Ein russischer Nationaltanz

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Titel: Ein russischer Nationaltanz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 263, 265, 266
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[263]
Die Gartenlaube (1874) b 263.jpg

Der russische Tanz Horowod.
Nach der Natur aufgenommen von Dmitrieff-Orenburgskoy.

[265] Ein russischer Nationaltanz. (Mit Abbildung, S. 263.) In einem russischem Dorfe vergeht kein Sonntag ohne Tanzvergnügungen. Obschon die Auswahl der Tänze nicht groß ist, weil die russischen Bauern und Bäuerinnen bis jetzt noch keine Ahnung von den verschiedenen Tänzen haben, wie Walzer, Polka, Galopp, Française, Cotillon, so finden sie doch großes Vergnügen an ihren eigenen Nationaltänzen und hauptsächlich an einem Tanz, Horowod genannt, welcher von allen russischen Landleuten gekannt und mit Liebe jeden Sonn- und Festtag getanzt wird. Der Name Horowod ist hergeleitet aus zwei Wörtern hor und wodity, das heißt Chor-führen; dieser Tanz oder dieses Spiel, wie es die Bauern nennen, besteht darin, daß die jungen Leute einen Rundkreis bilden, sich an den Händen festhalten, im Kreise drehen und mit lauter Stimme Volkslieder singen, wobei besonders die jungen Mädchen sehr laut und wie aus einem Munde zu singen pflegen. Es giebt hierzu mehrere Volkslieder, die nur zu diesem Zwecke gedichtet sind. Zwei junge Leute gehen dann in den Kreis hinein und machen die Bewegungen, welche zu dem Inhalt des Liedes passen; sie wählen aus dem Kreise zwei junge Mädchen; dieselben tanzen mit ihnen und machen sehr graziöse Bewegungen mit den Schultern, langsam oder schnell, drehen sich dann um die jungen Leute herum, lassen dieselben vorbeiziehen und bedecken ihr Gesicht recht schelmisch mit ihren breiten weißen Hemdärmeln; dann legen sie sich auf die Schultern des jungen Mannes und sehen ihm in’s Gesicht. Dieses Spiel ist sehr reich an verschiedenen Touren, Stellungen und Bewegungen. In unserer heutigen Abbildung ist eine Tour dargestellt, welche darin besteht, daß die jungen Mädchen ihre Taschentücher nehmen, dieselben an zwei Ecken halten und sie graziös auf den Hals ihrer Tänzer werfen, welche gewissermaßen dadurch ihre Gefangenen werden. Diese lassen sich alsdann an dem improvisirten Seile willenlos herumführen und hinziehen, wohin es den Tänzerinnen gefällt. Unsere Aufmerksamkeit wird zunächst gefesselt durch die beiden Tänzer, die steif dastehen wie ein paar Baumstämme, was sehr charakteristisch nach der Natur aufgefaßt ist. Ueberhaupt fehlt den jungen Leuten, den jungen Mädchen gegenüber, jegliche Gewandtheit [266] und Liebenswürdigkeit; dennoch wissen sie den jungen Mädchen zu gefallen, wahrscheinlich dadurch, daß sie meist alle begabt sind mit großem Scharfsinn, natürlicher Heiterkeit und blühender Gesundheit. Das Bild zeigt uns den Tanz Horowod in einem Dorfe einer Fabrikgegend; man erkennt dies sofort an den Anzügen und an den Dächern der Häuser, welche in der Ferne zu sehen sind. Das russische National-Costüm ist im höchsten Grade eigenthümlich, malerisch, reich bis zum Märchenhaften und dem harten Klima ganz angepaßt. Mitunter wird mit dem Costüm großer Luxus getrieben. So kaufte auf der Messe in Nishni-Nowgorod ein schmutziger, ärmlich gekleideter Bauer zur Mitgift für seine Tochter für sechstausend Rubel echte Perlen. Wenn man nun noch in Betracht zieht, daß die Kopfbedeckung aus Sammet, mit Perlen bestickt, und einem seidenen Tuch, welches mit Gold und Silber ausgenäht ist, besteht, daß Mieder und Rock aus seidenem Stoff gemacht, mit Gold- und Silberblumen durchwirkt sind und dreißig bis vierzig silberdurchbrochene Knöpfe von der Größe einer Nuß tragen, so kann man die Kostbarkeit eines solchen Anzuges annähernd ermessen.

Solche Costüme werden freilich nur an Sonn- und Festtagen angezogen und in den meisten Fällen auf Kind und Kindeskind vererbt. Die Hauptrolle spielt bei einem russischen Frauencostüm ein langes Kleid, unten sehr weit und oben sehr eng zugeschnitten; ganz ohne Aermel, wird es nur durch Achselbänder gehalten; dieses Kleid heißt auf Russisch „Sarafan“. Es wird aus selbstgewebtem Zeuge genäht, oder auch aus Kattun oder sogar aus jenem oben erwähnten golddurchwirkten Stoff, je nachdem es der Zweck erfordert und die Mittel dazu da sind; auf diesen „Sarafan“ wird eine Schürze gebunden. Auf unserem Bilde tragen die im Kreise stehenden Mädchen, die das Tuch dem jungen Manne überwerfen, und zwei rechts zuletztstehende Frauenfiguren ein solches Kleid; die übrigen Frauen haben entweder Mieder über ihren Sarafan oder Letzteres zu einem europäischen Kleide zugeschnitten, welches sie dem Einflusse der Fabriken und der Städte verdanken. Die Kopfbedeckung, ausgenommen die der Nationaltracht, besteht aus Kopftüchern. Die jungen Mädchen binden sie so, wie es in dem Kreise zu sehen ist, und die Frauen so, wie die drei vorletzten rechtsstehenden Figuren es zeigen. Von den Männern ist nur Einer – er sitzt auf den umgehauenen Baumstämmen – im altrussischen Costüm. Er trägt einen hohen Hut. Die Füße sind mit Lappen umwickelt und mit Kordeln umbunden, ähnlich wie bei den Italienern; die Schuhe sind aus Bast geflochten. Auch Mützen und hohe Stiefeln kommen vor, wie unser Bild zeigt.

Der Zeichner des Bildes sieht sich veranlaßt, schließlich noch hinzuzufügen, daß russische Zeichnungen und Motive bisher immer nur von Fremden nach Beschreibungen und Erzählungen, nicht aber von einem sachkundigen russischen Künstler angefertigt wurden; daher mangelte ihnen immer der echt russische, charakteristische und nationale Typus, worin doch eigentlich das Interessante besteht. Die von uns dargebrachte Zeichnung ist von einem russischen Genremaler gezeichnet und von ihm durch die obigen Mittheilungen erklärt, derselbe hat viele Studienreisen in Rußland gemacht und ist daher im Besitze von reichen Materialien und Motiven aus dem russischen Nationalleben.