Dunkle Gewerbe am Wege der Wissenschaft

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. K.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Dunkle Gewerbe am Wege der Wissenschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Archäologische Fälschungen
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[447]
Dunkle Gewerbe am Wege der Wissenschaft

Mit dem Fortschritte der Kultur treten innerhalb der menschlichen Gesellschaft nicht allein neue Anschauungen, neue Bedürfnisse, neue Genüsse und neue Krankheiten, sondern auch neue Arten von Schwindelei und Betrügerei auf. Der Giftmischer von früher, der aus Rache oder, um eine Erbschaft zu erlangen, einen Einzelnen aus dem Wege räumte, bleibt weit hinter den Massenmördern zurück, die nicht davor zurückschrecken, ganze Schiffe oder Eisenbahnzüge in die Luft zu sprengen, um Entschädigungen von Versicherungsgesellschaften zu erschwindeln. Neben diesen grausenvollen Verbrechen, die aber glücklicherweise doch nur höchst selten zur Ausführung gelangen, treffen wir auf eine Art von Schwindelei, die, wenigstens in ihrer fast geschäftsmäßigen Ausübung, der neuesten Zeit angehört und die Ausbeutung wissenschaftlicher Bestrebungen zum Ziele hat. Wir meinen die Fälschung von Objekten, besonders solcher, welche in das Gebiet der Alterthumsforschung und Urgeschichte fallen. Vereinzelt sind Fälschungen dieser Art stets vorgekommen, aber systematisch betrieben wurden sie doch wohl erst seit den letzten Jahrzehnten.

Eines der merkwürdigsten Beispiele dieser Art sind Fälschungen von Briefen bedeutender historischer Persönlichkeiten, durch welche ein gewisser Lucas gegen Ende der sechziger Jahre den berühmten französischen Gelehrten Chasles und durch diesen die halbe wissenschaftliche Welt Frankreichs zum Besten hielt, dabei aber für seine Fabrikate 5000 Franken einheimste. Ursprünglich sollten diese „Dokumente“ nur beweisen, daß nicht der Engländer Newton, sondern der Franzose Pascal der Entdecker des Weltgesetzes der Schwere sei. Als die Briten dawider demonstrirten und bemerkten, Pascal sei zur Zeit des Auftretens von Newton noch ein Kind gewesen, brachte Chasles ein neues „Dokument“, welches bewies, daß dieses Kind bereits einen gelehrten Briefwechsel mit Galilei geführt habe. Nun erhoben sich die italienischen Gelehrten und erinnerten daran, daß Galilei zu jener Zeit bereits blind gewesen, worauf Chasles ein weiteres „Dokument“ hervorzog, in dem Galilei erklärte, er sei gar nicht blind, sondern verstelle sich nur, um seine Feinde irre zu führen. In dieser Weise spann sich der Streit immer weiter; wurde der „Gelehrte“ Chasles in die Enge getrieben, so trug ihm der schlaue Fälscher emsig neue Dokumente zu und ging endlich so weit, sogar Briefe Karl’s des Großen, Zuschriften von Julius Cäsar, zuletzt selbst Originalschreiben der Apostel dem gelehrten Forscher im verkaufen. Man weiß in der That nicht, wer einfältiger war, der Fälscher, der Apostelbriefe verfaßte, oder der Gelehrte, der sie als echt kaufte und vertheidigte. Natürlich endigte die Sache zuletzt mit einem eklatanten Krach, und der Fälscher wanderte ins Zuchthaus.

Um dieselbe Zeit arbeiteten in Nordamerika zwei Männer, H. B. Morton und George Hull daran, einen urgeschichtlichen Fund von möglichst hohem (Geld-) Werthe zu fabriciren. Sie verfielen darauf, einen versteinerten Riesen herzustellen, denselben zu vergraben und dann mit möglichst viel Pomp aufzufinden. Die Beschaffung eines genügend großen Steines erforderte die meiste Mühe. Endlich fand man einen solchen, doch mußte er hundert Meilen weit auf Ochsenwagen transportirt und bei Nacht und Nebel in einer Scheune zu Chicago abgeladen werden. Diese Scheune wurde innen mit Teppichen ausgkleidet, und nun arbeitete – ein Bildhauer zwei Monate lang daran, den Riesen herauszumeißeln. Nachdem dies geschehen, wurde ihm durch Säuren und Farbstoffe ein verwittertes Aeußere gegeben, dann packte man ihn in eine große eisenbeschlagene Kiste und schaffte diese mit vieler Mühe nach dem Staate New-York, wo der Riese vergraben und am 16. Oktober 1869 „zufällig“ aufgefunden wurde. Diese Entdeckung machte großes Aufsehen; allein die Fälscher geriethen bald einander in die Haare, und im März verrieth einer derselben den ganzen Schwindel.

Nichts desto weniger erschien ein paar Jahre später ein neuer „steinerner Mann“, den Herr Conant in der Nähe von Puebla entdeckt haben sollte oder wollte. Dieses Gebilde war 7½ Fuß lang und 300 Kilo schwer; es wurde behauptet, er sei der endlich gefundene Beweis für die Hypothese von der Abstammung des Menschen vom Affen, man könne solches besonders an der Stirn des versteinerten Mannes sehen. Vielleicht hat es Narren gegeben, die an die Echtheit desselben glaubten, für jeden nüchtern Denkenden war der Betrug aber doch etwas zu plump.

Viel schlauer und billiger faßten Arbeiter in Europa die Sache an, indem sie vorgeschichtliche Werkzeuge nachmachten und den Forschern als echt verkauften. Vorzugsweise blüht dieses Gewerbe in den Steinbrüchen von Amiens, in jener Gegend, in welcher der geniale Boucher de Perthes zuerst die Spuren der Thätigkeit des vorgeschichtlichen Menschen in roh behauenen Steinwerkzeugen erkannt hatte. Der Umstand, daß Forscher und Sammler aus allen Theilen Europas nach Amiens und Abbeville kamen, um die gefundenen Steinartefakte zu hohen Preisen zu kaufen, führte die Arbeiter auf den naheliegenden Gedanken, solche Steinwerkzeuge selbst zu machen. Das ist natürlich leicht genug, denn was der vorgeschichtliche Wilde aus einem Flintsteinknollen zusammenschlagen konnte, ist für einen intelligenten heutigen Arbeiter eine Kleinigkeit. So kommen denn diese Leute nach Feierabend oder auch Sonntags in den Steinbrüchen zusammen und fabriciren „vorgeschichtliche Waffen“. Die Steine sind in Menge zur Hand, ein alterthümliches Aussehen wird ihnen mit Thonwasser gegeben und die dem Alterthumsforscher bekannte Glätte durch Reiben an den Kleidern leicht hervorgebracht. Die sogenannten Steinpfeilspitzen werden auch bisweilen mit Oel gerieben und dann über Feuer gehalten, oder man steckt sie eine Zeit lang in feuchte Erde, vergräbt sie in Düngerhaufen u. dergl. Um möglichst sicher zu gehen, studiren manche dieser Fälscher kostbare echte Stücke in den Sammlungen und orientiren sich aus Büchern über Beschaffenheit und Aussehen seltener Artefakte. Einzelne Arbeiter erwarben sich auf diese Weise – durch Theorie und Praxis – eine größere Routine in Beurtheilung solcher Stücke, als mancher Forscher von Profession besitzt. Wie schwungvoll dieses Fälschergeschäft dort betrieben wird und wie groß also die Zahl der Dummen ist, die noch immer darauf hereinfallen, beweist die Thatsache, daß ein Händler in Amiens gedruckte Preiskourante verschickt, in denen er gefälschte prähistorische Objekte als solche anbietet mit der Empfehlung, sie seien „von schlauen Arbeitern“ angefertigt.

Gelegentlich der Ausgrabungen in der Thäynger Höhle bei Schaffhausen kamen eingekratzte Zeichnungen auf Knochen des Renthiers zu Tage, die also von Menschen der Eiszeit ausgeführt worden sein müssen und deßhalb einen hohen wissenschaftlichen und pekuniären Werth repräsentiren. Dadurch gerieth ein Arbeiter auf die Idee, dergleichen Zeichnungen nachträglich auf solche urweltliche Knochenstücke eingraviren zu lassen. Er beauftragte hiermit einen Knaben, der denn auch das Bild eines Bären und eines Fuchses einkritzelte und sich als Vorlage einiger Illustrationen von Leutemann bediente. Den Sachkennern kamen diese Stücke zwar etwas eigenthümlich vor, denn die Umrisse der beiden Thiere waren so charakteristisch, daß man schon ein sehr großes Vertrauen in die künstlerische Befähigung des Urmenschen setzen mußte, um anzunehmen, sie hätten solche Zeichnungen bloß mit Feuersteinsplittern auf Renthierknochen eingekratzt. Der Verdacht war also da, allein den ersten sicheren Nachweis der Fälschung lieferte der Zufall, indem dem Archäologen Lindenschmit die Leutemann’schen Zeichnungen in dem Buche „Die Welt der Jugend“ zu Gesichte kamen, während er eine Kopie der Thäynger Zeichnungen vor sich hatte. „Sonderbar, ja wunderbar,“ rief der gelehrte Forscher, „wie kann wohl der urweltliche Kunstgenosse eine Ahnung von den Darstellungen Leutemann’s gehabt haben, und wie hat dieser eine so zutreffende Erinnerung urweltlicher Kunstversuche geben können, die erst sechs Jahre nach seinen Zeichnungen ans Tageslicht kamen? Das Räthsel dieser Erscheinung findet seine ganz natürliche Lösung darin, daß die Darstellungen Leutemann’s, welche von unserer Jugend so oft schon in Schreibhefte, auf Schiefertafeln und in Schulbücher kopirt wurden, auch einmal auf dem weniger üblichen und geeigneten Materiale von urweltlichen Knochen zur Nachbildung gelangt sind.“ Die Richtigkeit dieses Schlusses fand durch die polizeilichen Erhebungen ihre Bestätigung. Aehnlich mag es sich mit manchen anderen Zeichnungen und Schnitzereien [448] aus der vorhistorischen Zeit der europäischen Menschheit verhalten. Wenigstens ist es schwer zu begreifen, wie die wilden Renthierjäger der Eiszeit, die Jahrtausende vor der Gründung von Athen und Rom lebten, dazu gekommen sind, Zeichnungen zu machen, ja Statuetten zu fabriciren.

Wie in Europa Betrügereien in Herstellung prähistorischer Steingeräte verübt werden, so fabricirt man in Mexiko aztekische Götzenbilder und irdene Gefäße, die den Liebhabern für alte echte Waare verkauft werden. Indessen sind die Fabricanten dieser Waaren doch im Grunde genommen nur Stümper gegenüber den Fälschern, die in Jerusalem sitzen, und die nicht nur den harmlosen Pilger beschwindeln, sondern denen es sogar mit den berüchtigten „moabitischen Alterthümern“ gelang, selbst die Gelehrten zu täuschen und den preußischen Staatsschatz um 60000 Mark zu brandschatzen. Der unverfrorenste dieser Fälscher war ein zum Protestantismus übergetretener Israelit Namens Schapira, der damit debütirte, den echten Sarkophag Samson’s zu entdecken, der später im Verein mit Selim Qari die moabitischen Terrakotten in Schwung brachte und zuletzt so glücklich war, auch in den Besitz von uralten Thorarollen zu kommen, für die er jedoch zu seinem Leidwesen keine gläubigen Käufer finden konnte. Der Mann hätte, wenn es gewünscht worden, auch noch ein Stück von der ehernen Schlange des Moses oder eine Planke von der Arche Noah’s herbeigeschafft.

Solche Leute sind aber in Palästina durchaus nicht selten, im Gegentheil kann der Reisende dort kaum einen Schritt thun, ohne daß der Versuch gemacht wird, ihm irgend eine faule Merkwürdigkeit für gutes Geld anzuhängen. Auch mit dem Nachweis interessanter Lokalitäten wird dort ein Schwindel getrieben, der unter Umständen einen ergötzlichen Anstrich hat. Wünscht man z. B. den Baum zu sehen, in dessen Ast Absalom mit den Haaren hängen blieb, so werden sich sogleich zwanzig Menschen bereit erklären, diesen Baum zu zeigen, ebenso wird es nicht so schwierig sein, einen Führer nach dem Orte zu finden, wo Elias gen Himmel fuhr.

Wie viel Schwindeleien mit kleinen nachgemachten Alterthümern in Palästina verübt werden, entzieht sich jeder Berechnung und beweist, daß die im letzten Grunde von der Habgier inspirirte Leichtgläubigkeit heute kaum geringer ist als vor Jahrhunderten. Auch in Aegypten wird die Fabrikation von Antiquitäten schwungvoll betrieben, daneben blüht noch gelegentlich das Geschäft, Unerfahrene durch Vorspiegelung des Nachweises großer irgendwo vergrabener Schätze um eine kleine Summe zu prellen. In sehr seltenen Fällen ereignet sich wohl auch einmal das Umgekehrte, daß nämlich ein Araber wirklich einen wissenschaftlich werthvollen Schatz aufgestöbert und Mühe hat, ihn an den Mann zu bringen. Ein solches Beispiel erzählt der berühmte Reisende Rüppell. Als er sich in Kairo aufhielt, kam eines Tages ein alter Araber zu ihm und machte ihm mit geheimnißvoller Miene das Anerbieten, für 20 spanische Piaster den Aufbewahrungsort eines Schatzes von ungeheurem Werth zu zeigen. Als Rüppell den Mann fragt, warum er denn selbst den Schatz nicht hebe, betheuert dieser, solches sei ihm unmöglich, da derselbe von grauenhaften Dämonen bewacht würde, die aber nur für einen Araber gefährlich seien. Rüppell hielt das Ganze für Schwindel, doch erzählte er gelegentlich davon einem Manne, der mit der Ausgrabung eines nubischen Tempels beauftragt war. Dieser beschloß, der Sache nachzuspüren, und fand an dem Orte, den der alte Araber bezeichnete, in der That einen Schatz, nämlich den kostbaren Alabastersarg mit der Mumie des Pharao Psammetich. Derselbe wurde von ihn gehoben und für eine sehr hohe Summe nach London verkauft. Solche Glücksfälle sind, wie man schon denken kann, äußerst selten; im Allgemeinen handelt es sich bei derartigen Erzählungen nur um Schwindelei.

Dr. K.