Ein Pariser Kind

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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Pariser Kind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4 und 5, S. 56–59 und 71–73
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
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Kurzbeschreibung:
Zur Charakteristik der Pariser Frauen
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[56]
Ein Pariser Kind.
Zur Charakteristik der Pariser Frauen.


Sie arbeitete am Tage für die große Modistin Madame Bernard in der Rue Vivienne und sang am Abend ihre reizenden neckischen Chansons im Café Eldorado, die niedliche Jeanneton, als Eugen Ellernburg sie kennen lernte. Die Kleine hatte einen Ruf in der eleganten Männer- und Frauenwelt. Man kaufte gern in dem Magazin der Madame Bernard und vergaß die ungeheuren Preise, wenn Jeanneton die Cartons öffnete und ihr Köpfchen dazu hergab, sobald die Directrice die verschiedenen Zierlichkeiten ohne Namen in’s rechte Licht stellen wollte. Der Kleinen stand eben Alles zu dem schwarzen kurzen Lockenhaar und dem klaren Bronzeteint, selbst die extravaganteste Erfindung. Und die junge Modistin hatte zugleich so sehr das Benehmen einer Dame der großen Welt, daß die vornehmsten Besucherinnen des Magazins von ihr lernen konnten, wie man eine Beduine vom Nacken gleiten läßt, einen Fächer handhabt, einen Bibi trägt und die Robe schürzt.

Feierte nun Jeanneton in dieser Weise stille Triumphe, so bewunderte man sie Abends laut und rauschend. Sie hatte eine Stimme wie ein Vogel und von Kindheit an hatte sie ihre Umgebung mit ihrem Gesang erheitert, wie das Gezwitscher der Vögel jeder Landschaft die echte und rechte Fröhlichkeit giebt. Niemand sang jene pikanten Lieder, die nur das französische Volk hat, entzückender als sie; es war eine Mischung von Frivolität und Unschuld, die hinreißend wirkte. Und dabei sah sie so frisch und reizend aus, wie keine ihrer Nebenbuhlerinnen. Sie trug immer nur ein weißes Kleid von Mousseline und ein paar Blumen im Haar; aber das Kleid war vom graziösesten Schnitt und weiß wie frisch gefallener Schnee, und die Art, wie sie die Rosen, Granatblüthen und Veilchentouffs zu befestigen wußte, raubte den jungen Männern sehr oft die Besinnung, versetzte die Alten in eine erhöhte Temperatur und erregte den Neid der Frauen. Man verglich ihren Gesang mit dem lustigen Schmettern der Lerche und ihr Lächeln mit dem Sonnenschein im Frühling. Jeanneton sang nur heitere Lieder.

O, dies Lachen der Kleinen! Es war sinnverwirrend und dabei so ansteckend; Niemand widerstand, der sie so singen oder lachen hörte, er stimmte mit ein, wenn auch nicht so silbern. Zuweilen waren sie wohl keck, diese kleinen Chansons, selbst für das Publicum des Eldorado, aber die Lippen, die sie hinausflattern ließen, verschönerten Alles, Jeanneton’s Grazie machte Alles möglich. Man betete die kleine Modistin an, man wollte nur sie hören, man überschüttete sie mit Blumen und lebhaften Zurufen, man wartete nur auf sie im Café Eldorado. Sie war der allgemeine Liebling der Männer wie der Frauen. Wunderbare Geschichten erzählte man sich von ihr. Die kleine Jeanneton haßte alle reichen Männer, und keiner der jungen Elegants, die sich in ihre Nähe drängten, konnte sich eines freundlichen Blickes von ihr rühmen. Ihr Lächeln galt nur den Studenten und den Männern des Volks. Sie nahm keine Besuche an in ihrem kleinen Stübchen in der Rue du Faubourg Poissonnière im vierten Stock, aber sie besuchte mit ihren Gefährtinnen die Bälle der Studenten und Grisetten. Sie tanzte, wie sie sang: es war eine Herzerfrischung sie tanzen zu sehen. Unschöne Bewegungen waren für Jeanneton eine so totale Unmöglichkeit, wie unreine Töne. Sie war immer die Einfachste unter Allen, allezeit jedoch die Reizendste und Begehrteste.

Eugen Ellernburg hatte sie wenigstens ein Dutzend Mal [57] gesehen, ehe er einen Tanz von ihr erhielt, und dann auch vielleicht nur, weil er in der zwanglosen Tracht eines Bewohners des Quartier Latin vor ihr erschien. Er stellte sich ihr auch als Studenten der Medicin vor und war glückselig von ihr einige Worte zu erhaschen, er, der von allen Damen daheim Verwöhnte, den eine Schwester und ein Dutzend Cousinen anbeteten und dem die hübschen Pariserinnen im Salon seines alten Onkels sehr deutlich zu verstehen gaben, daß sie seine blauen Augen und dunkelblonden Haare so wie seine schöne Gestalt durchaus comme il faut fanden. Ehe er nach Paris ging, um dort auf ein Jahr lang als Volontair in dem Bankgeschäft seines Oheims zu arbeiten und Französisch zu lernen, hegten fünf Cousinen in seiner kleinen rheinischen Vaterstadt und drei Freundinnen seiner älteren unverheiratheten Schwester die feste Hoffnung, ihn als Bräutigam empfangen zu dürfen bei seiner Rückkehr. In den Pariser Kreisen, in denen ihn sein Oheim einführte, begegnete man ihm mit Auszeichnung, man fand sein mangelhaftes Französisch allerliebst, seine geselligen Formen waren sicher und nichts verrieth jene heimlich gefürchtete deutsche Schwerfälligkeit und Gelehrsamkeit in der Conversation. Er verstand das berühmte „causer“ nicht nur das deutsche „Reden“, saß gut zu Pferde, tanzte Walzer zum Entzücken, Grund genug ihn zu dem enfant gâté einer Saison zu erheben.

Dieser Eugen Ellernburg aber hatte nur für eine einzige Frauengestalt Augen und Gedanken in dem frauenreichen Paris, für die kleine Jeanneton des Café Eldorado, der er nicht einmal gestehen durfte, daß er ein gefeierter Lion und reicher Mann. Und der Oheim hatte ihm doch gleich am ersten Tage gesagt: „Willst Du Dich zum Zeitvertreib verlieben, denn auch Paris ist zuweilen langweilig, so rathe ich Dir, das sofort hier zu thun, Du kannst Dich an keinem Orte der Welt besser amusiren und zerstreuen als hier und wirst gewiß eine vernünftige Auswahl treffen. Hast Du aber Lust – wie Ihr Deutschen sie alle habt – Dich zu verheirathen, so geh’ nach Hause. Zu Ehefrauen taugen die Mädchen Deiner Heimath am besten. Bei ihnen hören alle Prätensionen nach der Hochzeit mit einem Schlage auf und sie denken an das, an was sie denken sollen, an ihren Mann, ihren Haushalt und ihre Kinder. Die Französinnen aber wollen erst anfangen zu leben. Sei also vernünftig, lieber Junge, und reise ab, wenn Du im Begriff stehst, einen dummen Streich zu machen.“

Er reiste auch ab, nur ein wenig zu spät, Eugen Ellernburg, und nicht allein, sondern in Begleitung seiner ihm in der Kirche von St. Roche rechtmäßig angetrauten kleinen Frau. Die ehemalige Modistin der Madame Bernard und Sängerin des Café Eldorado wurde die Gemahlin eines deutschen reichen Bankiers. Es war eine romantische Geschichte und halb Paris redete damals davon. Die Kleine hatte sich wirklich ohne alle Ahnung seines Reichthums mit dem vermeintlichen Studenten der Medicin verlobt. Sie wußte, daß er weit im fernen Deutschland zu Hause war, daß er daheim nur eine einzige Schwester hatte, sie versprach auch später als sein Weib ihm in die Heimath zu folgen, nur einstweilen wollte sie nichts von derartigen Fesseln und Banden hören und der Gedanke, Paris zu verlassen, war ihr entsetzlich. Paris war der Boden, aus dem sie Leben sog, es gab für sie nur Einen Himmel, den, der über Paris sich wölbte, für sie nur eine wirkliche neidenswerthe Existenz, die einer Blumenmacherin und Sängerin. All’ seinen stürmischen Bitten einer ewigen Vereinigung widerstand sie, bis er eines Tages in Verzweiflung, in ihrem kleinen Arbeitszimmer neben dem Magazin der Madame Bernard, sich ihr zu Füßen warf und nach Deutschland zurückzukehren drohte, wenn sie nicht in eine Trauung willige. Er redete von der Unmöglichkeit, ferner ohne sie Stunden und Tage zu verleben, und die Sprache der echten Leidenschaft war für die kleine Jeanneton so neu und ergreifend, daß sie ihr nicht zu widerstehen vermochte. Sie war entzückt, sich in einer Situation zu finden, ähnlich der jener vielbewunderten Heldinnen der Porte St. Martin oder der Variétés. Ohne langes Bedenken warf sie sich in seine Arme, strich sein lockiges Haar aus der schönen Stirn, versicherte ihm, daß sie ihn liebe und daß sie ihm arbeiten helfen wolle, so lange noch ein Athemzug in ihr, damit man in Paris weiter leben könne. Sie schlug ihm vor, ihre kleine Wohnung durch die Miethe eines daranstoßenden Zimmers zu vergrößern, und bat ihn, ihr allein die Einrichtung zu überlassen.

Man setzte den Hochzeitstag für die nächste Woche fest, und erst am Tage vor der Trauung betrat Eugen Ellernburg die einfachen Räume Jeanneton’s in der Rue du Faubourg Poissonnière im vierten Stock. Mit einer tiefen Rührung blickte er sich in der engen Behausung um. Es war ein Nestchen für zwei Turteltauben, mit blendend weißen Mousselinevorhängen, einem Spiegel, einem Tisch und einem kleinen Divan, einem Schrank und einer Commode. Ein Alkoven als Schlafzimmer enthielt als Prachtstück einen Toilettentisch, den Jeanneton mittelst einiger Ellen rosenrothen Kattuns äußerst reizend hergestellt hatte. Ueberall waren Bouquets von Blumen befestigt, von Jeanneton’s Händen gemacht, die dem Ganzen einen unbeschreiblich poetischen Anstrich gaben. Am Fenster hing ihr Vogel, den sie, trotz ihrer Brautzeit, noch nie zu füttern vergessen.

Wie bald sollte sich das Alles verwandeln, gleich den Decorationen in einem Zauberstück! Eugen malte sich unablässig die freudige Ueberraschung der Geliebten aus beim Anblick seines prachtvollen Brautgeschenkes, bei der Entdeckung, daß sie eine reiche Frau sei. Am Tage nach der Hochzeit wollte er sie in den Reisewagen tragen und seinen Schatz in die stille Heimath entführen. Mit welchem Entzücken kaufte er die verschiedensten kostbaren Toiletten- und Schmuck-Gegenstände ein, mit welcher List verschaffte er sich das Maß der reizenden Taille, wie kühn wurde der Raub eines ihrer kleinen Schuhe ausgeführt, um nach diesen Mustern wahre Meisterwerke von Geschmack und Grazie anfertigen zu lassen. Der Liebende vergaß nichts, von den zierlich gestickten Lingerien an bis zu dem eleganten Handschuhknöpfer von Silber mit dem Wappen der Ellernburgs; es war die Ausstattung einer reichen und geliebten Frau. Wie im Fieber war Eugen, bis Alles in Cartons und Koffer kunstvoll verpackt vor seinen Augen stand. Und dann war’s wirklich wie in einem Märchen. Am Trauungstage bezog das glückliche Paar die kleine Wohnung Jeanneton’s, und am nächsten Morgen entfalteten Eugen’s Hände vor den Augen seiner jungen Frau alle jene köstlichen Toilettengegenstände, die seine Liebe zusammengetragen. Er versenkte sich in den lieblich staunenden Ausdruck ihres Gesichts. Aber jener stürmische Ausdruck der Freude, den er heimlich ersehnt – er kam nicht; Jeanneton blieb überraschend ruhig bei dieser Wendung ihres Geschicks, ja, es füllten sogar Thränen die dunkeln glänzenden Augen, die sie endlich auf ihren Gatten richtete.

„Du weinst?“ fragte er erschreckt. „Was fehlt Dir, Geliebte?“

„Ich darf nun nicht mehr arbeiten und nicht mehr singen,“ flüsterte sie, „ich werde nichts mehr zu thun haben.“

„Nichts, als mich zu lieben,“ unterbrach er sie leidenschaftlich.

„Das konnte ich viel besser, wenn ich Dir arbeiten half.“

„Du wirst statt dessen eine deutsche Hausfrau, kleine, süße Jeanneton, und wirst mir daheim Deine Lieder singen, und meine Schwester soll Dich lehren, was die Frauen bei uns für den Mann arbeiten nennen! Heut Abend reisen wir, und in drei Tagen sind wir in meiner Heimath.“


Monate waren vergangen seit jenem Tag in der Rue du Faubourg Poissonnière. Eugen Ellernburg wohnte mit seiner Frau in der kleinen rheinischen Stadt im ehemaligen Hause seiner Eltern. Es stand in einer engen Straße und war ein großes, düsteres Gebäude mit spitzen Fenstern und gothischem Portal, langen Corridors, in denen sich Jeanneton immer fürchtete, und ernsten Zimmern mit hochgewölbten Decken. Ueberall war das Ellernburg’sche Wappen angebracht, ein melancholisch aussehender Baum, an dem ein Schild lehnte. Auch starrten steife Bilder längst vermoderter Vorfahren fragend und mürrisch auf die junge Frau hernieder, die wie ein gefangener Vogel in dem weiten Bauer umherflatterte. Ein Garten, voll Taxuswände und Buchengänge, zog sich hinter dem Hause her; Jeanneton behauptete, dort schiene niemals die Sonne und im Mondlicht huschten Gespenster im Schatten allda auf und nieder. Aber alles dies hätte die kleine Pariserin eher ertragen, als die beständige Gegenwart eines Gespenstes von Fleisch und Blut, der Schwester ihres Gatten, Isidore Ellernburg.

Sie war es, das große, überschlanke Mädchen mit den grauen Augen und den schlichten blonden Haaren und dem ewigen schwarzseidenen Kleide, welche ihrem viel jüngeren Bruder die früh verstorbene Mutter zu ersetzen versucht und ihn erzogen hatte. Isidore liebte [58] den schönen Eugen fast abgöttisch. Er erwiderte diese Liebe mit jener ruhigen Zärtlichkeit, die seinem Wesen entsprach, unterwarf sich allen ihren Anordnungen und gewahrte nicht, wie der Einfluß wuchs, den das energische Mädchen allmählich über ihn gewann. Dem Bruder zu Liebe hatte sie einen Herzenstraum aufgegeben, sie konnte es nicht über sich gewinnen, den damals kaum fünfzehnjährigen Knaben zu verlassen, und wenn sie auch zum Lohne für ein ihm geopfertes Glück nicht von ihm verlangte, daß er unverheirathet bleiben sollte, so setzte sie stillschweigend voraus, daß er doch nie eine Wahl treffen würde und könne, die sie nicht billigte.

Als nach dem Tode des Vaters der Bankier Ellernburg in Paris den jungen Mann auf ein Jahr zu sich einlud, war sie es, die ihm eifrig zuredete, diese Aufforderung anzunehmen. Sie fühlte sich ja ihres Bruders, seines Herzens wie seiner Gedanken, so sicher, die stille, praktische und reiche Cousine Marie, die sie heimlich für ihn bestimmt, schien ihm so gut zu gefallen, sein ganzer Sinn wie seine Richtung war so ernst und solid, so ganz wie die aller Ellernburgs, daß sie nicht im Traume daran dachte, er könne ihr in dem modernen Babel verloren gehen. Seine Briefblätter ließen anfangs diese Ruhe vollkommen gerechtfertigt erscheinen, bis endlich eine immer höher steigende Temperatur das Postpapier versengte. Er hielt keine bestimmten Posttage mehr ein, er schrieb kurz und verworren. In welche Hände war er gefallen? Eine ungeheure Angst überschlich sie plötzlich, aber sie redete mit Niemand davon, sie traf alle Anstalten zur Abreise.

An demselben Tage, wo sie ihren Koffer packte, um in der Nacht L. zu verlassen, mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Ohren zu hören, wie es um den Geliebten stand, erhielt sie die Nachricht seiner Verlobung und nahe bevorstehenden Heirath mit einer „Sängerin“, so hatte Eugen Jeanneton genannt, abgesehen von all’ jenen bekannten Namen, mit denen Liebende den Gegenstand ihrer Anbetung zu bezeichnen pflegen. Isidore schloß sich hierauf drei Tage lang in ihrem Zimmer ein, den vierten hielt sie eine Familienversammlung und erklärte mit fester Stimme die Verlobung ihres Bruders. Die Cousine Marie warf bei dieser Gelegenheit eine Theetasse auf die Erde.

Eine ganze Woche lang sprach man im Städtchen nur von diesem Ereigniß, später redete man über die Neuangekommene nicht minder heftig, aber viel länger. Längst schon führte man im grauen Hause, dessen grünvergitterte Comptoirfenster im Erdgeschoß jedes Kind kannte, den Haushalt zu Dreien, längst schon hatte sich die junge Französin in der Kirche und auf der Promenade gezeigt, und doch wendeten sich die Augen jedes Vorübergehenden neugierig zum ersten Stock, der Wohnung der jungen Frau.

Die Verwandten empfingen in echt kleinstädtischer Weise den unwillkommenen und unerwarteten Eindringling, das heißt kalt und mißtrauisch, und gaben sich nicht die geringste Mühe, ihr schlechtes Französisch zu verbessern, um einen Verkehr mit Jeanneton zu ermöglichen. Isidore küßte bei der ersten Begegnung ihre neue Schwägerin so eisig auf die Stirn, daß die junge Frau zusammenschauerte. Die Schwägerinnen redeten sehr selten miteinander und sahen sich so wenig wie möglich. Beide empfanden vom ersten Augenblick die Verschiedenheit ihres Wesens, wie eine Kluft, über die es keine Brücke gab, Beide haßten sich, weil Jede die Erste in dem Herzen des geliebten Mannes sein wollte. Nach einer thränenvollen Scene zwischen ihrem Bruder zog sich Isidore für den größten Theil des Tages in ihre Zimmer zurück und Jeanneton suchte sie nie dort auf. Sie hatte sich ein kleines Cabinet, das an ihr Schlafzimmer stieß, genau so eingerichtet, wie jenes geliebte Stübchen in der Rue du Faubourg Poissonnière im vierten Stock. Dort hing ihre Drossel, die sie aus ihrer Heimath mitgebracht. Keine andere Hand, als die ihrige, durfte den Vogel berühren oder das Zimmerchen in Ordnung halten, und wäre Eugen nicht schon längst von ihr bezaubert gewesen, ihr Anblick, wenn sie den zierlichen Besen in der weißen Hand, das kostbare Morgenhäubchen auf dem dunkeln Haar im weißen Peignoir über die Schwelle trat, hätte es dahin gebracht. Ihren eleganten Salon, Wohnzimmer genannt, bewohnte sie nur in den Stunden, in denen Eugen bei ihr war, und nur ihm zu Liebe erklärte sie dessen Einrichtung reizend und behaglich. Es war auch in der That nichts da, was sie störte oder beängstigte, wenn sie ihn ansah, wenn sie sein hübsches Gesicht in ihren Händen hielt, wenn sie in seine Augen sich versenkte und den berauschenden Liebesworten lauschte, die von seinen Lippen strömten.

Nur wenn Isidore eintrat, erwachte sie aus ihrem süßen Traume, dann war’s wie im Märchen, wenn die böse Fee durch einen Blumengarten geht und alle Knospen welken müssen. Jeanneton empfand, daß sich Eugen gleichsam in ihren Armen verwandelte, und sie selbst fühlte sich wie gelähmt ihrer Schwägerin gegenüber. Isidore hatte die Gewohnheit, über die Maßen eifrig zu nähen, zu stricken oder zu häkeln, und die junge Frau verstand eben nichts als Veilchentouffs, Rosenknospen und Frühlingsblumen zu machen, so reizend, als ob sie eben frisch gepflückt worden seien. Und von dieser Beschäftigung nie zu reden hatte ja Eugen sie so zärtlich gebeten. Sie saß also mit lässig zusammengesunkenen Händen da und sah zu, wie sich die Finger ihrer Schwägerin bewegten, und fand diese Finger so häßlich, wie die ganze Toilette Isidorens, und wußte kein Wörtchen darein zu reden, wenn die Geschwister miteinander sprachen. Erst, wenn das Fräulein sich zurückgezogen, wurde der Bann von ihr genommen und sie jubelte auf wie der Vogel, dem man das verhüllende Tuch vom Bauer genommen, das ihn geängstigt. „Liebe sie, meine Schwester,“ bat Eugen immer und immer wieder, „sie ist das zärtlichste Herz der Welt.“

Aber Jeanneton schüttelte den Kopf und sagte:. „Niemand darf sich zur Liebe zwingen, es wird doch nur ein Unding daraus und man kann nun einmal ebensowenig manche Menschen lieben, wie man manchen Kopfputz oder überhaupt manche Mode tragen kann. Versucht man’s mit Gewalt, so thut man sich selber den größten Schaden. Laß uns Beide, wir gehören nicht zu einander.“

Gleichwohl war Jeanneton möglichst freundlich gegen Isidore, wenn diese ihr auch deutlich genug zu verstehen gab, daß sie die junge Frau für das nutzloseste, unwissendste Geschöpf der Welt halte. Die Kleine versuchte wirklich die Wichtigkeit eines Waschzettels und die Nothwendigkeit eines Schlüsselkorbes und Ausgabenbuches einzusehen. Sie gab sich Mühe, an jedem Morgen in Begleitung ihrer Schwägerin einen Rundgang zu unternehmen, Schränke auf- und zuzuschließen, der Köchin Alles herauszugeben und auf’s Körnchen genau zuzumessen, gegen alle Leute sich mißtrauisch zu zeigen und nie einen Schlüssel aus den Händen zu geben. Mit staunenden Augen nahm sie die Anweisungen ihrer Schwägerin und ein Ausgabenbuch entgegen und lernte ziemlich rasch jene Worte kennen und schreiben, die im Alltagsleben die Spalten eines Ausgabenbuches zu füllen pflegen. „Es ist dies Alles nöthig zum Glück eines Mannes,“ dies war die Zauberformel, welche Jeanneton’s Geduldsfaden vor dem jähen Zerreißen bewahrte, und dazu kam wahrhafte, wirkliche Furcht vor jener steifen, unbeugsamen Gestalt mit den durchdringenden Augen und dem spiegelglatten Scheitel.

Ueber zwei Dinge dachte die junge Pariserin sehr viel nach: ob dieser Scheitel auch in der Nacht so glatt verbleibe und ob Eugen wirklich unglücklich werden würde, wenn einmal ein Schrank offen stehen bliebe, oder wenn sie vergäße, die kleinen Milchbrode einzuschreiben. Wie über alle Maßen langweilig war doch das Leben einer deutschen Frau! Jeder Tag fing mit Milch und kleinen Broden an im Ausgabebuch und endete mit Salat. Und der Küchenzettel war so wunderlich und kein Gericht wollte der jungen Frau schmecken, und wenn das kleine Stübchen mit den weißen Mousselinevorhängen nicht gewesen wäre und die köstlichen Stunden, wo Eugen allein bei ihr war, so hätte das Heimweh nach der Zauberstadt ihr Herz zusammengedrückt. So aber wehrte sie es immer von Neuem wieder von sich ab und lehnte ihre Stirn an die Schulter des Geliebten und sagte: „Du bist meine Heimath.“

Mit dem Singen ihrer kleinen Lieder kam es auch so ganz anders, als sie gedacht. Da stand wohl ein schöner Flügel in ihrem Wohnzimmer, aber Jeanneton hatte ja nie Clavier spielen lernen. Was sollte er ihr? Und Eugen bat sie auch nie darum, seltsamer Weise, ihre „braune Therese“ und ihren „kleinen Hans“ zu singen, die ihn sonst doch so sehr entzückt. Und vor Isidoren hätte sie keinen Ton herausgebracht, nie und nimmer, nicht um alle Schätze der Welt! Da begnügte sie sich denn, in ihrem kleinen Zimmer vor ihrem Vogel zu trillern und zu singen, und die Drossel sang, wie ehemals in Paris, jene kleinen Chansons nach, und Jeanneton vergaß alle ihre Sorgen. Alle Sehnsucht war ausgelöscht, sie war wieder die kleine Modistin und heut Abend wollte sie im Eldorado singen und dann würde er an dem Tischchen seitwärts links, in der zweiten Reihe etwa, sitzen, und sie würde seinen schwärmerischen Augen begegnen, die so trunken zu ihr hinschauten. Sie sah sich im weißen Kleide – ach, hier durfte sie [59] keine weißen Kleider tragen außer am Morgen, nur die schweren Seidenstoffe – eine Rose und ein Schmetterling bildeten den einzigen Schmuck des lockigen Haares, und dazu das neckische Lied: „Der Schmetterling“. Trat dann Eugen herein, so zerfloß der süße Traum nicht, er wurde nur noch schöner. Leise zog er sie dann auf sein Knie und sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und ließ sich in’s Ohr flüstern, daß er sie liebe wie nichts in der Welt und ewig lieben werde.

[71] Einstmals, an einem jener sogenannten Familientage, die Jeanneton besonders quälten, in einem großen Kreise strickender und häkelnder Damen und vieler im Nebenzimmer rauchender und Whist spielender Männer, erschien unter ihnen ein junger Musiker, ein entfernter, nur auf der Durchreise befindlicher Verwandter. Seine freien, reizenden Phantasien auf ihrem Flügel elektrisirten die junge Frau. Zum heimlichen Entsetzen Aller wich sie nicht von seiner Seite, als er spielte, und als er geendet, reichte sie ihm mit dem Ausdruck naiver Bewunderung beide Hände und bat, ihr einmal einige Lieder zu begleiten.

„Wenn Ihr so viel könnt, wie ich glaube, so müßt Ihr die Accorde zu meinem Gesang finden, ohne die Lieder zu kennen,“ sagte sie. Und glühend vor Freude, bebend vor Erregung stimmte sie ihre kecken Chansons an, eine nach der andern, und er folgte ihr, als ob er in seinem Leben nichts Anderes gethan, als die Lieder Jeanneton’s begleitet. Es war wie im Eldorado. Sie stand wie sonst neben dem Flügel, vor ihr die lauschende Menge. Unwillkührlich gesticulirten die kleinen Hände. O, wie schön sie war! Der junge Musiker blickte wie verzückt in dies strahlende Antlitz, dessen Augen funkelten, dessen Lippen lächelten. Wie ein Wunder erschien sie ihm, wie eine Perle – im Sande verloren. Ihre Stimme klang so süß und lockend, ihr Wesen war so fremd und bestrickend. Träumte er denn, sang diese Frau wirklich jene kecken berauschenden Lieder in dem Hause Ellernburg am Familientage? Saß dort wirklich die strenge Isidore und verließ nicht eben die hochblonde Marie den Salon? Andere folgten ihr mit Zeichen des Entsetzens. Und in der Thür Männerkopf neben Männerkopf, spöttische oder erstaunte oder erregte Gesichter. Und mitten unter ihnen das bleiche, bewegte Antlitz Eugen’s. Und Eugen’s Hand war es, die endlich sich auf Jeanneton’s Arm legte. Sie schrie auf, als sie ihn ansah. Sanft faßte er ihre Hände und führte sie in ihr kleines Zimmer. Dort schloß er sie heftig in die Arme und beschwor sie, nie wieder jene Lieder zu singen.

„Du hast mir das Herz zerrissen, Jeanneton,“ sagte er, „denn ich mußte sehen und hören, wie sie mein Weib verurtheilten, und konnte ihnen kein Wort verbieten. Ich habe unsäglich gelitten! Singe so oft Du willst, nur niemals jene Lieder, ich will nicht, daß sie eines Menschen Ohr wieder hört!“

Er sah ganz verwandelt aus, als er so redete, so wild und verzweifelt, daß sie sich vor ihm fürchtete.

„Ich will Dir alle Lieder der Welt zu Füßen legen, singe sie, singe nur diese nicht wieder!“

„Gefallen sie Dir denn nicht mehr?“ fragte sie bebend.

„Hier nicht, hier tödten sie mich!“

„Aber andere kann und werde ich nie lernen,“ sagte sie leise und brach in Thränen aus. „Geh’ nur zurück zu ihnen und sage, daß ich krank geworden, ich bleibe für den Rest des Abends hier.“ –

Eugen hielt Wort. Er verschrieb die schönsten Lieder, er brachte ihr Mendelssohn, Schumann und Schubert mit französischem Text in den prächtigsten Ausgaben. Sie schüttelte den Kopf, durchblätterte die Sammlungen und erklärte, kein einziges singen [72] zu können. Das war das erste Weh, der erste Kampf. Arme Jeanneton! Die Fortsetzung ließ nicht lange auf sich warten. Jeder Tag brachte irgend ein Ungemach, eine Qual, einen Schmerz, gegen den kein Sträuben schützte. Immer enger zog Isidore ihre Kreise, immer machtloser erschien Eugen ihr gegenüber. Die junge Frau glich jenem bunten Falter, der sich in das Netz einer Spinne verirrte, die feinen Fäden wanden sich immer dichter um die flatternden Flügel.

Isidore Ellernburg hatte Recht; es war Wahnsinn und Frevel die Kleine zur Herrin des grauen Hauses in der Winkelstraße zu machen und es kamen allmählich Momente, wo Eugen selber Ähnliches dachte.

Und da es geschah, daß Jeanneton unter diesen wunderlichen Verhältnissen trotzig und eigenwillig wurde, wie ein Kind das man unverdient straft, so kam es, daß Eugen sich oft und öfter in die Zimmer seiner Schwester zurückzog, nicht um über seine junge Frau bei ihr zu klagen, sondern nur um ruhig neben ihr zu sitzen und sich von ihr umsorgen zu lassen. Heiterer und zärtlicher kam er dann zu der Kleinen zurück, aber für Jeanneton war das ein neuer Schmerz. Auch kam er allezeit mit einigen sanften Ermahnungen und guten Rathschlägen, und das war es, was sie immer mehr erbitterte und reizte. Bald bat er sie, jene kleinen widerspenstigen Locken zu verbannen, die er früher so tausend Mal bewundert, bald versuchte er sie zu überreden, die Schneiderin Isidorens anzunehmen, um ihre etwas, wie er sie jetzt bezeichnete, „extravagante“ Toilette zu moderiren, und legte ihr zugleich einen von Isidoren gewählten Kleiderstoff zu Füßen.

All dergleichen Bemühungen hatten aber keinen Erfolg. Jeanneton ließ die reizenden Locken nur noch verwirrter hängen, verschenkte sofort den grauen Kleiderstoff an eine arme Frau und schnitt und fertigte sich ihre Roben nach wie vor nach ihren Pariser Mustern. Die Haushaltungsangelegenheiten waren längst vollständig in die Hände Isidorens übergegangen, seit die Kleine einmal, als ihre Schwägerin ihr einen Rechenfehler im Ausgabebuch nachgewiesen, das Buch in tausend Stücke zerrissen. Immer längere Zeit verlebte Jeanneton in ihrem Stübchen, das sie stets sorgfältig hinter sich verschloß. Was sie dann wohl that? Isidore hätte es gar zu gern gewußt und alles Horchen half doch nichts. Da hörte man eben nur den Vogel lustig flöten und die süße Stimme der jungen Frau sang, zuerst leise wie aus weiter Ferne, dann lauter und immer fröhlicher der klugen Drossel nach. Daß dies offenbar ein gefährliches und unverzeihliches Vergnügen war, suchte das Fräulein dem Bruder täglich von Neuem mit unendlicher Geduld zu beweisen.

„So lange Du ihr die Grille dieses albernen kleinen Verstecks nachgiebst, so lange wird sie keine demüthige deutsche Frau. Je mehr sie sich in dieser Weise isoliren darf, desto mehr löst sie sich von Dir. O Eugen, das einzige Mittel Deinen Schritt wieder gut zu machen ist, sie fest und unerbittlich an Dich zu ziehen, sie keinen Augenblick aus Deiner Hand zu lassen, sie mir anzuvertrauen und Alles aufzubieten, damit in den Räumen, die Deine Mutter bewohnte, keine Unwürdige umherflattere, deren Wesen all’ Deinen Verwandten Mißtrauen einflößt, eine Frau, über deren räthselhaftes Gebahren Jeder die Achseln zuckt oder lacht. Es ist eine Schande, daß Du ihr gestattest jene Lieder zu singen, so oft sie Lust hat, die keine Frau anhören dürfte, geschweige selbst singen. Was geschehen, ist nicht ungeschehen zu machen, aber an Dir ist es jetzt, Jeanneton zu einer Gefährtin zu erziehen, die Deiner würdig. Du mußt es, wenn Du sie noch liebst!“

Ob er sie noch liebte? Wenn er sie sah, wenn er den Arm um ihre reizende Gestalt schlang, wenn sie in ihrer frischen, neckischen Weise mit ihm plauderte und ihre dunkeln Augen so zärtlich zu ihm aufblickten, so durchdrang es ihn mit überzeugender Gewalt, daß er nie ein anderes Weib so lieben könne und werde, wie sie, daß Alles, was für ihn Poesie hieß, sich in ihr verkörperte. Dann hätte er sie forttragen mögen in ein zauberisches Land, um dort für sie einen Feenpalast aufzuführen, eine Märcheneinrichtung hervorzuzaubern, wo man aus goldenen und silbernen Bechern und Schalen Honigseim schlürft und Blumensalat verspeist. Fand er sich aber bei seiner Schwester, in jenen Umgebungen, die er von Kindheit auf gewöhnt, war er dem persönlichen Zauber Jeanneton’s entrückt, so ertappte er sich auf dem Wunsche, seine Kleine so ruhig und sorglich, so ernst und geschäftig mit Küchenschürze und Schlüsselbund schalten und walten zu sehen, wie eben Isidore; dann wünschte er von Herzen sie genau so zu sehen, wie alle Frauen seines Bekanntenkreises. Nach Männerart kam ihm aber nie der Gedanke, daß er doch im Grunde die Schuld trage an allen Mißstimmungen und wunderlichen Wandlungen im grauen Hause, weil seine Hand die wilde Rose in ein Treibhaus verpflanzt, in dessen schwüler Luft sie welken mußte.

Und ein Tag kam, ein böser Tag, wo Eugen mit Jeanneton am Arm zwischen den Taxuswänden hin und wieder wanderte, um ihr begreiflich zu machen, daß sie ihm zu Liebe ihr kleines Asyl aufgeben und statt dessen bei Isidoren die Zeit seiner Abwesenheit verbringen müsse. Viele Worte fielen, heftige, bittere Worte, und Jeanneton’s kleine Hände rissen im Vorbeistreifen Zweig um Zweig aus den Hecken und die zierlichen Füße stießen wie unwillig und ungeduldig die welken Blätter bei Seite, die von den hohen Buchen in den offenen Gang langsam herabfielen. Die Sonne leuchtete so klar, der Himmel war so blau, in den Gebüschen jagten sich zwitschernde Vögel. Die schlanke Frauengestalt im dunkeln Seidenkleide war plötzlich stehen geblieben: „Sieh, da blühen noch Rosen! rief sie mit dem Ausdruck kindlicher Freude. Und am Ende des Ganges leuchtete eine verspätete Monatsrose.

„Laß bei uns immer Rosen blühn!“ flüsterte er zärtlich, „sei gut, Jeanneton, gieb nach, erfülle meine Bitten!“ Und halb sie führend, halb sie tragend, näherten sie sich der einsamen Blume. Er brach sie und reichte sie der jungen Frau. Aber als ihre Finger sie berührten, fielen die Blätter ab.

„Ich bin’s, die Alles zerstört,“ sagte sie erschrocken und traurig und blickte auf die zerstörten Blumen. „Nein, nein, das soll nicht mehr sein, sei ruhig, Eugen, ich liebe Dich und ich will versuchen, zu thun, was Du willst – sie zu lieben. Ja, die Rosen. sollen blühen!“

Und mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit warf sie die Arme um seinen Nacken. „Komm, wir wollen den kleinen Vogel holen aus meinem Stübchen und ihn zu Isidoren bringen, und ich will Dir auch zeigen, was ich dort that, wenn ich allein war, und Du wirst nicht zürnen.“

Und sie gingen Beide innig aneinander geschmiegt in das Haus zurück, durch den Flur und die Reihe von Zimmern bis an das kleine Stübchen mit den weißen Muslinvorhängen. Aber was war das? Die Thür stand offen, das Fenster auch; wehe, wo war der Vogel? Leer der Bauer, der kleine Sänger, der Liebling Jeanneton’s, ihr Trost und ihre Freude, war entflohen! Wer hatte es gethan? Starren Auges blickte die junge Frau auf die offene, kleine Thür des Käfigs und dann sagte sie mit tonloser Stimme: „Sie hat es gethan und einzig sie. Jetzt ist Alles vorbei.“ –

O, diese schlimme Nacht, die dem schlimmen Tage folgte! Kein Schlaf senkte sich auf die verweinten Augenlider der jungen Frau. Und dieser Sturm von Gedanken, diese Thränen und diese Kämpfe! Dann und wann richtete sie sich lauschend auf und schaute zu ihm herüber. Er schlief so tief und fest. Die schöne Stirn war ihr zugewandt, um den Mund spielte ein heiteres Lächeln. Von wem mochte er wohl träumen? Ach, was hätte sie darum gegeben, ihn gerade jetzt erwachen zu sehen, noch einmal seine Stimme zu hören, seine Lippen auf den ihrigen zu fühlen! Aber es war besser so, der Abschied war leichter, und Abschied mußte genommen werden, ohne Verzug, gleich. Leise erhob sie sich, leise schlich sie hinaus in ihr Stübchen. Arme Jeanneton! Eugen träumte ruhig weiter. Er stand ja in dem glänzend erleuchteten Saal des Café Eldorado und hörte die süßen Lieder eines reizenden Geschöpfes im weißen Kleide.

Währenddem schlüpfte eine zierliche Gestalt in unscheinbarem Reiseanzuge, eine Reisetasche am Arm, über den Hausflur und öffnete die Thür. Fährst du nicht auf mit einem jähen Angstruf, sorgloser Träumer? – es ist dein Weib, das jetzt über deine Schwelle hinausschreitet in die schweigende Herbstnacht. –

Eugen las am nächsten Morgen bebend und todtenbleich wieder und wieder folgende Worte:

„Auf Wiedersehen, Geliebter! Ich würde wahnsinnig geworden sein – ich mußte fliehen, es war so nicht mehr zu ertragen. Du mußt wählen zwischen mir und ihr, eher kann ich nicht wieder zu Dir kommen. Laß uns geschieden bleiben, bis Dein freier Wille uns wieder zusammenführt. Schreibe mir nicht, ich werde auch nicht schreiben. Du sollst ungestört entscheiden, wem von uns Beiden Du angehören willst. Ich gehöre nicht in Euer Deutschland;

[73] Du mußt zu mir kommen, wenn Du willst, daß ich leben soll! Besinne Dich in aller Einsamkeit darauf, wie sehr Du mich liebst. Ich erwarte die Entscheidung mit Zuversicht, denn ich schließe diese Zeilen, wie ich sie begann, – mit dem magischen Worte: Auf Wiedersehen!
Jeanneton.

Ich werde unter dem Schutze meiner alten Freundin als Deine Frau still in meinem alten Stübchen leben, ich werde wieder arbeiten, wie zuvor. Dein Geld brauche ich nicht. Ach, Liebster, Du weißt, ich habe es immer beklagt, daß Du ein reicher Mann bist. Jetzt ist wieder Alles wie einst, aber doch noch schöner, denn wir sind unzertrennlich. Hörst Du?“

Im ersten Augenblick nach Lesung dieses von Thränen halb verwischten Blattes wollte er nach Paris abreisen, im zweiten sank er vernichtet in seinen Sessel, im dritten brauste er im wilden Zorn auf, um endlich in Isidorens Zimmer zu erscheinen, die vor seinem Anblick laut aufschrie. Eine lange Unterredung fand nun zwischen Bruder und Schwester statt – als sie geendet, war Eugen ruhiger. Das Städtchen wurde baldigst von der plötzlichen Abreise der jungen Frau nach Paris in Kenntniß gesetzt, und ehe Jeanneton ihre geliebte Heimath wieder betrat, hatte die Fama sie bereits in aller Form von ihrem Manne geschieden. –

Der Winter war vergangen, der Frühlingstraum ausgeträumt, der Juni zog mit seinem glänzenden Gefolge von Blüthen und Schmetterlingen über die Erde. Die Rosen blühten auf im düstern Garten des grauen Hauses in der Winkelstraße in L. und füllten Eugen’s Herz mit Sehnsucht nach ihr und trieben ihn auf den Weg nach Paris – trotz des scheinbaren Sieges der Schwester, trotz der auf ihre unablässigen Bitten und Mahnungen endlich eingeleiteten Scheidung.

Am nächsten Morgen, so hatte er ihr gelobt, sollte die Scheidungsklage eingereicht werden. Eugen hatte eingesehen, daß Jeanneton ihn böslich verlassen; daß er eine Mesalliance eingegangen; daß Jeanneton nicht leben konnte in der Atmosphäre, in der die Frauen seines Hauses sich wohl gefühlt; daß sie ihn vergessen; daß sie nur von ihm gegangen, um ihr lustiges Leben weiter zu führen, dem er sie entrissen, und daß er, wenn es ihm gelungen, sie gewaltsam zu halten, nur elend, unsagbar elend geworden wäre. Isidore hatte Recht, das unselige Band mußte zu seinem und ihrem Frieden gelöst werden, er wollte die Klage einreichen.

Aber am Abend ging er noch einmal hinab in den Garten und genau jene Wege, die er damals mit Jeanneton gewandelt, als Isidore den kleinen Vogel entfliehen ließ. Und die Rosen blühten und er tauchte sein Gesicht in die duftenden Kelche, und in der Nacht darauf war er abgereist. „Zürne nicht, Isidore, ich kann nicht anders! Es ist Wahnsinn, ich weiß es, aber ich kann nicht von ihr lassen. Sie ruft mich, und da ist nichts in der Welt, was mich zurückhalten könnte; auch Du nicht. Als ich heut’ Abend an den Rosenbüschen vorbeistreifte, da hörte ich deutlich ihre Stimme, die zu mir sagte: ,Komm!‘ O, Du kannst es nicht fassen, daß kein Mann widerstände, dem Jeanneton sagte: ,Komm!‘ Ich weiß nicht, was die nächste Zukunft bringen wird, ob ich wiederkehre, ich weiß nur, daß sie es ist, die meine Seele in den Händen hat!“ –

Der kleine Wagen hielt vor dem wohlbekannten Hause der Rue Faubourg Poissonnière. Die Sonne neigte sich zum Untergange. Eugen sprang über den Schlag heraus. Eine zitternde Ungeduld trieb ihn die Treppenstufen hinauf. Wie einen Strom, der alle Gedanken mit fortriß, fühlte er die Liebe zu seiner Kleinen sein ganzes Wesen durchwallen. Er wollte sie auf den Händen tragen fortan, die Süße, die Langentbehrte. Niemand sollte ihr ferner ein Leid anthun. Er wollte mit ihr in Paris leben, sie sollte seine fremde, angebetete Blume sein. Hochaufathmend blieb er endlich vor ihrer Thür stehen und mit zitterndem Finger zog er die Schelle. Eine alte Frau trat ihm entgegen und sah ihn mit blöden Augen an. Wie Eis fühlte er es plötzlich auf seiner Brust. „Wo ist Jeanneton, wo ist meine Frau?“ stammelte er.

„Sind Sie es, der Mann der Kleinen? Nun, es ist gut, daß Sie da sind. Sie hat vorhergesagt, daß Sie kommen. Vielleicht macht es sie gesund! Aber seien Sie leise mit ihr!“

Er hörte kaum die Hälfte der Worte – er stand im Zimmer. Die weißen Muslinvorhänge waren zurückgeschlagen, der Goldschein der scheidenden Sonne füllte den kleinen Raum. Aber er war anders eingerichtet, als damals. Ein Himmelbett stand drüben an der Wand und daneben etwas Rosenrothes, Blumenbekränztes. Großer Gott, war es eine Wiege? Er warf aber keinen Blick hinein auf das leise athmende, sanft schlummernde Etwas, das darin lag; er trat mit stockendem Athem an das Bett. Da sah er sie, die Kleine, da ruhte der blasse, reizende Kopf auf den Kissen still und müde, aber groß und glückselig schauten die Augen zu ihm auf, so glückselig, so geheimnißvoll, so strahlend, wie nie zuvor.

„Eugen, ich wußte, daß Du kommen würdest, wir sind unzertrennlich für Zeit und Ewigkeit – da ist das Kind! Und es soll – Isidore heißen. Hörst Du?“

Es war ein qualvoll entzückender Augenblick, als er vor ihrem Bette auf die Knie sank und das schlafende Kind in ihre Arme legte und immer und immer wieder ihre wachsbleichen Hände küßte und wie in alter Zeit tausend und abertausend thörichte Zärtlichkeiten in ihr Ohr flüsterte. „Du sollst jetzt nicht mehr mich bewundern, nur das Kind! Gott segne Euch!“

Arme Jeanneton, es war der letzte Sonnenstrahl für dich! Drei Tage später war sie eingeschlafen in seinen Armen, ahnungslos und lächelnd wie ein Kind. Draußen blühten die Rosen und die kleine Isidore lächelte im Schlaf.


Das Töchterchen Jeanneton’s wurde der angebetete Liebling der ganzen Familie ihres Vaters und das Sonnenlicht für sein Herz. Jeder, der sie sah, war von ihr entzückt, und sie gehörte zu jenen seltenen Wesen, denen das „Verzogenwerden“ in keiner Weise schadet. Dank ihrer Tante, die mit abgöttischer Zärtlichkeit an ihr hing, lernte sie Waschlisten schreiben, das Ausgabebuch führen und mit der Köchin den Speisezettel berathen. Ihre Stimme war von dem süßesten Klang und ihr Musiklehrer stolz auf den Erfolg, mit dem sie besonders Lieder sang. Aber allabendlich, in dem Zimmer ihres Vaters, Niemand durfte dabei sein, da sang die Kleine jene drei französischen Chansons, die er sie gelehrt: „Die braune Therese“, „Hans, der nicht lügt“ und „Ach, wüßtest Du, wie ich Dich liebe“. Wenn sie ihn dabei mit den Augen der todten Mutter anblickte und mit hinreißender Grazie das Köpfchen dazu neigte, als ob sie’s ihr abgelauscht, da geschah, was eben sonst Niemand sah: der ernste Mann mit den melancholischen Augen lächelte.