Ein englischer Künstler

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Autor: Karl Wartenburg
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Titel: Ein englischer Künstler
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23–24, S. 306–308;319–320
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Der englische Schauspieler Edmund Kean (1787–1833
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[306]
Ein englischer Künstler.
Skizze von Karl Wartenburg.

Die Winterabende in den Straßen Londons haben etwas Trübes, Düsteres und einen ganz anderen Charakter als die auf den lustigen, hellen Boulevards der Seinestadt. Die dicken, kalten Nebel, welche von dem dunklen Themsewasser emporsteigen, und der dichte Steinkohlendampf, der sich wie ein grauer Wolkenschleier über den flimmernden Nachthimmel mit seinem klaren, glänzenden Sternengefunkel breitet, beklemmen die Brust und erzeugen eine schwermüthige Stimmung, die sich selbst durch den Anblick der schimmernden Herrlichkeiten in den von Gasflammen prächtig erleuchteten Schaugewölben und Kaufhallen und das Betrachten des lebhaften, drängenden Menschengewühls nicht immer verscheuchen läßt. Ist Jemand traurig, einsam, verlassen, so fühlt er seine Traurigkeit, Einsamkeit und Verlassenheit nur noch lebhafter, wenn er sich in Mitten dieser Menschenmassen bewegt, die unbekümmert und theilnahmlos an ihm, dem Fremden, Unbekannten vorüberwogen und nur Blicke und Theilnahme für das Glänzende, das Berühmte haben.

Es war in der sechsten Abendstunde eines dieser trüben, nebeligen, naßkalten, englischen Winterabende, an denen man sich nur beim hellleuchtenden Kaminfeuer und dem summenden Theekessel auf dem runden Tisch behaglich fühlt, es war, wiederholen wir, in der sechsten Abendstunde des 10. Januars 1814, als sich durch die geräuschvolle Menge, welche in den Straßen unweit des Drury-Lanetheaters auf- und abwogte, ein junger, blasser, hagerer Mann von mittlerer Größe, ein großes Paquet unter dem Arme tragend, drängte. Seine Kleidung zeigte nicht eben von Wohlhabenheit; der lange nußbraune Gehrock war an den Aermeln ziemlich fadenscheinig, der Hut abgegriffen, und die vielleicht einst glänzend schwarze Atlascravatte schillerte bedeutend in’s Röthliche, nur die Manschetten und der Busenstreif waren von tadelloser, schneeiger Weiße. Allerdings konnte auch die Garderobe eines armen Teufels von Schauspieler aus der Provinz, der bis jetzt nur in kleinen Land- und Garnisonsstädten oder höchstens auf einigen obscuren, meistens von Kapitainen und Steuermännern der Kauffahrteifahrer besuchten Vorstadttheatern von London gespielt hatte, nicht von jener malerischen Eleganz sein, in der sich gewöhnlich die großen Gagenbezieher der Hauptstadtbühnen den Blicken des Publikums zeigen, denn mit einem Pfund Sterling wöchentlichen Gehalts konnte sich der arme Kunstjünger weder täglich frische Glacehandschuhe kaufen, noch, um mit der Mode fortzugehen, in der Saison zwei bis drei Mal den Schnitt seines Paletots wechseln. Und Mr. Carey, wie sich der junge Mann bis jetzt auf den Theaterzetteln der Provinzialbühnen genannt, gehörte zu jenen armen, wandernden Komödianten, die auf dem Thespiskarren durch’s Land zogen, und heute bald in einer Scheuer, morgen wieder, im günstigen Fall, in einem Gasthof zweiten oder dritten Ranges ihre Bühne aufschlugen, um dem Publikum eines irischen Landstädtchens, eines schottischen Burgfleckens oder englischen Hafenplätzchens die dramatischen Gebilde William Shakespeare’s, Sheridan’s, Knowles oder Addison’s vorzuführen. An diesem Abend aber, an welchem er mit dem Paquet unter dem Arm nach Drury-Lane eilte, war der große Augenblick gekommen, wo er, der kleine Schauspieler aus der Provinz, der sonst an einem Theaterabend den Helden einer Tragödie und den Hanswurst einer plumpen Narrenposse in Matrosengeschmack spielen mußte – nur um das liebe Leben zu fristen und um Brot für sich und seine Frau und Kinder zu erwerben – zum ersten Mal auf einem großen Theater Londons, in einer der berühmtesten Dichtungen Meister Williams, als Shylock in dem „Kaufmann von Venedig“ auftreten sollte.

Es schlug halb sieben, als der junge Schauspieler mit seinem Paquet am Drury-Lanetheater anlangte. Er blieb einen Augenblick vor dem Schauspielhaus stehen und warf einen forschenden Blick in die Vorhalle des Theatergebäudes und in den schlecht erleuchteten Corridor, der zur Kasse führte. Aber weder Shakespeare’s berühmtes Schauspiel, noch der unbekannte Name des Debütanten schienen eine große Anziehungskraft auf das Publikum von Drury-Lane ausüben zu wollen, denn sowohl in der Vorhalle als im Corridor waren nur wenige Menschen zu sehen, und ein leiser Seufzer getäuschter Erwartung rang sich bei dieser Wahrnehmung aus der Brust des jungen Schauspielers los. Eine bekannte Stimme störte ihn in seiner trüben Betrachtung.

„Schlechtes Geschäft, heute Abend, Sir,“ sprach, ihn auf die Schulter klopfend, ein aus der Thür heraustretender Mann an, der kein anderer als Mr. Smith, der Regisseur vom Drury-Lanetheater [307] war, „schlechte Auspicien für diesen Abend,“ und er deutete auf die menschenleere Theaterkasse, an welcher der Kassirer fröstelnd saß und abwechselnd mit einigen Schillingen klimperte oder die dicken blauen, rothen, gelben Billetstöße, welche vor ihm aufgethürmt lagen, durch die Finger gleiten ließ, „es sind kaum vierhundert Menschen im Parterre und den Logen. – Noch einmal Mr. Carey, sehr schlechte Auspicien das – ein Römer würde umkehren.“ Der junge Schauspieler antwortete nur durch ein Zucken mit den Schultern, welches man auf sehr verschiedene Weise deuten konnte und stieg dann mit dem Regisseur die enge, steile Treppe hinauf, die zu den Ankleidezimmern der Schauspieler und Schauspielerinnen führte. Hier begegnete ihm der Director.

Senatus non frequens, Mr. Carey,“ sagte er übellaunig zu dem Debütanten, „oder auf gut englisch ausgedrückt: es ist verdammt wenig Publikum da und wird heute bei dem Nebel und Schneeregen, der draußen niederrieselt, auch wohl nicht zahlreicher werden, als bis nach acht Uhr, wenn die ehrenwerthen Gentlemans auf Halbsold die Gallerien einnehmen.“ Und er lachte über diesen seinen Witz, wobei man, um ihn zu verstehen, wissen muß, daß es bei den londoner Theatern Sitte, nach den ersten Acten, also vielleicht gegen halb neun Uhr, das unbemitteltere Publikum um den halben Eintrittspreis auf die Gallerien zu lassen, und dieses Publikum, meinte der Director, als er von den „Gentlemans auf Halbsold“ sprach.

Mr. Carey gab ihm dieselbe Antwort, die er dem Regisseur gegeben, das heißt, er zuckte stumm mit den Schultern, und nur erst als der Director noch einmal die Besorgniß aussprach, daß heute ein sehr schlechter Abend für die Kasse werden würde, antwortete der junge Schauspieler aus der Provinz mit einem gewissen unmuthigen Stolz und blitzendem Auge: „Seien Sie unbesorgt, Sir, wenn sie heute nicht kommen, so werden sie morgen oder übermorgen kommen, um mich den Shylock oder Othello, den Hamlet oder Macbeth spielen zu sehen,“ und mit diesen Worten trat er in sein enges Ankleidezimmer, um das in dem Paquet befindliche Kostüm anzulegen; der Director aber, der sich durch die stolze, zuversichtliche Antwort etwas frappirt fühlte, murmelte zwischen den Zähnen und zu dem Regisseur gewendet: „Mr. Carey wird heute Abend um zehn Uhr sehr kleinlaut sein, wenn er statt mit Kränzen und Blumen mit faulen Eiern und Aepfeln von den Gallerien bombardirt wird, aber es ist ein altes Sprüchwort: Hochmuth kommt vor dem Fall, und dieser junge Mann scheint mir außerordentlich hochmüthig zu sein. Beliebt’s, Mr. Smith?“ Und er reichte dem Regisseur seine Schnupftabaksdose von Schildkrot.

Es klingelte – das Zeichen des Beginns der Vorstellung – und die Gardine rollte empor. Wer, der sich irgend mit der dramatischen Literatur beschäftigt, kennt nicht Shakespeare’s Kaufmann von Venedig mit der Gestalt jenes Shylock, in welchem der Dichter den ganzen wilden, fanatischen Haß der verfolgten und unterdrückten jüdischen Nation gegen ihre Unterdrücker, die Christen, zu personificiren suchte? Shylock ist ein reicher, jüdischer Geldmäkler, dem durch einen von Antonio, dem Kaufmann von Venedig, ausgestellten und am bestimmten Verfalltag nicht eingelösten Schein – Antonio hatte sich nämlich selbstschuldnerisch für ein von Shylock an einen Dritten, Bassanio, gegebenes Darlehn verbürgt – das Recht wird: aus dem Leibe des Antonio ein Pfund Fleisch zu schneiden, und der so lange auf diesem, seinem Recht besteht, bis er durch die kluge Interpretation der reizenden Porzia, welche die Maske eines gelahrten Doctor der Rechte aus Padua annimmt, dahin gebracht wird, freiwillig auf sein ihm durch den Schein gegebenes Recht zu verzichten. Dies ist, in möglichster Kürze ausgedrückt, der wesentlichste Inhalt der Fabel. Die Darstellung dieses Charakters, dieses fanatischen, rachedürstenden Juden Shylock, der zwar sein Gold und seine Edelsteine liebt, aber noch mehr die Christen haßt, war von jeher immer ein Prüfstein für die englischen Schauspieler, und in der Auffassung der Rolle wichen sie eben so von einander ab, wie die deutschen Darsteller z. B. in der Auffassung des goethe’schen Mephistopheles, den Seydelmann, Döring oder Hoppé von sehr verschiedenem Standpunkt aus auffaßten und darstellten. – Seit John Philipp Kemble jedoch, diesen großen Schauspieler Englands, war es Regel geworden, den Juden Shylock als einen alten, hageren, durch die Last der Jahre gebeugten, grauköpfigen Wucherer darzustellen, dessen Seele vor Allem nach dem gelben Metall dürstet. In dieser Maske hatte ihn der große Kemble dargestellt, und Publikum wie Acteurs beugten sich vor dieser Autorität. – Es ist in der Schauspielkunst, wie in jeder anderen; sie hat gewisse ehrwürdige Traditionen, die Niemand ungestraft verletzen darf – außer dem schöpferischen Genius, der Kraft eigener, souverainer Machtvollkommenheit, Autorität und Traditionen über den Haufen wirft und seine eigene Schöpfung dafür an ihre Stelle setzt.

An eine Coulisse gelehnt, wartete Mr. Carey indessen ruhig auf sein Stichwort. In dem Augenblicke, wo er vor die Lampen treten sollte, kam der Director, der ihn im Ankleidezimmer gesucht, um ihm noch einige gute Rathschläge für das erste Auftreten vor dem Publikum von Drury-Lane zu geben. Aber tief erschrocken, schlug er die Hände zusammen, als er das Kostüm des Debütanten erblickte. „Gerechter Himmel! Sind Sie denn des Teufels, Mr. Carey?“ rief er endlich, „eine schwarze Lockenperrücke, wie ein Doctor promotus der Universität Oxford oder Cambridge und einen Bart wie ein Moskowiter! Wissen Sie denn nicht, Mr. Carey, daß nach des großen John Philipp Kemble Schule der Shylock als alter, weißbärtiger, silberhaariger, vertrockneter Wucherer in abgeschabtem Talar erscheinen muß, während Sie –“

Aber Mr. Carey hörte schon lange nicht mehr auf den predigenden Director. Sein Stichwort war gefallen, und er stand vor den Lampen, auf den weltbedeutenden Bretern. Aber welche Verwandlung war mit Shylock vor sich gegangen? Das war nicht der alte, traditionelle, durch die Last der Jahre gekrümmte Shylock, der silberhaarige Wucherer des John Kemble, in abgeschabtem Talar und mit wildfunkelndem Auge, wenn von Gold und Zinsen gesprochen wurde sondern ein Mann in, gereiftem Mannesalter, dem das schwarze Lockenhaar noch dicht um die Stirn fiel, ein Mann in staatlichem, jüdischen Rockelor, mit glühendem, flammendem Auge, wenn er vom Erbfeind seines Stammes, von seinen und seines Volkes Bedrückern, den Christen, sprach. – Erstaunt, frappirt blickte das Publikum auf diesen Shylock, dessen äußere Erscheinung schon so ganz im Widerspruch mit der Tradition des Theaters stand, und ein leises Zischeln durchläuft das Parterre und die Logen. Doch bald verstummt es, und fast bestürzt und verblüfft saßen die Zuschauer da, als der Darsteller allmälig die wilde Energie seiner leidenschaftlichen Natur entwickelt und aus dem alten jüdischen Wucherer, der sich um Zins und Zinseszinsen müht, den unterdrückten Juden schuf, in dessen Brust glühender Haß gegen die Christen kocht, die seinen Stamm verfolgt und zertreten. Ein Schauer flog durch die Versammlung, als sie ihn mit dem Ausdruck des tiefsten, grimmigsten Hasses die Worte sprechen hörten:

„Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich!
Ich haß’ ihn, weil er von den Christen ist;
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wenn ich ihm ’mal die Hüfte rühren kann
So thu’ ich meinem alten Grolle gütlich.
Er haßt mein heilig Volk, und schilt selbst da,
Wo alle Kaufmannschaft zusammenkommt,
Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn,
Den er nur Wucher nennt. – Verflucht mein Stamm,
Wenn ich ihm je vergebe!
Wenn ich ihm je vergebe!(I. Akt. 3. Scene.)

Das Publikum schwieg. Keine Hand regte sich, still war es, wie in der Kirche, und die Zuschauer so hingerissen von der Originalität und Neuheit dieser Auffassung, daß sie Beifall zu klatschen oder zu zischen und zu pfeifen vergaßen. Am Mächtigsten aber wirkte dieses Spiel auf die Massen der untern Volksklassen, die man nach acht Uhr um den halben Preis eingelassen und die in dichter Menge auf den Gallerien standen. Mit einer gewissen, sympathetischen Bewunderung betrachteten sie diesen wilden leidenschaftlichen Schauspieler, der so ganz aus der Sphäre des herkömmlichen Conventionellen heraustrat und mit so gewaltigen Mitteln und tiefem, mächtigen Erfolg an das Gefühl, an die Leidenschaft appellirte.

Plötzlich aber löste sich der Zauber; ein donnernder Beifall brach aus allen Seiten des Hauses los, von den Gallerien, wo die Arbeiter, die einfachen, schlichten Männer des Volks standen, wie aus den Logen, wo die fashionablen Dandy’s und eleganten, vornehmen Lady’s saßen und statt der verfaulten Eier und Aepfel, von denen der Director gesprochen, fiel ein wahrer Regen von Blumen, Kränzen und Sträußern auf die Bühne und an den [308] Coulissen nieder, wo der Director, Regisseur und die übrigen Schauspieler lehnten, ganz betäubt von diesem vulkanischen Beifallsausbruch, der dem jungen Debütanten wurde. – Und als nach dem vierten Aufzug, in welchem Shylock zum letzten Male auftritt, der Vorhang fiel, brauste nur ein Ruf durch das Haus, der Ruf:

„Mr. Carey! Mr. Carey!“

Dieser aber saß ruhig in seinem Ankleidezimmer, eine schlechte Cigarre für drei Pence rauchend und ruhig das Ende der Vorstellung erwartend. Und als der Director und der Regisseur eilig die Thür des Kabinets aufrissen und ihn unter unzähligen Beglückwünschungen und Komplimenten baten, sogleich mit ihnen auf der Bühne zu erscheinen, da das Publikum stürmisch nach Mr. Carey rufe, antwortete er, sich mit einem gewissen Selbstgefühl emporrichtend: „Es giebt von heute Abend an keinen Mr. Carey mehr – Mr. Carey, der auf den Provinzialbühnen den Hanswurst und den Hamlet spielte, Mr. Carey, der zu dem londoner Bartholomäusmarkte in den Strandtavernen als Jocko im „Brasilianischen Affen“ Burzelbäume schlug und auf dem Seil seine Kunststücke produzirte, ist heute Abend gestorben, aber sagen Sie dem Publikum, daß Edmund Kean, der Darsteller des Shylock im Drury-Lanetheater sogleich erscheinen wird.“ Und Kean erschien vor dem Publikum, dessen Liebling er von diesem Abend an wurde, um sich für die ihm geschenkte Nachsicht und den gespendeten Beifall zu bedanken.

[319] Dies war das erste Debüt Edmund Kean’s im Drury-Lanetheater, der sich als der Dritte neben die beiden ihm vorausgegangenen großen Mimen Englands, neben den unvergleichlichen David Garrik (geb. 1716 gest. 1779) und den berühmten John Philipp Kemble (geb. 1757 gest. 1823) stellen sollte.

Wenige Tage nach jenem oben geschilderten Debüt trat er als Richard III., Othello, Macbeth auf, und errang sich durch die Darstellung dieser shakespeare’schen Charaktere einen solchen Ruhm, daß trotz aller Intriguen und Ränke, der Glanz aller übrigen nebenbuhlerischen Sterne am Theaterhimmel vor dieser neuaufgehenden Sonne erbleichte. Und kurze Zeit darauf erhielt er, der sich ein paar Monate früher glücklich pries, wenn bei der wöchentlichen Theilung der Einnahme ein bis zwei Pfund auf seinen Antheil kamen, ein Spielhonorar von 50 Pfd. Sterling für jedes Auftreten, und ein Jahr später ein Engagement mit jährlich 10,000 Pfd. oder 70,000 Thlr.! Es ist dies, beiläufig bemerkt, fast dieselbe Summe, welche Herr von Cotta für das Verlagsrecht an den sämmtlichen goethe’schen Werken zahlte. Indessen ist England nun einmal trotz aller Corruption, von der man in den londoner Correspondenzen der Zeitungen liest, und die auch zum großen Theil vorhanden sein mag, das Land, in welchem man das Talent, das Genie für seine Leistungen mit einer Großartigkeit honorirt, die alle festländischen Begriffe übersteigt. Doch wir wollen nicht blos von den enormen Einkünften Kean’s sprechen, so wunderbar fabelhaft diese Summen auch einem deutschen Ohr klingen mögen, sondern zur weiteren Charakterschilderung dieses originellen Künstlers zurückkehren. Schon eine kurze Aufzählung der rein äußeren Lebensmomente zeigt, welche seltsame Laufbahn dieser Künstler durchschritten, bevor er zu jener glänzenden Höhe gelangte.

Im fünften Jahre – er war geboren 1790 – Figurant auf demselben Theater Londons, auf welchem er neunzehn Jahre später unter einem so enthusiastischen Beifall des Publikums seine Laufbahn als größter mimischer Künstler Englands begann; im elften Jahre Kajütenjunge auf einer Handelsbrigg, mit welcher er bis nach Madeira segelte, wo er entfloh, um nach London zurückzukehren, und nun hier, als Affe verkleidet, durch Kunststücke und Burzelbäume auf dem Seil die Besucher des Bartholomäusjahrmarkts zu ergötzen; im dreizehnten Jahre Zögling der Gelehrtenschule zu Eton in Buckinghamshire und den „bellum gallicum“ und „bellum civile“ Cäsar’s und die „Ὀδύσσια“ Homer’s studirend; hierauf, entflohen aus den Hörsälen der Gelehrtenschule, wo ihm die strenge Disciplin ein Gräuel war, wandernder Komödiant, und heute bald im grünen Irland, in einigen Wochen in Schottland oder lustigen Alt-England – und endlich der erste Schauspieler dieses Englands, mit welchem die vornehme und fashionable Welt Londons, vom bürgerlichen Dandy bis zum Pair und Herzog, und von der reichen Banquiersfrau der City bis zur hocharistokratischen Lady und Vicomtesse der Regent-Street und des Square-Hannover, eine wahre Abgötterei treibt! – Aber trotz dieser Vergötterung gab es wohl niemals einen Menschen, der diese vornehme, aristokratische, elegante Welt so energisch und grimmig haßte, wie Kean, gab es wohl niemals einen mit Huldigungen aller Art gefeiertern Künstler, der die Huldigungen dieser vornehmen Gesellschaft so sehr floh und mied, wie Kean, welcher seine Erholung und Amüsements in den tollen Abendgesellschaften suchte, die er, einige Zeit lang in Gemeinschaft mit Lord Byron, dem berühmten Dichter des „Childe-Harold,“ einer Anzahl gleichgesinnter Freunde und Freundinnen gab. Dieser Abneigung oder vielmehr diesem Haß Kean’s gegen die sogenannte vornehme, feine Welt lag indessen ein Motiv zu Grunde, das zu erfahren nicht ohne Interesse sein wird.

„Ihr wollt wissen,“ antwortete Kean einst einigen seiner Freunde, die ihn über den Grund dieser Abneigung befragten, „warum ich diese vornehme, hocharistokratische Gesellschaft, diese Pairs und Herzöge und edlen Lords hasse? Warum ich die Einladungen zu ihren Fêten, Gastmählern und Gesellschaften ausschlage? Ich will es Euch sagen. Weshalb laden diese vornehmen Herren unseres Gleichen ein? Um mit uns an ihrer Tafel zu paradiren, um uns ihren Gästen zu zeigen, wie man in den Menagerien ein wildes Thier, vielleicht einen Löwen oder Tiger zeigt und dabei sagen zu können: Seht, das ist der berühmte Kean, den ich Euch vorführe; gerade so, wie sie den Leuten ihre Vollblutrosse zeigen, die bei dem Wettrennen in Ascott den Preis gewannen. Und dann soll ich mich noch für diese Ehre bedanken, soll mich Seiner Lordschaft mit devoter Miene zu gütigem Wohlwollen empfehlen? Goddam! Denken diese Schwachköpfe, daß ein Mann von Talent und Genie ihnen schmeicheln soll, weil ihnen der Zufall bei der Geburt eine Baronetschaft, einen Lordstitel oder eine Pairie in die Wiege geworfen hat? – Und dann noch Eins! Ich würde in diesen feinen, fashionablen Gesellschaften, wo der sogenannte feine Ton, die Etiquette oder wie sie nun dieses Gemisch von Unsinn, Vorurtheilen, Steifheit und Albernheit nennen, herrscht, ich würde, wiederhole ich, in diesen feinen Cirkeln zu Grunde gehen. Ich bin Plebejer, aus dem Volk entsprossen, und meine Kunst und mein Talent sind plebejischer Natur. Oder glaubt Ihr, daß ich, wenn ich aus einer dieser vornehmen Coterien stammte oder mich in ihren Kreisen naturalisirt hätte, den Macbeth, den Richard, den Othello, den Shylock so darstellen könnte, wie ich diese Charaktere Euch jetzt vorführe? Dann irrt Ihr gewaltig! Diese wilde Energie, diese Leidenschaftlichkeit, die mich bei der Darstellung jener dichterischen Gestalten erfaßt und die Ihr so oft bewundert habt, beruht auf meiner plebejischen Natur, auf meiner plebejischen Kraft, die ich meiner Abstammung aus dem Volke verdanke. Meine Kunst ist demokratischen Ursprungs.“

Aus dieser Ansicht, die, so viel Wahres ihr auch zu Grunde liegen mag, doch an’s Extreme streift, entsprangen die späteren Verirrungen des berühmten Künstlers, die, wenn sie auch nicht den inneren Kern seines Charakters, der bei alledem ein edler blieb, befleckten, doch sein eminentes Talent frühzeitig zu Grunde richteten und ihm ein baldiges Ende bereiteten. Um den Gesellschaften und Soireen in den parfümirten Salons der aristokratischen Damen von Regent-Street zu entfliehen, stieg Kean in die schlechtesten Kneipen und Bierkeller Londons, in welchen er, unter einer sehr gemischten Gesellschaft von ruinirten Spielern, ausgedienten Boxern, deren Beschäftigung er leidenschaftlich liebte, sogenannten zu Grunde gegangenen und verkannten „Genies“ aus allen Zweigen der Kunst, entlassenen Offizieren und eingefleischten Zechbrüdern, seine Nächte verbrachte. Die Mitglieder einer dieser ehrenwerthen Gesellschaften, welche sich in dem „Kohlenloch“ – der Name ist schon bezeichnend – einer der obscursten und schmutzigsten Kneipen Londons ihre Stelldicheins gaben, nannten sich unter einander die „Wölfe,“ und Edmund Kean, der gefeierte Heros der englischen Schauspielkunst, in dessen Vorzimmer, als er sich einst bei einer tollen Wettfahrt den Arm ausgefallen, Pairs, Herzöge, Lords und Baronets drängten, um ihm ihr Beileid zu bezeugen, Edmund Kean, der erste Schauspieler Englands, war das Oberhaupt der Wölfe, der Stuhlmeister dieser Nachtgesellen, welche bei ihren Bacchanalien den Porter, Ale, Grog und stärksten Franzbranntwein aus ungeheueren hohen, steinernen Krügen tranken. Zuweilen hatte er bei diesen nächtlichen Gelagen einen Gefährten, es war Lord Byron, der sich unter diesen Wölfen gleichfalls behaglicher fühlte als unter den Kreisen der „respectablen Welt,“ die, um sich deshalb dafür zu rächen, den großen Dichter mit dem socialen Bann belegte und ihn gleichsam ächtete. Auch Lord Byron haßte diese ehrbare Welt Londons, wenn auch die Motive, die dem Haß des Dichters zu Grunde lagen, anderer Natur waren als die Kean’s.

Wenn man übrigens der Tradition trauen darf, so war es im „Kohlenloch“, wo jener seltsame Trink-Wettkampf zwischen Kean’s Bären und Byron’s Löwen stattfand. Dieser denkwürdige Zweikampf endete, wenn wir nicht ganz irren, mit dem Tode des Bären, nachdem dieser zwei Kannen des stärksten Franzbranntweins in einem Zug geleert, und Byrons Löwe ging aus dem Wettstreit als Sieger hervor.

Daß solche Orgien die Gesundheit Kean’s schwächten und seinen Geist zerrütteten, ist natürlich, und eine Menge barocker Einfälle, die er zum Besten gab, sind lediglich dem schädlichen [320] Einfluß dieser nächtlichen Gelage mit ihrem wilden Lärm, ihrem wüsten Treiben und ihrer Trunkenheit zuzuschreiben. So spielte er eines Abends im Drury -Lanetheater – also dem Schauplatz seines ersten großen Triumphes – die Rolle des Macbeth und das Publikum, begeistert durch sein meisterhaftes Spiel, brach in einen donnernden Beifall aus, als er in der Schlußscene des fünften Akts zu Macduff sprach:

„Ich geb’ mich nicht,
Den Staub zu küssen von dem Knaben Malcolm,
Gehetzt zu werden von des Pöbels Fluch.
Käm’ auch nach Dunsinan der Birnamwald,
Dräust Du mir auch, ein nicht vom Weib Geborner,
Doch wag’ ich noch das Letzte. Vor die Brust
Werf ich den Hünenschild. Triff, daß es schallt!
Und fahr’ zur Hölle, wer zuerst ruft: Halt!“

Aber kaum hatte er geendet, so warf er, übermannt von einem jener wunderlichen, barocken Einfälle, Schwert und Schild weg und schlug zum Erstaunen und Entsetzen des sämmtlichen vornehmen Publikums drei wilde Purzelbäume, die ihn in einem Nu bis dicht vor den Souffleurkasten brachten. Hier sprang er auf und sprach, sich mit einer merkwürdigen Geberde gegen das Parterre wendend: „Das war mein erstes Handwerk, Gentlemens, und ich glaube, wenn es so fort geht, muß ich wohl wieder zu ihm meine Zuflucht nehmen.“

Die Verblüfftheit des Publikums über diese Excentricität des berühmten Schauspielers, die selbst über alle englischen Begriffe hinausging, wird man sich leicht vorstellen können.

Ein anderes Mal spielte er die Rolle eines Husarenoffiziers und hatte als solcher eine Reitpeitsche in der Hand, mit welcher er allerlei Evolutionen ausführte. Nun kam aber eine tragische Rührscene, wo er seine Geliebte umarmen und die Reitpeitsche wegwerfen sollte. Kean aber erblickte in dem Augenblicke in einer Prosceniumsloge einen Journalisten, der, wie bekannt, Mitredakteur des ministeriellen „Couriers“, eines Organs des Lords Castlereagh, dieses unpopulärsten aller englischen Minister, war. Plötzlich geht Kean auf die Prosceniumsloge zu und spricht, mit der Reitgerte auf den Journalisten zeigend: „Dieses kleine Ruthchen hier sollte ich eigentlich wegwerfen, aber ich behalte es, um damit gelegentlich den Herrn Redakteur da zu züchtigen.“

Das Publikum war über dieses unverschämte Impromptu so erstaunt, daß Niemand sich regte und Kean ruhig abtreten konnte.

Indessen würde es den in diesen Blättern uns gestatteten Raum übersteigen, wenn wir alle die barocken Einfälle dieses excentrischen Kopfes erzählen wollten, von seinen seltsamen Liebhabereien und Vergnügungen, von den Hahnenkämpfen, Wettrennen, Boxereien und ähnlichen Dingen, die er alle leidenschaftlich liebte, von seiner Reise nach Amerika, welches ihn, wie ungefähr fünfundzwanzig Jahre später die Jenny Lind, mit ungeheurem Jubel empfing, und von seinem romantischen Zug in die kanadischen Wälder, wo er sich einem Haufen Indianer anschloß, zu deren Anführer er sich später aufwarf. – Durch eine Art Dämon zu immer neuen Excentricitäten getrieben, stürzte er sich immer tiefer in den Strudel der wildesten Vergnügungen, und er, dessen robuster Körper und eiserne Gesundheit ihm, bei sonstiger normaler Lebensweise das höchste Ziel des menschlichen Lebensalters versprachen, starb auf der Höhe des Mannesalters, dreiundvierzig Jahre alt, am 15. Mai 1833 zu Richmond. Er starb fast unter demselben socialen Interdikt, mit welchem man seinen berühmten Zeitgenossen und Gefährten der nächtlichen Gelage im „Kohlenloch“ belegt hatte, Lord Byron, der neun Jahre früher, fern von britischer Erde, zu Missolunghi, seinen Geist ausgehaucht hatte. –