Ein improvisirter Ball in Sevilla

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein improvisirter Ball in Sevilla
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 622-623
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[622]
Ein improvisirter Ball in Sevilla.

Unser Eilwagen und seine klingelnde Bespannung von vierzehn Maulthieren legten mit einer fabelhaften Geschwindigkeit einen malerischen Weg zurück. Eine schöne Wasserleitung zeigte sich bald zu unserer Linken, und endlich erschienen die alterthümtichen Mauern der Stadt Sevilla. Wir drangen immer im Galopp in ein Labyrinth ein von engen und stillen Straßen mit milchweißen Häusern. Es war eine erstickende Hitze. Am hohen Mittag warf die Sonne ein unerträgliches Licht auf die glänzenden Mauern. Die ganze Stadt schien im Schlafe zu liegen; auf den Straßen war fast Niemand zu sehen, nur einige Männer drückten sich geschwind an den Häusern hin, schwitzend unter dem langen braunen Mantel, in den sie sich einhüllen und dabei behaupten, daß es kein kühleres Kleidungsstück gebe. So erschien Sevilla ganz anders, als meine Einbildungskraft mir vorgespiegelt hatte. Ich hatte mir eine riesige Stadt geträumt, von der Sonne vergoldet, mit gewölbten Pforten, mit alterthümlichen Fenstern, mit Masten von Blumen in den Straßen, mit Mandolinen unter den Balkonen, mit reizenden Mantillen auf den Spaziergängen und mit bezaubernden mit Atlas beschuhten Füßchen auf jedem Wege. Ich sah aber eine ganz moderne, ganz weißgetünchte, ganz leere, ganz schweigsame Stadt. In dem Hotel angekommen, trat ich plötzlich in eine Vorhalle, die mit Orangenbäumen und Oleandersträuchen geschmückt war; einige junge Frauen schwatzten miteinander in diesem blühenden Bosquet und ich hörte eine tremulirende Stimme, welche sich mit der Guitarre begleitete und zu einer sehr lustigen Melodie die traurigen Worte sang:

Quando yo me muera
Dejare encargado
Que con una trenzo
De tu pelo negro me ommarrea los manos.

(Wenn ich sterbe, werde ich verordnen, daß man mir die Hände mit einer Flechte von Deinen schwarzen Haaren zusammenbinde.)

Diese unerwartete Serenade, diese Guitarre, diese durchdringende Stimme, diese verliebten und melancholischen Worte, diese lustige Melodie, diese duftenden Blumen, diese plaudernden Frauen, diese so frische Vorhalle, die träge Ruhe der sich hier befindenden Personen im Gegensatz zu dem beweglichen Leben, welches ich seit einigen Tagen führte, die Aussicht, mich nun auch bei dem Klange der Guitarren dieser poetischen und träumerischen Unbeweglichleit der südlichen Länder hingeben zu können, das Alles ergriff mich auf einmal in dem Augenblicke, wo ich in den Hof trat, und söhnte mich völlig mit Sevilla aus.

Nachdem die Unruhe der ersten Einrichtung in meinem Quartiere vorüber war, beeilte ich mich, dem kleinen Kreise mich anzuschließen, welcher dem wandernden Sänger zuhörte. Diese Jotas, welche ohne Zusammenhang auf einander folgten, erinnerten mich an die endlosen Gesänge der Griechen in Kleinasien, jedoch mit einem Zusatz von andalusischer Lebhaftigkeit. Uebrigens hatte ich mich kecker am Fuße eines Orangenbaumes niedergelassen, als ein wohlbeleibter Mann mit einem fabelhaft kleinen Hute auf dem Kopfe in die Halle eintrat, gerade auf mich zu kam, sich als Lohndiener vorstellte und mich in gutem Französisch fragte, ob meine Herrlichkeit wünsche, zuerst die Kathedrale zu besuchen oder den Alcazar, oder die Tabaksfabrik, oder das Museum, oder die Bibliothek oder den Schädel Peters des Grausamen und so weiter; mit seltener Zungenfertigkeit zählte er alle Merkwürdigkeiten von Sevilla auf.

„Nichts von alle dem,“ erwiderte ich; „ich habe überall Schlösser, Fabriken und Bibliotheken gesehen; ich habe zweihundert Museen und fünfhundert Kathedralen besucht. Wie heißen Sie?“

„Bailly.“

„Nun wohl, Herr Bailly, ich wünsche vor Allem die Tänzerinnen von Sevilla zu sehen. Tanzen will ich sehen die Cachucha, die Jota, die Gitana, den Fandango, die Ole und den Jaleo. Wenn Sie mir das zeigen können, bin ich Ihr Mann, außerdem nicht.“

„Bueno, bueno,“ riefen freudig die Cigarrenschmaucher aus, welche mich umgaben, und ich gelangte auf der Stelle zu einer großen Bedeutung in dem Hotel. Wirklich ist es die Lustpartie eines Nabobs, welche ich mir da bestellte; eine der theuersten Vergnügungen, welche man sich in Spanien verschaffen kann, wo überhaupt keine einzige Sache wohlfeil zu haben ist. Ueberdem ist eine solche Lustpartie ein Act der Galanterie, denn man verständigte mich, daß ich die Tänzerinnen nicht sehen könne, ohne einen Ball zu geben, und daß ich zu diesem Balle einladen könne, wen ich wolle. Ich sah nun wohl ein, daß ich mich in meiner Uebereilung etwas überstürzt hatte, aber ich war zu weit gegangen, um zurückzutreten, und so fing ich damit an, alle gegenwärtige Personen zu diesem improvisirten Feste einzuladen. Die jungen Männer nahmen dieses mit Freuden an, einige junge Frauen lächelten, ohne zu antworten, als ob sie sich nicht getrauten zu gestehen, daß sie vor Begierde brannten, das Gleiche zu thun, und nur zwei alte Kammerfrauen anderer Reisenden erklärten, daß dieses eine Abscheulichkeit sei und daß alle Franzosen schlechte Subjecte wären, welche die guten Sitten in Spanien verderben wollten.

[623] Gegen neun Uhr Abends fand sich Herr Bailly ein, welcher seine Rolle als Ceremonienmeister ungemein ernsthaft durchführte, und zeigte uns an, daß das Ballet bereit sei und man nur noch uns erwarte. Er führte uns in ein benachbartes Haus. Der innere Hof war reichlich mit Blumen geschmückt und erleuchtet. Jeder Orangenbaum trug statt der Früchte Lampen, jeder Lorbeerbaum war mit Rosen von buntem Glas behangen. Die Gesellschaft war zahlreich. Auf den Balkons erwarteten mehrere Señoras, welche sorgfältig verschleiert und in geheimnißvolle Mantillen eingehüllt waren, schweigend die Zeit, wo sie ein nach der Sitte ihnen verbotenes Vergnügen genießen sollten. Ueber dem Hofe den Blumen, den Lampen, den Balkonen und den Mantillen erblickte man gleich einer mit Perlen gestickten Zeltdecke den mit Sternen besäeten Himmel. Bei unserm Eintritte gab das Orchester, welches aus einer Violine, einer Guitarre und aus einem Sänger bestand, das Zeichen zum Anfang und vier Tänzerinnen,im Costüme der Majas, kurzer Rock mit Goldflimmern verziert, seidene Strümpfe, gelbe Schuhe, hüpften unter dem Klange der Castagnetten in die Vorhalle, in Begleitnng von vier Andalusiern in seidenen Beinkleidern. Die Cachucha, welche sie sehr lebhaft ausführten, erinnerte mich an den Tanz, welchen vor einigen Jahren die Dolores Seral zuerst im Théatre des Variétés sehen ließ, doch war dieses nur ein Vorspiel. Es trat eine Pause ein und eine der Tänzerinnen trat langsamen Schrittes allein hervor in die Mitte der Vorhalle. Sie hieß Carmen. Ein Mädchen von sechszehn Jahren.

Bleich, wie im Herbst ein schöner Abend,

klein und schmächtig, mit großen schwarzen Augen, ebenso feurig als sanft, wenn es gestattet ist, diese beiden unvereinbar scheinenden Worte zusammenzustellen, um dieses spanische Auge zu bezeichnen, zugleich glänzend und verschleiert, worin Traurigkeit und Leidenschaft, Aufforderung und Schmachten mit einander kämpfen. Sie war mit einem rothen Rocke bekleidet; ihre Arme, obwohl noch von einiger jugendlicher Magerkeit, waren doch höchst graziös; sie hatte einen schönen Fuß, und überhaupt war sie sehr hübsch vom Kopf bis zum Fuß.

Als sie in der Mitte des Tanzplatzes ankam, erhob sie langsam ihre Arme, und ließ die Castagnetten ertönen. Die Musik begann sogleich eine der langsamen und einfachen Melodieen, deren einziger Gedanke sich unaufhörlich wiederholt, von unbeschreiblich naiver Anmuth, welche ohne Zweifel die Gesänge uralter Zeit waren, und noch jetzt die Völker des Orients bezaubern. Carmen begann, fast ohne sich zu bewegen, eine jener wollüstigen Pantomimen, die an die Tänze der Bajaderen und der Almees erinnern. Im ganzen Orient, von Madras bis nach Kairo und Sevilla, spricht der Tanz dieselbe Sprache, und drückt durch fast gleiche Zeichen die gleichen Gefühle aus. Augenscheinlich bietet Andalusien durch seine Tänze noch mehr Erinnerung an das Morgenland dar, als durch sein Costüme. Abgesehen davon, daß Carmen ihre bleiche Stirn nicht mit goldnen Zecchinen geschmückt und ihre schlanke Taille nicht mit einem durchsichtigen Flor bedeckt hatte, wäre sie nach ihren Stellungen, ihren Blicken, ihren Bewegungen in Egypten eine Almee, in Indien eine Bajadere gewesen. Die Einbildungskraft, welche nicht unterläßt, diese stummen Pantomimen sich zu erklären, konnte leicht schon allein in der Physiognomie der Carmen Erinnerungen aus Asien finden, Träume in der Einsamkeit der Wüste, Begegnungen im Schatten einer Oase, Liebe unter einem Zelte, Anreizung und Widerstand, alles dieses und noch tausend andere Dinge konnte man sich vorspiegeln. Weshalb auch nicht? Warum sollte der Tanz, der zu jeder Zeit wie die Musik eine Sprache für die Empfindung war, nicht auch den Gedanken ausdrücken, der ihn begeistert? Die Musik hat es gewagt, den Sonnenaufgang zu schildern, den Marsch der Karavanen, selbst die Entdeckung der neuen Welt.

Uebrigens schien die schöne Tänzerin sich selbst an dem Feuer des Gedichts zu entzünden, dessen verschiedene Strophen sie vor uns darstellte. Ihr Blick belebte sich, ihr Körper bewegte sich in graziösen Wendungen, ihr Teint, vor Kurzem noch so bleich, röthete sich, bald mit feurigem Auge die Luft begierig einathmend, schien sie Jemand zu suchen, und stampfte mit dem kleinen Fuße auf den Boden, als wollte sie den Geliebten herbei rufen, und da er nicht erschien, kam sie gerade auf mich zu, schoß auf mich einen feuertrunkenen Blick, der mich bezauberte, und warf mir mit dem Anstand einer Sultanin ihr Taschentuch zu. Sogleich ertönte ein allgemeiner Wirbel der Castagnetten von allen Sitzen und allen Händen, und die entzückten Zuschaner riefen aus: „salero, salero!“ (eigentlich Salzfaß, ist als Zuruf der Bewunderung und Aufmunterung üblich.) Die Rolle eines Pascha setzte mich ein wenig in Verlegenheit. Carmen verweilte noch auf dem Platze mir gegenüber, als wollte sie ihre schöne Gestalt noch länger bewundern lassen, dann schritt sie, verführerisch wie eine Fee, vorwärts, und trat plötzlich wieder zurück, um die Zuschauer in die Rolle des Tantalus zu versetzen. Sie schien verwandelt, elektrische Funken sprühten aus ihren großen schwarzen Augen, und als sie besiegt, entwaffnet sich auf ein Knie niederließ, als wolle sie sich unbedingt ergeben, hätte sie auch den bejahrtesten Sultan bezaubert; allein sogleich hörte die Musik auf, Carmen erhob sich nachlässig, ihre Hände schlossen sich, ihre Blicke erloschen, ihre Blässe erschien wieder, und sie setzte sich ganz ruhig, ganz blöde an die Seite ihrer Mutter auf die Kniee ihrer Schwester. Die Bacchantin war verschwunden, und Carmen war nur noch eine arme Arbeiterin aus der Tabaksfabrik.

Es ist merkwürdig, wie leicht die menschlichen Gesichtszüge bei ihrer Beweglichkeit sich zu alle den Umwandlungen hergeben, welche die Kunst des Mimen ihm zur Pflicht macht. Ich werde nie vergessen, wie ich eines Abends in einer Gesellschaft in Paris neben Demoiselle Rachel saß, und eben mit ihr gesprochen hatte. Als ich mich wieder zu ihr wendete, sah ich auf einmal ihr Gesicht so verändert, daß ich darüber ganz betroffen war. Man hatte die Künstlerin gebeten, Verse aus der Phädra zu declamiren, und sie hatte die Physiognomie dieser Rolle in einer Secunde dergestalt angenommen, daß sie kaum zu erkennen war. Carmen, obgleich weniger eingeschult, verstand doch etwas von dieser Kunst, und das Talent dazu war bei ihr um so auffallender, je weniger man es erwarten durfte. Werden Sie übrigens wohl glauben, daß diese jungen Mädchen von Sevilla, welche vor Ihnen für einige Douros die Ole, die Gitana und andere eben so verrufene Tänze aufführen, von einer makellosen Tugend sind, welche den lockendsten Anerbietnngen widersteht? Und doch ist dieses durchaus wahr, es gibt davon Beispiele in Menge, und diese Anomalie gehört zu den sonderbaren Eigenthümlichkeiten des weiblichen Charakters in Spanien.

Zu derselben Zeit, wo ich Andalusien bereiste, befand sich die berühmteste Tänzerin von Sevilla in England. Ein Capitain der englischen Marine war von ihrer Schönheit so eingenommen, daß er, nachdem er Haufen von Gold vergebens ihr zu Füßen gelegt hatte, zuletzt ihr seine Hand anbot. Das junge Mädchen hatte endlich eingewilligt, in Begleitung ihrer Mutter ihm nach London zu folgen, allein dort zeigte sich ein unbesiegbares Hinderniß. Die Tänzerin aus dem katholischen Spanien weigerte sich durchaus, einen Protestanten zu heirathen, und ich weiß nicht, wie die Sache noch ausgegangen ist. Was mich anlangt, so begnügte ich mich damit, das Tuch der Carmen mit der vollkommensten Selbstbeherrschung zurückzugeben. Die Boleros, die Fandangos dauerten bis Nachts ein Uhr fort, und ich kehrte sehr zufriedengestellt nach dem Hotel zurück.