Ein neues Stück Deutschland in London

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein neues Stück Deutschland in London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 181, 183–184
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ein Kneipabend in der deutschen Turnhalle in London
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[181]
Die Gartenlaube (1866) b 181.jpg

C. Blind.     Ravenstein. Winter.     Kinkel.          Cyriax.          Luntz.
Ein Kneipabend in der deutschen Turnhalle in London. Originalzeichnung von Dammann.

[183]
Ein neues Stück Deutschland in London.


Den 27. August des Jahres 1862 haben viele Deutsche Londons rosenroth in ihrem Kalender angestrichen. An jenem Tage feierten sie in den hohen, lichten Räumen des Krystallpalastes von Sydenham ein Fest, desgleichen Altengland noch nie gesehen hatte: ein vollständiges Turnfest mit heiterem Singen und Fahnenschwingen und malerischem Fackelzug am Schlusse. Groß war das Erstaunen und redlich die Anerkennung der eingeborenen Zuschauer. Am nächsten Morgen um sieben Uhr gingen die Pauken und Trompeten der öffentlichen Meinung von Charing Croß und Ludgate Hill aus durch’s ganze Land mit der Kunde, daß die Teutonen nicht blos Ideen hätten und Träume; sintemalen an dem neudeutschen Geschlechte der Turner auch Muskeln entdeckt worden seien, verhältnißmäßig ganz respectable Muskeln, dito Sehnen und Gliedmaßen, beinahe so fest und brauchbar, als wären sie durch Cricket und Boxen entstanden. Schiller und Goethe, Humboldt und Beethoven und der düngerkundige Liebig haben dem deutschen Namen bei denkenden Engländern einen guten Credit eröffnet; aber in breiteren Kreisen, tiefer und plötzlicher wirkten am Tage von Sydenham die hohen Sprünge der Turner. Der Eindruck dieser „wahrhaft moralischen und feierlichen Demonstration von physischer Kraft“, wie ein bekannter Friedensfreund das Fest zu beloben pflegte, machte sich in vielfacher und wohlthuender Weise bemerkbar.

Allmählich erregte die teutonische Turnkunst die Aufmerksamkeit praktischer Volksfreunde und es wurde ernstlich daran gedacht, die deutsche Gymnastik auf britischen Boden zu verpflanzen, namentlich zu Nutz und Frommen der ärmeren Jugend in den riesengroßen, stickluftigen Fabrikstädten. „Aber,“ meinte eine englische Freundin nicht ohne Grund, „glauben Sie mir, es ist nur ein augenblicklicher Einfall. Das Turnen wird bei uns niemals fashionable, nie eine noble Passion werden; es ist gar keine Passion [184] darin. Es mag recht gut sein für die Deutschen, die zum Sport nicht genug Unternehmungsgeist und – ohne Sie beleidigen zu wollen – nicht genug Geld besitzen; aber daß es je unser Wettrudern und Wettrennen ersetzen könnte, ist eine lächerliche Einbildung. Das Ding müßte jedenfalls erst recht englisirt und nicht so methodisch betrieben werden; es ist nicht ‚genteel‘ und dann zu – deutschthümlerisch.“

Aus der Dame sprach ein feiner Instinct. Bei englischen Sport mischt sich das Cavaliermäßige mit dem Commerciellen. Hunderttausende von Londoner Lehrjungen und Krämern, die vielleicht nie in einem Sattel sitzen werden, wetten Jahr aus und ein auf den Renner Babylon oder Alexandra, den sie nie gesehen haben; aber sie wissen, daß es aristokratische Thiere sind. Um wie viel tiefer ist die Passion der wirklichen ‚Pferdefleischkenner‘, der Kirchthurmrenner, der Boxer und ihrer Mäcenaten! Der Geldeinsatz bezeugt und erzeugt die Sympathie für die Sache. Einer wagt seine Glieder, ein Anderer sein Geld, ein Dritter Beides zugleich und seinen gesunden Verstand obendrein. Der Sportgeist liegt im Blute des Engländers und durchdringt all’ sein Thun und Denken; waghalsig ist seine Speculation und auch seine Logik. „Was gilt die Wette,“ ruft Brown, „daß Deutschland noch in dreihundert Jahren nicht einig ist!“ – „Tausend Pfund Sterling gegen eines,“ sagt Jones, „daß Amerika bis dahin einen unumschränkten Kaiser hat“ , während Robinson und Consorten verschiedene hohe Summen darauf setzen, daß die Welt anno 1960 zu Grunde gehen und der Papst einen Tag später auf London Bridge sitzen und betteln wird. Dem zahmeren Deutschen fehlt dieser Sporn, er hat dafür einen andern, den der Engländer sich nicht anschnallen kann. Seine Turnhalle umschweben schwarz-roth-goldene Bilder, die dem Fremden entschwinden, wie der Duft und die Kraft eines schwach übersetzten Volksliedes. Es ist bekanntlich ein eigen Ding um die Uebertragung nationaler Sitten und Bräuche. Im Schlosse zu Windsor pflegte einst das Christkind zu bescheeren und diese Feier wurde daher eine Zeit lang fashionable. Da sah man bald in den Kaufläden Tannenzweige, und nachher eine Verbesserung: elegant gearbeitete, zur Füllung mit Gas ausgehöhlte, gußeiserne Weihnachtsbäume!

Aber England ist reich genug an Sports und braucht sie nicht aus der Fremde zu importiren. Genug, daß der Tag von Sydenham den hiesigen Deutschen gute Früchte getragen hat. Ein schon anno 1861 von Inch, Ravenstein, Heintzmann, Trübner u. A. angeregter Gedanke erhielt dadurch frische Flügel und eilte seiner Verwirklichung entgegen. Die Actien der zur Beobdachung des Turnvereins gegründeten „Gymnasium Company“ fanden bald patriotische Abnehmer, und im Laufe von ein paar kurzen Jahren erhob sich in der City Road ein stattliches Haus, die deutsche Londoner Turnhalle, deren freundlichen Gesellschaftssaal der treue Griffel C. Dammann’s hier dem Leser vor Augen führt. Es hieße der Bescheidenheit vieler Mitgründer dieses Hauses zu nahe treten, wenn man sie alle namentlich anführen wollte. Aber einige Beispiele des schönen Gemeinsinns, in welchem unsere hiesigen Landsleute den Engländern nacheifern, müssen hier doch einen Platz finden. Der Baumeister Grüning, der das Gebäude von der Schwelle bis zum First aufgeführt hat, opferte dem Verein sein ganzes Honorar von dreihundert Pfund Sterling, eine selbst im reichen England ansehnliche Summe. Viele Herren, darunter auch wohlwollende Engländer, verzichteten auf den Ertrag ihrer Actien. Und wer eine Ahnung von der athemlosen Hast des Londoner Lebens hat, wird ein gebührendes Gewicht auf die Opfer an Zeit und Kraft zu legen wissen, die dem Turnverein fortwährend von den talentvollsten unserer hiesigen Landsleute, von Aerzten, Musikern, Lehrern, Schriftstellern und gebildeten Kaufleuten, die zugleich künstlerische Anlagen besitzen, freudig und anspruchslos gebracht werden. Zwei Classen nur haben jede Aufmunterung der Turnerei vermieden; zwei arme Classen, von denen ein richtiger Turner sagen würde, daß sie zwar fromm nach ihrer Art und zuweilen in der Stille recht fröhlich, aber nicht frisch und frei von Herzen sind: die hiesigen deutschen Diplomaten und Pastoren. Es fehlt dem Hause trotzdem nicht an hohem amtlichen Schutz. Vor der Thür pflegt an Festabenden der friedfertige und bescheidene englische Policeman zu stehen, der den Gästen und ihren Damen beim Aussteigen aus dem Wagen behülflich ist, Fremden Auskunft ertheilt und den Eingang vor Taschendieben, Gassenjungen oder betrunkenen Eindringlingen behütet. Die gesetzliche Freiheit Englands ist gar nicht zu verachten.

Steigen wir die Treppe hinauf, um in die sogenannte „Kneipe“ zu treten. Der Raum ist ziemlich voll; der Zeiger an der Uhr sagt, daß es Zehn geschlagen hat und daß die Burschen, die sich brav in der Halle unten getummelt haben, nach ihrem Bier und Abendbrod verlangen. Es scheint kein ganz gewöhnlicher Abend zu sein, denn im Vordergrunde sehen wir ein paar der seltneren, aber stets mit Vorliebe empfangenen Besucher. Das Gesicht mit dem scharfen und schönen Profil an der Tafel links gehört einem Manne, dessen kunstsinnige und schwungvolle Rede die Londoner Deutschen oft begeistert und viel dazu beigetragen hat, in die Unterhaltungen dieser Versammlung einen edlen Ton zu bringen; es ist Gottfried Kinkel. Ein passendes Gegenstück bildet der kräftige, etwas trotzig republikanische Kopf von Carl Blind, der für Schleswig-Holstein so manche gute Lanze gegen den englischen Eigensinn gebrochen hat. Die Fama erzählt von seiner Thätigkeit merkwürdige Dinge; er soll, wenn er sich an den Schreibtisch setzt, zehn Finger an der rechten Hand besitzen und in fünf verschiedenen Sprachen für seine Principien streiten. Ravenstein – man erkennt ihn an den sanften und festen Gesichtszügen – der als Sprecher und Turnwart durch seine aufopfernde Liebe zur Sache zu den Hauptstützen des Vereins gehört, fehlt natürlich selten. Cyriax lehnt am Piano und wird uns vielleicht eine Phantasie vorspielen; es ist jammerschade, sagen die Kenner, daß er nicht ganz seinem entschiedenen Beruf für die Tondichtung folgt. Aber warum lächelt der junge Mann unter der Büste des alten Jahn so schalkhaft? Kann der humoristische Winter, unser Kneipwart, anders als lächeln, wenn er eine so fidele Gesellschaft beisammen sieht? Jagen sich nicht schon in seinem Gehirn die lustigsten Einfälle und Improvisationen? Und würde sich Jemand wundern, wenn ein Geschichtsforscher den Beweis führte, daß unser Winter von Till Eulenspiegel abstammt?[1]

Es sind in diesem Verein fast alle europäischen Nationen vertreten, und außer den Deutschen bilden Engländer die Mehrzahl, Engländer, die im Umgang mit den Teutonen sich immer mehr der alten Stammverwandtschaft bewußt werden, die sich dafür verbürgen, daß der oft brummige, aber im Grunde sehr ehrenwerthe und redliche britische Löwe der Germania nie was zu Leide thun werde, die als Zeichen ihrer ernsten Freundschaft das ch aussprechen lernen und wie einen Talisman das schwarz-roth-goldene Band um den Nacken schlingen. Den geistigen Ton geben die Deutschen an, aber man glaube nicht, daß unter diesem Dache fortwährend politisirt werde. Die Deutschen legen in der Fremde auch viele ihrer Erbfehler ab und lernen von den Engländern einige Duldsamkeit gegen einander üben. So wie der Nord- und der Süddeutsche hier die Entdeckung machen, daß sie trotz kleiner, mundartlicher Verschiedenheiten sich sehr gut verstehen und verständigen können, so verträgt sich auch der Republikaner mit dem Constitutionellen, und die rein nationale Gesinnung, das allein wird zur allgemeinen Parteifarbe. Das Gefühl in der Fremde zu sein – etwas Salzwasser rundum – wirkt Wunder.

Es ist eine gemüthliche Stube, diese deutsche Kneipe auf englischem Boden, sie ist nicht nur ein behaglicher Rastort, sondern zugleich Schauspielhaus, Concertsaal und Parlament. Wenn dort die Becher klingen, wenn man die traulichen Mienen der cameradschaftlichen Turner sieht, wenn die Lieder von den „Burgen hoch und hehr an des Rheines kühlem Strande“ ihm in’s Ohr fallen, dann wird wohl manchem Deutschen schwach zu Muthe. Ein goldener Sonnenstrahl fährt durch die dicke Nebelwand, hinter der er auf dieser Insel sitzt; durch ein himmelblaues Fensterchen blickt er tief und weit hinein in das lustige Altdeutschland und denkt: Die Gemüthlichkeit ist doch kein leerer Wahn und „trotzdem und alledem“ ist das deutsche Leben doch das schönste auf Erden. Er hört auf keine Warnung mehr, sondern geht hinab zur Themse, nimmt ein Schiff und fährt über die grüne Nordsee und die trübe Elbe hinauf bis Magdeburg, vielleicht bis Dresden, fängt laut zu reden an, und wird am Ende wieder aus Deutschland hinausgeworfen.




  1. Der Kneipwart im Jahre 1866, Herr Stöckart, verspricht ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers zu treten; ebenso Herr Kappel, der Nachfolger des zum Präsidenten erhobenen Ravenstein.