Ein künstliches Auge

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Carus Sterne
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein künstliches Auge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 780
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[780] Ein künstliches Auge. Bekanntlich ist das menschliche Auge zunächst nur ein physikalischer Apparat, und zwar ein Apparat von großer Vollkommenheit, wenn auch nicht so durchaus allen Anforderungen entsprechend, wie man ihn, mit Helmholtz zu reden, von einem geschickten Optiker verlangen würde. Die Camera obscura das dunkle Kästchen, in welchem der Photograph seine Bilder erzeugt, ist ein vergrößertes Abbild des Auges, und das Bild der Außendinge, welches sich durch die chemische Wirkung des Lichtes auf der in diese Kammer eingeschobenen Platte fixirt, ist ein vollkommenes Gegenstück zu dem ebenfalls verkehrten Bilde, welches sich auf dem Hintergrunde unseres Auges abmalt. Damit sind aber die Aehnlichkeiten mit dem physikalischen Apparate zu Ende, denn in und hinter der Netzhaut, die den als Bildplatte dienenden Augenhintergrund bedeckt, beginnt erst das eigentliche Sehen, das heißt die Empfindung und Deutung des in dem physikalischen Apparate erzeugten Bildes der Außendinge. Ein in London lebender deutscher Physiker, Herr C. William Siemens, hat indessen kürzlich gezeigt, daß man die Analogie noch weiter treiben kann, und ein künstliches Auge mit empfindlicher Netzhaut hergestellt, welches nicht nur Licht und Dunkelheit, sondern auch die einzelnen Farben unterscheidet, ja wie ein lebendes Auge bei längerem Betrachten einer Farbe ermüdet und, von plötzlicher Helligkeit geblendet, die Wimpern schließt. Die empfindliche Netzhaut desselben ist aus einer dünnen Schicht von Selen, einem dem Schwefel und Phosphor ähnlichen Elementarstoffe, gebildet, wobei an Stelle der Nerven, die sich in der Netzhaut verzweigen, zwei galvanische Leitungsdrähte spiralig oder im Zickzack parallel neben einander in derselben verlaufen, sodaß überall Selenmasse zwischen ihnen liegt. Das Selen zeigt nämlich nach den in den letzten Jahren angestellten Beobachtungen mehrerer englischer Ingenieure und Physiker, wenn es bis zu einem gewissen Punkte erhitzt und dann erkaltet ist, bleibend die höchst merkwürdige Eigenschaft, vom Lichte derartig beeinflußt zu werden, daß es den galvanischen Strom um so besser leitet, je stärker[WS 1] es beleuchtet wird. Dr. Werner Siemens, der Chef der weltberühmten Telegraphen-Bauanstalt in Berlin, hat diese Eigenschaft des Selens am genauesten studirt und einen sinnreichen Apparat darauf begründet, um die Stärke irgend einer auf die Selenplatte fallenden Lichtquelle direct nach dem Widerstande zu messen, den ein galvanischer Strom in der beleuchteten Selenschicht findet. Der Apparat seines Bruders, das künstliche Auge, beansprucht nicht die Wichtigkeit, welche dieser Lichtmesser als wissenschaftliches Instrument möglicher Weise gewinnen kann, er ist dafür um so lehrreicher. Das gläserne Auge wird von zwei Wimpern beschattet, die nach ihrer Oeffnung das durch eine Glaslinse gebrochene Licht auf die künstliche Netzhaut werfen. Die in derselben, ohne sich zu berühren, Parallellinien beschreibenden Drähte gehen von einem galvanischen Elemente aus und umkreisen, ehe sie in die Netzhaut eintreten, der eine einen Elektromagneten, der andere eine Magnetnadel, die hier den Beweis liefern soll, daß wirklich, wie Thales lehrte, in ihr eine empfindende Seele wohnt. Wird nun vor das künstliche Auge eine weiße Tafel gebracht, die man vermittelst eines schwarzen Tuches bald in Dunkelheit hüllen, bald mit dem farbigen Schimmer des durch bunte Gläser gegangenen elektrischen oder des Sonnenlichtes betrachten kann, so gewahrt man mehr oder minder starke Ablenkungen der Nadel aus ihrer sonst mehr oder weniger bestimmten Richtung auf den Nordpol.

Die kleinste Ablenkung erzeugt das blaue Licht, welches auch dem Menschen als das mildeste und ruhigste erscheint. Eine lebhaftere Bewegung der Nadel bewirkt das grüne, eine noch stärkere das gelbe und die stärkste das rothe Licht, welches so auch auf Thiere – man denke nur an die durch rothe Tücher gereizten Truthähne und Stiere! – die stärkste Wirkung ausübt. Läßt man dieses rothe oder andersfarbige Licht alsdann anhaltend wirken, so ermüdet die künstliche Netzhaut ebenso wie die natürliche und der anfangs stärkere Ausschlag der Nadel nimmt allmählich ab. Sie bedarf der Erholung im Dunklen, des Schlafes. Man sieht, es entspricht hier die Magnetnadel dem Gehirne, in welchem die Eindrücke zur Wirkung kommen, und die Leitungsdrähte den Empfindungsnerven, mit denen sie so oft verglichen worden sind. Ja, es lassen sich mit diesem Apparate sogar die Reflexbewegungen des Auges darstellen, das heißt das unwillkürliche Schließen der Wimpern, wenn das Auge durch ein ungewohntes Licht geblendet wird. Es ist zu diesem Zwecke nur erforderlich, daß ein Elektromagnet, der durch Anziehung eines Ankers die Schließung der Wimpern in Folge des bei intensivem Lichte stärkeren Stromes hervorbringt, in die Leitung eingeschaltet werde. So roh eine solche Nachahmung sein mag, und so wenig sie geeignet ist, unserer wohlbegründeten Bewunderung des Baues der thierischen Sinneswerkzeuge Abbruch zu thun, sicher wird dieses künstliche Auge zu den sinnreichsten Lehrapparaten gerechnet werden müssen, die es giebt.

C. St.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: je seltener. Vergl. Berichtigung in Das Bild im Auge sterbender Tiere, Jg. 1877, Heft 10, S. 172