Ein eidgenössisches Schützenfest

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Autor: J. D. H. Temme
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Titel: Ein Eidgenössisches Schützenfest
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, 33, S. 457-460, 473-477
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[457]
Ein eidgenössisches Schützenfest.
Von J. D. H. Temme.
Zürich, im Juli 1859.     

Heute beginnt hier das eidgenössische Schützenfest. Gewähren Sie einer Schilderung desselben einen bescheidenen Platz in Ihrer Gartenlaube. Ich muß sie Ihnen ohne Illustration senden; dafür erzähle ich Ihnen denn Manches dazu, was, streng genommen, nicht zu dem Feste gehört, und doch Fest und Land und Leute illustrirt. Ein wahres Volksfest ist etwas so Bedeutendes, daß man eigentlich nicht zuviel darüber sagen kann, zumal nach Deutschland hin, wo die Volksfeste immer mehr abhanden kommen – sollen und wirklich abhanden kommen. Und doch ist Deutschland das eigentliche Land und das deutsche Volk das eigentliche Volk der Volksfeste. Der Franzose hat seine gemachten Rosenfeste; der Italiener seine Barcarolen; der Spanier seine Stiergefechte; der Engländer, seitdem ihm die Hahnenkämpfe und das Straßenboxen ausgegangen sind, gar nichts mehr; denn die Pferderennen, wie das Parlament gehören nur seiner Aristokratie. Deutschland hat seine Volksfeste. Zwar auch nicht überall mehr. Wo Centralisation und Bureaukratie schon seit Generationen das freie Gemeindeleben, mithin den besten Theil des Volkslebens niedergehalten oder gar bei Seite geschafft haben, da sind auch keine Volksfeste mehr zu Hause.

In Berlin haben sie in der zweiten Hälfte des Monat August den Stralauer Fischzug. Es kommen da jährlich an funfzig- bis sechzigtausend Menschen zusammen, im Dorfe, auf freien Wiesen, auf breitem Strome, auf noch breiterem See, an den Ufern von Strom und See. Da könnte wohl ein Volksfest, ein schönes, großes, herrliches Volksfest daraus werden, trotzdem daß die Ufer von Strom und See nicht besonders grün, vielmehr sandig gelb genug sind. Aber – alle die funfzig- bis sechzigtausend Menschen kommen nur hin, um Jeder zu sehen, wie die Anderen sich amüsiren. Da freut sich denn Keiner und Keiner sieht eine Freude, und das nennen sie ein Volksfest, und sie haben keinen Gedanken davon, was ein Volksfest sei.

Im südlichen Deutschland und im Nordwesten unseres schönen Vaterlandes, da sind die Volksfeste noch zu Hause, da sind sie immer zu Hause gewesen, besonders am Rhein und in meiner lieben Heimath Westphalen. Man möchte sie auch da gern ausrotten, finstere, zelotische geistliche Herren, die blasser im Gesichte werden, wenn sie zwei fröhliche Gesichter beisammen sehen, strenge Herren von der Polizei, die meinen, der Staat müsse zu Grunde gehen, wenn die Leute einmal auf der Kirchmesse einen Polizeidiener schief ansehen. Doch ich wollte ja von einem schweizerischen Volksfeste erzählen.

Ja, diese schweizerischen Volksfeste sind etwas Bedeutendes. Sie geben und erhalten dem Volke seine Frische, sein Volks- und sein Nationalitätsbewußtsein; sie sind unersetzlich für Weckung, Erhaltung und Hebung des kräftigen Volksgeistes. Ich bin Zeuge manches dieser Feste hier in der Schweiz gewesen. Jedes neue hat einen neuen erhebenden Eindruck auf mich gemacht. Auch einen anderen.

Im vorigen Jahre – gleichfalls im Juli – wurde das eidgenössische Sängerfest hier in Zürich gefeiert. Das eigentliche Fest war am Sonntag. Früh am Sonntagmorgen ging ich in die Stadt. Sie wissen, lieber Keil, ich wohne etwa sieben bis acht Minuten draußen vor der Stadt. Es war ein schöner, klarer, stiller Sonntagmorgen. Sänger und Gesang ruheten noch; denn es war noch sehr früh. Die Bewohner der Stadt waren noch in ihren Häusern. Fremde kamen nur erst sparsam an. Sie gingen still in der Stille, wie auch ich mit meiner Begleitung.

So traten wir in die alte, ehemalige Kaiserstadt, jetzt freie Schweizerstadt Zürich ein. Kein Mensch, kein Laut in den Straßen. Und doch keine Straße leer. Aus jedem Hause hingen Fahnen, aus jedem Fenster Teppiche und Fähnlein heraus; über jeder Thür grünte und blühte Laubgewinde mit bunten Blumen. Man konnte in den krummen und engen Straßen manchmal den Himmel nicht sehen. Und überall diese feierliche Stille. Auf einmal hörte ich neben mir ein leises Weinen. Eine Schweizerin war in meiner Begleitung, eine junge, gebildete, gefühlvolle Frau. Sie weinte.

„Ich kann nicht dafür,“ sagte sie. „Diese Fahnen alle, dieser klare Sonntagmorgen, diese feierliche Stille, der Gedanke, daß ein freies Volk hier waltet, daß es mein freies Schweizervolk ist, das Alles ergriff mich, überwältigte mich einen Augenblick und trieb mir die Thränen in die Augen.“

[458] Es waren keine bittere Thränen. Aber andere Thränen mußte ich dann gleich sehen, und diese waren bittere. Es war auch eine deutsche Frau bei mir, verbannt mit Mann und Kindern aus ihrem Vaterlande.

„Warum können wir solche Feste nicht haben?“ weinte sie. –

Heute beginnt hier das eidgenössische Schützenfest. Heute Morgen um sechs Uhr verkündeten zweiundzwanzig Kanonenschüsse von dem alten Lindenhofe seinen Anfang.

Die Schweiz hat zweiundzwanzig Cantone. Die Schützenfeste sind die ältesten schweizerischen Volksfeste, sie sind die ureigensten Feste des freien, wehrhaften Volkes. Jede größere Gemeinde, jeder Canton hat sie. Die gesammte Schweiz hat ihr eidgenössisches Schützenfest. Auch dieses eidgenössische Schützenfest besteht schon seit vielen Jahren, immer in ungeschwächter Kraft und Frische. Viel trägt dazu bei seine Bedeutung als eine politische Macht in der Eidgenossenschaft, und das klare Bewußtsein dieser Macht im Schweizervolke.

Wenn alle zwei Jahre – alle zwei Jahre wird das eidgenössische Schützenfest gefeiert – an dreißigtausend freie, wehrhafte Männer, die besten Schützen aus allen Theilen der Schweiz, der Kern der Wehrkraft des Landes, mit ihren Waffen, mit ihrer von keinem Volke der Welt übertroffenen Geschicklichkeit in deren Handhabung, mit ihrem Bewußtsein, daß, wenn es gilt, das Vaterland überall zuerst auf sie blickt und sie die Ersten zu dessen Hülfe und Vertheidigung sind, wenn die zusammenkommen, dann muß nothwendig manches ernste und gewichtige Wort fallen über das Vaterland, über dessen Lage, über das, was das Volk will, darüber, wie die Herren in Bern, die eidgenössischen Räthe, den Willen des Volkes auch treu und richtig aussprechen und ausführen; und das Wort, das so fällt, bleibt nicht vereinzelt; es wechselt in gemeinsamer Besprechung; aus der gemeinsamen Besprechung wird gemeinsame Berathung; aus dieser gehen Beschlüsse hervor. Still und ruhig und anspruchslos, nicht mit Ostentation und Demonstration, nicht um sofort und als Nationalbeschlüsse zu wirken oder nur sich geltend zu machen. Aber Jeder trägt sie in seinen Heimathscanton, in seine Heimathsgemeinde zurück, und dort sagt er: „Das haben die Männer auf dem eidgenössischen Schützenfeste beschlossen.“ Und so wird es das ganze Land und alles Volk gewahr, was die Schweizermänner auf dem Schützenfeste wollen, und wenn es gut und recht ist, so billigt es das ganze Land und alles Volk, und auch die Bundesräthe müssen es billigen und ausführen. So ist das eidgenössische Schützenfest eine Macht in der Schweiz, eine große Macht; schon seit vielen, sehr vielen Jahren; und Herren der Bundesräthe, wenn sie mitunter kein gutes Gewissen haben möchten, was Einzelnen ja auch in einer Republik wohl passiren kann, denken gewiß nicht ohne Angst an das eidgenössische Schützenfest.

Desto mehr freut sich alle andere Welt darüber. Das zeigt Zürich heute und zeigte es auch schon gestern. Den ganzen Tag über war gestern rühriges Leben in Stadt und Umgebung. Ueberall wurde noch die letzte Hand angelegt, um Häuser, Plätze und Straßen zu dem Feste zu schmücken. Unterdeß rückten die ersten Gäste ein. Es waren Deutsche, diese ersten Gäste, die Bremer Schützen. Gegen halb fünf Uhr Nachmittags kamen sie auf dem Bahnhofe an. Tausende von Menschen erwarteten sie da; die Comités des Festes standen zu ihrem Empfange bereit, an ihrer Spitze der Magistrat der Stadt Zürich. Ein Hurrah empfing sie, dann eine Rede des Stadtpräsidenten (Heß); dann, nachdem H. v. Heimann, eidgenössischer Consul in Bremen, eben so herzlich geantwortet, ein auf dem Bahnhofe errichtetes Zelt mit Erfrischungen; und es ist ein vortrefflicher Wein, der Schloß-Winterthurer, den der Magistrat von Zürich in seinen Kellern führt. Da ging wohl Manchem das Herz auf. Auch mir ging es auf, aber über etwas Anderes. Sieben Jahre lebe ich jetzt hier in dem fremden Lande, und wenn auch in dieser Zeit manch’ liebes und freundliches Gesicht aus der Heimath zu mir hergekommen war, ich hatte sie doch nur vereinzelt gesehen. Da standen gestern auf einmal sechzig bis siebenzig Männer aus dem deutschen Norden auf dem schweizerischen Boden vor mir. Und Alle herrliche, kräftige Gestalten und so blond und doch so frisch und selbst so stolz. Sie kamen ja aus einer deutschen Stadt, die mehr Freiheit hat, als irgend eine andere Stadt Deutschlands, und sie standen auf befreundetem freiem Schweizerboden.

Eine Stunde später traf, gleichfalls auf dem Bahnhofe, die eidgenössische Schützenfahne ein.

Das eidgenössische Schützenfest wird, wie ich vorhin sagte, alle zwei Jahre gefeiert; Stadt und Canton wechseln. Zuletzt war es, im Juli 1857, in Bern gewesen. Bei dem dortigen Schützenverein war damals die eidgenössische Schützenfahne zurückgeblieben. Heute mußte der Verein, bei Eröffnung des Festes, sie dem hiesigen Verein überliefern. Gestern kamen sie damit an. Andere, Berner Schützenfahnen, begleiteten sie. Es war ein stattlicher Zug. Alle jene Tausende von Menschen, die die Bremer empfangen hatten, waren auch zu dem Empfange der Berner noch da; auch jene Comités und der Züricher Magistrat. Eine Compagnie Züricher Scharfschützen hatte sich zu ihnen aufgestellt. Musikchöre standen zu den Seiten.

Als die Fahne aus einem Eisenbahnwagen ersichtlich wurde, dröhnte ein Kanonenschuß in das Thal hinein, die Musikchöre spielten. Der Berner Zug hatte sich unterdeß auf der einen Seite geordnet. Auf der anderen Seite standen in langer Linie die Züricher Schützen, die Scharfschützen, die Bremer und die verschiedenen Empfangscomités. Vor der Mitte der Linie das Centralcomité des Züricher Schützenvereins, an seiner Spitze dessen Präsident. Zu ihm hin begab sich der Zug der Berner; ihm gegenüber machte er Halt. Die Musik und das Hurrah all der Tausende von Zuschauern schwieg. Aus der Reihe der Berner trat eine hohe, starke, kräftige Gestalt hervor. Es war der Oberst Kurz aus Bern, seines eigentlichen Zeichens ein tüchtiger Advocat, nebenbei einer der tüchtigsten Generale des schweizer Heeres, Präsident des Berner Schützenvereines. In seiner besonderen Verwahrung war seit zwei Jahren die eidgenössische Fahne gewesen. Er hatte sie an Zürich abzuliefern.

Ihm gegenüber stand eine andere hohe Gestalt, feiner, mit einem geistvollen und klugen Gesichte, der Präsident des Züricher Schützenvereins, der erste Präsident der Regierung des Cantons Zürich, Dr. Dubs. Er hatte die Fahne für die nächsten zwei Jahre in Empfang zu nehmen. Aber noch nicht gestern. Mit einem kräftigen Handschlage begrüßten sich die beiden Männer.

Sie hatten sich schon öfter gegenüber gestanden, aber anders, als Gegner, manchmal als heftige Gegner, und doch zuletzt, wenn es galt, als Männer desselben Landes, als Söhne eines Vaterlandes. Beide gehören der eidgenössischen Bundesversammlung an. Bern und Zürich haben manchmal auseinandergehende Interessen; Rivale sind sie immer. Bern ist der größte Canton der Schweiz, Zürich, so sagen die anderen selbst, der intelligenteste. Dazu nehmen jene beiden Männer verschiedene politische Standpunkte ein. Kurz gehört zu der aristokratischen Partei Berns, Dubs ist durch und durch Demokrat; aber treue, ehrliche, brave schweizer Männer sind sie Beide.

So standen sie auch heute einander gegenüber, und so begrüßten sie sich mit dem kräftigen Handschlage und mit eidgenössisch brüderlichen Worten. „Wir bringen Euch die eidgenössische Fahne nach Zürich,“ sagte Kurz. „Aber für heute halten wir Berner sie noch in unseren Bärentatzen. Erst morgen liefern wir sie an Euch ab.“ Die kräftigen Worte klangen gut von dem Munde des kräftigen Soldaten.

„Die Fahne,“ erwiderte ihm der feine Dubs, „die von Bern zu uns nach Zürich kommt, wird ein neues Pfand dafür sein, daß Zürich und Bern stets einig gehen, wo es das schweizerische Vaterland gilt.“

Zweiundzwanzig Kanonenschüsse hatten unterdeß zur friedlichen Begrüßung der eidgenössischen Fahne durch das Limmatthal gedonnert. Die Musik geleitete einen einzigen großen, schönen und imposanten Zug der Bremer, Berner und Züricher Schützen in die Stadt. Das schönste Wetter hatte die Feierlichkeit begünstigt.

Das schönste Wetter, die klarste Sonne begrüßte heute den ersten eigentlichen Festtag.

Wie im vorigen Jahre zum Sängerfeste, so ging ich auch heute am sehr frühen Morgen von meiner einsamen Wohnung vor den Thoren Zürichs wieder in die Stadt. Ruhe und Stille war auch heute noch überall umher. Wir haben auch heute wieder Sonntag. In dieser Sonntagsruhe lag unten im Thale vor mir das schöne Zürich da; hinter ihm der klare, blaue See; rechts vom See das grüne Uetli; hinten in weiter Ferne die ganze Reihe der ewigen Schneeberge, vom Glärnisch mit seinem leuchtenden Vrenelis Gärtlein, bis weit rechts zu dem kühn emporragenden Titlis hin. Ueber Allem der tiefblaue Himmel.

Ich trat in die Stadt. Es war so still darin, denn die Menschen ruheten noch; sie hatten vielleicht bis spät in die Nacht an dem Festschmucke der Häuser gearbeitet. Manche Andere hatten auch [459] wohl anders arbeiten müssen, nicht für das Fest, aber für das tägliche Brod. Nicht Allen ist das Fest ein Fest. Wie Mancher auch mochte bis über die Mitternacht hinaus blos gejubelt und geschwärmt haben, ohne an Arbeit oder Arbeitende, an Noth und Elend zu denken!

Kein Mensch in den Straßen, aber alle Häuser wieder in ihrem vollen festlichen Schmucke, wie im vorigen Jahre beim Sängerfeste, Laub-und Blumengewinde sich von Haus zu Haus ziehend, Ueberall das weiße, eidgenössische Kreuz in rothem Felde, Teppiche fast in jedem Fenster, Fahnen und Flaggen aus jedem der alten Giebelfenster, aus jedem Erker, aus jedem Stockwerk in die Straße hinausflatternd, bald klein und bescheiden, wenn der kleine Bürgersmann sie ausgesteckt hatte, bald riesig groß, wenn sie an dem Hause des reichen Patriziers prangten. Und alle in den hellen Farben des Vaterlandes, roth und weiß, die Farben der Eidgenossenschaft, oder blau und weiß, die Farben Zürichs. Mitunter auch ernsteres schwarz und weiß, Berns, oder weiß und schwarz, des alten Appenzells Farbe.

So waren sie alle geschmückt, frisch und bunt und hell, die alten, engen, krummen Straßen Zürichs. Man konnte manchmal unter all dem Schmuck wieder den Himmel nicht sehen, und die Sonne nicht, in der Alles glänzte. Das Herz wurde Einem wieder enge.

Jene Schweizerfrau war diesmal nicht an meiner Seite; aber die deutsche Frau, die seit so manchem Jahre die Heimath nicht mehr hat sehen können, war wieder meine treue Gefährtin, wie immer. Und heute weinte sie nicht.

„Wir werden die Heimath wieder sehen!“ sagte sie, freudig, gewiß.

An die Heimath, die theure, hatte sie gedacht.

Wir traten aus den engen Straßen der Stadt heraus, und kamen an den freien, breiten Quai. Ueberall derselbe Schmuck der Häuser, aber im klarsten Sonnenlichte und in den grünen Wellen der Limmat und den blauen Fluthen des Sees sich wiederspiegelnd. Eine riesige, blauweiße Fahne hing von dem Kaiserthurme des Großmünsters herunter.

Sie kennen, lieber Keil, die beiden, einander gleichen Thürme des Großmünsters. An dem südlichen, in seiner Mitte, aber doch schon in einer Höhe, die das Größte klein erscheinen läßt, befindet sich das Bild Kaisers Karl des Großen. Davon heißt er der Kaiserthurm. Der große Kaiser sitzt dort, aus Stein gehauen, auf seinem Thronsessel, die goldene Krone auf dem ernsten, bärtigen Haupte, das blanke Schwert mit großem goldenen Knopfe vor sich auf den Knieen. Bis fast auf den alten Kaiser herunter hing die ungeheuere Fahne. Nicht schwarz-roth-golden. Eine schwarz-roth-goldene Fahne sah der alte Kaiser nicht, wie weit er auch auf seiner Höhe über Stadt und Land, auf Berg und Thal, auf Strom und See hinausschauen konnte. Er sah sie auch nachher nicht, als ein langer Festzug mit fast unzähligen Fahnen in allen Farben tief unten an ihm vorbeischritt. Auch die Bremer hatten keine deutsche Fahne mitgebracht, doch hing eine schwarz-roth-goldene Kordel an ihrer Fahne herunter. Und auch aus zwei deutschen Flüchtlingswohnungen wehete die deutsche Fahne; der deutsche Kaiser konnte sie nur nicht sehen. Er sah heute griesgrämig aus, der große alte Kaiser.

Vor vier Jahren – gerade vor vier Jahren – sah ich ihn eine Zeit lang oft lächeln, wehmüthig, aber doch freundlich. Er saß steif und gerade da, wie immer, die goldene Reichskrone auf dem Haupte, das tapfere Schwert auf den Knieen. Zwischen seinen Füßen hatte sich damals ein Taubenpaar sein Nest gebaut, und in dem Neste waren Junge, und wenn die beiden Alten ausflogen, um Futter für die Brut zu holen, dann behütete derweil der große deutsche Kaiser mit seinem großen Schlachtenschwerte die jungen Tauben zwischen seinen Füßen. Ich habe manchen Tag und manche Stunde das Bild betrachten müssen.

Vor tausend Jahren behütete er das deutsche Reich, jetzt ein Taubennest. Nach vier Wochen war auch das Taubennest verschwunden, wie lange vorher das deutsche Reich, und der deutsche Kaiser hatte gar nichts mehr zu thun. Ich habe ihn seitdem nicht wieder lächeln sehen, weder freundlich noch wehmüthig. Er blickt ja nach Süden hin, und nur hinter ihm, im Norden und im Osten, liegt sein ehemaliges deutsches Reich und auf seinem steinernen Throne, und selbst von Stein, kann er sich nicht umdrehen.

Wohl ihm! Er kann ja auch nicht hin. Ha, könnte er, wie würde er mit gar Manchem bald ein Ende machen! Wie würde das blanke Schwert nicht mehr auf seinen Knieen ruhen, wohl aber einem großen tapferen Volke vorglänzen im Kampfe mit dem französischen Civilisationskaiser, der ihn, Gott erbarme es, ihn, den großen deutschen Kaiser, seinen Vorfahren nennen darf! Aber er sitzt fest auf seinem steinernen Throne am Kaiserthurme des Domes zu Zürich in der Schweiz. –

Von den Thürmen schlug es sechs Uhr. Die Stadt belebte sich. Vom Lindenhofe verkündeten zweiundzwanzig Kanonenschüsse den Beginn des Festes. Von der Terrasse des Großmünsters ertönte ein feierlicher Choral, festlich gekleidete Menschen durchzogen die Straßen, bunte Gondeln mit hellen rothen oder blauen Zeltdecken fuhren auf dem See hin und her, und zwischen ihnen brausten Dampfboote heran. Sie brachten Gäste, Schützenvereine von beiden Ufern des Sees, Zuschauer. Die Schützen zogen mit Musik und Fahnen vom Landungsplatze in die Stadt ein. Andere Schützenvereine, gleichfalls Musik und Fahnen voran, kamen aus der Nachbarschaft von anderen Seiten herbei. Die Straßen füllten sich immer mehr mit Zuschauern.

Es wurde neun Uhr, die Zeit für Versammeln und Ordnen des großen Zuges, der von der Stadt aus zu der Feststätte sich begeben sollte. Der Lindenhof war der Ort der Versammlung. Er liegt mitten in der Stadt, hoch, unmittelbar am linken Ufer der Limmat. Er ist der älteste Platz der Stadt, und war schon vor tausend Jahren der Gerichtsplatz. Manche für Zürich bedeutende geschichtliche Erinnerung knüpft aus jener wie aus späterer Zeit sich an ihn. Der alte steinerne Gerichtstisch befindet sich noch auf seiner Mitte, und rund um ihn her stehen die uralten Linden.

Aber die Linde und der Vehmetisch an der Mauer zu Dortmund in Westphalen sind doch noch älter.

Um halb zehn Uhr begannen die Züge zum Lindenhofe. Von allen Seiten, aus allen Straßen strömten sie herbei; überall rauschende Musik, flatternde Fahnen, blankgeputzte Stutzen, Vereins- und Comitémitglieder mit bunten Schärpen und Bändern.

Um zehn Uhr rückte der geordnete Zug vom Lindenhofe aus. Voran ein Peloton Scharfschützen, dann ein Zug von fast hundert Mann in weißen Beinkleidern und hellrothen Blousen und Mützen. Es waren die „Zeiger in (eidgenössischer) Amtstracht.“ Dann die Festmusik; dann ein Zug Feldschützen. Darauf die eidgenössische Schützenfahne, zu ihren beiden Seiten die Cantonal-Schützenfahnen von Bern und Zürich. Ihnen folgte die Schützenfahne der Stadt Zürich; hinter dieser kamen die Fahnen der anwesenden auswärtigen Schützen-Vereine. Jeder Verein war bei seiner Fahne. Voran gingen die Bremer, geführt von ihrer weiß und gelben Fahne mit dem Schlüssel darin. Sie waren, wenn sie auch mit ihren blonden deutschen Gesichtern nicht der schwarz-roth-goldnen deutschen Fahne folgten, doch wieder so schmuck und schön und kräftig und gewandt in ihren grünen Blousen, den grauen, mit grüner Feder gezierten Schützenhut auf dem Kopfe, den sicher zielenden Stutzen im Arm. Wie viele Hunderttausende solcher Männer zählt das deutsche Volk, und doch sollte ein französischer, nein, ein corsischer Thronräuber ihm Gesetze vorschreiben?

Den Schützen folgten die Festcomité’s, Abordnungen der Cantonal- und Stadtbehörden, Feldschützen, Musik; zuletzt in hellblauen Blousen die „Warner“. Ein Peloton Scharfschützen schloß das Ganze. Sie zogen durch die halbe Stadt überall zwischen dichten Reihen von Zuschauern, in jeder Straße, in jedem Fenster. Selbst auf den breiten Quais standen die Leute so gedrängt, daß der Zug manchmal nur eine enge Gasse zum Durchkommen behielt.

Sie zogen aus der Stadt zum „Seefelde“. Dort, nicht weit vom Seeufer, etwa zehn Minuten von der eigentlichen Stadt entfernt, ist die Festhütte aufgebaut, und zu deren Ende befinden sich die Schießstände. Die Festhütte beschreibe ich Ihnen nachher.

Gerade vor ihr liegt frei ein zierliches, tempelartiges Gebäude mit hellen, breiten Fenstern auf allen Seiten. Es ist der „Gabentempel“. Durch die hellen Fenster sieht man die darin ausgestellten „Gaben“, Preise für die besten Schützen. Bis heute sind für 104,407 Franken Gaben darin. Alle Welttheile haben dazu beigesteuert. Wo in einem Erdwinkel nur drei oder vier Schweizer beisammen sind, haben sie mit einer Ehrengabe des nationalen und patriotischen Festes gedacht.

Und die Deutschen im Auslande?

Aber wir haben ja auch keine nationale, patriotische Feste.

Aber warum haben wir sie nicht?

An dem Gabentempel machte der Zug Halt. Die Berner mußten jetzt die eidgenössische Fahne aus ihren „Bärentatzen“ lassen; sie mußten sie den Zürichern übergeben. Der Präsident des Berner Schützenvereins [460] gab sie in die Hände des Präsidenten der Züricher Schützenvereins.

„Liebe Freunde, schweizerische Schützen,“ sprach der Oberst Kurz dabei unter anderem, „als vor zwei Jahren das eidgenössische Freischießen in Bern statt fand, da war Friede ringsum, und unser Vaterland hatte so eben glücklich eine Krisis überstanden, welche, wie noch nie, die Schweiz vor der ganzen Welt einig gezeigt hatte (die Neuenburger Angelegenheit). – Was wir in Bern Alle sehnlich wünschten, ist eingetroffen. Wir konnten die Schützenfahne, das Banner des bedeutendsten Vereins der Schweiz, an den schönen blauen See bringen, der die liebe Schwesterstadt bespült. Es war uns Bernern ein Leichtes, sie zu bewahren. Wer weiß, ob es Zürich so gut werden wird, und ob die neuen Führer des Vereins sie nicht in Kurzem hoch aufpflanzen müssen als Zeichen, um das sich alle Schützen den Landes sammeln, welche nicht anderwärts verwendet werden! Rings um uns her herrscht der Krieg. – Liebe Freunde in Zürich, Ihr habt auch diesmal wieder das Herz auf dem rechten Flecke gehabt. Als die Gewitterwolken den Horizont trübten, als die Blitze einschlugen in der Runde, da ließ sich billig fragen: Soll das Fest nicht verschoben werden? Ist es angemessen, sich zu freuen, zu genießen, wenn nebenan Tausende fallen, und das Land durch die Hufe der Pferde und die Räder der Kanonen verheert wird? Ihr habt nicht gewankt. „Wir halten das Fest ab!“ rieft Ihr. Der Ernst der Zeiten soll sein Recht behalten; die schweizerischen Schützen haben denselben zu allen Stunden zu würdigen gewußt.“

Der Dr. Dubs erwiderte in einer glänzenden Rede, in der er auch auf das Herzlichste die hochachtbaren und lieben Freunde aus der nordischen Schwesterrepublik Bremen willkommen hieß, unter anderem: „Der Ernst der Zeit wird uns auch die ernsten Zwecke unseres Festes wieder zum Bewußtsein bringen. Es wird sorgen- und gedankenvoller werden, aber dadurch an Bedeutung nicht verlieren. Ja, es ist fast, als ob ihm in diesem Augenblicke die Vorsehung eine höhere Sendung angewiesen hätte! Welche merkwürdige Erscheinung entrollt sich vor unseren Blicken! Hart neben uns ringen drei Länder und Völker in blutigen Schlachten mit einander, um das Princip der Sonderung der Nationalitäten zur Verwirklichung zu bringen; und hier auf diesem Festplatte finden sich die nämlichen drei Nationalitäten unter einem Panier zusammen in Frieden und Freundschaft zu festlichen Spielen. Klingt das nicht fast wie ein wunderbares Märchen? und es ist doch thatsächliche Erscheinung. Wie aber wurde denn hier diese Einigung der dort kriegführenden Nationalitäten möglich? Dadurch, aber auch nur dadurch, daß keine Nationalität die andere unterdrückt und eigensüchtig ausbeutet; daß jede die Eigenthümlichkeit der anderen schont; daß jede die Gleichberechtigung der anderen anerkennt und achtet. Auf diesem Grunde ist im Schweizerland der Bund verschiedener Nationalitäten groß geworden!“ Sind das nicht goldene Worte, mein lieber Freund?

Sie weiheten das Schützenfest ein. Ein Mittagsmahl empfing zunächst die Schützen in der Festhalle. Mit dem Glockenschlage Eins verkündete ein Kanonenschuß den Beginn des Schießens. Und was Schütze war, drängte sich zu den sechsundneunzig Schießständen. Dort schießen sie noch, und es wird die ganze Woche dauern, vom frühen Morgen, bis des Abends die letzten Strahlen der Sonne hinter dem Uetli verschwinden. Nur über Mittag macht das Geknatter der Büchsen eine Stunde lang eine Pause.

[473]
Zürich, am 14. Juli 1859.

Erst heute kann ich wieder zum Schreiben kommen, um Ihnen den weiteren Verlauf unseres Schützenfestes zu schildern.

Aber werde ich es auch können? Um des Stoffes willen gewiß. Aber ich fürchte, die rechte Stimmung ist mir verloren gegangen. Da kam zuerst der Waffenstillstand in das Fest hinein, dann dieser faule Friede. Ich hatte ihn vorhergesagt, noch bevor der unglückliche Krieg begann. „Soll man das Gute nicht nehmen, weil es vom Teufel kommt?“ hatte ich von so Manchem hören müssen, die an eine Befreiung Italiens durch einen Louis Napoleon glaubten. „Der Teufel kann nur nichts Gutes bringen, darum ist er eben der Teufel!“ hatte ich ihnen geantwortet. Sie hatten mir nicht geglaubt. Nun kann auch dem blödesten Auge der egoistische Zweck dieses Krieges nicht mehr entgehen; aber auch nicht, was weiter daraus folgen wird für unser deutsches Vaterland. Wird? Was folgen soll, ist wohl gewiß. Aber wird es auch? Wenn es nicht besser im deutschen Lande, nicht einiger, nicht – ach, man darf das Wort nicht einmal aussprechen, und die Wirklichkeit sollte kommen? Und ohne diese Wirklichkeit, ohne ein einiges und freies Deutschland, ist Deutschland – verloren.

Ich kann Ihnen nicht sagen, mein lieber Keil, wie schwer es mir auf dem Herzen ist. – Aber ich muß beschreiben. –

Ich zeige Ihnen zunächst den Platz, auf dem das Schützenfest gefeiert wird. Er ist von der eigentlichen Stadt Zürich etwa zehn Minuten entfernt, in der Gemeinde Rießbach. Sie wissen, die Stadt Zürich ist von allen Seiten von einer Art von Vorstädten oder Vordörfern umgeben, die unmittelbar an der Stadt beginnen, so mit dieser fast ein einziges, großes Ganze bilden, aber jede als selbstständige Gemeinde für sich bestehen. Solch ein selbstständiges, freies, wenn auch mitunter kleines Gemeindeleben ist außerordentlich viel werth für ein freies Volksleben. Das politische Leben jedes Einzelnen erhält sich immer wach darin, und der Bureaukratismus, diese Wiege und zugleich Stütze des Absolutismus, kann nicht darin aufkommen.

Eine solche kleine Vorstadt Zürichs bildet die Gemeinde Rießbach. Eine lange, schnurgerade Straße, unmittelbar an der Stadt Zürich beginnend, zieht sich mitten durch sie. Sie gehört zu den schönsten Straßen um und bei Zürich. Schöne Häuser und Gärten fassen sie zu beiden Seiten ein, unter den Gebäuden die niedlichsten reizendsten Landhäuser der mit reizenden Landhäusern besäeten Gegend. Sie heißt die „Seefeldstraße“; sie erstreckt sich in ihrer ganzen Länge an dem See hinauf, an den man unmittelbar aus den Gärten hinter den Häusern ihrer rechten Seite gelangt. Fast an ihrem Ende ist ein weiter, freier, von der Straße bis an den See reichender Wiesen-Platz. Hier war das Schützenfest.

Zuerst tritt man von der Straße in die Festhalle oder „Festhütte“. Sie ist ein von Holz aufgeführtes Gebäude, mit ungeheuren, aber in Länge, Breite und Höhe einander entsprechenden Dimensionen, nach zwei Seiten hin offen. Ein breiter Kreuzgang durchschneidet sie in der Mitte; schmälere Gänge laufen nebenhin und nebenher. In der Mitte befindet sich ein großer künstlicher Springbrunnen. Alle andern Räume sind mit langen Tischen und Bänken von weißem Tannenholz besetzt. Sechstausend Menschen haben da bequemen Platz zum Essen und Trinken. Auch zum Zuhören, ob freilich Alle zum Verstehen, ist eine andere Frage. In der Mitte der Länge des Gebäudes ist, nach Art einer Kanzel, eine mit den eidgenössischen Farben geschmückte Rednerbühne errichtet, und manches Wort aus kräftiger Lunge ist seit dem Dritten dieses Monats dort erschallt. Aber sechstausend essenden und trinkenden fröhlichen Schützen sich verständlich zu machen, dazu möchten selbst die gewaltigen homerischen Heldenstimmen nicht immer ausgereicht haben.

Hinter der Rednerbühne ist auf einem Empor der Platz für die Festmusik. Gewaltige Chöre haben dort während des Festes gespielt; aber auch ihre Töne konnten nur die Näheren vernehmen. Nur wenn die Marseillaise gespielt wurde, und sie mußten sie täglich zum öftern spielen, an manchem Abende zwei-, dreimal unmittelbar hintereinander, nur dann wurde jeder Ton von jedem Menschen in der weiten Halle und noch weit hinaus über Straße und Feld gehört. Dem wirren und lauten Geräusche, dem ungestümen Verlangen nach Wiederholung der Melodie machte dann auf einmal, sowie der erste Ton erklungen war, ein fast feierliches, stilles, gespanntes Zuhören Platz, bis bei der letzten Strophe Tausende von menschlichen Stimmen die Töne der Instrumente begleiteten.

Mitten vor der Front der Festhalle steht der hübsche Gabentempel, den ich Ihnen schon früher beschrieben habe. Auf seinen reichen und glänzenden Inhalt komme ich gleich. Ich muß Sie vorher weiter zu den Schießständen führen. Sie befinden sich zu Ende der Festhalle. Man tritt dort in ein langes, nicht zu schmales offenes Gebäude, ähnlich wie die Festhütte von Holz aufgeführt. Sechsundneunzig Schießstände sind darin, Stand an Stand nebeneinander. Sie führen zu sechsundneunzig Scheiben. Vor jedem Stande ist ein Raum zum Laden der Gewehre. Nebenan liegen kleinere Gebäude zum sofortigen Repariren, wenn Gewehr oder Ladezeug beschädigt werden sollten.

Hier lassen Sie mich zugleich erwähnen, wie auch für Hülfe bei etwaiger Verletzung oder Erkrankung von Menschen gesorgt war. Ein besonderer Raum war da für einen Arzt und eine Feldapotheke. Ich glaube sogar, zwei Aerzte waren Tag und Nacht anwesend. Die Aerzte Zürichs hatten sich freiwillig zu diesem menschenfreundlichen Dienste erboten. Sie wechselten täglich ab. An einem meiner Freunde war zweimal während des Festes die Reihe.

Die Scheiben sind nach dem See hin errichtet, so, daß eine [474] Verletzung durch die Kugeln zu den Unmöglichkeiten zu zählen ist. Häuserhohe Schichten von Brennholz sind zu langen, dichten Mauern hinter ihnen und zu ihren beiden Seiten aufgethürmt. Außerdem darf bis zu einer bestimmten Entfernung in jener Gegend Niemand den See befahren. Ein Unglück kann in solcher Weise nur in den Schießständen geschehen oder einen unvorsichtigen Zeiger treffen. Es haben sich auch, so viel bekannt geworden, nur zwei Unglücksfälle ereignet: ein Schütze hat sich beim Schießen einen Finger verletzt, und ein Zeiger hat durch einen abgesprungenen Splitter ein Auge verloren.

Bei den Scheiben und dem Schießen muß ich noch verweilen. Ueber dreißigtausend Schützen haben geschossen, zehn Tage lang, von Morgens acht Uhr bis des Abends acht Uhr. Sie waren nicht Alle die ganze Zeit über und zu gleicher Zeit da. Aber zehntausend schossen täglich gewiß. Wie viel ist da geschossen! An einem Tage, am 7. Juli, waren über vierundsiebzigtausend Schüsse gethan, und am 11., also am vorletzten Tage der Festes, als die Meisten schon fort waren, noch über einundsechzigtausend.

Die Scheiben sind von verschiedener Art, ebenso auch die Stutzen, mit denen geschossen wird. Die Schweizer haben „Feld-“ und „Standstutzen“. Der Feldstutzen ist das militairische Gewehr des schweizerischen Scharfschützen, mit dem er in das Feld rückt. Der Standstutzen ist schwerer. Mit beiden wird aus freier Hand geschossen. Nach den Stutzen zunächst sind auch die Scheiben verschieden. Die Feldscheiben stehen etwas über 1000 Fuß entfernt (ich meine 1008), die Standscheiben 580 Fuß. Außerdem werden im Stand, wie im Feld, „Stich-“ und „Kehrscheiben“ unterschieden. Die Kehrscheiben werden mit fortlaufenden Buchstaben des Alphabets bezeichnet; die Stichscheiben haben jede ihren besonderen Namen; im Stand: Vaterland, Industrie, Titlis, Pilatus, Rigi, Gotthard, Jungfrau, Splügen; im Feld: Säntis, Glärnisch. In jede Stichscheibe darf jeder Schütze wahrend des ganzen Festes nur einen Schuß thun, blos in die Scheibe Vaterland zwei. Nach den Kehrscheiben kann Jeder so viel schießen, wie er will und – bezahlt!

Der Name Kehrscheibe rührt daher: Damit bei dem großen Andrange der Schützen zu ihnen das Schießen keine Unterbrechung erleide, war früher die Scheibe eine doppelte, so daß sie nach jedem Schusse rasch umgedreht wurde. Jetzt hat man andere Vorrichtungen. Jeder Schuß muß bezahlt werden; für die Kehrscheiben kostet der Schuß dreißig Centimes; für die Stichscheiben ist er theurer. Man kann eine Marke für alle neun (zulässige) Schüsse in die Stichscheiben nehmen, d. h. „einen Doppel lösen.“ Außerdem kauft man „Stich-“ oder „Kehrmarken“.

Die Gewinne sind vielfach verschieden. Für die verschiedenen Stichscheiben sind die reichsten Gaben bestimmt, theils schon von den Gebern, theils vom Comité. Den besten Preis hat die Scheibe Vaterland. Er war diesmal 2500 Franken baar in einer großen, schönen silbernen Schale. Die Schweizer in Paris hatten sie für die Scheibe Vaterland geschenkt. Der geringste Gewinn besteht in fünf Franken. Gewinnen kann immer nur der, wer das Centrum trifft. Dieses ist dreifach verschieden. In den Standstichscheiben hat es 10 Zoll, in den Standkehrscheiben 2½ Zoll, in den Feldkehrscheiben sechs Zoll im Durchmesser. Die Feldstichscheiben haben Numnmerneintheilungen. Verschieden ist auch wieder die Art des Gewinnens. Den ersten Preis einer jeden Stichscheibe gewinnt nur, wer den besten Schuß in die Scheibe gethan hat. Für die Kehrscheiben ist Höhe und Werth des Preises vielfach verschieden: die Geldprämie von fünf Franken erhält schon, wer (und so oft er) sechs Mal das Centrum getroffen hat, dazu einen silbernen Schützenbecher oder eine Uhr (nach seiner Wahl), wer fünfundzwanzig Mal, und wieder hundert Franken, wer fünfzig Mal dasselbe getroffen hat. Eine besondere Prämie ist wieder bestimmt für die meisten Treffer des Tages, für den ersten und den letzten Treffer des Tages, für die meisten Treffer während des ganzen Festes. Ich glaube, es sind noch mehr Unterscheidungen.

Die gewonnenen Tagesprämien kann jeder Gewinner sofort realisiren. Die anderen Preise werden erst zu Ende des Festes und zwar öffentlich vertheilt.

Ich führe Sie, mein Freund, jetzt zu dem Gabentempel zurück, und zwar zu den Gaben selbst.

Der ganze hübsche Tempel hat keine Wände, sondern nur Fenster; durch diese sieht man alle jene reichen Preise und Prämien für die gewinnenden Schützen aufgehäuft, Alles Gaben aus allen Theilen der Schweiz, von Regierungen, Gemeinden und Privaten, aus allen Theilen der Erde, wo Schweizer des patriotischen Festes gedacht haben, – und wo ihrer sind, da haben sie seiner gedacht.

Die Gaben bestehen in Geld und in allerlei Werthsachen. Sehr schöne neue schweizerische Fünffrankenthaler hat die Eidgenossenschaft expreß dazu prägen lassen. Anstatt der Helvetia steht ein Schütze darauf. Unter den Werthsachen, die sehr viele kostbare, selbst Kunstgegenstände zählen, zeichnen sich besonders zwei aus, die denn auch vom Anfang bis zum Ende des Festes fortwährend die allgemeine Bewunderung auf sich zogen. Die Bewunderer konnten nicht einig darüber werden, welcher von den beiden herrlichen Gaben in Werth, Glanz und Geschmack sie den Preis zuerkennen sollten; ich weiß es auch nicht. Eines muß ich indeß zuerst nennen, und da sei es denn die Gabe Ihrer Landsleute, mein lieber Keil.

Drei Leipziger, die Herren Gebrüder Felix, S. G. Schletter, Gontard Nachfolger, hatten ein großes, prachtvoll gearbeitetes Trinkhorn von massivem Silber übersandt. Es war der zweite Preis der ersten Scheibe „Vaterland“. Der erste Preis waren die oben schon genannten 2500 Franken in silberner Schale von den Schweizern in Paris.

Die Leipziger Geber hatten das schöne Geschenk mit folgendem, sie hoch ehrenden Schreiben begleitet:

„Leipzig, am 24. Juni 1859.     

„Das eidgenössische Freischießen wird dieses Jahr im Canton Zürich abgehalten.

„Seit langen Zeiten in regem geschäftlichen Verkehr mit demselben, und dadurch mit der Bevölkerung dieser durch Handel und Industrie so hervorragenden Gegend vielfach befreundet, haben wir in ihr den Stamm des gesammten Schweizervolkes achten und lieben gelernt; so daß wir nur einem Drang aufrichtiger Gefühle folgen, wenn wir unsere Theilnahme an diesem nationalen Feste bethätigen.

„Wir überreichen Ihnen daher beifolgende Festgabe, deren Verwendung wir dem geehrten Comité überlassen. Möge dieselbe freundlich aufgenommen werden und zur Verherrlichung des schönen Festes beitragen, wo freie Männer, aus allen Theilen des schönen Schweizerlandes herbeigeeilt, sich brüderlich die Hände reichen und in der Ausbildung ihrer Geschicklichkeit und Kraft die Gewähr ihrer Unabhängigkeit finden.

„Möge Ihr Fest ein heiteres und glückliches sein und, wie dasselbe Einigkeit und Tüchtigkeit in Ihrem Lande nährt, auch Raum lassen für unsere Glückwünsche aus der Ferne. Mit herzlichem Gruße“ u.s. w.

Die Bremer Schützen hatten als Ehrengabe zwölf Römer, gleichfalls von massivem Silber und inwendig vergoldet, mitgebracht. Das war eine wundervoll zierliche, schöne, kostbare Arbeit. Weintrinker oder Nichttrinker, Keiner konnte den Blick von den zwölf feinen Rheinweinbechern abwenden. Wie muß das edle Gewächs in dem Golde golden funkeln!

Und doch war diese Gabe der Bremer ihre geringste. Sie hatten auch von dem edlen Weine aus ihrem Rathskeller selbst mitgebracht. Der wurde freilich schon während des Festes vertrunken. Der Präsident Dubs weihete die Rednerbühne mit dem ersten Trunke von diesem 1684er Rüdesheimer ein, und als er es gethan hatte, konnte er sagen, er habe einen Trunk gethan, der unter Brüdern seine sechstausend Franken Werth sei.

Die zwölf Römer der Bremer waren der erste Preis des Feldkehrs.

Was sonst noch an kostbaren und geschmackvollen Gaben da war, beschreibe ich Ihnen nicht; ich würde kein Ende finden. Lassen Sie mich dagegen erwähnen, daß namentlich viele Hunderte von silbernen Pokalen und Bechern und goldenen und silbernen Taschenuhren da waren.

Und nun, mein Freund, begleiten Sie mich auf dem Wege zu dem Platze, den ich Ihnen mit seiner Festhalle, seinen Schießständen und Scheiben, seinem Gabentempel und seinen Gaben, freilich nothdürftig genug, beschrieben habe. Ich führe Sie dann auch mitten in sein buntes, oft wirres und oft wunderbares, aber stets frisches, freies und fröhliches Leben hinein.

Wir gehen über den schönen, breiten Limmatquai, um die Stadt Zürich zu verlassen. Wir haben rechts vor uns den See. Viele Hunderte von buntbedeckten und buntbeflaggten Gondeln fahren auf ihm auf und nieder; Gesang tönt aus mancher von ihnen über die tiefblaue klare Spiegelfläche zu uns herüber. Links gehen wir an buntbeflaggten, grüngeschmückten Häusern vorüber. Kein einziges Haus in ganz Zürich hat während der Festtage auch nur ein Fähnlein oder einen Zweig seines Schmuckes abgelegt; manches erneuerte [475] fast täglich seine Blumen und sein Laubgewinde. An Haufen festlich fröhlicher Menschen kommen wir auf allen Seiten vorüber.

Wir gehen an dem Ufer des Sees hinauf, wir verlassen den Quai, die Stadt. Wir sind an der Grenze der Gemeinde Rießbach, am Eingange jener schnurgeraden, anmuthigen Seefeldstraße. Ein großes, für das Fest gebautes Triumphthor empfängt uns hier. Es hat Aehnlichkeit mit dem Brandenburger Thor in Berlin. Hoch oben auf ihm steht die kolossale Statue Tells. Sie ist sehr gut gearbeitet, aus Gyps. Sie stellt den mythischen Helden in dem Augenblicke dar, wie er den Apfel von dem Haupte des Kindes geschossen hat, und drohend den Pfeil dem kaiserlichen Landvogt entgegenhält. Ob die Geschichte wahr oder nicht wahr ist, kümmert uns in diesem Augenblicke am wenigsten, und wahrhaftig auch alle die tausend Schützen und tausend und abermals tausend anderen Leuten nicht, die täglich und stündlich unter ihm her durch das Thor hin und her gehen. Sie haben bei seinem Anblick Alle nur einen Gedanken, und den rufen Tausende beim Vorübergehen in lautem, begeistertem Gruße ihm zu: „Hurrah, Schützenvater Tell! Noch heute ist der Schweizer Schütze muthig und daher auch frei wie Du!“

Ja, Mythe oder nicht Mythe, ein Mann des Volkes ist der Tell nun einmal, und wohl dem Volke, das einen Tell hat und ein dankbares Gedächtniß für ihn bewahrt!

Wir durchschreiten das Thor, und treten in die Seefeldsstraße ein. Der Schmuck der Flaggen, der Fahnen, der Blumen und des Laubes überbietet hier fast den in der Stadt. Er erhöht doppelt den Reiz aller der anmuthigen Landhäuser und Gärten zu beiden Seiten der Straße. Unter ihm reihet vor Gärten und Häusern sich Bude an Bude an einander, von dem einen Ende der langen Straße bis zu dem anderen. Man ist wie auf der lebendigsten Kirchmesse, die nur je in Westphalen oder am Rheine gefeiert worden ist. In anderen Gegenden Deutschlands haben sie Jahrmärkte, aber die sind nichts gegen unsere großen Kirchmessen.

Auch Seiltänzerbuden sind da und „Arenen“ und ein Circus, und Puppentheater und Caroussels und ungeheure Zelte mit wilden Thieren, und Geschrei der Menschen, die Einen in die Buden und Zelte hereinrufen wollen, und Musik und Trommeln und Gekreisch der fremden Raben und Papageien, und Geheul der Bären, Tiger und Löwen. Und ein Gewühl von Menschen und Wagen, daß man, trotz der größten Ordnung, die man in einem solchen Gewühl sich nur zu denken vermag, nur mit Mühe vorwärts kommt. So gelangen wir zur Festhütte. Gleichviel, zu welcher Tageszeit. Sie ist immer gefüllt, von acht Uhr Morgens an bis lange nach Mitternacht hin. Und wie die Hütte, sind es alle Räume um sie her. Nur auf dem Schießstande hört des Abends mit dem Glockenschlage acht das Leben auf. Ein einzelner Kanonenschuß verkündet das Ende des Schießens, wie er am Morgen um acht den Anfang anzeigt.

Aber ich muß Ihnen doch wenigstens mit einigen Zügen das Leben eines ganzen Tages auf diesem Festplatze beschreiben.

Um acht Uhr Morgens, wie gesagt, beginnt es.

Zeiger und Warner sind schon auf ihren Plätzen bei Scheibe und Schießstand. Mitglieder der verschiedenen Comité’s finden sich mehr und mehr ein, um zu wahren, daß Alles in Ordnung sei. Die ungeduldigen Schützen waren schon lange da, harrend des Signalschusses. Zuschauer strömen von allen Seiten herbei. Der Signalschuß ertönt. Im Augenblick nachher knattern sechsundneunzig Büchsen in der langen Reihe der Schießstände, Schuß auf Schuß, und Schlag auf Schlag schlagen da hinten die Kugeln in die Scheiben hinein. Und wie das einmal angefangen hat, hört es keine Minute auf, bis um zwölf Uhr ein Kanonenschuß zum Mittagessen in die Festhütte ruft. Gegen zehn Uhr, oft noch früher, entsteht unterdeß anderes Leben. Die ersten Dampfschiffe, die ersten Züge der Eisenbahnen sind in der Stadt eingetroffen. Sie haben neue Gäste gebracht, Schützenvereine aus allen Theilen und Gegenden, aus allen Bergen und Thälern der Schweiz. Sie haben am Landungsplatze oder auf dem Bahnhof sich geordnet. Jede „mit flatternder Fahne anrückende Schützengesellschaft“ wird mit drei Kanonenschüssen salutirt, von Festführern des Comités abgeholt und zu dem Schützenplatze geleitet. Musik begleitet sie durch die Stadt bis dahin. Dort werden sie an den Gabentempel geführt. Das ganze Empfangscomité ist da schon versammelt; Mitglieder anderer Comités, Schützen in Menge, andere Zuschauer noch mehr haben sich angeschlossen. Die Ankommenden führen sich mit einer Begrüßungsrede ihres Anführers ein. Ein Mitglied des Empfangscomités beantwortet die Rede. Dann wird den Ankommenden „der Ehrenwein kredenzt“. Dabei wird die mitgebrachte Fahne übergeben und den Fahnen, die schon von dem Thurme des Gabentempels herabwehen, hinzugefügt.

Ueber hundert solcher Fahnen hingen während des Festes von dem Thurme herunter, in allen Farben der verschiedenen Schweizerkantone; von deutschen Fahnen waren namentlich die der Bremer und später der Stuttgarter darunter. Diese war von einer königlichen, oder gar kaiserlichen Prinzessin geschenkt, der Kronprinzessin Olga von Württemberg. Die eidgenössische Schützenfahne flatterte dennoch als die Königin von Allen da oben auf dem Thurme.

Dem Empfang der ankommenden Schützengesellschaften ist auch die Entlassung der abziehenden gleich. Die Fahne wird ihnen mit einigen kurzen Worten zurückgegeben; der Abschiedstrunk wird ihnen gereicht; dann werden sie mit Musik zurückbegleitet.

Die Schützengesellschaften waren aus zweiundzwanzig Kantonen da. Wie viele aus jedem! Zwar kamen sehr viele, die meisten, jedesmal kantonsweise an, und so verabschiedeten sie sich auch wieder. Dennoch war während des ganzen Festes den ganzen Tag über Zu- und Abgang, in den ersten Tagen jener, in den letzteren dieser vorherrschend. Namentlich die Ankommenden hielten dabei manchmal lange Reden; die Antwort durfte dann nicht immer eine kurze sein. Die Mitglieder des Empfangscomités hatten saure Redetage.

Die Ersten, die ankamen, waren die Neuenburger; sie wurden mit dem lebhaftesten Enthusiasmus begrüßt. Die Ersten, die abgingen, waren unsere Bremer Landsleute; sie verließen am Mittwoch, 6. Juli, das Fest. Ihr Abschied war ein rührender, ergreifender. Der Präsident Dubs sprach zu ihnen: „Eure Fahne geben wir nur ungern heraus, denn wir hatten gewünscht, daß Ihr Alle bis an das Ende des Festes geblieben. Wir sind einander im Herzen nahe gekommen; die Liebe macht nicht viele Worte, aber Ihr habt es gespürt, daß Ihr uns Allen unvergeßlich theuer seid. – Ihr verseht die Wache an der Nordsee, wie wir an den Alpen; möge unsere Verbrüderung in Freundschaft und Freiheit ewig bestehen!“ Am Tage vorher hatte man ihnen noch „den Zürichersee gezeigt“. Das soll eine wundervolle Fahrt gewesen sein, an den beiden Ufern des Sees entlang, an allen den schönsten, reizendsten Landungsplätzen der Welt, unter der freudigsten Begrüßung aller der Uferbewohner.

Einer der Glanzpunkte des Festes war der Empfang der Schützen-Vereine der Vierwaldstätte, Luzern, Schwyz, Uri und Unterwalden. Sie langten ebenfalls am 6. an, noch vor dem Abgange der Bremer. Es waren ihrer an siebenhundert Schützen. Ihnen voran schritten vier „Kernmannen“, gekleidet in die alte Landestracht nach ihren Landesfarben; sie trugen die alten „Harsthörner“, die schon vor einem halben Tausend von Jahren ihre Väter in die Schlacht gerufen hatten. Die alten Schlachtbanner folgten. Der Zug der stattlichen Urschweizer, alle Kernmannen, schloß sich an. So zogen sie durch die Stadt, die Seefeldstraße entlang, zu dem Schießplatze. Halb Zürich geleitete sie; ein ungeheurer Jubel umwogte sie. Er wollte schon nicht enden, als sie an der Ehrenpforte am Eingange der Seefeldstraße hoch oben ihren Schützenvater Tell erblickten. Dieser Zug und der Empfang, den sie auf dem Festplatze erhielten, verdiente eine besondere Beschreibung.

Wir kehren zu dem Festplatze zurück. Es ist Mittag geworden. Ein Kanonenschuß verkündet den Beginn des Mittagsessens. Das Knattern der Büchsen hört auf. Die Schützen eilen von den Schießständen und allen anderen Seiten her in die Festhütte. Ich glaube, es sind an anderthalbhundert lange Tische, die dort gedeckt sind. Sechstausend Menschen haben Platz daran. Wer keinen Platz mehr findet, muß weiter wandern zu den zahlreichen Restaurationen in der Nachbarschaft, zu den Gasthöfen und Speisehäusern in der Stadt. An Einem Tage mußten an viertausend Menschen vor den Tischen der Festhütte umkehren.

Wie die Zahl der Gäste, so sind Hunger und besonders in der Hitze Durst groß. Die Wirthschaft des Festes hat dennoch vom Anfang bis zu Ende nur Anerkennung und Lob eingeerntet. Schon am vierten Tage waren zwar die ursprünglich für das ganze Fest berechneten Trinkvorräthe aufgezehrt, so wurde – getrunken. Aber der Mangel war ersetzt, bevor die Trinker ihn gewahr werden konnten. Aber wie groß Hunger und Durst sind, der Begeisterung des Festes können sie keinen Eintrag thun. Jedes Mittagsmahl wird von Toasten belebt. Persönliche Toaste sind ein- für alle- mal ausgeschlossen. Nur des Vaterlandes, der einzelnen verbundenen [476] Nationalitäten und Kantone, der gemeinsamen Interessen, der auch für die Schweiz ernsten Lage der Zeit, großer geschichtlicher Ereignisse, der durch sie errungenen Freiheit des Volkes und Landes, der darin liegenden Kraft und Stärke des Landes und der dadurch gegebenen großen Bürgschaft für die Zukunft, nur solcher Dinge und aller solcher großen Dinge wird gedacht, mit beredten Worten und in allen jenen drei Sprachen, die hier eidgenössisch verbunden sind, in der deutschen, französischen, italienischen, bunt durcheinander, und doch so einig durcheinander.

So sitzen die drei Landsmannschaften auch an der Tafel durcheinander. Für jeden Kanton stehen in der weiten Halle die Tische beisammen. Tafeln an weißen Stangen enthalten die Namen. Da sitzt Waadt bei Zürich, Freiburg bei Solothurn, Genf bei Basel, Wallis bei Zug, Tessin bei Bern, Chur bei Luzern, und so weiter. Alle unterhalten sich lustig und fröhlich in den drei verschiedenen Zungen. In der Mitte der Halle, an den Tischen der Comités und der Ehrengäste, sitzen sie erst recht bunt und dicht durcheinander.

Mit dem Glockenschlage Eins beginnt wieder das Schießen.

Die Toaste dauern unterdeß noch lange fort, das Geknatter der Büchsen nebenan hindert sie nicht.

Das Schießen dauert bis acht Uhr Abends, Dann beginnt in der Halle das bunteste Leben des Zechens und Trinkens und Jubelns, unter den sechshundert hellen Gasflammen, hinter Tausenden von Flaschen vaterländischen und fremden Weins. Die Mitternacht vermag noch nicht, es zur Ruhe zu bringen. Und um acht Uhr des andern Morgens ist das fröhliche Schützenleben schon wieder da. – Es hatte auch Episoden, dieses Leben.

Am zweiten Festtage tagten die Schützen, um ernst ihre Vereinsangelegenheiten zu besprechen.

Am Sonntage, den 10. Juli, wurde auf dem weiten Platze ein feierlicher, erhebender Gottesdienst gehalten.

An einem Tage kamen die gerade in Bern tagenden Ständeräthe, am andern die Nationalräthe zu dem Feste herüber. An einem andern Tage war eine verbannte – Fürstin mit ihren Kindern da, die Herzogin von Parma, die sich in dem benachbarten Pappenschwyl aufhält. Sie war sogar zweimal da. Das zweite Mal nahm sie an dem Schützenessen in der Hütte Theil, und sie und ihre Prinzen saßen auf den harten hölzernen Bänken nicht besser und nicht schlechter, wie alle die Schweizer Bürger und Bauern und Hirten um sie her. Und mit welchen Gefühlen? „Ach,“ sagte sie unter Thränen, „die Schweizer wissen nicht, wie glücklich sie sind!“

Auch die Fürsten – Doch sie ist eine unglückliche Frau, kein Wort weiter.

Eine andere Episode dafür. Ein schönes Gedicht von Georg Herwegh, gedichtet für das Fest, mit Enthusiasmus verbreitet in Tausenden von Exemplaren, von Hand zu Hand, von Mund zu Mund wandernd:

Wetterumzogen brausen die Wogen;
Aber die Sterne, sie sind Dir gewogen!
Steure, Du Schweizer, im Völkerorkan
Ruhig, wie Tell ihn gesteuert, den Kahn.
 
Tapfere Schützen werden sie schützen;
Kräftige Stutzen werden sie stützen,
Sichere Hand und sicherer Blick
Werden behüten die Republik.

Einstens vor Schergen tief in den Bergen
Kam sie die heilige Quelle zu bergen,
Trüben sie draußen die Rhone, den Rhein –
Quelle, bleib’ helle! der Strom wird rein,

Quelle, bleib’ helle! schneeschimmernde Wälle,
Sendet herunter die läuternde Welle!
Sendet, an ewigem Glanz so reich,
Klarheit hinaus ins verworrene Reich!

Fort mit den kranken, den Todesgedanken!
Heiter den Himmlischen wollen wir danken:
Säulen der Freiheit, ihr steht noch fest!
Sonne der Freiheit, verkläre dies Fest!

Liebend umschlossen alle die Sprossen
Halte am Stamme der Eidesgenossen!
Segne sie alle, die Männer in Wehr,
Die von den Alpen und die vom Meer!

[477]

Segne, die ringen und muthig sich schwingen!
Ringende Geister und Herzen mit Schwingen!
Segne das Spiel und den friedlichen Schuß,
Blitzende Sonne des Julius!

Doch wenn die alten, die finstern Gewalten
Kommen, hier oben im Lichte zu walten –
Treffer im Himmel, zu unserm Heil
Lenke die Kugel, wie einst den Pfeil!

Am Dienstag den 12. Abends mit dem Glockenschlag acht fiel der letzte Schuß des diesjährigen eidgenössischen Schützenfestes.

Am folgenden Tage wurden die Preise vertheilt. Die Feierlichkeit fand am Gabentempel statt, Der Präsident Dubs eröffnete sie: „Wir sind zum Schlußacte gelangt, und schreiten zur Vertheilung der Ehrengaben an die besten Schützen, die sowohl ihre Kunst wie das Glück begünstigt hat. Wir haben eine Menge liebe Erinnerungen an dieser Stätte, wir befinden uns jetzt gleichsam wie im Kreis der Familie; aber der Act, der noch folgt, soll doch hoffentlich einem jeden Schützen zum Sporn dienen, die Waffe zu pflegen und zu üben. Ich bin überzeugt, daß alle die Schützen, die die Mitte der Scheibe getroffen, auch die Brust des Feindes treffen werden, wenn Tage der Noth und Gefahr kommen sollten.“ Den ersten Preis, die silberne Schale von Paris mit 2500 Franken, hat ein Fabrikant, Durrer aus Unterwalden, gewonnen; das prachtvolle Trinkhorn von Leipzig ein Landwirth Glogg von Obermeilen am Zürichersee; die zwölf herrlichen Römer von Bremen gemeinschaftlich der Privatdocent Dr. Hug (Mathematiker) an der Universität Zürich und der berühmteste Schweizer Schütze Bär von Männedorf, gleichfalls am Zürichersee. Derselbe Bär hatte auch die meisten Nummern geschossen, 487; nach ihm hatte die meisten Jacob Sturzenocker aus Trogen (in Appenzell-Außerrhoden), nämlich 388. –

Das Fest schloß spät am gestrigen Abend mit einem Ständchen, das Schützen dem Präsidenten des Festes, dem Regierungspräsidenten Dubs, vor seiner einfachen stillen Wohnung brachten. Es war ein herzlicher Dank dem braven Manne. Die Harmonie hatte das Fest eingeleitet, sie hatte es begleitet, sie schloß es. Wie keine Wolke am Himmel das Fest trübte, so trübte es auch kein Exceß, keine Rohheit; man sah aber auch keinen Gensd’armen und keinen Polizeidiener.

Das Fest war vorbei. In der Straße war es still. An dem klaren Nachthimmel glänzten seine Millionen Sterne.

„Es ist Friede!“

Da brüllte – wir standen an einer jener Buden mit den wilden Thieren – da brüllte plötzlich neben uns wild und rauh ein afrikanischer Löwe; ein Tiger antwortete ihm rauher; ein Schakal bellte heiser dazwischen. Sie brüllten und heulten und bellten in die dunkle Nacht und in den neuen Frieden hinein, Alle die wilden, fremden Bestien!

Oben aber funkelten und glänzten alle die Millionen Sterne am Himmel, und über den Sternen thront der Gott der Völker.