Ein deutsches Herz

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Autor: Emil Rittershaus
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Titel: Ein deutsches Herz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 635–636
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein deutsches Herz.[1]
Von Emil Rittershaus.

Am Eriesee am Abend ist’s sommermild und lind;
Es ging der Tag zur Rüste; es schläft der Abendwind
In duft’gen Blumenkronen; zuweilen aus dem Rohr
Fliegt noch ein Wasservogel mit hellem Schrei empor;
Sonst sind verstummt die Sänger im Busche allzumal;
Sie gingen alle schlafen schon mit dem Sonnenstrahl. –
Still ist’s; am Landungsplatz nur, dort, wo der Dampfer hält,
Da ist noch gar lebendig die laute Menschenwelt.
Zum Boote rüst’ge Burschen die schweren Fässer schleifen;
Der Niggerlieder Tönen, das Yankeedoodlepfeifen,
Der Passagiere Schwatzen und der Matrosen Schrei’n
Will gar kein Ende nehmen, bis bei des Mondes Schein
Das Boot den Anker lichtet.
                       Rings auf dem Schiffe stehn
Gar manche Gruppen plaudernd. Creolendirnen drehn
Sich schmucke Cigarretten; sie tändeln mit dem Fächer
Und schlürfen still behaglich am Limonadenbecher;
Sie lauschen dem Franzosen, wie er so schalkhaft witzelt;
Sie schielen nach dem Yankee, der ernsthaft Spähne schnitzelt.
Auch Deutsche birgt das Dampfschiff: ein Weib mit seinem Kinde.
Es sitzt mit ihrem Buben auf ihrer Kleiderspinde
Die Frau, und ihr zur Seite, da steht ein deutscher Mann,
Ein Deutscher, der die Schätze der neuen Welt gewann,
Ein Deutscher einst, nun Bürger im Staate Wisconsin;
Ihn drängt es nicht zur Heimath, zur alten Welt zu ziehn! –
„Was Ihr auch sagen möget, ich bleibe doch dabei:
Hier in dem Land der Freien fühl’ ich mich wahrhaft frei!
Die deutschen Nebelträume, den alten, dummen Wahn,
Ich hab’ von Grund der Seele das alles abgethan!
Ich war auch einst ‚gemüthlich‘, ein richtig’ ‚deutsch Gemüthe‘ –
Gar mancher speculirte auf meine Herzensgüte!
War wo ein fauler Lungrer, er kam zu mir gekrochen,
Bei meinem ‚guten Herzen‘ verstand er anzupochen;
Dann zog ich meinen Beutel, dann gab ich meinen Wein –
Man dankte mir verbindlichst und lachte hinterdrein!
Dann ward ich arm. O Himmel, wo blieben die Trabanten,
Die theuren, braven Freunde, die einst mich Bruder nannten?
War Einer wie der Andre! – Ich dachte: Fahret hin!
Ich hing ihn an den Nagel, den deutschen Edelsinn.
Mit dem Gemüth, dem biedern, mit all’ den Siebensachen –
Das lehrte mich das Elend! – ist kein Geschäft zu machen!
Mit Weib und Kind nach Westen ging’s, wo mir’s wohl behagt! –
Ihr zieht nach Deutschland wieder, so habt Ihr mir gesagt.
Nun, Glück zu Eurer Reise! Glück Euch und Eurem Kind’! –
Hört! Hütet Euch vor Menschen! Auch, die ‚gemüthlich‘ sind,
Im Grund sind’s doch nur Lumpen, bald sind sie klug, bald dumm,
Und ich bin selbst nicht besser als alles Publicum!
Was Freundschaft, Ehr’ und Liebe! Ich hab’s herausgefunden:
Die allerbesten Freunde, das sind die gold’nen, runden!
Die Tugend lebt im Geldsack und nicht in dem Gemüthe! –
Madame, Glück zur Reise! Ich geh’ in die Kajüte!“
So spricht zu einem Weibe ein Mann von deutschem Stamme.
Die Deutsche hebt die Stirne: „Wie hat des Herzens Flamme
Erstickt die schnöde Goldgier; dem Himmel Dank, mein Kind,
Daß wir aus diesem Lande nun bald entronnen sind,
Denn würdest Du wie dieser, solch’ herzlos kalter Mann,
O, welch’ ein elend’ Leben wär’ wohl mein Leben dann!
Nein, anders sollst Du werden, Du, der von allem Lieben,
Was ich auf Erden hatte, alleine mir geblieben!
O, würdest Du wie dieser, mir wär’ es bittres Weh’! –
Komm’, liebes Kind, und schaue, wie schön der Eriesee!“ –
Der Dampfer ziehet leise auf glatter, ebner Fluth;
Es weht kein einzig’ Lüftchen, das Spiel der Wogen ruht;
Ein blanker, klarer Spiegel ist weit und breit der See.
Hell blickt der Mond hernieder aus wolkenloser Höh’.
In seinen bleichen Strahlen die Tropfen alle glühn,
Die von des Dampfes Rädern in weiten Bögen sprühn;
Ein Silberregen glitzert licht an des Schiffes Seiten,
Sonst keine einz’ge Welle rings um in allen Weiten.
Fern liegt der Strand, der schöne, der schilfumkränzte, grüne;
Des Dampfes scharfes Zischen, das Stampfen der Maschine,
Das nur allein durchbricht hier die stille Abendruh’. –
Von dem Verdecke schauet dem Räderplätschern zu
Das Weib mit seinem Kinde; den kleinen Burschen freut
Das Spiel, wie rings die Schaufel die Wasserperlen streut,
Und in die Händchen klatschet der kleine, lust’ge Mann
Und ruft: „Sieh da, o Mutter! Sieh nur!“ so laut er kann.
„Sieh doch, Mama, wie schön ist’s!“ Dann fing er an zu schrei’n:
„O sieh doch, sieh doch, Mutter, dort, dort im Mondenschein!
Es geht ein Mann, ein schwarzer, an unsres Schiffes Seit’!“
Das Kind birgt das Gesichtchen in seiner Mutter Kleid.
„Jag’ fort den schwarzen Mann dort! Sieh, aus den Wellenstreifen
Seh’ ich den Schwarzen immer nach unserm Schiffe greifen!“
Des Knaben blonde Locken, die Mutter streicht sie lind:
„Des dichten Qualmes Schatten scheint Dir ein Mann, mein Kind!
Komm’ unter meinen Mangel und leg’ in meinen Schooß
Dein Köpfchen, kleines Männchen, und schlafe sorgenlos!“ –
In ihres Mantels Falten hüllt sie das Söhnlein dicht,
Dem trocknen bald die Thränen im kleinen Angesicht,

[636]

Und eh’ der Bub’ entschlummert, ei, wie er scherzt und lacht –
Ein Kind vergißt ja Alles, wenn Mutterliebe wacht! –
Indeß auf dem Verdecke das Kind schläft bei der Frau,
Zeigt sich in der Kajüte nun eine andre Schau.
Da kreist die Branntweinflasche im Raume, schwül und dumpf;
Der Eine flucht beim Würfeln, der Andere bei dem Trumpf.
Vom fernen Süd ein Pflanzer im buntgestreiften Hemd
Steht bei dem Capitaine, die Hände eingestemmt
In seine Seiten. „Goddam! Hier auf dem Eriesee
Versteht man nicht zu fahren, daß ich’s Euch gleich gesteh’!
Es geht wie mit der Schnecke! O, nirgend fährt man so,
So flott wie fern im Süden, im Golf von Mexico.
Da geht es von der Stelle, da hat man andre Art.
Doch hier im faulen Norden, da wird zu viel gespart!
Zehn Flaschen Whisky setz’ ich: Ihr fahrt nicht so geschwind,
Daß wir in einer Stunde schon in dem Hafen sind! –“
„Ei, Sir, in einer Stunde! Wir brauchen anderthalbe;
Mein Schiff, das heißt die ‚Schwalbe‘ und fliegt auch wie die Schwalbe!
Es geht mit allen Kräften!“ Da fällt der Pflanzer ein:
„Ich will in einer Stunde im Hafen lustig sein!
Geräth’s nach meinem Willen, bei Gott, ich halt’ es wahr:
Ich leg’ zu den Bouteillen Euch auch noch zehn Dollar!
Ihr habt nicht Weib, nicht Kinder, drum fahrt nur sorgenlos,
Und geht’s nicht in den Hafen, so geht’s in Abram’s Schooß! –“
„Denkt an die Passagiere!“ Der Deutsche ruft es laut.
Der Capitain in Ruhe am Tabak weiter kaut.
„So seid Ihr Deutsche immer! Hört, junger Deutscher, mich!
Bei Euch heißt’s: All’ für Einen! bei uns: Jeder für sich!
Macht schnelle Fahrt mir Freude, Euch kostet’s keine Kohlen –
Ich schlage ein, Herr Pflanzer, und damit Gott befohlen!
Zehn Flaschen und zehn Dollars! Es gilt!“ Der Seemann lacht.
„Ihr sprecht von Passagieren! Ein Passagier ist Fracht.
Versichert Euer Leben!“ und heimlich leis er kichert:
„Das Schiff ist morsch und faulig, doch ist es gut versichert!“
Es steigt des Schiffes Führer hin zum Maschinenraum.
Wildbrausend von den Rädern fliegt rings der Wellenschaum.
Die schwarzen Wolken steigen gewaltig aus dem Schlot,
Aufwirbeln hoch die Funken, die Funken purpurroth.
Hoch wallt des Dampfes Säule, bis auf den Fluthenschooß
Wirft jener Säule Schatten das Mondlicht riesengroß.
Da, plötzlich, welch ein Aufschrei! Die Treppe stürmt’s hinan.
„Es brennt! Brand in dem Schiffe! Wo ist der Rettungskahn?
Die Glocke sollt Ihr läuten! Zieht auf das Nothsignal!“
Da zuckt empor am Mast schon ein mächt’ger Flammenstrahl;
An den getheerten Stricken steigt auf die helle Gluth;
Die weißen Wasserperlen, sie leuchten roth wie Blut.
Der Dampf quillt aus den Fugen und rings Verderben droht,
Doch Capitain und Pflanzer, die sind im Rettungsboot.
Die Glocke dröhnet schrillend und hell die Pfeife gellt –
Umsonst verhallt das Tönen im weiten Wasserfeld.
In Büscheln aus den Luken die gelben Flammen quellen;
Sie lecken an der Schiffswand und züngeln nach den Wellen,
Sie fliegen auf im Rauche, vom Sparrwerk losgerissen,
Als wollten sie die Sterne am Firmamente küssen.
Laut ächzet die Maschine, umflammt an allen Flanken,
Und rings am Schiff, da hängen Schiffbrüchige an den Planken.
Hier tönt ein Fluch, ein grauser. „Hilf, Herr!“ ein Andrer jammert,
Und hundert Hände halten das Rettungsboot umklammert,
Und, die im Boote weilen, die ziehn die Messer nackt;
Sie stechen nach den Fäusten, die fest den Kahn gepackt.
Im Wahnsinn tobt der Pflanzer: „Ich geb’ Euch All den Rest!“
Des Blutes Quellen rieseln, die Finger halten fest,
Und immer Neue steigen auf aus dem Wasserschaum.
Gefüllt ist bis zum Rande des Nachens enger Raum;
Mit blut’gen Händen greifen sie wild sich nach den Kehlen!
Da stürzt er um, der Nachen! – – Gott schütze Eure Seelen!
Ein Gurgeln und ein Röcheln und dann ein Blasenquellen,
Ein Sprudeln und ein Kochen – dann werden still die Wellen…
Unweit vom Schiffe treibet ein Brett mit schwerer Last;
Die Mutter und der Kleine, sie halten’s fest gefaßt,
Das Kind sitzt auf der Planke, umspannt von Mutterarmen;
Die Frau, die fleht zum Himmel um Hülfe und Erbarmen.
Da naht mit mattem Stoße ein Schwimmer jenen Zwei’n.
Jetzt sieht sein Aug’ den Balken, er wird ihm Rettung sein!
„Rettung!“ so stöhnt er leise; er kämpft mit allen Kräften.
Die Frau sieht ihn die Blicke auf ihren Balken heften
Und sie erkennt ihn: „Himmel, das ist der deutsche Mann,
Der harte Mann, und naht er, verloren sind wir dann!
Kaum trägt das Brett uns beide, nun muß mein Kind verderben!
O Jesus, sei uns gnädig im Leben wie im Sterben!“
Des Deutschen Lippen zittern, ihm winkt des Lebens Glück;
Er denkt an seine Kinder, denkt an sein Weib zurück!
Ausgreifen weit die Arme! Ha, wie er ächzt und keucht!
Jetzt hat der müde Schwimmer den Balken fast erreicht;
Nun streckt er aus die Rechte, – da rufet unter Weinen
Die Mutter: „Laß’ die Planke, o laß sie meinem Kleinen!“
Und ängstlich schmiegt der Knabe sich an die Mutter an:
„Mutter, ich will nicht sterben! Da kommt der schwarze Mann!“ –
Da zuckt ein Strahl, ein lichter, dem Mann durch’s Angesicht –
War es ein Strahl von innen, war es das Mondenlicht?
Und in des Schwimmers Auge, welch’ seltsamlich Geleucht’!
War ihm das Aug’ von Wasser, war es von Thränen feucht? –
Ein Seufzer, herzzerreißend! – Er läßt die Planke los
Und sinkt, sich rücklings werfend, hin in den Fluthenschooß.
Ein Gurgeln und ein Röcheln und dann ein Blasenquellen,
Ein Sprudeln und ein Kochen – dann werden still die Wellen…
Die Mutter mit dem Kleinen, sie treibt zum sichern Strand;
Gelöscht hat nun die Woge im Schiff den letzten Brand.
Im Schilfe kniet die Frau, sie betet, voller Schmerz,
Für einen wackern Todten, ein echtes, deutsches Herz! –

  1. Emil Rittershaus: „Neue Gedichte“, die wir in Nr. 15 der Gartenlaube als demnächst erscheinend ankündigten, sind bereits vor einigen Wochen auf den literarischen Markt gekommen und haben bei den vielen Verehrern des beliebten und begabten Dichters so allgemein angesprochen, daß binnen zwei Monaten die erste große Auflage von fünftausend Exemplaren vergriffen und eine zweite nahezu ebenso bedeutende Auflage nöthig wurde. Wir theilen heute unsern Lesern, die ja den Dichter aus vielen in der Gartenlaube abgedruckten politischen Liedern kennen, ein unpolitisches Lied aus dem Buche mit und empfehlen die schön ausgestattete Sammlung auf das Beste.
    Die Redaction.