands- und Auslandsgeheimdienst der DDR
  4. gemeint sind die Grenzen zur Bundesrepublik und zu Westberlin
  5. aus dem Inhalt des Dokumentes ergibt sich, dass hier wohl Grenzkompanie gemeint ist
  6. WS: Schreibfehler:KAngehörigen
  7. Das Wort „tschekistisch“ wird hier in der Bedeutung geheimdienstlich verwendet. Der Begriff stammt von der Tscheka, der Geheimpolizei im bolschewistischen Russland von 1917 bis 1922, in deren Tradition sich die Mitarbeiter des MfS sahen.
  8. Gemeint sind Fernseh- und Radio-Sender der Bundesrepublik und Westberlins. Deren Empfang war den Angehörigen der Grenztruppen und der NVA verboten.
  9. WS: Schreibfehler:psoitiv
  10. EK = Entlassungskandidat. So wurden Wehrdienstleistende im dritten Diensthalbjahr im Soldatenjargon bezeichnet. Als Zeichen ihrer baldigen Entlassungen trugen EK während der letzten 150 Diensttage ein Massband bei sich, von dem jeden Tag ein Zentimeter abgeschnitten wurde. Im Zusammenhang mit der EK-Bewegung kam es häufig zu erniedrigenden Repressalien gegenüber Soldaten aus jüngeren Diensthalbjahren. Anfänglich wurde in der NVA diese Bewegung geduldet, seit den 1970 Jahren aber steng verboten und bekämpft, da es teilweise zu Todesfällen kam und die Disziplin stark litt.
  11. WS: Schreibfehler:indorekte
  12. Der Kontakt zu Bürgern der Bundesrepublik oder einem anderen westlichen Land, während des Urlaubs oder Ausgangs (seien es Verwandte oder ein Gespräch in einer Kneipe) mussten von Angehörigen der Grenztruppen oder der NVA unverzüglich einem Vorgesetzten angezeigt werden.
  13. Der Besitz von Pornografie war in der DDR verboten. Meist wurde diese als „Schmutz- und Schundliteratur“ bezeichnet.
  14. WS: Schreibfehler:Diskreminierung
  15. so wurde das Staatseigentum der DDR bezeichnet
  16. Munition, die von einem Soldaten entwendet wurde. Der Besitz von Waffen und Munition war in der DDR streng verboten.
  17. wohl „analog“
  18. der Rest der Zeile ist nicht zu entziffern und wurde nach http://www.woschod.de/wp-content/uploads/2007/08/schiessbefehl.pdf ergänzt.
  19. WS: Schreibfehler:maximalen