Ein Hinterwäldler von den Boulevards

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Textdaten
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Autor: Gtz.
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Titel: Ein Hinterwäldler von den Boulevards
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 398-400
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[398]
Aus Amerika.
Ein Hinterwäldler von den Boulevards.

Unter den Linden in Berlin – die Hausnummer wird nicht verrathen – lebt schon seit vielen Jahren ein königlich preußischer Generalmajor nebst Familie im Ruhestände. Eine ansehnliche Pension und ein hübsches Privatvermögen setzen ihn in den Stand, ein recht angenehmes Haus zu machen, und die jungen Lieutenants von Kaiser Franz und Alexander amüsiren sich „famos“ auf seinen Bällen. Aber so flott sie auch dort tanzen, vor vier Jahren noch – tanzte dort Keiner flotter, als des Generals eigener Sohn. Keiner ritt auch flotter durch den Thiergarten, den Jockei natürlich hinterher, Keiner trank flotter und Keiner – spielte flotter.

In Jefferson County im Territorium Minnesota, einige hundert englische Meilen südwestlich von St. Paul wohnt jetzt unter Indianern und Bären ein Mann, der sich seit vier Jahren nicht mehr rasirt hat und dessen sonstige Erscheinung jedwedem königlichen Constabler zu Aggressiv-Maßregeln Veranlassung geben würde. – Es ist derselbe flotte Vogel, nur die Flügel sind ihm eklig verschnitten. – Armer Vogel!

Als ich das erste Mal zu ihm kam, buk er gerade Plinsen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf an’s Feuer und schaute ihm dabei zu. Bevor er das in Wasser eingerührte Welschkohlmehl in die eiserne Pfanne löffelte, bestrich er diese jedes Mal mit einer alten Speckschwarte, um, wie er meinte, das Anbrennen der Plinse dadurch zu verhindern. Ich bemerkte überdies, daß ich nicht der einzige Zuschauer war. Zwei magere Wolfshunde und eine große schwarze Katze beobachteten jede seiner Bewegungen mit nie ermüdender Aufmerksamkeit. Die Hunde verschlangen jede einzelne Plinse mit den Augen lange ehe sie noch fertig war und die Katze, das Hintertheil eingebogen und die Ohren zurückgelegt, stand wie ein bengalischer Tiger zum Sprunge bereit nach der Speckschwarte. Aber der ci-devant kannte seine Pappenheimer. War ich nicht anwesend, so hätten sie sicherlich nichts erlangt. So aber wollte es das Unglück, daß er sich im Gespräch zu mir wandte, während er sich gerade die Pfeife anzündete, und dabei unbedachtsamer Weise die Hand mit der Speckschwarte etwas zu tief sinken ließ. Im Nu hatte die Katze dieselbe im Rachen und im nächsten Moment rannte sie mit ihrer Beute – mein Landsmann ihr nach – dem nächsten Hickory-Baume zu.

„Die Hunde, um Gottes willen, die Hunde!“ rief er mir noch zu, als er in weiten Sprüngen, zwischen den Baumstümpfen hindurchvoltigirend, den Baum noch vor der Katze zu erreichen strebte.

[399] Die Warnung war keine überflüssige. Eine Secunde später und der Inhalt der Plinsenschüssel war ebenfalls unterwegs nach dem Walde. Ich hielt sie hoch über meinen Kopf hinaus und begann mich nach meinem Landsmanns umzuschauen. Aber so wohlfeilen Kaufes kam ich doch nicht davon. Die heißhungrigen Hunde mochten mir den Neuling angewittert haben, die momentane Abwesenheit ihres Gebieters flößte ihnen auch noch mehr Muth ein und sie begannen daher, andere Saiten aufzuziehen. Ich kann nicht leugnen, daß mir etwas ungemüthlich zu Muthe ward, als mir die Bestien ihre langen, spitzen Zähne wiesen und mir mit heiserem Knurren auf den Leib rückten. Als ehemaliger Militair wußte ich glücklicherweise, daß man immer das Ganze im Auge haben muß und daß man, um dieses zu retten, unter gewissen Umständen weise handelt, einen Theil zu opfern. Ich warf ihnen also die oberste Plinse freiwillig an die Köpfe, und – heiß, wie sie war – die Canaillen hätten sie in einem Momente verschlungen, wenn es ihnen nicht zweckmäßiger erschienen wäre, sich erst eine Weile um den ungetheilten Besitz derselben herumzubeißen. Meine Taktik wurde selbst von meinem unterdessen zurückgekehrten Landsmanne gebilligt, so sehr er auch diesen abermaligen Verlust beklagte. Er wies mit zorniger Gebehrde nach dem Aste hin, auf dem die Katze ihr Mittagsmahl hielt, warf den Hunden, die jetzt wieder herangewedelt kamen, ein brennendes Scheit Holz zwischen die Beine und setzte sich niedergeschlagen neben mich auf den Boden.

„Sie haben gut lachen,“ meinte er, als er sah, wie mir die Thränen über die Backen liefen. „Aber wie soll ich jetzt Plinsen backen! Die Speckschwarte war keine vier Wochen alt und hätte noch ein ganzes Vierteljahr gelangt, – jetzt kann ich alle Tage Mehl und Wasser fressen!“

Tempora mutantur! –

Mir verging das Lachen überdies auch hinterher, denn da ich einige Zeit bei ihm blieb, um mich zuvörderst etwas in der Gegend zu orientiren, so traf mich der Schlag selbst mit und gar manches Mal noch gedachte ich mit Bedauern der jungen Speckschwarte.

Den folgenden Tag regnete es in Strömen und wir waren gezwungen, uns im Shanty aufzuhalten. Glücklicherweise besaß mein Landsmann, als ehemaliges Mitglied des Jockei-Clubs, aus besseren Zeiten her noch eine französische Spielkarte, mit der wir uns die Zeit vertreiben konnten. Er gewann in wenig Stunden 10,000 Thaler von mir, da es aber seine besonderen Schwierigkeiten hatte, auf seiner Karte das Pique vom Coeur etc. zu unterscheiden, so behielt ich mir die Regelung der Angelegenheit noch bis auf Weiteres vor.

Nach dem Spiele hatte er einen andern Zeitvertreib in Vorschlag. Er verstand nicht viel Englisch und ich sollte deshalb in dieser Sprache einen Brief für ihn aufsetzen, zu dem er mir nur die allgemeine Idee angab, die Ausführung aber mir ganz anheimstellte. Der Brief wäre höchst wichtig, wie er meinte, und ich mußte ihm darin Recht geben, denn es handelte sich um nichts Geringeres, als um den wichtigsten Schritt, den wir Menschenkinder hienieden zu thun vermögen – um eine Heirath nämlich. Ich sollte für ihn anhalten. Das Mädchen war die Tochter eines wohlhabenden Farmers in Indiana, bei dem er eine Zeitlang gearbeitet hatte. Er war zwar schon damals seiner Sache völlig sicher, er hatte aber doch erst eine Verbesserung der eigenen Umstände abwarten wollen, ehe er mit der Sprache herausrückte. Meine Aufgabe bestand nun darin, diese „Verbesserung“ in möglichst schlagender Weise einleuchtend zu machen, und da er mir in Bezug hierauf den unbestrittenen Besitz von 160 Ackern Waldlandes als bestimmtes Factum angab, so hatte ich vor Allem diesen Umstand gehörig hervorzuheben, das Areal dabei im Allgemeinen zu schildern und nur in Bezug auf dessen specielle Beschaffenheit die nöthige Rückhaltung zu beobachten. Eine ähnliche Discretion rieth er mir auch in Hinsicht auf die weiteren Angaben seines beweglichen Vermögens, namentlich der Wäsche an. Diese letztere bestand nämlich noch aus einem Hemde, welches mein Landsmann schon seit zwei Jahren auf dem Leibe trug. Indessen dasselbe stammte noch von der Mohrenstraße in Berlin her und hieraus ließ sich schon allenfalls etwas machen. In Bezug auf die Garderobe gewährte mir nur ein Stück einen festen Anhaltspunkt; es war dies ein noch immer eleganter, wenn auch vom langen Liegen etwas zerknitterter – Ballfrack. – Der Brief verursachte mir einiges Kopfzerbrechen, indeß erklärte sich mein Landsmann beim Vorlesen mit dessen Fassung völlig einverstanden. Wir loosten noch darum, wer von uns Beiden den Brief die 25 Meilen weit nach Lexington, der nächsten Ortschaft, tragen und dabei gleichzeitig eine frische Speckschwarte einhandeln sollte, und er gewann richtig wieder.

Es regnete die ganze Nacht durch und am andern Tage brauchten wir nicht für Beschäftigung zu sorgen, wir hatten mehr wie genug. Die Hunde weckten uns noch vor Tagesanbruch durch ein ununterbrochenes Klagegeheul und wir gewahrten, daß sie bereits bis an den Bauch im Wasser standen. Es regnete nämlich nicht mehr blos durch das Dach hindurch, sondern das ablaufende Wasser hatte auch den Keller gefüllt, stand jetzt bereits 3/4 Elle hoch in unserem Shanty und verrieth noch immer steigende Tendenzen. Wir mußten bis zum Abend ununterbrochen mittelst Wassereimer und Plinsenschüssel mit dem feindseligen Elemente kämpfen, das fast eben so schnell wieder zulief, als wir es auszuschöpfen vermochten. Es war gut, daß der Regen gegen Abend nachließ, sonst ist es mehr als zweifelhaft, ob ich meinen Lesern jemals die ganze Geschichte hätte erzählen können.

Am andern Morgen kam die liebe Sonne endlich wieder zum Vorschein und mein Landsmann schlug eine Promenade nach dem See vor, wo wir Aussicht hätten, ein paar Schildkröten zu finden, die uns doch einigen Ersatz für die verlorene Schwarte gewähren könnten. Ich war wirklich so glücklich, nach einigem Suchen zwei große Thiere, jedes über eine Elle lang, anzutreffen und wir gingen sogleich daran, sie zu schlachten. Die Fabrikation der Suppe behielt ich mir jedoch allein vor, da mein Landsmann in der neuen Welt ein Anhänger der Verdünnungstheorie geworden war und ich befürchtete, er möchte aus purer Sparsamkeit die Suppe nicht schmackhaft und kräftig genug herstellen. Um namentlich in letzterer Beziehung meiner Sache völlig gewiß zu sein, schüttete ich in seiner Abwesenheit den ganzen Inhalt eines alten Pfeffersackes mit einem Male in den Topf und setzte diesen sodann seelenvergnügt an’s Feuer. Mein Landsmann kam bald nachher mit einigen großen Salatstauden zum Vorschein, deren Wachsthum der Regen wunderbar beschleunigt hatte, und während er nach dem Walde ging, um einige wilde Zwiebeln zu suchen, machte ich einen entschlossenen Angriff auf eine große Oelflasche, die ich herzhaft über den Salat ausgoß.

Wir warteten noch auf das Garwerden unserer beiden Amphibien, von deren Genuß wir uns nicht wenig versprachen, als plötzlich die beiden Wolfshunde anschlugen und ihren Posten am Feuerheerd verließen. Kurz darauf sahen wir drei Männer über die Fenz steigen und auf unser Shanty zukommen. Dieselben waren auf dem Wege nach Lessueur zur Land-Office und hatten während der letzten Sündfluth im Walde bivouakiren müssen, da sie weit und breit keine Spur einer menschlichen Wohnung vorfanden. Man kann sich denken, wie diese armen Teufel aussahen; mein Landsmann mit seinem zweijährigen Hemde machte förmlich Staat neben ihnen. Die Männer waren Irländer und erklärten uns in ihrem Kauderwelsch, daß sie etwas zu essen haben müßten, gleichviel, was sie auch dafür zu bezahlen hätten.

In Betracht unseres diesmal ausnehmend luxuriösen Diners schien es uns vollkommen gerechtfertigt, den doppelten Satz des in Lessueur-County in solchen Fällen üblichen Preises für eine Mahlzeit anzusetzen, da wir ohnehin den erlittenen Verlust der Speckschwarte etc. wieder zu ersetzen suchen mußten, und wir erklärten ihnen deshalb, daß sie jeder für einen halben Dollar einen Teller Schildkrötensuppe nebst etwas Salat haben könnten, womit sie sich nicht nur einverstanden erklärten, sondern auch in die verlangte Vorausbezahlung willigten, die mein Landsmann noch überdies vorschlug. Er verschloß das Geld sogleich in die nämliche Kiste, worin auch sein Frack lag, und setzte die Plinsenschüssel darauf, in welcher sich noch Ueberbleibsel unseres letzten Gerichtes befanden und welche die beiden Hunde fortan nie mehr aus den Augen ließen.

Die Suppe war endlich fertig geworden und da ich mich hartnäckig sträubte, auf den Vorschlag meines Landsmannes einzugehen, der durchaus ihre Quantität auf Kosten ihrer Qualität durch Hinzuthat eines halben Eimers Regenwasser zu erhöhen wünschte, so wurde sie ganz und ungetheilt aufgetragen. – Die Irländer fielen wie Wölfe darüber her, aber sie hatten kaum den ersten Löffel im Munde, als sie denselben fast à tempo wieder ausspuckten und mit solcher Energie zu husten begannen, daß ich glaubte, sie mußten sich die Luftröhren zersprengen. Mein Landsmann war ahnungsschwer sogleich aufgesprungen und nach dem Pfeffersacke gelaufen, [400] aus dem er jetzt mit niedergeschlagener Miene nur noch einen feinen Staubregen herausschüttelte. Er meinte, der Vorrath wäre noch auf ein halbes Jahr berechnet gewesen! Es mußte nun dennoch zum Verdünnungs-Processe geschritten werden, aber obgleich mein Landsmann diesen in einem Umfange vornahm, der ihn ermöglicht hätte, die gesammte Einwohnerschaft von zwei oder drei Counties mit Schildkrötensuppe zu tractiren, so schnitten die Irländer doch noch barbarische Gesichter, als sie jetzt das abgeschwächte Gericht löffelweise zu sich nahmen. Ein Glück, daß sie seit zwei Tagen nichts gegessen hatten! – Weder ich noch mein Freund waren im Stande, mehr wie einen einzigen Löffel davon hinterzuschlucken und selbst dieser brannte mir noch am andern Tage im Leibe. Wir beschlossen deshalb, uns an den Salat zu halten, in den mein Landsmann auch alsbald mit Energie einhieb. Aber diesmal erschrak ich in vollem Ernste über das verzweifelte Gesicht, mit dem er die erste Handvoll augenblicklich wieder ausspuckte und das am Morgen genossene Frühstück gleich hinterdrein folgen ließ.

„Aus der großen Flasche?“ fragte er mich nur mit matter Stimme, und auf die erfolgte Bestätigung meinerseits sank er wie gebrochen auf die Kiste nieder, die sein mobiles Vermögen einschloß.

Den Irländern schien zu meiner Verwunderung trotzdem der Salat recht gut zu munden – wahrscheinlich wirkte das Oel mildernd auf den Pfeffer – und die stille Hoffnung meines Landsmanns, daß sie denselben stehen lassen und ihn dadurch ermöglichen würden, der Lampe wiederzugeben, was der Lampe gehörte, wurde zu nichte. Nachdem sie gegessen hatten, sonnten sie sich – noch immer heftig hustend – vor unserem Shanty im Grase, und als ich kurz darauf Wasser herbeiholen wollte, sah ich, wie die drei Kerls sich ihre Beine in unserm Brunnen rein wuschen, was mir heute auch noch den Appetit zum Kaffee verdarb. Es erschien ihnen beim Weggehen noch dazu sehr ungastfreundschaftlich, als ich ihnen für das nächste Mal den Rath gab, eine andere Localität für ihr Fußbad zu wählen.

Am andern Tage machte ich mich nach Lexington auf, und als ich am dritten Tage darauf außer einer neuen Speckschwarte auch noch eine Flasche Whisky und einige Citronen mitbrachte, da strahlten die Augen meines Landsmanns in ihrem früheren Glänze. Er war wieder in seinem Elemente; er konnte Punsch machen.

Wir saßen, diesen trinkend und unsere Pfeifen dazu rauchend, vor unserem Shanty, als mein Landsmann plötzlich mit der Hand auf das jenseitige Ufer des vor uns liegenden Landsee’s wies. – Bei meiner Seele! Ein großer feister Hirsch ging soeben ganz gemächlich in’s Wasser und schickte sich an, ein kühlendes Bad zu nehmen. Das war ein Bissen! Wir verschlangen ihn schon mit den Augen.

„Vier Wochen können wir Beide davon leben und das Fett reicht zu, ein halbes Jahr davon Plinsen zu backen,“ meinte mein Landsmann, das Fell des Waldbewohners schon im Voraus zu ein paar Hosen für sich und die Eingeweide desselben zu Sonntagsfutter für die Hunde bestimmend.

Da die Sonne bereits im Untergehen war, so durften wir keine Zeit verlieren, und mein Freund entwickelte auch eine wahrhaft fabelhafte Thätigkeit. Zuerst sperrte er geräuschlos die Hunde ein, von denen er meinte, sie wären viel zu gierig bei der Jagd, und wenn der Hirsch etwa blos angeschossen wurde und dann noch weit abgehen sollte, so fräßen sie ihn allein auf, noch ehe wir dazu kommen könnten. Dann umwickelte er die Ruder zweier Indianerkanoes mit alten Lumpen, wovon er einen beträchtlichen Vorrath besaß, und nachdem wir unsere Büchsen nachgesehen hatten, banden wir die beiden Kanoes zusammen, und ruderten auf einem großen Umwege geräuschlos dem gegenüberliegenden Ufer zu. Die Musquitos zerstachen uns jämmerlich auf dem Wasser; indessen dies war Nebensache, Hauptsache war der Hirsch. Als wir drüben ankamen, war die Sonne unter, und es wurde schnell immer finsterer. Da wir uns noch eine große Strecke im Walde anzuschleichen hatten, dabei aber unsern Weg nicht mehr deutlich sehen konnten, so fielen wir alle Augenblicke über die umherliegenden Stämme, und rissen uns dabei Gesicht und Hände an den fingerlangen Dornen des Unterholzes blutig. – Die ganze Geschichte war „um in die Luft zu springen,“ wie mein Begleiter meinte. Mit einem Male hörte ich einen heftigen Plautz und wurde über und über vollgespritzt. Als ich mich umsah, war mein Freund vollständig verschwunden, und als ich ihn endlich wieder entdeckte, hatte ich die größte Noth, ihn aus dem Sumpfloche herauszuziehen, in welchem er bis an den Hals feststak. Mittlerweile war es aber stockpechfinster geworden und wir waren froh, als wir erst wieder ganzbeinig in unserem Shanty eintrafen – auch ohne Hirsch.

Etwa vier Wochen nach unserem Jagdabenteuer traf ich meinen Landsmann in Lexington wieder, hatte aber Mühe, ihn wiederzuerkennen. Er trug eine grüne Brille, die seinem Gesicht ein völlig verändertes Ansehen verlieh. Seinem gewöhnlichen Hinterwäldlercostüm hatte er heute noch den schwarzen Ballfrack beigefügt, der dazu den seltsamsten Contrast bildete. Man müsse sich ein Bischen herausputzen, wenn man auf die Post-Office ginge, die Leute wären dann gleich höflicher. Er schlug mir vor, ihn zu begleiten, da er die Antwort auf den Werbebrief aus Indiana erwarte. „Wenn sie eingetroffen ist, sind Sie mein Gast hier,“ sagte er, „und dann sollen Sie man sehen!“

Die Antwort war da und stand bald auf seinem Gesichte geschrieben.

„Nun?“ fragte ich ihn.

„’s ist um in die Luft zu springen,“ meinte er, „wieder ein Korb!“

Gtz.