Ein Gang über Dresdens Kirchhöfe. Nr. 2. Die protestantischen Kirchhöfe

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Autor: Louise Ernesti
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Titel: Ein Gang über Dresdens Kirchhöfe. Nr. 2. Die protestantischen Kirchhöfe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 76–78
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Gang über Dresdens Kirchhöfe

Von Louise Ernesti.
Nr. 2. Die protestantischen Kirchhöfe.

Bedeutend schöner durch Lage und Anlagen sind Dresdens protestantische Kirchhöfe. Den Neustädter, unweit des Leipziger und Schlesischen Bahnhofs gelegen, kann man jedoch keine stille Stätte des Todes nennen, indem das Pfeifen und Brausen der Lokomotiven laut dahin tönt und ewig an das bunte, unaufhaltsame Leben und Treiben der Welt mahnt.

Auf jenem Kirchhofe sind zwei Personen begraben, deren Andenken auf’s Treuste in der Erinnerung vieler Dresdener bewahrt wird und welche zu der Zahl derjenigen gehören, die dem geistigen Leben in dieser Stadt einst einen bedeutenden Aufschwung gegeben haben. „Elisa von der Recke“ und „August Tiedge“ lauten die beiden Namen, die uns an ihrem Grabe von schwarzer Tafel mit goldenen Lettern entgegenstrahlen.

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Grabstätte von Elisa von der Recke und August Tiedge

Frau von der Recke, dem Reichsgräflichen Hause der Medem’s entstammend, in Kurland geboren, in frühster Jugend mit einem kurländischen Edelmanne, Freiherrn von der Recke, verheirathet, von dem sie sich nach wenigen, in unglücklicher Ehe verlebten Jahren getrennt, vereinte sich, als sie nach Deutschland kam, zum dauernden Freundschaftsbunde mit dem berühmten Verfasser der Urania, August Tiedge. Sie bewohnten das von ihr angekaufte Besitzthum in Dresdens Neustadt, am Kohlmarkt gelegen, und dieses noch jetzt existirende Haus machten Beide bald nach ihrer Vereinigung zum Sammelplatz aller in Dresden lebenden Notabilitäten der Kunst und Wissenschaft, zum Zufluchtsort für alle durchreisenden Fremden von Rang und Auszeichnung. Die Erinnerung an jene geistreichen Cirkel hat sich bis auf die Jetztzeit im frischesten Glanze erhalten, denn sowie jene beiden Namen erklingen, wird zugleich das Bedauern laut, daß kein Haus in Dresden dieses ehemalige gastfreie und berühmte Haus ersetzt hat; Niemand in Sachsens schöner Residenz hat es verstanden, einen Cirkel zu gründen, wie Elisa von der Recke und August Tiedge ihn einst zur Freude und zum Genuß Aller gebildet, deren Interessen in gleicher Bahn mit der ihrigen zogen.

Die Freundschaft dieser beiden in der Literatur bekannten und berühmten Persönlichkeiten hat sich durch lange Jahre fest und dauernd erhalten, und erst der Tod hat ihre Trennung bewirkt. Frau von der Recke 1754 geboren, starb 1833; August Tiedge, 1752 geboren, starb 1841.

Ihr Wunsch, im Grabe von Neuem vereint zu werden, ist erfüllt. Beide sind auch auf jene außergewöhnliche Art bestattet worden, welche Frau v. d. Recke für sich und ihren Freund bestimmt hatte. Einfach in ein Leichentuch gehüllt, sind sie der Erde übergeben und nur das Gesicht Tiedge’s ist mit dichtgeflochtener Blumenmaske bedeckt worden, da er sich häufig dahin ausgesprochen, wie unangenehm ihm der Gedanke sei, im Grabe Steine und Erde unmittelbar auf das Gesicht zu bekommen.

Die Hoffnung, welche Frau v. d. Recke an dieses seltsame Begräbniß geknüpft, hat sich nicht erfüllt! – Ihre Absicht war es gewesen, den Armen die Kosten eines Sarges zu ersparen, aus welchem Grunde sie ihren Scheinsarg, in dem ihre Leiche nach dem Kirchhofe transportirt worden, auch den Armen vermachte. So

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Reissiger’s Grab

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Tromplitz’s Grab

[77] viel man erfährt, ist dieses Vermächtniß nie zur Anerkennung gekommen und jener Sarg nur für sie und ihren Freund benutzt worden.

Das Grab dieses Dichterpaares zeigt uns von Zeit zu Zeit, daß noch einer ihrer Freunde ihrer gedenkt. Diese Erinnerung besteht in einem frischen Blumenkranze; jedoch an den Tagen ihres Todes beweisen mehrfache Blumenspenden, daß es noch Viele in Dresden giebt, die die Gräber dieser geliebten Todten treu im Gedächtniß halten und ihr Erinnern auch durch freundliche Zeichen an den Tag zu legen bemüht sind.

Zu den vergessenen Gräbern dieses Neustädter Kirchhofes kann man das des Schriftstellers Tromlitz (v. Witzleben) zählen. Ein eisernes Kreuz schmückt seine Ruhestatt; doch dem kahlen Erdhügel fehlt jegliche Zier. Herrliche Bäume der andern es umgebenden Gräber lassen es aber überaus freundlich und schön gelegen erscheinen, und so gleichen günstig zusammenwirkende Umstände hier, wie so oft im Leben, etwas zum Vortheil aus, das, vom Geschick stiefmütterlich bedacht, zu keiner Annehmlichkeit berufen schien und einem traurigen Loose verfallen sein sollte.

Eine über alle Gräber und Bäume dieses Kirchhofs hoch empor ragende Säule von Granit lenkt unwillkürlich die Aufmerksamkeit des dort Umherwandelnden auf sich. Sie ist der Denkstein jenes grossen Grabes, das die in den Maitagen 1849 gefallenen Krieger in sich aufgenommen. Der Sockel trägt die Inschrift:

„Vereint und treu bis in den Tod bei gutem Kampfe für König und Gesetz.“

Die Seitenwände der kolossalen Pyramide nennen die Namen der Officiere und Soldaten der preußischen und sächsischen Regimenter, die jenen Kampf mit ihrem Leben bezahlten!

Dresdens schönster Kirchhof ist wohl unstreitig der Trinitatiskirchhof oder sogenannte „weite Kirchhof“. Weit vor dem Thore, an der Blasewitzer Straße gelegen, ist er im reizendsten Halbrund von den Loschwitzer grünen Hügelketten und den blauen Gebirgszügen der sächsischen Schweiz umkränzt. Die herrlichsten Alleen alter Bäume durchschneiden verschiedene Abtheilungen dieses außerordentlich großen Gottesackers; die höchsten Cypressen ragen mit ihrem unvergänglichen Grün über die Gräber fort, und mächtige Trauerweiden neigen ihre langherabfallenren Zweige bis zu den mit Blumen reich geschmückten, mit Kränzen oft ganz bedeckten Hügeln nieder.

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Ruhestätte der Schröder-Devrient.

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Das Grab der Maikämpfer.

Den poetischsten und zugleich wildromantischsten Anblick gewährt die letzte Abtheilung dieses Kirchhofes. Die ihn zum Theil umgrenzenden Mauern sind verfallen, die Gräber meist wild und hoch von Gras und Epheu überwuchert; auf den größtentheils eingesunkenen Hügeln liegen die verwitterten und zerbrochenen Kreuze halb unter Gebüschen verborgen oder sie lehnen umgesunken gegen alte hohe Bäume, deren Zweige der Kronen an vielen Stellen so dicht in einander verschlungen sind, daß sie ein undurchdringlich grünes Laubdach bilden, welches nur hie und da einem glänzenden Sonnenstrahl Eingang gestattet. Mit hellem Licht umleuchtet er die Gräber derjenigen, die wohl schon lange im ewigen Lichte wandeln, mit glänzendem Schein umwebt er all die hohen weißen Stämme der Birken, die in dichter Waldung die eine Seite des Kirchhofs umschließen und wie ein Chor Geister aus dem tiefen Dunkel der sie umhüllenden grünen Baumnacht hervortreten.

Unter den mit Blumen überdeckten Gräbern der mittlern Kirchhofsabtheilung zeichnet sich durch geschmackvollste Anordnuug, durch reizendste Auswahl der in Farben zu einander passenden Gewächse die Ruhestätte einer erst vor Kurzem von der Erde geschiedenen Frau aus, die als Sängerin und dramatische Künstlerin gleich berühmt war ung Viele erfreut hat und zum Dank von Vielen mißhandelt worden ist. Der zwischen Blumen und Cypressen hervorragende Würfel von grauem Granit trägt einfach ihren Namen:

„Wilhelmine von Bock, Schröder-Devrient.“

Ein Name, zu häufig in letzterer Zeit mit Anerkennung genannt, als daß seiner wiederum erwähnt zu werden brauchte.

Ein fast eben so frisches Grab, wie das der Sängerin, ist [78] das des Hof-Kapellmeister Reissiger. In dichter, frischgrüner Blätterlage breitet sich Epheu über dasselbe aus. Die einfache Tafel von weißem Marmor enthält die Inschrift:

„Karl Gottlieb Reissiger,
geb. 31. Januar 1798, gest. 7. November 1850.

Es war in der frühen Morgenstunde jenes feierlichen Tages von Schiller’s hundertjähriger Geburtsfeier, wo durch die bereits so reich und schön mit Laub und Ehrenpforten geschmückten Straßen Dresdens sich langsam, unter den Klängen des Beethovenschen Trauermarsches der großartige Leichenzug des beliebten und allgemein geachteten Componisten fortbewegte. Ein trüber grauer Himmel wölbte sich schwer und dunkel über diesem mit Trauerfahnen und Palmen einherschreitenden Zuge, während am Abend vom klaren wolkenlosen Himmel der Mond mit glänzendem Scheine auf die von Tausenden von Lichtern und Fackeln hell erleuchtete Stadt niederblickte, in deren Straßen das regste Leben herrschte, der lauteste Freudenjubel ertönte.

Einen so seltsamen Contrast in großartigen Feierlichkeiten, wie Dresden an jenem Tage zeigte, vermag eben nur eine so große Stadt zu bieten, während Gegensätze das Leben nicht allein überall zeigt, wo Leben ist, sondern sie uns auch da entgegentreten, wo es zu Ende und das Reich des Todes beginnt. Welcher Contrast zwischen jenen Gräbern der auf den Dresdener Barrikaden in den Maitagen gefallenen Kämpfer und dem Grabe der preußischen und sächsischen Krieger!

Ein über 80 Fuß langes Grab, das 76 Tode birgt, die in jenen Maitagen ihre Ueberzeugung mit dem Leben bezahlten, ist auf dem Trinitatiskirchhofe, ein etwas kleineres auf dem Annenkirchhofe. Beide Gräber sind wild überwuchert, und nur hier und da zeigt ein kleines Kreuz den Namen eines der darin ruhenden Todten. Gleich heiße Thränen des Schmerzes mögen aber an diesen Gräbern mit den kleinen Kreuzen vergossen sein, wie an jenem mit der großen Granitpyramide, gleich heiße Thränen an beiden Stätten noch immer geweint werden; in gleicher Klarheit wölbt sich auch ein Himmel über ihnen, und ein Gott ist’s, der ihre Thaten richtet! – Jene starben in Ausübung ihrer Pflicht, diese für eine Ueberzeugung, für eine Idee – wer will sagen, welche von Beiden vor Gott höher stehen?