Diotima an Hyperion XLIII

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hölderlin
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Titel: Hyperion – Diotima an Hyperion XLIII
Untertitel: oder der Eremit in Griechenland – Zweiter Band
aus: Hyperion oder der Eremit in Griechenland von Friedrich Hölderlin. Erster Band. Tübingen 1799; S. 31–34
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: o. A.
Erscheinungsdatum: 1799
Verlag: J. G. Cotta'sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: www.hoelderlin.de
Kurzbeschreibung:
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DIOTIMA AN HYPERION


     Ich hatte die meiste Zeit mich eingeschlossen seit du fort bist, lieber Hyperion! Heute war ich wieder einmal draussen.

     In holder Februarluft hab’ ich Leben gesammelt und bringe das gesammelte dir. Es hat auch mir noch wohlgethan, das frische Erwarmen des Himmels, noch hab’ ich sie mitgefühlt, die neue Wonne der Pflanzenwelt, der reinen, immergleichen, wo alles trauert und sich wieder freut zu seiner Zeit.

     [32-33] Hyperion! o mein Hyperion! warum gehn wir denn die stillen Lebenswege nicht auch? Es sind heilige Namen, Winter und Frühling und Sommer und Herbst! wir aber kennen sie nicht. Ist es nicht Sünde, zu trauern im Frühling? warum thun wir es dennoch?

     Vergieb mir! die Kinder der Erde leben durch die Sonne allein; ich lebe durch dich, ich habe andre Freuden, ist es denn ein Wunder, wenn ich andre Trauer habe? und muss ich trauern? muss ich denn?

     Muthiger! lieber! sollt’ ich welken, wenn du glänzest? sollte mir das Herz ermatten, wenn die Siegslust dir in allen Sehnen erwacht? Hätt’ ich eh’mals gehört, ein griechischer Jüngling mache sich auf, das gute Volk aus seiner Schmach zu ziehn, es der mütterlichen Schönheit, der es entstammte, wieder zu bringen, wie hätt’ ich aufgestaunt aus dem Traume der Kindheit und gedürstet nach dem Bilde des Theuren? und nun er da ist, nun er mein ist, kann ich noch weinen? o des albernen Mädchens! ist es denn nicht wirklich? ist er der Herrliche nicht, und ist er nicht mein! o ihr Schatten seeliger Zeit! ihr meine trauten Erinnerungen!

     Ist mir doch, als wär’ er kaum von gestern, jener Zauberabend, da der heil’ge Fremdling mir zum erstenmale begegnete, da er, wie ein trauernder Genius, hereinglänzt’ in die Schatten des Walds, wo im Tugendtraume das unbekümmerte Mädchen sass - in der Mailuft kam er, in Joniens zaubrischer Mailuft und sie macht’ ihn blühender mir, sie lokt’ ihm das Haar, entfaltet’ ihm, wie Blumen, die Lippen, löst’ in Lächeln die Wehmuth auf und o ihr Stralen des Himmels! wie leuchtetet ihr aus diesen Augen mich an, aus diesen berauschenden Quellen, wo im Schatten umschirmender Bogen ewig Leben schimmert und wallt! -

     Gute Götter! wie er schön ward mit dem Blik’ auf mich! wie der ganze Jüngling, eine Spanne grösser geworden, in leichter Nerve dastand, nur dass ihm die lieben Arme, die bescheidnen niedersanken, als wären sie nichts! und wie er drauf emporsah im Entzüken, als wär’ ich gen Himmel entflogen und nicht mehr da, ach! wie er nun in aller Herzensanmuth lächelt’ und erröthete, da er wieder mich gewahr ward und unter den dämmernden Thränen sein Phöbusauge durchstralt’, um zu fragen, bist dus? bist du es wirklich?

     Und warum begegnet’ er so frommen Sinnes, so voll lieben Aberglaubens mir? warum [34] lokt’ er erst sein Haupt gesenkt, warum war der Götterjüngling so voll Scheuns und Trauerns? Sein Genius war zu seelig, um allein zu bleiben, und zu arm die Welt, um ihn zu fassen. O es war ein liebes Bild, gewebt von Grösse und Leiden! Aber nun ists anders! mit dem Leiden ists aus! Er hat zu thun bekommen, er ist der Kranke nicht mehr! -

     Ich war voll Seufzens, da ich anfieng dir zu schreiben, mein Geliebter! Jezt bin ich lauter Freude. So spricht man über dir sich glüklich. Und siehe! so solls auch bleiben. Lebe wohl!