Ein finsterer Winkel im deutschen Reiche

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Titel: Ein finsterer Winkel im deutschen Reiche
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 192–195
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[192]
Ein finsterer Winkel im deutschen Reiche.


Im Jahre 1836 war in Eisleben und Umgegend der „Hallische Courier“ von Schwetschke fast die einzige politische Zeitung, und die Schöngeister der Luther-Stadt nährten sich damals nur von den belletristischen Journalen „Karlsruher Unterhaltungsblatt“, „Abendzeitung“, „Planeten“, „Der Freimüthige“, „Weißenseer Unterhaltungsblatt“ u. a. m. Als nun der „Hallische Courier“ in jenem Jahre die Erzählung von der Hexenprobe zu Ceynowa brachte, waren wir Eisleber in unserem friedlich stillen Thale erstarrt ob solchen Mittelalters; am meisten aber erstarrte ich, als am andern Morgen der Professor R. die Zeitungsnummer mit in die Secunda brachte, den betreffenden Artikel vorlas und dann mich, einen notorisch schlechten Lateiner, aufforderte, diese Geschichte lateinisch wiederzugeben. Der Schmerz ist zwar längst verwunden; aber als ich 1867 in amtlicher Stellung in die Nähe des Ortes kam, wo die Tragödie gespielt hatte, da lebte jene Stunde wieder in mir auf, wo ich auf der Schulbank ähnliche Angst ausgestanden hatte, wie die Frau in den Fluthen des baltischen Meeres.

Doch bevor ich den Hergang jener Hexenprobe erzähle, erlaube mir der geneigte Leser, ihm die Oertlichkeit zu beschreiben; denn es möchte bei dem Namen „Ceynowa“ Manchem so gehen wie mir, der ich mich damals auf den Landkarten halb todt nach ihm gesucht habe.

An der Grenzscheide zwischen Pommern und Westpreußen läuft von Norden nach Süden eine zwölf Stunden lange und fünf Fuß über dem Meeresspiegel erhabene Landzunge, Hela genannt, in die Ostsee. Man hat sie als Halbinsel bezeichnet, obschon sie stellenweise kaum tausend Schritte breit ist, so daß bei großen Stürmen die Wasser der Ostsee über das Land wandern, um auf der andern Seite den Schwestern im Putziger Wieck einen nachbarlichen Besuch abzustatten; die größte Breite hat die keulenförmige Halbinsel an ihrem Ende bei dem Dorfe, von dem sie den Namen empfangen hat; hier ist sie nämlich dreitausend Schritte breit. Ob, wie die Gelehrten sich streiten, die Landzunge gleich mit der Erde erschaffen ist, oder ob Hela anfangs eine Insel war und sich nur im Laufe der Zeit durch Anspülung zu einer Halbinsel verschlechtert hat, das kümmert uns hier nicht; die Halbinsel Hela ist im Selten, Cannabich und Roon angeführt, also ist sie für uns und unser Thema da.

Man kann allerdings die Landzunge zu Wagen bereisen, aber zum Vergnügen hat es noch kein Sterblicher gethan; denn es ist eine Reise mit vielen Hindernissen, und man könnte an den Anfang der Halbinsel Hela (welches Wort von Hel, Hölle, herkommt) ebenso gut eine Warnungstafel hinstellen, wie Dante sie über seine „Hölle“ gestellt hat: „Wer hier eintritt, lasse die Hoffnung zurück!“ Ja, ich möchte noch hinzufügen: und nehme sich Essen und Trinken mit! denn die Reise geht nur durch arme Fischerdörfer, als Großendorf, Ceynowa, Kußfeldt, Heisternest und Hela. Hier aber hört das Weiterreisen auf und das Meer ruft uns zu:

„Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo,
Rückwärts, rückwärts, edler Cid!“

Die Einwohner der genannten Dörfer sind alle kassubisch-slavischen Stammes, das heißt polnisch und katholisch, mit Ausnahme des Fischerstädtchens Hela mit seinen vierhundert Einwohnern, die alle deutschen Geblütes und evangelischer Confession sind und sich in Bezug auf Aufklärung, Frömmigkeit und Reinlichkeit vortheilhaft von den katholischen Collegen unterscheiden.

Sonst muß man der Halbinsel eine gesunde Luft nachrühmen, und Meer und Wald, Wind und Sand, Abgeschlossenheit von den Genüssen der Welt und Hunger, das mögen wohl die Factoren sein, welche die Halbinsel zu einem klimatischen Curorte machen könnten; denn man bleibt hier gesund ohne Arzt, wird krank ohne Arzt und stirbt auch endlich ohne Hülfe des Arztes.

So viel zur Orientirung.

Am 7. Juli 1836 war in Ceynowa der Bock herumgegangen, d. h. der Schulze hatte ein fetischartiges Stückchen Holz zu seinem Nachbar geschickt; der gab es wieder dem Nachbar, und so ging es durch’s ganze Dorf, bis es der Letzte an den Schulze zurückgab; dadurch waren die Ceynowaer Hausväter für den Nachmittag zu einer Versammlung im Schulzenhause geladen; dorthin zogen sie denn durch den tiefen, mahlenden Sand der Dorfstraße, die sich an die Dünen des sogenannten großen Strandes lehnte, wo auf einer mit Strandhafer, Salzkraut und [193] Meerastern bewachsenen Anhöhe der preußische Adler an einer halb zerfallenen Hütte prangte, die sich nur durch dieses preußische Wappen von den übrigen Wohnungen des Dorfes unterschied. Hinter dem Hause, fünfzig Schritte vom Meere, standen die einzigen Bäume des Ortes, zwölf Föhrenbäume, die wahrscheinlich noch aus der Zeit stammten, wo die ganze Landzunge mit Wald bewachsen war, während jetzt nur noch die Strecke von Hela bis Heisternest mit Wald bestanden ist. Diese letzten Zwölf von dem Regimente, das früher die Halbinsel vor dem Versanden geschützt hatte, neigten sich alle gegen Sonnenaufgang, denn die gewaltigen, oft wehenden Westwinde lassen keinen ungeschützt dastehenden Baum gerade aufwachsen. Ja, die fast immer wehenden Winde, die sich oft zum Sturme, mehrmals im Jahre auch zum Orcane steigern, sind eine Eigenthümlichkeit der Halbinsel. Ich getraue mir zu behaupten, daß alle Windmüller des deutschen Reiches auf mehrere Jahre versorgt wären, wenn unter sie der Helaer Wind Eines Jahres vertheilt würde; ja, ich spreche aus Erfahrung, man weiß wirklich nicht, wie man sich benehmen soll, wenn einmal ein windstiller Tag über Hela angebrochen ist, und wie Ossian von einem Tura der Winde spricht, so könnte ein späterer Ossianide mit vollem Rechte von einem Hela der Winde sprechen.

Unter diesen Bäumen hingen die Fischernetze, standen die Wiemen (Gerüste zum Trocknen der Fische), und hier versammelten sich auch die Väter von Hela, um ihr Thing zu halten, weil da mehr Raum und Kühle war, als in dem Wohn-, Schlaf-, Handwerks- und Viehzimmer des Schulzen. Auch die Weiber waren mitgekommen, denn es ist eine weitere Eigenthümlichkeit der Stranddörfer, daß das schwache Geschlecht (das aber trotzdem sehr oft die härteste Arbeit beim Fischfange oder bei den Meerfahrten nach Danzig auf seine Schultern nimmt) dem starken Geschlechte in solchen Versammlungen zur Seite steht.

Solche Schulzenversammlungen waren wohl schon manchmal stürmisch gewesen; manchmal schon waren die Leute (Geister kann man nicht sagen) aufeinandergeplatzt und hatten polnische Reichstage im Kleinen in Scene gesetzt; – aber heute sollte es schlimmer kommen und tragischer enden. In Ceynowa wohnte nämlich ein Quacksalber, Namens Kaminsky, der im Dorfe selbst als ein Hochgelehrter galt, weil er lesen und schreiben konnte, der aber auch für die übrigen Dörfer der Landzunge ein medicinisches Orakel war, weil er einige Schwindelcuren gethan und bei den Kranken stets mit lateinischen Brocken um sich warf, die er bei dem täglichen Besuche des katholischen Meßgottesdienstes aufgeschnappt hatte und nun in seine Reden einflocht.

Wenn auf der Halbinsel Jemand krank war, so ging man nicht zu dem ordentlichen Arzte nach Putzig, wie’s die Leute hätten thun sollen nach Sirach, Cap. 38, sondern man sagte: „Laßt uns gehen zu dem Wunderdoctor nach Ceynowa!“ gerade wie man zu Samuel’s Zeiten sprach: „Kommt, laßt uns gehen zu dem Seher gen Ramath!“

Besagter Aesculap, der Herr „Doctor“ (wie ihn seine Gläubigen nannten), hatte damals einen Kranken im Dorfe, bei dem seit langer Zeit die verordneten Arzneien und die gesprochenen lateinischen Floskeln nicht anschlagen wollten, der aber in Folge seiner kräftigen Constitution trotz der Curen und Mixturen des Katzendoctors (wie ihn die aufgeklärten Putziger nannten) ebensowenig sterben wollte. Damit nun sein Ruf als Arzt nicht leide und damit das Vertrauen in seine Geschicklichkeit nicht erschüttert werde, erklärte Kaminsky mit an die Nase emporgehobenem Rohrstocke einigen Ceynowensern, daß hier weder er, noch Hufeland oder Schönlein zu helfen vermöge, da der Kranke offenbar behext sei; ja, er vertraute ihnen auch noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, daß die Frau, welche morgen zuerst die Schulzenversammlung verlassen würde, unbestritten die Uebelthäterin sei.

Als nun eine Fischerfrau, die sonderbarer und ominöser Weise den Namen „Zeinowa“ führte, als die Erste aus der obenerwähnten Versammlung aufbrach, um ihr zu Hause gelassenes Kind zu säugen, wurde sie von den Vertrauten des Kaminsky gepackt und der ganzen Ortschaft als die Hexe vorgestellt, die seit längerer Zeit alles Unheil über Ceynowa gebracht habe. Freunde und Verwandte der Frau mochten doch wohl noch nicht ganz von deren Hexenthum überzeugt sein, und darum tödtete man sie nicht auf der Stelle; sondern beschloß sofort in der Versammlung, die Hexenprobe an ihr zu versuchen. Sank sie im Meere nicht unter, so war sie gewißlich eine Hexe, und man konnte sie also mit gutem Gewissen und mit vollem Rechte erschlagen; sank sie aber unter und ertrank, so war sie doch wahrscheinlich eine Hexe, denn die höhere Gerechtigkeit hatte sie ereilt. Das war die Logik der letzten Hexenrichter Europas, dieser stupiden, entmenschten Peninsulaner, welche, obgleich sie den von Heinrich Krämer, Jakob Sprenger und Johann Gremper 1489 verfaßten Hexenhammer nicht gelesen hatten, doch wußten, daß die Ceynowa’sche eine wirkliche Hexe sei. Man schritt also zum Gottesurtheile, bemannte ein Boot, warf die Unglückliche hinein und stürzte sie auf hoher See über Bord. Die auf der Landzunge üblichen starken, wollenen Weiberröcke erhielten das Schlachtopfer einige Minuten über Wasser; diese Minuten aber genügten, um den Unholden den Beweis zu liefern, daß sie es hier in Wahrheit mit einer Hexe zu thun hätten; unbarmherzig wurde mit Rudern auf sie losgeschlagen, die ihrerseits erbärmlich um Hülfe und Gnade schrie, sich in ihrer sinnverwirrenden Todesangst für schuldig bekannte und dem Kranken bis nächsten Mittag sein Gebreste wieder abzunehmen versprach. Aber mit jedem Angstschrei der Ertrinkenden steigerte sich die Wuth ihrer Henker, verdoppelten sich die Schläge; dabei aber ließen sie mit raffinirter Grausamkeit die dem Tode Geweihete nicht untersinken – da bekanntlich eine Hexe auf dem Meere nicht sterben kann – sondern, um sicher zu sein, daß sie auch wirklich ihre schwarze Seele aushauchte, rissen sie die Frau wieder in’s Boot hinein, fuhren zu Land und schleppten die fast Leblose an den Strand, um sie da für immer unschädlich zu machen.

Die ganze christliche Gemeinde von Ceynowa sah nun zu, wie die vom Teufel Besessene mit Rudern niedergeschlagen, mit Fäusten und den Absätzen der schweren Fischerstiefeln so lange bearbeitet wurde, bis auch die letzte Spur von Leben aus der zerstampften, zuckenden Hülle gewichen war. Ob die Geistlichkeit diese Teufelsaustreibung für eine gottesgefällige That ansah und schwieg, oder diesen Beweis des Glaubens für einen zu schroffen hielt und anzeigte, das habe ich nicht erfahren können; das aber weiß ich, daß das Gericht in Putzig sich der Sache annahm, die Betheiligten verhaften ließ und dieselben je nach dem Maße ihrer Schuld und Betheiligung zu fünf bis zwanzig Jahren Zuchthaus verurtheilte. Das Kind der Zeinowa, das damals die unschuldige Ursache am Tode der Mutter war, lebt jetzt als Arbeitsmann in Putzig und heißt Bernhard Zeinowa. Der zeitige Besitzer von Ceynowa, Herr von Below auf Rutzau, hatte nach den damaligen Gesetzen, wegen Insolvenz der Ceynowaer, sämmtliche Gerichtskosten, sechshundert Thaler, zu bezahlen, und war froh, als er später sein Patronat über diesen ihm so theuer und verabscheut gewordenen Ort durch Verkauf einem Andern übergeben konnte, dem Gutsbesitzer Herrn Schönlein auf Rekau.

Ich könnte hier schließen. Aber nein, die Geschichte ist noch nicht aus. Unter den Mördern der Zeinowa hatte sich einer, Jacob Mrauczeck, durch seine Rohheit und Wildheit bei dem Lynchen besonders hervorgethan. Er war es gewesen, welcher dem armen Weibe den Brustkasten zertreten und damit ihr den Todesstoß gegeben hatte. Er hatte einen ungemessenen Ehrgeiz; wie den Themistocles der Ruhm des Miltiades nicht schlafen ließ, so trachtete er nach dem höchsten Amte in seinem Heimathsdorfe. Durch eine kühne oder außerordentliche That hoffte er eher an das Ziel zu gelangen und sich wie ein zweiter Herostratus zu verewigen, und bei der Hexenprobe bot sich ihm eine günstige Gelegenheit. Aber ich meine, wenn sich Einer mit aller Gewalt verewigen will, da ist es denn doch noch besser, wenn er seinen Namen wie Kiselack an die Gletscher des Montblanc und Monte Rosa schreibt; noch besser freilich ist es, wenn Einer ein geistlich Lied dichtet und in den Anfangsbuchstaben oder -Wörtern der einzelnen Verse seinen Namen hinstellt, wie z. B. Heinrich Müller in dem Passionsliede: Hilf Gott, laß mir’s gelingen etc. oder Herberger in dem Sterbeliede: Valet will ich dir geben etc. oder endlich Casimir, Markgraf zu Brandenburg, in dem Dankliede: Capitan, Herr Gott, Vater mein etc. Die beste Art jedoch sich zu verewigen scheint mir zu sein, daß man recht und schlecht lebt wie Hiob, der Mitwelt nach Kräften nützt, seine Stelle im Leben ausfüllt, einen guten Nachruf hat, und der Nachwelt etwas hinterläßt, von dem sie noch zehren kann.

[194] Zu diesen zwei Fehlern des Jacob Mrauczeck kam noch ein dritter hinzu: er war eine jähzornige, gewaltthätige Natur, und wenn seine Zornadern an Stirn und Schläfen anschwollen, gingen ihm Alle gern aus dem Wege, denn dann stürzte er sich wie ein malayischer Mockläufer auf den Ersten, Besten. Nur Ein Wesen im Dorfe hatte Gewalt über ihn bei solchen Wuthanfällen und Ausschreitungen, so daß das Thierische zurücktrat und dem Menschlichen Platz machte. Vor den Blicken verstummte der tobende Sturm in seiner Seele; vor der Stimme beugte sich sein sonst unbeugsamer Trotz, und dieses Wesen war – doch dazu müssen wir achtzehn Jahre zurückgreifen.

In einer Novembernacht des Jahres 1818 hatte ein Nordweststurm ein schwedisches Barkschiff zwischen Rixhöft und Ceynowa auf eine Sandbank geworfen und zerschellt, und als die Ceynowenser am frühen Morgen an den Strand kamen, um nach gescheiterten Schiffen zu spähen und nach deren Ladung, sahen sie unter den Planken und Fässern, die auf den Wogen trieben, einen Korb mit Betten hin- und herschaukeln, und als sie ihn mit ihren Haken an das Land gezogen hatten, fanden sie ein halberstarrtes, ungefähr anderthalbjähriges Kind darin. Der Strandinspector Husen, der kurz vorher in Putzig angestellt war und hier sich seine ersten Sporen verdiente, kam gerade herbei, wickelte das Würmchen in seinen Mantel und trug es zu einem kinderlosen Ehepaare in’s Dorf. Alle Nachforschungen in Schweden blieben fruchtlos, und das Kind ward nun von Staatswegen den Leuten in die Pflege gegeben; es erhielt den Namen seiner Pflegemutter: Esther Strzellin. Hier in der Fischerhütte wuchs das Nordlandskind auf und wurde ein stilles, blondes, blauäugiges, zartgebautes Mädchen, das unter den übrigen Kindern Ceynowa’s dasselbe Schicksal hatte, wie der junge Schwan unter den Enten in Andersen’s Märchen. Jacob Mrauczeck, ihr vier Jahre älteres Nachbarskind, wußte entweder nichts von Galanterie und Ritterlichkeit gegen das schöne Geschlecht, oder er war noch nicht bis zur vierten Bitte gekommen, in der es heißt: „Getreue Nachbarn und desgleichen“, denn er führte die jugendliche Rotte Korah fast allemal an, wenn dem fremden Mädchen ein Streich gespielt oder eine Kränkung zugefügt werden sollte.

So waren neun Jahre vergangen seit jener Novembernacht 1818, in der Esther wie Moses aus dem Wasser gezogen war, als sie wieder einmal, wie sie oft that, auf der Düne saß und ihre Blicke träumerisch auf dem Meere ruhen ließ, dem großen und tiefen Grabe ihrer Eltern. Sie hört es nicht, daß Mädchen und Knaben die Rückseite der Düne erklimmen, um mit ihren Käschern nach der See zu gehen und da am flachen Strande aus dem schwimmenden Seetange Bernstein zu fischen; erst als rohe Fäuste sie fassen, springt sie auf und flieht vor ihren Quälgeistern wie ein gescheuchtes Reh. Aber vergebens.

„Werft sie in’s Meer, wo sie hergekommen ist!“ ruft Eine, und die Kinder zerren sie an den Strand und schicken sich wirklich an, ein Vorspiel zu dem neun Jahre späteren Trauerspiel aufzuführen: da giebt die Angst und der Zorn dem zarten Schwedenmädchen wunderbare Kraft, so daß sie den einen Knaben rücklings in die See stößt und dann ein Mädchen fest umklammert. Jacob reißt sie los und schleudert sie auf den Strand, aber so unglücklich, daß sie mit der Stirn in die Spitze eines Ankers fällt und aus der klaffenden Wunde das strömende Blut den Sand färbt. Als Jacob, der in Angst vor der Anklage Esther’s und vor der Strafe seines strengen Vaters zwei schreckliche Tage verlebt hatte, nach Verlauf dieser Zeit merkte, daß Esther nicht seine Anklägerin geworden war, ging eine merkwürdige Wandlung mit ihm vor; die feurigen Kohlen brannten auf seinem Haupte lichterloh; solche Großmuth brach seinen feindlichen Sinn, und aus dem Beleidiger ward ein Vertheidiger und Beschützer.

Das Meer, die ewige Thalatta, brandete weiter an Helas Küste, wie seit Jahrtausenden; aber die Jahre verrannen und die beiden Kinder wuchsen heran und hatten einander liebgewonnen; das Zarte hatte sich geeint mit dem Strengen. Die schönsten Muscheln, welche die See auswarf; das beste Stück Bernstein, das Jacob fand; die größte Steinbutte, die er fing – das Alles trug er als Tribut seiner Liebe in Esther’s Hütte, ihr Erbe nach dem Tode der Pflegeeltern. Und als er nachher als Matrose seine Fahrten auf einem Danziger Kauffahrteischiffe der Link’schen Rhederei nach England machte, brachte er in jedem Herbste dem Häuschen und dessen Herrin einen neuen Schmuck mit in bunten englischen Töpfen, Kannen, Tassen (wie man’s häufig findet in den Hausfluren der Fischerhütten der Stranddörfer) oder seidenen Tüchern. Und als er, vierundzwanzig Jahre alt, als „befahrener Mann“ für immer nach Ceynowa zurückkehrte, wanderte Esther auch nicht mehr allein zu ihrem Meersitze und die Strahlen der untergehenden Sonne färbten nicht nur die See purpurn, sondern gossen auch ihren goldenen Schein über Esther’s feingeschnittenes, rosiges Antlitz und über die wettergebräunten Züge ihres Begleiters, der zu ihren Füßen saß und in das liebe Angesicht schaute, und es war dann, als ob Freiligrath jene köstlichen Stanzen eigens für ihn und über ihn geschrieben hätte:

„So laß mich sitzen ohne Ende,
So laß mich sitzen für und für!
Leg’ Deine beiden frommen Hände
Auf die erhitzte Stirne mir.

So bin ich fromm, so bin ich stille,
So bin ich sanft, so bin ich gut!
Ich habe Dich – das ist die Fülle!
Ich habe Dich – mein Wünschen ruht!“ –

So kam das Jahr 1836; es hatte den einzelnen Fischercompagnien im Mai große Lachszüge und im Juni reichlichen Häringsfang gebracht, und so getrauten sich die Liebenden wohl einen eigenen Hausstand zu gründen, und um die Mitte des Juni sollte sie der Propst von Schwarczau zusammengeben. Darum machte sich Esther einige Tage vor dem Unglückstage von Ceynowa auf zu ihrer Freundin, der Tochter des Bliesenwärters in Rixhöft, um sie als Kranzjungfer zu werben. Mit der Braut aber war des Bräutigams guter Geist weggezogen; und als sie, von einer unerklärlichen Angst getrieben, nach dem Dorfe zurückkehrt, ist die finstere That eben geschehen. Wohl sieht sie das Kainsmal an der Stirn ihres Verlobten, wohl schaudert sie über die That; aber ihre Liebe zu dem Thäter will wenigstens das Letzte noch thun, ihn retten und dann – zu vergessen suchen. Sie hatte beim Rixhöfter Leuchtthurm ein Schiff ankern sehen, das die beim Auslaufen aus dem Danziger Hafen erlittene Havarie ausbessern ließ durch Karwenbrucher Zimmerleute. Dorthin bringt sie den Flüchtling, der dem Capitain ein willkommener Zuwachs zu seiner spärlichen Schiffsbemannung auf der Fahrt nach Amerika ist. Von dem Felsen, auf welchem der Leuchtthurm steht, war eine Bohle auf das nahe anliegende Schiff zum Ein- und Ausgehen gelegt; hier, zwischen Himmel und Meer, wird ein herzlicher Abschied genommen; Jacob springt in das Schiff, Esther aber, geistig und körperlich abgemattet, kommt über die schmale Brücke nicht mehr an’s Land; es dunkelt ihr vor den Augen, noch ein Schrei – und die gierigen Fluthen der Ostsee verschlingen wieder ein Opfer.

Noch an demselben Abend zog das Schiff seine Furchen über das Grab Esther’s; eine frische Brise schwellte seine Segel, und auf den kurzen Wogen tanzend eilte es dem Kattegat zu. Jacob Mrauczeck entging durch die Flucht wohl dem weltlichen Richter, aber er nahm in seinem Herzen einen Wurm mit sich aus der Heimath, der mit der Zeit wuchs und ein so zähes, ach so zähes Leben hatte, ja zuletzt so unerträglich ward, daß Jacob selbst Hand an sich legte. Und dieser Wurm, der nicht stirbt, war das erwachte Gewissen mit den Gedanken, die sich unter einander verklagen oder entschuldigen; das war das hispanische Hündlein, wie Josephson in seinen „Brosamen“ (einem wahrhaften Volksbuche) das Gewissen in einigen Erzählungen nennt und schildert; das waren die Schlangenzähne der Reue. Er fing Manches an in der neuen Welt, aber wenn er so weit war, daß er sagen konnte: hier ist gut sein, hier will ich Hütten bauen, dann erwachte der Wurm wieder, der nicht stirbt, und trieb ihn weiter; „das Laster treibt ihn hin und her, und läßt ihm keine Ruh’.“

Das Gewissen offenbarte sich hier wieder als jene furchtbare geistige Macht, die schon die Alten kannten und in dem Schreckbild der Furien so ergreifend ausdrückten; es offenbarte sich wieder als ein Bote, der zu Allen gesandt wird, auch zu denen, die ihn fürchten, den die Blinden sehen und die Tauben hören, der oft Jahre lang schläft, dann aber um so stärker aufwacht, wovon die Brüder Joseph’s ein Lied singen können, die nach vielen Jahren sagten: das haben wir an [195] unserm Bruder Joseph verschuldet, da wir sahen die Angst seiner Seele und er uns flehete.

Es war zu Anfang des Jahres 1850, als ein Flüchtling aus den Dresdner Maitagen (wie er in der Schrift: „Meine Flucht aus Sachsen“ berichtet) auf einer Reise in Kentucky einen Mann am Wege findet, der sich die Ader geöffnet hat und grauenvoll stöhnt. Nachdem er dem Selbstmörder die Wunde schnell verbunden, überläßt er ihn seinem Reisegefährten, einem alten katholischen Priester, der wie ein barmherziger Samariter Oel und Wein in die Seelenwunde des Unglücklichen gießt und ihm endlich ein offenes Geständniß abringt. Aber er reißt den Verband ab und ruft: „Ich will nicht mehr leben! – ich kann nicht mehr leben! – hier, hier nagt es! – die brechenden Augen jener Frau, die ich gemordet habe, sehen mich starr an – ihr Blick verfolgt mich Tag und Nacht – ihr Todesschrei gellt immerfort in meinen Ohren – Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!“ – und röchelnd sank er zurück.

Die beiden Wanderer begaben sich nach Lexington, dem Ziel ihrer Reise; der Eine von ihnen hat, wie schon gesagt, uns das Ende jenes Trauerspiels in Amerika geschildert, das seinen Anfang in Ceynowa nahm, diesem finstern Winkel des deutschen Reichs.

Wenn ich vorstehendem Artikel diese Ueberschrift gegeben habe, so rede mir Keiner von einem geschichtlichen Rechenfehler, weil Ceynowa (und mit ihm die ganze Provinz Preußen) 1836 noch nicht zum deutschen Reiche gehört habe; aber so weit ich die Ceynowenser kenne, bin ich fest überzeugt, daß sie noch heute mit Vergnügen eine Hexe ersäufen würden, wenn die Gerichtscommission in Putzig und das Kreisgericht in Neustadt nicht so nahe wären und wenn die preußische Justiz überhaupt nicht solche Abneigung gegen derartige mittelalterlich-mystische Glaubensauswüchse, dagegen mehr Sinn und Verständniß für nasse, trockne und heiße Autodafé’s hätte – mit Einem Worte, wenn ihr mit Eisen und Blut geschriebener Strafcodex solche fromme Uebungen nicht als Glaubensthaten, sondern als Verbrechen behandelte.