Eine Dichter-Hochzeit

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Textdaten
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Autor: Fr. Helbig
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Titel: Eine Dichter-Hochzeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 372–375
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine Dichter-Hochzeit.

Am Sonntag Invocavit (den 21. Februar) des Jahres 1790 standen auf dem geräumigen Platz vor der Hauptkirche zu St. Michaelis in der Universität-Stadt Jena zerstreute Gruppen, herkömmlichem Brauche nach auf das Heraustreten der andächtigen Kirchgänger aus der Kirche harrend. Die größere Anzahl waren Studenten, die namentlich am Kreuz und Burgkeller in bunten Haufen standen; sämmtlich heute im prallen Sonntagsstaat, in gewaltigen Dreimastern mit hohem, bunten Federbusch, goldgestickten, reichbetroddelten Uniformsfräcken mit goldnen Epauletten und Fangschnüren, auch wohl in kurzen Jacken mit bunten Aufschlägen, Lederhosen und mächtigen Kanonenstiefeln mit klirrenden Pfundsporen, zu dem Allen noch den blanken Hieber oder rasselnden Schleppsäbel an der Seite. Andererseits fehlte aber auch, getrennt davon auf der andern Seite beim sogenannten Krämergäßlein, nicht der ehrsame Bürger im langen Rocke, Kniestrumpf und Schnallenschuhen, sowie dem dicken Zopfe, der unter dem breitkrämpigen Dreimaster hervorquoll. Als die letzten Orgeltöne dann verrauschten, öffneten sich die beiden Thorflügel der majestätischen Kirche und die steinernen Stufen herab bewegte sich die andächtige Menge. Klirrend fielen die Ketten, welche die nach dem Kirchplatz führenden [373] den Straßen absperrten, zu Boden und der Strom der Kirchgänger ergoß sich in die Straßen. Vom Thurm hernieder aber bliesen die Stadtpfeifer die Melodie eines geistlichen Liedes. Da entstand unter den harrenden Studiosen eine lebhafte Bewegung, welche ihre den heimkehrenden Schönen zugewandte Aufmerksamkeit von diesen ablenkte. Einige Theologen hatten die Neuigkeit aus der Kirche gebracht: Professor Schiller sei heute ein für alle Mal aufgeboten worden. Rasch von Mund zu Munde lief das Wort.

Die vernommene Neuigkeit war keine Lüge. In der That hatte nach Beendigung des ersten Kirchenliedes der Archidiaconus von der sogenannten kleinen Kanzel vor dem Altare in die andächtige Versammlung hinab verkündet:

„Aufgeboten werden, und zwar nach eingeholtem Consistorialdispens ein für alle Mal, Herr Johann Friedrich Schiller, Fürstlich Sachsen-Meiningischer Hofrath, Fürstlich Sachsen-Weimarischer

Die Gartenlaube (1865) b 373.jpg

Schiller’s Trau-Kapelle.

Rath und außerordentlicher Lehrer der Weltweisheit allhier, Herrn Johann Friedrich Schiller’s, Hauptmanns in Herzoglich Württembergischen Diensten, eheleiblich einziger Sohn, und Fräulein Louise Charlotte Antoinette von Lengefeld aus Rudolstadt, weiland Herrn Joel Christoph von Lengefeld, Fürstlich Schwarzburg-Rudolstädtischen Jägermeisters und Kammerraths zu Rudolstadt, eheleibliche zweite Tochter,“ worauf denn für beide Verlobte zu ihrem „wichtigen Vorhaben“ der Segen des höchsten Stifters der Ehen erbeten wurde.

Die Ueberraschung, welche dieser Bekanntmachung folgte, war außerordentlich. Sie machte sich durch den ganzen Hörerraum bis hinab ins Schiff der Kirche, namentlich in den Frauenstühlen, durch Flüstern, Rücken an Band und Haube, Hin- und Herbewegen bemerklich. Für Eine nur schien diese Ueberraschung nicht vorhanden zu sein. Begleiten wir sie, die kleine muntere Person, auf ihrem Heimweg aus der Kirche. Ihr Weg führt sie links die Saalgasse hinab.

Alle Vorübergehende begrüßen sie freundlich, um von ihr einen noch freundlichern Gegengruß zu erhalten. Ein selbstbesriedigendes Lächeln zieht über ihr gutmüthiges Gesicht. Sie feiert heute einen ihrer größten Triumphe. Sie kann ja allen denen, die ihr das eigne Erstaunen über die große Neuigkeit mittheilen wollen, entgegnen, daß die Angelegenheit für sie keine neue, kein Geheimniß, daß sie Mitwisserin und, wie sie sich einredet, auch Mithelferin gewesen sei. Gönnen wir bei ihrer anerkennenswerthen Neigung, Menschen zu beglücken, der guten Frau diese kleine Uebertreibung. Indeß ist sie in die Schloßgasse eingebogen und ist rechts in ihrem in einer versteckten Seitengasse gelegenen Hause eingetreten, dessen Frontseite nach dem Stadtgraben zu ging. Jedes Kind konnte sagen, daß in dem Hause der Geheime Kirchenrath und Prälat Griesbach wohnte.

Jena aber war vollständig in Unruhe. In den nachmittägigen Kaffee- und abendlichen Theeclubs wurde die Neuigkeit des Vormittags hin und her zerrissen. Hier galt es vorzüglich der zu erwartenden jungen Frau. Große Unruhe erregte namentlich die Lösung der Frage, welche Stellung man dem „adeligen“ Fräulein gegenüber einnehmen wolle, und daneben, wie diese sich wohl selbst zu den einzelnen edlen Zunftverbänden stellen würde. In letzterer Hinsicht gewährten indeß die Mittheilungen der Frau Geheimen Kirchenräthin einerseits, gleich wie diejenigen der gestrengen Frau Bürgermeisterin, welche, beide mit der Familie der Braut näher bekannt, die neu Ankommende als von sanftem liebenswürdigem Charakter schilderten, einige Beruhigung. Das philosophisch große und erhabene Jena besaß die engherzigste Kleinstädterei!

Ganz anders aber klang der Ton, den man anschlug in den Commershäusern der Studenten. Hier galt es dem Manne, dem geliebten Lehrer, dem gefeierten Dichter, dem der Enthusiasmus deutscher Jünglingsherzen eine Liebesthat erweisen wollte. Aber alle Vor- und Anschläge wurden vereitelt. Alle Boten, die man aussandte, kamen stets mit der Nachricht zurück, daß die sechs Fenster in der ersten Etage des Eckhauses am Markt, darin Schiller wohnte, still und dunkel seien. Man gab zuletzt der Vermuthung Raum, daß die Brautleute mit Absicht alle geräuschvollen Ovationen vermeiden wollten, und fand dies völlig im Einklang [374] mit Schiller’s Charakter. Allmählich beruhigte sich das aufgeregte Jena.

Um die Stunde der Mitternacht aber fuhr eine bepackte Postchaise vom Erfurter Thore her durch’s Johannisthor in die Stadt. Ueber den Markt, um den großen Brunnen herumbiegend, hielt sie an dem hochgiebeligen Eckhaus, das damals einem Herrn von Jagemann gehörte, aber von zwei unverheiratheten Frauenzimmern bewirthschaftet wurde.

Aus dem innern niedrigen Wagenfond schwang sich rasch ein schlanker, hagerer Mann in langem grauem Rocke. Mit seiner Hülfe entstiegen dann dem dunkeln Schoos des breternen Kastens zwei in Pelz gehüllte Frauengestalten, beide augenfällig noch jung und ohne wesentlichen Unterschied des Alters. Während dieselben noch mit dem gelbfrackigen Postillon den Inhalt des Wagens leerten, hatte der hagere Mann schon den Hausknecht des schrägüber liegenden Gasthofs zum „Weimarischen Hof“ geweckt. Auch die runde niedrige Hausthür des hohen Eckhauses hatte sich geöffnet und eine dralle „bewegliche“ Magd war flink und behend die steinernen Treppen heruntergesprungen, um nach mehreren Knixen den beiden Frauen behülflich zu sein. Fast der ganze Inhalt des Wagens wanderte um Kopf und Schulter der Magd in das Eckhaus, die lebenden Insassen des Wagens aber wandten sich nach dem Wirthshaus zum „Weimarischen Hof“. In dem Hausflur verabschiedete sich der schlanke Mann wieder von ihnen. Mit stürmischer Leidenschaft preßte er die eine der Damen an’s Herz, diese aber wehrte ihm nicht, sondern schmiegte und drängte sich hinein in seine Gluth. Mit kaum verminderter Leidenschaft näherte er sich der andern, die sich indeß mit einem raschen Scherz seiner Umarmung zu entziehen weiß. Dann fliegt er über die Straße nach dem genannten Eckhaus. Während er die steinerne Wendeltreppe hinaufjagen will, vertritt ihm in Nachtjacke und Schlafhaube seine jungfräuliche Hauswirthin Numero Zwei den Weg. Mit einer trägflackernden Lampe in knochendürrer Hand, in gelösten Haarscheiteln beglückwünscht sie wie eine Macbeth’sche Schicksalsschwester den Heimkehrenden als „glücklichen Bräutigam“, und mit gesegneter Zunge beginnt sie den Vortrag eines Extracts aus dem Buch Sirach und der Weisheit Salomon’s. Mitten in ihrer Rede aber hat ihr rasch dankend der Heimkehrende die noch freie Hand gedrückt und ist an ihr vorüber glücklich in die Höhe gekommen.

Vorsorglich hat die muntere Magd sein Zimmer gewärmt. Hier und in den beiden Zimmern, die er aufgeregt durcheilt, weht ihn der seither ungewohnte Geist frauenhafter Ordnung an. Ja, es ist ein neuer glückverheißender Geist, der in diesen Räumen seinen Einzug gehalten hat. Gedankenvoll wirft er sich in seinen Sessel vor dem Schreibtisch. Vier Bilderabdrücke hängen ihm gegenüber. Er braucht nicht erst Licht anzuzünden, er trägt die vier Gestalten lebhaft in seiner Phantasie. Vier Menschen bedeuten sie, die ihm, als er noch irrend auf den Wogen des Lebens umbertrieb, voll hoher Uneigennützigkeit, aus reiner Seelenverwandtschaft, sich genaht, darunter der eine sein treuester redlichster Freund geworden, dem er jede Regung seines Geistes mittheilt, dessen Urtheil er zu jeder Handlung seines Lebens erst abforderte. Und er war bei der bedeutungsvollsten Handlung seines Lebens, deren Abschluß nur noch durch eine einzige Nacht begrenzt wurde, theilnahmlos, ja, er war zum Zweifler an ihrer Wohlthat geworden. War diese Handlung doch etwa bedenklich? Beunruhigt über diese Frage seines eignen Innern sprang er auf, lehnte sich an das Fenster und schaute hinab auf den schweigenden Marktplatz. Nur das eintönige Plätschern des laufenden Brunnens und der aus den fernen Straßen verhallende schnurrende Wächterruf durchbrachen die Stille.

Dem gedankenvoll Lehnenden ziehen die Bilder seines Lebens und seiner Liebe am inneren Gesicht vorbei. Zuerst die wilden Phantasien des weiland Regimentsmedicus in der Hauptstadt am Neckar, die, vergebens nach einem Gegenstand tastend, sich zuletzt an die blonde Hauptmannswittwe ketteten. Dann aber kam das holde wirkliche Bild von dem gastfreundlichen Landsitz einer großmüthigen Frau: Charlotte, die Rose von Bauernbach, die ihm, dem unstäten Wanderer, zu pflücken nicht vergönnt war. Im vollen Scheine glänzte dann das Sternbild Margaretha am Himmel von Mannheim. Ach! der Himmel war so reich an Hoffnungen und hochbegeisterten Jugendträumen, aber er wölbte sich über ein noch völlig ungewisses Schicksal und zerstob drum in Rauch und Nebel, als sich seine Arme nach ihm streckten. Bezaubernd, voll Sinnestaumel tauchte es sodann vor ihm auf aus dem bunten Gewühle eines Maskenballs, in unvergleichlicher Leibesschöne – die Helena von Dresden. „Genarrt und betrogen!“ gellte es ihm zu. Unmuthig wandte er das Haupt und das schöne Bild versank zu einer nebelhaften Fratze. An seiner Statt stieg auf eine volle hohe Gestalt, mit großen, tiefblauen Märchenaugen, Funken schlagender Geistesblitze fielen um sie her, betäubend, sinnbethörend. Es ist die zweite Charlotte. Dämonischfurchtbar war der von ihr ausgehende Zauber. Er hatte ihn, den leidenschaftlichen Jüngling, einst beinahe um seinen Gott gebracht. Ganz nahe stand sie, die Zauberin, noch seiner Erinnerung. Wetterleuchtend zuckte das zerstiebende Gewitter noch um ihn, in heißer Schwüle – fliehend eilt er vom Fenster weg in das Nebenzimmer nach der Gasse heraus. Da sieht er drüben im „Weimarischen Hofe“ eine hohe Gestalt im weißen Nachtgewande mit sanften liebewarmen Zügen. Sie beugt sich über die Lampe, sie zu löschen – und Ruh und Frieden lehrten in sein erregtes Herz. Es war ja die echte, die rechte Charlotte. Rings in den neueingerichteten Zimmern heimelte ihn die von ihrer Hand geschaffene Ordnung an. Vor ihr entflohen die regellosen Träume und Schäume seines vergangenen Lebens.

Die alte wunderlich geformte Schlaguhr am Rathhause hob viermal aus und schlug dann eine langtönende Eins, als er sich zur Ruhe legte, er der Professor der Weltweisheit – Johann Friedrich Schiller.

Am andern Morgen war der Herr Professor schon früh auf den Beinen, während drüben im „Weimarischen Hofe“ die Gardinen noch herniederhingen. Es galt noch manchen Formen Rechnung zu tragen, wie sie erwartungsvolle Brautleute oft genug verwünschen. Um so mehr drückten sie Schiller, der geradezu etwas Angst vor dem ganzen Acte verspürte. Wie viel Schreiberei hatte es nicht schon verursacht, ehe das Consistorium das nur einmalige Aufgebot genehmigt hatte! Schiller wollte, um allen Eclat zu meiden, sich nicht in Jena, sondern auswärts trauen lassen. Auch dazu hatte der Superintendent in Jena M. Oemler Erlaubniß zu ertheilen. Mit dem dort erlangten Dispens in der Tasche eilte Schiller hierauf in die Wohnung seines Freundes und Collegen, des Magisters der Philosophie und Adjunet der philosophischen Facultät Karl Christian Erbard Schmid. Dieser damals neunundzwanzigjährige Philosoph war in die Tiefen der Kantischen Philosophie hinabgestiegen und auf diesem Wege Schiller begegnet. Da er ursprünglich Theologie studirt hatte, war er seinem Vater, dem Pfarrer Gottlieb Ludwig Schmid, in dem nahegelegenen Wenigenjena vor drei Jahren als Adjunct beigegeben, ohne daß dies einer Wirksamkeit als Docent Eintrag that. Er schien auch den Priesterrock wenig zu tragen, denn als er sich erbot, den Freund und Collegen in der Kirche seines Vaters zu trauen, war dies die erste Trauung, welche er verrichtete.[1] Zuvörderst frug er Schiller, nach welchem Formulare er getraut sein wolle. Es seien deren zwei. Ein altes strengeres, aus der alten Agende Dr. Martin Luther’s, und ein neueres. „Nehmen wir,“ meinte Schiller, nach einem Einblick in beide, „das alte, mit dem Kraut und den Disteln auf dem Felde. Meine Schwiegermutter wird bei der Trauung sein und der ist offenbar das alte das liebste.“

Endlich gegen zehn Uhr Morgens fuhr die alte gelbe Postkalesche mit ihren drei Insassen von gestern wieder am Marktbrunnen vorüber nach der Löbdergasse. Es war schon recht lebhaft im Städtchen. Schaaren von Musensöhnen bewegten sich auf dem geräumigen Marktplatz auf und nieder. Manch kecker Blick und freies Wort richteten sich nach dem Wagen, und die Drei drinnen hatten Mühe ihr Incognito zu wahren. Doch gelang es ihnen ungehindert durch das Löbderthor auf die Straße nach Rudolstadt zu kommen, der von dort erwarteten Schwiegermutter entgegen.

Gerade über von der Stadt am andern Saalufer liegen, wie zur Ausfüllung des runden Thalkessels, zwei Dörfer, beide mit der Stadt durch eine große steinerne Brücke verbunden, beide wieder so nah aneinandergerückt, daß sie scheinbar eins sind, gemeinsam auch in Kirche, Flur und Schule. In dem vorn an der Brücke anstehenden Gasthaus „zur grünen Tanne“, das zum ersten Dorfe, [375] Camsdorf, gehört, hat Goethe während seines jenaischen Aufenthaltes meist gewohnt. Die alten Weiden und hohen Erlen, welche an dem Saalufer sich hinziehen, und ein auf der damals dort vorüberführenden Straße nach Wenigenjena und Kunitz nach letzterem Orte heimreitender Bauersmann, der auf seinem Klepper ein krankes Kind eingehüllt im Arme trug, das er in der Klinik hatte behandeln lassen, sollen ihm die Idee zum Erlkönig gegeben haben. Der gedachte Weg führt an einem Damme vorüber in wenigen Minuten nach Wenigenjena. Von dem Orte ließe sich sonst wenig sagen, wenn nicht vielleicht die in dem schönen Garten des Freiguts herkömmlich genossene „sauere Milch“ für manchen weilenden Musensohn zu einer Erinnerung geworden ist, die dann wohl eine lebhafte ist, wenn sie sich zugleich mit auf die frischen blonden Töchter des Hauses erstreckt. Nur an das kleine Kirchlein im Orte knüpft sich noch eine Erinnerung, die so unsterblich sein wird, als ihr Veranlasser. In dieser Kirche wurde Schiller getraut.

Durch eine schmale Mauerpforte treten wir zunächst auf den Friedhof. Alte verwitterte Säulen und Kreuze erzählen uns von der Vergangenheit des Ortes und wecken in uns die Andacht der Wehmuth. Mitten drinnen im Friedhofe steht die Kirche. Staunend und bewundernd sehen wir, namentlich am Hauptportale, die edlen Gebilde gothischen Baustils. Nischen und Fenster im Spitzbogen, hochanstrebende Säulen, aber mitten in der Entwickelung gehemmt und gebrochen – ein versunkenes Bild alter Herrlichkeit. Ueber dem Zauber altgothischer Romantik liegt ein nüchternes, aller Schönheit leeres Bretergerüst und verwitterte Ziegeldächer. Es ist eine große Versündigung geschehen an diesem Kirchlein, was einst in seiner Blüthenzeit gewidmet und geweiht war Unsern lieben Frauen. Thurm, Kuppel und Fries hat man ihm genommen, um die erhabene Schwester, die stolze Stadtkircke zu St. Michaelis in Jena, damit zu schmücken.

Nach diesen, Kirchlein zu Unsern lieben Frauen kam nun Montag, den 22. Februar, des Jahres 1790[2] gegen Abend, halb in der Dämmerung an den alten grauen Weiden vorbei, die uns schon bekannte gelbe Postchaise, die Zahl ihrer Insassen hatte sich um eine vermehrt. Es war eine ältere Matrone von durchaus vornehmer Haltung. Chère mère wurde sie von den Uebrigen genannt. An der Schwelle des Kirchhofs empfing sie der würdige Pfarrer des Orts und geleitete sie in die Kirche. Alle Vier traten ein, und die Kirchthür schloß der Pfarrer zur Abwehr größerer Neugier hinter ihnen zu. Da standen sie, Schiller und Lotte, hinter ihnen Mutter und Schwester, in der lautlos stillen Kirche vor dem Altare, mit dem Bilde des abendmahlsspendenden Christus. Der junge Philosoph im Predigergewande tritt aus der Sacristei. Er beginnt den Act der Trauung mit der alten düsteren Formel über die Einsetzung des Ehestands, welche also lautete nach 1. Buch Mos. Cap. 3, B. 16-18):

„Zum fünften wollen wir auch hören das Kreuz, das Gott auf den ehelichen Stand gelegt hat. Also sprach Gott zum Weibe: Du sollt mit Schmerzen Kinder gebären und dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein und er soll dein Herr sein. Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorchet der Stimme deines Weibes – verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollt du dich darauf nähren dein lebelang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut auf dem Felde essen.“

Der Jünger Kant’s, neben die Bibel seines Meisters Kritik der praktischen Vernunft legend, führte dann aus, wie die Eheschließung der kategorische Imperativ der Pflicht für die Leidenschaft und Liebe des Mannes sei. Dann erscholl vernehmlich durch die heilige Stille das gemeinsame „Ja“ der beiden auf der Stufe vor dem Altar knieenden Verlobten.

Volle Dämmerung war hernieder gesunken, als sie wieder heraustraten aus dem Kirchlein, Schiller und Lotte, jetzt Mann und Frau. Die Mutter hatte wacker geweint, die Schwester war voll tiefen Sinnens. Nicht in Worten, nur in heißen Umarmungen sprachen alle Vier. Auf der Heimfahrt rauschten die Erlen, „schienen die alten Weiden so grau“ und der Mond, der alte Liebeszeuge, warf einen glitzernden Lichtstreif über den ewig rauschenden Strom.

Als sie in das Eckhaus am Markte eintraten, hatten die geschäftigen Hausjungfern Thür und Thor bekränzt und den Sonntagsstaat angelegt. Einige, im Ganzen nur wenige, Hochzeitsgeschenke waren angekommen. Besonders erfreute Alle das von dem allgeliebten Coadjutor Karl von Dalberg in Erfurt selbst gemalte Bild, darstellend einen Hymen, der die Namen der Verlobten in eine Baumrinde schneidet – mit den allegorischen Figuren des Dramas und der Geschichte – ganz im Zeitgeschmack.

Schiller wurde lebhaft und fast ausgelassen. Er scherzte über den „kurzweiligen Auftritt“ der Trauung, der ihn vorher so geängstigt hatte, und zog auch die ernste Schwägerin und die sentimental gewordene Schwiegermutter mit in den Kreis des Scherzes. Mit kindlicher Freude begrüßte er die neue Einrichtung. Hatte er doch früher nichts zu eigen besessen, als seinen Schreibtisch, der ihm, wie er schlagend meinte, zwei Karolins gekostet hatte. Mit gaukelnden Phantasiebildern malte er seine Zukunft aus. „Ich arbeite in meinem Zimmer, Du, Karoline,“ wandte er sich zu der Schwägerin, welche vorerst in Jena verbleiben sollte, „spielst am Clavier, Lottchen arbeitet dort am Fenster. In dem Spiegel hier, mir gegenüber, sehe ich Euch Beide im Bilde. Ich lege von Zeit zu Zeit die Feder weg und setze mich abwechselnd zu Euch, mit Dir, Karoline, zu philosophiren, und bei Dir am schlagenden Herzen zu ruhen, meine Lotte.“

Der um die Zukunft besorgten chère mère rechnete er vor, wieviel er, wenn die hochherzigen Anerbietungen Dalberg’s nicht in Erfüllung gehen würden, jährlich durch Schriftstellerei verdienen werde.

Das stille Glück der Vier wurde durch nichts unterbrochen. Nur die redseligen Hausjungfern eilten geschäftig hin und her. Jena hatte mit seiner Theilnahme an der Hochzeit völlig resignirt.

Als dann die Nacht eingebrochen und Alles ruhig und still war im Hause, selbst die geschwätzigen Hausjungfern schliefen – war doch, aller Welt verborgen, Eine noch wach. In ihrem Schlafgemach saß gebeugten Hauptes – Karoline von Beulwitz. Das allzutiefe Leid in ihrer Brust hielt sie noch wach. Das gramvolle Bewußtsein ihres verfehlten Lebensglücks trat in dieser Stunde in voller Stärke vor ihre Seele. Fünf Jahre lang hatte sie an der Seite eines ihr nicht gleichgearteten, von ihr nicht geliebten Mannes gelebt. Sie hatte in dem begeisternden Rausche der Freundschaft des erhabenen Freundes Schiller das eigne Leid in der letzten Zeit nicht gefühlt. Dieser aber, der einzige, der sie vollständig erkannte und mit ihr gleich hoch empfand und dachte, er war jetzt zum Theil durch ihre eigene großherzige That der Gewinn ihrer glücklichen Schwester. Ihr ahnendes Herz sagte ihr, daß er von heute an ihr nicht mehr gehöre – wohin sollte sie sich nun wenden in dieser entsetzlichen Vereinsamung? Ein finstres Bild der Zukunft lag vor ihrem Geiste. Es drängte ihr eingepreßtes Herz nach Mittheilung. Sie zündete ein Licht an und schrieb die ersten Zeilen ihres Romans „Agnes von Sicilien“. – Je mehr sie schrieb, desto ruhiger wurde ihr Herz. Als sie sich erhob, rannen heiße Thränen über ihr seines Gesicht – stumme Zeugen der heiligsten Resignation eines edlen Frauenherzens. –

So war Schiller’s Hochzeitsfeier ein Abbild seines eigenen Lebens, seiner selbst. Er, der vor dem Weltgeräusch und des Lebens Drang gern in „des Herzens heilig stille Räume“ floh – er mußte auch naturgemäß den abergläubischen, phantastischen Spuk und die laute Lust einer deutschen Hochzeitsfeier fliehn.

Das Kirchlein zu Wenigenjena aber ist durch ihn wieder, was es ehedem war, zu einem Wallfahrtsorte „Unserer lieben Frauen“ geworden. Manche empfindsame Liebende hat es dahin gezogen, um auf denselben Altarstufen, wo Schiller und Lotte gekniet, die priesterliche Weihe ihres Bundes zu empfangen. Wo Schiller’s Odem geweht, wohin sein Fuß getreten, die Liebe seines Volkes hat die Stelle geweiht für alle Zeiten.
Fr. Helbig.
  1. Nicht der Pastor Schmid in Wenigenjena, wie überall zu lesen, sondern dessen eben genannter Sohn, Erhard Schmid, der in Jena Kantische Philosophie docirte und später ein Theolog von Ruf war, 1791 Professor in Gießen und 1795 wieder in Jena war, woselbst er 1812 als Kirchenrath starb, hat Schiller getraut.
  2. In alten Biographien Schiller’s, selbst in der seiner Schwägerin, mit alleiniger Ausnahme der von Palleske, steht der 20. Februar als Trauungstag. Die Kirchenbücher von Jena und Wenigenjena geben aber übereinstimmend den 21. als den Tag des Aufgebots und den 22. als Trauungstag an. Dazu kommt, daß Schiller in dem Briefe nach der Hochzeit an Körner selbst den 22. als Tag der Trauung angiebt.