Eine Elephantenjagd auf der Insel Sumatra

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Elephantenjagd auf der Insel Sumatra
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 212-214
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Elephantenjagd auf der Insel Sumatra.
(Tagebucherinnerungen.)

Die ältesten, und wenn man daher will, die rechtmäßigsten Beherrscher Sumatra’s sind die Elephanten, und neben ihnen die Tiger und Büffel. Sie auszurotten, ist den Menschen trotz der seit Jahrtausenden geführten Kämpfe nicht gelungen und wird auch nicht gelingen, denn Sumatra, das an Flächenraum Ungarn und Siebenbürgen zusammengenommen übertrifft, bildet nur wenige Meilen von den Küsten weg durch das ganze Innere einen großen zusammenhängenden Wald, der tiefer und tiefer hinein zuletzt zum undurchdringlichen Urwalde wird. Die Küsten und hügeligen Ebenen, wo unter Palmen, Teak- und Machinellbäumen Alles in tropischer Ueppigkeit prangt, wo die zauberhaft gewobenen Blumen, darunter die Rafflesia. deren Blüthenkrone drei Fuß im Durchmesser mißt, durch Farbe und Duft alle Sinne berauschen, – diese Küsten und Ebenen gehören den Menschen; den oben bezeichneten ältesten Herrschern Sumatra’s aber der Wald im Innern.

Man spricht und erzählt in Sumatra so viel von den Elephanten, daß ich gleich die erste mir gebotene Gelegenheit ergriff, um einer Elephantenjagd beizuwohnen. Wir waren ein halbes Dutzend Europäer, die sich einigen eingebornen Häuptlingen vom Stamme der Lampuhns anschlossen, während eine ziemlich beträchtliche Anzahl von Leuten derselben, mit Waffen und Munition beladen, uns begleiteten. An einer tüchtigen Meute ungeduldiger Jagdhunde fehlte es ebenso wenig.

Als Sammelplatz wurde ein Punkt jenseits eines großen, uns von dem Walde trennenden Sees bestimmt, wo, wie unsere braunen Freunde versicherten, die Elephanten gern zu verweilen pflegten. Wir brachen also am frühen Morgen auf und ruderten frisch über den See weg. Das Wetter war prachtvoll, der See glühte wie ein Lichtmeer und von den Ufern her trugen die Lüfte berauschende Wohlgerüche zu uns.

Am jenseitigen Ufer angelangt, zogen wir unsere Barken an den Strand, und begaben uns dem Orte zu, wo die Elephanten sich aufhalten sollten. Wir drangen kühn vorwärts, bis bald darauf die ersten Spuren der riesigen Thiere eine wahrhaft elektrische Wirkung hervorbrachten. Mehr als einer der Jäger erbebte, obwohl Alle hinter Verhauen und Bäumen sicher Posto fassen und sich zum Kampfe vorbereiten konnten. Flinten und Büchsen wurden noch einmal untersucht, die Jagdmesser bereit gehalten und durch das dunkle Grün des Laubes blitzten die glänzenden Wurfspieße der Lampuhns. Die Aufregung war allgemein, und theilte sich ebenso sehr unsern Hunden als uns selbst mit.

Kaum hatten wir einige Indianer weiter vorausgeschickt, als sich plötzlich ein furchtbares Geheul, ein Heulen und Brüllen durcheinander, vom Dickicht des Waldes her vernehmen ließ, daß es uns eiskalt überlief. Es unterlag keinem Zweifel, daß eine Heerde Elephanten sich uns näherte.

Ein panischer Schrecken verbreitete sich im ersten Augenblick. Der Gedanke, den man sich nicht ohne Grund von der außerordentlichen Stärke dieser Thiere macht, welche nur zu wollen brauchen, um jedes Hinderniß auf ihrem Wege über den Haufen zu stürzen, ermuthigt den Menschen wenig, festen Fußes die Gefahr zu erwarten. So ging es auch hier, der Schreck war so groß, daß fast Jeder auf seine Rettung sann. Vergeblich sprachen die an Dergleichen gewöhntern Häuptlinge Muth ein, die Verwirrung steigerte sich nur und die Mehrzahl der Indianer flüchtete den Ufern [213] des Sees zu; andere kletterten auf Bäume und schrieen und jammerten dazu, als ob ihre letzte Stunde gekommen wäre.

Das Schauspiel dieser unsinnigen und an’s Lächerliche streifenden Furcht gab mir und meinen europäischen Freunden unsern im Anfang selbst erschütterten Muth wieder, so daß wir auf unsern Posten kaltblütig zurückkehrten. Was die indianischen Häuptlinge und eine kleine Zahl ihrer Leute anbelangte, die mit der Elephantenjagd vertraut waren, so erwarteten sie den Feind mit unerschütterlicher Ruhe.

Plötzlich brachen etwa dreißig Elephanten, in engen Reihen majestätisch anzuschauen, aus dem Walde hervor. Der Anblick war wahrhaft Schrecken erregend; sie kamen mit hocherhobenem Rüssel drohend daher, ihre langen Ohren schlugen gewaltig an ihre Schläfe, unter ihren Tritten zitterte die Erde und ihr Athemzug hätte einen Mann zu Boden werfen können.

Der Augenblick war kritisch, und es galt, keine Minute zu verlieren, wenn wir nicht selbst verloren sein wollten. Als sie daher bis auf vier oder fünf Schritte dem Gehölz, das uns ihren Blicken entzog, nahe gekommen waren, empfingen wir sie mit einem tüchtigen Büchsenfeuer, wozu wir zinnerne und kupferne Kugeln verwendeten, denn bleierne würden sich auf der harten Haut der Elephanten nur breit gedrückt haben, und hätten diese Thiere um so mehr aufgebracht, ohne uns die Aussicht zu lassen, auch nur eins davon zu tödten. „Auf die Ohren gezielt! Auf die Ohren!“ klang es von allen Seiten, und schnell ladeten wir wieder, um unsere Schüsse, die anfangs mehr Lärm gemacht als Schaden angerichtet hatten, auf diesen empfindlichen Körpertheil der Elephanten zu richten.

Die von Schrecken ergriffenen Ungeheuer wichen indeß nach dem Walde zurück, allein die einmal losgelassenen bellenden Hunde standen nicht mehr ab und zwangen sie fast sofort zur Umkehr. Die Zahl der Elephanten belief sich jetzt etwa auf sechzig, da ein großer Theil der Thiere beim ersten Angriff nicht gleich mit aus dem Walde hervorgekommen war.

Wir hatten mittlerweile Zeit gehabt, unsere Flinten und Büchsen von Neuem zu laden, und gefaßter als vorher, wie Soldaten, die das erste Feuer ausgehalten haben, empfingen wir den Feind noch nachdrücklicher als das vorhergehende Mal. Die Elephanten stoben hierauf, ebenso sehr von Schreck als von Wuth erfaßt, auseinander, wobei sie auf ihrem Wege Alles niederbrachen und in ein die Luft erschütterndes Gebrüll ausbrachen. Die Mehrzahl von ihnen maß zwölf bis dreizehn Fuß Höhe, und bei so gewaltiger Körperbeschaffenheit wunderten wir uns nicht wenig über ihre Abneigung, den Kampf mit uns aufzunehmen.

Ein Indianer belehrte uns, daß wir es mit lauter weiblichen Elephanten zu thun hätten; kaum aber hatte er ausgesprochen, als ein riesiges Thier, größer noch als die andern, voller Wuth auf uns losging und die Niederlage seiner Gefährten rächen zu wollen schien.

„Ein Männchen! Ein Männchen!“ riefen unsere indianischen Anführer, und schneller als diese Worte gesprochen, knallte es auch zugleich aus zwanzig Gewehren, und tödtlich getroffen stürzte das kolossale Thier, nachdem es noch einige Schritte schwankend gethan, zu Boden, so daß alle Bäume ringsum wankten.

Mehrere der Elephanten lagen bereits leblos da; einige, schwer verwundet, taumelten umher und hielten sich nur aufrecht, indem sie sich an andere anlehnten, die noch nicht von unsern Schüssen getroffen worden und ihre Kameraden brüderlich unterstützten. Die Bestürzung unter diesen großen Thieren war grenzenlos, und rührend sah es sich an, wie sie einander beizustehen suchten. Zu einer wahrhaft ergreifenden Scene gab ein junger Elephant Anlaß, der, mehrfach getroffen, sich nur mit Hülfe seiner Mutter auf den Beinen erhielt; endlich sank er unter dem fortgesetzten Feuer unserer Jäger zusammen, die arme Mutter aber wich nicht von der Stelle, stieß ein Angst und Wuth athmendes Geschrei aus und wollte den Körper ihres Kindes schützen, bis sie ihre mütterliche Zärtlichkeit mit dem Verlust des eigenen Lebens büßen mußte.

Der Kampf, wenn man es so nennen kann, da die Elephanten eigentlich keinen Widerstand geleistet hatten, war beendigt, kein Feind stand uns gegenüber, nur Leichen bedeckten den Grund; auf die überstandene Angst folgte nun der Jubel, und die Indianer begannen die Elephanten ihrer mächtigen Kinnbackenzähne zu berauben, welche bekanntlich unter dem Namen Elfenbein einen sehr geschätzten Handelsartikel bilden.

Bevor wir uns von unsern indianischen Jagdgenossen, bei denen wir keine Unehre eingelegt hatten, trennten, wurden wir von ihnen, die uns ihre Achtung bezeugen wollten, für den folgenden Tag zu einem Büffel- und Tigerkampf eingeladen, welche Einladung, zumal von meiner Seite, mit großer Freude angenommen wurde.

Wir fanden uns demgemäß am nächsten Tage auf dem angegebenen Platze ein, wo der zum Kampf bestimmte Raum durch einen festen Verschlag von Bambusrohr abgegrenzt war. In einer anstoßenden Umzäunung befand sich ein prachtvoller schwarzer Büffel, der seine mächtigen Hörner, die ihm an den Enden zugespitzt worden waren, voller Stolz hoch emportrug. Ein anderes getheiltes Behälter schloß zwei Tiger ein, deren prächtig glänzendes Zebrafell ihren königlichen Ursprung verrieth.

Auf ein Zeichen des ältesten Häuptlings wurde der kleinere der beiden Tiger losgelassen, während zugleich der Büffel in die Schranken trat. Im Nu stürzte der Tiger auf den Büffel los, allein dieser gab seine Seiten nicht bloß, sondern wendete sich mit einer Leichtigkeit, die bei seinem plumpen Aussehen Wunder nehmen mußte. Sein ungestümer Gegner fiel gerade auf die gespitzten Hörner los, bei deren Berührung er ein furchtbares Geheul ausstieß; der Schmerz steigerte jedoch nur seine Wuth, und seine Tatzen und Zähne knirschend in den Kopf des Büffels einschlagend, blieb er einen Augenblick so hängen, bis ihn der Büffel unter verzweifelter Anstrengung nach den Stämmen des Verhaues hinzog und ihn so mächtig dawider stieß, daß alle Rippen im Leibe krachten.

Beide Thiere trugen die entsetzlichen Spuren dieses erbitterten Kampfes. Oberhalb der Schnauze des Büffels bemerkte man eine breite Wunde, aus welcher das Blut in Strömen floß; seine Nüstern klafften weit offen und seine stieren Augen bekundeten die vollständigste Erschöpfung. Gleichwohl brauchte er nur kurze Zeit, um sich zu erholen, und bald schritt das muthige Thier wieder stolz mit funkelnden Augen einher, als fordere es seinen Gegner, der halb todt in einem Winkel lag und mit weit geöffnetem Rachen nach Luft schnappte, zu neuem Kampfe auf.

Doch siehe da, schon hat sich plötzlich ein neuer Kämpfer gefunden; der zweite Tiger, noch größer und kräftiger als der vorige, springt hervor und stürzt mit Blitzesschnelle auf den Büffel. Die einen Augenblick lang geschwächte Aufmerksamkeit der Zuschauer wird bei diesem Anblick auf den höchsten Grad gespannt: welcher der beiden Gegner wohl siegen wird?! Ob dieser, der noch bei vollen Kräften ist, ob jener, der schon einen mörderischen Kampf bestanden?!

Die Antwort erfolgte bald. Der Büffel, seiner Kampfweise getreu, empfing den frischen Angreifer ebenfalls mit der Spitze seiner Hörner; der Widerstand des Tigers war vergeblich, ein gleiches Schicksal wie seinen Kameraden traf ihn, zornschnaubend stieß ihn der Büffel zu wiederholten Malen gegen den Verhau, und unter den wüthenden Tritten des Siegers schien das besiegte Thier das Leben aushauchen zu müssen. Der Triumph des Büffels war vollständig; die beiden Tiger lagen halb leblos am Boden, der Sieger aber warf einen stolzen Blick auf sie, in welchem jedoch nichts Drohendes mehr lag, denn mit der Bewältigung seiner furchtbaren Gegner hatte sich auch seine Wuth gelegt.

Der Kampf ist zu Ende oder sollte eigentlich zu Ende sein, allein die grausame Lust der Indianer ist noch nicht befriedigt, und hat Mittel gefunden, den Kampf auf’s Neue zu entzünden. Der Büffel wird durch Stiche mit spitzigen Eisenstäben gereizt, seine frischen Wunden werden mit spanischem Pfeffer bestreut, das gereizte Thier geräth in entsetzliche Wuth, … und das ist’s, was die Zuschauer wollen.

Es genügt indeß nicht, den Zorn des Büffels zu erregen, man muß auch seine, auf dem Boden ächzenden Opfer wieder beleben, muß ihnen mit dem Leben zugleich die frühere Kampflust wieder einhauchen. … Man wirft Stroh auf sie und zündet dieses an; sofort richten sich die Tiger unter markerschütterndem Gebrüll empor. Mit weit ausgeholtem Sprunge fällt der eine den Büffel an, wieder beginnt der Kampf, mehr oder weniger sich stets ähnlich, und ein Tiger ersetzt immer den andern, je nachdem die Kräfte des einen abnehmen.

[214] Diesen blutige Schauspiel fand beim Klange einer Art Cymbeln statt, und dauerte so lange, bis der älteste Häuptling das Zeichen zum Schlusse gab. Die besiegten, und über ihre Niederlage wie beschämten Tieger, wurden in ihre Behälter zurückgebracht, um, wenn sie leben blieben, zu neuen Kämpfen verwendet zu werden.

Ich meines Theils hatte für immer an einem Schauspiele genug, das für europäische Nerven doch etwas zu stark ist, und nahm während meines Aufenthaltes auf Sumatra keine ähnliche Einladung mehr an.