Ein Wunderbau für die Thierwelt

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Autor: Carl Nißle
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Titel: Ein Wunderbau für die Thierwelt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 165–170
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ein Besuch im Berliner Aquarium
Siehe auch: Alfred Brehm: Von der Baustätte des Berliner Aquariums. In: Die Gartenlaube 1868, Heft 39
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Ein Wunderbau für die Thierwelt.

„Wenn Sie den gegenwärtigen Zustand der Naturwissenschaft betrachten, wie sie sich immer mehr zu einer umfassenden Weltkunde gestaltet, was ahnt Ihnen von der Zukunft, ich will nicht einmal sagen, für unsere Theologie, sondern für unser evangelisches Christenthum? … Mir ahnt, daß wir werden lernen müssen, uns ohne Vieles zu behelfen, was Viele noch gewohnt sind, als mit dem Wesen des Christenthums unzertrennlich verbunden zu denken … Unsere neutestamentlichen Wunder, denn von den alttestamentlichen will ich gar nicht erst reden, wie lange wird es noch währen, so fallen sie auf’s Neue, aber von würdigern und weit besser begründeten Voraussetzungen aus, als früherhin zu den Zeiten der windigen Encyklopädie? … Was soll dann werden? Ich werde diese Zeit nicht mehr erleben, sondern kann mich ruhig schlafen legen. Aber Sie, mein Freund, und Ihre Altersgenossen, was gedenken Sie zu thun? Wollt Ihr Euch dennoch hinter diesen Außenwerken verschanzen und Euch von der Wissenschaft blokiren lassen? Das Bombardement des Spottes wird Euch wenig schaden – aber die Blokade! die gänzliche Aushungerung von aller Wissenschaft –“

Als Schleiermacher im Jahre 1829 diese prophetischen Worte an Lücke schrieb, ahnte er da wohl, daß schon nach kaum vierzig Jahren ihre Erfüllung sich anbahnen, daß Syllabus und Synodal- oder Pastoralconferenzen schon nach so kurzer Spanne Zeit den geschmähten und verfolgten Naturwissenschaften zu immer weiter greifender Anerkennung verhelfen würden? Die Bestrebungen der augenverdrehenden Theologie sind schuld, daß die Geheimnisse der Naturforscher nur noch in der Methode und in dem Detail der Wissenschaften liegen, die erforschten Resultate aber allen helleren und umsichtigen Köpfen zugänglich sind. Nächst diesem „Theil von jener Kraft, die stets das Böse will

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Die Gartenlaube (1873) b 166.jpg

Das Berliner Aquarium. Nach der Natur gezeichnet von Emil Schmidt.

[168] und – leider nicht – stets das Gute schafft,“ gebührt aber der Dank für die erreichten Erfolge den Männern der Wissenschaft, die aus dem Rahmen der strengen Methode heraustretend in anziehendster Form Popularität und Gründlichkeit zu vereinen verstanden und von den reichen Schätzen des mit Fleiß und Mühe Erforschten und Erarbeiteten so viel spendeten, als der jeweiligen Volksentwickelungsstufe frommte. Da konnte es nicht fehlen, daß die neuzeitliche Speculation, die ihre stets bereiten Hände nach Allem streckt, auch das vom Publicum den Naturwissenschaften entgegengetragene Interesse direct auszubeuten sich anschickte – und den zoologischen Gärten wie den Aquarien wandte sich das Capital in bisher ungekannter „Theilnahme“ zu.

Bei dieser Entwickelung lag und liegt stets die Gefahr nahe, daß die wissenschaftlichen Zwecke durch die materielle Ausbeute benachtheiligt werden, und auch beim Berliner Aquarium, dem wir diese Zeilen widmen, würde der hervorragend wissenschaftliche und künstlerische Anstrich vielleicht nur Mittel zum Zweck gewesen sein, wenn hier nicht die von Beginn des Unternehmens ab gewonnene Mitwirkung eines geistreichen, für seine Wissenschaft begeistert entflammten Mannes, des unseren Lesern wohl bekannten Dr. A. Brehm, eine idealere Weise von Anfang an bedingt, und nie den kalten Standpunkt des frivolen Realismus allein hätte aufkommen lassen, und wenn ferner nicht der bauende Meister, der zu früh dahingeschiedene W. Lüer, ein vollendetes Kunstwerk zu schaffen sich vorgesteckt hätte.

Eine Anlage, welche zum ersten Mal aus dem bis dahin üblichen Rahmen heraustritt und in großartiger Durchführung alle ihre Vorgänge unberechenbar überflügelt, muß an sich selbst erfahren und kennen lernen, welche ihrer neuen Einrichtungen sich bewähren und welche einer Um- oder Neugestaltung werden weichen müssen. Das Berliner Aquarium mußte somit auch sozusagen die Kinderkrankheiten selbst durchmachen. Die hartnäckigste von diesen, die eine Zeit lang sogar das Leben des jungen Sprößlings bedrohte, war das Seewasserleiden, oder wenn man will, die Seekrankheit. Die Lage Berlins – selbst von den nächsten Seeküsten weit genug entfernt, um die Heranschaffung eines guten natürlichen Seewassers bedenklich in Frage zu stellen – ließ die Verwendung künstlichen Seewassers empfehlenswerth erscheinen, und manches trefflich durchdachte, auf den wissenschaftlichen Principien beruhende Experiment mißglückte, ehe Dr. O. Hermes das Problem in befriedigendster Weise löste und damit die Unabhängigkeit der Aquarien von einer nahen Lage zur Meeresküste mit schlagendster Eleganz bewies. Wir können hiernach dem Institut nur Glück dazu wünschen, daß es im vorigen Jahre den Dr. Hermes als zweiten Director dem Dr. Brehm an die Seite stellte, und so die Leitung des Ganzen Männern anvertraute, welche die Garantie des Gedeihens in sich tragen.

Der Plan zur Gründung des „Berliner Aquariums“ war kaum gefaßt, als auch schon seine Erweiterung beschlossen wurde. Nicht nur Wasserbewohner, auch „was da kreucht und fleugt“, sollte Augenweide gewähren, oder, wie Dr. Brehm sich anmuthiger ausdrückte: der Besucher sollte in verlockender Kürze die Promenade von der Wüste aus durch den Urwald bis an die Gestade des Meeres zurücklegen. Dem entsprechend, führt uns die erste Abtheilung vorzugsweise das Gezücht vor, das in den Wüstenstrichen der Wendekreisländer sein unheimliches oder tückisches Wesen treibt. Tropentemperatur empfängt uns und fast völlig regungslos, im Gluthenhauch der heißen Zone, ruht Alles, was wir hier erblicken.

Schlangen und Eidechsen bevölkern überwiegend die Käfige des Schlangenganges (Gruppe A auf unserem Bilde), den wir zuerst betreten. Daß die hier zur Schau gestellte Collection an Reichhaltigkeit und Schönheit der Exemplare ihres Gleichen sucht, sei für diese, wie für die folgenden Abtheilungen von vornherein bemerkt.

An Matadoren nennen wir hier von den giftlosen alt- und neuweltlichen Riesen: Python und Boa constrictor, die und kleineren Streifen-, Wasser-, Ketten-, Schwarznattern; und von den giftigen Puffottern in colossaler Größe: Klapperschlangen, Wasser-, Horn- und Nasenvipern. An Eidechsen finden wir außer den sämmtlichen in Europa vorkommenden Arten Warane, Stumpfschwanzechsen, Tejus und häufig auch die bei uns seltenen Fremdlinge Chamäleon und Leguan. Dazu selbstverständlich Krokodile, und zwar nicht nur die gewöhnlich in zoologischen Sammlungen vorhandenen amerikanischen Alligatoren, sondern auch von jenen Species, die dem Nil entstammen. Ein Blick durch die ersten, rechter Hand gelegenen Scheiben des Schlangenganges trifft die Krolodilgrotte (B), die sich uns später noch einmal von einer andern Seite präsentiren wird.

Besondern Dank verdient Brehm, daß er dafür gesorgt, daß fortdauernd auch die in unserm Vaterlande heimischen giftigen und giftlosen Schlangen vertreten sind, und dadurch den Besuchern des Aquariums Gelegenheit gegeben wird, die schädlichen Mitglieder dieser meist verkannten Thiergattung von den harmlosen und sogar nützlichen unterscheiden zu lernen. Denn nur die giftigen verdienen die Verfolgung, mit welcher unterschiedslos die ganze Classe beehrt wird, während die andern durch Vertilgung des Ungeziefers, speciell der Mäuse etc. auf Schutz und Schonung Anspruch erheben dürfen. Doch freilich – wenn es selbst Schlangenkundigen passiren konnte, die ungefährlichen Vipernnattern[WS 1] mit den in der Zeichnung ihnen sehr ähnlichen, jährlich mehrere Opfer fordernden Kreuzottern oder Vipern zu verwechseln, wie soll man dem Laien untrügliche Merkmale angeben, die Tod und Verderben Bringenden von den harmlos nützlichen zu unterscheiden?

In besondern Glaskästen in den Käfigen des Schlangenganges pflegen zwei zur Classe der Spinnen gehörige Thierarten ausgestellt zu sein, über welche gewöhnlich zu seltsame Anschauungen und Vorstellungen verbreitet sind, als daß es nicht dankbar zu begrüßen wäre, sie einmal lebend beobachten zu können. Der Scorpion und die große, selbst Vögel würgende Buschspinne können unmöglich bessere Gesellschaft finden, als ihnen hier in Schlangen und Eidechsen zu Theil geworden ist. Auch ihnen ist Niemand hold gesinnt. In der Fähigkeit, mit colossaler Ausdauer in einer einmal eingenommenen Lage oder Stellung zu verharren, geben sie den Reptilien auch nichts nach. In dieser letzteren Eigenschaft aber völlig unübertrefflich und deshalb in dieser Umgebung gleichsam heimathsberechtigt ist ein Vierfüßler, dem wir noch einen kurzen Besuch abstatten wollen. Man pflegt wohl zu sagen, daß zur Faulheit keine besondere Uebung gehöre. Mit solcher Virtuosität aber zu faulenzen, wie das zweizehige Faulthier es fertig bekommt, dazu würden andere Geschöpfe doch erst einigen Fleiß verwenden müssen. Selbst das Fressen scheint diesem Thiere eine Last zu sein. Dabei bewährt sich auch hier die Richtigkeit des Sprüchwortes, daß Faulheit mit Armuth lohnt, wenn darunter auch geistige Armuth zu verstehen erlaubt ist, denn nicht viele Säugethiere machen unserem Faulthiere in Bezug hierauf den Vorrang streitig; nicht viele erscheinen gleich ihm als das Conterfei der vollendetsten Stupidität. Es ist fast, als wenn es dieser sich bewußt wäre, und deshalb hartnäckig das blöde Gesicht verstecke! Man gönne ihm das Vergnügen – wir wollen zu lebendigeren Bildern uns wenden.

Die Erfahrung, daß das, was das Auge fesselt, das Ohr abscheulich beleidigen kann, wird jeder Aquariumsbesucher vor jenem Riesenkäfig gemacht haben, zu dem wir nun treten und dessen oberen Theil wir zu Ende des Schlangenganges und noch einmal besonders in der Gruppe C unserer Abbildung erblicken.

Geologische Grotte ist dieses Meisterstück von Baukunst genannt, in ihren Wandungen einen Durchschnitt unserer Erdrinde veranschaulichend. Hoch oben schwirren in ewig lebendigem Spiele Alpendohlen, oder zetern in ohrzerreißendem Geschrei die farbenprächtigsten Papageien und Kakadu’s; rechts in der Mitte erheben die australischen Riesenfischer ihre jeder Beschreibung spottenden und jedes Wohlklanges entbehrenden Tonübungen, und unten aus der Tiefe schallt die durchdringende Stimme der Austernfischer oder das gellende Lachen der Möven empor. Das Auge möchte weilen – der Eindruck ist zu imposant – das Ohr möchte eilen; können beide denn nicht zugleich genießen? Wende dich um, steige wenige Stufen herab – wirf im Herabsteigen einen flüchtigen Blick rechts in den Felsenschacht, der dort zu bodenloser Tiefe sich verliert, und laß dann mit überwältigender Kraft auf dich einwirken, was sich nun dir bietet: die oft bespöttelte, für die, die am Wort Aquarium hängen geblieben, hier unberechtigt erscheinende, in Form und Füllung bis jetzt nirgend übertroffene Prachtvolière (Vogelhaus).

Die Gruppe D giebt die Ansicht, die der Besucher zuerst empfängt; das große Mittelbild unserer Abbildung ist geeignet, den Totaleindruck zu vervollständigen; ganz ist dieser aber ebensowenig [169] vom Malergriffel, wie von der beschreibenden Feder wiederzugeben. Die Sammlung der in diesem in vierzehn große Unterabtheilungen zerfallenden Flugkäfig gehaltenen Pracht-, Zier- und Singvögel ist einzig in ihrer Art; die luftige Vergitterung gestattet von jeder Seite aus den vollen Durchblick durch den ganzen gewaltigen Raum. Man mag vielleicht einmal noch größere Volièren bauen und die Schaar der gefiederten Insassen bis in das Unberechenbare vervielfältigen – an Zierlichkeit und Anmuth und zugleich an Großartigkeit und Fülle wird dieser Prachtbau stets ein vollgültiges Muster bleiben.

Es würde selbstverständlich den Rahmen dieser Schilderung sprengen, wenn wir alles Das, was hier Beachtens- und Besprechenswerthes sich bietet, erwähnen wollten. Der Farbenreichthum der tropischen Vögel, die Klangfülle der vielen Meister der Gesangeskunst, der kunstvolle Nestbau der seltensten Webervögel, darunter der der seltenen Büffelweber, das Alles im Einzelnen dem Leser vorzuführen, ist schlechterdings unmöglich – gehört doch selbst für den aufmerksamen Liebhaber ein wiederholter Besuch dazu, um sich in diesem bunten Chaos der unaufhörlich durcheinanderschwirrenden lustigen Gesellschaft einigermaßen zurechtzufinden. Dazu schweift der Blick noch unwillkürlich an den kunstvollen umgebenden Felsenwandungen entlang, um hier die ersten Süßwasserbecken, dort Krokodil- und Schildkrötengrotte (B und E der Abbildung), hier die in seltsamster Lage hängenden, in ihren Flügeln wie in einem Mantel eingewickelten Flederhunde, dort Nörz und Flatterhörnchen zu betrachten. Es ist zu viel, um Alles zu sehen, und sucht das Auge wirklich einige besonders hervorragende Gestalten festzuhalten, will es das Flammenkleid des rothen Ibis oder den Atlasschmuck der Glanzdrosseln, das bunte Sammetgefieder der Wittwen- und Webervögel oder das farbige Allerlei der Miniatur-Zierfinken genauer betrachten, dann schwirrt wie auf ein gegebenes Zeichen mit einem Male die nach Tausenden zahlende Schaar empor, gänzlich verändert ist die Scene – und was Du eben gesehen, hat einem andern Bilde Platz gemacht. So von immer neuen Eindrücken gefesselt, gelangen wir um den Flugkäfig herum und blicken auf die in Gruppe F dargestellte Süßwassergalerie.

Doch ehe wir diese betreten, wird unsere Aufmerksamkeit durch Das, was wir vor derselben in dem großen Käfig – rechts auf unserm Bilde F – erblicken, nachhaltigst abgelenkt. Der Schimpanse meint hier den Besucher nicht vorüberlassen zu dürfen, ohne ihn mit einem ausdrucksvollen „Oh! oh! oh!“ zu begrüßen und ihn zu bitten, ihm deshalb nicht etwa böse sein zu wollen, weil er und seine Sippe in den Verdacht der Verwandtschaft mit uns gerathen sind. Mit fast nie losgelassener Decke hinkt er uns entgegen, streckt vertraulich und bittend die menschenähnlichen Hände durch das Gitter und scheint aufmerksam prüfen zu wollen, ob wir seiner Zuneigung wohl werth sind. Sofort aber schwingt er sich an seinem Turngerüste in die Höhe, um uns in den ausgelassensten Capriolen und tollsten Gliederverrenkungen davon zu überzeugen, daß wir wenigstens in der Turnkunst noch sehr viel von ihm lernen können. Wenn wir nicht anderweitig noch mehr zu bewundern hätten, so könnten wir ihm wohl noch ein Stündchen Beobachtungszeit schenken und uns davon überzeugt halten, daß sein urdrolliges Benehmen uns fort und fort ergötzen würde. So aber – noch einen Blick nach links und rückwärts auf die ihre unwiderstehliche Anziehungskraft in immer neuer Großartigkeit bethätigende Volière – und nun betreten wir die bereits genannte Süßwassergalerie (F).

Die Mehrzahl der auf ihrer linken Seite befindlichen Wasserbecken sind zur Aufnahme von Seethieren eingerichtet worden. Auf der rechten Seite noch einmal Vögel, der Reihenfolge, nicht dem Werthe nach die letzten, welche die umfangreiche Sammlung besitzt, denn unsere und die besten amerikanischen Edelsänger, ferner australische Flötenvögel, amerikanische Troupiale, Heher und Tyrannen, sowie die in Gefangenschaft sonst nicht weiter gehaltenen zierlichen Lasurmeisen Sibiriens sind wohl eingehendster Beachtung und Beobachtung werth.

Durften wir bisher in einem nach oben durch luftige Glasdächer abgeschlossenen Felsenkessel zu wandeln glauben, so gewinnt das Bild in dieser Galerie einen wesentlich andern Charakter: ein langer nach beiden Seiten durchbrochener Felsengang nimmt uns auf, und nur seitwärts einfallendes Licht vergönnt das über uns sich dehnende starre Felsengewölbe zu betrachten. Die ersten Becken, für Süßwasserbewohner bestimmt und deshalb unter weniger bekannten auch unsere gewöhnlichsten Flußfische enthaltend, gewähren in ihrer künstlerischen Felsendrapirung und in ihrem reizenden Pflanzenschmuck das anmuthigste Bild, das man auf diesem Gebiete sich vorstellen kann. Sie sind die treffendste Illustration zu der Dichterstrophe: „Ach, wüßtest Du, wie’s Fischlein ist so wohlig auf dem Grund!“ Lachende Freundlichkeit und heiteres Leben ist hier die Devise – und gleich darauf, wie um den Contrast recht scharf hervortreten zu lassen, in den daran sich schließenden Seebecken der Ernst des Meeres und seiner unnahbaren Tiefen! Denn auch der bunte Schmuck der Seerosen, die sich hier gleich in einem der ersten Becken präsentiren, kann doch das geheimnißvolle Etwas nicht ganz verleugnen, das ihre räuberisch auf Beute ausgestreckten Fangarme jeden Augenblick zu bethätigen gewillt sind. Grotesk und unheimlich zugleich treten uns schon hier die langbeinigen abenteuerlichen Seespinnen und Tolkrabben entgegen; in zierlichen Schwimmbewegungen gleitet die sonderbare Gestalt des Störs vorüber, und plump in Form und Wesen meint auch der Dorsch die Bekanntschaft, die wir mit dem „gekochten“ schon wiederholt geschlossen, hier „roh“ sofort erneuern zu müssen.

Wir wandern weiter. Eine schmale Treppe führt links hinauf, eine breite rechts herunter. Es muß wohl die Erinnerung daran sein, daß der Tugendpfad schmal und der Sündenweg breit sein soll, daß so viele Besucher noch immer den unglaublichen Versuch wagen, die halsbrecherische schmale Passage zur Linken erklimmen zu wollen. Lassen wir auf dieser nur die Beamten des Instituts zu ihrem Futterboden gelangen und folgen wir dem breiten, mit stattlichen Pflanzen reich geschmückten Steinpfade zur Rechten in die Treppenhalle, die unsere Abbildung in den Gruppen G und H von der dem Kommenden entgegengesetzten Richtung her zeigt. Gerade vor uns haben wir die letzten für Süßwasserfische bestimmten Becken und die „künstliche Fischzucht“, letztere mit Brehm’schen und Lüer’schen Brutkacheln und Kuffer’schen Bruttiegeln. Die Verschiedenheit dieser Bruteinrichtungen näher zu entwickeln, würde für die vorliegende Schilderung ebensowohl zu weit führen, als wenn wir die künstliche Fischzucht überhaupt sachgemäß besprechen wollten. Hier mag die Mittheilung genügen, daß eingesetzter Laich von Salmoniden – Lachs, Lachs- und Gebirgsforellen etc. – regelmäßig lebensfähige Fischchen zur Entwickelung kommen ließ.

An der Bibergrotte – am Fuße der Treppe links – vorüber blicken wir nunmehr einen dunkeln wenig erhellten Weg entlang, der schließlich in ein Felsenwirrsal zu enden scheint (das Bild G zeigt ihn uns im unteren Gange). Hier ist schon Mancher bedenklich geworden, ob er sich in diesen Schlund hineinwagen soll; das wohlgemeinte „Vor Taschendieben wird gewarnt!“ ist an dieser Stelle auch nicht gerade geeignet, den sinkenden Muth zu heben. Nun, einen Blick wenigstens in das erste Seebecken rechts – hier ist es ja noch nicht völlig dunkel, und der Anblick ist mehr als verlockend: Fische im silberleuchtenden Schuppenkleid mit goldenen Längsstreifen, andere mit seltsamen Hörnern über den Augen – das verdient doch wohl nähere Betrachtung. Gewiß! denn nicht viele Aquarien können sich rühmen, die Goldstrichbrasse, die ihres Wohlgeschmackes wegen berühmte Aurata der Alten, den Chrysophrys des Aelian, und die gleichfalls dem Mittelmeere angehörigen Hörnerfischchen dauernd zu halten. Die Scheu vor der Dunkelheit im Gange ist überwunden; das Seewasser ist so krystallklar, die zierlichen Fische darin sind so munter – so laßt uns denn zum nächsten Becken treten. „Es ist gar nichts darin!“ tönt es uns von einem Besucher entgegen, der lange Zeit davor gestanden, ohne etwas entdecken zu können. Von Natur skeptisch, will Jeder selbst „Nichts“ mit eigenen Augen sehen – das ist aber doch kein Felsstück hier an der Seite? Behüte, es athmet ja, es löst sich los und hinein in’s Becken schwimmt ein durch Schönheit keineswegs excellirendes Geschöpf, ein ungeschlachtes Ungethüm, das fast so dick wie lang erscheint. Ein Seehase ist es, von den Fischern Lump genannt, weil er mehr Gräten hat, als zum Genusse dienlich sind; und da noch einer – und noch einer, und plötzlich beginnt der ganze Boden des Beckens zu wimmeln, die Schollen – Flundern, Steinbutt, Seezunge –, die es enthält, [170] hatten unter’m Sande verborgen gelegen, und ein im Hintergrunde versteckt gewesener, jetzt hervorkommender Hummer schreckt sie bei seiner graciösen Promenade über den Meeresboden aus ihrer unsichtbaren Ruhestätte auf.

Und was schwimmt oder schwebt denn hier in dem folgenden Becken? Was ist bei diesem Geschöpf denn rechts und links oder vorn und hinten? In der That, der erste Eindruck, den schwimmende Rochen auf den Beschauer hervorrufen, rechtfertigt wohl das Erstaunen, das sich nicht selten in Fragen wie die eben angedeuteten expectorirt. Wenn diese quermäuligen Fleischlappen mit der flachen lichten Bauchseite an der Scheibe des Beckens sich „emporhaspeln“, so gehört keine überschwängliche Phantasie dazu, den Vergleich mit einem menschlichen Gesicht naheliegend zu finden. Nicht weniger fällt durch seine absonderliche Gestaltung eine andere Fischgattung auf, die in demselben Becken „herumläuft“. Der Knurrhahn, der jedes Angreifen sich mit vernehmlichem Knurren verbittet, scheint in der That bei dem ersten Anblick auf jeder Brustseite drei Beine zu haben und diese – es sind freie unverbundene Strahlen der Brustflossen – auch ganz regelrecht zu Schreitübungen zu verwenden. Die Beine der Krabben und Einsiedlerkrebse wenigstens, die wir in allen Becken vertheilt finden, werden zur Fortbewegung nicht viel anders aufgesetzt, als wie der Knurrhahn seine Flossenstrahlen bewegt, sobald er dicht über den Boden dahingleitet.

Ein weiteres Becken führt uns die feierliche Stille, wie wir sie uns auf dem Meeresboden vorzustellen pflegen, in ernstester Schönheit vor. Dasselbe ist frei von allen Hochschwimmern, denen das Auge unwillkürlich folgt, wenn sie das Becken schnell im neckischen Spiel oder langsam mit würdevoller Grandezza durchziehen. Der Besucher glaubt daher hier anfänglich nur auf Seepflanzen zu blicken. Und doch ist auch hier fast Alles lebend, fast Alles dem Thierreich angehörend, Sabellen und Serpeln, jene Röhrenwürmer, deren zarte und zartgefärbte Fühlerkränze selbst mit den gleichsam nur hingehauchten Tentakeln der Seenelken wetteifern, Korallen, Seeigel, See- und Sonnensterne, Meerhand – Polypenstöcke an Buntheit und seltsamen Formen einander überbietend – und zwischen und theilweise über ihnen der grüne Sammetteppich der Alge – dem Maler, der dies farbengetreu wiedergeben wollte, würde man Uebertreibung vorwerfen. Das Gleiche gilt von dem folgenden Blumenthierbecken, den Erdbeer-, Gürtel-, Edelstein-, Schmarotzerrosen, dazwischen die in Größe besonders ausgezeichneten grünen Fadenrosen des Mittelmeeres mit ihren violetten Spitzen – ein Blumentableau unter Wasser in täuschender Nachahmung! –

In Farbenreichthum Alles übertreffend, eine lebendige Kalospinthechromokrene erscheinen die Lippfische der folgenden Becken (Gruppe I unserer Abbildung, links). Ultramarin-, Pfauen-, Fünffleck-, Zebra- etc. Brassen, ihr Name ihrem Schuppenkleide entlehnt, sind Fische von so prachtvoller Zeichnung, daß der Verdacht künstlicher Färbung verzeihlich erscheint in der Vorstellung des schwergläubigen Kritikers, dem Karpfen, Schlei und Blei etc. als die Hauptrepräsentanten von Wasserbewohnern geläufig sind. Und nicht nur die südlichen Meere liefern solche Farbenmusterkarten, die schon erwähnten Ultramarinbrassen wie die Seeschleien der Nordsee dürfen vollen Anspruch darauf erheben, mit jenen um den Preis der Schönheit zu ringen. Schmuckloser, doch gefällig und ansprechend ist die Besetzung der Becken des sogenannten Achtecks mit seinen Seescorpionen, Seebullen, Grundeln, Aalmuttern, Seeäschen und Karauschen – es wird einem von allem Sehen ganz schwindlig – da winkt in der Ecke ein kleines „Kapellchen“ und ladet den Wandrer zum – Beten? – nein – zum frischen Trunk ein – doch rastlos treibt es ihn weiter fort. So kommen wir den Felsengang herauf, in welchen wir aus der Gruppe I zur Rechten hineinblicken. Es verlohnt hier wohl, den Blick nach oben und rundherum wandern zu lassen, um sich des prachtvollen Felsgrottenbaues bewußt zu werden, der sich hier um und über uns erhebt. Die Genialität des Baumeisters scheint hier sich selbst übertroffen zu haben; es ist nicht denkbar, daß dieser Theil noch künstlerischer, noch großartiger hätte ausgeführt werden können. Als wandelten wir in einem sagenhaften Schloß auf dem Meeresgrunde und sähen hinaus in die umgebenden Fluthen – so blicken wir in die Basaltbecken (Gruppe K ) und ihren prachtvollen Actinieninhalt.

Die Treppe zur Linken hinauf – und wiederum stehen wir vor der schon einmal bewunderten geologischen Grotte, diesmal am Fuß derselben, in unmittelbarster Nähe der dort sich tummelnden Wasservögel und des in graziösen Schwimmübungen auf Fische jagenden Seehundes. Im weitern Verlauf gelangen wir in den Gang, an dem zur Rechten das größte Seebecken des Instituts die größten seiner Insassen zeigt: Seeaale, Störe, Dorsche in respectabelstem Format, Pfeilschwanz- oder Molukkenkrebse mit ihren colossalen Kuppeldächern, kleinere Dorn- und Katzenhaifische, und oben, wie in der Luft einem Raubvogel gleich schwebend, die riesigen Seeschildkröten. Nach links sehen wir noch einmal durch einen Felsendurchbruch (L) unten auf das gesammte Achteck, oben auf die in regster Lebendigkeit auch hier sich präsentirende Volière – und scheiden aus den schönen für Belehrung und Unterhaltung gleich herrlich ausgestatteten Räumen mit dem stolzen Bewußtsein: das unvergleichliche Denkmal monumentaler Baukunst, diese kunstvolle Stätte für wissenschaftliche Forschung nicht bei andern Nationen suchen zu müssen – sie unser nennen zu dürfen!

Carl Nißle.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Vipernnatern