Ein Fisch der sich einpuppt

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Textdaten
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Autor: Oefele
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Titel: Ein Fisch der sich einpuppt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 255
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[255] Ein Fisch, der sich einpuppt. Dem unersättlichen Menschen, der unbefriedigt seine Blicke zu dem Monde und anderen Weltkörpern erhebt, möchte ich jene Thierchen, die in den Dachrinnen leben, vergrößert vor Augen führen, um ihm zu zeigen, daß man nicht unsern Luftkreis zu verlassen braucht, will man Neues erfahren und Wunder sehen.

Der Regentropsen, der soeben vom Himmel in die Dachtraufe gefallen, hat ein Thier, das bis daher vertrocknet und todt dagelegen, von Neuem in das Leben zurückgerufen. Räderthierchen und Bärenthierchen, Infusorien, die unser Auge nur unter dem Mikroskope zu erkennen vermag, kapseln sich, sobald alles Wasser in ihrer Umgebung verdunstet ist, ein und bleiben in diesem Zustande lebensfähig, lange Zeit hindurch aber wie todt, liegen, bis neue Feuchtigkeiten ihre Lebensäußerungen wieder wach rufen, oder Winde diese leichten Körperchen weit mit sich forttragen, um das eine oder andere wieder in sein Element zu senken. Dieser Vorgang, obwohl schon längst erkannt, hat in belehrenden Blättern noch wenig die Runde gemacht, noch weniger aber möchte die Geschichte den Lepidosyren, eines Aales, dem Leserkreise bekannt sein, der ähnlich, wie diese Infusionsthierchen, sich einpuppt, sobald er sich von seinem Elemente verlassen sieht. Es ist dies eine Aalart, die an den Ufern des Nils lebt und an den seichten Stellen auf ihre Beute lauert. Würmer und kleine Fischchen sind seine Nahrung; er ist nicht viel dicker als eine gewöhnliche Federbüchse und nicht viel länger als einen Fuß; es kommen jedoch wahrscheinlich auch größere Exemplare vor. – Bekanntlich hat der Nil zu verschiedenen Jahreszeiten auch ein engeres oder weiteres Bette; seine Ufer sind nicht immer dieselben, denn was heute mit Wasser bedeckt, kann in einigen Wochen, wenn der Strom zurückgetreten ist, mit den herrlichsten Fruchtfeldern prangen. Die Stelle, wo der Lepidosyr noch vor Kurzem dem kleinen Gewürme nachjagte, liegt jetzt trocken, und der Aal ist zurückgeblieben auf der von der Sonne ausgedörrten Scholle. In einer thonigen Erdmasse, die, wie wir wissen, die Feuchtigkeit zurück hält, liegt nun, von einem braunen häutigen Beutel umgeben, dieser sonderbare Fisch; er ist fast ganz abgesperrt von der Außenwelt, sein Herz scheint nicht mehr zu schlagen, und seine Eigenwärme ist auf das Minimum herabgesunken, wie bei Thieren, die den Winterschlaf begehen. Der häutige Beutel sieht aus wie die Hülle eines Badeschwammes und hat da, wo der Kopf des Thieres gedacht werden muß, eine runde thalergroße Scheibe von demselben Stoffe als Verschluß. Von dieser Scheibe geht ein röhrenartiges Zäpfchen einwärts in den Mund des Thieres. Im zoologischen Garten zu Frankfurt wurde durch Weinland ein eingepuppter Lepidosyr veranlaßt, seine Hülle zu zerreißen, indem er ihn in das Wasser setzte, worauf wir die Hülle untersuchten. In dem soeben erwähnten Röhrchen fand sich Schleim vor, welcher zu der Ansicht führen könnte, daß während des Schlafes keine Respiration vorhanden war; wenn nicht die Eigenwärme des Thieres, höher als die mmgebende Luft unmittelbar vor dem Erwachen, als Resultat einer, wenn auch sehr geringen Respiration angesehen werden müßte. Der Schleim ist wahrscheinlich erst in den letzten Momenten hier abgesetzt worden. In diesem scheintodten Zustande liegt der Aal viele Monate, ja vielleicht Jahre lang, bis neue Fluthen sich den Weg zu seinem Kerker bahnen; dann sprengt er seine Fesseln und er ist von Neuem das, was er war, ein Pfeil in den Gewässern.
Oefele.