Ein gräflicher Methusalem in Paris

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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Ein gräflicher Methusalem in Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 617–619
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Friedrich von Waldeck (1766–1875)
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[617]
Ein gräflicher Methusalem in Paris.
Von Ludwig Kalisch.


Als ich mich an einem Märzmorgen 1865 in einem Hutladen der Passage de l’Opéra befand, um mir eine neue Kopfbedeckung auszusuchen, machte mich der gesprächige Hutfabrikant auf einen stattlichen Greis aufmerksam, der in einer Ecke des Ladens ein Zeitungsblatt las.

„Dieser Mann,“ sagte der Boutiquier, „hat gestern seinen neunundneunzigsten Geburtstag gefeiert und ist bereits heute Morgen vom Montmartre zu Fuße hergekommen.“

Ich knüpfte ein Gespräch mit dem Greise an und erfuhr von ihm, daß er sich Friedrich von Waldeck nenne. Der Graf von Waldeck lebt noch, und da er am 16. März 1766 geboren ist, so befindet er sich jetzt im hundertundzweiten Lebensjahre. Er wohnt in der Chaussée des Martyrs und zwar im fünften Stocke. Vor einigen Wochen stattete ich ihm einen Besuch ab, und ich bin fest überzeugt, daß ich meinen Lesern einen Dienst erweise, wenn ich ihnen einige Episoden aus dem vielbewegten Leben dieses merkwürdigen Mannes mittheile.

Der Graf Friedrich von Waldeck ist in Prag geboren; im Jahre 1776 siedelten aber seine Eltern nach Paris über. Sie empfingen in ihrem Hause viele ausgezeichnete Schriftsteller, unter denen mehrere der hervorragendsten Encyclopädisten, wie Diderot und d’Alembert, sich befanden. Die Unterhaltung solcher Männer konnte nicht ohne Einfluß auf den lebhaften Geist des kleinen Friedrich bleiben. Sie erweckten in ihm einen unwiderstehlichen Wissensdrang, den sein Vater nach allen Kräften zu befriedigen suchte. Dieser gab ihm später einen Erzieher in der Person des Abbé D–s. Die Wahl hätte nicht unglücklicher sein können. Der Abbé war zwar ein sehr gelehrter und geistvoller, aber auch ein höchst leichtsinniger und unsittlicher Mann, der seinem Zögling als ersten Lebensgrundsatz die Befriedigung der sinnlichen Begierden empfahl. „Amuse-toi! Fais comme moi!“ rief er ihm beständig zu. Er führte ihn sehr häufig in ein Ursulinerkloster, wo es eben nicht sonderlich streng herging. Die Priorin, die in der Schreckenszeit auf dem Schaffot endete, war blind und daher nicht geeignet, eine strengere Zucht einzuführen. Die lockere Disciplin dieses Klosters hielt den jungen Waldeck natürlich nicht ab, dasselbe in Begleitung seines cynischen Lehrers zu besuchen. Diese Besuche hatten schlimme Folgen und der Vater Waldeck bestand darauf, daß sein Sohn sofort Frankreich verlassen und auf längern Reisen seine Kenntnisse erweitern, seinen Geist ausbilden und sich an Entbehrungen und Mühseligkeiten aller Art gewöhnen sollte.

Waldeck hatte kaum das neunzehnte Jahr erreicht, als er sich in Marseille auf der Brigg Sophie, Capitain Durand, nach dem Cap der guten Hoffnung einschiffte. Er hatte bei dem Maler Vien Unterricht genommen und es zu einer großen Fertigkeit im Zeichnen und Malen gebracht. Dies Talent kam ihm auf der Reise, wo sich ihm so viele Gelegenheiten zu ethnographischen Studien darboten, sehr zu statten. In der Capstadt machte er die Bekanntschaft des einst viel gelesenen und viel verleumdeten Reisenden Le Vaillant, dem er die Zeichnungen zu seinem Werke corrigirt und ihn dadurch zu Dank verpflichtet. Le Vaillant erzählte ihm so viel von seinen afrikanischen Reisen, daß Waldeck eine unbesiegbare Lust verspürte, dieselbe Reise zu unternehmen. Mit der ihm von Le Vaillant vorgezeichneten Marschroute versehen, tritt Waldeck ohne irgend einen Begleiter die gefährliche Reise an. Nach vielen Irrfahrten, die seine Skizzen und Tagebücher bereicherten, kehrt er wieder nach der Capstadt zurück. Am Vorabend der Revolution trifft er in Paris ein. Er lernt bald die berühmtesten Männer der Umwälzung kennen, tritt zu einigen derselben in nähere Beziehung und wird ein vertrauter Freund Danton’s. Er hört den Redner, der einen furchtbarern Donner als Perikles auf der Zunge trägt – er hört Mirabeau reden. Er besucht alle Clubs; er ist Augenzeuge aller Schrecken. Als ihn an einem Septembertage eine dringende Angelegenheit durch den Garten des Palais-Royal führt, wird er bald von einer ungeheuern Menschenmenge umschwärmt. Ein Pfeifer und ein Tambour bilden die Führer dieses heulenden, tobenden, brausenden Menschenstroms. Sie tragen das Haupt der Prinzessin Lamballe auf einer Pike und stürmen nach dem Temple, um der gefangenen Marie Antoinette die gräßliche Trophäe zu zeigen. Einige Tropfen Blutes fallen von dem Haupte auf die Schultern Waldeck’s, der vom wüthenden Strudel fortgedrängt wird. Er sieht Ludwig den Sechzehnten, er sieht Marie Antoinette das Schaffot besteigen. Sein Freund Danton kommt auch an die Reihe.

Zwei Tage vor seiner Verhaftung giebt ihm Danton sein von Vincent gemaltes Portrait. Dasselbe befindet sich als kostbares Andenken in Waldeck’s Arbeitszimmer. Waldeck sagte mir, es sei von sprechender Aehnlichkeit. Die Züge sind nicht nur schön, sondern auch sehr sanft. Das dunkelbraune Auge blickt still und ruhig darein, und der fein geformte Mund verräth nichts weniger als den furchtbaren Volkstribun. Danton wußte übrigens, daß er einen schönen Kopf hatte. „Tu montreras ma tête au peuple: elle en vaut la peine,“ (Du wirst meinen Kopf dem Volke zeigen; es lohnt sich der Mühe) sagte er zum Scharfrichter, als er sein Haupt unter das Fallbeil legte. Waldeck versichert, daß Danton, wenn er nicht auf der Rednerbühne stand, der sanfteste Mann von der Welt war. Seine Stimme war gewaltig und er ließ sie auch, nicht ohne gewisse Eitelkeit, gern mit ungedämpfter Kraft ertönen, wie ein Virtuos, der gern sein Instrument vollkräftig ertönen läßt; aber diese gewaltige Stimme drückte oft die weichsten, die zartesten Empfindungen aus. Waldeck spricht mit dem Ausdruck tiefster Wehmuth von dem Freunde, den ihm die Guillotine vor mehr als siebzig Jahren entrissen.

Nach dem neunten Thermidor hört Waldeck, daß sein alter Freund Le Vaillant, der unter der Schreckensherrschaft als verdächtig in’s Gefängniß geworfen worden, noch immer auf die Freiheit harre. Er begiebt sich zu Madame Tallien, die er kannte, und bewegt dieselbe, dem Gefangenen sogleich die Kerkerthür öffnen zu lassen. Le Vaillant dankt ihm mit Thränen in den Augen. Das war das letzte Mal, daß Waldeck den Reisenden sah. Le Vaillant zog sich bald auf sein kleines Landgut in La Noue zurück, wo er 1824 starb.

Der abenteuerliche Zug in Waldeck’s Charakter ließ ihn nicht lange auf einem und demselben Orte. Er glich der Schwalbe, die nur im Fluge lebt. Blos auf Reisen war es ihm wohl zu Muthe; er fühlte sich nur heimlich, wo er nicht heimisch war. Paris fing an, ihn zu langweilen, und er war froh, als Napoleon die Expedition nach Aegypten unternahm. Er kaufte ein Schiff, das er mit Waaren aller Art befrachtete, und schloß sich der Expedition an in der Hoffnung, sich zu bereichern und viele Erfahrungen zu machen. Er machte indessen bald die Erfahrung, daß man viel schneller ein Vermögen verliert als erwirbt. Sein Schiff wurde nämlich von den Engländern zerstört. Waldeck ließ sich jedoch durch diesen Unfall nicht niederschmettern. Er folgte der französischen Armee überall in Aegypten, schloß sich den Gelehrten und Künstlern der Expedition so innig wie möglich an, zeichnete die großartigen Ruinen des Landes und vergaß dabei nicht sein Tagebuch, dem er nach seiner Gewohnheit alle Erlebnisse anvertraute.

Man kennt den Ausgang jener ägyptischen Expedition. Die französische Armee kehrte nach Frankreich zurück, Waldeck aber zog es vor, seine Reise in Afrika fortzusetzen. Er hatte den südlichen Theil Afrikas gesehen, er wollte jetzt den Südosten dieses Welttheils besuchen. Fünf junge, kühne Männer schlossen sich ihm an. Die Fahrt beginnt und bietet mit jedem Tage mehr Hindernisse, mehr Entbehrungen, so daß Waldeck nach und nach vier seiner [618] Reisegefährten durch den Tod verliert. Bald erkrankt auch der fünfte, und Waldeck ist genöthigt, ihn zu führen, ja, auf der Schulter zu tragen, bis auch dieser letzte seiner Gefährten für immer das Auge schließt.

Waldeck war nun allein und legte, nachdem er Nubien und Abyssinien durchwandert, unter unsäglichen Mühen und Nöthen den Weg bis nach Mozambique zurück. Hier schiffte er sich nach Madagaskar ein, und nach einem kurzen Aufenthalt daselbst reiste er zum zweiten Male nach der Capstadt. Aber auch hier übermannte ihn gleich wieder die Lust zu Irrfahrten und er entschloß sich nach Isle de France zu segeln, wo ihn unverhoffte Abenteuer erwarteten. Er trifft dort nämlich mit dem berühmten französischen Corsaren Surcouf zusammen. Surcouf war in St. Malo geboren. Die Seeleute von St. Malo sind kühn und unternehmend, und der Haß gegen die Engländer, von denen sie früher oft mißhandelt wurden, ist ihnen angeboren. Surcouf theilte diesen Haß und hat als Caperer den Engländern gar manchen empfindlichen Schaden zugefügt. Welch’ ein kecker, verwegener Mann dieser Surcouf war, möge folgende Thatsache zeigen. Der Nationalconvent hatte den Handel mit Negersclaven verboten, derselbe konnte jetzt nur im Geheimen und unter großen Gefahren betrieben werden. Für Surcouf hatte aber jede Gefahr etwas Verlockendes. Er übernahm daher den Befehl über eine Brigg und machte mehrere Reisen nach Madagaskar und der afrikanischen Küste, wo er die Schwarzen aufnahm. Die französische Regierung erfuhr dies, und eines Morgens stellten sich drei Beamte der Colonialcommission an Bord seiner Brigg ein, die noch deutlich die Spuren der in der vorhergehenden Nacht ausgeschifften Negersclaven zeigte. Surcouf verlor indessen die Besinnung nicht. Er ladet die drei Beamten zum Frühstück ein, und während dieselben sich an der Tafel gütlich thun, giebt er den Befehl, in die See zu stechen. Sobald die Brigg in offener See ist, droht er den drei Gästen, sie an der afrikanischen Küste auszusetzen und dort der Wuth der Neger preiszugeben, wenn sie nicht sogleich ein Protokoll aufsetzen und in demselben erklären, daß sie an Bord seines Schiffes nichts gefunden, woraus man irgendwie auf den Sclavenhandel schließen könnte, und daß die Brigg durch einen heftigen Sturm vom Ankergrund in’s Meer fortgerissen worden. Die drei Commissäre willigten ein, worauf sie Surcouf an’s Land setzte.

Waldeck wurde nun Corsar. Schon auf seiner ersten Reise nach dem Cap hatte er sich, von dem Capitän Durand unterstützt, manche nautische Kenntnisse angeeignet, die er seitdem zu erweitern gesucht. Unter Surcouf’s Befehl geräth er jeden Augenblick in blutige Händel mit den Engländern. Er wird von Säbelhieben zerfetzt, von Musketenkugeln verwundet, aber wenn auch nicht mit heiler Haut, so kommt er doch immer mit unerschütterter Gesundheit davon, die er durch eine stoische Mäßigkeit zu erhalten sucht.

Nachdem er längere Zeit das Corsarenhandwerk mit wechselndem Glücke getrieben, sieht er sich eines Tages veranlaßt, demselben aus dem einfachsten Grunde von der Welt zu entsagen. Er wird nämlich von den Engländern gefangen. In England angekommen, erhält er durch Vermittelung des Herzogs von York die Freiheit. Während seines Aufenthaltes in England macht er die interessantesten Bekanntschaften. Durch Lord Buchan lernt er Walter Scott und Lord Byron kennen und macht mit Letzterem sehr häufig Ausflüge in die Gebirge Schottlands. „Lord Byron,“ erzählt Waldeck, „war nicht immer liebenswürdig. Er wurde gar häufig von den blue devils, vom Spleen, geplagt, aber wenn er liebenswürdig war, so war er es auch recht. Er war dann unwiderstehlich. Walter Scott war immer heiter, immer freundlich, immer wohlwollend. Er liebte einen guten Spaß und ließ sich gern das Zwerchfell erschüttern.“

Eines Tages sagte er zu Waldeck: „Sie sind ein Deutscher, Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, ein vortreffliches Gedächtniß, gewiß besitzen Sie einen Schatz von Sagen im Kopfe. Wollen Sie mir nicht eine derselben mittheilen?“

Waldeck ließ sich nicht lange bitten und erzählte ihm eine Sage aus seiner eigenen Familie. Walter Scott hörte aufmerksam zu, und Waldeck hatte später das Vergnügen, diese von ihm erzählte Sage unter dem Titel „Martin Waldeck“ im „Alterthümler“ des großen Unbekannten zu finden. Ja, gerade durch diese Erzählung erfuhr er, daß Walter Scott der große Unbekannte war.

Unser Landsmann kommt auch mit Georg dem Vierten in Berührung, für den er eine Reihe von Aquarellen verfertigt, mit Brummel, dem elegantesten Wüstling seiner Zeit, und mit dem witzsprudelnden Sheridan, von dem er Manches, nur nicht das viele Trinken lernt. Er wird auch bei Lord Cochrane eingeführt, der sich von der unverwüstlichen Energie Waldeck’s angezogen fühlt und ihn einladet, mit ihm eine Reise nach Chili zu unternehmen. Waldeck nahm diese Einladung auf’s Bereitwilligste an, trennte sich aber in Amerika von dem Lord, der keinen umgänglichen Charakter besaß und Waldeck’s Unabhängigkeitsgefühl oft verletzte. Waldeck kehrte bald nach Europa zurück, um – rasch wieder nach Amerika zu segeln und diesen Welttheil von der Magellansstraße bis zur Baffinsbai zu bereisen. Südamerika zog ihn besonders lebhaft an, und er durchwandert Chili, Yucatan und Mexico nach allen Richtungen. Die erste ausführliche Karte von Yucatan hat man Waldeck zu verdanken. Er besuchte Salamanca, Itzalane, Tulha, San Domingo de Palenque, Panuco, die einstige Hauptstadt der Azteken. Er zeichnete alle Reste altindischer Denkmäler mit dem größten Fleiße und unter Entbehrungen aller Art.

So hielt er sich längere Zeit in Wichelake unter den Azteken auf, um ihre Sprache zu lernen, und hatte oft zu seiner Nahrung nichts als Klapperschlangen, deren Fleisch übrigens, wie er versichert, gar nicht unschmackhaft und dem der Boa bei Weitem vorzuziehen ist. Wenn er aber mit großem Appetit in’s Fleisch der Klapperschlangen beißt, so beißen die Klapperschlangen gar oft in sein eigenes Fleisch. Seine Beine tragen noch die Spuren von den Stichen dieser furchtbaren Reptilien. Die Stichwunden sind zwar vernarbt, einige derselben brechen jedoch von Zeit zu Zeit wieder auf und verursachen ihm große Unannehmlichkeiten. Waldeck, der mir diese Narben zeigte, bemerkte dabei, daß die Klapperschlange durchaus nicht so gefährlich sei, wie die Nawoyaka. Der Biß dieses Reptils führt innerhalb fünf Minuten den Tod herbei, während der Biß der Klapperschlange nicht immer tödtlich ist. Wie dem aber sei, die Giftschlangen verhinderten ihn nicht, täglich Denkmäler aufzusuchen, sie auf’s Genaueste zu zeichnen und in seinem Tagebuche zu beschreiben. Indessen würde er, wenn er auf seine eigenen Mittel beschränkt gewesen wäre, seine Studien nicht haben fortsetzen können. Er hatte sich aber die Freundschaft des Lords Kingsborough gewonnen, der ihm zu wiederholten Malen sehr bedeutende Geldsummen schickte. Nur durch diese großmüthige Unterstützung wurde es ihm möglich, zweitausend Zeichnungen nach der Natur zu entwerfen.

Nach einem vieljährigen Aufenthalt in der neuen Welt kehrte er nach Europa zurück und veröffentlichte sein Werk über Yucatan, welches er dem Andenken seines inzwischen heimgegangenen Freundes Kingsborough widmete. Seitdem hat Waldeck keine größere Reise mehr unternommen.

Graf Waldeck ist ein sehr stattlich gewachsener Mann. Das hohe Alter hat seinen Rücken nicht gebeugt. Er geht straff und stramm daher, wie ein Mann in den besten Jahren. Er verwendet viel Sorgfalt auf seinen Anzug und seine Wäsche ist von der holländischsten Reinlichkeit. Waldeck hat noch vorigen Sommer, also nach zurückgelegtem hundertsten Lebensjahre, eine Reise nach London unternommen. Er geht täglich aus, er besucht fleißig die Weltausstellung und kehrt dann unermüdet nach Hause, wo er fünf Treppen zu steigen hat, um in seine Wohnung zu gelangen. Jeden Morgen steht er um fünf Uhr auf und setzt sich sogleich an die Arbeit, die er erst um fünf Uhr Abends verläßt. Der heurige Pariser Salon brachte von ihm zwei Oelgemälde, und er malt in diesem Augenblick an einem neuen Bilde, mit dem er im Salon des nächsten Jahres auftreten will. Außerdem bereitet er die Ausgabe eines Werkes vor, das unter dem Titel: „Encyclopédie d’Archéologie Américaine“ die Beschreibung aller altindischen Denkmäler Südamerikas und zweitausend Illustrationen nach seinen Originalzeichnungen enthalten soll.

Seine Zeichnungen sind fest und sicher, ebenso seine Handschrift, die noch außerdem durch eine seltene Zierlichkeit und Deutlichkeit auffällt. Er ist etwas harthörig, das ist aber auch das einzige körperliche Gebrechen, an dem er leidet. Er selbst ist mit seinem Gesundheitszustande sehr zufrieden und versichert, daß er nie mit besserem Appetit gegessen, nie fester geschlafen als jetzt. Sein einziger Sohn, ein sehr schöner Knabe mit sanften Zügen, hat eben erst das sechszehnte Jahr erreicht und ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, und seine Gattin, eine geborene Engländerin, [619] hat kaum das Schwabenalter zurückgelegt. Waldeck, der sich im vierundachtzigsten Jahre zum zweiten Mal verheirathete, bereut durchaus diesen Schritt nicht, den schon mancher viel jüngere Sterbliche bitter beklagt hat.

Waldeck ist von außerordentlicher geistiger Frische und Regsamkeit. Seine Züge beleben sich, wenn er von der Kunst spricht, und mit sichtbarer Freude zeigt er seine Sammlung von Kupferstichen, unter denen sich die prachtvollsten Marc Antons befinden. Dabei erzählt er, wo, wann und auf welche Weise er in den Besitz jedes dieser Werke gelangt ist. Sein Gedächtniß kann nicht zuverlässiger sein; die Namen der Persönlichkeiten, mit welchen ihn sein vielbewegtes Leben während mehr als drei Menschenaltern in Berührung brachte, kommen ihm ohne Zögern auf die Zunge. Er spricht Französisch und Englisch sehr geläufig, minder geläufig jedoch seine Muttersprache, da er seit seiner zweiundneunzigjährigen Abwesenheit von Deutschland nur sehr wenig mit seinen Landsleuten verkehrte.

Waldeck weiß Vielerlei, aber er bedauert es lebhaft, in seiner frühesten Jugend die Humaniora vernachlässigt zu haben. Nicht minder beklagt er es, das Französische nicht correct schreiben zu können; er hätte sonst längst seine Denkwürdigkeiten herausgegeben, zu denen er die Materialien in seinen Tagebüchern besitzt, die fünfunddreißig enggeschriebene Octavbände umfassen. Einer seiner Freunde, der Graf von St. Priest, überredete ihn, sein Leben von Alexander Dumas schreiben zu lassen. Zu diesem Zwecke ließ Waldeck dem Verfasser des Monte Christo mehrere Manuscripte einhändigen, die leider verloren gegangen. Vielleicht, daß sich diese Papiere nach dem Tode Waldeck’s wieder vorfinden! Der alte Herr, der so oft dem Tode in’s Auge geschaut, denkt übrigens gar nicht daran, das Zeitliche zu segnen. Er fürchtet den Tod nicht, aber er liebt das Leben und ist fest überzeugt, daß er das elfte Jahrzehent, welches er so frisch und rüstig begonnen, ebenso rüstig und frisch zurücklegen wird.