Ein Zwanziger

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Autor: Guido Hammer
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Titel: Ein Zwanziger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 267–271
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Treuer Jagdgehilfe
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 25
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Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 25. Ein Zwanziger.
Von Guido Hammer.


„Aha, einem Capitalhirsche gilt’s!“ werden die meisten meiner jägerlichen Leser beim Anblick obiger Ueberschrift denken. Aber fehlgeschossen! Kein Zwanzig-Ender ist darunter gemeint, sondern eins der letzten Glieder einer fast gänzlich ausgestorbenen – Race hätte ich beinah’ gesagt – Classe von Jagdbediensteten der alten sächsischen Jägerei. Sie führten ihren eigenthümlichen Namen ursprünglich von der bestimmten Anzahl, aus der das kleine, besondere Contingent gebildet war; dann aber auch von ihrer täglichen Auslösung bei Jagden, die einen „Zwanziger“ (zwanzig Kreuzer) betrug. Mit sonst keinerlei weiterem Sold bedacht, wohl aber mit gewissen ihnen ausschließlich zustehenden Servituten auf Dresdener Haide, in deren unmittelbarer Nähe sie in den daran grenzenden Walddörfern als Häusler oder Besitzer sonstiger kleiner Anwesen sammt und sonders wohnten, belehnt, bestanden ihre Dienstleistungen nur darin, bei eingestellten sogenannten Hofjagden „das Zeug zu stellen“.[1] Dadurch hatten sie in der noch guten alten Jägerzeit unter Kurfürst Friedrich August, nachmaligem Könige von Sachsen, eine ganz besondere Rolle gespielt.

Aus dieser Vergangenheit ragten denn nun eine Anzahl dieser erfahrenen Jagdkämpen noch herüber in unser mageres, nüchtern verschnittenes Waidwesen, bis einer nach dem andern von ihnen durch den Tod vom Etat verschwand, natürlich ohne durch Nachfolger ersetzt zu werden. So waren denn nach und nach nur noch wenige von dem kleinen Regimente übrig geblieben,[2] als ich einen von diesen Braven, den eben, von dem ich heute erzählen will, näher kennen lernte.

[268] Es war an einem jener so bezaubernd schönen, friedlich stillen Herbsttage, die in mir von jeher die Wandersehnsucht eines Zugvogels rege machten, als ich, dem unwiderstehlichen Drange folgend, wieder einmal den ganzen lieben langen Tag in Flur und Wald umhergestreift war. Ermüdet saß ich dann am Abend noch lange mit dem Hirten der auf duftenden Triften weidenden Schafe am knisternden Feuerchen, hier plaudernd den Mond erwartend, der mir meinen weiten und einsamen Rückpfad erleuchten sollte. Eben stieg das nächtige Gestirn glühend hinter dem tiefschwarzen Waldsaum empor, da trat ein Mann – der alte Haidefried, wie mir der Hirte den Kommenden kurzweg bezeichnete – aus dem Walde hervor und auf uns zu, um sich an der lodernden Flamme die frischgestopfte Pfeife zu entzünden. Erst schien er, der halb bäuerlich, halb jägerlich Gekleidete, mich, den damals raffaelgescheitelten blassen Burschen im schwarzen Sammetrocke, nicht eben mit sehr günstigen Augen zu betrachten; denn er machte durchaus kein liebsames Gesicht dazu, als ich mich ihm auf seinem Heimwege, der eine ziemliche Strecke lang auch der meine war, anschloß. Trotz alledem gewann ich hierbei schnell und offenbar in hohem Maße seine Gunst; jedenfalls weil ich in ungeheuchelter Begeisterung meine damals unbegrenzte Liebe zur Jägerei, der mein Begleiter ja selbst mit Leib und Seele angehörte, kundgegeben, denn ehe ich an seinem Häuschen von ihm schied, lud mich der gute Mann freundlichst und dringend ein, ein ander Mal bei ihm vorzusprechen, was ich natürlich auch recht bald und später oft genug ausführte. In Folge dessen habe ich denn auch vollen Einblick in sein ganzes Leben gewonnen und mir ein so lebendiges Bild von dem Biedern, wie ich es noch heute in treuer Erinnerung habe, einprägen können.

Ungefähr eine Woche nach meinem erstmaligen Begegnen mit dem alten Haidefried mochte es sein, als ich an einem nun schon recht empfindlich kalten Octobertage dem Grünrock einen Besuch abstattete. Schon von Weitem ließ mich der blaue Rauch aus dem Schornstein seines Häuschens errathen, daß ich den als rastlos bekannten Waldläufer heute daheim antreffen würde. Angekommen vor seinem ganz am Ende des Dorfes, dicht vor dem hochstämmigen Föhrenwalde gelegenen Besitzthume, einem ehemals kurfürstlichen Jagdhäuschen, das mit seinem gemüthlichen Mansardendache und weinumrankter Vorderseite höchst traulich aus seiner Umgebung hervorlugte, hatte ich nur ein kleines Vorgärtchen, dessen Spalier Malven und Sonnenrosen hoch überragten, zu durchschreiten, um mit Hülfe eines mächtigen Thürklopfers Einlaß zu begehren.

Hundegebell aus allen Tonarten folgte zunächst meinem lauten Pochen; dann ward mir alsbald von ihm selbst, dem freundlichen Manne, geöffnet und mit Treuherzigkeit die Hand zum Willkommen geboten. Aus dem kleinen Vorflur, welchen zopfig geschnitzte Hirschköpfe, mit gar prächtigen Geweihen darauf, schmückten, an deren Augensprossen dunkelroth angestrichene lederne Feuereimer nebst Spritze hingen, trat ich in das schmucke Wohnzimmer ein. Eine Gluthwärme strömte mir beim Oeffnen der Thür entgegen, sonst aber waren es verschiedene Racen von Hunden, die mir zuerst in die Augen und – in die Beine sprangen. Ein unzweideutiges „Kuscht euch!“ ihres Gebieters brachte jedoch die Bestien bald zur Ruhe; nur „Däckel“, der Unverbesserliche, beruhigte sich nicht sogleich über den Eindringling und ließ lange noch mürrisch knurrende Töne vom Ofen her, wohin er sich zurückgezogen, hören. Vor allen Dingen mußte ich nun auf einem großen lederüberzogenen, aalglatten Sopha Platz nehmen und mir es möglichst bequem machen. Er aber, der gemüthliche Haidefried, rückte sich einen alterthümlichen Holzschemel, dessen Lehne mit rothen Kurschwertern bemalt war, zurecht, nahm vom Tragebrettchen an der Wand die Kaffeemühle herunter, die er dann beim Sitzen zwischen die lederbehosten Kniee klemmte und nun schrapelnden Tones die braunen Bohnen zermalmte, um seinem jungen Gast einen solennen Kaffee zu bereiten.

Mittlerweile sah ich mich in dem lauschigen Zimmer um. Das Umfangreichste darin war unstreitig ein alter, grünglänzender, mit Stangen umrüsteter Kachelofen, dessen Verzierungen jägerliche und kurfürstliche Embleme zeigten. Zuoberst auf ihm prangte ein irdenes Gefäß – jedenfalls der Mehlwürmertopf –, während die umlaufende Bank frischgescheuerte Vogelbauer trug, unter derselben aber, neben Aufschlagstiefeln und anderem Geschühe, Hunde und Katzen sich’s wohl sein ließen. Tragebrettchen unter der schwarz geräucherten Holzdecke beherbergten allerhand Flaschen, Büchsen und Töpfchen, sowie hängende Büsche von Thymian, Baldrian und Beifuß; jedenfalls seine Hausapotheke. Sonst bedeckten die Wände noch Hirsch- und Rehgeweihe, Gewehre, Netze und allerhand andere Jagdgeräthschaften, und in einer Ecke tickte gemessen der alte messingverzierte Wandseiger, auf dem eine ausgestopfte Ohreule mit glitzernden Glasaugen ihren Platz gefunden hatte, während zur andern Seite, über einer Thürnische, ein frischer Tannenzweig prangte, welcher der lebendigen Vogelwelt, der im heimischen Stübchen freier Umflug gestattet war, zur Lust- und Schlafstätte diente. Im tiefwandigen Fenster aber grünte und blühte es von Muscatenstöckchen und Aron, und darüber pfiff ein gelernter Gimpel melodisch seine einstudirten Liedchen. An dieser Stelle schien des Hausherrn Lieblingsplätzchen zu sein, denn hier stand dessen behäbiger Lehnsessel vor einem zopfverschnörkelten Fenstertische, auf und unter welchem mächtige Folianten lagen. Diese aber reizten meine Neugier so sehr, daß ich, während der gute Alte das Feuer schürte und unverdrossen Kaffee filtrirte, mich nicht enthalten konnte, an das aufgeschlagene Buch heranzutreten, um seinen Geist zu erforschen. Da stand denn oben an mit großer Schrift: „Gebet eines Jägers“, was Zeugniß ablegte vom frommen Sinne meines Freundes.

Als mein rühriger Wirth fertig war, rückte er den Mitteltisch an’s Sopha, stellte Kannen, Tassen, sowie ein Näpfchen ein winzig kleinen Stückchen Zucker gefüllt, darauf, legte die diversen Semmelzeilen, die ich für ihn mit aus der Stadt gebracht hatte, vor, und nun tranken wir, dazu tunkend, nach Herzenslust das dampfende Gebräu. Dazu erzählte und erklärte er mir Tausenderlei, bis wir endlich auch den letzten Tropfen ausgeschlürft hatten. Hinterher ward mir aber auch noch eine Ueberraschung. Nachdem er abgeräumt und dann erst noch eine große Schüssel mit dünner Milch und Brod gefüllt, ging er hinaus. Bald darauf trat er wieder ein, und zwar mit einem prächtigen Hühnerhunde, den er jedoch, wie er mir sagte, nur in Dressur und Pflege hatte. Aber zu meinem freudigen Erstaunen folgte diesem auch ein zierliches Reh, zwischen dessen Läuften sich wiederum keck ein Paar prächtiger Katzen hindurchdrängten und miauend mit in die Stube schlüpften. So war der beschränkte Raum darin plötzlich von Thieren der verschiedensten Arten gefüllt, was dem lieben alten Manne eine wahre Herzensfreude zu sein schien. Nun nahm er die vorbereitete Schüssel, setzte sie an die Dielen und pfiff dazu. Da drängten sich denn alsbald Reh, Schweißhund, Dächsel und die Katzen heran, gemeinsam aus dem ihnen vorgesetzten Napf zu fressen; doch auch eine bis dahin von mir noch nicht bemerkte Elster kam schackernd aus einem Winkel hervor und langte herzhaft und ohne jegliche Scheu mit den Andern zu; Zaunschlüpferchen flogen ebenfalls aus dem Tannenzweige herbei, setzten sich auf Tisch und Stuhl und lugten von hier aus neugierig dem gemeinsamen Mahle zu, ebenso ein munteres Rothkehlchen, das sogar sehr bald auf dem Rande des Futtertroges Posto faßte. Nur Nimrod, der stattliche Vorstehhund, enthielt sich jedes Zulangens, da ihm diese Enthaltsamkeit, um seiner Dressur willen, ausdrücklich auferlegt ward, die er auch, so sehnsuchtsvoll seine Blicke nach dem Schmause standen, glänzend bewährte.

Es war ein überaus fesselnder Anblick, diese Gruppe, und ich habe deshalb versucht, sie im Bilde wiederzugeben. In dieser Eintracht der sich sonst so feindlich entgegenstehenden Naturen sah man übrigens so recht den unbedingten Einfluß der ruhig gestrengen und dabei doch wahrhaft liebevollen Behandlung dieser Thiere seitens unseres Haidefrieds. Wie war dieser aber auch so ganz mit seinen geliebten Pfleglingen vertraut! Vom anmuthigen Reh an bis auf die niedlichen, ruhelosen Schneekönige herab unterhielt er sich mit Allen, als ob sie ihn voll verständen; und das war in der That auch der Fall, denn wenn den Gliedern dieser gemischten Gesellschaft auch die Sprache zum Antworten versagt blieb, so war doch das Gebahren eines jeden von ihnen ein lautredendes Zeugniß vom Verständniß zwischen ihnen und ihrem Herrn. Nach diesem reizenden Zwischenspiel waren noch unter Plaudern Stunde um Stunde verronnen, so daß es schon völlig dunkelte, als ich mich von meinem freundlichen Wirthe verabschiedete, doch nicht ohne zuvor das Versprechen gegeben zu haben, recht bald wiederkommen zu wollen.

Noch manchen trauten, glücklichen Tag habe ich in dieser Weise mit dem herzigen Manne verlebt, theils in seiner Häuslichkeit,

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Die Gartenlaube (1868) b 269.jpg

Gemeinsames Mahl.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.

theils im Herumstreifen mit ihm durch Wald, Feld und Busch, und zwar zumeist beim Einheimsen von Kräutern und allerhand Gethier, die er dann zu Medicamenten verbraute, um – es war dies eine ganz besondere Leidenschaft von ihm – alle Welt damit curiren zu wollen. Aber auch bei Jagden, zumal in Moritzburg[3], die er, waren es eingestellte, natürlich niemals verabsäumte. So entsinne ich mich bei Veranlassung einer solchen noch mit Wonne eines Nachtstellens. Es traf sich nämlich eines Tages, als ich gerade bei meinem guten Haidefried zum Besuch war, daß ein Befehl für ihn einlief, noch am selben Abend in Moritzburg zum Stellen einzutreffen. Sofort, denn es war ein kurzer Novembertag und bereits Tischzeit vorüber, machten wir uns selbander auf die Beine. Rüstig und ohne Aufenthalt schritten wir auf kürzestem Wege, quer durch die Dresdner Haide, unserem Bestimmungsorte zu. An diesem Tage nun sah ich ihn auch, den Dienstthuenden, zum ersten Male in voller Uniform der Zeugdiener, die wirklich eine gar prächtige, recht gut eines Försters würdige war. Grüner, breitschößiger Tuchfrack, dergleichen eng anliegende Beinkleider, hohe Stiefeln und silberbetreßter dreieckiger Hut, dazu an blankschlossiger Kuppel der Hirschfänger mit Elfenbeingriff und Bügel, der ihm als gelerntem Jäger zustand – alles dies gab dem alten Manne ein wahrhaft stattliches Ansehen. In einem am Wege gelegenen Dorfe überholte uns von Dresden aus die Jagdkalesche des damaligen Oberlandjägermeisters, eines alten, leutseligen, gütigen und dabei drolligen Herrn. Beim Erblicken seines Untergebenen, eben unseres Haidefrieds, ließ der freundliche Chef sofort halten und nahm ihn ohne Umstände – und mich, den ihm gänzlich Unbekannten, dazu – auf seinen Wagen, in welchem er eben auch nach Moritzburg fuhr, um dort des anderen Tages seinen königlichen Jagdherrn zu empfangen. [270] Ehrfurchtsvoll saß nun der geputzte Zwanziger neben seinem höchsten Vorgesetzten, und fort ging’s über die Dorfschaften dem berühmten Jagdschlosse zu.

Auf diesem Wege grüßten in zutraulichster Weise die Landleute ihren heute stolz zu Wagen sitzenden alten Bekannten, den Haidefried, während der schlichte Oberlandjägermeister schon oft unerkannt und darum unbeachtet dieselbe Straße gefahren war. Um so erstaunter blickte dieser deshalb heute seinen ausstaffirten Zeugdiener an und sagte in seiner höchst gemüthlichen, derben und lustigen Art: „Ich glaube gar Kerl, man denkt Du in Deiner schönen Uniform bist der Oberlandjägermeister und ich sei Dein Bedienter, weil das Bauernvolk heute solche Complimente macht. Du hast jr aber auch,“ fuhr er fort „eine Menge Silber auf Deinem Hute, als wärst Du unser allergnädigster König selber.“ Und wohlwollend betrachtete er seinen getreuen, höchst verlegenen Untergebenen vom Kopf bis zum Fuß auf’s Neue.

Rasch ging’s nun dem Friedewald zu, der den Moritzburger Thiergarten umschließt. Am Schlosse wurden wir abgesetzt und gingen direct nach dem nahegelegenen Jagdzeughause, wo die bereits versammelten Stellleute und sonst dazu gehöriges Personal die Tücher, Lappen, Stangen, Forkeln, Schlägel, überhaupt alles dazu nöthige Geräth schon auf Wagen luden, um dann sofort mit ihren Ladungen nach dem sogenannten „Alten Thiergarten“, welcher Theil des Wildparkes eben eingestellt werden sollte, zu fahren. Unter solchen Zurüstungen war es bereits völlig finster geworden, die Wachtfeuer brannten deshalb schon längs der Stelllinie und die dahin geschafften Tücher wurden nun eiligst emporgerichtet, ehe noch die zur Fütterung gegangenen Sauen den Rückwechsel antreten und somit für das bevorstehende morgige Jagen verloren gewesen sein würden. Hierbei war unser unermüdlicher Haidefried so recht in seiner Sphäre. Mit Ueberblick und raschester Gewandtheit gingen die Arbeiten unter seiner thätigsten Mitwirkung von statten. Dabei war er, der Veteran, lustig und guter Dinge, wie einer der Jüngsten unter der Schaar. Durch Scherzen und Singen wußte er einen so belebenden Geist unter die wackern Arbeiter zu bringen, der sie über das Schwerste spielend hinwegkommen ließ, denn es war kein Spaß, bei beißender Kälte und brausendem Sturme, der sich mit dem Abende erhoben hatte und nun die Wipfel über uns ganz gewaltig schüttelte oder manchmal jäh in die bauschige Leinwand fuhr, das Zeug fest zu stellen. Auch mir ward hierbei eine Rolle zugetheilt: ich mußte mit dem Kienkorbe zur Arbeit leuchten, dazu Forkeln darreichen oder sie mit dem Schlägel festrammen, um die Windleinen daran zu befestigen. Alles dies that ich mit Liebe und nicht ohne Geschick, wodurch ich mir den Beifall meines würdigen Freundes erwarb, trotzdem daß meine Augen noch oft genug bei ganz anderen Dingen weilten, als bei der mir zugetheilten Arbeit.

Lag doch aber auch für mich ein ganz besonderer Reiz darin, dieser nächtigen Scene beiwohnen zu können, die in der That eine seltene prächtige Wirkung bot. Hoch loheten die an der ganzen Stelllinie, welche über Bruch und im Holze sich hinzog, unterhaltenen Feuer empor, hier tiefschwarzes, dahinjagendes Gewölk, dort die geschlossenen ächzenden Kronen alter Föhren und Fichten über sich, während die Fackeln der hülfeleistenden Arbeiter wie nächtige Irrlichter hin und her schwankten und mit ihrem rothen, flackernden Schein gespenstig die hellen Tücher beleuchteten, vor denen die lebendigen Gruppen rastlos arbeitender Gestalten hin und her huschten. Dazu die grell beschienenen Pferde und Zugochsen, die, vor die Zeugwagen gespannt, schnaubend dem Trosse folgten, während der eisige heulende Novembersturm das Rufen und Lärmen der Geschäftigen übertobte. Alles dies zusammengenommen gab dem lebensvollen Nachtbilde eine so wunderbar eigene Stimmung, daß ich davon hochentzückt ward, worüber mein Haidefried die herzlichste Freude empfand.


Endlich stand das Zeug. Bestimmte Leute erhielten nun gemessenen Befehl, dabei die Nacht über, in festgesetzten Zeiträumen sich ablösend, zu wachen. Deshalb wurden auf’s Neue mächtige Scheite, ja ganze Stämme, namentlich birkene, in das Hauptwachtfeuer geworfen, daß die sprühenden Funken prasselnd der gewaltigen, vom Sturm dahin gewirbelten Rauchsäule folgten. Noch ein gemeinsamer Trunk in der Runde, dann trennte man sich, ein Jeder, der nicht zur Nachtwache gehörte, seiner nahen oder fernen Stätte zueilend. Auch Freund Zwanziger und ich machten uns auf den Weg und schritten bald vereinsamt durch den finstern Wald einer nicht allzufernen Thorwärterwohnung zu, wo wir zu übernachten gedachten. Noch immer stürmte es hohl durch den nachtschwarzen Forst. Manchen schweren Ast hörten wir knackend und prasselnd durch das Gezweig stürzen, der dann unsern lichtlosen Pfad kreuzte, doch unversehrt erreichten wir das gesuchte bescheidene Asyl. Tiefe Stille trat noch in selbiger Nacht ein und die schweren Wolken hatten sich dafür in weiße Flocken aufgelöst, – eine frische „Neue“ deckte am andern Morgen den Boden; ein Umstand, der das jägerliche Herz hoch erfreute, da dies ja ganz besonders für die zu erwartende „Nachsuche“[4] nach abgehaltener Jagd von nicht genug zu schätzendem Vortheil war.

Manche Saue ward an diesem Tage geschossen, wobei heute ausnahmsweise auch Freund Zwanziger, der geprüfte Jäger, als Büchsenspanner bei einem der hohen Jagdgäste, einem englischen Pair, amtirte. Mir war dies insofern höchst angenehm, als ich dadurch Gelegenheit fand, mit meinem freilich höchst subalternen Gönner, als wie zu seiner Beihülfe geltend, in den Schirm hinter den hochgebornen Schützen treten und so dem Gange der Jagd in unmittelbarer Nähe folgen zu können. Dieselbe begann nun und wurde den ganzen Tag über mit bestem Erfolge fortgesetzt; denn gegen Abend lag eine ganz bedeutende Anzahl der capitalsten Sauen, durch das sichere Blei der Schützen erlegt, auf der Strecke.[5] Nur der biedere Lord, hinter welchem zu stehen ich die Ehre genoß, hatte den ganzen Tag über zwar viel, sehr viel geschossen – ein seltener Anlauf zeichnete seinen jedesmaligen Stand aus –, aber leider war durch seine Hand noch kein einziges Opfer gefallen. Da kam endlich das letzte Jagen heran. Gedrängt von den schreienden Treibeleuten ging ein starkes Rudel Sauen direct auf unsern Stand los und machte dann plötzlich auf Schußweite im lichten Stangenholze Halt. „Päng, päng!“ knallte die Doppelbüchse des Engländers sofort unter das stehende Rudel – doch wieder – ohne Erfolg. Ein zweites ihm sofort dargereichtes Gewehr entsendete den nun unaufhaltsam durchbrechenden Sauen noch seine Geschosse nach, wobei ein dritter, fast à tempo fallender Schuß aus der eigentlich für seinen Herrn schon wieder bereit gehaltenen Büchse Haidefried’s einen der stärksten Keiler niederstreckte. Der alte ergraute Waidmann hatte es nicht mehr mit ansehen können, daß sein unglücklicher Brite – der übrigens ein vortrefflicher Flugschütze gewesen sein soll – um mit Haidefried zu sprechen, „so gar nichts todt brachte“.

Jetzt wurde Halali geblasen. Die Treiber kamen heran und machten vor der Schützenlinie „Gang“. Das erlegte Wild, zweiunddreißig starke Sauen, einige Frischlinge und ein paar Damthiere waren inzwischen bereits auf die Schloßrampe zur Strecke gefahren worden, wo sie dann der Monarch und sein hohes Gefolge bei Fackelschein – der Abend war bereits eingebrochen – in Augenschein nahmen, um dann zur Tafel zu gehen. So fand diese Jagd ihren Abschluß.

Noch manches Jahr nachher habe ich mit meinem alten freundlichen Grünrock in herzlichstem, öfterem Verkehr gestanden, bis mich eine längere Abwesenheit von der Heimath von ihm trennte – für immer, weil ich ihn bei meiner Rückkehr nicht mehr unter den Lebenden fand. Einem einst gehabten Traum folgend, nach welchem er in einer Andreasnacht einmal einen weißen Raben schießen sollte, dessen Herz dann, bei sich getragen, ihn nicht nur vor allem Leid und Ungemach schützen, sondern ihm auch die Macht verleihen würde, jedwede Krankheit heilen zu können, war der alte Mann, wie schon manches Jahr zuvor und wie auch Jedermann wußte, hinausgewandert in den sturmdurchheulten, winterlichen Wald, hoffend, dort endlich doch noch sein geträumtes Vogelherz zu erobern. Er war nicht wieder heimgekehrt. Des anderen Tages hatten ihn Holzmacher weit hinten in der Haide, auf pfadloser Schneeeinöde todt aufgefunden. Sein sonst so warmes Herz war erstarrt, im Suchen nach einem eingebildeten, glückverheißenden Herzen, das jenem alles Weh für alle Zeit verbannen sollte. Und war so nicht dennoch sein Traum in Erfüllung gegangen? – Der Winter – ein weißer Rabe – hatte [271] er ihn, den Vereinsamten, nicht endlich doch ein Herz – das eisige, an das er ihn gedrückt – finden lassen und damit des greisen Mannes Sehnen auf einmal und für immer gestillt? War ihm also nicht geworden, wonach er so lange gesucht?

Möge ihm, dessen Aberglaube doch nur eine Art Cultus seines innigsten, wahren Glaubens an einen allliebenden Vater war, die Theilnahme treu bewahrt bleiben, die sein Tod damals in den Herzen Aller weckte, die ihn kannten!




  1. „Zeug“ ist die allgemeine Benennung alles Jagdzeuges, als: Netze, Tücher, Lappen etc. Dasselbe „stellen“ aber heißt: nach besorgtem Aufladen und Transport des Jagdzeuges einen bestimmten Jagdbezirk, worin Wild steht, damit einhegen.
  2. Ein paar dieser alten Garde leben noch.
  3. Moritzburg ist ein mit weitem Wildpark umgebenes königliches Jagdschloß bei Dresden.
  4. Auf der sogenannten Nachsuche wird das auf Jagden angeschossene, noch lebende oder auch schon verendete Wild aufgesucht.
  5. Strecke heißt: das geschossene Wild vor dem Jagdschirm oder sonst wo in eine Reihe legen.