Du riechst mir zu gut!

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: „Du riechst mir zu gut!“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 543–544
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus den Erinnerungen einer Hebamme. Nr. 2.
Blätter und Blüthen
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[543] Aus den Erinnerungen einer Hebamme. 2. „Du riechst mir zu gut!“ – Andere Augen habe ich freilich nicht als die übrigen Menschen des Städtchens, aber dennoch sehe ich so Vieles anders, als diese.

Da geht eine Familie der Straße entlang, ein junger eleganter Mann, eine schöne blühende Frau und an ihrer Hand ein prächtiger Knabe von vier Jahren. Die Freude wie der Neid blickt der anmuthigen Gruppe nach, übereinstimmend in dem Ausruf: „Sind das glückliche Menschen!“ – Nur eine Kleinigkeit bemerkt Niemand: den leisen Schmerzenszug um den Mund der schönen Frau und den Hauch von Kälte, der auf ihrem Gesichte ruht, wenn nicht das Kind ihn hinweglächelt.

Ich grüße sie wie alle Anderen und sie grüßt mich ebenso, aber in ihrem Blick auf mich liegt der schwere Seufzer: „Sei Du nur still! O, wenn die Leute wüßten – –“

Eines Tages wurde ich zu einer Dame gerufen, welche ihrer zweiten Entbindung entgegenging. Auch der Herr Gemahl war zugegen. Ein erquickendes Bild seligster Eintracht, als dieses junge Paar mir bot, hatte mir noch nicht vor Augen gestanden. Beide wetteiferten förmlich in Aeußerungen ihrer Zärtlichkeit und im Austausch von klagendem Mitgefühl von seiner und erheiterndem Trost von ihrer Seite. Auf ihre ausdrückliche Bitte verließ er uns endlich, um uns für unsere Frauenberathung allein zu lassen, legte mir aber die äußerste Gewissenhaftigkeit für sein geliebtes Weib mit der rührendsten Sorge an’s Herz.

Es freute mich, daß die Dame mir so viel Vertrauen schenkte, im fröhlich aufperlenden Gefühl ihres Glückes mir leuchtenden Auges zu sagen, ihre Ehe sei ein Bund reinster Liebe, der sogar gegen den Willen ihrer Eltern geschlossen worden sei und nun selbst von diesen gesegnet werde, weil noch kein einziger trüber Schatten auf ihren gemeinsamen Lebensweg gefallen sei, denn selbst der Tod ihres ersten Kindes sei als ein gemeinsamer Schmerz nur zu neuem Kitt für ihren treuen Liebesbund geworden. „Ich kann Gott nicht genug danken,“ sagte sie, „nicht einmal in die allgemeinste Hausfrauenklage, in die über die Dienstboten, brauche ich einzustimmen, denn auf unser Mädchen kann ich mich in allen Dingen so verlassen, daß ich einem Wochenbett vollkommen sorglos entgegensehen darf.“ Letzteres gereichte auch mir zum Trost, und so freute ich mich im Voraus auf die Tage, welche ich in diesem kleinen Menschenkreise zubringen sollte.

Vier Wochen später wurde ich gegen Abend eiligst zu meiner Dame gerufen. Als ich ankam, brachte ein Bote, der zu der von mir für diesen Fall bestimmten erprobten Wartefrau geschickt worden war, die Nachricht, daß diese bedenklich erkrankt zu Bett liege. Wie sehr ich dies auch bedauerte, so hielt ich es für den Augenblick doch nicht für so störend, weil mit dem Dienstmädchen der Patientin bei dessen Tüchtigkeit und Willigkeit leicht über die ersten Tage hinüberzukommen sein werde.

Ich ging denn ohne Sorgen zu der jungen Frau und erzählte ihr ruhig das kleine Mißgeschick. Wie erstaunte ich aber, als sich bei meiner Mittheilung die Züge der Dame mit einem Male auf das Merkwürdigste veränderten und sie mit unbeschreiblicher Bitterkeit in die Worte ausbrach: „Reden Sie mir nicht von meinem Dienstmädchen! Ach, wohin ist mein Glück, liebe Frau! Wohin ist das! Das ist dahin auf ewig! Hören Sie. Vorgestern kam mein Mann von einer kleinen Reise zurück und, wie allemal, brachte er mir auch diesmal eine Ueberraschung mit, und zwar ein schmuckes Kästchen mit Parfümerien, Pomaden u. dergl., über das ich herzliche Freude empfand. Heute Morgen stand ich früher auf als mein Mann und rief dem Mädchen, damit es das Frühstück hole. Es kam auch sofort, flink wie immer, aber diesmal mit köstlich duftendem Haar. Im ersten Augenblick vermuthete ich, mein Kästchen habe geheime Dienste leisten müssen, – allein plötzlich fuhr mir ein Stich durch’s Herz und ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. Das Mädchen ging, ich eilte in die Kammer desselben, – und da stand dasselbe Kästchen, wie das meine, und ein werthvoller Shawl lag noch außerdem daneben – Wie ich wieder in die Stube gekommen, weiß ich nicht, klar war mir nur das Eine, daß die Person sofort das Haus verlassen müsse. Ich zählte den ihr noch zukommenden Lohn auf den Tisch, und als sie vom Bäcker zurückkam, dies sah, ihre Entlassung erfuhr und erschrocken fragte: ‚aber um Gotteswillen, warum denn, Madame?‘ habe ich ihr nichts geantwortet, als: ‚Du riechst mir zu gut!‘ – Blutroth und ohne ein Wort zu erwidern ging sie, packte ihre Sachen und rief weinend zur Thür ‚Adieu‘ herein, als sie das Haus verließ. Als endlich mein [544] Mann zum Frühstück kam, war er erstaunt, sich von mir allein bedient zu sehen; mit zitternder Stimme sagte ich ihm, daß ich die Magd soeben des Dienstes entlassen hätte, weil sie mir zu gut röche. Und mein Mann verlangte kein Wort der Erklärung darüber, liebe Frau, kein einziges Wort der Erklärung – auch die gewohnte zweite Tasse Kaffee verlangte er nicht – er ging, und ich weiß nun, wie schändlich ich hintergangen worden bin!“

Meine Pflicht gebot mir, für möglichste Beruhigung der tief erregten Patientin zu sorgen; ihre schwere Stunde war, in Folge der tiefen Seelenerschütterung, vielleicht rascher herbeigekommen, als dies beim ungestörten Gang ihres Herzenslebens geschehen wäre. Zu meinem Erstaunen erschien jetzt auch der Herr Gemahl, und er wich nicht vom Schmerzenslager seiner Gattin, bis Alles überstanden war. Seine Zärtlichkeiten fanden indeß keine Erwiderung; kalt ruhte ihre Hand in der seinen, ihr Mund hatte keinen anderen Trost für ihn, als durch Fragen abgezwungene Antworten, ihr Auge schreckte seinen scheuen Blick zu Boden und sprach fast Verachtung als der Knabe, den ihm sein Weib geboren, auf seinen Armen lag und er im Tone der ehemaligen Herzlichkeit ein glühendes Gebet an Gott richtete, ihm diesen Engel nicht zu rauben, wie ihren ersten. Es schien kein Sonnenblick der Freude an diesem Wochenbett – ich war froh, als ich endlich das mir unheimlich werdende Haus des äußerlich gepriesenen Glücks verlassen konnte.

Das ist die von den Blicken der Neids und der Freude begleitete Familie. Es ist später nie wieder ein Wort zwischen der Dame und mir über ihre Ehe gewechselt worden; sie hat meiner auch nicht mehr bedurft. Das nur sehe ich, daß die Liebe zu ihrem Knaben ihr die Oede ausfüllt, welche der Gatte in ihr Leben gebracht. Das ist die tadellose Ehe, die im Städtchen als Muster für Alle gilt – das ist der liebevolle Mann, die glückliche Frau – die gebrochenen Herzen sieht Niemand, denn vor ihnen lächelt das einzig glückliche Kind.